Part 8
Was ich von diesem Spital gehört, ließ mir solches als offenes Grab erscheinen und war schon die Aversion vor solchem hinreichend, von der nähern Bekanntschaft abzuschrecken, um so mehr fühlte ich Veranlassung gegen die Fuhre mich zu sträuben, da sich meine Natur, auf dem höchsten Gipfel der Gefahr, während des Schlummers selbst geholfen hatte und Gottes Güte mich noch länger den Meinen zu erhalten schien. Doch hier half kein Sträuben; der Befehl zum Abholen war gegeben und ich mochte wollen oder nicht, wurde ich doch in einen verschließbaren Breterkasten geschoben, welcher sogleich wieder verschlossen ward, damit den Inwohnern die Möglichkeit benommen werde, zu entschlüpfen.
Nicht allein war ich in diesem Behälter, schöne Gesellschaft saß noch neben mir. Eine Negerin mit verbundenem Kopfe hatte sich in die Ecke gekauert und ein Kreole, welcher durch Wetzen und Reiben zu erkennen gab, was ihm fehle, (oder besser, zu viel an sich hatte) saß mir gegenüber. Ein graußiger Anblick! schon spürte ich selbst ein Fressen, suchte mich möglichst entfernt zu halten, und sah daher mit bangem Sehnen der Oeffnung des Schlages entgegen.
Bald rechts, bald links, fuhr der Wagen durch lange Straßen eines Stadtviertels, welches ich noch nicht betreten und große unbebaute Räume enthielt, von welchem wir nur durch die hohen kleinen Löcher, wodurch das Licht spärlich in den Wagen fiel, die Spitzen der Bäume, oder das Dachgesims der Häuser erkennen konnten. Das Thor vom Vorhof unserer Bestimmung wurde nach erfolgtem Einlaß sogleich wieder geschlossen, damit keiner der hier Lebenden ohne besondere Erlaubniß sich entfernen könne.
Um sämmtliche, eine Stunde von der Stadt, am Wasser und auf Sandhügeln ausgeführten Gebäude dieser großen Armen- und Kranken-Anstalt geht eine Mauer und gleicht so beim Anblick einer kleinen Festung, welche alles Nöthige in sich faßt, um, abgeschnitten von der Stadt, auf längere Zeit mehre Tausende ihrer Bewohner erhalten zu können. Außer den nöthigen Apotheken findet man hier alle Professionisten in Thätigkeit, wie Schuhmacher, Schneider, Bäcker, Tischler, Wagner, Schmiede, Schlosser etc., welche ihrer Armuth wegen vom Magistrat erhalten, doch selbst nach Kräften die schaffenden Hände rühren müssen um zu ihrer Verpflegung möglichst mit beizutragen. --
Vor dem Administrations-Gebäude hielt der Wagen. Einige Aerzte, worunter ein Deutscher, erkundigten sich nach meinem Befinden und bestimmten nach genommener Rücksprache unter sich den Krankensaal, welcher mich aufnehmen sollte. Meine Reisegesellschaft wurde ebenfalls untersucht und anderswo untergebracht.
Zum dritten Stock eines langen Gebäudes führte die an der äußern Giebelseite angebrachte Treppe, welche zugleich mit einem Altan versehen war, worauf man bei heiterem Himmel frische Luft schöpfen konnte. Ringsum im Gemach standen die Schlafstellen und über jeder hing an der Wand ein Täfelchen, worauf der Name des Bedauernswerthen geschrieben war, welcher hier lag. Alles war besetzt, doch wie immer Einer dem Andern Platz macht in diesem Leben, hatte auch hier Freund Hain für mich gesorgt. Dicht an der Thür war Einer selig entschlafen und an dessen Stelle nahm ich die mit weißem Betttuch und frischen wollenen Decken versehene Lagerstätte ein. Zum Liegen verdammt, wurde mir das Aufstehen streng untersagt, ich erhielt Salbe und Spiritus zum Einreiben der entzündeten Stelle und der Magen, obgleich immer bei gutem Appetit, wurde mit Homöopathie kurirt. Thee und trockenes Brod des Morgens und Abends; mit Reis, Graupen oder Hirsen ohne Fleisch, wechselte man das Mittagsbrod.
