Waldmüller: Bilder und Erlebnisse
Part 1
####################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1916 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gespperrt: ~Tilden~ größere Schrift: _Unterstriche_
####################################################################
Waldmüller
Bilder und Erlebnisse
Mit einer Einleitung von
Georg Jacob Wolf
Mit 24 Bildern
Delphin-Verlag München
Umschlag-Zeichnung von Emil Preetorius
Ferdinand Georg Waldmüller
Wo ist das alte Wien? Das Wien Schuberts und seiner Freunde, das Wien Raimunds und Stifters, das Wien Schwinds und Waldmüllers? Das alte, große, goldene Wien, das expreß vom Himmel gefallen schien, um eine Hochburg zu sein der Gemütlichkeit und Empfindungsinnigkeit, der Lebensfreude und jener schönen Treue zum Alten in Brauch und Sitte, die ein Beweis hoher völkischer Kultur ist?
Ach, es ist mit all seinen Holdseligkeiten unwiederbringlich dahin! Wie Kuriositäten stehen seine Überbleibsel, darunter die Fiaker am Graben, inmitten der Weltstadt, die ohne Physiognomie ist, deren „Wienertum“ sich aufgelöst hat in ein Chaos von Erscheinungen, die keine innere Beziehung zu einander haben, die keine Einheit werden konnten und wohl auch nie eine Einheit werden können. Das Völkergewirr Groß-Österreichs spiegelt sich im Bilde Wiens, und der Tag wird kommen, wo der letzte „ganz echte“, rassereine alte Wiener von dem schönen Höhenweg am Kahlenberg, zwischen Grinzing und Heiligenstadt, wehmütig hinübersinnt zu der Stadt, die nicht mehr die seinige ist...
Freunde Alt-Wiens flüchten von solchen unerfreulichen Aussichten hinweg in die Kulturmagazine vergangener Zeit. Sie eilen ins Kunsthistorische Hofmuseum, in die „Moderne Galerie“, ins Museum der Städtischen Sammlungen, und sie stehen dort mit besonderer Andacht still vor den Gemälden des teueren lebensfrohen Meisters unserer Großväter: ~Ferdinand Georg Waldmüller~.
Dieser Waldmüller besitzt die Altwiener „Nuance“ in ihrer unzweideutigsten Erscheinung. Ist er doch selber ein echtes Wiener Kind, herausgewachsen aus jener bürgerlichen Mittelschicht der Bevölkerung, die die Lebenshaltung und den Charakter der Stadt zu ihrer Zeit bestimmte. Und ist er doch gerade zur rechten Zeit zur Welt gekommen, um die Umwandlung der Stadt aus der Kaiserresidenz in die gemütliche und dabei so elegante Bürgerstadt des Herrn und der Madame Biedermeier mitzuerleben.
Waldmüllers Vaterhaus stand in Wien am Tiefen Graben, es war das Gasthaus „Zur Weintraube“, dessen Bewirtschaftung Waldmüllers Vater betrieb. Der Geburtstag Ferdinand Georg Waldmüllers ist der 13. Januar 1793, ein bedeutungsvolles Datum, denn es verrät, daß Waldmüller die welterschütternden Umwälzungen der napoleonischen Zeit, die insonderheit Wien, das Volk und das Kaiserhaus Österreichs in Mitleidenschaft zogen, im aufnahmefähigsten Jünglingsalter miterleben mußte.
Waldmüllers Weg zur Kunst war kein ebener. Er mußte viele Hindernisse überwinden, bis er sich ganz und sorglos seiner holden Göttin weihen konnte. Er hat uns darüber und über die verlorenen Jahre seiner ersten Ehe in einem kurzen Lebensabriß, den er einer seiner Flugschriften mitgab, selbst berichtet; da diese Autobiographie im Folgenden zum Abdruck gelangt, braucht hier von seinem Werdegang nichts erzählt zu werden. Zudem steht die Geschichte seines Lebens in seinen Bildern geschrieben. In denen erleben wir den Aufstieg mit, und so bedarf es nur einiger Daten, die den wichtigsten Stationen von Waldmüllers Laufbahn gelten.
