Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 4

Chapter 43,621 wordsPublic domain

Ich selbst durfte von dem gesalzenen Fleisch nur wenig essen, noch weniger von dem Wasser trinken, welches zur Seereise bestimmt war, da dieses bei mir Erbrechen verursachte. Der Kaffee mußte daher das Beste thun.

So sind denn dieses die letzten Zeilen, welche ich an Euch, meine Lieben, von hieraus schreibe, und auf Gott vertrauend, treten wir die große Seereise an. So lebt denn Alle wohl! und bin ich auch fern, so ist doch mein Geist stets um und neben Euch.

Achter Brief.

New-York im August 1839.

Die Seereise.

Ich rief zum Herrn in meiner Noth: Ach Gott, vernimm mein Schreien! Da half mein Helfer mir vom Tod, Und ließ mir Trost gedeihen. D’rum dank’ o Gott, d’rum dank’ ich dir! Ach danket, danket Gott mit mir, Gebt unserm Gott die Ehre!

Wie könnte ich wohl meinen Bericht aus weiter Ferne besser beginnen, als zuerst dem zu danken, der mich gnädig vom nahen Tode errettete und, gleichsam neu geboren, in eine andere Welt versetzt hat. Was muß der Mensch nicht erdulden, was kann er nicht abhalten, wenn er mit gutem Gewissen auf seinen Berufswegen wandelt und seinem Gott vertraut. Vieles habe ich auf diesem Wege erfahren müssen, denn das Schiffsleben ist ein ganz anderes, als das auf dem Lande. Man muß sich hier an so Manches gewöhnen und so Vieles entbehren, was man in seinem häuslichen Geschäftsleben für unmöglich halten würde. Um wie viel beschwerlicher ist aber eine solche Seereise für Eltern, die beängstigt um die Ihrigen, auf sich selbst weniger Rücksicht nehmen können, und so Tag und Nacht der Ruhe entbehren; möchte daher jede auswanderungslustige Familie, welche diese Briefe liest, den Inhalt beachten und entweder ihr Vorhaben ganz aufgeben, oder solches doch möglichst erträglich zu machen suchen, da Viele erst auf dem Schiffe, und zwar zu spät für diese Reise, erfahren, was dazu zweckdienlich gewesen wäre[22].

Bei unserer Abfahrt wurde von dem Allen nichts beachtet, was, wie man mir sagte, auf andern Schiffen gebräuchlich seyn soll. Keine Behörde revidirte das Schiff, ob es auch mit den hinreichenden Lebensmitteln versehen sey, und in welchem Zustande sich dieselben befänden; ob die zur Aufbewahrung des Trinkwassers bestimmten Fässer gehörig gereinigt und in wie weit man der Verpflichtung hinsichtlich versprochener Arznei und sonstigen Leckereien, als: Wein, Rosinen, Pflaumen etc. nachgekommen sey[23]. Den 6. Juli blies der Wind ganz zu unsern Gunsten, und die vor dem Hafen liegenden Schiffe boten ein herrliches, von uns noch nie gesehenes Schauspiel dar. Die Anker wurden unter dem Gesang der Matrosen gelichtet und auf das Kommandowort des Kapitäns entfalteten sich eben so schnell die Segel, welche durch einen frischen Südostwind geschwellt, das Fahrzeug majestätisch auf dem Wasserspiegel forttrieben.

Ohngefähr sechs Stunden lang durchschnitt das Schiff die Wellen, ohne daß auch nur die mindeste Bewegung fühlbar war, und die Passagiere, erfreut über den günstigen Anfang der Reise, hielten sich meist auf dem Verdeck auf, doch mehr und mehr drehte sich der Wind, unruhiger bewegte sich das Schiff, und eine über das Verdeck schlagende Welle nöthigte zum Rückzug ins Zwischendeck. Bald stellten sich nun auch die Vorboten der Seekrankheit ein, Schwindel und Uebelkeit nahmen zu und nur Wenige blieben vom Erbrechen verschont.

