Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 30

Chapter 303,520 wordsPublic domain

In aller Form wurden Tauf- und Trau-Schein und sonstige Atteste der Armuth nach London abgeschickt, und bis die gewünschte Antwort ankommen würde, das Kind ungetauft gelassen. Nach langem Hoffen kam endlich das ersehnte Schreiben, mit Königlichem Siegel gut verwahrt, an, und nach seiner Größe zu schließen, enthielt es vielleicht gar noch außer der Banknote als Pathengeschenk, ein Diplom als Leibschneider Sr. Majestät, für den lieben Mann.

Zum Unglück für die Frau war bei Ankunft des Briefträgers der Mann nicht zu Haus, und ruhig abzuwarten, bis er komme, ließ die Neugierde der Hochbeglückten nicht zu. Boten wurden nach allen Seiten ausgeschickt, und die nächsten Bekannten gerufen.

„Wenn nur nicht gar ein Orden darin verborgen ist“, bemerkte im Scherz der Hauswirth, „denn ein solcher darf hier nicht angenommen und getragen werden.“

„Dafür weiß ich Rath“, versetzte die Frau lakonisch, „wir verlassen sogleich Amerika, denn allerliebst muß sich mein kleiner Mann, mit dem großen Orden geschmückt, ausnehmen.“

Dem aufgefundenen Schneider wurde nicht allein die Ankunft des Packets gemeldet, sondern mehr noch zugesetzt, als wahr war, und wer konnte es dem Freudetrunkenen verargen, wenn er sogleich auf Pump einige Gläser leerte, und so seelenvergnügt der Familie zueilte. Mit ängstlicher Spannung wurden die Siegel gelöst. Doch wer malt das Erstaunen der versammelten Menge, als nichts mehr, noch weniger in dem Packet enthalten war, als was man nach London abgeschickt hatte. Mit keiner Sylbe war über das Verfahren berichtet, die Unterschrift des Absenders, oder dessen Bevollmächtigten fehlte und eben so Ort und Datum des Abgangs.

Der Mann hätte gern das auf Pump Getrunkene dem Wirthe wiedergegeben, wenn dieses möglich gewesen wäre, und die Frau dem Briefträger das ganze Schreiben überlassen, wenn dieser das Postgeld restituirt hätte. Vor Allem aber schien das kleine Pathchen selbst, welches die Mutter im Geiste reichlich bedacht, jetzt aber, über der Freude, zu füttern versäumt hatte, wegen des Vorgefallenen erzürnt zu seyn, denn es schrie entsetzlich, und vertrieb uns, die noch zusammen waren, um zu berathen, was nun zu thun sey, aus dem Hause.

Beschlossen ward, da zu vermuthen stand, daß die Hauptperson von der Sache gar nicht in Kenntniß gesetzt worden sey, daß ich bei meiner Ankunft in England, einen Brief mit dem kurzen Inhalte des Ereignisses in die Hände des Gemahls Ihrer Majestät der Königin, nun auf Umwegen, zu bringen suchen sollte, da diesmal nicht der gerade Weg, wie das Sprichwort sagt, der beste war.

Bei einem Londoner Restaurateur, wohin der Kammerdiener des Prinzen zuweilen kommen sollte, und welchen ich bat, den Brief in die Hände des Dieners des Prinzen Albert zu legen, da Ersterer die Mutter des Kindes von Koburg aus kenne, und zu erwarten stehe, daß solcher sich deshalb des Auftrages unterziehen würde, wurde mir die Nachricht: daß der Dienerschaft streng verboten sey, Schreiben an die höchsten Herrschaften anzunehmen, und demnach zu befürchten stehe, wenn ich nicht persönlich den Brief dem Kammerdiener nebst Fürsprache übergeben würde, daß derselbe ebenfalls unbeachtet verloren gehen könnte. Jetzt blieb nichts übrig, als auf gut Glück nach dem ~Buckingham-Palast~ wo die Majestäten residirten, bis zum -- Kammerdiener vorzudringen.

