Part 32
„Wie ganz anders gestaltet sich die Stadt am späten Abend. Die Lampen und Laternen sind erloschen, nur das Gas leuchtet noch auf einigen Plätzen und in größern Straßen; die Läden sind geschlossen, die Lichter in den Zimmern sind verlöscht, und nur in den obersten Stockwerken flimmert noch hin und wieder ein Licht. Der Journalist, der Poet, der Gelehrte arbeitet da noch; die arme, von der harten Tagesarbeit ermüdete Mutter, sucht für ihre hungrigen Kinder noch Etwas zu verdienen. Die Grisette erwartet noch ihren Geliebten; die feile Dirne lauert auf Beute, um morgen essen zu können. Dunkle Gestalten, von denen viele das Tageslicht scheuen mögen, schleichen gespensterartig mit leisen und gellenden Tritten an den Häusern hin; Patrouillen durchreiten und durchwandern die Stadt. Die Chiffonniers, mit ihren kleinen Laternen, hölzernen Butten und eisernen Hacken durchwühlen die Gossen und Ecken, um spärliche Papierschnitzel, verdorbene und weggeworfene Eßwaaren aufzusuchen. Nur selten rasselt ein Wagen; die pestilenzialisch stinkenden Ausleerungskarren schleppen langsam einher und gleichen Leichenwagen in einer ausgestorbenen Stadt, und Paris ist jetzt todt. Nur in den Salons der Großen, in den Spiel- und Freuden-Häusern ist noch Leben.“
Etwas spät stellte sich am andern Morgen mein wackerer Führer ein, da Heiserkeit und Kopfschmerzen ihn länger als gewöhnlich, aufs Lager gefesselt hatten. Doch solch ein nächtlicher Kommers genirt einen braven Burschen nicht. Der fleißige Maler stand schon früh mit Pinsel und Palette an seinem Meisterwerk, und korrigirte nebenbei vorkommende Fehler seiner jungen und talentvollen Schülerin, welche die Mutter mit Argusaugen bewachte, da in Paris den Männern in diesem Punkte zu wenig getraut wird, und man in jedem unbewachten Frauenzimmer, welche auf der Stube eines Mannes angetroffen wird, ein Grisettchen erkennt.
Ohne Appetit wollte heute bei einem ~Marchand de vin~ das Frühstück nicht munden, welches uns bestimmte, um nun auch die Wirthschaft einer der größten und vornehmsten Pariser Restaurationen kennen zu lernen, im ~Palais-Royal~ das Mittagsbrod einzunehmen.
Gute Bedienung, schmackhafte Speisen und trefflichen Wein findet man hier, doch ist solch ein Genuß, den Gaumen zu kitzeln, bei beschränkten Mitteln um so weniger anzuempfehlen, wenn man vom Hause aus kein Feinschmecker ist, und das Sprichwort: „Was hilft der Kuh Muskate!“[61] hier Anwendung finden möchte. Solch ein Vergnügen ist zu kostspielig, als daß der mit Glücksgütern nicht gesegnete Fremde hierauf nicht verzichten sollte. In ebenfalls anständigen Restaurationen, woran es in Paris nicht fehlt, ist es um drei Theile billiger.
Das geschichtlich merkwürdige ~Palais de Luxembourg~, jetzt der Versammlungsort der ersten Kammer, der Pairs von Frankreich, wurde heute besucht. Die Gemäldegallerieen, in welcher nur Meisterwerke jetzt lebender Künstler aufgestellt werden, ist sehenswerth; der daran stoßende herrliche Garten soll besonders von den Herren Studenten frequentirt werden, welche mit dem Liebchen am Arm, sich in den schattigen Gängen erholen, denn hier ist es Sitte, daß die Pariser Musensöhne, wie ihre deutschen Brüder ohne lange Pfeife nicht leben können und sich öffentlich zeigen, diese, ohne ein Grisettchen am Arm zu haben, die Straße nicht betreten und sonst in vertraulicher Eintracht mit ihren Stubengenossinnen leben.
