Part 6
Am 17. August gegen Mittag legten sich zwei Transportschiffe an unser Fahrzeug an, worauf außer den Passagieren auch sämmtliche Kisten geladen wurden, die nicht im untern Raume des Schiffs verpackt, sondern neben den Schlafstellen gestanden hatten, und brachten uns nach der einige hundert Schritte vom Ufer entfernten, auf im Wasser eingerammelten Pfählen erbauten Barriere, wo wir von Neuem ausgesetzt und die Sachen einer Revision unterworfen wurden, damit nichts Steuerbares unverzollt eingebracht werden konnte. Doch die geöffneten Kisten wurden nur oberflächlich untersucht, so daß man sich damit begnügte, nur die obern Schichten abzunehmen, ja selbst bei mehren Koffern nicht einmal Hand anzulegen für nöthig hielt, und sofort mit Kreide das Zeichen geschehener Revision signirte. Nur meinem Landsmann, dem Zimmermann S., welcher eine Kiste mit altem Werkzeug fest vernagelt und nicht vorher geöffnet hatte, wurde solche mit Gewalt aufgeschlagen und bis auf den Boden entleert.
Während obiger Prozedur erkundigte sich ein gewisser Herr Rückardt, Agent der deutschen Gesellschaft in New-York, nach unserm Stand und Gewerbe, und gab den Ort seiner Wohnung an, wo wir, wenn es nöthig seyn sollte, uns Rath holen könnten, ohne jedoch irgend einem der 208 Deck-Passagiere sofort ein Unterkommen zuzusagen; auch stellte er Mehren die Aussicht auf ein solches nicht als erfreulich vor, welches den Muth Vieler nicht wenig niederschlug, da sie, von aller Baarschaft entblößt, auf sofortiges Unterkommen und Verdienst gerechnet hatten. Doch, „nur den Muth nicht verloren!“ (rief Einer dem Andern zu), „noch sind wir nicht am Ziele; erst in der Stadt angekommen, werden wir im Lande der Freiheit schon das Nöthige finden!“
Schnell wurde Alles wieder auf die Schiffe gebracht, um neu Ankommenden Platz zu machen. Ein schneidender Wind schwellte die Segel, und Nachmittags 4 Uhr nach einer sechs Wochen langen Seereise erreichten wir glücklich die mit Menschen angefüllten Ufer von New-York.
Dreizehnter Brief.
New-York im September 1839.
Erster Aufenthalt in New-York.
Anstatt daß man sonst den Ankömmlingen sogar ins Meer entgegenfuhr, um Arbeiter auszusuchen, fand sich jetzt als Gegensatz nicht Einer am Ufer ein, der Nachfrage hielt. Zwei Frauenzimmer waren die Einzigen, welche sofort offene Stellen erhielten.[31] Nur eine Art Seelenverkäufer deutscher Abkunft schienen höchst erfreut, den neu Ankommenden ihre Dienste anbieten zu können, und rekommandirten uns sogleich Kosthäuser, in welchen wir sehr gut und enorm billig logiren könnten; auch bei dem fernern Unterkommen versprachen solche mitzuwirken, da sie überall bekannt wären und Jedem Rath zu geben wüßten.
Wir sämmtlichen Sachsen und Thüringer bezogen das deutsche Haus, wo wir aber bald die Erfahrung machen mußten, geprellt zu werden; auch die vermeinten Freunde erkannten wir jetzt als im Solde des Wirths stehende Bursche, welche nur dazu dienten, seine Wirthschaft zu empfehlen, ihm in häuslichen Verrichtungen an die Hand zu gehen, und bei jeder Gelegenheit den mit allen Verhältnissen noch unbekannten Einwanderer um das Seinige zu bringen und durch Versprechung aller Art zum längern Verweilen hier zu bewegen.
