Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 9

Chapter 93,596 wordsPublic domain

Am Morgen des 7. unternahm ich bei herrlicher Witterung mit drei Amerikanern längs des Kanals einen Streifzug, welcher sich aber leider nur auf Eichhörnchen erstreckte, da das Geflügel, fortwährend von Reisenden verscheucht, sich mehr in das Innere der Wälder zurückzieht. -- Mit Erstaunen bemerkte ich, daß die Amerikaner sehr gute Schützen sind, da solche mit ihren langen Röhren, woraus sie Hirschposten schießen, jedesmal den Kopf des Eichhörnchens vom Rumpfe holten. -- Meine Gefährden, darüber ärgerlich, daß es nichts zu schießen gab, was einen guten Braten versprach, wurden jetzt eine Heerde zahmer Gänse gewahr, welche auf dem Flusse an der Seite des Kanals schwammen, und ohne sich lange zu besinnen, legten sie an und, als es knallte, sanken dreien die Köpfe. Eine wurde vom Wasser mitgenommen, die andern beiden aber schwammen noch bis zur Insel, auf welche die Nichtgetroffenen sich retirirten, blieben aber entkräftet am Ufer liegen. -- Lange sannen die Schützen, was zu thun sey, da das Wasser nicht tief und es die Braten zu holen erlaubte, doch Keiner wagte sich in die Fluthen und ließen, vorwärtsschreitend, den Raub im Stiche.

Nicht sowohl wegen der Beute selbst, als vielmehr um den Schützen zu zeigen, daß sie wohl verstanden eine Gans zu schießen, aber nicht die Courage hätten, das Erlegte zu holen, entschloß ich mich rasch, und schritt entkleidet der Insel zu. Gespannt standen jetzt die Erstern von fern, und lauschten des Ausganges, ohne mich vor der Gefahr zu warnen, welche mir drohete, die, wie sie später selbst erwähnten, ihnen nicht unbekannt gewesen, da sie die Bauern am jenseitigen Ufer hinter Gebüschen versteckt gesehen hätten. -- Schon hatte ich die eine Gans gefaßt und noch drei Schritte vorwärts bis zur andern, als rasch hinter einander zwei Kugeln vom jenseitigen Ufer abgeschosen vor mir niederschlugen, mich aber, zum Glück noch außer Schußweite, nicht verletzten. Wie ein Donnerwetter machte ich Kehrt, um einer zweiten Ladung zu entgehen, und erreichte glücklich, mit einer Gans, das Gestade. Jauchzend wurde ich empfangen, und der Braten im Triumph dem Koche übergeben. Mir selbst aber verging aller Appetit, denn wie leicht wäre nicht mein Vorwitz hart bestraft worden.

Die Gegend ist auch hier gut angebaut, und mit Farmer-Wohnungen reichlich versehen; auch wird von den Bewohnern viel deutsch gesprochen.

Vor ~Utica~ ward, um den Zoll darnach bestimmen zu können, das Boot gewogen, welche Einrichtung Aehnlichkeit mit unsern Brückenwaagen hat. Ist das Erstere auf die Waage gefahren, so wird das Wasser durch Oeffnen der einen Schleuse abgelassen, wodurch solches trocken auf die Waage zu stehen kömmt. Nach genommener Ueberzeugung der Schwere der Ladung wird das Thor wieder geschlossen und durch Oeffnen des andern der Zutritt Wassers von Neuem gestattet, wodurch das Fahrzeug wieder gehoben und flott gemacht wird.

Den 7. Mittags fuhren wir auf dem Kanal, welcher durch ~Utica~ führt, in dieser Stadt ein und hatten auf dieser Wasserstraße, welche von ~Schenectady~ bis hierher 80 Meilen lang ist, 26 Schleusen passirt und waren unter 300 Brücken weggefahren.

Die Stadt ~Utica~ nimmt an Größe zusehends zu und besonders sind es Deutsche, welche sich hier niederlassen, unter denen ich auch einige Erfurter traf. -- ~Anno~ 1794, wurde erzählt, habe an diesem Ort ein einziges Wirthshaus gestanden und jetzt zähle die Stadt schon über 6000 Einwohner, wodurch sie als eine der blühendsten Städte des Staates New-York anzusehen ist.

