Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 29

Chapter 293,578 wordsPublic domain

Wie einem Jeden von uns zu Muthe war, gaben die Klagetöne zu erkennen. Als aber während dieser Katastrophe die verschlossene Luke über der Treppenstiege geöffnet wurde, und mit den sofort hereinschlagenden Wellen die Schreckensworte herabtönten: „auf Befehl des Kapitäns, unsern Aufenthalt schnell zu verlassen und in der Kajüte das Weitere abzuwarten“, glaubten wir sicher, in den Wellen begraben zu werden. So schnell als es die erschöpften Kräfte bei dem Schwanken des Fahrzeugs erlaubten, welches taumelnd jeden Augenblick bald rechts, bald links schräg auf den Meereswogen lag, raffte sich ein Jeder auf, um durch die aufschlagenden Wassermassen, dem Schiff entlang, auf allen Vieren kriechend, da ein Aufrechtgehen unmöglich war, die Kajüte zu erreichen.

Ohne selbst recht zu wissen, was geschehen sey, da der in englischer Sprache gegebene Befehl bei dem Getöse nur wenig verständlich war, hatte ich glücklich bei dunkler Nacht das Verdeck erreicht, um mechanisch den Andern zu folgen, wurde aber sogleich durch eine aufschlagende Welle übergossen, welches mich bestimmte, wieder hinabzusteigen, da ich noch bei der Gefahr, zu ertrinken, durch Erfahrung an Erkältung dachte und die wollene Decke nachzuholen beabsichtigte, wobei ich leider, während der Fuß unsicher nach der nächstfolgenden Stufe suchte, die noch zurückseyende und vom Manne verlassene Amerikanerin vor die Brust trat, wodurch dieselbe mit einem Schrei hinabstürzte und bewußtlos am Boden zwischen den Koffern liegen blieb.

Wie war es jetzt möglich, da ich selbst, ohne mich fest anzuhalten, nicht stehen konnte, dieses durch den unglücklichen Tritt an der Flucht gehinderte, bedauernswürdige Geschöpf mit fortzubringen? Sie ihrem Geschick zu überlassen, wäre unmenschlich gewesen, und obiger Vorwurf hätte mich betroffen, wären wir Uebrigen beim schlimmsten Ereigniß gerettet worden und nur diese Arme hätte durch meine unschuldige Veranlassung, mit dem Leben büßen müssen.

Nicht zu beschreiben war unsere beiderseitige Lage. Angst und Bangigkeit im Herzen, über das, was noch kommen konnte, fort und fort durchnäßt von den einschlagenden Wellen, welchen wir, gerade unter der Luke, ausgesetzt waren, dabei das anhaltende Erbrechen, welches die Brust zersprengen wollte, und nicht vorsichtig beseitigt werden konnte, wodurch Eines das Andere beschmutzte. O! ihr beneidenswerthen Kajüten-Reisenden, von allen Diesem habt ihr nichts zu erfahren und deshalb auch nichts davon zu berichten.

Während ich mich noch abmühte, das junge Weib auf die Füße zu bringen und Trost zuzusprechen, in der Angst vergessend, daß sie kein Wort Deutsch verstand, und ich eben so wenig ihre halb ausgesprochenen Gedanken enträthseln konnte, wurde von einem Matrosen, der nicht wußte, daß wir noch zurück waren, um den innern Raum vor dem einschlagenden Wasser zu verwahren, die Decke der Oeffnung mit einem „~God damn!~“ zugeschlagen und so der letzte Sternenschein von uns abgeschnitten.

Wie in Grabesnacht der Erwachende ängstlich horchen mag, ob sich nichts rühre, was sein Pochen vernimmt, so übertönte hier als Gegensatz das tobende Element unsern Ruf und gleichsam lebendig begraben, wurden wir, von den übrigen Passagieren abgeschieden, unserm Schicksal überlassen.