Den ersten Genuß, welchen ich mir nach so langer Entbehrung zu verschaffen suchte, war eine Bouteille Bier; ich gab dafür in Ermangelung kleinen Geldes einen ganzen Dollar[32], worauf ich von einem der vorbenannten Bursche während des Gedränges von allen Seiten, in mir noch unbekannten Geldsorten, das Zuviel zurück erhielt, woran aber nicht weniger als ein halber Dollar fehlte, wie mir ein des Geldes Kundiger bemerkte, dem ich solches zeigte. Der Herr Marqueur selbst war aber sogleich verschwunden, und der Wirth hielt sich nicht verpflichtet für seine Leute einzustehen.
Ich war also der Erste, welcher auf amerikanischem Boden Lehrgeld bezahlte und darüber mehr, als über den Verlust selbst, erzürnt, schwur ich Vergeltung, und suchte meine Gefährten dahin zu bestimmen, daß solche erklärten, das Quartier sogleich zu verlassen, wenn mir das noch fehlende Geld nicht augenblicklich restituirt würde. Diese Drohung half und die Möglichkeit des Irrthums vorschützend, bat der Wirth jetzt um Verzeihung und gab, was sein Helfershelfer genommen, mir nothgedrungen zurück.
Die Abendmahlzeit mundete den Ausgehungerten trefflich, und man war nicht wenig erstaunt über die reichbesetzte Tafel, auf der auch die Suppe, welche sonst in Amerika nicht gebräuchlich ist, nicht fehlte. Der dabei gereichte Thee mit üblichem Gebäck ließ vollends den an frugale Kost gewöhnten Deutschen nichts zu wünschen übrig, und alles Andere vergessend, suchten wir heute frühzeitig das Lager, um nach langen Strapazen auf festem Boden uns von Neuem zu erholen.
Auch das Frühstück war uns neu; zu dem Kaffee gab es, gleich wie am Abend, gebratene Fische und Fleisch, Eier, Backwerk, süß und sauer Eingemachtes; auch Butter und Käse fehlte nicht.
Nach dem Mittagsmahl, welches zugleich als Probe diente, ward festgestellt, was die Person täglich zahlen solle; dies betrug für Kost und Logis fünf Schilling, welche Summe zahlreichen Familien auf die Länge der Zeit zu geben nicht möglich war. Es aßen daher, um das Mittagessen zu ersparen, die ersten Tage Viele nur Morgens und Abends, doch half das Hungern nichts, denn das Versäumte mußte mit bezahlt werden, da für Alle gedeckt und es ihre eigene Schuld war, gefastet zu haben. Alles Sträuben half nichts, denn der Wirth war im Besitz ihrer Effekten und ließ solche nur nach berichtigter Zahlung erst verabfolgen.
Bald zerstreute sich Alles, Arbeit suchend, in die Stadt, welche Erstere aber nirgends zu finden war, da vor Allem die englische Sprache mangelte. Selbst die Unterhändler, woran es nicht fehlt, sich aber den Dienst theuer bezahlen lassen, bringen nur selten Einen unter, und ist letzteres der Fall, dann gewiß an einem Orte, wo kein Eingeborner arbeiten will, oder das Geschäft selbst nur von kurzer Dauer ist.
Auch unser Landsmann, der Schuhmacher F. mit Empfehlungsschreiben versehen, sah sich schrecklich betrogen, da der vermeinte Fabrikherr, an welchen er vom Hause aus empfohlen, nichts weiter als ein Kommissionär[33] war, welcher gegen Zahlung den Namen des Suchenden notirte und die Weisung ertheilte, später wieder nachzufragen. Was sollte er nun anfangen? Womit sich und Familie ernähren? Da er auch nicht sofort auf sein Geschäft Arbeit erhielt[34], so blieb ihm und seinem alten Vater nichts weiter übrig, als beim Ein- und Auspacken der Schiffe Arbeit zu suchen, bis sich sein Loos vielleicht in der Folge besser gestalte.