Nichts geht über die Leiden, die mit dieser schauderhaften Ekel erregenden Krankheit verbunden sind, wovon der Mensch befallen wird. Das stärkste Vomitiv greift nicht so an, als die Seekrankheit, da sie anhaltend den ganzen Körper erschüttert und den Kopf zu zersprengen droht. Ausgestreckt auf dem Lager lag ich krank darnieder, jeder Versuch, mich sitzend zu erhalten und so den Kopf aus seiner horizontalen Lage mit dem Körper zu erheben, wurde mit dem heftigsten Erbrechen gebüßt. Ist schon diese Plage auf kurze Zeit höchst peinlich, um wie viel mehr mußte ich leiden, da das Erbrechen vier Wochen mehr oder weniger anhielt und nichts dem Uebel zu steuern vermochte. Kopfweh zum Rasendwerden, und die heftigsten krampfhaften Magenschmerzen lassen Einen nie zur Ruhe kommen, da der Schlaf den ermatteten Körper flieht und Füße und Unterleib abzusterben scheinen; dabei der Kopf heiße Thränen schwitzt, während man den schmerzlichsten Anstrengungen zu unterliegen glaubt[24].

In einer solchen Lebensperiode lernt der Mensch erst einsehen und fühlen, was es heißt, getrennt von den Seinigen, ohne Wartung und Pflege, die Leiden des Körpers geduldig ertragen zu müssen. Mehr als Muth und Charakterstärke gehört dazu, um, an Leib und Seele erschlafft, bei dem Kampf der Elemente im Glauben nicht zu wanken. Festes Vertrauen muß man auf Den haben, der die Schicksale der Menschen lenkt. Hier habe ich das Sprichwort bewährt gefunden, daß der, welcher beten lernen will, nur zur See gehen muß.

Während der ersten vier Wochen konnte von der Schiffskost nichts von mir genossen werden, da der Magen sich an die schaukelnde Bewegung nicht gewöhnen wollte, wie solches bei den meisten Passagieren schon in den ersten Tagen der Fall war. Die bitter aufsteigende Galle verscheuchte allen Appetit, und nur mit Noth behielt der Magen bei ruhiger See einige Löffel Suppe. Unter solchen Umständen schwanden meine Kräfte zusehends, und Mancher sah in mir, bis zum Skelett abgezehrt, schon die Leiche. Doch das Maas der Leiden war noch nicht voll; selbst das Wenige, was der Magen in sich behielt, verstopfte sich beim Mangel an Motion, und erst nach achtzehntägiger Qual ersetzte der Steuermann den fehlenden Arzt, doch galt bei ihm das alte Sprichwort: „Friß Vogel oder stirb!“ und half er auch von einem Leid, so wurden neue Schmerzen bei mir wieder hervorgebracht.

Das Lager selbst, beim Mangel weicher Betten, treibt die Gesunden auf, nur mich hielt es zurück und machte die Nächte zu Ewigkeiten, so daß die Fahrt mir doppelt lang wurde und der aufgelegene Körper die Schmerzen mehrte. -- Ein Glück, daß während der See-Reise das Schiff an keiner Insel hielt, da sonst Mancher, in dem Glauben, die Plage sey nicht mehr zu ertragen, verlangen würde, hier ausgesetzt zu werden; so aber wider Willen mit fortgerissen wird. Was hätte ich selbst für einen Tag Ruhe auf festem Boden gegeben und um einen Trunk frisches Wasser, die Lippen zu netzen? So aber blieben wir auf Thee und Kaffee, gekocht in stinkendem Wasser, ohne Milch, Zucker und Rum, verwiesen. Auch nicht für Geld und gute Worte erhielt ich und eine kranke Frau vom Tisch des Kapitäns ein Paar Flaschen Wein[25]. Doch hier wo’s Noth that und des Seemanns Herz nicht zu erweichen war, half ein Bauersmann und theilte den Labetrank, der für seine Kinder bestimmt war, mit uns.

