Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 3

Chapter 33,613 wordsPublic domain

Den militärpflichtigen Mitgliedern unserer Reisegesellschaft, welche ohne Erlaubniß die Auswanderung beschlossen, wurde bei Ausstellung des Schiffskontrakts, auf deren Anfrage, wegen ihrem sonstigen Verhalten, von Herrn W.[16] der Bescheid, das Wanderbuch, ohne weiter etwas zu bemerken, auf der Polizei nach dem hannöverschen Grenzort visiren zu lassen. Der Weg dahin führe über Bremerhaven; daselbst angelangt, frage dann Niemand mehr, ob die Seereise mit oder ohne Erlaubniß unternommen sei, da man das Wasser nicht gern von der Mühle weise.[17]

Gleich beim Weggang vom Komptoir wurde beschlossen, das Gasthaus zu verlassen und eine Privatwohnung zu beziehen, wo dann Jedem die Gelegenheit werde, möglichst billig leben zu können, und im Hause des Schneidermeisters Achelpohl fanden wir dazu die schönste Gelegenheit. Jetzt hieß es, bei karger Kost und dünnem Kaffee sich in Geduld zu üben, und wir suchten uns, in Erwartung besserer Tage, gegenseitig das Leben so angenehm als möglich zu machen.

Das Drängen und Treiben der Bremer, das Ein- und Ausladen der Schiffe, die schönen Anlagen um die Stadt, die reizenden Parthien in derselben, das im Vorgefühl der schönen Hoffnungen fröhliche, mitunter aber auch traurige Aussehen der Auswanderer, welche zu Hunderten durch den Reiz der Neuheit getrieben, da viele von ihnen noch nie eine so große Stadt wie Bremen gesehen hatten, gaffend in den Straßen standen, oder mit dem Einkauf der zur Seereise nöthigen Gegenstände und Lebensbedürfnisse beschäftigt waren.[18] Der Lärm in Wein-, Schnaps- und Bierhäusern, wo Mancher noch vergeudete, was bei erhöhtem Fahrgeld übrig geblieben war, so wie durch das mitunter herzergreifende Ansehen der Familien, welche durch Krankheit, oder aus Mangel des nöthigen Geldes, die Reise getrennt unternehmen müssen, Alles dieses gab vollauf Stoff, die Zeit zu tödten und Betrachtungen über das menschliche Leben anzustellen, von denen man Folianten füllen könnte.