Gleiches Schicksal traf einen Kajüten-Passagier unseres Schiffes, welcher als Architekt ebenfalls an obigen Herrn adressirt war. Schon auf der Seereise, wo bei Gefahren die Herzen sich nähern und öffnen, erfuhr Mstr. F., daß eine Bestimmung sie in New-York näher zusammenführe, und schon sahen sie im Geiste das weitverzweigte Geschäft, welches Schuhmacher und Architekten zu beschäftigen vermöge. Vereint gingen sie ihrem Ziele zu, doch Letzterer erfuhr nun auch, was Ersterem schon begegnet war. Auch er sah sich in seinen Plänen betrogen und wußte verzweiflungsvoll nicht, was er von Neuem wählen sollte. Der schweren Arbeit ungewohnt, blieb ihm dennoch nichts übrig, als Hacke und Schaufel zu ergreifen[35].
Am dritten Tage unseres Hierseins kam endlich das so lange in der Quarantaine gelegene Seeschiff, welches unsere übrigen Sachen enthielt, im Hafen an, wo ebenfalls jede Kiste von den Zolloffizianten untersucht ward, und man strenger als in der Quarantaine-Anstalt damit verfuhr.
Nun im Besitz unserer Effekten, verließen mehre Familien sogleich das Kosthaus, in der Absicht, entweder die Reise weiter fortzusetzen oder Privatwohnungen zu beziehen.
Beim Bezahlen der Zeche gab ein Baier Gold, und erhielt das Zuviel in Papiergeld zurück, welches aber bei der Wiederausgabe als falsch erkannt und nicht angenommen wurde. Der Wirth, von welchem er solches erhalten, leugnete dieses, und verlangte den Beweis darüber, welchen der Betrogene nicht geben konnte, da beim Wechseln außer seinen zwei jüngsten Kindern Niemand zugegen gewesen war. Der Arme fluchte, tobte und verwünschte das Land, wo die Schurkerei zu Hause sey. Doch Alles half nichts. Der Wirth blieb bei seiner Aussage und war frech genug, Ersteren mit dem Haushinauswerfen zu drohen, wenn er nicht bald ruhig sey. Diesen Streit hörte einer der vermeinten Freunde, welche uns bei der Ankunft am Ufer so herzlich empfingen, ruhig mit an, und schlug sich jetzt ins Mittel, indem er die falschen Noten für einen Dritttheil ihres aufgemerkten Werthes ankaufte; doch nicht um solche zu vernichten und so für die Folge unschädlich zu machen? Nein! Sicher wurden sie im Taschenbuch verwahrt, um einen neu ankommenden Landsmann damit zu beglücken. „O, die Schurken!“
Doch auch die Wirthe werden mitunter betrogen, da Viele bei der Ankunft nichts Baares mehr haben, und außer dem, was sie am Leibe tragen, keine Garderobe weiter besitzen. Doch schlau genug wissen sie solches zu verbergen, so daß der Wirth glauben muß, ein Theil der Effekten, welche sie für Andere vom Schiff mit ins Kosthaus tragen, sey ihr Eigenthum, und als Unterpfand gewiß; doch bevor noch der rechte Eigenthümer sich zu erkennen giebt, sind die Erstern verschwunden.
Auch ich muß gestehen, daß ich, für den an mir beabsichtigten Betrug, mich dadurch revanchirt habe, daß ich auf ähnliche Art Zweien durchhalf. In dem Keller, wo sich meine Sachen in Verwahrung befanden, waren nebst mehren andern auch die untergebracht, welche Zweien meiner Landsleute gehörten, die, von aller Baarschaft entblößt, von ihren Kleidungsstücken hätten verkaufen müssen, wenn sie die Zeche bezahlen sollten.
So eben hatten wir erst mit ansehen müssen, wie der Wirth solche Effekten für einen Spottpreis in Anrechnung brachte, weshalb ich den Vorschlag that, ihre Koffer, als mir zugehörig, vom Hausknecht zu verlangen, wenn ich abgerechnet, und der Wagen zum Transport der Sachen ins neue Quartier da sey. Sie selbst sollten nach dem Essen wie gewöhnlich um nach Arbeit auszugehen, diesem Hause den Rücken wenden und niemals wiederkehren.
Alles ging nach Wunsch und Willen. Den Beiden waren ihre Sachen erhalten und ich gerächt[36].
