Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 5

Chapter 53,503 wordsPublic domain

Die Windstille am 3. August machte abermals den Wunsch in mir rege, ein auf uns zusegelndes Schiff ankommen zu sehen, um das Gespräch der Kapitäns zu belauschen. Ich ließ mich, da ich allein noch nicht gehen konnte, wieder auf das Verdeck tragen und am Mittelmast absetzen, wo ich hauptsächlich vermied, den Blick auf das Wasser zu richten, um nicht neuen Schwindel zu erwecken. Wohlthätig wirkte die reine belebende Luft, welche ich so lange entbehrt, auf mich ein und die Ruhe, deren wir bei der Windstille auf dem festgebannt scheinenden Schiff genossen, trug dazu bei, Kopfweh, Taumel und Uebelkeit zu verscheuchen, und schon glaubte mein immer reger Geist, daß die Füße den magern Körper zu ertragen vermöchten. Jetzt war das Schiff nahe, doch war mein Neffe, mich zu unterstützen nicht da, weshalb ich allein die Blanke zu erreichen suchte. Aber in dem Moment ward das Schiff, um es dem Andern zu nähern, am Steuer gedreht, wodurch dasselbe hinüber und herüber schwankte, ich zum Fallen kam und gleich einer Tonne dem Schiff entlang rollte. Alles wollte vor Lachen bersten, über den Alten, wie man mich zu nennen pflegte, der gleich einem Betrunkenen nicht stehen konnte.

Das Schiff kam von Petersburg, hatte Korn geladen und segelte nach Boston.

Mattigkeit abgerechnet, war ich während der ganzen Reise nie so wohl gewesen, deshalb beschloß ich, vom Verdeck aus die Sonne untergehen zu sehen. Welch ein herrlicher Anblick! Wie ein Feuermeer lagen die Wolken rings um uns und versilberten den Wasserspiegel, aus welchem unzählige große und kleine Fische auftauchten. Von einem solchen Standpunkte aus fühlt man sich erst recht gedrungen, Gottes Allmacht zu bewundern. Auf dem Meere erst, wo der Mensch nicht, wie häufig auf dem Lande, vor Gefahr sich sicher glaubt, und im Selbstvertrauen sich dort mehr als hier von seinem Schöpfer unabhängig wähnt, fühlt man so recht seine Ohnmacht. Wo die Sonne gleichsam als Auge Gottes tief in das Innere des Menschen einzudringen sucht, da lernt man erst recht einsehen und begreifen, was der Mensch und dessen Bestimmung ist und daß man überall abhängig von dem ist, welcher Alles regiert und einst Rechenschaft fordert von unserm Thun und Lassen. Um wie glücklicher und beruhigter ist man auf dem großen Ozean, wenn man mit gutem Gewissen sagen kann: „Herr dein Wille geschehe! Mein Ende sey nahe oder fern!“ Wie ganz anders muß dem Bösewicht zu Muthe seyn, welcher in jedem Ungemach die gerechte Strafe zu erkennen glaubt.

Der milde Abend hielt mich noch immer auf dem Verdeck zurück, als die Nacht ihre dunkeln Fittige schon über das Meer ausgebreitet und von Millionen der glänzendsten Sterne am gewölbten Himmel erleuchtet wurde. Alles tummelte sich nach den Tönen einer Harmonika auf dem Verdeck, bis der Steuermann, des Lärmens müde, Feierabend gebot.

Fest schlief ich die Nacht, da die nicht gewohnte Seeluft ermüdet, und im Traume sah ich mich schon von Neuem auf dem Verdeck lustwandeln, als mein Neffe zur Empfangnahme des Kaffees weckte und dabei die Kunde gab, daß schwarze, sich zusammenziehende Gewitterwolken, sowie der dumpfe Donner das Herannahen eines Gewitters verkündeten.