Achtzehnter Brief.

Fahrt zum Niagara.

Im November 1839.

Meinem Reiseplan zufolge, wollte ich bis ~Buffalo~ die Fahrt auf dem Kanal machen und von da aus mit dem Dampfschiff nach dem Niagara-Fall abgehen um dort eine der größten Naturerscheinungen mit anzusehen. Da aber das Boot, mit welchem ich gekommen, hier einige Tage verweilte und ich nicht gern Zeit verlieren wollte, so ging ich in den Vorschlag zweier Rheinländer ein und bestieg mit diesen und fünf Amerikanern die Postkutsche, wodurch uns mehr Gelegenheit ward, das Land besser kennen zu lernen, da wir hier nicht, wie es auf dem Boote der Fall ist, Tag und Nacht die Gegend durchreisten, sondern nur die Tageszeit dazu benutzt wurde.

Noch war der Morgen des 8. Dezember nicht angebrochen, als ich und meine Reisegefährden die Kutsche bestiegen. Dieselbe ging in der ersten Zeit nur langsam vorwärts, da die Wege in Folge des Regens schlecht und das bergige Terrain auch das Schnellfahren verhinderte. Die Gegend selbst ist ziemlich wild und die Urwälder noch wenig gelichtet.

Bei ~Oneida~ führte der Weg durch die Niederlassung eines Indianerstammes, welches Volk, von den Nachbarn verachtet, äußerst ärmlich sich von der Jagd und einigem wenigen Ackerbau zu nähren sucht. Das Dorf der Wilden selbst besteht aus den erbärmlichsten Hütten, welche aus übereinandergelegten Baumstämmen hie und da im Walde errichtet sind. Auf einer Anhöhe erblickt man eine kleine ebenfalls von Holz aufgeführte Kirche, für den Gottesdienst der Indianer bestimmt, welche Missionäre zum Christenthume bekehrt haben. Links vom Wege ist ein freier Platz, von alten Bäumen beschattet, wo die Häupter des Stammes sich zu versammeln pflegen, wenn sie über ihre Angelegenheiten berathen wollen. Ihre braungelbe Farbe, runden Gesichter, lang geschlitzten Augen, dicken Nasen und langen bis auf die Schultern hängenden Haare, haben, wenn man solche Gestalten noch nicht gesehen, etwas Imposantes. Viele sind nur in elende Lumpen gewickelt, Andere dagegen tragen blaue Hosen, über welche sie Hemden ziehen und diese sind wieder mit Röcken von Tuch bedeckt. Die Weiber hüllen sich in weiße oder blaue wollene Decken ein. Ihre Kinder, meist nackend, benutzen den Durchzug der Reisenden und verfolgen bettelnd die Wagen, welche Erscheinung dem Europäer um so auffallender ist, da das Betteln in Amerika nicht Sitte und man nirgends von Wegelagerern um eine Gabe angegangen wird.

Hinter dem Dorfe, wo der Weg nach einer beträchtlichen Höhe führt, genießt man eine schöne Aussicht auf den ~Oneida~-See. Die Landschaft selbst wird jedoch, je weiter man kömmt, wilder, und mit Ausnahme einzelner Ortschaften ist solche wenig bevölkert. Selten sieht man Häuser von Backsteinen, sondern nur von leichtbehauenen Baumstämmen, sogenannte Blockhäuser, welche Erbauung schnell von Statten geht und gewöhnlich das erste Asyl der Ansiedler ist. Sind die Baumstämme gefällt und entastet, so werden ihre beiden Enden mit Einschnitten versehen und so zusammen gekämmt, über einander gelegt. Vorkommende Lücken zwischen den Balken füllt man mit Steinen, Moos und Erde aus.

Die mitunter vorkommenden fernen Aussichten sind äußerst einförmig und unromantisch, da sie mit nichts als einzeln stehenden Häusern ausgeschmückt sind; um so überraschender ist daher ein kleiner See mitten im Walde, an dessen Ufer zwei kleine Städtchen sehr malerisch liegen.