Das neue Quartier in ~Pitt-Street~ war bezogen, und für eine kleine Stube und Kammer, sonst nichts, 4½ Dollar monatlich vorausbezahlt, da die Hauswirthe des häufigen Betrugs halber nicht mehr kreditiren. Die Stube, von den Vorgängern schlecht gehalten, wurde von meinem Neffen gesäubert, währenddem vom Glaser R. Kartoffeln zum Abendbrod besorgt wurden, und ich selbst schaffte vom nahen Bauhofe das nöthige Brennholz herbei. Demnach war die neue Wirthschaft schnell etablirt, wobei uns das zur Seereise angeschaffte Küchengeschirr trefflich zu statten kam, und dem Hausrath nur ein Wassereimer und Besen zugesellt zu werden brauchte, da Kisten und Koffer, Tisch und Stühle ersetzten. Nur das weiche Lager fehlte noch; doch auch dies hatte sein Gutes, und gewöhnte an spätere Strapazen.
Die Familie S. bezog neben uns ebenfalls eine kleine Wohnung im ~Souterrain~, nachdem solche schon im Kosthause das Gewehr versilbert hatte. Von Kummer und Sorge entstellt, hing der Familienvater nur noch in Haut und Knochen, und die Kinder mußten ihr Heil bei guten Menschen suchen.
Um mich selbst zu orientiren, wie und auf was für Art man hier, Alles was Bezug auf Brennerei hat, in den Werkstellen anfertige, sah ich bei Kollegen nach, ob sie Arbeit zu vergeben; doch umsonst waren alle meine Bemühungen, denn nirgends fand ich ein Unterkommen. Man schützte da, wo ich verstanden wurde, schlechte Zeiten vor, und wo man mich nicht verstehen wollte, blieb man die Antwort schuldig, und der Gehilfen Gruß war „~God damn~ (Gott verdamme mich) schon wieder deutsche Bettler!“
Ein Tag verging so wie der andere, und wahrlich viel Geduld gehörte dazu, auf die Länge solch ein Faulenzerleben zu ertragen; nur das Mannichfaltige in dem bewegten Leben und Wirken der New-Yorker läßt Einem weniger empfinden, daß man ohne Beschäftigung ist, wenn nicht die schmelzende Kasse täglich mehr daran erinnerte. Ich selbst suchte mir, an das Quartier gebannt, die Zeit damit auszufüllen, daß ich täglich Alles was ich gehört und gesehen auf das Papier zu bringen mich bemühte, um es nächstens an Euch zu berichten. Doch nicht als treues Bild mag es gelten, dazu gehört mehr Zeit und Gelegenheit, sondern nur als Skizze sey es zu betrachten.
Vierzehnter Brief.
New-York im September 1839.
Fortsetzung.
New-York, nach London wohl die erste Handelsstadt der Welt mit 300,000 Einwohnern, unter welchen sich gegen 40,000 Deutsche befinden, ist auf eine Insel gleichen Namens gebaut, welche 4 Stunden lang und ½ Stunde breit seyn soll. Am südlichen Ende derselben steht die Stadt, welche sich von einem Fluß zu dem andern erstreckt. Der Nordfluß, Hudson genannt, ist beinahe eine Stunde breit, der Ostfluß etwas schmäler.
Das Wasser ist für die größten Schiffe bis dicht an die Stadt tief genug, und erleichtert so den großartigen Verkehr, welcher sich vorzüglich am Ostflusse befindet. Auch sind, um der Mehrzahl von Schiffen die Möglichkeit zu verschaffen, auf einmal bequem aus- und einladen zu können, von funfzig zu funfzig Schritten auseinander, in das Wasser hineingeführte, etwa dreißig Fuß breite und hundert Fuß lange Barrieren erbaut, welche auf langen eingerammten Pfählen ihren Stützpunkt haben, und an welchen vorn und auf beiden Seiten die Schiffe liegen.
