Part 10
Er hielt ihre Finger fest; erst als sie nicht vom Boden aufsahen, ging er ein paar Schritt rückwärts, hob seinen Degen auf, setzte sich, ihn über den Knien, an den Tisch; liebevoll und leise sagte er: »Nun ist wohl Zeit, meine lieben getreuen Herren, daß ich mich für einige Weile aus dem Spiel zurückziehe. Mein Land hin, mein Kurhut hin, meine Kinder Bettler, meine Untertanen Papisten.«
Mansfeld zischte den langen Braunschweiger an: »Gibst du's auf, Christian? Gehst du zu Max?«
»Spotte er meiner nicht.«
Mansfeld nach einigem Zögern klirrte dicht an den Stuhl des Pfalzgrafen, rauh sagte er: »Kann mich nicht entschließen, dem gottverdammten Habsburg Dienste zu tun, Herr Pfalzgraf, verzeiht mir. Muß mich entschließen, Euch den Dienst aufzukündigen.«
Der Pfalzgraf lächelte todernst: »Nur eine Weile. Habt Geduld mit mir. Der Dachstuhl brennt bei mir, gedenk es bald zu schaffen.«
»Bis sich der Herr erholt hat, sei er meiner, des Mansfeld, sicher.«
»Habt Geduld, Mansfeld.«
Christian kniete tobend, die Fäuste sich vor der Nase schüttelnd: »Gehört Euch jegliches Knöchelein meines Leibes, Herr Pfalzgraf. Ist noch nicht aller Tage Abend. Bin selber krank, bis ich nicht in Papistenblut gebadet hab.«
Sie schütteten sich am Tisch Wein in den Hals. »Herr Pfalzgraf, Mut!«
»Geht jeder von uns seiner Wege, ihr Herren«, stöhnte Friedrich, die feine diamantengeschmückte Hand vor den Augen.
Aber während der hitzige Bastard auf die Platte donnerte, schluckte der geschlagene Pfalzgraf hinter seinen verschränkten Händen Tränen mit Wein gemischt. »All verloren, all verloren«, schrie er in seiner Trunkenheit.
Ließ seinen Musterplatz dem Mansfeld. Nach Sedan brach er scheu auf, wo der Herzog von Bouillon wohnte, sein Oheim und Erzieher, der strenge Calvinist. Hielt mit der üppigen Elisabeth kleinen dürftigen Hof, jagte, schlug Ball.
* * * * *
Zu Lamormain, seinem Beichtvater, sagte der Kaiser: »Ich werde gedrängt, abzudanken.«
Erschreckt schloß der Pater den roten Teppichvorhang, der den offenen, nach dem Garten führenden Erker gegen die Schlafkammer abgrenzte, in der sich zwei Kammerdiener bewegten. Still sprach der Kaiser, mit den Knien an die Knie des Jesuiten stoßend, der dicht an ihn gerückt war: »Sie müssen aber noch Geduld haben, die mich drängen. Ich habe Pflichten gegen mein Haus. Mein Sohn hat Anspruch auf meine Unterstützung. Ich muß ihn in den Sattel setzen.«
Lamormain, in die Handteller blickend, schüttelte den geschorenen eckigen Kopf: »Majestät führen eine Regierung, die Gott und die Heiligen sichtbar segnen. Bis in die letzten Tage hinein. Wir müssen gehorsam gegen Gott sein; er hat seinen Willen ausgesprochen, es darf nicht beim Dank verbleiben. Sein Segen bindet.«
»Ich muß den Ferdinand erst in den Sattel setzen, dann mögen die Herren recht haben. Ich vermag dann nicht länger hierzusitzen; Pater, glaubt es mir. Sagt ihnen, sie möchten sich solange gedulden.«
Zwischen seine Hände hatte der Pater die rechte heiße Hand des zusammengesunkenen blicklosen Mannes vor sich schlüpfen lassen; bedeckt und umschlossen von den starken Fleischmassen, zwischen den Knochengittern lag sie da; der Luxemburger flüsterte: »Römische Majestät sind von einer argen Schwermut befallen. Ich werde niemandem etwas berichten. Aber mit meinem Beichtkinde um die Gnade unseres Heilands und seiner Mutter beten. Wie gebt Ihr Euch Euren Gedanken hin.«