Der Kapitän, vorsichtig wie immer, ließ die Segel einziehen; doch war die Mannschaft damit noch beschäftigt, als sich das Unwetter schneller als man vermuthete, nahete und der Wind das Schiff nach allen Richtungen peitschte. Die Luken wurden sogleich verschlossen und, in nächtliches Dunkel versetzt, suchte Jeder sich an seinem Lager festzuklammern.

Nichts ist schrecklicher zur See, als ein schweres Gewitter, indem man bei herannahendem Sturm sofort am hellen Tage durch Verschließung aller Schiffsluken in dichte Finsterniß versetzt wird, und das Rollen des Donners, sowie das Anschlagen der ungestümen Meereswellen daran erinnert, wie nahe man dem Feuer- und Wassertode ist. Das Schiff wurde im Wirbel herumgetrieben, bald hoch in die Luft, bald tief in den Abgrund geschleudert. Alle Effekten im Zwischendeck wurden losgerissen und herumgeschleudert; selbst die Passagiere hatten große Mühe sich fest zu halten. Bei Vielen stellte sich die Schiffskrankheit sogleich wieder ein, und abermals mußten wir das Unangenehme, in den untern Schlafstellen zu liegen, schrecklich empfinden, da wir, wie unter einer Dachtraufe liegend, von oben her tüchtig begabt wurden. Mich selbst brachte das Erbrechen wieder so von Kräften, daß ich fest glaubte, das Ende meines Lebens sey nahe, da ich keiner Besinnung mehr mächtig, nicht wußte, was um und neben mir vorging. Erst als die Schiffsluken wieder geöffnet und frische Luft eindringen konnte, erholte ich mich nach und nach wieder. Mein Neffe, besorgt, mich auf dieser Wasserreise noch zu verlieren, wollte vom Schiffskoch etwas Suppe für mich erbitten, hatte aber, gleich jenem Juden, das Unglück, durch eine überschlagende Welle von der Treppenleiter gespült zu werden und sich beim Herabstürzen den Kopf zu beschädigen.

Durch diesen Vorfall ängstlich geworden, getraute sich keiner der Passagiere, an welchen heute das Kochgeschäft war, auf das schaukelnde Verdeck, weshalb solches unterblieb und die hungrigen Magen auf den folgenden Tag verwiesen wurden.

Hatte ich mehrmals schon während der Reise bereut, dieselbe nicht als Kajütenpassagier unternommen zu haben, so war es besonders der heutige Tag, an dem ich alles Unangenehme, welchem ein Zwischendeck-Reisender ausgesetzt ist, doppelt zu fühlen glaubte, da hier jeder Genuß, jede Stärkung des Kranken fehlt, und den erschlafften Magen statt mit Brühe von frischgeschlachtetem Federvieh zu stärken, solchem nur gesalzenes Fleisch und stinkendes Wasser zugeführt werden kann.

Eilfter Brief.

New-York im August 1839.

Fortsetzung.

Bis den 18. August ging die Reise ziemlich gut und nichts Bemerkenswerthes kam vor, außer daß am letztgenannten Tage der Wind das Schiff in eine unordentliche, für uns äußerst widerwärtige Bewegung versetzte, indem es sich nicht regelmäßig nach vorn und hinten hob und senkte, sondern mit dem Hintertheile tiefer als mit der Spitze einsank und doppelt so viel Zeit brauchte, um sich wieder zu erheben. Hatte es sich endlich ins Gleichgewicht empor gearbeitet, so neigte es sich am Vordertheil um einige Fuß und fiel dann wieder zurück, welche anhaltende Bewegung gleich Sturm zum Erbrechen reizte und viele Passagiere seekrank machte.