Der Arzt, welchem die Kranken in diesem Saal anvertraut, verstand kein deutsch, und das Einzige, was solcher zu mir sprach, erstreckte sich nur auf das Wort: „Schmerzen?“ welches von mir, je nach Umständen mit: ~Yes~ oder ~No~ (Ja oder Nein) beantwortet wurde, das Uebrige mußte die Pantomime ersetzen. Zu allen diesen Unannehmlichkeiten gesellte sich bald die Langeweile, da ich des Englischen, welches hier nur gesprochen, nicht vollkommen mächtig war und die Klagetöne der Kranken, welche das Zimmer erfüllten, nicht zur Aufmunterung beitragen konnten. Doch auch hier ward geholfen, da ein Lehrer der deutschen und französischen Sprache, welcher seiner Angabe nach früher Professor in der Schweiz gewesen seyn wollte, nicht weit von mir ein Plätzchen fand und so zu meiner Unterhaltung beitrug. Der Arme litt an Steinschmerzen und mußte sich schmerzhaften Operationen unterwerfen. Neben ihm lag ein Schwindsüchtiger, dessen Lebenslicht nur langsam zu verlöschen schien. Dieser erhielt zur Stärkung ausnahmsweise bessere Speise, doch der Wärter, bedacht, daß der Kranke den Magen nicht überladen sollte, theilte jedesmal brüderlich die Portion und aß solche, unverschämt genug, sogleich vor Aller Augen.
Am achten Tage meines Hierseyns wurde ich mit einer neuen Leib-Bandage versehen und schon glaubte ich meine Entlassung nahe, als eine neue Plage mir beschieden, indem ein böses Friesel zum Vorschein kam und mich unwillkührlich an meinen Reisegefährten, den Kreolen, erinnerte; vermuthlich aber war es Ansteckung von meinem Vorgänger, dessen Lager ich eingenommen hatte.
Mehr und mehr schrumpfte bei aller Entbehrung der hungrige Magen und schon war die Bandage bis zum letzten Loch geschnallt. Was mir aber am meisten die Erlösung wünschenswerth machte, war der unerträgliche Luftzug beim Oeffnen der Thür während der Reinigung des Zimmers und bei dem fortwährenden Gehen der weniger kranken Patienten auf dem Altan, da eine so nöthige Doppelthür hier fehlte.
Am letzten Tage meiner Entlassung, den 30. Oktober, karambolirte ich noch mit dem Krankenwärter, der, ein Freund der Kunst, zugleich die Kommodität damit zu verbinden verstand, da er die vor jedem Bette befindlichen Spucknäpfe mit in den Sand gezeichneten Figuren verziert und wegen Nichtbeschädigung dieser Narrensposse daneben zu spucken anempfahl, welchem nachzukommen ich unterlassen hatte und dafür das beliebte Schimpfwort der Amerikaner, „Niks komm heraus!“ welches sie sich gegen die Deutschen bedienen, mehrmals mit anhören mußte[39].
Auf das ärztliche Zeugniß, daß ich einer weitern Behandlung nicht mehr bedürfe, bekam ich auf dem Bureau eine Karte, gegen die, beim Pförtner abgegeben, mir das Thor geöffnet wurde, und hungrig wie ein Wolf, eilte ich der alten Wohnung zu, um durch Speise und Trank die erschlafften Glieder aufs Neue zur Arbeit zu stärken.
