Part 7
Um sich nun bei dieser großen Anzahl vorhandener Blätter dennoch ein möglichst zahlreiches Lesepublikum zu verschaffen, so wird nichts versäumt, was die Neugierde der Menschen rege machen kann. Immer größeres Format[37] wird gewählt und bei vollkommener Preßfreiheit versucht jedes Blatt leidenschaftlich die Interessen der Parthei, an welche sich dasselbe verkauft hat und der es blindlings huldigt, zu vertheidigen. An Stoff zu den gröbsten Beschuldigungen fehlt es nie, da ~Whigs~ und Demokraten, feindselig gegenüber, Alles aufbieten, um einander zu schaden und den kleinsten Anschein eines Vergehens tausendfach vergrößernd an das Licht zu bringen suchen. Als Beleg von der Sprache, wie solche in amerikanischen Zeitungen geführt wird, habe ich folgenden Artikel abgeschrieben: „Herr Marris, Recendor der Stadt New-York, ist vom Gouverneur Seward seines Amtes entsetzt worden. Seine Absetzung ist durch keine Anklage gegen ihn entschuldigt oder gerechtfertigt; sie ist eine von Oben kommende, beispiellose, unerhörte Verfolgung, weil Herr Marris den moralischen Muth hatte, die Augen der Bürger New-Yorks auf entsetzliche Meineidigkeit und Wahlbetrügerei zu lenken, die von einer politischen Parthei an ihnen verübt worden war und weil irgend einem ergebenen Partheiwerkzeuge nach seinem Amte gelüstete. -- Wo wird diese Ruchlosigkeit aufhören? Welche Bürgschaft ist dem freien Bürger dieser Republik gelassen, wenn jeder ihrer treuen Diener von der Willkühr eines hochgestellten Subjekts abhängt, das für nichts Sinn hat, als seine eigene und seiner Parthei Amtsbeförderung? Muß nicht jeder Richter im Staate New-York vor dem Despoten Seward zittern, oder sich zum Opfer machen, wenn er es wagt, die Pflichten seines Amtes rücksichtlos zu erfüllen? Ist Gouverneur Seward das höchste Gesetz des Landes, oder das Statutenbuch? u. s. w.“ --
Wie werden nun solche Beschuldigungen widerlegt und bestraft, werdet ihr fragen? Nicht anders, als durch ähnliche Ausfälle und Beleidigungen in den Zeitschriften, wodurch die Reibung unterhalten, die Spalten der Blätter sich füllen und Alles beim Alten bleibt. Dadurch wird Einem bald die Ueberzeugung, daß Preßfreiheit ohne Grenzbestimmung nicht heilbringend für die Menschen seyn kann.
Das Gerichtsverfahren ist öffentlich und wird mehr oder weniger von Neugierigen besucht, je nachdem die gepflogenen Verhandlungen Interesse für sie haben.
Ich selbst habe in Begleitung des Herrn Bindernagel die Gefängnisse besucht und einigen Sitzungen der Geschworenen beigewohnt. Mancher wurde frei gesprochen, Andere dagegen zu harter Strafe verurtheilt, auch ein Individuum zu vier Monaten Gefängniß verwiesen, welches nichts mehr als ein Paar Schuhe gestohlen hatte. Verwundert über solche Strenge, mußte ich vernehmen, daß dergleichen Diebstähle hart geahndet würden, um dadurch vor größern Verbrechen abzuschrecken. Man sagte mir zugleich, daß es auch selten vorkomme, daß der eingeborene Amerikaner sich mit derartigen Kleinigkeiten zu bereichern suche und solches mehr unter seiner Würde halte; könne er aber durch List und Betrug im Handel und Wandel seinen Nächsten um etwas Erhebliches bringen, so finde er solches ganz in der Ordnung und denke dabei: „Esel paß’ auf!“ Dagegen suche sich der Betrogene damit zu trösten, daß er um so viel gescheuter worden sei und jetzt darauf denken müsse, möglichst bald mit gleicher Münze zu bezahlen und so das Verlorene wieder zu gewinnen.