Solche Stubenmädchen, deren es 18-20,000 in Paris geben soll, verdienen sich in der Regel vom Nähen und Sticken ihren Unterhalt, welcher Verdienst jedoch nicht ausreichend ist, um auch Putz und Logis davon bestreiten zu können, weshalb das liebe Geschöpfchen zu einem Studenten oder sonst jungen Mann nach ihrem Geschmack zieht, dessen Wirthschaft besorgt und die Frau vertritt, woher es kommen mag, daß die Findelhäuser immer reichlich besetzt sind. Dennoch findet man in einem solchen gesellschaftlichen Verhältniß nichts Anstößiges und weder Eltern, Vormünder noch die Obrigkeit haben Etwas dagegen einzuwenden.
Von hieraus wurde das ~Panthéon~ besucht, ein Meisterwerk der Architektur, welches schon über dreißig Millionen Franks gekostet hat und im Bau noch nicht vollendet ist. Es nimmt einen der ersten Plätze der Pariser Merkwürdigkeiten ein. Die Bestimmung dieses prächtigen Tempels des Ruhmes ist: die Gebeine berühmter Männer aufzunehmen, weshalb unter dem Gebäude eine lange Reihe von Gewölben angebracht ist.
Auch das ~Musée d’Artillerie~ wurde heute besichtigt, wo in fünf Gallerieen verschiedene Kriegswerkzeuge aufgestellt sind.
Auch zeigt man dort, außer den wirklich authentischen Waffen der größten französischen Kriegshelden und Monarchen, den Helm des ~Attila~.
Am Abend wurde die große Oper besucht, wo wir bei frühzeitiger Ankunft schon eine Menge Menschen versammelt fanden, welche die im Zick-Zack errichteten Barrieren füllten und in Reihe und Glied das Oeffnen der Kasse erwarteten. Eine lobenswerthe Ordnung findet dabei Statt, bedungen von den vor dem Stück aufgestellten und nach Anfang desselben wieder weggenommenen Verschlägen, wodurch das Zudrängen von allen Seiten nach dem Eingang unmöglich wird, und so geschützt, der Vorderste Einlaß erhält, die Folgenden nachrücken und die Neuangekommenen sich immer dem Hintersten erst anschließen müssen.[62]
Pracht und Eleganz herrscht hier bis auf den letzten Sitz der obersten Gallerie und, wie in London, erhöhen die Lichtflammen fünf großer und brillanter Leuchter den Glanz der Vergoldung und Malerei, mit welchen das Haus reich und geschmackvoll dekorirt ist.
Die Vorstellungen dauern sehr lange, von acht Uhr bis Mitternacht; füllt ein Theaterstück diese Zeit nicht aus, so werden in mehrern Schauspielhäusern öfters vier bis fünf verschiedene Stücke gegeben.
Nicht wie bei uns, bekundet ein anhaltender Applaus die Kunst der Spieler, wie den anerkannten Werth des Stücks, denn hier, wie in London, giebt das Publikum nicht durch Klatschen seinen Beifall zu erkennen, sondern dies Geschäft verrichten die von den Theater-Direktionen, Akteurs und Aktricen, sowie vom Autor des Stücks bezahlten Klatscher (~Claqueurs~), welche sich im ganzen Theater verbreiten und je nachdem es bezahlt worden ist, werden die Hände in Bewegung gesetzt. Wer zu zischen und pfeifen wagt, indem sie klatschen, wird maltraitirt, wer klatscht, wenn sie ruhen, verhöhnt.
Vor Allem vermißt der Fremde in Amerika, London und Paris das gesittete und stille Betragen der Zuschauer vor Beginn des Stücks. Man spricht hier laut miteinander, ruft aus dem Parterre den in Logen und Gallerieen Sitzenden zu, macht allerhand launige Bemerkungen, lacht, schreit und singt nach Belieben und nicht weniger geniren sich später kommende Zuschauer, welche über Bänke und Sachen weglaufen, und sich einzudrängen suchen. Ebenso belästigen Verkäufer, welche Theaterzeitungen, Lorgnetten, Eßwaaren etc. feil bieten, und sich durch die Reihen Platz zu machen verstehen. Je nachdem das Stück Anklang findet, so hängt davon die Ruhe und Aufmerksamkeit des Publikums ab. Zieht das Stück an, so geht es erträglich, mißfällt es dagegen, so hat der Lärm keine Grenze, da ein Jeder für sein erlegtes Geld das Recht zu haben glaubt, sein Urtheil laut abgeben zu können.