Nach langer Mühe gelang es mir endlich, die arme Frau, welche besinnungslos nicht mehr wußte, was um sie vorging, in die Koje zu bringen, worauf ich selbst nach meinem Lager kroch und abgespannt an Leib und Seele, nicht im Stande war, einen Gedanken zu fassen und eben so wenig betete, als wie ein Murren meinen Lippen entging. Gott und die Welt waren vergessen. Der Angstschweiß lief über Kopf und Wangen, wobei die nassen Sachen den Unterleib erstarrten, weshalb ich mich zu entkleiden bemühete. Doch dieses Geschäft, wozu nur eine Hand verwendet werden konnte, da die andere zum Festklammern diente, brachte mich, da es nicht gehen wollte, so in Harnisch, daß ich mich vergessend, wie ein Landsknecht fluchte. ~O, German!~ rief mir eine Engelsstimme zu, worauf ich beschämt jetzt wieder an meine Nachbarin erinnert wurde und solcher mit dem Ausdruck: „Arme Lady“ meine Reue zu erkennen gab.

Was ist doch der Mensch für ein erbarmungswürdiges Geschöpf, wenn er unvermögend, der Gefahr zu entrinnen, ruhig abwarten muß, was die Mächte des Himmels über ihn beschlossen. Ja in solcher Lage ist wahrlich das Vieh, welches nicht weiß, was mit ihm vorgeht, glücklicher. Um weniger zu erfahren, wie im schlimmsten Falle das Wasser schmecke, empfahl ich Gott meine Seele und suchte durch Leeren der Rumflasche die Sinne zu betäuben, welches auch, da der Magen leer und der Kopf ohnedies ganz wüste war, schnell gelang, worauf ich im Schlaf versunken, nichts mehr von Allem vernahm, was um und über uns nach Mitternacht vorging.

Noch heulte der Wind am Morgen durch die Segel und peitschte die Wellen, daß solche keine Ruhe finden konnten, als die Luke sich öffnete und mit dem jungen Tage uns neue Hoffnung beseelte. Der Schiffskoch, in Begleitung des Mannes, brachte der Lady Kaffee und die Nachricht, daß die Gefahr vorüber, da der Orkan durch die geschickten Manövres des Kapitäns das Fahrzeug rückwärts gedrängt, und man jetzt weit vom Ufer entfernt, wieder auf hoher See schiffe.

Der reuige Mann suchte seine Unschuld zu beweisen, daß er, getrennt vom Weibe, die fürchterlichste Nacht habe zubringen müssen, da er mehr um ihr als sein Geschick besorgt gewesen sey. Doch verrieth auch das liebende Weib nicht durch Worte, was ihr Herz empfunden, so malte sich doch deutlich ihr Unmuth im Gesicht, wobei sie meiner freundlich gedachte, der ihr hülfreich während der Gefahr zur Seite gestanden; dabei war sie sich jedoch nicht bewußt, daß durch mein Retourgehen sie am Ersteigen der Treppe gehindert und dieses die Veranlassung zum Fall gegeben, sondern während der Bestürzung und bei der Dunkelheit der Nacht hatte sie den Fußtritt für etwas vom Verdeck Herabfallendes gehalten, von welchem Wahn ich sie auch weislich nicht befreite.

Drei Tage später kamen wir Englands Küste wieder nahe und nachdem ich vernommen, daß der Pilot an Bord und das Schiff sicher auf der Themse Englands Riesenstadt zuführe, schlug das Herz freudig im Busen, denn bald sollte wieder einer meiner Lieblingswünsche in Erfüllung gehen.

Nach einer Fahrt von nur 25 Tagen, wobei das Schiff retour geschlagen und dadurch Zeit verloren ging, langten wir glücklich am 12. Februar in London an, wo uns sogleich die Kunde wurde, daß bei dem letzten Sturm an Englands Küsten mehrere Fahrzeuge gestrandet, und wir froh seyn könnten, nur mit dem Schreck davon gekommen zu seyn, und jene Zahl nicht vermehrt zu haben.

Siebenundvierzigster Brief.

Aufenthalt in London.

Im Februar 1841.