Im Jahre 1822 öffneten sich ihm die Pforten der Akademie-Ausstellung. Fünf Bilder von ihm standen aus und gefielen. 1826 reiste er zum erstenmal nach dem Süden. In Rom fesselten ihn die alten Italiener der Galerien: gewaltsam mußte er sich von ihnen losreißen -- noch neunzehnmal kehrte er im Laufe seines Lebens zu ihnen zurück. Jedesmal waren sie ihm von neuem ein Jungbrunnen, ein Bad künstlerischer Erneuerung und Wiedergeburt. 1830 wurde er als Professor an die Wiener Akademie berufen, im gleichen Jahr besuchte er zum erstenmal Paris. In der Folge wurde er kaiserlicher akademischer Rat, Kustos der Lambergschen Galerie, und in dem Maße wie es diese Ehren auf ihn niederhagelte, gewannen seine Beziehungen an Bedeutung, hob sich seine gesellschaftliche Stellung. Er aber blieb der echte alte Wiener. Ein Wiener auch in der amoureusen Untermalung seines Charakters. Von den Frauen kam er nicht los. Davon spricht sein Werk. Ach Gott, welch zarte Holdchen hat er gemalt! Frühlingsgesichterl -- noch ganz naiv, und doch lacht schon aus dem Augenwinkel, aus einem Fältchen des kokett geschürzten, süßen Mäulchens das Weib! Und wieder andere, voll Glut und Rasse, sinnbetörend, liebeheischend und liebeverheißend! Die rassigste von allen, Anna Bayer, Tochter eines Buchdruckers, ist seine zweite Gattin geworden. Als dies geschah, war Waldmüller kein junger Mann mehr. Es trug sich nach dem Sturmjahre 1848 zu. Er zählte 56 Jahre. Aber Selbstbildnisse bezeugen es, daß dieser Mann, vor dem das Leben nur noch als Spätsommernachmittag lag, noch ein lebenslustiger Kavalier gewesen sein muß, der selbst einer Anna Bayer gar wohl gefallen konnte... Waldmüllers Ruhm stieg. Zumal im Ausland; in London z. B. hatte er aufsehenerregende Erfolge. Er zeigte dort einmal einunddreißig Gemälde; alle einunddreißig wurden verkauft; keines kehrte in die Heimat zurück. Glücklicherweise, möchte man sagen, denn in Wien zahlte man für einen „Waldmüller“ Spottpreise. Das mochte seinen Grund nicht zuletzt darin haben, daß Waldmüller immer Geld brauchte und seine Bilder sozusagen um jeden Preis verkaufte. Denn auch darin ein echter Wiener, hatte er den Stich ins Großartige. Und ins Leichtsinnige und Verschwenderische. Einmal veranstaltete er eine Auktion, bei der etwa hundert Werke ausgeboten wurden. Einige davon erzielten Preise bis zu dreihundert Gulden. Aber für andere gab es tatsächlich nicht mehr als zehn Gulden. Und das fanden die lieben guten Wiener ganz in der Ordnung. Darin erblickten sie beileibe nichts, das ihren Meister kränken konnte. Das war nun einmal so. Man gab zehn Gulden für eine Studie und hing sie voll Stolz und Vergnügen an die Wand und rühmte sich des Besitzes. Ich glaube übrigens, auch Waldmüller selbst nahm das nicht tragisch. Er produzierte ja leicht, mehr als dreihundert durchgearbeitete Werke seiner Hand sind bekannt, und enorm ist die Zahl seiner Studien, Skizzen, Zeichnungen. Ärgerte er sich aber einmal recht aus Herzensgrund über seine Landsleute und sein Wien, so schrieb er eine gallige Epistel, oder reiste ein bißchen nach Sizilien. Und zurückgekehrt malte er ein desto schöneres Bild. Das ist es, was -- trotz äußerer Hemmungen -- Waldmüllers dauernden Aufstieg darstellt. Er ist einer der ganz Seltenen, deren Kunst im Alter nicht zurückgeht, sondern immer reifer, feiner, differenzierter wird. Im Jahre 1857 wurde Waldmüller mit halbem Gehalt (vierhundert Gulden!) pensioniert, weil er sich mit seinen Flugschriften wider die Auswüchse des akademischen Kunstunterrichts mißliebig gemacht hatte. In Briefen und Eingaben kämpfte er gegen diese Unbill, lange vergeblich und aussichtslos, so daß er sich zuletzt sogar darauf beschränkte, nur mehr um die ihm vorenthaltenen vierhundert Gulden zu ringen! Man schrieb schon 1864, als man Waldmüller endlich Gehör gab und ihn wieder in seine Rechte einsetzte: es war höchste Zeit, denn er hatte nicht mehr lange zu leben. Am 23. August 1665 starb er ganz unerwartet. Er stand an der Staffelei, auf der ein Gemälde mit dem bedeutungsvollen Titel „Wiedererstehung zu neuem Leben“ seiner Vollendung entgegenharrte. Da streckte ihn ein Schlaganfall nieder: wie eine blitzgetroffene Eiche brach er zusammen...