Im Ort ~Chittenango~ zerbrach die Deichsel des Wagens, wodurch ein kleiner Aufenthalt verursacht wurde. Der Ort selbst hat mehre Mühlen und Fabriken, weshalb, um den Verkehr zu erleichtern, ein Kanal mit kleinem Hafen angelegt worden ist, welcher aus dem großen ~Erie~-Kanal ausläuft.

In ~Onendezes~ sind ebenfalls Fabriken, auch hat dieser Ort, wie ~Marcellus~, zwei Kirchen, welches gewöhnlich in jedem Ort von einiger Bedeutung der Fall ist, daß sie eine Anglikanische und Presbyderianische Kirche besitzen. Jenseits ~Marcellus~ liegt am ~Scomatelass~-See das Städtchen gleiches Namens, welches wegen eingetretener Nacht nicht mehr gesehen werden konnte. Erst spät trafen wir in der Stadt ~Auburn~ ein, wo übernachtet wurde.

Am Morgen des folgenden Tages passirte der Wagen eine lange Brücke, welche über den an dieser Stelle nur eine englische Meile breiten ~Cayuga~-See erbaut ist, welches stehende Wasser zwanzig Meilen lang sein soll. Die Gegend gestaltet sich immer einsamer und wilder, da zwischen den 6-8 Stunden auseinander liegenden Städten ewiger Wald angetroffen wird, in welchem nur dann und wann ein Blockhaus zwischen verdorrten Bäumen zum Vorschein kommt. Die Pflanzer, der Arbeiten zu viel habend, fällen die Bäume nicht, sondern machen 1 Fuß von der Erde, rund um 1 Zoll breit Rinde und Splind bis aufs Holz ab, wodurch der Stamm abstirbt, damit, wenn er faul von Regen und Wind umgeworfen, er sich so leichter beseitigen läßt. Doch währenddem benutzt man das Land schon, rottet unter den dürren Aesten, die nicht mehr beschatten, das Gesträuch aus, und bestellt hierauf den Boden. Doch will man noch schneller das Holz beseitigen, so wird Feuer an die Bäume gelegt, weshalb man oft ganze Striche brennender Wälder antrifft.

Bis ~Waterloo~, einer wohlhabenden Stadt, war der Boden fest, doch darüber hinaus wurde er morastig, weshalb der Weg mit Baumstämmen belegt war, welche Knüppeldämme die Fahrt äußerst beschwerlich machen und mich an die gepflasterte Chaussée zwischen Hannover und Bremen erinnerte.

~Genovo~, an der Spitze des ~Seneca~-Sees, hat ein Kollegium mit einigen hundert Studenten, ansehnliche Gebäude, schöne Landhäuser und Gärten.

~Canandaigua~, an der Spitze des Sees gleichen Namens, wo Mittag gemacht wurde, ist ebenfalls eine wohlhabende handeltreibende Stadt mit einer Bank und einem Gerichtshof. Am Nachmittag wurden die Orte ~Victor~, ~Mendon~ und ~Pittsfort~ passirt, wo wir unterwegs nur theilweise Ansiedler in Blockhäusern antrafen, Abends 8 Uhr erreichten wir ~Rochester~ und machten daselbst Halt.

Vor dem Jahr 1812 war hier noch Alles Wald, wo man den Acker für 1¼ Dollar kaufte und jetzt ist dieser Ort eine der blühendsten Städte, hat sechs Kirchen, eine Bank, Tribunalgebäude, mehre Mühlen und Fabriken, und zählt 6000 Einwohner.

Der große ~Erie~-Kanal geht hier mittels einer steinernen Brücke von 780 Fuß Länge über den ~Genesse~-Fluß; letztere hat 11 breite Bogen von 40-50 Fuß Weite und ist mit einem eisernen Geländer versehen. Ein Trottoir für die Pferde geht längs der einen Seite. Dieses großartige Werk führt eine durch Kunst und ungeheuren Geldaufwand geschaffene Wasserstraße über einen breiten natürlichen Fluß.