Noch vor Ankunft unsers Packetschiffs, an seiner bestimmten Station, in dem seinem Welthandel angemessenen großen Basin, wohin es aus der Themse durch einen Seitenkanal langsam an Seilen gezogen wurde, verließen die, während der Seereise über mir logirt gewesenen zwei Passagiere das Fahrzeug und verschwanden alsobald unter der gaffenden Menge am Ufer, welches zu der Vermuthung Anlaß gab, da solche vor ihrer Entweichung aus einem unter ihrem Lager versteckt liegenden Packet etwas zu sich steckten, daß solches Kontrebande seyn müsse. Selbst als das Schiff in der Mitte der ringsum auf dem Basinufer erbauten Zoll- und Lagerhäuser wie in einer Festung sich befand und kein Fahrzeug bei Konfiskation außerhalb dieses Terrains und in solchen auch nicht das Geringste von Waaren vor der Revision ausladen darf, kamen die Schwärzer durch die mit Wachthäusern besetzten Ausgänge dieser Anstalt, versahen sich von Neuem mit Waaren und trugen solche am Leibe versteckt dreist durch die wachthabenden Zollbeamten, ohne weiter angehalten, noch weniger visitirt zu werden. -- Was soll man dabei denken? Neugierig, was es wohl seyn mochte, um dieses Risiko zu unternehmen, untersuchte ich den Versteck und fand Kautaback, welcher, wie ich später erfuhr, hoch besteuert sey.

Während der Zeit, bis die Matrosen eine Passage zum Transport unserer Sachen aus dem Schiffe besorgten und die Koffer selbst genau visitirt wurden, so daß auch das letzte Stück ausgeräumt werden mußte, hatten die Kontrebandiers, einzeln oder in Gesellschaft Anderer, mehrmals die Eingänge passirt, ohne Verdacht zu erregen und durch geschickte Manövres die Wächter getäuscht und so die weislich außer ihrem Koffer im Schiff verwahrten und bei etwaigem Verrath als ihnen nicht zugehörige Waaren, in Sicherheit gebracht.

Das junge Ehepaar war ebenfalls mit Zurücklassung seiner Sachen sogleich bei unserer Ankunft verschwunden, und so stand ich fremd, ohne Rathgeber und gehörige Kenntniß der Sprache, in der Mitte einer Menge Allerwelts-Freunde, welche ihre Dienste anboten, ein Jeder etwas zu erinnern wußte und sich bemüheten, den deutschen, aus Amerika angekommenen Vogel die Federn mit rupfen zu helfen. Wider Willen schleppte mich einer dieser dienstfertigen Leute nach dem Bureau, wo eine Aufenthaltskarte gelöst werden müsse, ohne welche mich Niemand beherbergen dürfe, mit der Bemerkung, daß während der Zeit die Andern meine Sachen in Aufsicht behalten wollten.

Die Schuldigkeit eines jeden Reisenden ist, sich in die örtlichen Gesetze zu fügen, wobei ich zugleich erinnert wurde, daß ich nicht mehr in Amerika war, wo Niemand bei der Ankunft, während des Aufenthalts und der Abreise sich die Mühe giebt, zu fragen, ob Einer Hans oder Kunz heiße, wo und wie lange man in den Vereinigten Staaten zu bleiben willens sey und was Einer zu treiben gedächte. Alles dieses sind Sachen, welche nur mit den relativen Begriffen von Freiheit der Amerikaner übereinstimmend sind.

Nur einige hundert Schritte entfernt, da man mich durch mehrere Hausgänge führte, war die ~Office~, und an der Thür angelangt, gab mein Begleiter durch das Oeffnen der Hand zu verstehen, daß er für seine Mühe abgelohnt seyn wolle, mit dem Bemerken, daß er mich dann eben so schnell wieder retour geleiten werde. Zu meinem Verdruß fand ich beim Durchsehen des Silbergeldes keine kleinere Münze als ein ~Six-pence~-Stück (5 Sgr.), erhielt aber zur Verwunderung statt Dank, das mir zu viel scheinende Geld mit der Bemerkung zurück, daß unter einem Schilling (10 Sgr.) ein Engländer keinen Dienst erweise. Hier half kein Besinnen, das Geforderte zu zahlen, da seine Kollegen im Besitze meiner Sachen waren.