Obschon das Tabacksrauchen aus verschlossenen Pfeifen im Zwischendeck vielen Passagieren unangenehm war, um wie vielmehr hätte aber, Feuersgefahr halber, das Cigarrenrauchen im Innern des Schiffes verboten seyn sollen? Dieses war aber bei uns nicht der Fall, da sowohl am Tage wie auch des Nachts Cigarren in den Schlafstellen geraucht wurden. Alle Vorstellungen, daß beim vorhandenen Pulver leicht mögliche Gefahr zu befürchten sey, halfen Nichts; man berief sich auf Ober- und Untersteuermann, welche ebenfalls mit brennender Cigarre, zu Verabreichung der Lebensmittel in den untern Schiffsraum stiegen, und so riskirte man lieber das Leben, als einer Leidenschaft zu entsagen.

Am 9. August war es aber leicht möglich, daß wir für diesen Leichtsinn bestraft werden sollten. Ein Passagier legte auf dem Wege zum Appartement die brennende Cigarre auf die Kajüten-Küche neben ein Segeltuch und vergaß solche wieder an sich zu nehmen. Vom Wind angefacht, fing Letzteres Feuer, und schon schlug die Flamme nach den ausgespannten Segeln, als ein entschlossener Matrose den Feuerklumpen ergriff und über Bord warf. Von jetzt an wurde erst alles Rauchen im Zwischendeck streng untersagt, welches bis hieher zwar nicht erlaubt, dennoch aber auch nicht verboten war.

Am 10. erhielten wir die ersten Vorboten des nicht mehr fern seyenden Landes, indem uns ein gelblich grünes Meergewächs entgegen schwamm, welches unsern Wachholderstauden ähnlich und mit kleinen grünen Beeren besetzt war, und zum Aufenthalt einer Masse kleiner Thierchen diente, welche im Dunkeln gleich hellen Funken leuchteten.

Gleich wie das Schiff während der Reise immer mit Möven und andern Seevögeln umgeben war, welche ab und zuflogen, eben so stellten sich auch am 12. die ersten Schwalben ein, welche uns gleichsam zu bewillkommnen schienen, das Schiff umschwirrten und sich traulich auf Taue und Masten niederließen.

Der Kapitän aber suchte fortwährend die Nähe des Landes zu verheimlichen, um uns entweder damit zu überraschen, oder die Möglichkeit erwägend, daß wir zwar nahe am Ziel, dennoch von Neuem verschlagen werden könnten, und hielt so, die Entfernung immer noch auf mehre Tage angebend, die Erwartung gespannt.

Das uns gereichte Trinkwasser war nicht mehr zu genießen, und da am 11. das Mittagsbrod ebenfalls dem Schweinefutter glich, indem die Mehlgraupen vom stinkenden Wasser blau und gleich Leinweberschlichte nicht munden wollten, so war der Unwille allgemein; die Holzkübel mit dem Essen wurden aufs Verdeck getragen und der Kapitän gefragt: „ob das die versprochene genießbare Beköstigung sey?“ Auch wurde jetzt ernstlicher besseres Trinkwasser verlangt, gleich dem, welches die Matrosen und Kajüten-Passagiere erhielten, da durch heimliches Hinabsteigen in den untern Schiffsraum einige Passagiere in Erfahrung gebracht, daß von solchem noch mehre Fässer vorhanden waren. Das Letztere wurde gewährt, nachdem sich der Kapitän selbst von der Ungenießbarkeit des faulen Wassers überzeugt hatte, und Alle fielen mit solcher Begierde über das Wasser (welches immer schon sechs Wochen alt war) her, als wenn es das beste Lagerbier gewesen wäre.

Bei Austheilung des bessern Wassers fand die größte Ungleichheit statt, so daß sich die Zudringlichsten doppelte Rationen zu verschaffen wußten; andere hingegen, welche Krankheit ans Lager fesselte, um so weniger erhielten. Es erging daher von mehren Seiten an mich, der das Laufen so ziemlich wieder gelernt hatte, die Bitte, mich der Sache anzunehmen und mehr Ordnung und Gleichmäßigkeit herzustellen. Von dieser Zeit an wurde von mir jeder Schlafstelle das ihr gehörige Quantum Wasser richtig zugemessen.