Einige Männer wurden den darum bittenden Weibern wieder frei gegeben, welche wegen Trunkenheit und auf besonderes Verlangen der Letzteren mit Arrest gebüßt hatten. Ueberhaupt ist den Weibern hier großes Recht über die Männer eingeräumt und es dürfen die Letztern nicht mucksen, wenn solches die Erstern nicht haben wollen. Vergißt sich ein Mann und kommt selig nach Haus, so steht der Frau das Recht zu, ihn ohne Weiteres einstecken zu lassen. -- Eine Ohrfeige, oder sonstiger Schlag mit der Hand, berechtigt die Frau zu bestimmen, wie lange die liebe Ehehälfte im Loche brummen soll. Das Weib blutig schlagen, zieht harte Gefängnißstrafe nach sich und einen geleisteten Weibereid sollen gar nur zwölf Männer-Zeugen entkräftigen können. -- Manche Frau wird sich demnach mit ihrem störrigen Ehegemahl hierher versetzt wünschen und mir es Dank wissen, auf das amerikanische Weiberrecht aufmerksam gemacht zu haben. Aber auch die Männer haben hier ihre eigenen Köpfe und lassen mitunter ihrer süßen Bürde despotisch fühlen, daß der Mann des Weibes Haupt ist.
Zum Schluß will ich Euch in Thalias Tempel einführen, dessen jedesmalige Vorstellung auf 6 Fuß langen Zetteln mit möglichst auffallender Schrift angekündigt wird. -- Täglich werden in mehrern Schauspielhäusern, von denen aber das ~Bowery~-Theater das größte ist, Vorstellungen gegeben. Das eherne Pferd zog auch mich an und da die Gallerieen schon gefüllt waren, so suchte ich im Parterre ein Unterkommen. Der Amerikaner macht es sich auch hier wie überall bequem, zeigt sein weißes feines Hemd und streckt die Füße so lange auf die vor ihm stehenden Bänke aus bis mehr und mehr die Plätze sich füllen und er gezwungen wird, sich zu geniren. Mit der Zeit geizend, harrt er ungeduldig des Signals zum Anfang des Stücks und sucht diesen durch Trommeln und Pfeifen zu beschleunigen. Wer möchte aber auch hier Theatersänger seyn, da das ~Da capo~-Rufen kein Ende nimmt und so manche Arie 3-4 Mal wiederholt werden muß. Zum Beifallklatschen schont man die nur zum Verdienst schaffenden Hände und die Füße verrichten durch Stampfen den ~Applaus~. -- Dekorationen sind gut, die Maschinerie nicht übel, leider aber fehlt dem Spiele die Kunst und das Ganze verliert durch das ewige Wiederholen der Scenen.
Funfzehnter Brief.
New-York im September 1839.
Fortsetzung.
Bereits sind 14 Tage verflossen, ohne daß ich oder einer meiner Gefährten so glücklich gewesen wäre, ein Unterkommen zu finden. Alle meine Bemühungen, in einer der großartigen Brennereien eine Beschäftigung zu erhalten, waren vergebens, da diese Stellen meist mit Eurischen (Irländern) besetzt sind, welche fest zusammenhalten und keinen Deutschen unter sich dulden.
Die Baarschaft meiner Stubengenossen war gänzlich verausgabt und auch mein Geld ging ziemlich zu Ende, da der Zimmermann S. die ihm in Bremen zur Reise vorgestreckte Summe, weil er selbst noch ohne Verdienst war, nicht zurückzahlen konnte. Das Geld aber anzugreifen, welches für besondere Unglücksfälle, so wie auch zur Reise in das Innere der Staaten bestimmt war, hielt ich nicht für räthlich, so lange noch gesunde Gliedmaßen das Arbeiten möglich machten. Es wurde daher beschlossen, das Letztere zu ergreifen, bei dem Agenten der deutschen Gesellschaft die nöthigen Schritte zu thun und da zu ermitteln, ob nicht auf irgend eine Art Geld zu verdienen sei.