Was Waldmüller malte? Alles. Er gleicht darin Wilhelm Leibl, der einmal seiner Mutter schrieb, man müsse es in sich haben und ein bestimmtes Verhältnis zur Natur (womit er die Umwelt überhaupt meinte), dann sei es gleich, was man male: Landschaften, Figuren oder Stilleben, es müsse einem alles gelingen. So auch Waldmüller. In seinen Porträten ist bezaubernde Charakteristik. Wenn er seine Frau Anna malt, so spritzt Sinnenfreude aus jedem Pinselstrich. Wenn er die alte Frau Bayer ins Porträt setzt, so wird es die Verkörperung der tüchtigen Wiener Bürgersfrau. Das Porträt des Fürsten Rasumoffski ist ein psychologischer Essai über Adel und Diplomatie. Kaiser Franz I. wird unter seinem Pinsel zum Prototyp des Habsburgers. Adalbert Stifter aber ist -- wirklich Adalbert Stifter. Und die Familienporträts des Persenbeuger Schiffmeisters Mathias Feldmüller, des „Donau-Admirals“, und der Seinigen, namentlich seiner schönen und bizarren Tochter Rosalia, zeigen uns Charaktere auf, die in einem Roman von Bartsch vorzügliche Figur machen müßten.
Wie er hier die Psyche allemal mit verblüffender Sicherheit packte, so hat er bei seinen Genrebildern, die indessen keine „Genrebilder“ im anekdotischen Sinn, keine gemalten Moralitäten sind, jedesmal die richtige Situation zu erfassen und zu bannen gewußt.
Das Höchste aber hat er als Landschafter, als Freilichtmaler geleistet. Wenn schon ein Vergleich mit einer ähnlichen künstlerischen Erscheinung sein muß, so möge man Waldmüller den „österreichischen Constable“ nennen. Wie Constable steht Waldmüller innerhalb seiner nationalen Schule als Landschafter an der Spitze einer Entwicklungsreihe. Wie Constable, jedoch unabhängig von ihm, predigt er das Evangelium der Luftmalerei. Das heißt: Landschaft und Hintergrund sind bei ihm nicht mehr Fläche und Gobelin, nicht mehr buntstaffierte Teppiche, sondern Selbstzweck; eine ganz merkwürdige Plastik ist in ihnen.