Nicht zu beschreiben ist das Gewühl der beschäftigten Menge, welche hier in reger Thätigkeit sich befindet, um Waaren herbei, oder fort zu schaffen. Unzähliges Fuhrwerk, meistens zweirädrige Karren, drohen jeden Augenblick, den Fußgänger umzufahren, wenn er verabsäumt, immer vor- und rückwärts zu schauen. Das Schreien und Fluchen der Fuhrleute und Markthelfer wird noch von dem verworrenen Gesang der Matrosen übertönt, welches bei ihnen die Geschwindigkeit bestimmt, wornach ein Waarenballen gehoben oder gesenkt werden soll und so lange anhält, bis Letzterer den Boden erreicht hat. Bei jeder neuen Last stimmt der Vorsänger von Neuem an, und diese Art zu arbeiten ist bei den Matrosen allgemein im Gebrauch, da sie glauben, daß dieses die Arbeit erleichtere.
An dieser Seite der Stadt stehen meist Waarenhäuser dicht neben einander, die nur dann und wann von einer Tabagie unterbrochen werden. Die Magazine sind alle meist hoch, die Straßen eng und unbequem, und wegen des vielen Verkehrs fast immer mit Schmuz bedeckt.
Die Straßen des Nordflusses sind dagegen weit luftiger und bequemer, aber der angenehmste Theil der Stadt ist unstreitig die Gegend der Batterie an der südlichen Spitze der Insel, beim Zusammenfluß des Hudson und Ostflusses. Es ist dieses ein öffentlicher mit Rasen belegter und von Sandwegen durchschnittener Lustplatz von Linden und Pappeln beschattet, und dient bei günstiger Witterung als Aufenthaltsort der schönen Welt. Man genießt hier die schönste Aussicht auf die Bai und die diese umgebenden Inseln, und alle Schiffe, welche stündlich in den Hudson segeln oder aus diesem kommen, bringen eine ewige Bewegung in die Scene. Besonders aber sind es die Dampfschiffe, die theils nach Philadelphia fahren, oder die Kommunikation mit den Inseln unterhalten, und vor der Batterie vorbei müssen, welche das Bild verschönern.
Die schönste Straße ist der ~Broad-Way~, 70 Fuß breit, und 1½ Stunde lang, welche sich von der Batterie aus, nach Norden durch die Stadt ausdehnt, und von vielen Querstraßen durchschnitten wird. Ihre Trottoirs sind an beiden Seiten mit Pappeln eingefaßt, die schönsten Gebäude sind rechts und links aufgeführt. Prachtvolle und reiche Kaufmannsgewölbe wetteifern bei Ausstellung ihrer Waaren. In der Mitte des ~Broad-Way~ steht das aus weißem Marmor erbaute Rathhaus, vor dem ein mit hohen eisernen Geländern umgebener Park sich befindet, welcher aber für Jedermann offen ist. Gleich dem ~Broad-Way~ sind die ~Beaverstreet~, die ~Wallstreet~ und ~Broadstreet~ herrliche Straßen, die sämmtlich mit Kaufmannsgewölben besetzt sind, welche alle des Nachts, gleich den Straßen selbst, durch Gas erleuchtet werden. Die unzähligen Lichtflammen, welche besonders am Sonnabend bis tief in die Nacht hinein, die Läden und die im Freien aufgestellten Waaren beleuchten, stellen im Großen das Bild eines Weihnachtsabends dar, wo die in mannichfaltigen Gruppen zur Schau aufgestellten Waaren, malerisch beleuchtet, das Auge entzücken.
Im schönsten Schmuck glänzen fast alle öffentliche Gebäude, von Marmor-Quadern aufgeführt und meist mit Säulen verziert, wie überhaupt kein Geld gespart wird, derartigen Gebäuden ein antikes Ansehen zu geben.