Die Unmöglichkeit, das Lager zu verlassen, zwang mich, auf solches fest gebannt, liegend im Tagebuche zu notiren, was im innern Raume des Schiffs vorging und von dem was außerhalb geschah, erhielt ich durch meinen Neffen Rapport. Zum Trost für mich wurde Letzterer nur von einem Schwindel befallen, ohne vom Erbrechen selbst nur das Geringste zu verspüren, und konnte demnach zu meiner Wartung und Pflege viel beitragen.

Neunter Brief.

New-York im August 1839.

Fortsetzung.

Kaum hatte der Lootse das Schiff verlassen, als sich der Wind von Neuem drehte, so, daß der Kapitän sich gezwungen sah, die Fahrt durch den Kanal aufzugeben, und, um den Seitenwind mehr benutzen zu können, um England herum zu segeln beschloß, bei welcher Gelegenheit die Passagiere die Küsten Schottlands gleich Nebelstreifen vor sich ausgebreitet sahen.

Am 10. steuerte ein aus Amerika kommendes Schiff auf uns zu. Sogleich wurden die Flaggen gehißt und einige Segel beigelegt, wodurch die Schiffe, im Lauf gehemmt, sich einander nähern und die Kapitäns, vermöge der Sprachröhre, über Lage und Breite, unter welchen man sich befindet, von wannen und wohin man kommt und fährt u. s. w., die gewünschte Auskunft ertheilen.

Den 12. wurden wir aufgefordert, die im Zwischendeck aufbewahrten und in Fäulniß gerathenen Kartoffeln über Bord zu werfen, da solche des faulen Geruches halber der Gesundheit schädlich zu werden droheten. Zu diesem Geschäft fühlten sich aber Viele nicht verpflichtet, da sie ihrer Meinung nach bei stattgefundenen erhöhten Fahrpreisen um so weniger zu Arbeiten gezwungen werden könnten. Die Vorstellungen der Vernünftigen halfen nichts, keine Hand wurde gerührt, und schon streckte der pestilenzialisehe Geruch Mehre aufs Krankenlager, da befahl der Kapitän das Kochen so lange einzustellen, bis geschehen sey, was Vernunft und Gesundheit unumgänglich nöthig machten; welches Zwangsmittel so probat war, daß es jedes Mal in Anwendung gebracht wurde, wenn widerspenstige, die Ordnung nicht liebende Passagiere die Plätze vor den Schlafstellen nicht reinigen wollten. Die über Bord geworfenen Kartoffeln wurden sogleich von Fischen, welche in Menge das Schiff verfolgten, verschlungen.

Den 15. brachte ein begangener Diebstahl mehre Passagiere in Streit, welcher bald in blutige Händel überging, und bei welchem sich herausstellte, was für saubere Subjekte mit am Bord waren, da durch gegenseitige Beschuldigungen die Diebe bemerkt wurden, welche ungestraft glücklich der Justiz entwischt oder von ihren Gemeinden auf Kosten der Letztern nach Amerika befördert wurden. Auch an Freudenmädchen fehlte es nicht, welche nur zum Schein die Spröden spielten, gegen die Huldigungen der Matrosen aber nicht unempfindlich waren und deshalb von denselben in Schutz genommen wurden.

Kaum hatte sich der Lärm gelegt, als von Neuem Blut vergossen wurde. Der Zimmermann S. erhielt das seiner Frau im Schaffen gereichte Mehl mit dem Bemerken durch die Oeffnung im Deck zurück, es sey solches zu viel; das nun auf die Hälfte reduzirte Quantum ward ebenfalls mit der Weisung wieder herabgereicht, jetzt sey es zu wenig, worauf der Mann voll Zorn den Schaffen durch die Oeffnung warf. Das Geschirr fehlte die Frau, sprang aber am Tauwerk ab und verwundete einen Baier am Kopfe so tief, daß er umsank. Seine Landsleute sprangen zu, und Rache war die Loosung. Schon drangen sie in’s Deck, um den Thäter zu ergreifen, doch dieser flehte weinend um Erbarmen, schützte Zufall und seine ihn ärgerlich gestimmte Krankheit vor, und erhält so, vereint mit den Bitten seiner Kinder, die erbetene Gnade.