Am folgenden Morgen fühlte ich mich äußerst unwohl, da ein Wechselfieber mich heftig schüttelte, wie solches meinen beiden deutschen Reisegefährden, dem Einen mehr, dem Andern weniger, ebenfalls begegnete, indem wir uns gestern bei der ungünstigen naßkalten Witterung eine Erkältung zugezogen hatten. Es wurde daher beschlossen, hier zu bleiben, uns gut abzuwarten und erst morgen die Reise fortzusetzen. Die zweite Nacht fühlte ich mich noch kränker und so gern ich auch hier länger verweilt hätte, so trieb doch die späte Jahreszeit, welche kein Säumen erlaubte, wie mein unruhiger Geist selbst, von Neuem in den Wagen. Fest in die Mantel gehüllt und in die Wagenecken zurückgelehnt, wurde wenig von der Gegend, welche wir passieren, gesehen und die ewigen Schauer, welche die Zähne unwillkührlich zusammenschlugen, verbitterten den Vorgeschmack des großen Naturereignisses, worauf ich mich so lange gefreut und wir schon, obgleich noch vier Stunden weit vom Wasserfall entfernt, sein Brausen vernehmen konnten. -- Mit einbrechender Nacht hielt der Wagen in dem am Ufer des Niagara-Flusses gelegenen ~Louristoba~ an, wo ich mich sogleich bis über die Ohren ins Bett begrub und zu schwitzen versuchte, ohne etwas Speise und Trank zu mir zu nehmen.

Umsonst war mein Bemühen den erquickenden Schlaf herbeizulocken. Die aufgeregte Phantasie hielt mich wach und meiner selbst nicht recht bewußt, schwebte der Geist im Fiebertraum aus der Vergangenheit in die Zukunft über. -- Also hier, so weit von den Meinen entfernt, in den unermeßlichen Wäldern Amerikas, hier also, so nahe am Ziele des lang gehegten Wunsches, den größten der Wasserfälle mit eigenen Augen zu sehen, sollte ich vielleicht das Daseyn enden? -- Und von bösen Träumen erwacht, richtete ich mich hastig auf und fühlte mich noch stark genug, selbst mit den Wilden zu kämpfen; dann hörte ich, wieder entschlummert, die lieben Kinder nach dem Vater fragen, welchen sie schon so lange vermißt und sehnlich seiner Rückkunft harrten. Immer nur vorwärts trieb’s mich, um dann um so schneller in die Heimath zurückzukehren, da nur der Körper schwach war, dieser aber nicht den regen Geist zu zügeln vermochte. So mag’s denn kommen wie es will! Fort und immer weiter führt es dem Ziele zu!

Noch war es Nacht und ein sanfter Schlummer suchte die matten Glieder von Neuem zu stärken, da der Geist sich abgetobt, denselben die Ruhe gönnte, als man uns weckte, weil nach dem Wunsche der übrigen Reisenden, bald aufzubrechen, der Wagen dazu bereit sey. So ungern ich auch das Lager verließ und meine Freunde mir riethen, länger zu verweilen, so raffte ich doch alle Kräfte zusammen, da die Füße noch nicht den Dienst versagten und bestieg, fieberkrank, den Wagen.

In kurzer Zeit war der Fuß eines Hügels erreicht und auf der Höhe angelangt, entfaltete sich dem Auge ein herrliches Gemälde, welches Alle hoch entzückte. Nur für mich verlor es viel von seinem Reiz, da das trübe Auge nicht vermögend war, das verstimmte Gemüth von Neuem zu begeistern.