Längs der Ufer, Straßen und Plätze stehen Reihen eleganter Equipagen, welche die Bestimmung haben, schnell und bequem den Fußgänger nach jeden beliebigem Orte der Stadt zu fahren. Außer diesen gehen ohne Unterbrechung große vierspännige Personen-Wagen durch die Hauptstraßen, in denen man für einen Schilling von einem Ende der Stadt bis zum andern gelangen kann. Zu gleichem Zweck sind in einigen Straßen Eisenbahnen errichtet, auf welchen Pferde die Dampfkraft ersetzen. Wegen des ewigen ununterbrochenen Fahrens und Reitens, ist für Fußgänger das Gehen im Fahrweg gefährlich, und Jedermann, ob leer oder bepackt, hält sich auf den Trottoirs auf, weshalb auch hier die Augen bald rechts, bald links herumschwärmen müssen, um mit keinem Packträger in unangenehme Berührung zu kommen.
In jedem Stadtviertel sind schöne, geräumige, überbaute Markthallen angelegt, wo täglich feil gehalten wird, und wo man alle Arten von Fleisch, Geflügel und Fischen bekommen kann, ferner Gemüse aller Art, und besonders sind es die Kartoffeln, welche hier eine Hauptrolle spielen, da solche der Amerikaner täglich drei Mal genießt, und sie früh zum Kaffee, wie Abends beim Thee, gleich dem Gebackenen, nicht fehlen dürfen. Von Obst sind es besonders die Aepfel, welche den Markt füllen, und von Kokosnüssen und Wassermelonen sind ganze Haufen aufgethürmt; eben so bringt man große Quantitäten von Aprikosen, frischen Apfelsinen, Pomeranzen und Zitronen auf den Markt. Butter, Käse und Geräuchertes wird im Kleinen wie im Großen verkauft, wie überhaupt eine ungeheure Quantität Schweinefleisch, Speckseiten, Butter, Schmalz und sonstige Artikel vorhanden sind. Rundum sind die Märkte mit Bauernwagen umgeben, welche ihre Waaren theils ans Publikum, theils an die Händler abzusetzen suchen.
Kirchen giebt es viele und schöne, mehr noch aber Bethäuser, welche alle zum Heitzen eingerichtet sind. Den Sonntag hält der Amerikaner dem Anscheine nach heilig, besucht früh, Nachmittags und Abends die zur Andacht bestimmten Häuser, und verehrt auf mannichfache Weise die Gottheit. Ich selbst versäume nie, den Gottesdienst der ersten deutschen rationalistischen Gemeinde, wie sie sich nennt, zu besuchen, und was ich da von einem gewissen Försch, Prediger daselbst, welcher sich und seinen Anhang zu Vernunftgläubigen gestempelt hat, mit anzuhören Gelegenheit habe, grenzt an das Unglaubliche. In spätern Briefen werde ich darauf zurückkommen.
Das Bedürfniß der Volksschulen hat man hier ebenfalls erkannt, und es hat demnach jede Gemeinde, theils im Erdgeschoß der Kirche selbst, oder in besondern Gebäuden Schulen errichtet, in welchen die Kinder nicht allein freien Unterricht, sondern auch noch die nöthigen Schulbücher erhalten. Leider wird aber nicht immer der beabsichtigte Zweck erreicht, da nur Wenige Gebrauch davon machen, denn die schulfähigen Kinder durch das Gesetz zum Besuche der Schule anzuhalten, hieße zu weit in die Privatrechte der Menschen eingreifen; als einen unerträglichen Zwang, als eine Beschränkung der individuellen Freiheit würde man es ansehen, wollte man dem Vater die Kinder aus dem Kreise seiner Familie entziehen, und wider seinen Willen zum Schulgehen zwingen. Da nun aber die Kinder hier schon frühzeitig zum Miterwerb und Verdienst, dem Centralpunkt, um welchen sich alles dreht und wendet, angehalten und benutzt werden, so bleibt das Schulwesen in den Hintergrund verdrängt, und daher geht die geistige Ausbildung nur langsam vorwärts.
Das Läuten der Glocken hat nichts melodisches im Gefolge, da auf den Thürmen immer nur eine sich befindet, an welche in kurzen Zwischenräumen angeschlagen wird.
Die größte Reinlichkeit herrscht in den Gebäuden, in welchen die Fußböden und Treppen meist mit Teppichen belegt sind. Eben so sauber sucht man die Trottoirs vor den Häusern zu erhalten.