Der Hofraum dieses Palastes, mit zwei Seitenflügeln versehen, wird von eisernen Spalieren geschlossen, und die Eingänge mit Garde-Grenadieren besetzt, welche jedem unberufenen Gast den Zutritt verwehren. Gern hätte ich mit der Equipage des Königs der Belgier, welcher zur Zeit zum Besuch in London war, und dessen Ankunft im Schlosse die Soldaten unter’s Gewehr rief, den Eingang erstürmt, wenn nicht die reichlich hintenaufstehende Dienerschaft dieses unmöglich gemacht hätte. So standen wir lange, und berathschlagten, was zu thun sey, da der Rückweg zu unserer Wohnung weit war, indem solcher durch die Gärten von ~Kensington~ und ~Hyde-Park~ genommen werden sollte.

Endlich erschien, wie seine Eilfertigkeit verrieth, der Laufbursch des Gehülfen vom Fußbekleidungs-Reiniger des Kammerdieners, der durch ein Geschenk bewogen wurde, den Brief anzunehmen, und in die Hände seines Gebieters zu legen[56].

Die Gärten von ~Kensington~ bieten in Bezug auf die daselbst befindlichen Thiere nichts besonderes Merkwürdiges dar, und nur Wildpret, Fasanen und verschiedene andere Vögel sind in eingezäunten Distrikten zu sehen.

Die Königliche Menagerie mit ihren reißenden Thieren, wie Löwen, Tiger, Panther, Leoparden und verschiedene andere Bewohner der Wüste waren früher im ~Tower~ mit verwahrt, wo den Reisenden die Gelegenheit ward, solche sehen zu können, nach dem daselbst statt gehabten Brande aber, dort nicht mehr existiren.

Der ~Hyde-Park~, dieses große Terrain, ist nach englischer Manier angelegt, und hie und da sind nur einige Bäume sichtbar; wegen der Winterzeit verlor sich auch das Grün der Rasenplätze, wodurch dieselben eher einer Sandwüste glichen, doch ist der Geschmack verschieden. Der Engländer liebt einmal die weite Aussicht, und des Sonntags Nachmittags, wo hier 5-6 Tausend Personen aus allen Ständen auf- und abwandeln, und die Wege voll sind von Reitern, Wagen und Kabriolets, wovon immer ein Pferd, ein Fuhrwerk schöner als das andere ist, soll auch dieser Ort höchst interessant seyn, und zum öftern Besuche einladen.

Herzog ~Wellington’s~ und ~Sutherland’s~ Paläste wurden nur von fern gesehen, denn als in einer andern Richtung eine Rauchsäule, welcher bald die helle Flamme folgte, in die Luft wirbelte und die Umgegend erhellte, wurden die Schritte verdoppelt da wir uns verpflichtet hielten, hier, wo’s Noth that, mit zu helfen.

Noch ehe wir ankamen, waren schon einige Spritzen in Thätigkeit, wovon die erste 30, die zweite 20 Schillinge als Prämie erhielt. Auffallend war die Ruhe, welche dabei herrschte. Keine Sturmglocke ertönte, kein Feuerlärm wurde vernommen. Niemand war beängstigt und bestürzt. Von der Brandstätte etwas entfernt, standen Hunderte und sahen mit Wohlgefallen diesem schönen Schauspiele zu, doch Keinem fiel es ein, thätig mit einzuschreiten, weil auf den ersten Feuerruf die aus allen Stadtvierteln mit Pferden und Menschen bespannten Spritzen herbeieilten, und nur dazu beauftragte Leute dem Feuer sich nähern dürfen. Die Direktion dieser Löschanstalten ist weislich den Häuptern der Feuer-Assekuranzen anvertraut, da diese bei Feuerunglück am mehrsten interessirt, nichts unterlassen, um der Kasse den Verlust weniger fühlbar zu machen.