Schon hatte ich mehrmals zur bestimmten Zeit, wo das Komptoir geöffnet seyn sollte, nebst mehren andern stundenlang gewartet, doch Herr Rückardt erschien nicht. Ich sah mich daher veranlaßt, bei unserm Landsmann, Herrn Bindernagel, Bäcker und Mehlhändler auch derzeitiger Präsident der deutschen Gesellschaft, anzufragen, ob das im Interesse der armen Deutschen gehandelt sey, wenn sie Tagelang vergeblich auf die Oeffnung des Komptoirs warten müßten und so von Nothwendigkeit getrieben, schurkischen Mäklern in die Hände fielen.
Herr Bindernagel nahm mich sehr zuvorkommend auf, und war sogleich erbötig, die nöthigen Schritte zu thun, um sich selbst zu überzeugen, ob meine Angabe gegründet sey, und nöthigenfalls das Weitere zu verfügen. -- Im Laufe der Unterhaltung kam die Gemahlin des Ersteren auf dessen Zimmer, und fragte an, was solcher heute Mittag zu essen wünsche, ob Schweins-, Hammel- oder Kalbs-Keule? Ich fand dieses im schönsten häuslichen Einklang und war sehr erstaunt über die Aufmerksamkeit der Frau, welche sich zuvor nach dem Appetit des Mannes erkundigte. Nachdem bestimmt worden, was anzuschaffen sey, empfahl mich Herr Bindernagel seiner Frau Gemahlin mit dem Bemerken: mir bis zu seiner Zurückkunft Gesellschaft zu leisten, welches solche äußerst angenehm erfüllte, und dabei mit Wein und Kuchen bewirthete. -- Bald kam der Mann, ein halber Millionär, zurück, am Arm den Handkorb mit dem gewünschten Fleisch, welches solcher, nach hiesigem Männergebrauche, der lieben Frau vom Markt geholt. -- Ueberhaupt ist es Sitte, daß die Männer bei häuslichen Verrichtungen den Frauen an die Hand zu gehen pflegen, und den nöthigen Bedarf in die Küche aus den ~Stores~ (Kaufmannsläden) oder den Markthallen herbeischaffen.
Am nächsten Tage war zur bestimmten Zeit das Komptoir der deutschen Gesellschaft geöffnet, und Herr Rückardt suchte seine Abwesenheit an den vorigen Tagen damit zu entschuldigen, daß er immer erst spät von der Quarantäne-Anstalt zurückgekehrt sey, wo er die neu Ankommenden eben so wie es bei uns der Fall gewesen war, mit Rathschlägen unterstützt hätte.
Auf dieses Komptoir muß man kommen, um ein richtiges Bild zu erhalten, von der armseligen Lage so vieler Einwanderer in jetziger Zeit, wo Mancher genöthigt ist, Arbeit zu suchen, die sich selten weiter, als auf Eisenbahn- und Kanalbau erstreckt, und Viele in der Heimath keine Ahndung hatten, hier mit Hacke und Schaufel ihre Existenz zu sichern und das armselige Leben zu erhalten. Viele Hunderte suchen hier auf dem Komptoir, was selten Einer erhält, Beschäftigung; und ist solches wirklich der Fall, wie sehr verschieden von ihrem ursprünglichen Beruf. Bierbrauer gingen mit als Knechte auf das Land. Maler in ~Matches-~ (Zündhölzer) Fabriken, Apotheker in Restaurationen zum Rupfen des Federviehes, Schlosser zum Steineschneiden, Fleischer in Steinkohlen-Niederlagen, Drechsler auf den Fischfang u. s. w. Doch am schlimmsten trifft das Loos die nicht an schwere Arbeit gewöhnten Doktoren, Advokaten, Theologen, Kaufleute und Militärpersonen höhern Ranges, welche selten sogleich in ihrer Branche unterkommen, und häufig in Paradeschritt hinter der Schubkarre her marschiren müssen.