Noch umhüllte ein blauer Nebelschleier den Gesichtskreis und mit bangem Sehnen sah Alles der aufgehenden Sonne entgegen, da man einen unfreundlichen Tag befürchtete, gleich denen der letztvergangenen Zeit. Doch bald fing im Osten der Himmel an, sich allmählich zu röthen und die Sonne lüftete den Schleier. Fantastisch gestaltete Wolkengebirge wetteiferten an Schönheit mit der romantischen Gegend und zogen den trunkenen Blick von der Erde zum Himmel. -- Zu unsern Füßen breitete sich der ~Ontario~-See aus, in dessen Spiegel sich die Strahlen der aufgehenden Sonne brachen. Nordwärts begrenzte den See der breite dunkle Raum von ~Canada’s~ unübersehbaren Wäldern, westwärts ein langer blauer Streifen von Gebirgen. An der Ausmündung des ~Niagara-~Stromes stehen zwei Festen, am ~Canadischen~ Ufer die ~St. Georg~-, auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten die ~Niagara~-Feste. Aus dem Hintergrunde schimmerten am jenseitigen Ufer des ~Ontario-~Gestades, Kirchthürme und Gebäude aus der Ferne hervor, welche dem Städtchen ~York~ angehörten, das acht Stunden von uns entfernt lag. Nach der Mittagsseite zu sieht man in der Ferne eine mächtige Dampfsäule aus dem Schooß der Erde in die Lüfte wirbeln, welche der Fall des ~Niagara~ verursacht.

Nachdem wir uns Alle an diesem imposanten Anblicke hinlänglich geweidet, wurde der Pfad zu Fuß weiter verfolgt, da von hier aus der Wagen zurückging. Das dumpfe Getöse vernahm man bei jedem Schritt deutlicher und zwischen Bäumen kamen mitunter Wassermassen zum Vorschein, welche dem ~Niagara~-Fall angehörten. Gegen 10 Uhr langten wir endlich bei einem Gasthause an, wo gefrühstückt und dann in Begleitung von Führern dem Falle selbst zugeeilt wurde.

Um zur Insel ~Goad-Island~ zu gelangen, welche den Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt, von wo aus der Wasserfall und seine Pracht am schönsten ins Auge fällt, muß man eine Brücke passiren, welche über einem Arm des Flusses errichtet ist.

Ein Zweig des ~Allaghanig~-Gebirges, welches den ~Niagara~-Fluß in der Quere durchschneidet, verursacht den ungeheueren Sturz dieses Gewässers, welches der Abfluß der großen Seen und des ~Erie~-Sees ist, und bis zu seiner Mündung in das weite Becken des ~Ontario~ einen mächtigen Strom von 1000-1200 Schuh Breite und großer Tiefe bildet.

Bis zum ~Chippeway-~Strome, der zwischen dem ~Erie-~ und ~Ontario-~See in ihn hineinstürzt, fließt er langsam und still, dort aber, enger zwischen Felsen geklemmt und von dem Wasser des ~Chippeway~ verstärkt, wird er unruhig, und sein Fall reißender. Stürmend kämpfen seine Wellen gegen Klippen und Felsen an, die ihm den Weg versperren wollen. Zwei Inseln spalten den Fluß in drei Theile, welche sich aber stürmisch wieder vereinigen, und dann mit mächtigem Ungestüm in den über 150 Fuß tiefen Abgrund hinunter stürzen. Die Breite des Flußbettes beträgt vor dem Sturze gegen 4000 Fuß, in welchen die wildkämpfenden Wogen durcheinander wüthen, bis sie am Fuße des Falles sich wieder vereinigen und ihren Lauf friedlich fortsetzen.

Die Masse der niederstürzenden Fluthen, von unten herauf gesehen, scheint aus dem Himmel herabzufallen, um sich in einen bodenlosen Abgrund begraben zu wollen. Die Felsenlager, welche unterhalb einige Absätze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden Wassersäulen zu zersplittern und zu zerstäuben. Man steht inmitten eines ewigen betäubenden Donners, während rings umher die ganze Natur, wie von Entsetzen erstarrt, schweigt. Aus der Tiefe, wo alles kocht und gährt, steigen silbergraue Staubwolken und Wassersäulen hastig empor, um von Nachkommenden wieder ereilt und zerstört zu werden. Sie heulen in allerlei Tönen zwischen den Klippen die gräßlichsten Stimmen, bis sie im Abgrunde durch das einförmige Brausen übertönt werden.