»Bis Ferdinand gesichert ist, mögen sie sich gedulden. Ich verspreche auch stille zu halten bis dahin. Man möge mich nicht zum Äußersten treiben. Ich habe es nicht verdient um sie. Ich will Euch sagen, Pater, was es ist. Ich habe den Stolz dieser Männer hier an meinem Hofe und anderswo bis zum Höchsten getrieben, so daß ich nichts mehr bin. Man macht sich Menschen nicht zu Gehilfen und nicht ergeben, wenn man sie beschenkt, wie ich es getan habe; man reizt sie gegen sich auf. Manche von ihnen, ich weiß es, haben öfter lose wackelige Köpfe gehabt, so waren ihre Taten, nicht nur ihre Gesinnungen; ich habe manches gesehen; vieles wurde mir hintertragen. Ich habe geschwiegen, ich habe sie gebraucht. So habe ich sie geehrt, wie mich niemals etwas geehrt hat. Ich habe mir jeden echten Dank, jeden Lobspruch und Blicklein erringen müssen, ich habe danach kriechen müssen. Aber das ist Menschenart. Man hat mir abgewunden, was ich nie hergeben konnte, ja laßt meine Hand, Pater, man hat es getan. Ich brauch meine Hand, um es vor Euch zu beschwören. Man hat mich hier sitzen lassen in diesem Erkerchen, wo ich keinem schaden kann, und gibt mir zu essen und zu trinken; man nimmt mir gar nichts weg, um keinen Argwohn zu erregen, bei den Leuten draußen, den Ständen, den Edlen, den Bürgern und was weiter weg ist. Man hat mich aus Bequemlichkeit bei Reich und Regierung gelassen und möcht' es so weiter treiben. Man wird erbost sein, wenn ich gehe. Ich jammere nicht, mein Mißgeschick ist es; mir wurde nicht mehr verliehen. Aber diese Mauer, die jetzt über meine Schultern fällt, die ich -- meine Schande spreche ich aus -- selbst habe aufrichten helfen mit meinen Händen, das tut zuviel an mir. Sagt, Ehrwürden, den Herren, den Siegern über Mansfeld und über mich, sie möchten etwas an sich halten.«
»Ich sage nichts, ich sage es nicht, Majestät.«
»Ehrwürden, Pater, an wen soll ich mich wenden. Ich kann sie nicht selber bitten. Ihr seid mir vom Heiligen Vater gegeben zu meinem Beistand. Ihr seid meine Hilfe. Tut mir ein Liebes an.«
* * * * *
Durch den Wind und die graue Nässe schwankte die schwere massige Gestalt des Mannes unter dem viereckigen Hut. Der Regen peitschte die Pflastersteine vor der orgeldurchtosten Augustinerkapelle glatt, in den Gäßchen tat sich ein Morast auf, Rinnsale fluteten aus den Ställen und Schweinekoben. Der alte Jesuitenpater hob und senkte sich im Nebel, hinkend mit dem rechten Bein, er tauchte ungebeugt aus den überschüttenden Wassermassen auf, drang wie ein Keil durch das erbitterte Geprassel vorwärts. Es war schon Abend, die Plätze und Straßen leer; aus den Tanzhäusern scholl die erste Lautenmusik, sie zitterte durch die dicke Luft aus unbestimmter Richtung, suchte wie das Zünglein eines blinden Kätzchens herum. Das Efeugeranke wurde von den überstehenden Balkons abgerissen, hing aufflatternd, gesunken wie ein verwilderter Bart über die Straßen, in den sich vorbeisausende Sänften verfingen, vor dem Pferde sich aufstellten.