Uns selbst war die Losung, 10 englische Meilen von hier als Handlanger oder Erdarbeiter mit an dem Kanal zu schaffen, welcher New-York mit trinkbarem Wasser versehen soll, und erhielten demgemäß eine Anweisung zur 18. Sektion, wohin zu gelangen man das Dampfschiff besteigen mußte. Am andern Morgen segelten wir der neuen Bestimmung zu, wo ich mich selbst, um einen höhern Lohn zu erzielen, für einen Maurer ausgab, welches in Amerika um so leichter geht, da man nach keinem Lehrbrief, Kundschaft oder Wanderbuch fragt, sondern sich einzig und allein auf die Geschicklichkeit verläßt, mit welcher man den Geschäften vorstehen kann.
Meine Gefährden überschlugen schon auf dem Wege hierher die Zeit, wo bei möglichster Sparsamkeit so viel erübrigt werden könne, um die Rückreise in ihre Heimath wieder antreten zu können, denn Allen war der Muth gefallen, und übersatt hatten sie das liebe Amerika, ohne noch recht das eigentliche Drängen und Treiben hier kennen gelernt zu haben.
Alles umsonst, auch hier war keine Arbeit mehr zu erhalten, da der Zudrang zu groß und das nöthige Arbeitsgeräthe fehlte. Mißmuthig bestiegen wir am Abend zur Rückreise das Schiff mit dem Beschlusse, wenigstens das Fahrgeld vom Agenten restituiren zu lassen, da es unverzeihlich war, uns hierher zu schicken, wo kein Unterkommen mehr zu finden war.
Eher noch, als zur bestimmten Zeit, trat ich den Weg zum Agenten an, um Einer mit von den Ersten zu seyn, die Einlaß fänden. Auf der Treppe ruhend, notirte ich soeben ins Tagebuch, was mir Merkwürdiges begegnet war, als ein Geräusch mich störte, und welch’ unverhoffte Erscheinung stellte sich mir dar? Der Landsmann St. stand vor mir. Er gab an, auf einer Reise zu seinem Onkel nach Ostindien begriffen, sey er um einen Tag zu spät in Hamburg eingetroffen, wo das bestimmte Schiff schon fort gewesen sey. Doch einmal hier, und den Dienst aufgegeben, habe er eine sich darbietende Gelegenheit benutzt, und die Reise nach Amerika mit unternommen. Umsonst war auch sein Bemühen, auf die Feder ein Unterkommen zu finden und er suchte jetzt hier, gleich mir, nach dem, was sich bieten würde.
Auch ihm ward der Bescheid, da wo wir gestern waren, mit Hand ans Werk zu legen, und eben im Begriffe die Reise anzutreten, erfuhr er von mir, was uns dort begegnete. Was kann es weiter helfen, dachte er bei sich selbst, als ihm von Neuem angetragen ward, ein Schiff mit auszuladen, ist auch das Seil am Krahne weit härter als die Feder, so bleibt doch keine Wahl. Was wurde aber mir, auf Bitten und Begehren, für ausgelegtes Geld und unverrichtete Sache? Nichts weiter als Entschuldigungen aller Art, Ermahnung zur Geduld, und wegen leerer Kasse eine Bibel, die mir als Geschenk zugestellt wurde. -- In dieselbe habe ich die Zeit, den Ort und die Ursache dieser Gabe aufgemerkt, und bin ich längst nicht mehr, so mag sie bis in die spätesten Zeiten die goldnen Worte auf meine Nachkommen übertragen: „Bleibet im Lande und nähret Euch redlich!“
Der Glaser R. fand jetzt durch Vermittelung eines Mäklers bei einem Schreiner ein Unterkommen, da dessen Geschäft hier nicht als selbstständig besteht, und die Glaserarbeiten von den Erstern mit gefertigt werden. Doch das Glück war von kurzer Dauer, da nach Verlauf der ersten 14 Tage schon, wo der schlaue Amerikaner sich von der Geschicklichkeit seines Gehülfen überzeugt hatte, jener diesen zu bestimmen suchte, für einen billigen Lohn auf längere Zeit sich zu verpflichten; da dieser aber in einen solchen Antrag nicht eingehen konnte, weil dabei mehr zu verlieren als zu gewinnen war, so erhielt er auch für die gefertigten Arbeiten nichts, indem der Meister vorgab, daß Letzterer selbst den Kontrakt gebrochen, indem er vor Ablauf des Vierteljahres die Werkstelle verlassen wolle. Was sollte der Sprachunkundige machen, wie beweisen, daß von einem Vierteljahr-Verband keine Rede gewesen sey? Geduldig mußte er sich das Prello gefallen lassen, und mit langer Nase abziehen. --
Endlich leuchtete uns ein günstiges Gestirn. Unser braver Landsmann, Louis Hallbauer, brachte meinen Neffen mit zu seinem Meister, dessen Geschäft als Bäcker sich vergrößert hatte. Mir selbst wurde durch dessen Vermittelung in der Kupferfabrik des John Benson auf der Insel ~Brooklyn~ eine Stelle, und etwas später wurde der arme geprellte Glaser unter die Casserol-Bursche eines französischen Kochs aufgenommen und in dessen unterirdische Küche verbannt.