Nicht allein jedes Gebäude ist versichert, wie man an den Schildern der Häuser sehen kann, sondern in der Regel auch das Mobiliar, und es steht dem Eigenthümer der Sachen, wegen möglicher Veruntreuung, nicht zu, beim Ausräumen derselben mit Hand anzulegen, sondern dies geschieht Alles durch eigends dafür besoldete Leute.

Des Feuers wurde man bald Meister, da es sich selbst verzehrte, die Spritzen, denen es nicht an Wasser fehlte, welches durch unterirdische Röhren durch alle Straßen Londons geleitet wird, nicht nutzlos in die Feuersäule gossen, und die Bemühung der Spritzenleute nur darauf gerichtet war, die weitere Ausbreitung des Feuers zu hindern, als das einmal in Brand gerathene Haus zu löschen.

Die neugierige Menge verlor sich mehr und mehr und eine besondere Art Nachtvögel wurde bemerkbar, welche die einzelnen oder in kleinen Trupps zusammenstehenden Jünglinge und Männer umschwärmten. Auch zu uns gesellten sich einige dieser öffentlichen Stadtnymphen und stellten Anträge, welchen am besten zu entgehen unser ~Cicerone~ den Vorschlag machte, eine Lohnkutsche zu besteigen, bis wo hinein nur auf Verlangen der Fuß einer Begleiterin sich verirren darf.

An Kreaturen, welche für Geld ihre Reize feilbieten, fehlt es, wie überall in der Welt, auch in Amerika nicht, doch werden öffentliche Häuser dort nicht geduldet, und streng wacht das Gesetz über die moralischen Sitten des schönen Geschlechts. Kupplerinnen dürfen nur im Geheimen die Hand zur Verführung bieten, und bei der geringsten Anzeige oder Verdacht wird ihnen das Handwerk gelegt und sie büßen mit Gefängniß und ihrer weltlichen Habe. Aber auch dem lüsternen Manne wird der Appetit benommen, da nach dem Gesetz die verworfendste Dirne selbst den Familienvater zum Vater ihres Kindes nicht allein schwören kann, sondern dazu ermuntert wird, indem 400 Dollars der geringste Preis ist, welchen das Gesetz zum Lohn für einen solchen Schwur aus dem Beutel des angegebenen Vaters bewilligt, insofern nicht durch Zeugen bewiesen wird, daß die Klägerin schon früher oder gleichzeitig auch gegen Andere nicht ..... unerbittlich gewesen sey.

Doch auch diese Strenge hat ihre Schattenseite, da, wie Gall bemerkt, der Beklagte in den meisten Fällen vorzieht, mit jenem Sündenlohn lieber die erforderlichen Zeugen nöthigenfalls zu erkaufen. Daß die scandalösen Prozesse, welche sich aus solchen Klagen entspinnen, den verderblichsten Einfluß auf die Sittlichkeit ausüben, kann man sich denken.

Neunundvierzigster Brief.

Reise nach Paris.

Im Februar 1841.

Den 20. Februar ward das Dampfschiff ~City of Londonderry~ bestiegen, um mit diesem nach Frankreich abzugehen, und in ~Havre de Grace~ zu landen. Die zweitägige Seereise dahin ist freilich länger, als durch den Kanal von ~Dover~ nach ~Calais~, welche Fahrt in so viel Stunden gemacht wird, dabei ist aber zu bemerken, daß die Landreise von ~Havre~ nach ~Paris~ auch weit kürzer und billiger ist, als von ~Calais~ dahin, und dann wünschte ich auch die Hafenstadt kennen zu lernen, von wo aus meistens die Rheinländer die Reise nach Amerika antreten.

Ueber die Rechnung des Wirths, bei welchem wir während der Zeit des Aufenthalts in London logirt hatten, konnte man sich nicht beschweren, und zwar aus dem triftigen Grunde, da wir bei ihm außer Bett, früh Kaffee und Abends einem Krug Bier, nichts erhalten hatten. Frühstück, Mittag- und Abend-Brod wurde nach Bedarf auf der Wanderung verzehrt, und da wir nicht, um den Gaumen zu kitzeln, nach London gekommen waren, so wurden auch nicht die vornehmsten Restaurationen besucht, sondern in gewöhnlichen Speisehäusern eingesprochen. Zu jeder Zeit kömmt man hier recht, immer füllen und leeren sich die Tische; man speis’t ungenirt und hat den Vortheil, nicht nach einem guten Trunke lüstern zu werden, da die Wirthe dieser Tabernen keine Getränke verkaufen dürfen, und deshalb Wasser, woran ich und meine Begleiter schon in Amerika gewöhnt waren, ~gratis~ verabreichen.