Nachdem man mich, da kein Paß aufgezeigt werden konnte, in deutscher Sprache sehr zuvorkommend examinirt hatte, stellte man einen Schein über geschehene Meldung aus, welcher von mir am Tage der Abreise zurückgegeben werden sollte. Diese ganze Verhandlung dauerte höchstens eine Viertelstunde, welche Zeit meinem Wegweiser doch zu lange vorgekommen seyn mochte, um das Geld wieder im allgemeinen Verkehr zu bringen, oder durch neuen Verdienst zu vermehren; kurz er war verschwunden, und ich so genöthigt, den Rückweg allein anzutreten.

Obgleich keiner der Hüter meiner Sachen in deren Nähe sich befand, welche auch, wie ich später erfuhr, ohne besondere Aufsicht sicher gestanden haben würden, so hielten doch alle drei die Hände auf, in dem Glauben, daß in jede ein Schilling gelegt werde. Der Gemahl meiner jungen Leidensgefährtin, welcher zurückgekommen war, nahm sich aber der Sache an, und fertigte in meinem Namen Alle für ihr Nichtsthun mit einem Schilling ab.

Um ein deutsches Kosthaus, wo man billig logiren sollte, zu beziehen (wenn das Wort „billig“ in London Anwendung finden kann), nahm ein vereideter Lastträger, wie es das angehängte Schild zu erkennen gab, meinen Koffer mit auf seinen schon mit andern Sachen beladenen, zweirädrigen Wagen, welcher von zwei kleinen Buben gezogen wurde, und bestimmte, da dieses ~Hôtel~ weit entfernt seyn sollte, sechs Schillinge Fuhrlohn. In der bald erreichten ~Bishopsgate-Street~, bei ~Old Catherine Wheel Jun.~, wurden die übrigen Sachen abgeladen und zu meiner Freude fand ich hier einen Straßburger wieder, den ich schon in Amerika kennen gelernt, und der jetzt, wie ich, auf der Heimreise begriffen war, da er jenseits des Meeres auch nicht gefunden, was Tausende vergeblich suchen. Auf den Vorschlag, hier zu logiren, und dann mit ihm und einem zweiten Landsmann, welcher auch aus Amerika kam, die Reise über Paris zu machen, war nichts einzuwenden, und da er versicherte, daß der Wirth, ein geborner Franzose, zwar auch die Feder zu spitzen verstehe, er doch nicht, wie es hier die Sitte in andern ~Hôtels~ sey, das Fell über die Ohren ziehe, und ich leicht auch bei dem rekommandirten deutschen Wirthe aus dem Regen in die Traufe kommen könne, so gab ich nach und blieb hier.

Dagegen hatte der Fuhrmann nichts einzuwenden; als ich aber statt sechs nur drei Schillinge für den Transport des Koffers zahlen wollte, da noch nicht die Hälfte des akkordirten Weges zurückgelegt war, und dieses schon übertheuer bezahlt sey, wie die Andern versicherten, so predigte ich doch tauben Ohren. Ohne seine Schuld sey der Weg gekürzt worden, war die Antwort, und Niemand könne sein gutes Recht auf die bedungene Summe ihm absprechen, auch würde er bei weiterm Aufenthalt noch wegen Zeitverlust auf Vergütung Anspruch machen.

Mit den englischen Gesetzen zu wenig bekannt, und um einen Rechtsstreit zu beginnen, nicht nach London gekommen, zahlte ich also, und mache dieses als Vorgeschmack bekannt, damit man sehe, was den wenig bemittelten Reisenden für Genüsse in England erwarten.