Unter solcher Zerstreuung war der 16. d. herangekommen, wo das schöne feierliche Glockengeläute am Sonntag zum Besuch der heiligen Stätte mahnte. Auch ich wünschte vor Antritt der großen Reise mich nochmals dem zu empfehlen, welcher das Schicksal der Menschen lenkt. Deshalb besuchte ich, feierlich gestimmt, in Begleitung des Sohnes meines Bruders und dem Glaser R. die St. Pauluskirche. Nach dem Gottesdienste war Kommunion und obgleich nicht festlich gekleidet, waren wir doch willkommene Gäste des Herrn. Nach beendigtem Abendmahl wartete am Ausgang der Kirche der würdige Pastor +Hemstängel+ auf uns, und sprach: „Wir haben uns am Tisch des Herrn gesehen und da ich in Ihnen Auswanderer vermuthete, so wünschte ich nun auch in meiner Wohnung Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Ich bitte Sie, mich dahin zu begleiten.“ Wie eine Stimme von oben, klang uns diese Einladung und mit beklommenen Herzen folgten wir derselben. Nachdem Sr. Ehrwürden die uns zur Reise veranlaßten Gründe erfahren hatte, hielt dieser brave Geistliche eine so herzergreifende Rede, daß jedes seiner Worte tief ins Innere drang, da er alle die Gefahren so treffend berührte, aber auch den Lohn zu schildern wußte, welcher den Menschen erwartet, welcher mit Ausdauer und seinem Gott ergeben, sein Werk mit Muth und Standhaftigkeit zu Ende führe. Daraus gab er uns für die andern Familien Gebetbücher mit den Worten: „sagen Sie solchen in meinem Namen, daß der Herr überall mit Jedem sei, welcher ein gottgefälliges Leben führe; er wandle hier oder in jenem Welttheil, wohin wir zu reisen gedachten. Nur nicht überall gäbe es für die Kinder den nöthigen religiösen Unterricht, damit der Mensch in jeder Lage des Lebens sich seines Gottes und dessen unerschöpflicher Güte vollkommen erfreuen könne. Er fühle sich daher veranlaßt, die Erwachsenen darauf aufmerksam zu machen, daß sie mit Beihilfe der mir übergebenen Bücher für das Seelenheil ihrer Kinder nach Kräften sorgen möchten und nicht dasselbe über Mühe und Arbeit, Verdienst und etwaigen Reichthum vernachlässigten. Denn was ist alles Irdische! fuhr er fort, wenn dabei der Himmel verschlossen bleibt und die Seeligkeit für den Menschen verloren geht, die nur durch richtige Begriffe von Gott und Jesum zu erlangen ist. Um wie viel glücklicher sind Sie, sprach er zu mir, da Sie ihre Familie in einem Lande zurücklassen, wo wahre Aufklärung herrscht. Leiden Sie auch durch die Trennungsschmerzen mehr als die Familienväter, welche die ihrigen um sich haben, ist auch der Gedanke an die zurückgebliebenen Frau und Kinder herzergreifend, so muß Ihnen dagegen zur Beruhigung dienen, daß dieselben wohl versorgt sind und nicht die Beschwernisse einer solchen Reise zu ertragen haben, sondern im sichern Hafen abwarten können, was der Herr unser Gott über sie beschlossen hat. Empfangen Sie hiermit nochmals durch mich den Seegen des Herrn, welcher im Geist mit übertragen wird auf die zurückgelassenen Ihrigen. Was auch Ihr Schicksal sei, Gott wird Sie geleiten auf allen Ihren Wegen und deshalb vertrauen Sie auf den, der Alles zum Besten führt.“ Tief gerührt verließen wir das Haus. Denn noch nie hatte die Rede eines Geistlichen solchen Eindruck auf unserer Aller Herzen gemacht. Möchten doch Viele sich berufen fühlen, den Reisenden in ähnlichem Sinne Muth und Trost zuzusprechen.

Sechster Brief.

Bremerhaven im Juni 1839.

Fortsetzung.

Ein Tag verstrich wie der andere. Die leer gewordenen Logis wurden sofort mit Neuangekommenen besetzt, wobei nicht selten die Sachen verwechselt oder vorsätzlich entwendet wurden, wie solches dem Konditor T. aus V. widerfuhr. Uhren- und Gelddiebstähle sind häufig, und es ist daher auf Pretiosen die größte Vorsicht zu verwenden. Eben so wenig sollten die Kisten ohne Aufsicht gelassen werden.

Mein gewöhnlicher Spatziergang fing bald an mich zu langweilen, und die prächtigen Karossen, sowie die durcheinander wogenden Fußgänger hatten keinen Reiz mehr für mich, da die mannichfaltigen Erinnerungen an die zurückgebliebene Familie und ein banges Sehnen nach der dunkeln Zukunft, das Warten um so peinlicher machte.

Endlich brachte der 21. d. eine Unterbrechung in das alltägliche Leben, da an demselben Tage die über die Weser führende Nothbrücke dem Publikum geöffnet wurde, welche die Kommunikation der Neustadt mit der Altstadt so lange unterhalten sollte, bis die alte baufällige Brücke abgerissen und an deren Stelle eine neue, von Steinen, aufgeführt worden sein werde. Jeder wollte die Nothbrücke zuerst passiren, und es drängten sich daher von beiden Seiten so viele Menschen auf derselben zusammen, daß Mann an Mann wie eingemauert standen. Von den Ufern aus sahen Tausende der Mannschaft zu, welche an der Brücke gearbeitet hatten und jetzt auf zwei nebeneinander stehenden Schiffen bei Musik und Tanz das erhaltene Freibier verzehrten. Zum Schluß war Feuerwerk verkündet, weshalb eine Masse Kähne auf stiller Fluth die größern Bote umschwärmten und das schaulustige Publikum bis spät Abends auf den Beinen hielt. Doch mehr Witz als Wahrheit war das Feuerwerk, da nur einige Raketen zerplatzten.