Doch hier hatte sich während meiner Abwesenheit die Lage des Zimmermanns S. nicht gebessert, da er nur theilweis Beschäftigung gefunden und, um seine Familie zu ernähren, immer noch Sachen veräußern mußte. Auch an meine bei ihm in der Stube zurückgelassene Uhr war die Reihe gekommen und als Ersatz für dieselbe erhielt ich die trotzigen Worte: „daß ich ihm die Uhr nicht in Verwahrung gegeben und er deshalb auch nicht dafür verantwortlich zu seyn brauche.“ Doch noch schmerzlicher als dieser Verlust traf mich der von S. gemachte Vorwurf, daß ich durch die in Bremen ihm vorgestreckten Gelder der Urheber seines und seiner Familie Unglück sey, weil ihm nur dadurch die Möglichkeit gegeben worden, die Reise von da aus nach Amerika fortzusetzen. Dieses war mehr als Undank, und es blieb mir nichts, als diese bedauernswürdige Familie zu verabscheuen. Um der Ruhe willen und da ich auch unter solchen Verhältnissen für meine übrigen Sachen besorgt war, räumte ich sofort das Quartier, quittirte meine Forderung und fand bei dem Bäckermeister, wo mein Neffe und Freund Hallbauer in Arbeit waren, eine sichere und gastfreundliche Aufnahme.
Während meines Aufenthalts im Spital hatte sich Vieles im Geschäftsleben der New-Yorker verändert, indem am 5. und 6. November ein neuer Gouverneur gewählt werden sollte, bei welcher Wahl Whigs und Demokraten kein Mittel unversucht ließen, um die möglichst große Anzahl Stimmen für die Kandidaten ihrer Parthei zu erhalten und einem von diesen den gewöhnlich auf drei Jahre einzunehmenden Posten zu verschaffen. -- Haben schon lange vorher die Zeitschriften sich abgemüht, alle wahren und erdichteten Fehler der am Ruder stehenden Personen zu beleuchten, so wird um die Zeit der Wahl das Gefecht desto hitziger und die ernsthafte Sache selbst, durch die verschiedenartigsten Karrikaturen ins Lächerliche gezogen. Unter freiem Himmel, so wie in passenden Lokalen, werden großartige Versammlungen besucht, wo die feurigsten Redner ihrem Gegner kein gutes Haar auf dem Haupte lassen. Treffende Witze und sonstige beißende Bemerkungen werden in Menge gespendet und der Applaus verräth die Anerkennung, welche die Versammlung dem Sprecher zollt. Besäße einer der Kandidaten nur die Hälfte der Fehler, welche man zu rügen keinen Anstand nimmt, wie traurig sähe es um das so gepriesene Amerika aus, welches dann so arm an rechtschaffenen Leuten seyn müsse. Doch nicht mit Rede und Schrift allein sucht man zu siegen, Bestechungen aller Art sind im Gefolge und viele Tausende werden geopfert. Auch die Noth der Zügel für die Armen in diesem freien Lande kömmt hier den Reichen trefflich mit zu Statten, da diese schlau genug zur Zeit der Wahl die Mehrzahl ihrer Leute entlassen. -- Wer würde wohl nun anders denken, anders wählen als der Brodherr selbst? und um solchen zu gefallen und sich geneigter zu machen, unterlassen auch die Arbeiter nicht, möglichst viel Stimmen für ihre Parthei zu gewinnen. So kann es nicht anders kommen, da die Kandidaten selbst nichts unterlassen sich den Sieg zu verschaffen, daß nicht immer der Würdigste im Volke die Gouverneur-Stelle erhält, sondern eher ein solcher, der der gewandteste Intriguant ist.
Auch in der Fabrik des John Benson, wo ich vor der Krankheit in Arbeit gestanden, waren die meisten Gehülfen entlassen, und mir selbst das Wiederanfangen vor der Wahl, nicht erlaubt. Doch, um solches eher zu erzielen, trat ich jetzt mit meinem Plane hervor. Ich übergab Zeichnungen der neuesten, in Deutschland in Anwendung gekommenen Schwarzischen Brenn-Apparate, und stellte die Bedingungen, unter welchen ich mich zur Ausführung dieser Arbeiten verpflichtete. Die Sache selbst fand Anerkennung; leider konnte ich aber die gestellten Fragen wegen Welschkorn-Brennen nicht beantworten, da bei uns diese Fruchtart nicht gebräuchlich ist; ich sah mich deshalb veranlaßt, erst in den westlichen Staaten die nöthigen Kenntnisse zu sammeln und dann hierher zurückzukehren.