Gerne malte er den Frühling und den jungen Sommer. Das zarte, fast noch gelbliche Grün hatte es ihm angetan. Schüchtern belaubte Äste und Zweige heben sich wie Silhouetten von dem wahrhaft himmlisch blauen Himmel ab. Wie sind seine Praterlandschaften voll seliger Frühlingspracht! Man glaubt irgendwo eine Lerche tirillieren zu hören. Ein Übermaß brünstigen Naturgefühls ist über diese Landschaften ausgeschüttet. So kann diese Praterauen nur empfunden und gemalt haben, wer sie an einem Maitag mit einem blitzsauberen, lieben, braunäugigen Wienermädel am Arm durchwandert hat. Aber auch nachempfinden kann das dem teuerwerten Meister nur einer, der gleich ihm, im Prater einmal unter Palmen gewandelt. Eine rechtschaffene Frühlingsstaffage belebt seine Frühlingsbilder: Kinder oder junge Liebesleut! In aller Augen blitzt Heiterkeit, sie sind entfernt von Sorge und freuen sich am wärmenden Sonnenlicht. Das ist die frohe, junge Zeit, weiter hinauszuschweifen in die Umgebung Wiens, in den Wienerwald und zum Kahlenberg, dorthin, wo aus dem smaragdenen Moos die ersten Veilchen brechen und Schneeglöckchen sprießen, mit lautem Jubel begrüßt von den jugendlichen Pflückerinnen. Und wo -- nun es schon völlig Frühling geworden -- die Maiglöckchen ihren rassigen Blütenduft verströmen. Wie ein frisches Naturparfüm aus Frühlingsblumen weht einem die Stimmung entgegen aus Waldmüllers Frühlingsbildern, die in seinem reichen Werk die schönsten sind. Diese Frühlingsstimmung wird zuweilen auch lebendig auf seinen Figurenbildern, z. B. wenn er das prachtvoll gruppierte Familienbild des Herrn von Eltz malt und dabei die ganze Schar der ihm lieben Menschen in die ihm kaum minder liebe Salzkammergut-Landschaft stellt. Wie vertraut sind ihm diese Herrlichkeiten: St. Wolfgang mit seinen malerischen Straßen und Winkeln, von dem ferngrüßenden Schafberg überragt, Ischl und sein See und die Hütteneckalm, zu der wie ein Schwarm bunter Schmetterlinge eine Schar draller und ranker Mädel emporgestiegen ist, um in seliger Rast hinabzusehen auf das weite Frühlingsland. Der majestätische Dachstein, der Leopoldsberg und Klosterneuburg und all die Herrlichkeiten, die sie zur guten Frühlingszeit darbieten, mitsamt den Menschen, lustigen, bunten Weiblein zumal, das alles ruhte -- wie Goethe seinen Werther sagen läßt -- „in seiner Seele wie die Gestalt einer Geliebten.“ Werther! -- das ists: unwillkürlich greift man, da man den Zusammenklang verwandter Naturen mit „innerem Ohr“ vernahm, zu Goethes brünstigem Bekenntnisbuch, schlägt auf und liest dies: „Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist, wie die meine....“ und was weiter geschrieben steht, heißen Naturgefühls voll, unter dem fingierten Tagebucheintrag vom 10. Mai. Aus der gleichen Liebe heraus, aus der Werther tatenlos phantasiert, schafft Waldmüller. Die Liebe, weitausgreifend, allumschlingend, ist in beiden. Bei Waldmüller die höchste Spezies dieser Liebe: die wirkende, über sich selber hinauswachsende, in Werken sich bekundende. Das ist die Bedeutung von Waldmüllers Werk: weil es aus einer heißen Liebe heraus entstanden ist, darum ist es heute noch fähig, heiße Liebe zu erwecken.
Georg Jacob Wolf.