Der 16. war ein rauher nebeliger Tag und der Steuermann kündigte auf die Nacht Sturmwind an; da wir aber schon während der Fahrt einige starke Winde erlebt hatten, so legte sich Alles ohne Sorge zur Ruhe, nicht ahnend, was da kommen sollte. Es mochte wohl Nachts gegen 11 Uhr seyn, als der Wind heftig zu toben anfing und die Wellen, sich an dem Fahrzeug brechend, den hohlen Bau zu zertrümmern drohten und ihn ganz auf die Seite legten. Das Geschrei der Matrosen während des Einziehens der Segel und das Alles übertönende Kommandowort des Kapitäns ließ die Erfüllung der Voraussage auf Sturm vermuthen. Eben beschäftigt, mit meines Neffen Hülfe das Lager nach der hängenden Seite des Schiffs zu ändern, als sich solches zurückbiegt, in dem Augenblicke aber mit einer solchen Schnelligkeit umprallte, daß wir aus den Cojen geworfen wurden. Das Lager wieder zu erreichen, war bei der Dunkelheit im Zwischendeck, da alle Luken fest verschlossen und kein Stern eindringen konnte, nicht möglich. Auf allen Vieren kriechend, mühte ich mich vergebens ab, und aus der Richtung gebracht, wurde ich immer mehr von der Schlafstelle entfernt. Ganz betäubt, da sich das Erbrechen sofort einstellte, und unvermögend, an den beweglichen Kisten mich festzuklammern, wurde ich so auf dem Fußboden hin und her geschleudert, bis mir endlich nach vielen erhaltenen Stößen ein festgenageltes Bret einen Ruhepunkt zu gewähren schien; doch beim zweiten Griff, um mich im sichern Raum aufzuschwingen, erwischte die Hand einen weichen Fuß, der dem Schreie nach, welchen die Schöne ausstieß, einer +Unschuld+ angehören mußte, worauf die Schläge einer Männerfaust am Weitergreifen mich verhinderten und ich so von Neuem gleich den übrigen Effekten herumgeworfen wurde, bis der Jammerton meinen Neffen herbeiführte und wir vereint, auf allen Vieren kriechend, (da Aufrechtgehen unmöglich war) mit vieler Mühe die Lagerstätte erreichten. Immer heftiger ward der Sturm, wodurch Kisten und Laden durch das Zerreiben der Stricke sich lösten und, gegen einander geworfen, den Inhalt leerten, und somit Eß-, Trink- und Nachtgeschirr durch einander flogen. Schlag auf Schlag stürzten die tobenden Wellen über das Verdeck und drohten solches zu durchbrechen, und Mancher glaubte schon, sein Grab in den Meereswellen zu finden. Doch ärger und ängstlicher, als Sturm und Wellenschlag, erfüllte das Angstgeschrei der Kinder und Weiber die dunkeln Räume, wobei die Letztern den Männern gewöhnlich alle Schuld des zu ertragenden Unglücks zuzuschreiben Ursache zu haben vermeinten.

Bei alle dem Unglück und auszustehender Angst, wo die Mehrsten beteten, Kinder weinten, schrieen Andere wieder vor Lachen auf, wenn ein geängstigter Jude bei jedem Wellenschlag mit einem Auwei-Ruf in Abrahams Schoos zu wandern glaubte, und das Wasser, welches seiner Meinung nach zur Rettung keine Balken habe, verwünschte.

Hat schon das Uebereinanderbetten manches Unangenehme im Gefolge, um wie viel mehr wird solches aber bei Sturmeszeit verspürt, wo die obern Seekranken die unter ihnen Liegenden reichlich beschmutzen, wie ich jetzt zu erfahren volle Gelegenheit hatte, da ein Baier mir ein reichliches Maas der genossenen Erbsen über meinem Haupte entlud.