Den 15. früh, beim kaum dämmernden Morgen, erscholl der längst ersehnte Ruf: „Land! Land!“ mit welchem einige Passagiere, die diese milde Nacht auf dem Verdeck zugebracht, Alles in Allarm brachten. Jeder verließ schnell das Lager, um das Ziel seiner Wünsche zu sehen.

Auch auf mich wirkte dieser Ruf mit Zauberkraft, so daß ich mit Leichtigkeit aufsprang und zum ersten Mal ohne fremde Hülfe auf das Verdeck eilte. Doch Land war zur Zeit nirgends noch zu sehen; nur das Wegreisen der Abtritte und die Sage der mit dieser Arbeit beschäftigten Matrosen gab Veranlassung zu diesem Scherz. Doch das Erstere ließ vermuthen, daß wenigstens der Kapitän des nahen Landes gewiß seyn mußte, wodurch Viele getäuscht, in jeder dunkeln Wolkenmasse den neuen Welttheil zu erblicken wähnten.

Mir selbst bleibt jener Morgen unvergeßlich. Ich bin nicht vermögend, die seeligen Gefühle zu beschreiben, welche theils die Gewißheit baldiger Befreiung aus dem Kerker, in dem ich fünf Wochen krank auf dem Strohsack liegend, zugebracht, hervorruften, theils aber auch den Glauben, das Ende aller Leiden vielleicht heute noch auf amerikanischem Boden zu erreichen, bekräftigten.

Die stille großwogende See lag wie ein Spiegel vor uns ausgebreitet, über uns wölbte sich der heitere Himmel und schien am äußern Horizont auf den Meereswellen zu ruhen. Nichts vermochte die Sehnsucht nach dem neuen Vaterlande zu stillen, keiner wich einen Augenblick vom Verdeck, Essen und Trinken ward vergessen, bald da, bald dort das Land entdeckt, doch immer war es nur ein Trugbild der Phantasie. Nur mit Mühe konnte ich in der vom Steuermann angegebenen Richtung mittelst des Fernrohres am Rand des Horizontes etwas unterscheiden, welches die Küste seyn sollte, die sich, je nachdem das Schiff sich hob oder sank, bald höher über dem Wasserspiegel zeigte, bald wieder ganz dem Blick entschwand. Andere Passagiere sahen wegen der schaukelnden Bewegung gar nichts durch das Fernrohr, wieder andere behaupteten, nur eine Wolke zu erblicken, und somit wurde Neugierde und Sehnsucht fort und fort gesteigert und Einer hielt den Andern nur zum Besten. Erst gegen 8 Uhr konnte man jenen Punkt, welcher der neue Welttheil seyn sollte, als feststehend in der beweglichen Wellenmasse mit bloßen Augen erkennen, welcher sich, je näher wir kamen, immer weiter ausbreitete und höher emporstieg. „Land! Land!“ war der einzige Ruf, den man von jetzt an hörte. Väter hoben die Kinder in die Höhe und zeigten solchen das neue Vaterland, von welchem sie ihnen schon so vieles Unglaubliche erzählt und die Neugierde gereizt hatten. Alte Mütterchen weinten, da sie beim Anblick bergiger Höhen an die verlassene Heimath erinnert wurden, wo sie die Jugendzeit verlebt und noch manches theure Familienglied zurückgelassen.

Immer deutlicher wurden die grünen Ufer mit ihren waldbedeckten Bergen, woraus da und dort wie ein Lichtpunkt ein weiß angestrichenes Haus hervorragte, und mit jedem Augenblick mehrten sich die neuen Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit fesselten.