Sonntag, den 28. Februar, fuhren wir auf der am rechten ~Seine-~Ufer angelegten Eisenbahn nach dem vier Stunden von Paris gelegenen ~Versailles~, um daselbst das schöne Schloß, die in demselben aufgestellte große Bildersammlung, Statuen, wie die so berühmten Wasserkünste im Schloßgarten zu sehen.
~Versailles~, zur Zeit Ludwig ~XIII.~ noch ein Dorf, erhielt erst sein Ansehen, nachdem dieser Regent ein Jagdschloß daselbst erbaute, seine Nachfolger aber solches erweiterten, immer vergrößerten und bis zur Revolution den Sitz des Hofes und der Regierung dahin verlegten, wodurch die Stadt an Größe schnell zunahm und gegen 100,000 Einwohner zählte; nach jener Schreckenszeit kam sie aber schnell in Verfall, so daß die Seelenzahl bis auf 30,000 herabsank, jetzt aber wieder im Zunehmen ist, da durch das von Ludwig Philipp daselbst angelegte Museum viele Fremde hingezogen werden und eine doppelte Verbindung mit Paris durch zwei Eisenbahnen hergestellt worden ist.
Eine genaue Beschreibung des Schlosses, der Kunstschätze, so wie des Gartens, findet man in dem Fremdenführer von Moritz Grimm, welcher Wegweiser jedem Fremden in Paris anzuempfehlen ist.
Die Wasserkünste, mit einem ungeheuern Geldaufwand errichtet, überbieten Alles, was wohl Derartiges auf der Welt existiren mag, und wenn sie spielen, glaubt sich der Zuschauer in das Feenreich versetzt.
Zweiundfunfzigster Brief.
Fortsetzung.
Im März 1841.
Die Kunstschätze des Schlosses von ~Versailles~, wie die Wasserwerke des Parks, lassen erklären, warum man aus zwei verschiedenen Pariser Stadttheilen hieher kostspielige Eisenbahnen errichtet hat, da der Zudrang von Schaulustigen, sowohl Fremder als Einheimischer, sehr groß ist und die Herren Aktionärs bei stattfindender Konkurrenz immer noch hohe Prozente beziehen sollen.
Bis ~St. Cloud~, einer kleinen Stadt an der ~Seine~, wurde auf der Schienenbahn, die uns nach ~Versailles~ gebracht hatte, zurückgefahren, um das daselbst befindliche Schloß, für welches Napoleon eine besondere Vorliebe gehabt haben soll und welches Carl ~X.~ gewöhnlich zum Aufenthalt diente, zu besehen, und die im Schloßgarten befindlichen Bassins und Statuen zu bewundern; sowie später die Fußwanderung nach ~Sévres~ fortgesetzt wurde, um daselbst die weltberühmte Porzellan-Manufaktur und das in dieser befindliche Museum von fremdem und einheimischen Steingut und Töpferwaaren, Muster der Erden, aus denen sie fabrizirt werden, so wie Modelle aller Arten, Vasen, Figuren und Service, die seit 1755, dem Bestand dieser Anstalt, hier verfertigt worden sind, kennen zu lernen; dann besahen wir das zwischen ~Sévres~ und ~Meudon~ auf einem Hügel sehr schön gelegene ~Bellevue~, wo man auf der Terrasse einen herrlichen Ueberblick von ~Paris~ und den ~Seine-~Fluß hat.
Park und Schloß zu ~Meudon~ sind in neuerer Zeit von Ludwig Philipp durchaus neu eingerichtet worden, obgleich schon Napoleon für seinen Sohn dasselbe restauriren ließ.