Schon war der 22. verstrichen und noch keine Anstalt zu unserm Transport nach dem Hafen gemacht, wir erhielten aber auf dem Komptoir des Herrn W.[19] die Versicherung, daß morgen drei Weserschiffe uns dahin bringen würden. Jedoch auch der 23. und 24. gingen ohne Erfüllung der gemachten Zusage vorüber, und eben so wenig erhielten wir auf diese Tage für Kost eine Entschädigung, sondern wurden damit bis zur Ankunft auf dem Seeschiffe vertröstet. Was sollten aber bis dahin meine armen Reisegefährten anfangen, von denen einige ganz von Baarschaft entblößt und der hungrige Magen sich nicht wie der Geist mit den lockenden Aussichten in dem gelobten Amerika begnügen wollte.

Endlich am 25. waren die Transportschiffe bereit, uns nebst Effekten aufzunehmen, und auf dem, welches ich bestieg, war bis Mittag alles so geordnet, daß Jeder noch nothdürftig ein Plätzchen zum Liegen hatte. Als aber am Nachmittag noch einige Funfzig Juden mit ihren sämmtlichen Sachen ebenfalls in dem schon sehr beengten Raum untergebracht werden sollten, so wurde von Neuem alles drüber und drunter geworfen, um nur so weit Platz zu bekommen, daß sämmtliche Passagiere, wenn auch wie Häringe zusammengeschichtet, im Zwischendeck dem Hafen zugeschickt werden konnten.

Die anderthalben Tag und eine Nacht lange Fahrt war eine der beschwerlichsten, die ich gemacht habe, da ein anhaltend starker Wind das Schiff beständig in schaukelnde Bewegung versetzte, wodurch die Seekrankheit sich sofort einstellte und ein Erbrechen erfolgte, welches um so beschwerlicher war, da bei dem engen Zusammenliegen ein gegenseitiges Beschmutzen nicht vermieden werden konnte. Da die meisten Passagiere nicht darauf vorbereitet waren, bekamen wir jetzt schon den Vorgeschmack der Seereise, und Mancher hätte gern auf das gepriesene Amerika verzichtet, wenn ihm das bezahlte Fahrgeld restituirt worden wäre.

Das große dreimastige amerikanische Schiff ~St. Lawrence~, welches uns im Hafen aufnahm, war mit einem 7 Fuß hohen Zwischendeck versehen und versprach deshalb vor allen andern jetzt hier liegenden Schiffen eine möglichst gesunde Fahrt; auch war vorauszusehen, daß bei der Größe desselben die Bewegungen weniger fühlbar sein würden, als dieses bei dem Weserschiff der Fall war, da bei letzterem die Bewegungen kürzer und deshalb um so empfindlicher sind. Damit aber die Vorstellung von dem Gebäude selbst, welches uns über den Ocean bringen sollte, um so deutlicher wird, will ich das in ~Taf. I.~ abgebildete Schiff etwas näher beschreiben.

Dieses kolossale Gebäude ist aus nicht sehr großen aber gut zusammengearbeiteten Holzstücken gefertigt, welche mittelst hölzerner und eiserner Schraubenbolzen an das innere Holzgerippe befestigt werden. Die Fugen sind mit Pech und Werg so dicht verstopft, daß kein Wasser eindringen kann. Um dieses schwimmende Gebäude schnell fortzubewegen, sind drei hohe Masten darauf angebracht, wovon jeder derselben wieder aus drei Theilen besteht, an welche mittelst der Segelstangen und dem nöthigen Tauwerk die Segeltücher zum Auffangen des Windes befestigt sind. Um aber diesen Segeln nach jedem Erfordernisse des Windes eine andere Richtung zu geben, sind viele Leinen und Taue angebracht, deren Jedes seinen eigenen Namen hat, und welches die Matrosen selbst in der dunkelsten Nacht mit der größten Schnelligkeit zu finden wissen. Ferner ist, um den Lauf des Schiffes zu bestimmen und solches demnach zu regieren, am hintern Theile desselben ein im Verhältniß des ganzen Gebäudes kleines Steuerruder befestigt, dessen geringste Bewegung nach der einen oder andern Seite dem Schiffe eine andere Richtung giebt.