Wie zu vermuthen steht, ißt nur die vornehme Welt in England die Speisen halb gar gekocht, denn niemals habe ich in den besuchten Speisehäusern darüber zu klagen gehabt, daß die Zähne mit dem Zerkleinern nicht hätten fertig werden können. Im Gegentheil war alles Fleisch mehr als zu weich; dagegen herrscht aber auch hier, wie in Amerika, die Sitte, alles Gemüse nur in Wasser zu kochen und ungeschmelzt zu serviren. So gelebt, hat man über die Theuerung unumgänglich nöthiger Lebensbedürfnisse in Betracht des Maaßstabes, wie solcher in England angewandt werden muß, nicht zu klagen, und die direkten Ausgaben schmerzen den Reisenden weniger, als die indirekten, da hier das Sprichwort gilt: „Für Nichts hat man Nichts!“ Alles, was man sehen will, wie die geringste Handleistung muß theuer bezahlt werden.

Vorsichtig gemacht, wurden die Transportkosten unserer Sachen nach dem Dampfschiffe vorher bestimmt; da aber das Boot einige Schritte vom Ufer abstand, weil ein zwischenliegendes Fahrzeug das Näherankommen verhinderte, so wurde abermals eine Ausgabe herbeigeführt, und für diesen geringen Dienst von der Person ein Schilling bezahlt. Als man aber nach Erreichung des Dampfboots für die mit uns zugleich mit übergesetzten drei Koffer noch besonders eine Vergütung verlangte, und sich mit dem in fünf Minuten verdienten Thaler nicht begnügen wollte, wäre es bald zu einer thätlichen Demonstration gekommen, da der Bierbrauer Miene machte, diesen Schurken über Bord zu werfen, wenn nicht die dazwischenspringenden Matrosen es verhindert hätten.

Zwanzig Schillinge war der bestimmte Preis, in der zweiten Kajüte zu reisen. Als aber das Geld von dem Steward einkassirt wurde, verlangte derselbe noch von jeder Person zwei Schillinge, als Trinkgeld für sich, da dieses so Gebrauch sey. Alles Einreden der Passagiere wegen Unbilligkeit dieser Forderung, fruchtete nichts. Wer kein Geld habe, solle nicht reisen, war die lakonische Antwort des Britten, und so blieb nichts übrig, als abermals den englischen Blutegeln den Beutel vorzuhalten und als Wiedervergeltung wäre die Strafe nicht zu hart, wenn man den Herren Insulanern, welche nur, um Geld zu ersparen, nach Deutschland gehen, ihnen wenigstens dieses weniger möglich zu machen suchte.

War auch die Witterung am ersten Tage der Reise nicht die günstigste, so gewahrte sie doch einen freien Blick, und die Fahrt der Themse hinab, an welcher an beiden Ufern diese Riesenstadt mit ihren Schiffswerften sich hinzieht, gewährte einen herrlichen Anblick. Unter den vielen großen und kleinen Fahrzeugen zeichnete sich besonders ein schwimmendes Lazareth aus, welches kolossale Gebäude mitten auf dem Wasser über tausend Kranke beherbergte; es ist mit allem Nöthigen versorgt, von aller Kommunikation des festen Landes abgeschnitten, und daher bei ansteckenden Krankheiten eine treffliche Anstalt.