Bis hierher ging Alles gut, und da das schönste Wetter diesen Ausflug, auf welchem ich gesehen, was ich wohl schwerlich zum zweiten Male sehen werde, es müßte denn Fortuna ein besonderes Auge auf mich werfen, begünstigte, so blieb nichts zu wünschen übrig, als möglichst schnell den knurrenden Magen zu beschwichtigen, da er sich mit dem geistigen Genuß nicht begnügen wollte.
Das herrliche Frankreich mit seinem Feuerwein, wie das bescheidene Vaterland mit seinem Gerstensaft, ließen wir bei dem nächsten ~Marchand de vin~, wo eingekehrt wurde, hoch leben, und dadurch immer beredter und fideler, versäumten die Freunde an den Aufbruch zu mahnen und schon war der Wagenzug vorüber, als wir, um mitzufahren, zur Eisenbahn eilten.
Höllisches Geschick! Weder ein Fiacker, noch ~Coucous~[63] ließ sich sehen und da keine Zeit zu verlieren war, indem wir am Abend der Vorstellung im Theater ~Franconi~ beiwohnen wollten, wo die Zurückkunft der Asche Napoleons theatralisch aufgeführt werden sollte, so blieb nichts übrig, als im Sturmschritt nach der Barriere zu eilen, um daselbst einen ~Omnibus~ zu besteigen, welcher uns nach dem weit entfernt gelegenen ~Boulevard du Temple~ transportiren sollte.
Auf dieser Tour rettete ich die Ehre meiner Landsleute, von denen die meisten während ihres Aufenthaltes in Paris vor Allem über das beschwerliche Zufußgehen geklagt haben, und ohne Wagen nicht fortzubringen gewesen seyn sollen, ich dagegen meine wackern Freunde immer hinter mir ließ, und dadurch zeigte, daß eine Reise nach Amerika nicht so mitnehmend sey, als ein Leben in Paris.
Der bei dem ~Omnibus~ wachthabende Sonnenbruder, welchem das Geschäft oblag, zur rechten Zeit den in der nächsten Kneipe sich wärmenden Kutscher zu rufen, hatte sich selbst das Geschäft erleichtert, war in den Wagen gestiegen und sanft entschlafen, mußte jedoch im Traume sich berufen fühlen, dieses Terrain frei zu halten, denn er schlug bei unserm Einsteigen um sich herum und machte, nachdem wir Posto gefaßt, Miene, uns wieder aus dem Wagen zu werfen, bis durch den Lärm der Kutscher selbst herbeieilte und den Trunkenbold auf die Seite schaffte.
Was ich vermuthete, war geschehen. Das Theater war längst angegangen und schon ein Stück vorüber, wie die aus dem Hause kommenden Schaulustigen zu erkennen gaben, von welchen die nicht Zurückgehenden ihre Billets an bereit stehende Kontremarken-Händler verkauften und Letztere solche wieder an später kommende Zuschauer anzubringen suchten, weshalb mehrere dieser Industriellen sich an uns drängten und Marken offerirten.
Dieser Billethandel, wogegen die Theater-Direktion nichts einzuwenden hat, geht in Paris ins Große und verschafft dem Publikum den Vortheil, daß man nicht für die ganze Vorstellung, welche an einem Abend Statt findet, zu bezahlen hat, im Fall man vor dem Schluß des Hauses das Schauspiel verläßt, oder erst in dem bald beendigten Stück das Theater besuchen will.
Mit allem Pomp und getreuer Nachahmung der stattgefundenen Ceremonieen, bei Abholung der Leiche Napoleons von ~St. Helena~ bis zur Uebernahme derselben im Invalidenhaus zu Paris von Ludwig Philipp, wurde diese Begebenheit theatralisch dargestellt, welcher Genuß mir um so willkommner war, da ich bedauern mußte, zu spät nach der Hauptstadt gekommen zu seyn, um der wirklichen Trauerfeierlichkeit beiwohnen zu können.