~Taf. II.~ ist die Ansicht vom obern Verdeck. Bei ~a.~ ist das Steuerrad, mit welchem das Steuerruder regiert wird, und in dessen Nähe im Nachthause steht der Kompaß. Vor Letzterm ist das Schiff mit einem Ueberbau versehen, unter welchem bei nasser Witterung der Kapitän und die Kajüten-Passagiere sich Motion zu machen suchen. An beiden Seiten sind Vorrathskammern angebracht, auch befindet sich der Abtritt für die Ersteren daselbst. ~b.~ ist die Stelle des Fockmastes, ~c.~ des Mittelmastes, ~d.~ des Besanmastes, ~e.~ zeigt das Bugspritt, welches über das Vordertheil des Schiffes hinausreicht, ~f.~ ist der bedeckte Eingang zur Kajüte des Kapitäns, ~g.~ ~h.~ und ~i.~ sind Oeffnungen von 6 Fuß ins Gevierte, welche dazu dienen, die Ladung ins Innere des Schiffes hinabzulassen. Durch diese Luken steigen auch mittelst der angelehnten Treppenleiter die Deck-Passagiere aus und ein. ~k.~ ist der Ort der zwei Schiffspumpen, womit alle Morgen das eingedrungene Wasser wieder ausgepumpt wird. ~l.~ ist die Kapitäns- und Kajüten-Passagier-Küche. ~m.~ sind die beiden eingemauerten Kessel, mit viereckiger Breterbekleidung umgeben, in welchen für die Deck-Passagiere gekocht wird. Zwischen der Kapitäns-Küche und dem Mittelmast ist das große Boot, in welchem die nicht gebrauchten Segel und Taue liegen und deshalb mit einem Nothdache überbaut ist. Das kleine Boot ~n.~ wird außerhalb des Schiffes am hintern Theil desselben aufgehangen. ~o.~ sind die Abtritte für die Deck-Passagiere. Durch die Oeffnung ~p.~ steigen die Matrosen in ihre Kajüte hinab. Bei ~q.~ ist die Schiffswinde, womit die Anker in die Höhe gezogen werden. ~r.~ sind in die Bohlen eingesetzte geschliffene Gläser von 7 Zoll Länge und 4 Zoll Breite. Solche sind in der Mitte stärker als an den Seiten, wodurch dieselben, vermöge der Konzentrirung der Lichtstrahlen, viel mehr Helligkeit verbreiten als dieses der Fall bei gewöhnlichem Scheibenglas ist.

~Taf. III.~, stellt den innern Raum des Schiffes in horizontaler Lage vor. In diesem Raume befindet sich bei ~A.~ die Kajüte mit einem in der Mitte befindlichen großen Zimmer, zum Aufenthaltsort der Kajüten-Passagiere. Auf beiden Seiten befinden sich die Schlafstellen, (Cojen genannt.) An dem Fockmast steht die Treppe und hinter derselben ist die Wohnstube des Kapitäns, neben welcher sich verschiedene Kammern befinden. Auf der andern Seite sind die Räume für den Ober- und Unter-Steuermann, dem Steeward (Kammerdiener) und Koch. ~B.~ Ist die Vorkajüte, wo auf unserm Schiff die Vorräthe von Lebensmitteln aufbewahrt wurden, welche nicht in den untern Raum des Schiffes gebracht waren. Hier hatte außerdem der Kapitän noch seine Getränke, so wie das Tisch- und Küchengeräthe aufgehoben. In dem großen Mittelraum ~C.~ befinden sich auf beiden Seiten gleichlaufend mit den Schiffswänden zwei Reihen Schlafstellen über einander, deren Jede 6 Fuß im Quadrat hält, und aus Stollen und Bretern so zusammengenagelt sind, daß der Boden derselben 12 Zoll von dem Fußboden absteht, damit bei offenen Luken die mitunter einschlagenden Wellen, nicht die Strohsäcke oder Betten durch das darunter laufende Wasser befeuchten. Drei Fuß höher ist der zweite oder Mittelboden angebracht, welcher, da das Zwischendeck 7 Fuß hoch ist, eben so weit vom obern Deck absteht. Durch diese Vertheilung der Böden erhält jede Schlafstelle 3 Fuß Höhe, wie dieses auf ~Taf. IV.~ ersichtlich ist.