Eine neue Lehrzeit begann; denn war ich in der alten Heimath selbst Meister in meinem Geschäfte, so mußte doch hier Vieles anders behandelt werden, als bei uns, verschiedene Handgriffe fanden Statt, und besonders erlaubten die mannigfaltigen Maschinen, welche in Anwendung kommen, und das gute Kupfer selbst die verschiedenartigsten Manipulationen des Letztern. Einigen Vierzig Arbeitern wurde es möglich, bei zweckmäßiger Einrichtung des Lokals und allem möglichen Werkzeug, in acht Tagen mehr zu fertigen, als solches hundert Mann in gleicher Zeit bei uns im Stande seyn würden. --
Bis unters Dach der Fabrikgebäude hoben zweckmäßige Maschinen die schweren Kupfertheile, oder ließen die noch schwerern zusammengesetzten fertigen Stücke auf die unten angefahrenen Wagen hinab. Arbeiten, welche man bei uns, der Erschütterung halber, nicht gern über einem Kellergewölbe fertigen würde, werden hier ohne Bedenken im dritten Stock auf den Balkenlagern gemacht. Eben so sind in jeder Etage Blasebälge mit den nöthigen Feuerheerden auf den Dielen erbaut, ohne daß es Jemandem einfallen würde, dieses feuergefährlich zu finden. Man läßt hierin Jeden nach seiner eigenen Ansicht und Willen handeln, wenn solches auch gefahrdrohend für das Ganze seyn sollte, und stellt dergleichen Fälle mit unter die Kategorie der gepriesenen Freiheit. --
Vorzüglich sind es große Utensilien in die Zuckersiedereien der südlichen Staaten, welche gefertigt werden, desgleichen Dampfkessel, Branntweinblasen, Schlangenröhre, wie überhaupt Alles, was man mit dem Namen: große Arbeit belegt. Das kleine kupferne Hausgeräthe verfertigen in Amerika die Klempner, welche außer Messing, Weißblech, Schwarzblech und Zink, auch Kupfer verarbeiten. Ueberhaupt ist das Geschäft der Klempner eines der besten in Amerika, das überall betrieben wird.
Bei Anfertigung der Brennerei-Geräthschaften fand ich nichts, was wesentlich von unseren alten Brennerei-Geräthschaften abgewichen wäre. Blase, Helm und Kühlschlange, sind die einfachen Stücke, woraus solche bestehen. Die mehr zusammengesetzten großen Dampfapparate liefern zwar unmittelbar aus der Maische ein starkes Produkt, solches ist aber nicht rein von Geschmack, indem die Konstruktion so ist, daß sie keine Reinigung der einzelnen Theile zuläßt. Der Branntwein wird daher meistens von Destilateuren nochmals abgezogen und kommt so erst in den Handel. Demnach glaubte ich, mit Einführung Schwarzischer Brenn-Apparate Geschäfte machen zu können, wenn ich erst mehr und mehr der Sprache mächtig und mich mit den wesentlichsten Einrichtungen der amerikanischen Brennereien bekannt gemacht haben würde.