Am nächsten Morgen wurde die Magdalenenkirche besucht, welches herrliche Gebäude, von Napoleon zu einem Tempel des Ruhms bestimmt, jetzt wieder, nach dem Willen ihres ersten Gründers Ludwigs ~XV.~, unter die Zahl der Gottgeweihten Häuser aufgenommen ist. Das vollendete Aeußere dieses großartigen Tempels gewährt einen freundlichen Anblick, ohne daß der Styl verräth, daß man einer christlichen Kirche nahe stehe.
Aehnlich der Magdalenenkirche ist die Börse großartig aufgeführt, und wie jene 52 Säulen von Außen zieren, so sind hier 66 dergl. angebracht. Die von oben erleuchtete und mit einem herrlichen Plafont geschmückte Halle ist groß genug, 2000 Personen fassen zu können; am schönsten kann man von der Gallerie herab das Gewühl der versammelten Menge von Spekulanten, Banquiers, Kaufleuten bis zum kleinsten Krämer herab, durchmengt von Neugierigen und Dieben, beobachten, wenn man nicht selber in der Nähe die großartigen Handels- und Geldgeschäfte mit ansehen und hören will, und weniger besorgt für seine Uhr und Börse ist, denn mit unglaublicher Keckheit werden hier, besonders den Fremden, nicht allein Taschentücher entwendet, sondern die Virtuosität dieser Industriellen erstreckt sich besonders auf Dosen, Uhren und Brieftaschen, welche, ehe man es ahndet, verschwinden. Paris und London werden sich wohl in diesem Fach immer den Vorrang streitig zu machen suchen und die unerreichbaren Vorbilder aller Gauner und Diebe bleiben.
Von hier aus wurde die große ~Passage des Panorames~ durchschritten und durch diese aufmerksam gemacht, verschiedene andere Glasgallerieen besucht; auch wurde mir das Haus gezeigt, woraus Fieschi seine Höllenmaschine auf den König abgeschossen hatte.
Die Beschauung des ~Louvre~ kam jetzt an die Reihe. Dieser Palast, von Franz ~I.~ (1528) errichtet, von allen nachfolgenden Regenten aber vergrößert und verschönert, interessirte mich ungemein. Er erweckt viele historische Erinnerungen und war häufig die Wohnung der Könige. Karl ~IX.~ schoß von hier aus auf die Hugenotten in der Bartholomäusnacht und hier fand der erbitterte Kampf des Volks gegen die Schweizergarde in der Juli-Revolution Statt. Das Aeußere, wie der innere Ausbau, dieses großartigen Gebäudes ist äußerst imposant und reich ausgeschmückt und soll für den Architekten viel Merkwürdiges enthalten. Die innern Räume des ~Louvre~ sind jetzt beinahe ganz von verschiedenen Museen eingenommen, und die Kunstschätze, welche hier aufbewahrt werden, übertreffen Alles, was man sich vor dem Beschauen davon verspricht.
Am letzten Tage meines Aufenthaltes in Paris fuhren wir nach ~St. Denis~, einer Stadt von 5000 Einwohnern, um die daselbst befindliche merkwürdige Cathedrale zu besehen, wo die Gräber der französischen Könige sich befinden.
Wir besahen das alterthümliche Grab Dagoberts, das Grabmal Ludwigs ~XII.~, und Anna’s, seiner Gemahlin; dann das Denkmal von Heinrich ~II.~ und Catharina von Medicis, das Monument Franz ~I.~ und der Königin Claude.
Schon war die Pforte geöffnet und der Führer bereit, uns unter das Chor hinab zu geleiten, wo die Grabgewölbe der übrigen Könige und ihrer Familienglieder sich befinden, als mich Kolik-Schmerzen zum Rückzug zwangen.