An der Vorderseite der Schlafstellen ist ein Bret angenagelt, damit bei Sturm die Strohsäcke mit den darauf Liegenden nicht herausgeworfen werden. Eben nicht höher sind auch die Schiedbleichen, wodurch dem Auge die freie Durchsicht offen steht[20]. Jede Coje nimmt 8 Mann auf, wovon 4 unten und 4 oben liegen, und so in den 26 kleinen Räumen 208 Menschen untergebracht sind. Das Lager der Passagiere beim Schlafen ist verschieden, wie solches auf der Zeichnung zu sehen ist und richtet sich nach dem Stande des Schiffes, damit immer der Kopf hoch ist, auch nicht bei schräger Lage des Fahrzeuges ein Passagier auf den andern fällt. In der Mitte stehen die Kisten der Reisenden, wo solche die Extraprovisionen oder die Bedürfnisse mancherlei Art, welche auf einer Seereise nöthig sind, aufbewahren. Diese Sachen werden mit Stricken und Tauen aneinander befestigt, um sie beim Sturm vor Umwerfen und Zerschlagen zu schützen. ~D.~ ist die Matrosen-Kajüte.

~Taf. IV.~ ist ein Durchschnitt des Schiffes, wo man ebenfalls die Passagiere in ihren Cojen liegen sieht. ~E.~ ist der Raum, worin der Balast, die Proviant-, Fleisch- und Wasserfässer, das Gepäck der Passagiere sowie die Kaufmannsgüter untergebracht werden. Dieser Theil des Schiffes beträgt die Hälfte seiner Höhe, und ist, so tief es unter Wasser geht, mit Kupfer beschlagen.

Siebenter Brief.

Bremerhaven im Juni 1839.

Fortsetzung.

Da bei unserer am 26. d. Mittags erfolgten Ankunft im Hafen sich weder der Steuermann, noch der Kapitän sehen ließen, mußte heute ebenfalls auf die Beköstigung verzichtet werden, was bei sämmtlichen Passagieren die größte Unzufriedenheit erregte und zu lauten Klagen Veranlassung gab.

Die Schlafstellen im Zwischendeck waren numerirt, und die zunächst am Mittelmast gelegene, wo die Bewegung des Schiffes am wenigsten fühlbar ist, hatten schon einige Judenfamilien in Beschlag genommen, mußten jedoch ihre Effekten wieder wegräumen, da bestimmt war, daß das Loos entscheiden solle. Mir, dem Sohne meines Bruders, dem Glaser R. und dem Metzger R. fiel der untere Platz No. 18 zu, welcher ziemlich in der Mitte des Schiffes sich befand. Ueber uns logierten drei Bauern nebst einem Frauenzimmer, welche des Einen Braut sein sollte.

Um einen richtigen Begriff vom Schiffsleben zu erhalten, braucht man nur eine Nacht in dem Zwischendeck, wo 208 Menschen schlafen, zuzubringen, wo ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters, säugende Kinder, Greise und hochschwangere Frauen unter einander liegen. Das Heulen der Kleinen, das Nachspotten unverständiger Laffen, das Schimpfen und Zanken roher Bauern, das Lachen und Schreien Solcher, die Nichts auf der Welt zu verlieren haben und einer schönen Zukunft entgegen zu gehen glauben, das nachgeahmte Heulen der Katzen und Bellen der Hunde; alles Dieses unterbricht die Ruhe der Nacht, und früh am Morgen trieb mich ein Knoblauchgeruch und die mephitischen Ausdünstungen, welche das faule Wasser im Kiel des Schiffs verbreitet, vom Lager.