Die Felsen von beiden Seiten gehen schroff hinab, es ist aber eine hölzerne Treppe angebracht, auf welcher man bis zur tiefsten Stelle des Flusses steigen kann. Ein Führer geleitete uns hinab, allein man wird in seinen Erwartungen betrogen, da alles in Schaum und Dampf eingehüllt, keinen imposanten Anblick gewährt, und der feine Regen, vom Wasserstaub verursacht, bald zum Rückwege nöthigt.

Um an das gegenseitige Ufer zu gelangen, wo man, wie unser Führer versicherte, vom ~Table-Rock~ (Tafelfelsen) aus, die schönste Aussicht nach dem ganzen Falle genießen soll, bestiegen wir einen kleinen Nachen, welcher uns in einer halben Stunde mitten durch die wüthenden Wellen nach dem kanadischen Ufer brachte. Während der Ueberfahrt hat man nochmals die schönste Gelegenheit das Bild obiger Verwandlung zu übersehen. Das kanadische Ufer ist ebenfalls wie das jenseitige, der schroffen Felsen halber, mühsam zu ersteigen; doch bald bietet sich Gelegenheit, in einem nahen Gasthause sich zu erholen.

Obgleich es Herbst war, trafen wir hier doch viele Reisende, welche die großartige Naturerscheinung herbeigelockt, und da so eben eine Parthie zu dem ~Table-Rock~ abging, so schlossen wir uns an. -- Auf diesem sich weit ins Wasser hervorstreckenden Felsen, welchen dieses Element ganz unterwaschen hat, genießt man in der That mit einem Blick das Ungeheuere des großen Schauspiels.

Fortwährende Fieberschauer nöthigten mich, bis zum Abgange des Dampfbootes, auf welchem wir die Reise nach dem 6 Stunden entfernt liegenden ~Buffalo~ machten, die Nähe des Feuers zu suchen, und wohlthuender und erquickender wirkte dieses Element auf mich ein, als es die großen Wassermassen gethan hatten.

Neunzehnter Brief.

Reise nach ~Cincinnati~.

Im November 1839.

~Buffalo~, jetzt eine Stadt mit 20,000 Einwohnern, wurde im Jahre 1814 von den Engländern zerstört, und dieser Ort, zu jener Zeit noch ein Dorf, bis auf ein einziges Haus niedergebrannt. Wie ein Phönix hat es sich aus seiner Asche erhoben, und in diesem kurzen Zeitraume seine Größe erhalten, welche im fortwährenden Zunehmen ist. Die Stadt ist gut gebaut, und alle Häuser, in den Hauptstraßen mit schönen Gewölben verziert, sind aus Ziegelsteinen oder Granit aufgeführt. Sie besitzt sechs Kirchen und mehrere Bethäuser, ein Theater, Rathhaus, Markthallen und große ~Hôtels~. Dazu kommt noch ein Leuchtthurm und ein vortrefflicher steinerner Hafendamm, welcher immer voller Schiffe und prächtiger Dampfboote ist. „Man erstaunt“, sagt Kapitän ~Marryat~ in seinem Tagebuche über Amerika, „wenn man bedenkt, daß Alles, was Bezug auf ~Buffalo~ hat, seit 1814 entstanden ist; doch findet man in Amerika überall ähnliche Wunder der menschlichen Betriebsamkeit. -- „Ueber Hals und Kopf!“ ist das wahre Motto dieses Landes. Jedermann eilt, seinem Nachbar zuvorzukommen. Der Amerikaner lebt zweimal so lange als andere Menschen, da er zweimal so viel vollbringt als Andere. Er beginnt sein Leben schon früher; mit 15 Jahren gilt er für einen Mann, stürzt sich in den Strom der Unternehmungen und schwimmt und kämpft mit seines Gleichen. In jeder Kleinigkeit zeigt der Amerikaner, wie kostbar ihm die Zeit ist. Er steht früh auf, verschlingt sein Essen mit der Hast eines Wolfes und ist den ganzen Tag über hinter seinen Geschäften. Ist er Kaufmann, so hat er selten einen Heller von seinem Gelde in Papieren oder liegenden Gründen stecken, es läuft vielmehr immerfort umher, sein Reichthum ist und bleibt stets produktiv, und wenn er stirbt, muß sein Vermögen aus allen vier Weltgegenden zusammengetrieben werden.“

Meine deutschen Begleiter zum ~Niagara~ setzten von hier aus ihre Reise nach ~Pittsburg~ fort, ich hingegen beabsichtigte mit dem Dampfschiffe auf dem ~Erie~-See nach ~Cleveland~ abzugehen.