Die Landessprache ist hier durchaus die Seele aller Unternehmungen, und so lange man deren nicht mächtig, und gleichsam den Deutschen, welchen man in keiner Art etwas zutraut, verleugnen kann, so finden alle besseren Angaben kein Gehör, wie ich leider! mehrmals zu erfahren Gelegenheit hatte, und zwar bei Anempfehlung einzelner Theile Schwarzischer Apparate. Demgemäß verhielt ich mich jetzt ganz ruhig, und ging mit meinem Projekte noch nicht hervor, merkte auf Alles was hier gefertigt wird, zeichnete zum einstigen Selbstgebrauch die zweckmäßigsten Maschinen ab, und ersparte mir, durch Selbstbeherrschung und wenigen Bedarf, hübsches Geld.
Einen Unterschied der Stände findet man in der Werkstätte nicht, gleich dem Herrn, sind alle Arbeiter gut gekleidet. Eine leinene Ueberhose mit Latz schützt während der Arbeit vor dem Beschmutzen der Beinkleider und Weste, und vertritt, wie auch bei den Maurern, das Schurzfell, welches hier nicht gebräuchlich ist. Ein weißes oder rothes Hemd, welches immer rein ist, da solches der Amerikaner nach Bedürfniß, wöchentlich mehrmals wechselt, unterscheidet sogleich den Eingebornen von dem Fremdling. Die gewöhnliche Kopfbedeckung, der Hut, wird nie beim Kommen oder Gehen vor dem Herrn gezogen, sondern sitzt des Tages über immer fest auf dem Haupte, gleich in der Werkstätte, wie im Zimmer des Herrn, oder einer Tabagie. Nur mit dem Nicken des Kopfes bezeugt man seine Ehrerbietung. Kein Gehülfe zeigt an, wenn er die nächsten Tage nicht auf Arbeit kommen will; dagegen besuchen die feirigen Arbeiter die Werkstätten häufig, um nachzusehen, ob es bald wieder von Neuem Beschäftigung für sie giebt. Sie sind von dem Vorurtheil frei, daß dieses unschicklich sey.
Gleichwie der Geselle dem Herrn und Meister nicht nachzustehen glaubt, so ist solches der Fall mit dem Lehrlinge und Ersterem. Wehe dem Gesellen, der es wagen würde, einem Jungen zu Leibe gehen zu wollen, gemeinschaftlich würden die Buben über ihn herfallen und jämmerlich zurichten, wie ich selbst mit anzusehen Gelegenheit hatte.
Die Lehrzeit bestimmen die Altersjahre, gewöhnlich zwanzig, da die meisten Amerikaner erst mit dem 16. bis 17. Jahre die Lehre antreten, weil bis dahin die Kinder abhängig von ihren Eltern, Letztern beim Erwerb mit beistehen müssen. Haben sie aber dieses Alter erreicht, so spricht sie das Gesetz frei, als selbstständig stehen sie da, und entlaufen so gern des Vaters Zucht.
Während der Lehrzeit erhalten solche außer Kost und weißer Wäsche, die nöthigen Kleidungsstücke; auch an Taschengeld fehlt es nicht, und so stehen sie, in freien Stunden, die brennende Cigarre im Munde, im dicksten Haufen derer, welche, wenn auch nicht dazu berufen, über das Wohl des Landes berathen, und fallen mehr oder weniger mit über eine blosgestellte Staatsperson her, je nachdem die Zeitungsblätter solcher schon zugesetzt oder Stoff zum Wortkampf gegeben haben.
Sechzehnter Brief.
New-York im Oktober 1839.
Fortsetzung.