Keine Zeit war zu verlieren, um nach Paris zurückzueilen, weil daselbst heute noch die nur bis vier Uhr geöffnete Königliche Teppichfabrik der ~Gobelins~ besucht werden sollte. Doch vergebens harrten wir im Kuckuk auf den Abgang des Wagens, obgleich der Kutscher beim Einsteigen den schnellsten Transport versprochen hatte. Mein Freund mochte toben und fluchen, so viel er wollte, der Wagen rückte nicht von der Stelle, denn noch waren nicht alle Plätze besetzt und der Fuhrmann verlangte seine volle Ladung. Nur, als wir Miene machten, wieder auszusteigen um einen andern, besser besetzten Wagen zu frequentiren, wurde das erbarmungswürdige Thier durch Peitschenhiebe zum Fortgehen bewegt. Unterwegs wurden noch Höckenweiber und Arbeiter aufgenommen, wodurch sich die Passagiere dermaßen mehrten, daß der Kutscher die Freude hatte, noch ~Lapins~[64] zu placiren. -- An der Barriere angelangt, wurde sogleich ein ~Omnibus~ bestiegen; doch da vier Uhr längst vorüber war, als wir bei den ~Gobelins~ ankamen, so wurde der Zutritt nicht mehr gestattet und das Anschauen dieser berühmten Kunstteppich-Weberei ging für mich verloren.
Aergerlich gestimmt, gingen wir langsam durch das öde, garstige Stadtviertel, wo die Lohgerber an dem ~Bievre-~Flüßchen wohnen und das Geschäft meines Freundes und Führers getrieben wurde, nach dessen Wohnung zu und an der Anatomie vorbei, wo Mediziner und Chirurgen ihr Geschäft an Hunderten von Leichen üben. In dem Logis angelangt, mußte ich bemerken, wie ein so großes Haus in Paris gleichsam eine kleine Welt umschließt, und das nämliche Dach oft den ausschweifendsten Luxus neben der drückendsten Armuth bedeckt. Man wird hier geboren, man lebt, man stirbt, man freut sich oder man verzweifelt, und Niemand im Hause, außer denen, die es zunächst berührt, erfährt etwas davon. -- Erst als am Abend im Atelier des fleißigen Malers, meines braven Wirths, die Freunde sich versammelt und der dampfende Glühwein von Neuem den Leib erwärmte, war mir wohler, und bis spät in die Nacht wurde unter Sang und Klang der Gläser der Abschied gefeiert.
+Die Heimkehr.+
Am Morgen des 3. März war bei der Postanstalt ~Laffitte, Caillard et Comp.~ die Reise nach Straßburg akkordirt und für den Platz auf dem Kutschenhimmel 33 Franks für 120 Stunden Wegs bezahlt; wobei noch 50 Pfund Gepäck und ein Hund frei waren.
Das von Freundes Hand mir anvertraute alte Thier, um solches dem Vater zu überbringen, hatte gewiß seine Jugendzeit auf dem Combat in Paris verlebt und daselbst bei den Hundepaukereien als kunstgerechter Kämpfer sich Lorbeeren erworben, obgleich der Händler diese Bestie mit seinen fletschenden Zähnen, als noch in besten Jahren stehende Bulldogge verkauft hatte, welche die grauen Haare nur aus Verdruß über nicht anerkannte Verdienste bekommen habe.
Freud und Leid verschaffte dieser Begleiter, welchen ich mir während der Reise durch Schmeichelei und Leckerbissen geneigt zu machen suchte. Bald fuhr er knurrend meiner nicht allzuhübschen Nachbarin nach den Waden, wenn sie das Unglück hatte, ihn mit ihren großen Füßen zu berühren; dann verrieth die Feuchtigkeit an den Füßen, daß die Bestie, ungalant genug, sich nicht genirte, über den Häuptern der tiefer sitzenden Passagiere der Nothdurft sich zu entäußern.