Der täglich für die Passagiere bestimmte Branntwein wurde nicht alle Morgen, wie es Vorsicht und Gesundheit erforderten, ausgegeben, sondern aus Bequemlichkeit des Proviantmeisters sogleich auf acht Tage gefaßt. Da solcher aber seiner schlechten Qualität halber nicht von jedem Passagiere genommen wurde, so benutzten dieses die Säufer und faßten die für Jene bestimmten Portionen auf deren Namen mit. Doch an Mäßigkeit nicht gewöhnt, war die unausbleibliche Folge, daß im Rausch Mancher vergaß, Mensch zu seyn und seinem Nächsten lästig wurde. Doch von üblern Folgen hätte der 18. d. uns werden können, wenn der angehende Sturm sich nicht bald wieder gelegt, da an diesem Tage der gereichte äußerst schlechte Branntwein sofort an die Matrosen verschenkt oder gegen Waizen-Schiffs-Zwieback[26] vertauscht worden war. Berauscht durch übermäßigen Genuß, lagen dieselben im tiefen Schlafe, als am Abend der sich erhebende Wind das Einziehen der Segel nöthig machte; Alle aber waren unvermögend, sich weder aufrecht zu erhalten oder in den Segeln zu arbeiten, noch das Kommando des Kapitäns zu vernehmen. Jetzt half der Steuermann nach und trieb dieselben mit einem Schiffstau, mit welchem er die Armen unbarmherzig über Kopf und Hände schlug, aus ihrem Rausch. Von dieser Zeit an wurde an jedem Morgen der Branntwein in einzelnen Portionen vertheilt und mußte auf der Stelle getrunken werden. Keinem war es gestattet, denselben im Glas, um ihn, wie es eigentlich der Zweck war, nach dem Genuß fetter Speisen zu trinken, mitzunehmen.

Bei dem Kochen des Kaffees, der für alle Passagiere im großen Kessel gebraut wurde, trat sehr oft der Fall ein, daß entweder zu viel oder zu wenig von diesem Labetranke bereitet worden war, indem die dazu beauftragten Personen nach ihrer eigenen Willkühr die Quantität Wasser dazu bestimmten; als aber noch durch den immer mehr und mehr abnehmenden Kaffeegeschmack die Erfahrung gemacht wurde, daß die sich mit dem Mahlen der Kaffeebohnen beschäftigten Personen das Metzen nicht vergaßen, so wurde fortan der gebrannte Kaffee in gleichen Portionen an jede Schlafstelle vertheilt, und Jedem selbst überlassen, wie viel er von dem kochenden Wasser verwenden wolle. Mit dem Thee verblieb es jedoch beim Alten, da derselbe reichlicher gespendet und von den Passagieren weniger begehrt wurde, weil derselbe bei mangelndem Zucker, Milch und Rum, in fauligem Wasser gekocht, bald Jedem widerstand.

Am Abend des 21. starb ein 19jähriges Frauenzimmer, welches schon kränklich das Schiff in Bremerhaven bestiegen und vom letzten Sturme vollends erschöpft und aller Hülfe entbehrend den Beschwernissen der Reise unterliegen mußte. Das Begräbniß erfolgte sogleich am folgenden Morgen, nachdem die Leiche in den Strohsack eingenäht worden, um die Schlafstelle, wo noch drei andere Passagiere mit placirt waren, zu reinigen. Kein Drängen der Reisenden zum Begräbniß, wie ich vermuthet hatte, fand statt, obgleich ein solcher Fall während der Fahrt noch nicht vorgekommen war. Alles scheute den Tod und blieb zurück. Nur der Bräutigam der Seeligen half den Matrosen beim Transport der Leiche aus dem Zwischendeck.