Von der Fußparthie am Wasserfalle sehr erschöpft, hielt ich für räthlich, abermals einige Tage hier zu verweilen, um die Gesundheit zu befestigen, der Gebrauch von Tropfen, auf Zucker genommen, welche mir von einem in unserer Herberge einkehrenden Indianer gereicht wurden, und was, wie ich später erfuhr, weißes Terpentin gewesen seyn soll, befreiten mich vom kalten Fieber.

Diese mit den Bewohnern ~Buffalo’s~ in friedlichem Verkehr lebenden Indianer vom ~Seneca~-Stamme, haben ihre Niederlassung drei Meilen von hier gewählt, nachdem ihre wilden Väter aus dem Geburtslande vertrieben worden waren.

Schon war das Dampfschiff ~Erie~ am 14. November zur Abfahrt bereit, als es ein stark wehender konträrer Wind am Auslaufen hinderte, da die vielen Klippen im ~Erie~-See diese Fahrt äußerst gefährlich machen und jährlich mehre Schiffe als Opfer dort fallen sollen.

Am 15. wurde die Reise bei Windstille angetreten. Das Fahrzeug war außer verschiedenen Waaren, dem Gepäck der Reisenden, auch noch mit über 200 Passagieren befrachtet, woraus man schließen kann, wie viel in Amerika gereist wird, da gewöhnlich ein solches Fahrzeug täglich diese Tour unternimmt.

Bei der Stadt ~Tonkrik~ sollten Waaren und Passagiere ausgesetzt werden, weshalb der Steuermann, mehr nach dem Ufer zu, dem Schiffe die Richtung gab, dabei aber die richtige Passage verfehlte, so daß das Schiff auf eine Sandbank fest zu sitzen kam. -- Unter verschiedenen Manövern, das Fahrzeug wieder flott zu machen, nahm der Kapitän auch die Hülfe der Passagiere in Anspruch, indem sich die sämmtliche Mannschaft auf der einen Seite des Verdecks versammelte, während die Dampfmaschine mit voller Gewalt in Thätigkeit war. -- Auf das Kommando des Steuermannes mußten Alle im Trabe nach der entgegengesetzten Seitenblanke springen und eben so schnell zurückkehren, wodurch das Boot schaukelnd, sich leichter ablösen sollte. Lange blieb auch dieser Versuch ohne Wirkung, bis endlich der sandige Boden nachgab und wir ~retour~ von Neuem das Fahrwasser erreichten.

Am Abend wurde zum zweiten Male bei dem Orte ~Erie~ Halt gemacht, und frisches Holz zur Heitzung der Dampfmaschine eingenommen. -- Nach Mitternacht ging der sich erhebende Wind in Sturm über, wodurch die Fahrt bei der Nähe felsiger Ufer äußerst gefährlich wurde, und sich bei mir durch das Schaukeln des Schiffes die Seekrankheit von Neuem einstellte. Zum Glück legte sich am Morgen der Orkan eben so schnell wie er entstanden, wodurch wir ohne weitern Unfall am 16. dieses Mittags in ~Cleveland~ ankamen.

Diese Stadt, von dem Flusse in zwei Theile getheilt, ist noch wenig von Bedeutung, und wird von dicht daranstoßenden Bergen begrenzt.

Ist auch hier, wie überall in Amerika, die englische Sprache vorherrschend, so wird dennoch von den Landsleuten die Muttersprache beibehalten.

Zum Glück kam ich hier zur rechten Zeit noch an, da morgen den 17. November das letzte Kanalboot in diesem Jahre nach ~Portsmouth~, wo der große ~Erie~-Kanal in den ~Ohio~-Fluß einmündet, abgehen sollte.