Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 34

Chapter 341,663 wordsPublic domain

[22] Recht gut ist es, sich außer den schon angegebenen, zur Seereise nöthigen Gegenständen, noch mit einigen Leckereien, wie Bonbons, zu versehen, welche man bei passenden Gelegenheiten an Kinder verschenkt und dadurch sich die Zuneigung der Eltern erwirbt, welche in vorkommenden Fällen durch Hülfeleistungen gern dafür erkenntlich sind. Ferner schaffe man sich zur Kurzweil ein Bretspiel oder Domino an, vergesse ein Gebetbuch nicht, da Beten das Herz erhebt und füge dem noch einige Bücher zur Lektüre bei. Selbst eine Brieftafel mit Bleifeder ist von Nutzen, um immer das Nöthige notiren zu können.

[23] Zum Malheur für uns waren unter den am Bord habenden Kartoffeln viele faulige, welche während der Reise auch die guten ansteckten, so daß der ganze, in Fäulniß übergegangene Vorrath ins Wasser geworfen werden mußte, wodurch wir um eines der besten Lebensmittel kamen. -- Die zur Aufbewahrung des Wassers bestimmten Fässer waren vor dem Füllen nicht gereinigt worden, und so konnte es nicht anders kommen, daß der dort zurück gebliebene Unrath das frische Wasser bald so verdarb, daß es nur aus Noth genossen werden konnte. -- Ob Arzneien oder sonstige Leckereien für die Kranken auf dem Schiff sich befanden, wie dieses uns von Herrn W. bekannt gemacht worden war, vermag ich nicht zu behaupten, da eben so wenig +Kranke+, wie +Gesunde+ Etwas davon verspürten.

[24] Ein Universalmittel für gänzliche Abwendung der Seekrankheit giebt es bis jetzt noch nicht. Bei sämmtlichen Deckpassagieren, 208 an der Zahl, welche verschiedene Kuren machten, half keins vollkommen. Nach meiner unmaßgeblichen Ansicht ist es das beste sich schon vor dem Antritt der Seereise in Diät zu üben, den Magen nie zu überladen, Leib und Füße warm zu halten, möglichst wenig und nur mit Essig vermischtes Wasser zu trinken, auch, um den Stuhlgang zu befördern, mitunter Pflaumen zu genießen. Auch ist es gut, so lange die Kräfte es erlauben und die Witterung es gestattet, sich auf dem Verdeck aufzuhalten, um den mephitischen Ausdünstungen im innern Raume zu entgehen und sich Bewegung zu machen.

[25] Die gethane Bitte, uns für Geld ein Paar Flaschen Wein abzulassen, wurde mit der Bemerkung abgeschlagen, daß für Kranke kein Wein am Bord sey und der Kapitän selbst nur das nöthige Quantum für die Kajüte besitze.

[26] Der für die Zwischendeck-Passagiere bestimmte Schiffszwieback wird aus Roggenschrot gemacht, von welchem das feine Mehl weggenommen ist. Die kleinen hart gebackenen Brode werden, in zwei Hälften geschnitten, geröstet, und so vor dem Verschimmeln auf der See geschützt. Der Zwieback für die Matrosen hingegen ist aus Waizenmehl bereitet und gleicht an Geschmack unsern Fastenbretzeln.

[27] In den Speisen Haare zu finden, waren wir schon gewöhnt, als aber meinem Neffen eine ganze Locke zwischen den Zähnen hängen blieb, so verging uns doch der Appetit auf einige Tage, bis solcher, durch Hunger veranlaßt, sich wieder einstellte.

[28] Die Schwaben hatte das Schiff in Ostindien erhalten und waren, wie die Matrosen versicherten, aller bis jetzt angewandten Mittel ungeachtet, noch nicht auszurotten gewesen.

[29] Der Lootse, oder Pilot, soll für seine Bemühung, das Schiff unbeschädigt in sichern Hafen zu bringen, 50 Dollar erhalten.

[30] Zwei Passagiere kommen auf fünf Tonnen.

[31] Wenn auch den Männern nicht mehr so oft das Glück auf Amerikanischem Boden lächelt, so bleibt solches doch noch immer den Frauenspersonen hold. Der Verdienst für Letztere ist gut, 4 bis 6 Dollars monatlich, und bei der Ankunft sind in der Regel offene Stellen vorhanden. Auch wenn sie heirathslustig sind, fehlt es nicht an Männern.