Aus Waldmüllers Schriften und Briefen
Waldmüller erzählt von seinem künstlerischen Werdegang und seinen erzieherischen Plänen
Ich erblickte das Licht der Welt in Wien im Jahre 1793. Mein Vater war früher Militär und zuletzt Bestandwirt. Meine Erziehung wurde den damaligen Zeiten und dieser bürgerlichen Stellung gemäß geleitet. Meiner Mutter Lieblingswunsch ging dahin, daß ich mich dem geistlichen Stande widmen sollte, mit welchem Wunsche indessen meine eigene Neigung durchaus nicht übereinstimmte. Als ich noch Knabe war, äußerte sich in mir schon die Liebe zur Kunst, und obschon verworren und unklar, wie die Begriffe sich in so zartem Alter gestalten, schwebte mir als Ideal meiner Bestimmung eine Wirksamkeit in diesen Kreisen in den glänzendsten Farbenspielen einer jugendlichen Einbildungskraft vor. In meinem elterlichen Hause ward diese Richtung nicht beachtet, doch wußte ich jede freie Stunde während des Studiums der drei Grammatikalklassen zum Zeichnen zu benützen. Donnerstag und Sonntag, als den Schulferientagen, nahm ich in einer Privat-Zeichenschule Unterricht im Blumenzeichnen. Binnen kurzem ward ich daselbst durch meinen rastlosen Fleiß, durch den Eifer, der mich beseelte, als der ausgezeichnetste unter den Schülern bemerkbar. Der Lehrer selbst, der sich an meinen raschen Fortschritten erfreute und deshalb besonderen Anteil an mir nahm, gab mir den Rat, mich im Figurenzeichnen zu versuchen, wozu ich eine besondere Neigung und ungewöhnliches Geschick zeigte. Der Rat war allerdings gut gemeint, aber in jener Privat-Zeichenschule konnte niemand in dieser Beziehung entsprechenden Unterricht erteilen. Der Funke, der in meinem Innern glühte, war durch den guten Lehrer neuerdings angefacht worden. Immer weniger vermochte ich dem Drange zu widerstehen, der Kunst mein Dasein zu weihen. Ich beschloß, die k. k. Akademie der bildenden Künste zu besuchen und dort jenen Unterricht zu empfangen, durch welchen ich an das Ziel zu gelangen hoffte. Unter solchen Umständen mußte ich natürlich meine Mutter in Kenntnis von meinem Vorhaben und der Bestimmung, welche ich mir zu geben entschlossen war, setzen. Es war mir indessen durchaus unmöglich, ihre Zustimmung zur Wahl eines, ihren Wünschen so entgegengesetzten Standes zu erhalten. Als sie sah, daß alle ihre Gegenvorstellungen vergebens waren, griff sie sogar zu dem äußersten Mittel, mir mit unerbittlicher Strenge alle Subsistenzmittel zu entziehen, um mich hierdurch zu nötigen, den betretenen Weg zu verlassen. -- Vergebens! Wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, so ward auch hier durch die Hindernisse, welche meiner Neigung entgegentraten, diese Neigung nur heftiger entflammt. Entschlossen, mit jeder Entbehrung, mit jedem Opfer auf dem Pfade der Kunst vorwärts zu schreiten, vertauschte ich das Gymnasium mit der Akademie. Es fand sich auch bald ein, freilich höchst bedürftiger, Erwerb für mich. Einer meiner Mitschüler beschäftigte sich mit Kolorieren der Bonbons für Zuckerbäcker und ließ mich an dieser Arbeit Teil nehmen. Da wir indessen beide am Tage die Akademie frequentierten und sehr fleißig waren, so konnten wir diesem spärlichen Broterwerb nur die Nacht widmen. Wir schliefen und arbeiteten abwechselnd die Nacht hindurch. Schon im zweiten und dritten Jahre hatte ich an der Akademie solche Fortschritte gemacht, daß mir erste Preise im Zeichnen des Kopfes und der Figur zuerkannt wurden. Ich begann sodann mich im Miniaturmalen und im Porträt zu versuchen. Auch mit diesen Leistungen gelang es mir einige Aufmerksamkeit zu erregen und Aufmunterung und Freunde zu gewinnen. Mehrere derselben forderten mich auf, zu dem damals begonnenen Landtage nach Preßburg zu gehen, wo es mir nicht leicht an Beschäftigung fehlen würde. Wirklich war dies auch der Fall. Ich malte mehrere Miniaturporträts, welche Beifall fanden, ward mit dem