Siebenzehnter Brief.
Reise nach Utica im November 1839.
So gern ich auch den Wahl-Akt in New-York abgewartet hätte, um mit anzusehen, wie man sich dabei die Köpfe blutig schlägt, so säumte ich mit dem Antritte meiner Reise doch nicht, da bei vorgerückter Jahreszeit die Kanäle leicht zufrieren und die Benutzung derselben für mich verloren gehen würde.
Eins der größten Dampfschiffe, das die Fahrt nach ~Albany~ machte, nahm mich, am 3. dieses Monats mit auf, welcher schwimmende Pallast in allen Theilen großartig ausgeführt, Einen schnell und bequem von hinnen trägt. Erstaunt und voll Bewunderung steht man da bei Beschauung der merkwürdigsten und nützlichsten Erfindung neuerer Zeit. Theils die großartige Maschinerie, welche dieses kasernenähnliche Gebäude ohne Segel stromaufwärts die Fluthen durchschneiden läßt, theils die prachtvolle Einrichtung dieses schwimmenden Hôtels selbst, welches alle Bequemlichkeiten des Menschen in sich trägt, nehmen die ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Auf dem Verdeck, welches mit einer Gallerie umgeben ist, tragen gefällige Säulen ein Dach, um vor den Sonnenstrahlen und Regen geschützt, im Freien verweilen zu können; wem es hingegen beliebt, unbeschirmt, ganz im Freien zu lustwandeln, findet dazu einen Raum auf dem Dache selbst.
Zwei schöne, mit geschmackvoll gearbeitetem Geländer versehene Treppen führen in die untern Räume, wo alle Möbeln, Thüren und Tafelwerk der Wände von polirtem Mahagoniholz gefertigt sind. Die Fußböden und Treppen sind mit den schönsten Teppichen belegt. Am brillantesten aber sind die Kajüten für die Damen dekorirt, wo das holde Angesicht der Schönen tausendfach widerstrahlt, da alle Räume zwischen den Fenstern mit Spiegelglas ausgelegt sind. Rothseidene Gardinen wallen vor den Glasthüren und hemmen den Blick in dieses Zaubergemach, wo hinein kein Mann Zutritt findet. Nicht weniger schön ist ein zweites Zimmer, wo die Herren dem schönen Geschlechte ihre Aufwartung machen dürfen.
Längs der Wände befinden sich die Schlafstellen mit vortrefflichen Betten und allen erdenklichen Bequemlichkeiten, desgleichen die Ankleidestübchen, worinnen alle Erfordernisse der Toilette sich befinden.
Zwischen den Damen-Kajüten und der Dampfmaschine befindet sich der große Speisesaal, geräumig genug, um 200 Personen aufzunehmen, der durch das einfallende Licht der Fenster vollkommen erhellt wird. An den Wänden hängen, symmetrisch geordnet, die verschiedenartigsten Adressen von dem handeltreibenden und produzirenden Publikum, worunter Empfehlungen der auf das Beste eingerichteten Gasthäuser nicht fehlen. Doch um solche Anzeigen auffallender zu machen und die Aufmerksamkeit möglichst zu erregen, sind sie in der Regel mit goldenen Rahmen eingefaßt, auch mitunter auf Seide, andere wieder mit bunter Schrift gedruckt. -- An Lesezimmern, wie auch an Badestübchen fehlt es nicht. -- Die Küche, die Gemächer der Schiffsmannschaft, der Mechaniker, Matrosen, Köche, Mägde und Bedienten, sind mehr abseits angebracht.
Ueber 200 Reisende waren am Bord, alle nobel gekleidet und ein Ton vorherrschend, daß man glauben sollte, hier mehr unter einer geladenen Gesellschaft sich zu befinden, als unter vom Zufall zusammengeführten Reisenden.