Das steilgieblige Haus des Grafen Strahlendorf. Die Vorhalle abgeplattet, wie niedergedrückt von dem Wetter. Fackeln, in Eisenringe gestoßen, brannten im Flur. Vor der Wendeltreppe hielten zwei Pikeniere der Stadtgarde den ungestüm eindringenden triefenden Schwarzhut zurück; er mußte finster warten, bis hinter zwei Kerzenträgern der dürre hohe Strahlendorf hustend und augenzwinkernd die Stufen herunterkam und, von dem herrischen Priester, angerufen, die Soldaten scheltend zur Seite treten hieß. In einer winzigen Treppenkammer riß sich der Pater Mantel und Hut ab, klatschte sie an den Boden; in dem dicken Schafspelz des Grafen und einer polnischen Kappe stieg er hinter einem hochschäftigen Pikenier den letzten Treppenabsatz hoch. Sie tauchten auf in einem violetten ganz leeren Vorsaal, der von der Fackel des Soldaten mit ungeheuren Schatten und trübem Licht belebt wurde. Grauweich war der Teppich, der den ganzen länglichen Saal auslegte -- der Söldner stand hinter dem Pater auf der Schwelle -- und vor den Füßen des kaiserlichen Beichtvaters legte sich furchtbar der Schatten schwarz hin an den Boden, kletterte an der getünchten rankenbemalten Gegenwand hoch, wackelte umbrechend von der Decke herunter mit geschwollenem Kopf. Die Decke kam niedrig herab mit ihren schweren Balken; die Fensterwand war völlig mit gerafften Leinentüchern verhängt. Ab und zu, wenn das Licht still stand, blinkten goldene Ovale von der Wand, mit sanften Szenen ausgemalt, Rehe, die aus einem Mondgehölz äugten, weidende Pferde. Kein Laut in dem windgerüttelten Haus; bisweilen eine schwache entfernte Stimme, Gemurre, das sich steigerte, als ob im andern Stockwerk Stühle geschoben würden, viele durcheinander sprächen.
Plötzlich trat hinter zwei Kerzenträgern Strahlendorf aus einer im Dunkel liegenden Tür. Der Soldat dröhnte die Treppe herunter. Verlegen und langsam, unter Verbeugungen äußerte der Graf, es seien einige Herren zu einer Besprechung bei ihm; es hielte schwer, sie zu verabschieden; ob die Angelegenheit des ehrwürdigen Gastes sich vielleicht in Kürze erledigen lasse. Lamormain fragte ruhig und den Herrn fixierend nach den Namen der Herren; er fügte hinzu, ehe der Herr, der sich den Bart strich, zu einer Antwort gelangt war, es ließe sich vielleicht ermöglichen, daß beide Besprechungen zusammengelegt würden, dies wäre wenigstens ihm das Genehmste, und er dürfe wohl annehmen, daß im Hause des frommen Grafen Strahlendorf nichts verhandelt würde, was nicht ein Kind der Gesellschaft Jesu anhören könnte. Er lächelte verbindlich. Strahlendorf schwieg, verbeugte sich, schwieg. Dann sagte er entschlossen, nach der Hand seines Gastes greifend, es sei in der Tat das Bequemste; es sei in der Tat ein glückliches Zusammentreffen; der Pater möchte bei der Unterhaltung nur nicht vergessen, was er etwa ihm Besonderes zu offenbaren hätte.
Das Zimmer, aus dem das Geräusch klang, lag nur zwei Säle entfernt in demselben Stock. In dem engen gewölbeartigen Eckraum, unter den weißen Lichtern von vier Paaren hoher Wandkerzen fuhren die Herren auseinander, die sich mit weitauslangenden Gesten gegenübergestanden hatten, und wichen gegen die Wand. An sich herunterzeigend bat der Jesuit um Verzeihung; er sei auch in dem sonderbaren Kleid der Freund der Herren, Lamormain. Auf einem Tisch am Winkel standen Krüge und Weinbecher; Wein war über den roten steinernen Boden ausgegossen; die Gesichter der Herren erhitzt; zwei Offiziere in Elenkoller hielten sich ihre Degen vor die Brust. Questenberg klobig pausbäckig, rittlings auf einem Schemel, trank ruhig weiter nach dem Eintritt des riesigen Mannes im Schafspelz, hielt über die Lehne vor sich gestreckt seinen Becher. Strahlendorf lächelte, die Herren möchten sich in ihrer Unterhaltung nicht stören lassen, sie wüßten, wer der Pater Lamormain wäre. Vergeblich ersuchte der Pater, indem er sich still in den Winkel setzte, fern von den andern, sie möchten seine Gegenwart nicht beachten. Er fühlte selbst die kriegerische Stimmung, in die er geraten war.