Von allen meinen Gedanken und Empfindungen in diesem Augenblicke Rechenschaft zu geben, ist unmöglich. Der große Kolumbus stand vor meiner Phantasie, und ich empfand deutlich, was er empfunden haben mochte, als ihn nach vielen Gefahren der Freudenruf: „Land! Land!“ überraschte. Also auch du sollst die Erde sehen und den Boden betreten, welchen der große Ozean von deinem Vaterlande trennt, und der in der frühen Jugend schon deine Aufmerksamkeit gefesselt? Wer hätte das gedacht, mir solches voraussagen können! Der Mensch ist also ein Spielball des Geschickes.

Der Kapitän hatte kaum eine blaue Flagge als Zeichen, daß sich noch kein Pilot auf dem Schiffe befinde, aufgezogen, als aus verschiedenen Richtungen kleine Fahrzeuge auf uns zusteuerten, welche sich den Rang streitig zu machen suchten. Jede Welle schien das gebrechliche flache Boot verschlingen zu wollen, und je näher sie kamen, desto ängstlicher ward uns zu Muthe, da man jeden Augenblick glaubte, sie hätten ihr Grab in der Tiefe gefunden; doch eben so schnell kamen sie wieder zum Vorschein, um von Neuem zu verschwinden.

Nachdem eins der Boote sich uns genähert, wurde ihm ein Seil zugeworfen, an welchem einer der sechs Männer, die es barg, das Schiff zu erklettern suchte. Alles drängte sich neugierig zu, um den ersten unerschrockenen Menschen der neuen Welt zu sehen, welcher sich nicht scheute, auf einem Fahrzeuge gleich einer Nußschale bei Sturm und Gewitter den Meereswellen zu trotzen, den Reisenden weit in die See entgegen zu schwimmen, um das Schiff, da er vertraut mit Untiefen und Klippen ist, in sichern Hafen zu geleiten.

Der Lootse übernahm nun die Leitung des Schiffs und den Befehl über die Matrosen, sprach wenig mit dem sich zurückziehenden Kapitän, placirte sich nicht weit vom Steuer auf die Blanke des Schiffs und warf von Zeit zu Zeit das Senkblei aus. Bei schwachem Wind fuhren wir nur langsam in die Bai von New-York zwischen ~long Island~ und ~staten Island~ ein, und warfen vor der Quarantaine-Anstalt Anker.[29]

Zwölfter Brief.

New-York im August 1839.

Ausschiffung.

Wie bei Entlassung eines Inhaftirten das Geräusch der ihm abnehmenden Ketten, demselben ein noch nie vernommener Wohlklang ist und sich noch im Kerker frei und glücklich fühlt, eben so hocherfreut waren Alle, als die schweren Ketten die Anker rasselnd in den Meeresgrund hinabließen, und wir uns, geborgen vor Sturm und Wellen, dem nahen Ufer gegenüber befanden. Brennend vor Verlangen, die feste Erde wieder zu betreten und an frischem Brod und Wasser uns zu laben, wünschten wir nach Abgang des Kapitäns selbst ans Ufer zu fahren, wovon wir aber mit dem Bescheid zurückgehalten wurden, daß Niemand das Schiff verlassen dürfe, bevor der Quarantaine-Arzt den Gesundheitszustand der Passagiere untersucht und durch Nachzählen der Personen ermittelt sei, ob die Anzahl derselben mit der Größe des Schiffes nach der Tonnenzahl[30] im Einklang stände.

Bald darauf kamen in einer mit der großen amerikanischen Flagge geschmückten Gondel zwei Herren an, wovon der Eine sich als Arzt, der Andere als Gerichtsperson ausgab. Die Sache selbst aber, warum sie erschienen, war von ihnen nur oberflächlich behandelt. Die sich ins Zwischendeck zurückgezogenen Passagiere wurden während des Hinaufsteigens gezählt und nach der Kajüten-Seite zu verwiesen, weshalb sich leicht und unbemerkt aus dem Zwischendeck durch die Vorkajüte und beim Ersteigen der Kajüten-Treppe überzählige Personen, wenn sich solche am Bord befanden, wieder mit den gezählten vermischen konnten. Eben so schnell wurden die Schlafstellen selbst untersucht, und das Nichtauffinden Versteckter außer Zweifel gestellt.