In der Restauration, während des Frühstücks, erhielt ich die Kunde, daß auf dem Schiffe die größte Aufregung herrscht, da der Obersteuermann während der Abwesenheit des Kapitäns, der in Bremen war, keine Provision vom Schiffe aus verabreichen wollte, welches mehre Passagiere beunruhigen mußte, da solche keine Lebensmittel mehr besaßen, aber auch kein Geld zu deren Anschaffung hatten. Die Erbitterung wurde um so größer, als der später ankommende Kapitän erklärte, daß der für die Reise bestimmte Proviant, solange das Schiff noch nicht in See gegangen, nicht angegriffen werden dürfe, sondern der Mundbedarf von dem dazu beauftragten Agenten Herrn U. hier abgegeben werden müsse und wir uns lediglich an diesen zu halten hätten.

Dazu aufgefordert, und um Unordnung zu verhüten, stellte ich mich an die Spitze der Unzufriedenen und begab mich mit noch sechs Andern auf das Komptoir des Agenten, wo wir leider vernehmen mußten, daß wir nicht die Ersten seien, welche dergleichen Beschwerde führten und von den Schiffsmäklern in Bremen um mehre Tage Beköstigung geprellt würden, indem von Jenem kein Befehl an ihn zur Abgabe von Lebensmitteln an uns ergangen sey.

Auf meine Drohung, dieses widerrechtliche Verfahren zur Warnung Anderer öffentlich bekannt zu machen, erwiderte Herr U.[21] frech genug, daß uns dieses freistände und daß wir ja auch bei der Behörde in Bremen gegen Herrn W. auftreten könnten; wohl wissend, daß bei dem segelfertigen Schiff, welches stündlich zum Abgang bereit war, keiner von uns von diesem Vorschlag Gebrauch machen könne.

Meine Begleiter, welche ihren Unmuth über dieses sonderbare Benehmen des Herrn Ulrich nicht langer verbergen konnten, überhäuften ihn mit den gemeinsten Reden, die der saubere Herr gelassen einsteckte, da er vermuthlich an dergleichen Auftritte schon gewöhnt war. Es blieb uns jetzt nichts weiter übrig, als bei der Polizei-Behörde in Bremerhaven Schutz zu suchen, welche auch sofort durch einen Gensdarmen den Befehl absandte, daß die Agentur unverzüglich die nöthigen Lebensmittel auf das Schiff liefern solle, um sich nicht bei wiederholter Klage strengen Ahndungen auszusetzen. Geschah nun auch das Erstere, so erfolgte doch keine Entschädigung wegen der rückständigen Lieferungen und das Kostgeld vom 20. bis 28. Juni kam dem saubern Herrn zu Gute.

Eine neue Verlegenheit trat für uns ein, als der Schiffskoch, ein Neger, für die Deck-Passagiere nicht kochen wollte und vorgab, nur für die Kajüte und Matrosen engagirt zu seyn. Es wurde deshalb von uns die Einrichtung getroffen, daß das Geschäft des Kochens der Reihe nach, immer von acht Personen, besorgt werden sollte, welches aber das Unangenehme für sich hatte, daß bei stürmischer Witterung Niemand auf das schaukelnde Schiff sich getraute, wodurch mancher Fasttag entstand.

Die Zeit, welche der Auswanderer in Bremerhaven zubringen muß, langweilt sehr, da das ewige Einerlei durch Nichts unterbrochen wird, zumal wenn man die Gasthäuser meidet, wo öfters die Matrosen mit Erstern karambuliren; ich hielt mich daher gewöhnlich in einem Schiffswerft auf, wo mir durch Zuneigung der Arbeiter Gelegenheit ward, Manches, was Bezug auf Schiffsbau und Seereise hatte, kennen zu lernen. Um so öfterer wurde aber die Nachtruhe gestört, wie ich solches schon erwähnt und folgender purlesker Auftritt bezeugen wird: Durch Beihilfe des Untersteuermanns hatten sich zwei Juden als blinde Passagiere mit auf das Schiff begeben, ohne daß dieses irgend einem der übrigen Reisenden aufgefallen war. Da dieselben sich aber unpolitisch genug des Nachts zu weiblichen Personen gesellten, so wurde die Eifersucht rege, die Liebhaber der Schönen wurden erwischt und aus dem Versteck geworfen.