Man schwieg hartnäckig. Der hagere Vizekanzler füllte einen gläsernen Jungfernschuh mit rotem Traminer. Schon stand einer der beiden Obersten auf, rüttelte an seinem Schemel, stieß einen halblauten Fluch aus. Da rekelte sich der feiste Questenberg, lüftete seinen spanischen Kragen, füllte sich die Backen mit Wein und fragte schluckend, mit einem stieren Blick auf den ruhig beobachtenden Pater, wer den ehrwürdigen Gelehrten geschickt hätte. Der Oberst einfallend machte sporenrasselnd Front gegen den Gast: »Der Herr kommt gerade recht und wird uns wenig verdrießen, von ihm belauscht zu werden. Was wir anbringen, mag gut in seine Ohren gehen.«
»Was könnte wohl den Herrn Julian zu der Annahme verleiten, daß mich jemand geschickt hätte? Und wer sollte das wohl sein?«
Questenberg polterte: »Geht weg, Oberst. Ehrwürden, es trifft uns überraschend. Trink er, Oberst, und laß ers gut sein.«
Der spitzbärtige Offizier, als wenn er in lustiger Kompagnie wäre, intonierte lachend herausfordernd das Spottlied auf den Pfälzer Friedrich: »Das Heidelberger Faß gar groß, vor Zeit voll Wein, jetzt bodenlos.«
Lamormain nickte herüber: »Vortreffliches Lied, vortrefflich gesungen.«
Der Soldat, dunkelrot im Gesicht, mit schwarzen Blicken, die Stirn runzelnd: »Denkt der Ehrwürdige Herr mich zu foppen?«
»Bewahre Gott.«
»Er will mich foppen und wird es bereuen.«
Questenberg stampfte mit den Füßen, brünstig sich schüttelnd: »Weiter, weiter die Herren!«
Behaglich seufzte der Priester: »Sag auch: weiter, weiter. Aber hilft doch nicht; muß mir alleine weiter singen: >Er sitzt darauf, sehr schwach und krank, vom böhmischen Bürgertrank; sein Magen nicht mehr dauen kann.<«
In den hallenden Lärm schrie der kleinere schmalgesichtige Offizier, der atemlos gewartet hatte: »Nun soll uns der Pater Lamormain verraten, ob er auch wagen würde, an einem andern Orte so zu singen und zu stolzieren.«
»An welchem denn? Im Konvent? Im Profeßhaus? Auf der Kanzel? Im Beichtstuhl? Liebwerter Herr Oberst, nein.«
»Geglaubt. An einem andern Ort. Von dem er herkommt. Vor einem andern Gesicht.«
Lamormain türmte sich ernst hoch: »Vor welchem mag der Herr wohl meinen?«
»Ganz recht! Denkt weiter! Eben vor dem.«
»Vor --.«
»Eben vor dem. Nun!«
»Ihr meint vor dem Gesicht unseres Allergnädigsten Herrn.«
»Nun, Herr Pater, wann habt Ihr ihm zuletzt das Lied von dem Winterkönig gesungen, wie sein Magen nicht mehr dauen kann und Länder von sich gibt. Wir allesamt kennen das Gesicht des Kaisers, das er damals geschnitten hat.«
Sie schwiegen im Augenblick. Dies war ein Signal. Finster blickte der massive Priester auf die Fliesen: »Ihr redet eine schlimme Sprache, Oberst.«