Keiner wollte ins Spital wandern und Krankheits halber zurückbleiben. Alles hatte die Lager geräumt und den Ausschlag möglichst zu verbergen gesucht. Mit klopfenden Herzen harrten solche unreine Passagiere des Weitern, als der Befehl erging, uns ~en fronte~ aufzustellen. „Rechts um, Marsch!“ wurde kommandirt und im Gänseschritt mußten wir vor dem Arzt vorbeidefiliren, wobei Jeder die Zunge möglichst lang hervorstrecken mußte, um den darauf sitzenden Krankheitsstoff erkennen zu können. Demnach waren binnen fünf Minuten 208 Passagiere als gesund erkannt und als tüchtig zum Eintritt in die vereinigten Staaten befunden worden.

Um uns lagen Schiffe von verschiedenen Nationen vor Anker, unter welchen man an der aufgehängten Wäsche auf den Segelleinen die erkannte, welche mit Auswanderern befrachtet waren.

Auch wir erhielten jetzt Befehl, die Wäsche zu wechseln, sowie alle schmutzigen Sachen möglichst zu reinigen, damit morgen, dem Abgange nach New-York, nichts im Wege stehe. Alles kam jetzt in Allarm. Die Holzkübel, woraus es Manchem so trefflich geschmeckt, wurden in Waschgefäße verwandelt und darinnen das Ungeziefer in Unzahl ersäuft. Das Bild eines aufbrechenden Lagers stellte sich dar; hier wurde ein- dort ausgepackt, die Strohsäcke ins Wasser geworfen und diesen manches Hemde, ja ganze Anzüge nachgeschickt. Theils durch Scherz oder aus Muthwille wurden unbrauchbar gewordene Koch- und Nachtgeschirre und leere Bouteillen ins Meer geschleudert, wodurch es an Zank und Streit nicht fehlen konnte, und wobei ein Bubenstreich leicht noch zur Balgerei Veranlassung gab, da man böswillig eine der Leinen zerschnitten, auf welcher mehre gewaschene Hemden gehangen, welche nun der Wind ins Wasser trieb.

Ich und mein Neffe verfehlten ebenfalls nicht uns umzuziehen, und die noch wenig Werth habenden Kleider mit +allen Bewohnern+ wurden in die Fluthen des Meeres befördert. Auch den Leib suchte man möglichst zu reinigen, was freilich nur unvollkommen geschehen konnte, weil dazu der Ort mangelte, an dem es der Anstand erlaubt hätte, solches ungenirt thun zu können; doch hinderte dieses Viele nicht. Frei, den halben Leib entblößt, standen sie da, und boten so, nicht achtend der Eltern Bitten, die erwachsenen Kinder zu berücksichtigen, der Unschuld Hohn. „Nichts mehr von Befehlen, Freiheit ist das Loosungswort, morgen wird das Land betreten, wo Einer wie der Andere gilt!“ Dieß war die Antwort der Frechen.

Bei solchen Gesinnungen war es am räthlichsten, sich stillschweigend von Individuen zu sondern, welche zum Abschaum der Menschheit gehörten und den innern Schiffsraum zu meiden, der heute mehr als gewöhnlich durch Scheuern vor den Schlafstellen gereinigt wurde, und wo man sich um so bänglicher fühlte, seitdem man dem Lande so nahe war, wo der Blick mit sehnlichem Verlangen auf dem Gestade verweilte.