Da ich selbst nicht vermögend war das Lager zu verlassen, bat ich meinen Neffen, der Armen die letzte Ehre zu erzeigen und mir die dabei üblichen Formen und Gebräuche zu berichten, indem ich mir das Zeremoniel beim Einsenken in die See noch rührender als auf dem Lande dachte. Doch weder Steuermann noch sonst ein Anderer vertrat die Stelle des Geistlichen, kein Kapitän ließ sich sehen, alles blieb ruhig und so wurde die Leiche auf ein Bret gebunden, mit zwei Kugeln beschwert und ohne Sang und Klang in das Wasser hinabgelassen, wo sie alsbald ein Raub der Fische ward, welche, die Leiche witternd, das Schiff in Unzahl umschwärmten.

Am 25. wurden drei Schiffe bemerkt, welche gleich unserm Fahrzeug die Richtung nach Amerika nahmen, sich aber ziemlich entfernt hielten und, bald sichtbar bald nicht, den Passagieren einige Tage die Zeit verkürzten.

Als am 27. von einer Elsasser Familie das im Holzkübel gefaßte Mittagsbrot auf der neben der Treppenleiter stehenden Kiste verzehrt werden sollte, sah sich der besorgte Vater einer Judenfamilie genöthigt, das Schiff von einem mephitischen Geruche zu befreien, ward aber noch auf der Treppe von einer überschlagenden Welle getauft, wodurch er das Gleichgewicht verlor und mit seinem Nachtgeschirr zwischen die Elsasser fiel. Voller Wuth stürzten die Letztern den vollen Kübel mit den so verdorbenen Erbsen über den Kopf des vor Schreck halbtodten Juden, welchen auf seinen Hülferuf die Glaubensgenossen wieder zu befreien suchten; aber der schlüpfrige Boden, verbunden mit dem Schaukeln des Schiffes, machten das Feststehen unmöglich, und so fiel Einer über den Andern, welches sattsamen Stoff zum Lachen gab.

Am 31. verfolgten zwei junge Wallfische das Schiff, welche durch das fontänenartige Aussprudeln des Wassers den Passagieren zur Belustigung dienten. Besonders aber bringen bei warmer Witterung und ruhiger See die Meerschweine (Delphine) eine Abwechselung in das alltägliche Leben, da solche oft in stundenlangen Linien, einer hinter dem andern, zwei bis drei Schuhe hohe Sprünge über die Wasserfläche machen.

Ich selbst, der bis jetzt das Lager noch nicht verlassen, heute mich aber besonders wohl fühlte, wünschte dieses Schauspiel zu sehen und das Entzücken zu genießen, welches der Anblick des unendlichen Meeres zum ersten Mal auf den Menschen ausübt. Ich suchte daher mit Hülfe meines Neffen, da ich nicht vermögend war allein zu gehen, das Verdeck zu ersteigen und, am Mittelmast gelehnt, genoß ich in vollen Zügen die reine heitere Luft. Doch ein Blick auf das Meer ließ mir solches erscheinen, als wenn es tief in den Abgrund versinke und eben so schnell wieder zu den Wolken sich erhebe. Schwindel ergriff mich, Alles drehte sich mit mir im Kreise, es stellte sich das Erbrechen ein und zwar mit einer solchen Heftigkeit, daß ich mehr todt als lebendig zurück in das Verdeck getragen werden mußte.

Vier Wochen war ich also auf dem großen Weltmeere herumgeschwommen, ohne von der unermeßlichen Wassermasse, die uns umgab, Etwas gesehen zu haben, und würde vergessen haben, wo ich mich befand, wenn das geräuschvolle Anschlagen der Wellen nicht daran erinnert hätte.

Zehnter Brief.

New-York im August 1839.

Fortsetzung.