»Sprecht einmal,« grunzte und knurrte in die Stille, die Arme wie zwei Balken über den Schemel wiegend, der verbissene unbeirrbare Questenberg, »wohin hat es geführt, daß wir über die aufständischen Böhmen gesiegt haben. Und wohin hat es geführt, daß Mansfeld geschlagen ist, der Durlacher dazu. Jetzt hat der Pfalzgraf den Schwanz eingekniffen und ist davon, unter die Fittiche seiner Verwandten, er wagt nicht, den Schnabel zum Nest herauszustecken. Und in Wien, in der Hofburg -- gibt's Trauer! Das reimt Euch zusammen! Wir wagen nicht zu sprechen von Sieg.« Den Schnauzbärtigen sah lange still der Pater an: »Ihr wußtet früher etwas anderes. Es war mir eine leise, gewiß freudige Überraschung, Euch bei unserem werten Freund Strahlendorf zu finden. Im Geheimen Rat soll einer geklagt haben über den Krieg; er schätzte den habsburgischen Gewinn aus dem Feldzug sehr gering ein. Viel höher, Eurer Liebden, soll er den Gewinn eines gewissen verwandten erlauchten Hauses bemessen haben.«
»Darum sitz ich hier. Wir haben erkannt, daß sich Bayern zuviel vom Siege einsackt. Das ist auch Habsburgs Krieg. Man drängt uns an die Wand. Ihr wißt, Pater, was das kaiserliche Haus bezahlen muß. Darum greif ich lustig nach dem Sieg als meinen Sieg. Wie viele Gefangene hat der alte Tilly gemacht, wie viel Kartaunen Singerinnen Feldstücke und Totenorgeln haben sie eingeheimst in dem einen Sommer! Standarten Fahnen! Und wir wagen nicht, den Mund aufzumachen --, als wenn es unsere Kanonen sind, die uns abgenommen wären, als ob wir mit eignen Leibern geblutet hätten. Lamormain, sing Er vom Heidelberger Faß vor der römischen Majestät! Und erzähl' uns, welche Aufnahme er gefunden hat.«
Der hagere Vizekanzler war neben dem Priester stehengeblieben; er zog ihn neben sich auf einen Schemel. »Lamormain. Wohin soll dies führen? Die Dinge laufen noch gut im Geleise. Wir sind in Sorge. Seht, das ist alles. Ferdinand hat etwas im Sinn, dessen wir nicht gewiß sind. Wie hat die himmlische Mutter die katholische und kaiserliche Sache gesegnet. Wir sind besorgt.«
»Graf Strahlendorf vermeint doch nicht, mein Beichtkind möchte unserm Glauben Abbruch tun?«
»Tut es der Kaiser nicht mit Plan, tut ers ohne. Aber Ihr seht hier diese rechtschaffnen und kundigen Männer in Unruhe. Und möchtet Ihr sagen: ohne Grund?«
Der Pater sann beiseite gegen seinen rechten Arm im struppigen Schafspelz: »Der Kaiser hat dem letzten Unternehmen nicht den geringsten Widerstand entgegengesetzt. Ihr vermöchtet ihm nicht die leiseste Erschwerung der Angelegenheiten nachzuweisen.« Der jüngere Oberst krähte: »Wir wollen nicht das Reich gut regiert sehen wider den Willen des erwählten Kaisers. Der Bayer hat den Krieg gegen die Böhmen glücklich geführt, jetzt hat er den Hauptanteil an der Zerschmetterung der Freibeuter. Da seht!«
»Wohl, ihr Herren,« trommelte Questenberg mit den Hacken, »es bleibt bestehen, daß der Kaiser grollt, sich nicht in die Dinge fügt, und daß er den Engländer Dighby beschenkt hat, der den Frieden zwischen Habsburg und dem Pfälzer vermitteln sollte. Das gefährdet das Reich.«
Lamormain: »Soll dies hier ein Gericht sein über des Römischen Kaisers Majestät?«
Strahlendorf, der Vizekanzler, schlug die Hände zusammen. Was seien das für bittere Worte. Die beiden Obersten lachten zuckten mit den Achseln, drehten den Rücken. Questenberg hielt fest: sie hätten hier Lamormain wie ein Zeichen des Himmels, er solle seinen Einfluß auf den Kaiser geltend machen. Um? Um auf ihn zu wirken. Und in welchem Sinne? Nicht ihn zu knebeln, sondern ihn zu führen, wie es die Dinge fordern.