Das unangenehme Schaukeln des Segelschiffes ist hier auf dem Dampfboote weniger fühlbar, da solches von Ufern begrenzt, weniger mit Wind und Wellen zu kämpfen hat, und würde man nicht durch das Geräusch der Dampfmaschine, so wie durch das Plätschern der großen Wasserräder an beiden Seiten des Schiffes erinnert, daß man auf dem Wasser sey, so würde man leicht vergessen, wo man sich befände.
Die schönste Witterung begünstigte die Fahrt, und mit wahrem Vergnügen drang ich in das Innere des Landes ein. In verschiedenen Gruppen placirten sich viele Passagiere auf das Verdeck, um bei heiterer Luft die Reize der Natur zu genießen. -- Die weißgrauen Kalkfelsen-Ufer sind meist schroff und mit Tannen und Eichen bewachsen, und gewähren so mit ihren dunkeln Schluchten ein grausiges Ansehen. Dagegen erblickt man auch von Zeit zu Zeit artige Landhäuser, Bauernhöfe und kleine Orte auf fruchtbarem Gefilde.
Fortwährend begegneten uns Schloops und andere Fahrzeuge, welche theils mit Viktualien oder Holz beladen, auf dem ~Hudson~ nach New-York fuhren. Dieserhalb verbreiteten des Nachts große Laternen die möglichste Helligkeit um das Dampfschiff, und warnen dadurch entgegenkommende Fahrzeuge vor der Gefahr, umgefahren zu werden, weshalb solche zeitig genug auszuweichen suchen. --
Am Städtchen ~Orange-Tova~ und bei ~West-Point~ wurden Reisende ausgesetzt und eingenommen, welches mit der größten Schnelligkeit ausgeführt ward, um die Fahrt nicht zu verzögern. Die Schiffsglocke verkündete schon in der Ferne die Ankunft des Bootes. Ein am Außenbord hängender Nachen wurde schnell ins Wasser gelassen, in welchem die Reisenden ohne Gefahr auf einer eisernen Geländerstiege bequem vom Schiffe einstiegen. Zwei Ruderer bringen das kleine Fahrzeug schnell ans Ufer, während der Steuermann ein Seil nachläßt, welches an Ersterem befestigt, mit solchen gezogen wird. Das Aus- und Einladen am Ufer dauert wenig Minuten, worauf durch ein gegebenes Zeichen die Dampfmaschine einen Cylinder in Bewegung setzt, um welchen sich das an dem Nachen befestigte Seil wieder aufrollt und Letztern nach sich zieht.
Ein gleiches Anhalten, Ausschiffen und Einnehmen von Passagieren und Effekten fand bei der Stadt ~Hudson~ Statt, und nach einer Fahrt von 26 Stunden waren 160 englische Meilen[40] bis ~Albany~ zurückgelegt, wo wir den 4. dieses Monats, Vormittags 11 Uhr eintrafen.
Dieser wohlhabende Ort mit 25,000 Einwohnern ist der Sitz des Gouverniums, und der Hauptort des Staates New-York; er hat bedeutenden Handelsverkehr, weil sich hier der Stapelplatz aller Erzeugnisse vom Norden des New-Yorker Staates bis ~Canada~ befindet, was besonders seit dem Bau des großen Kanals, welcher vom ~Hudson~ bei ~Albany~ bis zum ~Erie~-See läuft und eine Länge von 362 Meilen einnimmt, der Fall ist.
Abends 5 Uhr ging ich auf der Eisenbahn nach dem 16 Meilen entfernt gelegenen ~Schenectady~ ab, und bestieg daselbst sogleich das Kanal-Boot, die Jacht, da solches diese Nacht noch die Fahrt nach ~Buffalo~ antreten sollte.