Bis Anfang August war die Fahrt bei allen ausgestandenen Gefahren und Beschwerden immer noch für die gesunden Passagiere erträglich gewesen, da bei den Meisten der in Vorsorge mitgenommene Extra-Proviant oder sonstige Leckereien ausgeholfen hatten. Dieses war aber jetzt verzehrt und nur auf die Schiffskost und das nicht mehr zu genießende stinkende Wasser blieb man beschränkt, welches Letztere ohne Zusatz von Essig nicht mehr getrunken werden konnte, wenn man auch während des Einfüllens die Nase verstopfte. Der Kaffee und Thee, in diesem Wasser gekocht und beim Mangel von Zucker, Rum und Milch, waren mehr als Brechmittel wie Labsal zu betrachten, und halfen nur als Uebergüsse den ans Roggenkleie steinhart gebackenen Schiffszwieback zu erweichen und so genießbar zu machen. Besser bekam und füllte die mehr und mehr ausgehungerten Magen früh und Abends der vorher eingeweichte, stark mit Pfeffer und Salz bestreute Zwieback, welcher, mit kochendem Wasser überbrüht, eine an Geschmack, doch mehr dem Aussehen nach, Wurstsuppen ähnliche Speise lieferte, welche in der Dunkelheit genossen, trefflich schmeckte, da hier weniger zu unterscheiden ist, was für Extra-Zusätze sich in der Speise befinden, welche zuweilen die Hals-Passage zu verstopfen drohen.[27] Fast aber mehr als alles Dieses machte das Ungeziefer den Passagieren das Ende der Reise wünschenswerth; da außer Wanzen, Flöhen, Ameisen, großen und kleinen Schwaben[28], die Läuse auf eine so furchtbare Art überhand nahmen, daß Männer und Frauen halb nackend sich möglichst zu reinigen suchten. Das Alles gab vorzüglich des Nachts Veranlassung zu lauten Klagen, und manche Frau verwünschte den Mann, der sie und die Familie durch süße Schilderungen der schönen Reise und lockender Zukunft zur Auswanderung vermocht. Doch jetzt war es zu spät; nur Geduld allein macht den reuigen Schritt weniger fühlbar.

Nicht zu beschreiben ist, wie lange Einem unter solchen Umständen die Tage und mehr noch die schlaflosen Nächte werden, überhaupt wenn man nicht vermögend ist, eine Viertelstunde lang lesen oder schreiben zu können, um sich mit Lektüre die Zeit zu verkürzen.

Der Glaser R. war eben so stark, wie ich, von der Seekrankheit heimgesucht, und mußte während der Dauer der Reise das Lager hüten. Jede heftige Bewegung des Schiffs erneuerte das Brechen bei ihm und erst auf dem festen Lande erhielt derselbe die geschwundenen Kräfte wieder.

Der Zimmermann S. glich mehr einem Skelett, als einem lebenden Menschen, da ihm Blutstürze verboten, von der gelieferten gesalznen Schiffskost Etwas zu genießen und er nur das Leben mit wenig Suppe fristete, die ihm der Schiffskoch aus Erbarmen reichte. Frau und Kinder hatten unter solchen Umständen viel zu ertragen, da Ersterer selbst der Abwartung bedurfte und nichts zur Bequemlichkeit der Familie beitragen konnte. Manches harte Wort mußte der Kranke von der Frau vernehmen, welche mehr gezwungen, als freiwillig die Heimath verlassen hatte.

Die Schuhmacherfamilie F. war abwechselnd gesund und krank, nur der alte Großvater hielt sich tapfer, wurde wenig seekrank, hatte immer Appetit und diente so Jedem zum Muster.

Der Seiler S. war ebenfalls mit seiner Frau gezwungen, die Hälfte der Reise das Lager zu hüten; später befanden sie sich aber wohl.

Der Metzger R., Anfangs gesund, war aber unmäßig im Essen und Trinken und mußte deshalb als gerechte Strafe die letzte Zeit hart dafür büßen; er konnte vierzehn Tage lang Nichts genießen und betrat äußerst schwach den amerikanischen Boden. Mein Neffe war der Einzige, welcher nie erkrankte, immer auf den Beinen und mit einem Appetit begabt war, daß ihn jede Speise labte.