[32] Ein Dollar oder spanischer Thaler ist gleich fünf Franks 30 Centimes französisches Geld, oder 1 Thlr. 14 gGr. Preuß. Cour. hat 8 Schillinge, der Schilling 12½ Cents. Der Cents ist die kleinste Kupfermünze in Amerika und gehen 100 Stück auf den Dollar.

[33] Dergleichen Kommissionäre giebt es hier in allen Städten, und nur zu oft werden von ihnen die Arbeitsuchenden geprellt. Auch oben bemerkter Herr hatte schon einige Mal wegen sich schuldig gemachten Betrugs, vor Gericht gestanden, sich aber als echter Amerikaner den Rückweg offen zu erhalten gewußt. Die Versprechungen, immer für tüchtige und fleißige Arbeiter in jeder Branche Stellen offen zu haben und solchen einen hohen Lohn zu stellen, beruht selten in Wahrheit und ist dieses nur die Lockspeise, um damit die Einwanderer zu bestimmen, sich seiner Person als Vermittler zu bedienen.

[34] Als Gehülfe in einem Fabrikgeschäft oder bei einem Meister einzutreten, wenn ein solcher einen Gesellen braucht, wirft nicht so viel ab, um sich und eine Familie ernähren zu können. Auf eigene Hand aber, sofort bei Ankunft in Amerika zu arbeiten, ist noch schwieriger, denn dazu gehören Mittel, Kundschaft und die nöthige Landessprache. Außer Kredit fehlen auch noch die hier gebräuchlichen Handgriffe, um mit seinen Kollegen konkurriren zu können. Alles dieses kommt erst mit der Zeit. Die ersten Jahre sind Leidensjahre, da Jeder wieder von vorn anfangen muß in seinem Geschäft zu lernen.

[35] Sehr oft trifft man solche Unglückliche, die in Amerika an Kanälen und Eisenbahnen arbeiten müssen, während sie im Vaterland eine weit glänzendere Rolle gespielt haben.

[36] Wie ich später erfuhr, hatten 4 Mann auf gemeinschaftliche Rechnung die Gastwirthschaft im Pacht, und einer von ihnen war es, welcher mich beim Bezahlen einer Flasche Bier um einen halben Dollar betrog.

[37] Ich selbst habe als Probe ein Zeitblatt aus Amerika mit zurückgebracht, welches 6 Fuß breit und 4½ Fuß hoch ist.

[38] Ein ähnliches Gesetz bestimmt auch, daß die Schiffseigner verbunden sind, jeden Einwanderer, welcher im ersten Jahr seines Aufenthalts in Amerika kein Unterkommen findet und aus Mangel an Geldmitteln dem Magistrat zur Last fällt, unentgeldlich nach dem Hafen wieder zurückzufahren, von wo aus der Auswanderer seine Reise nach Amerika angetreten hat. Leider ist dieses Gesetz nicht bekannt genug, denn sonst würden wohl Tausende meiner Landsleute mit Freuden in die liebe Heimath zurückkehren.

[39] Vergebens habe ich mich bemüht, die Entstehung dieses so sonderbaren Schimpfwortes, was in allen Vereinigten Staaten unter den niedern Volksklassen üblich ist und gegen die Deutschen gebraucht wird, zu erfahren.

[40] Gewöhnlich werden fünf englische Meilen auf eine deutsche gerechnet und es sind im Lauf dieser Briefe immer nur Erstere zu verstehen, wenn auch das Wörtchen: „englische“ weggelassen ist.

[41] Tanneberg, ein geborner Weimaraner, war dort 6 Jahre mein Freund und Hausgenosse gewesen. Wir hatten beide beschlossen, die Seereise nach Amerika, wo er sich förmlich übersiedeln wollte, zusammen anzutreten, während meine Absicht war, nur drei Jahre dort zu verweilen. Geschäftsangelegenheiten zwangen mich jedoch, den Abgang auf ein Jahr hinaus zu verschieben; da Ersterer aber nicht so lange warten wollte, trat er die Reise ohne mich an.

[42] Nur zu gewiß ist, daß dieser Arme sich abermals in seinen Hoffnungen getäuscht hat, da er seinem gegebenen Versprechen gemäß, mir nach meiner Heimkehr dann und wann Kunde zuzuschicken, bis jetzt nicht nachgekommen ist. Ebenso sind die noch lebenden Mutter und Bruder ohne alle Nachricht geblieben, obgleich Letzterer in mehren Briefen dringend darum gebeten hat. Die wahren Verhältnisse seines Geschicks mag er vermuthlich aus falscher Scham nicht schreiben und die Seinigen zu belügen denkt er zu rechtschaffen.