Noch zu sehr erschöpft und ärgerlich gestimmt über die unverschämten Forderungen dienstbarer Geister, ward beschlossen, die letzten Stunden des heutigen Tages zu ruhen, und morgen erst die Wanderung durch Britanniens Hauptstadt zu beginnen. -- Um die Wollust, auf einem weichen Bette sich zu pflegen, recht zu empfinden, muß man, wie ich, mehrere Wochen vorher unter immerwährenden Stürmen auf hartem Lager zugebracht haben. -- Schon war es hoch an der Zeit, was ich nicht bemerkt hatte, da die herabwallenden Bettvorhänge dem Auge die Tageshelle verbargen, als die im Nebenzimmer logirenden Landsleute mich weckten, da der auf heute bestellte Lohnbediente angekommen sey.

Schnell war die Toilette gemacht, schneller noch das Frühstück verzehrt, und: „Wohin nun zuerst die Schritte gerichtet?“ war die Frage des Wegweisers. Die Ansichten stimmten nicht überein. Der Themse-Tunnel, dieses Riesenwerk, erregte vor Allem meine Neugierde, dagegen der dritte Landsmann, als Bierbrauer, die großartigen Anstalten Londons zuerst besehen wollte, der Straßburger, als Handelsmann, aber die Börse und von der großen Brücke herab, das Gewühl der Fahrzeuge auf der Themse zu sehen wünschte. „Es wird wohl das Beste seyn“, versetzte der ~Cicerone~, „wenn Sie sonst keine bestimmten Geschäfte abzumachen haben, und die Briefe nebenbei abgegeben werden können, daß wir uns zuerst nach dem volkreichsten Theile der Stadt, der ~City~, begeben, damit Sie sogleich einen Blick in Londons Geschäftsleben werfen, und auf dem Wege durch ~Lutgad-hill~, das Packet besorgen können.“

Kaum hatten wir unser Logis im Rücken, als der Führer den Antrag stellte, im Falle wir einige Wochen hier verleben wollten, unsern jetzigen Aufenthalt zu verlassen, wo, im Verhältniß zu andern großen Städten, bei aller Billigkeit noch theuer zu logiren sey. Dagegen finde man mit leichter Mühe, wie auf den an den Häusern angeschlagenen Zetteln zu ersehen sey, überall zur Miethe ausgebotene Wohnungen, groß oder klein, elegant und einfach meublirt, je nach Bedarf. Da wir aber nur einige Tage in London zu bleiben gedachten, wurde für die Nachricht gedankt, ohne selbst Gebrauch davon zu machen. Ich halte es aber der Angabe werth, da es vielleicht dem geehrten Leser zu Gute kommen mag, wenn er nach vollendeten Eisenbahnen einen Abstecher nach England zu machen, willens seyn sollte.

Größer noch, wie in ~New-York~, ist das Treiben und Wogen der geschäftigen Menge in diesem Stadtviertel. Die Trottoirs in den Hauptstraßen, breit genug um sechs und mehreren Personen neben einander das Gehen zu gestatten, sind beständig mit Menschen überfüllt. Schwieriger aber noch wird das Durchkommen in den engen und krummen Gassen der eigentlichen ~City~, wo die Fußwege schmal und der Koth in den, wie es scheint, nie gereinigten Fahrstraßen, den dahin Tretenden, oder quer über die Straße Gehenden, in die Gefahr versetzt, die Fußbekleidung im Stiche zu lassen. Demnach befinden sich gewöhnlich Bettler, mit Besen bewaffnet, an den Orten, wo die Trottoirs durch eine Straße unterbrochen werden, um einen schmalen Fußweg zu fegen. Da aber die Arbeit nur ein Gewerb zum Betteln ist, und das ewige Fahren Alles wieder sogleich mit Koth überzieht, auch bei dem ewigen Nebel die Trottoirs nicht immer die reinlichsten sind, so bedient man sich in der Regel der Galloschen, und die Frauenzimmer mit Zwecken beschlagener Stelzschuhe, welches Klappern schon aus der Ferne die Ankunft der Schönen verräth.