Das Packet-Dampfboot ~Londonderry~, welches jetzt regelmäßig die Fahrt zwischen London und ~Havre de Grace~ zu machen bestimmt ist, soll an bequemer Einrichtung seinen Vorgänger, welcher acht Tage zuvor untergegangen und an dessen Stelle Ersteres von der Kompagnie dieser Anstalt angenommen war, nicht nachstehen. Um so unverzeihlicher war es aber, das Kommando von diesem Fahrzeug Männern, wie der Kapitän, Ober- und Untersteuermann waren, anzuvertrauen, welche diese so gefährliche Tour, wie der sich erst ereignete Fall bewies, noch nicht gemacht hatten. Wie unkundig sie mit der Gegend waren, ging daraus hervor, daß sie von annähernden Fischerbooten das Nähere wegen der Fahrt erst zu erforschen suchten. Als aber der Nebel, statt sich zu verlieren, in dicken Wolken sich auf die Wasserfläche legte und außer dem Dampfboot nichts mehr erkannt werden konnte, da sah man dem Kapitän im Gesicht an, wie ihm zu Muthe war, da er die Gefahr, in welcher wir schwebten, besser kennen mochte, als die Passagiere, welche, ins Innere des Bootes zurückgezogen, von keinem Unglück träumten. Plötzlich erhielt aber das Schiff einen heftigen Stoß, welchem weniger fühlbare folgten und in allen seinen Theilen krachend, glaubte man es schon auseinander bersten zu sehen.

Jesus Marie! schrie eine neben mir sitzende gute Katholikin und holte in der Angst ihren Rosenkranz hervor; wir Andern eilten alle bestürzt dem Ausgang zu, wodurch die Treppe verstopft, dieses weniger möglich gemacht werden konnte. In dem Augenblick verstummten die Töne der Dampfmaschine und das Boot saß unbeweglich auf Steinbänken fest, wie dieses das ausgeworfene Senkblei bekundete. Zum Glück war dasselbe dauerhaft genug, um bei ruhiger See und langsamer Fahrt einen solchen Stoß vertragen zu können, ohne einen Leck zu erhalten. Was wäre aber aus den Passagieren geworden, wenn bei Sturm das tobende Meer die Gewalt verdoppelt hätte?

Alle Anstrengung, wieder flott zu werden, war vergebens und immer schwieriger, da während der Zeit der Ebbe das zurückgehende Wasser immer seichter wurde, bis das Dampfschiff, förmlich trocken, mitten in Steinmassen stand und bei sich zertheilendem Nebel Frankreichs nahe Küste sichtbar wurde, wohin man trocknen Fußes gelangen konnte.

Der uns sogleich bemerkt habende Telegraph berichtete diesen Vorfall nach ~Havre~, worauf ein von dort abgeschicktes Pilotenboot ankam und nach wieder eingetretener Fluth der des Weges kundige Führer uns sicher in den Hafen von ~Havre de Grace~ geleitete.

Schon war es spät, als wir am 21. dieses in den leeren Straßen der Stadt den deutschen Gastgeber Köhler noch aufsuchten, da Hunger und Durst uns vom Dampfboote trieb, und nur mit Mühe gelang es, die aus dem tiefen Schlafe geweckten Wirthsleute zu bewegen, uns noch aufzunehmen, da schon einige auswanderungslustige Familien hier logirten. Erst als der Straßburger Handelsmann seinen Namen nannte, wodurch der Wirth einen seiner frühern Gäste erkannte, der bei seinem Abgange nach Amerika hier gewohnt hatte, änderte sich die Scene. Die Thür wurde freudig geöffnet, das Feuer schnell geschürt und bald saßen wir um eine ~Bowle~ Glühwein. Vor Meereswellen, Feuer- und Hungersnoth geborgen, erhöhten die überstandenen Strapazen nur die allgemeine Fröhlichkeit und auf das Wohl des ~Continents~, des lieben Vaterlandes, und Aller, welche es wohl mit uns meinen, wurden die Gläser geleert. Durch die Stille der Nacht drang bald der Freudenruf zu den neben und über uns schlafenden Auswanderern, welche glaubten, daß wir als halbe Millionärs zurückkehrten und von dem Wunsche beseelt, von gleichem Glück begünstigt zu werden, wünschten sie am Morgen zu erfahren, wie man es in Amerika anfangen müsse, um in kurzer Zeit reich zu werden. Doch belehrt, daß wir darüber hoch erfreut wären, wenigstens mit heiler Haut zurückgekommen zu seyn, erzählten wir ihnen einzelne Bruchstücke unserer ~Aventuren~ und stellten ihnen das Prognostikon, was im gelobten Lande Jeden erwarte; aber man predigte doch tauben Ohren. Ein Jeder glaubte, daß ihn ein besseres Geschick erwarte und begeistert von Berichten, welche lieblicher geklungen, als unsere Töne, eilten sie unaufgehalten ihrem Elend entgegen. -- Möge Gott sie bewahren, daß sie nie Ursache haben, einen Schritt zu bereuen, welchen zu verbessern nicht immer einem Jeden möglich ist.