Durch den Lärm wurden Alle wach und da es Mehre schon längst auf die Israeliten abgesehen hatten, so wurde sofort bei dunkler Nacht ein förmliches Treibjagen nach den geängstigten Juden gehalten. Gleich gehetzten Rehen, von den Hunden verfolgt, deren Gebell treu nachgeahmt wurde, suchten die Armen Schutz in den Schlafstellen ihrer Genossen, da das Entrinnen unmöglich und der Ausgang besetzt war. Die Jäger, immer auf den Fersen und die Lust, sich unerkannt das Müthchen zu kühlen, spendeten der Jagdhiebe viele, und Mancher erhielt so, was man ihm längst zugedacht hatte. Zum Glück brachte der Obersteuermann Licht und hinter Fässern wurden die Gesuchten entdeckt, ergriffen und noch diese Nacht dem Gericht überliefert.

Die bis zum 4. Juli konträr wehende Luft hatte sich mehr zu unsern Gunsten gewandt, welches den Kapitän bestimmte, das Schiff am 5. durch den Lootsen aus dem Hafen bringen zu lassen, um solches neben drei andern, ebenfalls zur Abfahrt bereit liegenden Schiffen vor Anker zu legen, bis der Wind vollends sich gedreht und so die Fahrt schnell und sicher zwischen England und Frankreich durchgehen könne, da Seitenwind leicht nach dem nahen felsigen Ufer treibt, wo schon manches Fahrzeug auf Untiefen gestrandet ist.

Der heutige Tag wurde von den Amerikanern festlich gefeiert, die Flaggen aufgezogen und herrlich gelebt, da der 4. Juli, weil an solchen 1776 die Unabhängigkeit von englischer Herrschaft verkündet war, hoch in Ehren steht. Auch unsere Matrosen trugen das Ihrige bei und kamen erst spät am Abend benebelt auf dem Schiffe an, wo sie das vom Ufer nach dem Fahrzeug gelegte Bret auf allen Vieren passirt hatten.

Am 5. d. beim Grauen des Morgens mahnte schon des Obersteuermanns Stimme zum Aufbruch und bald rufte der Gesang der Matrosen beim Ordnen des Tauwerks die Passagiere auf das Verdeck, um noch einmal das nahe Ufer zu sehen; die aufgehende Sonne spiegelte sich in mancher Thräne, welche bei der Trennung vom Vaterland den Zurückgebliebenen geweint wurde. Ein dumpfes Lebewohl schallte in die Lüfte, aber die Geliebten, welchen es galt, vernahmen es nicht.

Unwiderstehlich zog es mich nochmals auf die Erdscholle, welche mein Vaterland mit einschließt, um am Ufer unbelauscht den mannigfachen Gefühlen, welche in dieser Scheidestunde meine Brust beengten, durch Thränen Luft zu machen. War es Ahndung einer beschwerlichen Seereise, oder wie soll ich das Grauen nennen, welches sich meiner bemeisterte, als ich das Schiff von Neuem besteigen wollte. Furcht vor Gefahren war es nicht, denn diese kannte ich nicht, da eine innere Stimme mir zurief: Du siehst die Deinen wieder! und doch hing zentnerschwer der Boden unter meinen Füßen, als wolle er mich zurückhalten auf Deutschlands Erde. Nur eines Gedankens war ich mächtig, an Weib und Kinder, und ihr Bild stand vor meinem Herzen. Heilige Vorsätze glühten in meiner Seele und meine Lippen stammelten Segen für die Zurückgebliebenen. Unaufhaltsam flossen die Thränen, da der Schmerz mich übermannte. Fieberkrank nahm ich das Schiffslager ein, um es sobald nicht wieder zu verlassen.