Lamormain war ein Bauer, in dem Ardennendorf Dochan bei dem zerstörten La Moire Mannie aufgewachsen, sein rechter Fuß hinkte, weil er sich mit der Sense beim Mähen in die Knochen geschlagen hatte; als kleiner jesuitischer Lehrer wäre er verkommen, wenn nicht sein Oheim Koch beim Kaiser Rudolf gewesen wäre, ihm einen freien Stiftsplatz in Prag verschafft hätte. Bestimmt legte er hin: »Ich bin der Herren getreuer Diener. Es darf nichts gegen den Kaiser geschehen, nichts gegen ihn geplant werden, nichts an meine Ohren gelangen. Statt ihn zu fesseln, ist meine Aufgabe, ihn in Schutz zu nehmen und ihn als sein Gewissensrat in unverzügliche Kenntnis von jedwedem Anschlag zu setzen.«
Die Herren, nach einem klanglosen Auflachen des kleinen Obersten, baten um Dispens für Minuten, während derer sie das Gemach verließen.
Dann: Was sich Lamormain verspräche, wenn der jüngere Bruder des Kaisers, der Erzherzog Leopold, an der Regierung teilnehme.
Die Herren seien von einer ungeheuren Offenheit.
Es heißt den Dingen ins Auge sehen. Es ist notwendig, die andern Mitglieder des Hauses Habsburg von der drohenden Gefahr zu orientieren. Man muß sich sichern vor den Ausbrüchen einer unberechenbaren persönlichen Politik, die jetzt nur schweigt.
Es heißt klar sehen. Mansfeld und Durlach sind das A, England heißt das B, Dänemark das C und das ganze furchtbare steinerne Abc solle zerbeißen ein schlechtgezimmertes Deutschland, Kurfürsten, die sich entzweien, Rechtgläubige Protestierende Kalvinisten. »Wir wollen noch einmal sagen, der Katholizismus steht auf dem Spiel, wenn wir nicht eingreifen und vorbeugen. An dem Schicksal des Reichs nimmt ja der geistliche Herr kein Interesse.«
Plötzlich lachte der stehende Priester in kleinen herausfordernden Stößen: »Woher aber, edle und gestrenge Herren, seid Ihr meiner so gewiß, daß Ihr also deutlich vor mir sprecht?«
Questenberg in seinen hohen Reiterstiefeln machte eine Verbeugung vor ihm, während er die Arme öffnete, die Hände öffnete und eine stumme lächelnde Demutserklärung ablegte. Der hagere Oberst klopfte sich heiß gegen die lederbeengte Brust; mit verzerrtem gehässigem Ausdruck bog er den vibrierenden Kopf zurück: »Ist uns der geistliche Herr recht gekommen. Hätten uns, wie wir hier saßen, auch unserem kaiserlichen allergnädigsten Herrn nicht versagt. Brauchen nicht den Esel beim Schwanz aufzuzäumen, packen, mit jeglichem Verlaub, den Stier bei den Hörnern.«
Milde zog der Priester seinen Pelz zusammen: »Zu gütig, daß mich mein Herr für ein so verwegenes Tier hält. Aber wenn nun der Stier stößt.«
Questenberg, unter den drohenden Ausrufen und spöttischem Achselzucken: »Nur zu! Wird uns ein Vergnügen sein. Werdet zwei Stunden zu spät kommen.«
»Mich schwitzt«, sagte Lamormain, blickte zur Tür, »in so dichter edler Bundesgenossenschaft bin ich lange nicht gewesen. Es ist nicht mehr so windig, edler Graf Strahlendorf. Ich denke, Euch den Pelz zurückzugeben und nach einem neuen Mantel zu schicken, mit Eurer Gunst.«
Er beobachtete lippenbeißend die erhitzten Gesichter: »Seht Ihr edlen Herren, jetzt seid Ihr aufmerksam. Jetzt fragt Ihr, auf welche Seite stellt sich der lange Lamormain und wird er uns verraten. Ich werde Euch nicht verraten.«