Beim Schlafenlegen, wo ich gewöhnlich meine Sachen ganz in die Nähe brachte, vermißte ich das Hutfutteral, in welchem die Brieftafel mit etwas Papiergeld nebst meinem Tagebuche sich befanden. Ersteres war in dem Eisenbahnwagen zurückgeblieben, und wegen dessen Wiedererlangung keine Zeit zu verlieren. Doch wie sollte ich bei dunkler Nacht und ohne alle Kenntniß des Weges, den eine halbe Stunde von hier entfernt liegenden Bahnhof auffinden? Mein Verlangen, einen Matrosen gegen Vergütung als Begleiter zu erhalten, wurde nicht erhört; ebenso meine Bitte, die Fahrt noch um eine Stunde zu verschieben, abgeschlagen, dagegen aber versprochen, die Pferde nur langsam antreiben zu lassen, welche soeben an das Bootstau gespannt wurden, um mittels diesem das Fahrzeug auf dem ruhig stehenden Wasserspiegel fortzuziehen.
Glücklich hatte ich die Sachen gefunden und ohne weitern Unfall die Stelle wieder erreicht, wo ich das Boot verlassen. Eine Viertelstunde weiter mündet aber dieser Seitenarm in den Hauptkanal ein, und ob ich nun links oder rechts dessen Lauf verfolgen mußte, war ich ungewiß, da bei der Dunkelheit der Nacht, und der Gegend unkundig, leicht eine falsche Richtung einzuschlagen war. -- Alles war ruhig, keine menschliche Stimme verrieth dessen Nähe, um die nöthige Erkundigung einziehen zu können, und demnach betrat ich auf gut Glück den ungebahnten Weg längs des Ufers.
Voller Angst über die Möglichkeit, mich auf falschem Wege mehr und mehr von meinem Fahrzeuge zu entfernen, lauschte ich bei jedem Geräusch, da ich hier in der Dunkelheit um mein Leben besorgt, und auf dem forteilenden Boote möglicherweise um meine Effekten kommen konnte. So gern ich auch die Schritte beflügelt hätte, so hing doch der Boden centnerschwer unter meinen Füßen, auch machten einzelne im Wege liegende Steine diesen bei der Nähe des Wassers höchst gefährlich, da der Damm hoch und neben der Wasserstraße eine zweite Schlucht sich längs des Dammes hinzog.
Mehr und mehr umwölkte sich der Himmel, so daß nur dann und wann ein Stern hervortrat um den unwegsamen Pfad zu beleuchten, worauf das Vorwärtsschreiten bald unmöglich wurde, da große Steinmassen den Weg versperrten, welche vermuthlich zur Ausbesserung des Dammes angehäuft oder Ueberbleibsel früherer Bauten waren.
Obgleich die Nacht empfindlich kalt, so rannte doch der heiße Schweiß mir von der Stirne, wobei die Glieder zitternd wankten und mir den Dienst zum Weitergehen versagten. Nach kurzer Ruhe wollte ich mich mehr links vom Wasser entfernen, als das Gestein mich zum Fallen brachte, und bis an den Abhang stolpernd, verlor der Körper das Gleichgewicht so daß ich hinab in die spitzigen Steine fiel. Blutend lag ich lange, ohne daß ich durch den Schreck Etwas von Schmerzen empfunden hätte, bis mich die Angst von Neuem zum Aufbruche mahnte. Doch jetzt wurde ich erst gewahr, daß mir beim Fall das Hutfutteral entkommen war. Solches wieder zu erlangen hielt weniger schwer, als die daraus entschlüpfte Brieftasche nebst Tagebuch zu finden, und lange suchte ich in dunkler Nacht vergebens; ich hätte das Erstere gern entbehrt, wenn ich nur zu dem Wiederbesitze des Letztern gelangt wäre.
Mein Geschick verwünschend und unzufrieden mit mir selbst, wollte ich ohne die verlorenen Sachen von Neuem den Wanderstab ergreifen, als die Töne eines Hornes die Nähe von Kanalbooten verkündete, deren Schein der Leuchten, wegen des zwischen mir und der Wasserstraße liegenden Dammes, nicht wahrgenommen werden konnte. Zu meinem Glück waren Passagiere auf dem Fahrzeuge, welche deutsch verstanden, und der Kapitän, durch diese von dem mich betroffenen Mißgeschick unterrichtet, ließ nicht allein sein Boot anhalten, sondern verband auch mit eigener Hand die Wunden am Kopfe und versah mich mit einer Handlaterne, durch welche es möglich gemacht wurde, die verlornen Sachen wieder aufzufinden.