Da entweder die Höfe in den Gebäuden fehlen, oder ein passender Ort zur Aufbewahrung des Kehrigs nicht da ist, und es auch einmal die Sitte verlangt, so wird aller Unrath auf die Fahrstraße geworfen, wo ihn eine Masse hungriger Schweine durchwühlt, welche das ganze Jahr hindurch frei in den Straßen herumlaufen. Dieselben sind auch mitunter dreist genug, den vor den Storen mit Viktualien, besonders mit Aepfeln angefüllten Fässern zuzusprechen und deren Inhalt entweder zu entleeren, oder diesen wenigstens in Schmutz zu werfen. Auf desfallsige stattgefundene Beschwerde ist daher das Herumlaufen der Schweine bei 5 Dollars Strafe verboten worden. Da man aber hier, wie es scheint, die gepriesene Freiheit bis auf das liebe Vieh auszudehnen scheint, so zeigt Niemand die gegen das Gesetz Handelnden an und die Behörden fühlen sich nicht veranlaßt, weiter einzuschreiten, und demnach bleibt es beim Alten. Was soll man aber von einem Gesetz, von einer Behörde sagen, welche Ersteres giebt, aber dabei einschläft und nicht auf die Aufrechthaltung desselben Sorge trägt?
Feuerunglück ist an der Tagesordnung und Feuergefahr jagt Niemandem mehr Schrecken ein. Vergeht aber wider Erwarten ein Tag, ohne daß es brennt, so sieht sich die Spritzenmannschaft mitunter veranlaßt mit ihrer Kunst und dem Ruf: „Feuer! Feuer!“, welches Geschrei durch hundert Knabenstimmen wiederholt wird, lärmend durch die Straßen zu ziehen und andere Spritzen-Kompagnieen zu einem gleichen Manöver zu bestimmen bis am Ende unter fröhlichem Gelächter, sich das Ganze nur als Scherz herausstellt, worauf dann Alles langsam nach Hause geht. Ist es wirklich Feuer, so zeigt die Hauptlärmglocke auf der ~City-Hall~ durch Schläge an, in welchem Distrikte das Feuer ist. Giebt sie nur einen Schlag mit einer Unterbrechung, so ist es im ersten, giebt sie zwei Schläge, im zweiten und so fort; ist das Feuer aber im fünften Distrikt, so wird fortwährend geläutet.
Nebenstehender Abriß der Stadt New-York zeigt die verschiedenen Feuer-Distrikte derselben an. -- Zum ersten Distrikt gehört Alles, was vom Fuß der ~Murray-Street~ an bis zur ~City-Hall~ und von der Mitte derselben in gleicher Linie mit dem Nordflusse bis zur 2ten Straße liegt. Der zweite Distrikt wird durch die letztere Linie begrenzt und einer geraden Linie von der ~City-Hall~ aus bis zur dritten ~Avenue~ an der 21. Straße. Der dritte Distrikt wird wiederum durch die letztgenannte Linie begrenzt und einer andern Linie, welche von der ~City-Hall~ bis zum Ostflusse oberhalb der drei Docks gezogen ist. Der vierte Distrikt wird wiederum durch die letztgenannte Linie begrenzt und nimmt den ganzen Raum zwischen dieser und dem Ostflusse ein bis zur ~Frankfort-Street~ hinunter. Der fünfte Distrikt faßt den ganzen Theil der Stadt in sich, der unterhalb der ~Frankfort-~ und ~Murray-Street~ liegt.
Advokaten, Doktoren und Apotheken giebt es hier in Menge, da Jedermann die Erlaubniß hat, wie in jeder andern, so auch in diesen Branchen, sein Heil zu versuchen. Auch an Zeitungsschreibern fehlt es nicht, sie wachsen wie die Pilse, tauchen auf, und verschwinden eben so schnell wieder. Gegenwärtig sollen nach Zeitungsberichten, 1555 Zeitungen in den vereinigten Staaten vorhanden seyn, wovon 274 auf New-York kommen.