Die vornehme Welt besucht diesen Stadttheil nie zu Fuß, und selbst der Mittelstand bedient sich der Miethwagen, welche den ganzen Tag auf den angewiesenen Plätzen bereit stehen, und deren Zahl über 1200 seyn soll.

Da durch das ewige Hin- und Herfahren, so wie das durch Einanderdrängen nach allen Richtungen, im Fahrwege ohne Gefahr zu gehen, nicht möglich ist, so spatzieren auch auf den Trottoirs die vielen Lastträger, Schubkärner, Milchhändler, Brod- und Kuchen-Händler mit ihren Körben, Straßenkehrer mit ihrem Geräthe, wie alle mit Baumaterial belasteten Maurer und Zimmerleute, und die größte Vorsicht ist nöthig, um nicht umgerannt zu werden. Durch die langen Züge der sich aneinander reihenden Wagen entstehen oft bei Passirung der Querstraßen, Viertelstunden lange Stockungen, welche Zeit des Aufenthaltes der Fußgänger verwendet, um die geschmückten Läden, da fast jedes untere Stock dazu eingerichtet ist, zu besehen. -- Die Pracht und Schönheit dieser Gewölbe, mit all den sinnreich aufgestellten Waaren, setzt den Fremden in Erstaunen, und der Reichthum und Glanz der Gold- und Silber-Arbeiter ist nicht zu beschreiben. Die Galanterie-Läden bieten jedes Luxuriöse, und die schönen Draperieen, mit welchen die Schnitthändler hinter großen Spiegelfenstern die Waaren dem Publikum zeigen, reizen zum Kauf. Die lockenden Obst- und Kuchen-Läden erwecken den Appetit, und wässern den Mund unwillkürlich, da Alles, was Konditoren nur erfunden haben, hier zur Schau aufgestellt ist. Auch die Apotheker stehen nicht nach, und verzieren die Ladenfenster mit gläsernen Kugeln, gefüllt mit gefärbtem Spiritus, zwischen welchen Vasen mit künstlichen Blumensträußen aufgestellt sind, welche, vorzüglich Abends erleuchtet, einen imposanten Anblick gewähren. Vor Allem aber fesseln den Blick die Kupferstichläden, wo täglich neue Gegenstände ausgehängt sind, weshalb immer ein Kreis Neugieriger die Fenster umlagern, und den Weg verengen. Nichts mag es wohl in der Welt geben, womit Handel getrieben wird, was in London nicht zu bekommen wäre.

Um aber auch bei ungünstiger Witterung dem Publikum die Gelegenheit zu geben, geschützt vor Koth und Wetter, ihre Einkäufe machen zu können, den Neugierigen und Geschäftslosen Promenaden, wie den Verkäufern trockene und sichere Magazine zu verschaffen, so sind mit Glas bedeckte Passagen errichtet worden, welche prachtvollen Glasgallerien Alles bieten, was man wünscht und sucht, und diese Durchgänge noch dem Fußgänger den Vortheil gewähren, den weiten Weg zu kürzen, indem man durch solche schnell aus einer Straße in die andere gelangen kann. Mein Gefährte hatte beim Passiren der ~Arcade Bourlington~ die Gewölbe gezählt und deren zweiundsiebenzig gefunden.

Je mehr man sich wieder aus der ~City~ entfernt, desto mehr nimmt das Gewühl der geschäftigen Menge ab, denn hier wohnt mehr der konsumirende Theil der Einwohner, welche in größter Bequemlichkeit sich des Lebens zu freuen suchen. Kein rauschender Erwerb, kein Gedränge der arbeitenden Klasse, nur geputzte Herren und Damen und bunte Livreen beleben die Straßen, so wie nur glänzende Equipagen und Lohnkutscher sichtbar sind.

Achtundvierzigster Brief.

Fortsetzung.

Im Februar 1841.