Solch Handeln eines so braven Mannes verdient der Vergessenheit entrissen zu werden, da in Amerika wohl nicht ein Dutzend solcher anzutreffen ist, welche einem Verunglückten Beistand leisten. Auch ein besserer Pfad wurde mir gezeigt, dicht am Wasser hin, geebnet für den Gang der Pferde, auf welchem es möglich war, nach scharf fortgesetztem Marsche und dem vorkommenden Aufenthalte der Boote, beim Passiren der Schleusen, am Morgen mein Fahrzeug noch zu erreichen, wo ich ganz erschöpft aufs Lager sank. Doch auch hier war mir wenig Ruhe vergönnt, da sich eine böse Sybille mit auf dem Schiffe befand, welche dem lieben Mann, der sie wider Willen, wie Viele seines Gleichen, zur Auswanderung verleitet, die bittersten Vorwürfe machte, Mörder ihrer Kinder nannte, indem zwei derselben während der Seereise gestorben und ein drittes noch jetzt krank darnieder läge. Leider! verstand der Mann selbst nicht zu schweigen, und gereizt, sich so weit vergaß, Hand an das gebrechliche Weib zu legen, und diese nun durch die Stimme ersetzte, was ihr an Kraft zur Gegenwehr mangelte. Tiefen Eindruck machte der Vorfall auf Alle, und ich fühlte mich um so glücklicher, da ich die Meinen im sichern Hafen wußte, und nur allein dem Wechsel des Geschicks auf dieser beschwerlichen Reise unterworfen war.
Der Ton eines Hornes, wie ich schon in voriger Nacht vernommen, erweckte die Neugierde, und so verließ ich von Neuem das Lager, um zu sehen, was solcher bedeute. Es war das Zeichen, welches den Schleusenwächtern die Ankunft des Schiffes verkündete, und das Verlangen nach frischen Pferden zu erkennen gab, da man solche alle 2-3 Stunden wechselt.
Gewöhnlich sind zwei hintereinander gespannt, bei Paquetbooten aber, da solche meist im Trabe gezogen werden, verwendet man 3-4 Pferde, welche auf den längs des Kanals laufenden schmalem Wege gehen, der auch unter den vielen über den Kanal geschlagenen Brücken hinwegläuft. -- Die Führer der Rosse, welche auf dem hintersten Pferde reiten, verstehen durch das Anhalten der Thiere zur rechten Zeit das Tau ihres Bootes im Wasser zu versenken, wodurch das entgegenkommende Fahrzeug, ohne sich in die Leinen des andern zu verwirren, über solche hinwegfährt und beide sich so geschickt auszuweichen verstehen.
Der Durchgang von einer Schleuse in die andere, wird in einigen Minuten bewerkstelligt, und hält demnach die Fahrt im Ganzen nicht sehr auf.
Der Kanal längs des ~Mohawk~-Flusses führt in gerader Richtung durch unermeßliche Waldungen und gut angebaute Thäler, wo man die Orte ~Thowaship~, ~Amsterdam~ und ~Rotterdam~ erblickt, doch nur in Duodez-Ausgaben, da erst einigen Häusern diese Namen beigelegt worden sind. -- Ueber einige Bäche und Flüsse wird der Kanal in Bohlen-Einfassung, welche auf Pfeilern ruhen, geleitet, welche für die Pferde mit Trottoirs versehen sind, oder durch das seichte Flußwasser selbst gehen. Da wo der Kanal die beiden Flüsse durchkreuzt, woraus solcher meist sein Wasser erhält, werden die Pferde, der Tiefe halber, mittelst einer Fähre übergesetzt.
Mit Anbruch der zweiten Nacht passirten wir ein enges, doch fruchtbares Thal, welches von wohlhabenden Farmern, wie solches die netten Häuser verriethen, bewohnt ward. Auch mehrere Sägemühlen befinden sich in dieser Gegend.