Als Beleg, wie die Reue oft zu spät kömmt, mag folgender Vorfall noch bezeugen. Unser Landsmann, der Müller S.[57] landete mit Familie in ~Baltimore~, wurde während der Seereise schon bestohlen, fand auf keine Art mit seinem Tochtermann und Kindern bei der Ankunft in Amerika Unterkommen und Verdienst, und setzte so Alles zu. In dieser bedrängten Lage erfuhr er, daß ich aus den südlichen Staaten nach ~New-York~ zurückgekehrt sey und machte es möglich, allein dahin zu kommen, um meine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Doch, ein gebranntes Kind scheut das Feuer; ich kannte jetzt Amerika und seine Grundsätze zu gut, um mich abermals der Gefahr auszusetzen, eine Summe zu verlieren, da ihm mit Wenigem nicht geholfen war. Auf die Frage, warum der Bittsteller versäumt, vor Ausführung seines Vorhabens bei meiner Frau in Weimar Erkundigung einzuziehen, über das, was ich an sie von Amerika und dem Loose der Auswanderer berichtet hatte, gestand er mit weinenden Augen, daß dieses zwar geschehen sey, aber man hätte dem Inhalt meiner Briefe nicht geglaubt, weil andere Nachrichten mit demselben widersprechend gewesen wären. Leider müßten sie aber jetzt die Ueberzeugung gewinnen, wer es am Besten mit dem Menschen gemeint und daß ich nur zu wahr gesprochen habe.

Manchem Andern wird es nicht besser gehen, da Viele, der Warnungen ohngeachtet, immer noch das Vaterland verlassen und ein Jeder glaubt, es besser als seine Vorgänger zu machen; er vergißt aber, daß die Zeiten in Amerika schwerlich besser, leider aber durch den ungeheuern Zudrang großentheils unbemittelter Einwanderer für den Armen immer schlechter werden müssen.

Um zu zeigen, wie groß der Zudrang in den Verein. Staaten ist, habe ich Haxard’s kommerzielles und statistisches Register mit aufgenommen, welches eine umständliche Aufzählung der Anzahl des Geschlechts, Alters, der Beschäftigung und der Heimath aller Fremden, welche im Laufe des Jahres 1839 in amerikanischen Häfen landeten, enthält. Diese Zusammenstellung ist den jährlichen Berichten des Staats-Sekretärs entnommen und es erhellet daraus, daß die ganze Anzahl von Passagieren, welche im Verlaufe dieses Jahres landeten, 74,666 betrug, von welchen 70,509 Eingeborne fremder Länder und 4157 Eingeborne der Vereinigten Staaten waren. 47,688 landeten in ~New-York~, 10,306 in ~New-Orleans~, 6081 in ~Baltimore~, 3949 in ~Philadelphia~, 3081 in ~Boston~ und sonstigen Plätzen. 34,213 waren Eingeborne von Großbritannien, 10,474 von Deutschland, 7018 von Frankreich, 1234 von Preußen und 2108 von andern Theilen Europas; also im Ganzen 64,227 Europäer. Der Ueberrest kam von Westindien, Südamerika und hauptsächlich von den Britischen Provinzen von Nordamerika. 37,658 hatten keine Beschäftigung; in dieser Zahl sind jedoch 26,001 Frauenzimmer und der größte Theil von 15,166 Knaben unter 15 Jahren mitbegriffen. 12,870 waren Ackerbauer, 8930 Handwerker, 1870 Arbeitsleute und 5633 Kaufleute, (von denen wahrscheinlich die meisten Amerikaner waren). 571 Matrosen, 143 Geistliche, 254 Mediziner, 296 Näherinnen, und 208 Ladendiener. 7195 waren über 40 Jahre alt, 61,078 in einem Alter von 18-40 Jahren.