Während der 2½ Tag und zwei Nächte unausgesetzten schnellen Reise über ~Chalons~ und ~Nancy~ wurde nichts der Aufnotirung Werthes bemerkt und wir erreichten wohlbehalten am 5. d. Nachmittags Straßburg, wo ich bei dem mir rekommandirten und empfehlungswerthen ~Jacob Phisterre~ einkehrte und sogleich das Nöthige auf dem Paß-Bureau besorgte, währenddem die Bulldogge angebunden in der Gaststube zurück blieb. Doch dem freien Franzmann beliebte nicht eine solche sklavische Behandlung, knurrend säuberte er seine Nähe von zudringlicher Bekanntschaft und zerriß die Bande, um mit einem Satz nicht über den Rhein, sondern nach einer sich in aller Unschuld nähernden Katze zu springen, welche zu spät gewarnt, durch die rächende Nemesis jetzt gleiches Schicksal erfuhr, was sie Tausenden von Mäusen bereitet hatte. Mir selbst diente das Geschehene zur größern Vorsicht, und da zum Glück das gefallene Opfer nicht der Liebling der Frau Wirthin mehr war, indem das jüngere Geschlecht sie aus der frühern Gunst verdrängt hatte, so war auch von dieser Seite der Friede bald wieder hergestellt, woran mir am mehrsten gelegen war, da ich es nicht gern mit den Weibern verderbe.
Schon war der Name auf dem Postamte zur Weiterreise notirt, als mein böser Genius, der Hund, diese Fahrgelegenheit vereitelte, da man solchen weder frei, noch gegen Vergütung als Passagier mit aufnehmen wollte. Lohnfuhrwerk zu miethen, kam als einzelne Person zu theuer, weshalb ich einen Allerweltsfreund beauftragte, in den andern Gasthöfen nach einer Retourfuhre sich umzusehen.
Den andern Morgen wurde die Stadt besehen, wobei die Straßen derselben mit ihren engen, unregelmäßigen, meist hohen und altmodisch aufgeführten Häusern keinen freundlichen Anblick gewähren, und nur der Paradeplatz, mit ansehnlichen Häusern umgeben, macht hiervon eine Ausnahme.
Die mir als merkwürdig gezeigten Gebäude sind: der ehemalige bischöfliche Palast, das vormalige Jesuiten-Kollegium, die Münze, das Zeughaus, die Kanonengießerei, das Rathhaus und das Theater, vor Allem aber der berühmte Münster, das Meisterstück altdeutscher Baukunst. Der bewunderungswürdige hohe Thurm, welcher sein kühnes Haupt stolz bis zur Höhe von 438 Pariser Fuß in die Lüfte emporhebt, wurde bestiegen.
Eine herrliche Aussicht lohnt für die Mühe und das ängstliche Emporklimmen in einen der kleinen schlanken und mit durchbrochener Arbeit gezierten vier Thürmchen, welche bis hoch in die Lüfte den Hauptthurm umgeben, und in jedem eine schmale Schneckenstiege hinaufführt, die in der Spitze wieder in den Mittelthurm geleitet. Von diesem Standpunkte aus entfaltet sich dem Blicke das prachtvollste Panorama. Die Stadt mit ihren beträchtlichen Festungswerken liegt ausgebreitet unter dem Beschauer und gewährt den großartigen Anblick eines der ersten befestigten Orte. Ueber den Schanzen und Gräben hinaus fängt eine gut angebaute Gegend an, welche von schönen Gärten, Landhäusern und Dörfern angefüllt ist. Nachdem in allen Theilen die Riesen-Pyramide des Thurmes, welches Kunstwerk reichlich mit durchbrochener und anderer Bildhauerarbeit geziert, gemustert war, und ich auch die als Meisterstück anerkannte Thurmuhr besehen, verfügte ich mich nach der Thomas-Kirche, um das merkwürdige, dem Marschall Moritz von Sachsen errichtete Denkmal zu sehen. Eben daselbst werden auch in einer Nebenkapelle zwei in Särgen liegende Mumien gezeigt, von welchem der Zahn der Zeit schon einmal die Kleidungsstücke zernagt und Letztere mit neuen ersetzt worden sind; die Leichname selbst waren dagegen noch gut erhalten.
Eben als der Pförtner im Begriffe war zu erzählen, wer die längst Verstorbenen gewesen, trat der mich suchende Kundschafter ein und brachte die Nachricht, daß ein Herr mit mir vereint die Reise bis Frankfurt zu machen wünsche und im Logis meiner harre.