Die durch den fortwährenden Steinkohlendampf schwarz geräucherten Häuser haben im Allgemeinen, mit Ausnahme einiger fürstlichen Wohnungen, kein imposantes Ansehen; sie sind meist drei Stock hoch, von Ziegelsteinen ohne die geringste äußere Verzierung aufgeführt, meist schmal, da sie in der Regel nur von Einer Familie bewohnt werden und haben deshalb keinen Thorweg; dabei sind die Hausthüren auffallend eng und hoch, eben so die Fenster, welche, gleich den Amerikanischen, keine Flügel haben, sondern zum Aufschieben eingerichtet sind. Die Treppen sind ebenfalls äußerst schmal, und im Souterrain befinden sich die Küche und Bedienten-Wohnungen.

Alle, meist von großen Plätzen ausgehende, oder in solche einmündende Straßen sind gerade, breit und mit Trottoirs versehen. Die schönste Straße ist aber die ~Regent-Street~, in welcher an beiden Seiten längs der Häuser, eine Säulen-Colonnade aufgeführt ist.

Mit Besteigung der Säule, das Monument genannt, welche zur Erinnerung der Stelle, wo 1666 der große Brand entstand, der 13,000 Häuser zerstörte, errichtet ist, wurde der erste Tag beschlossen. Von der Höhe der Säule, welche oben mit einer Gallerie umgeben ist, und wohinauf 365 Stufen einer Wendeltreppe führen, genießt man eine herrliche Aussicht, wenn die Witterung günstig und der Steinkohlendampf weniger die Luft verdickt. Leider war es jetzt der Fall, daß der Nebel die Fernsicht hemmte, und wir unbefriedigt den Ort verließen.

Alles, was wir während des siebentägigen Aufenthalts in London, bei wenig Ruhe, Gelegenheit zu sehen hatten, genau zu beschreiben, würde einen ganzen Band füllen, und durch meine ungeübte Feder nur unvollkommen geschehen können. Dabei würde solches über das gesteckte Ziel hinausführen, und Zeit in Anspruch nehmen, welche mir jetzt schon zu andern nothwendigen Arbeiten verloren ginge. Im Allgemeinen will ich nur bemerken, was mir unter der Größe und Pracht Londons am Meisten aufgefallen, wovon aber manches weniger Merkwürdige dem Gedächtniß wieder entschwunden ist.

Die schönen Statuen, Monumente, Brücken und die Eisenbahnen, von welchen eine der Letzteren in einem Stadttheil über die Häuser führt, die Straße unter dem Wasser weg (der Themse-Tunnel), die großartigen Bierbrauereien, die Theater, die St. Paulskirche, der Palast von Westmünster, Westmünster-Abtey und der so geschichtlich berühmte Tower.

Unter andern Aufträgen von Amerika aus, war mir auch die Besorgung eines Briefes an Prinz Albert (Gemahl der Königin), übertragen, weil man glaubte, daß solcher auf diesem Wege sicherer, als durch die Post, in seine Hände gelangen würde. Die Veranlassung zeigte, daß nicht immer auf das Wort großer Herren zu bauen, und die Sache selbst interessant genug ist, um sie hier zu veröffentlichen.

Ein Schneidergeselle in ~New-York~, mit Namen Karl, welcher auf Stück für einen Kleiderhändler arbeitete, und dessen Bekanntschaft ich machte, hatte die Milchschwester des Prinzen Albert von Koburg geehelicht, welche ihren Mann mit einem kleinen Söhnchen beschenkte. Nach langem Berathschlagen, wer wohl der annehmbarste Pathe seyn möchte, erinnerte sich die Wöchnerin der Worte des Prinzen, welcher bei ihrer Konfirmation, wo sie ihm vorgestellt worden, gesagt haben sollte:

„Bedürfen Sie Meiner einmal in spätern Jahren, so erinnern Sie sich nur des Milchbruders, und ich werde, der Worte eingedenk, helfen, wenn ich’s vermag.“

Der Bedarf war da, denn der arme Modekünstler verdiente nur zur Noth, was er nebst Frau täglich brauchte. Leider blieb aber nichts zur Bestreitung der nöthigsten Ausgaben für den kleinen Wurm übrig, auf welchen gar nicht gerechnet worden war.