Ban von Kroatien, Grafen Gyulai, bekannt und erhielt von demselben den Antrag, als Zeichenmeister seiner Kinder bei ihm einzutreten. Mit der innigsten Freude ergriff ich diesen Antrag und folgte dem Grafen nach beendetem Landtage zu dieser meiner neuen Bestimmung nach Agram. Ich verlebte daselbst drei Jahre und in diese Zeit fallen auch meine ersten Versuche in der Ölmalerei. Natürlich konnten dieselben nicht anders als höchst mangelhaft sein, da ich ohne die geringste Anleitung, ohne die mindeste Kenntnis von den Geheimnissen der Palette zu diesen Versuchen schritt. Ja nicht einmal die nötigsten Requisiten konnte ich mir anschaffen, da zu jener Zeit in Agram nichts dergleichen zu bekommen war. Obschon ich also jahrelang akademischer Schüler gewesen war, obschon mehr als sechs Jahre verstrichen waren, seit ich mit dem glühendsten Eifer mich der Kunst gewidmet hatte, so hatte ich es doch nicht weiter gebracht, als daß ich jetzt ratlos, als vollkommener Anfänger in der wichtigsten Technik die ersten Versuche wagen mußte. In Agram ward ich auch veranlaßt, Dekorationsmalerei zu betreiben. Der dortige Theaterunternehmer hatte sich deshalb an mich wenden müssen, weil kein zweiter Maler damals in Agram zu finden war. Zu jener Zeit vermählte ich mich auch mit einer Sängerin, welche ich in Agram kennen gelernt hatte; eine Verbindung, welche, da sie durchaus nicht harmonisch war, auch nicht dauernd beglückend werden konnte und deren ich auch nur deshalb hier erwähne, weil sie insoferne in Verbindung mit meiner Kunststellung steht, daß sie nicht ohne störende Einwirkung auf dieselbe blieb, indem sie mich nötigte, meinem sehnsüchtigen Wunsche nach Wien zu gehen und mich dort ausschließlich den Fortschritten in der Kunst zu widmen, zu entsagen und mich fortwährend in Provinzstädten, wie Prag, Brünn usw. herumzutreiben. Auf diesen Kreuz- und Querzügen beschäftigte ich mich wohl mit Dekorationsmalerei, aber es war nicht daran zu denken, an eine höhere Ausbildung Hand zu legen, deren Bedürfnis ich je länger, je mehr fühlte. Da endlich meine Gattin ein Engagement nach Wien erhielt, so wurde mir denn auch das ersehnte Glück zu Teil, die Residenz, meine teure Vaterstadt, wieder zu betreten. An den Aufenthalt in derselben knüpften sich meine schönsten Hoffnungen. Mächtig regte sich in mir der Trieb zu künstlerischer Entwicklung, ein dunkles Sehnen und Ahnen schwellte meine Brust, ich wollte das Bessere, ich strebte nach dem Höheren, aber noch war meinem Auge die Binde nicht entnommen, noch wußte ich nicht, auf welchem Wege das Ziel zu erreichen sei, noch war mir die höhere Weihe der Kunst das verschleierte Bild von Sais. Ich glaubte das Heil zu finden, wenn ich in der kaiserlichen Galerie zu kopieren begänne. Wie es bisher noch bei allen Kunstzweigen gegangen war, in denen ich mich versucht hatte, so gelang es mir, auch mit diesen Kopien Beifall zu finden. Ein Privatmann mit nicht ungeübtem Blick glaubte in diesen Bestrebungen einen Geist zu erkennen, welcher der Aufmunterung nicht unwürdig sei, und gab mir Aufträge zu ferneren Arbeiten dieser Art. Ich kopierte mehrere der besten Werke sowohl der kaiserlichen Galerie, als anderer Gemäldesammlungen, sowie einige aus der Dresdner Galerie. Auf diese Weise beschäftigte ich mich abermals fünf Jahre, dann hörten die Aufträge auf und ich stand wieder auf dem alten Punkte. Allerdings durfte ich mir selbst gestehen, ich sei ein ziemlich gewandter Techniker geworden, aber der Geist, der schöpferische Geist, der eigentlich das Kunstwerk zu einem solchen stempelt, hatte mir noch nicht gelächelt. Ich fühlte seine Mahnung, aber es fehlte die Kraft des freien Flügelschlages, mich emporzuschwingen. Was ich bis jetzt geübt -- ich konnte mir es nicht verhehlen -- war nur ein Versuch des Ikarus gewesen. Die wächsernen Flügel zerschmolzen vor dem Strahle der Sonne.