[43] Zur Versinnlichung dieser herrlichen Ansicht folgt hier aus dem ~Western-Pilot~ ein Kärtchen mit dem Kanal.

[44] Zu besserer Verständigung sehe man die Abbildung.

[45] Zum Mäßigkeitsvereine Gehörende.

[46] Bremen, Taback kauen.

[47] Borden, in Miethe und Kost gehen.

[48] Betrug und Geldschneiden gehören also in den Vereinigten Staaten Amerikas in die Kategorie erlaubter Spekulationen.

=W. H.=

[49] Im Erdgeschoß des Rathhauses befindet sich die Wachtstube der Bürgerwache nebst einem Gefängniß für Neger und sonst aufgegriffenes Gesindel. Vor der Wache steht eine Kanone, aus welcher jeden Abend 8 Uhr ein Schuß geschieht, welches das Signal ist, daß von dieser Zeit an kein Neger ohne Erlaubnißschein sich auf der Straße blicken lassen darf, desgleichen kein Gepäck mehr durch die Straßen transportirt werden soll, um dadurch das Entwenden der Sachen mehr zu verhüten, und aufgegriffenen Dieben mehr die Ausrede zu benehmen.

[50] Die Fahrpreise von ~New-Orleans~ nach den nördlichen Staaten sind immer um die Hälfte theuerer, als es der Fall umgekehrt ist.

[51] Thalemann war die dritte Person, welche mit mir und Tanneberg zu gleicher Zeit die Reise nach Amerika beschlossen; durch meinen späten Abgang aber getrennt, nur mit Tanneberg vereint, ein Jahr früher als ich, den amerikanischen Boden betreten hatte.

[52] Die Stadt Weimar sandte eine Anzahl Verbrecher nach Amerika, die ihre Strafzeit abgebüßt hatten.

[53] Siehe den beigelegten Plan.

[54] Ein Lobspruch für unsere deutschen Brüder in Amerika! Die Deutschen, in ihrem Vaterlande an Ruhe und Sicherheit gewöhnt, werden nach und nach durch ihre Ueberzahl Zucht und Ordnung verbreiten, die in Amerika herzustellen von Nöthen zu seyn scheint.

[55] Die Polizei und die Sicherheitsanstalten in ~New-York~ müssen nach dieser Erzählung wirklich vortrefflich seyn. Das ist also amerikanische gepriesene Freiheit, wo Niemand seines Lebens und Eigenthums sicher ist.

=W. H.=

[56] Welches Schicksal dieses zweite Schreiben gehabt, liegt im Dunkel, da, wie ich erst kürzlich aus Amerika berichtet worden bin, dorthin keine Antwort darauf eingegangen ist, und das Kind noch immer nicht die heilige Taufe empfangen hat. Vielleicht trägt das hier Mitgetheilte dazu bei, die Sache dennoch an die rechte Schmiede zu bringen, so daß das Sprichwort in Erfüllung geht: „Was lange währt wird gut.“

[57] Schellhorn.

=W. H.=

[58] Ein durch Dämme abgeschlossener Raum.

[59] Spottweise -- er trank gern und viel.

=W. H.=

[60] Diese ungeheure Figur sollte bei Napoleons Regierung aus Erz gegossen werden; das Projekt wurde jedoch unausgeführt gelassen, und das Modell nimmt jetzt den dazu bestimmten Platz ein.

[61] Ein thüringisches Sprichwort, welches so viel bedeutet: Man weiß eine Sache nicht zu schätzen.

=W. H.=

[62] Man nennt dieses in Paris die ~Queue~, und eine solche Veranstaltung wäre in Weimar und an andern Orten zur Verhütung von Unglücksfällen einzuführen.

=W. H.=

[63] ~Coucous~, auf Deutsch „Kuckuk“, sind einspännige, zweirädrige mit einem Verdeck versehene Kutschen, welche von Paris aus in die Umgegend und von da zurück die Reiselustigen befördern.

[64] ~Lapins~, auf Deutsch „Kaninchen“, werden in Paris die Passagiere genannt, welche bei schon besetzten Plätzen im Wagen auf unbequemen Sitzen außerhalb derselben, die Reise für ein geringes Fuhrlohn mitmachen.

[65] Rumpelpost genannt.

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