Wer eine nicht zu weite Landreise bis ~Havre~ zu machen hat, wird wohlthun, in diesem Hafen sich nach Amerika einzuschiffen, da die Passage eben nicht theurer wie in Bremen und Hamburg zu stehen kommt, wenn die zur Reise nöthige Verproviantirung von den Schiffsrhedern mit besorgt wird. Auch findet man hier immer Fahrgelegenheit, ohne Beköstigung, welches in Bremen nicht der Fall ist und es zahlte zur Zeit meines Aufenthaltes hier, die erwachsene Person 100 Franks (25 Thaler). Der Betrag für anzuschaffende Nahrung läßt sich nicht bestimmen, da es darauf ankommt, ob man an frugale Kost gewöhnt oder als Leckermaul sich auch auf dem Schiff nichts abgehen lassen will. Alle Ursache habe ich, den Auswanderungslustigen das deutsche Gasthaus von J. C. Köhler, ~Daffin~-Straße No. 48 in ~Havre~ zu empfehlen, da man hier in jeder Hinsicht gut und billig bedient wird.

Das Dampfboot war sogleich bei der Ankunft unter Aufsicht gestellt worden und die am Morgen nach dem Zollhaus geschafften Koffer streng untersucht, so daß Alles bis auf das letzte Stück ausgeräumt werden mußte. Nach einem Reisepaß oder sonstiger Legitimation wurde auf die Angabe, daß wir aus Amerika kommend über London gereist seyen und ohne einen solchen Begleitschein wären, weiter nicht gefragt, sondern nur bemerkt, daß wir sogleich bei Ankunft in Paris die nöthigen Schritte deshalb thun sollten.

Theils um die Stadt besser kennen zu lernen, theils auch die zur Fastnachtzeit auf den Straßen maskirt herumziehende Menschenmenge, welche mitunter hübsche Aufzüge darstellten, zu sehen, folgten wir Herrn Köhler, welcher so gefällig war, uns herumzuführen, um uns das Merkwürdigste zu zeigen.

~Havre~ liegt auf dem rechten Ufer der ~Seine~-Mündung, ist mit Festungswerken umgeben, hat eine Citadelle, zwei Thürme, welche den Hafen vertheidigen, zwei Kirchen, ein Marine-Arsenal, ein Quarantainehaus, ein Ursulinerkloster, ein städtisches Kollegium, eine Schifffahrt-Schule und eine Börse; verschiedene Manufakturen, eine Ankerfabrik, bedeutende Seilereien, und Schiffswerfte, beschäftigen Viele der Einwohner und durch den bedeutenden Handel, da ~Havre~ nicht allein über die Mündung der ~Seine~ gebietet, sondern seine Schiffe in die entferntesten Länder der Erde sendet, gewinnt es täglich an Wohlstand. Der Hafen, welcher durch eine lange Mulje[58] gebildet wird, wie das Bassin, sind tief genug, um Fregatten von 60 Kanonen zu tragen und mehr als 400 Schiffe aufnehmen zu können. Doch soll für die Fahrzeuge bei Strömen nicht die gewünschte Sicherheit vorhanden seyn. ~Havre~ ist der Sitz eines Handels-Tribunals, einer Handelskammer, hat Wechsler, Mäkler und eilf Assekuranz-Gesellschaften, so wie 26,000 Einwohner.