Bis zum 12. Oktober ging Alles gut, und von meinem Verdienste, 1½ Dollar täglich, wurde nicht viel verausgabt, da ich mich bei meinem Schuldner, dem Zimmermann S. auf gemeinschaftliche Kosten mit einlogirt hatte, ihn so unter Aufsicht behielt, und dieses mir Gelegenheit darbot, durch Anrechnen der Hälfte Hausmiethe (2 Dollars monatlich), ohne daß es ihm drückend wurde, nach und nach zu meinem Guthaben zu gelangen.
Am 12. Abends, von schwerer Arbeit ermüdet und erhitzt, ging ich nach dem River (Fluß) um mit dem Dampfboote nach New-York, wo ich wohnte, überzufahren, kam aber zu spät, und da dasselbe schon abgegangen war, sah ich mich genöthigt, in kalter Abendluft des Bootes Rückkehr zu erwarten. Ein kalter Schauer überfiel mich, und bevor ich noch das Quartier erreicht, bekam ich die fürchterlichste Kolik. Branntwein ist hier die gewöhnliche Medizin, welche bei derartigen Anfällen in Anwendung gebracht wird, und auch ich suchte durch Anrathen in einem Trinkstore mir durch mäßigen Genuß Linderung zu verschaffen. Des Getränkes nicht gewöhnt, nöthigten die erschlafften Glieder bald, die Augen zu schließen, bis mich noch heftigere Schmerzen weckten, weil bei abgelegter Bandage der Leibesschaden hervorgetreten war, und die krampfhafte Verschließung der Oeffnung, den Rücktritt unmöglich machte. Nur wer an gleichem Uebel gelitten, vermag zu empfinden, was ich in dieser Lage habe abhalten müssen. Nichts war vermögend den Schmerz zu stillen, und mit sehnlichem Verlangen erwartete ich am Morgen die Ankunft des deutschen Arztes, von welchem ich Hülfe hoffte. Erst Nachmittags 3 Uhr erschien dieser und um meine Verzweiflung auf das Aeußerste zu treiben, erklärte er: daß mein Quartier einen nicht schicklichen Ort abgebe, um einen derartigen Schaden zu operiren, er wolle aber dahin wirken, daß ich sofort in dem Spital aufgenommen werde. -- Doch leider berichtete erst der Magistrat, von welchem der weitere Befehl zur Aufnahme ausging, an den Eigenthümer des Schiffes, welches uns nach Amerika übergeführt, weil aus dessen Kosten meine Verpflegung Statt finden sollte, da wir noch nicht über ein Jahr im Lande seyen, in welcher Zeit derartige Verpflegungen dem Schiffseigner zur Last fallen, wenn der Kranke selbst kein Vermögen besitzt[38].
Dieser, um Gewißheit zu erhalten, ob ich einer der Passagiere sey, welcher sein Schiff mit befrachtet habe, schickte den Kapitän an mich ab, der nun in Begleitung eines Viertelsmeisters Nachricht über meine Lage und sonstigen Vermögensverhältnisse auszukundschaften suchte. Nach gewonnener Ueberzeugung, daß ich unter die Kategorie der Unbemittelten zu rechnen sey, machte derselbe noch einen Versuch durch Anbieten einiger Dollars, mich von meinem Verlangen, im Hospital aufgenommen zu werden, abzubringen, obgleich er sah, daß durch Verzögerung der nöthigen Hülfe mein Leben auf dem Spiele stand.
Während dieser Weitläuftigkeiten waren schon zwei Tage verflossen, und die entzündeten Theile verursachten durch anhaltendes Reiben und Drücken, die heftigsten Schmerzen, und mehrten die Gefahr, so daß mich die Angst vom Lager auf- und zurücktrieb, und mein Wimmern weit gehört wurde. Meiner Sinne nicht mehr mächtig, wünschte ich selbst mein Ende herbei, und murrte gegen den, welcher der beste Helfer in der Noth ist. Erst gegen Morgen nach der dritten Nacht verlangte der Schlaf seinen nöthigen Tribut, und schon stand die Sonne hoch, als man mich mit der Nachricht weckte, daß der Krankenwagen vor dem Hause halte.