Damit drängte er gegen die Tür. Der kleine Oberst rührte ihn am Arm: »Ist das alles, Herr?«
Verächtlich Lamormain über die Schulter: »Ist das nicht genug? Ist Euch der Kopf auf der Schulter nicht genug?«
* * * * *
Als Lamormain am nächsten Mittag aus der Burg vom Besuch eines schwerkranken kaiserlichen Leibarztes, des witzigen Menschenkenners und Menschenfeindes Gabriel Ferrara, kam, trugen ihm in der Teschnergasse und dann am Hafnersteig verängstigte Novizen seines Ordens, unversehens aus Häusern sich nähernd, zu, daß der Platz vor dem Kolleghaus, der Universität, von einem ganzen Fähnlein grober Berittener besetzt sei, die sich ganz ruhig verhielten. Sie hätten den Eindruck, als ob auch hier und da in den Straßen verstreut sich Bewaffnete befänden; trügen große Sorge seinetwegen, um so mehr, als vor einer halben Stunde, bald nachdem er zu dem frommen Gabriel Ferrara gegangen sei, eine Anzahl Karossen und Sänften vor dem Profeßhaus hinter der Universität erschienen wären; die edlen Insassen hätten nach ihm, dem ehrwürdigen Pater und Beichtvater der Römischen Majestät, gefragt, hätten im Empfangssaal und den Vorkammern Platz genommen. Sie hätten zuerst die Abwesenheit des Paters nicht glauben wollen, hätten die Gänge und einige Gemächer durchsucht, freilich auch um Entschuldigung gebeten, weil es sich um dringliche Angelegenheiten handle. Die Zöglinge waren außerordentlich erregt, in Furcht auch um sich. Beklommen folgten sie dem ruhigen Mann auf den hufklappernden waffenstarrenden Platz, wo die Reiter auf Anruf ihres degenschwingenden Kornetts eine Gasse machten, die sich hinter dem Jesuiten schloß.
Lamormain stand lange vor der löwengeschmückten Freitreppe des Profeßhauses, bei den Sänften und Karossen der Herren, deren bunte Trabanten und Kutscher sich vor ihm entblößten, verneigten. Er hielt beide Arme fest über die schwarzverhängte Brust verschlungen, öffnete sie nicht, kopfgesenkt, als er die Stufen sehr langsam emporstieg, grimmige Blicke nach der Seite gegen die jungen Schüler schickend, die ihm folgen wollten, verscheucht sich um die steinernen, maulöffnenden Löwen hin und her bewegten. Der untere breite, blankgescheuerte Gang war leer; an jedem Pfeiler der unabsehbaren Fensterwand hing ein hohes Gemälde vom Wirken und Tod eines Märtyrers. Als der Priester sich gebunden vor der stummen, schmerzlodernden Reihe entlangschob, wurde er von einem knielähmenden Schwindel in eine Nische gedrückt, gerade vor einen Altar und Glasschrein, der Knöchelchen der heiligen Rosina enthielt. Mit den Zähnen rieb der Ohnmächtige an der gerieften Silberfassung des Schränkchens; wie er schluckte, das knirschende Metall biß, fand er sich, halbseitlich über dem Schrein liegend, die Arme schräg herabbaumelnd, in Gefahr, mit dem Gesicht die obere Glasplatte durchzudrücken. Hinten im Gang stand etwas Großes in einem Türrahmen, eine wilde dreifarbige Soldatenfeder schaukelte dem nach vorn über die Augen. Den Glasschrein umarmte der Priester mit vieler Zärtlichkeit, küßte die Platte, sprach ein lautloses Gebet. Als er den Rest des Weges zu der besetzten Tür ging, bewegte er sich in der trauten wonnigen Gesellschaft der Seligen, die von den Wänden her ihn überdrangen.