Herrlich und groß ist der Eindruck, welchen die paradiesische Landschaft gewahrt, und übersteigt alle Erwartung. Das Quarantäne-Gebäude am Fuße von ~staten-Island~, welches mit drei Reihen jonischer Säulen geziert, wie ein fürstlicher Pallast emporsteigt, fällt am ersten ins Auge. Weiter hinauf erblickt man freistehend oder zwischen Bäumen die verschiedenartigsten Breterhäuser aufgebaut, welche alle einen Anstrich von weißer Oelfarbe haben und äußerst nett aussehen. In sanften Anhöhen erhebt sich ~staten-Island~ mit allen Reizen der Natur. Die Bäume prangten noch mit dem üppigsten Grün, nur die Wiesen fingen an gelb zu werden; sie dienen zum Aufenthalt zahlreicher Heerden von Hornvieh und Pferden, deren Glockengetön uns melodisch ansang. Die meisten Felder waren ebenfalls schon bis auf den in Haufen stehenden Hafer geräumt; nur der Mais stand noch im vollen Grün, und verherrlichte die Landschaft mit seinen rothen Büscheln.

Rechts ist ~long-Island~, deren rauhe mit Wald bewachsenen Bergwände an die Urwälder erinnern; doch auch auf dieser Seite sind weiter hinab, hinter Bäumen versteckt, einzeln stehende weiße Häuser sichtbar.

Die Einfahrt zwischen ~long-Island~ und ~staten-Island~ erweitert sich nach New-York hin immer mehr zu einem See, und unvergleichlich ist auch hier das Panorama, welches sich dem Auge darstellt. Viele Schiffe lagen theils vor Anker, oder fuhren mit geschwellten Segeln hin und her; eben so erkannte man an den dicken Rauchsäulen die Dampfschiffe, welche zum Transport nach andern amerikanischen Staaten, oder zur Kommunikation von New-York und den Eilanden dienen. Kleine Boote umschwärmten in Unzahl die Gestade und ließen schon hier das innere Leben erkennen. Am äußersten Ende liegt New-York, eine der größten Handelsstädte der Welt, umgeben von Schiffen aller Nationen, deren Masten dem Auge selbst den Anblick der Stadt entziehen, und nur die zahlreichen Thürme und großen Feueressen der Fabrikgebäude ragen über die Erstern hervor. Durch kleine befestigte Inseln und eine auf der hervortretenden Landspitze von ~long Island~ erbaute zirkelrunde Batterie, welche mit einem Fort auf einer gerade gegenüber liegenden Insel korrespondirt, wird die Stadt vor feindlichen Angriffen geschützt. Verschiedene andere Werke vertheidigen die Einfahrt in die Bai.

Unter solchen Ansichten und Betrachtungen war der Abend herbeigekommen, das Gewühl auf dem Schiffe legte sich, und jeder von uns suchte ein Ruheplätzchen, welches aber diese letzte Nacht auf dem Fahrzeug um so härter und unbequemer war, da die meisten Strohsäcke über Bord geworfen waren, und man befürchten mußte, von Neuem Ungeziefer zu bekommen. Die rege Phantasie hielt mich lange auf dem Verdeck wach, bis auch mir der Gott des Schlafes die Augen schloß, und süße Traumbilder eilten nach dem Land der Hoffnung voraus. Doch bald wurden wir von Neuem durch das Anschlagen der Wellen und das Brausen des Windes geweckt, welcher das Schiff vom Anker zu reißen drohte. Ein fürchterlicher Orkan hatte sich erhoben, welcher das Fahrzeug, gehalten von zwei großen Ankern, dennoch eine Strecke zurückschob. Alle Ursache hatten wir, Gott zu danken, daß wir nicht um einen Tag später hier an sicherer Stätte ankamen; denn wer vermag zu sagen, was vielleicht auch aus uns so nahe am Ziele geworden wäre, da manches Schiff in dieser furchtbaren Nacht gestrandet und ein Opfer der Sturmeswuth geworden ist. Als aber am Morgen der wüthende Orkan eben so schnell sich gelegt, als er entstanden, und die Alles belebende Sonne freundlich auf uns herniederblickte, da entquollen manchem Auge Thränen des Dankes, und tief gerührt versank ich in Anbetung der Allmacht.