Part 27
Wie aus dem Vorhergehenden zu ersehen ist, erfolgt die Aufnahme zum Bürger im Staate ~New-York~ erst nach Verlauf von fünf Jahren des ersten Einregistrirens, und nicht wie viele Einwanderer irrig glauben, nach fünfjähriger Wohnung im Lande; denn es könnte einer 10 Jahr hier seyn, ohne sich zu melden, so müßte er immer noch fünf Jahre warten, ehe dem Gesetze nach, seine Aufnahme erfolgen könne. Doch man braucht hierüber nicht so ängstlich zu seyn. Wie man in Amerika für Alles Mittel und Wege kennt, so genügen auch hier zwei Zeugen, welche beschwören, daß der um Aufnahme Suchende die gesetzliche Zeit im Lande sey, wobei aber dann noch fünf Dollars entrichtet werden müssen, welche Summe, um die Stimme des Betheiligten für den vorgeschlagenen Kandidaten der Präsidenten-Stelle zu erhalten, von den Häuptern der Partheieen bezahlt wird. Ja, meinem Landsmann R., welcher ebenfalls versäumt hatte, sich einschreiben zu lassen, und noch nicht einmal volle fünf Jahre im Lande war, wollte man, um sich seiner Stimme bei der jetzigen Wahl zu versichern, auf diese Weise zum Bürgerwerden verhelfen, wovon er aber keinen Gebrauch machte, da er keinen falschen Schwur, wozu seine bestochenen Zeugen sich verpflichtet, ablegen wollte.
Vierundvierzigster Brief.
Fortsetzung.
(+Schule und Kirche.+)
Im Dezember =1840=.
Die Sonntagsfeier in ~New-York~ konnte von mir, der sich Enthaltsamkeit von allen kostspieligen Vergnügungen zum Gesetz gemacht, nicht besser verwendet werden, als in und außer dem Tempel des Herrn die verschiedenartigsten Gottesverehrungen zu beobachten, und Erkundigungen über die Schulen einzuziehen, woraus ich Folgendes zusammengestellt habe:
Es liegt wohl unstreitig im Interesse jedes Staates, daß die Jugend eine vernünftige Erziehung genieße und daß möglichst für Ausbildung der geistigen Fähigkeit gesorgt wird, worin vor Allem der Grund zu einer vernünftig wahren Gottesverehrung zu legen ist, damit bei vorgerücktem Alter die Erlernung eines praktischen Geschäfts um so leichter, und ein Staatsbürger gewonnen werde, der zum allgemeinen Menschenwohl nach Kräften beiträgt, und die wahre Zufriedenheit in sich selbst suchen kann, aber auch findet. Wie ist dieses aber wohl anders zu erringen möglich, als durch gut organisirte Schulen, welche besucht werden müssen, und wo die geistigen Kräfte des Menschen, wenn sie nicht im Keime wieder ersticken sollen, frühzeitig entwickelt und ausgebildet, diese Ausbildung aber bis zur Mannbarkeit fortgesetzt wird, wie dieses bei uns der Fall ist.
Ganz anders denkt und handelt man hier, wo der Amerikaner sich keine Beschränkung der individuellen Freiheit gefallen läßt, und deshalb da, wo Schulen vorhanden sind, diese nicht von den Kindern besucht werden, sie auch keine Behörde dazu anhalten darf, weil die Konstitution nichts davon enthält, und die Freiheit des Menschen sich bis auf das schulfähige Kind herab erstreckt, welches, dem Gesetze nach, nicht einmal der Vater selbst bestrafen darf.
„Hätte Amerika so viele Schulen als Kirchen, welche besucht werden müßten“, äußert sich ein Reisender, „wo außer Lesen, Schreiben und Rechnen auch das gelehrt wird, was zur Menschenbildung nöthig ist, so stände es mit dem Amerikanischen Volke besser, als jetzt, wo das junge Geschlecht aufwächst, wie der Baum in den Urwäldern. Kirchen giebt es mehr wie nöthig, und besser wäre es, die Hälfte davon würde zu Schulgebäuden benutzt. Hunderte von Kirchen werden hier jährlich neu gegründet, und doch nimmt die Zügellosigkeit, Rohheit und Irreligiosität immer mehr zu.“
Lesen, Schreiben und Rechnen sind die Hauptlehrsätze, denen nur noch wenig Andere untergeordnet sind, und welches Alles, wie mir versichert ward, auf eine leicht faßliche Manier gelehrt werde. Dabei besitzt der Amerikaner ein angebornes Genie, welches ihn schnell Alles auffassen und zur Schlauheit im Handel und Fabrikwesen geschickt macht, so wie die Grundregeln der Mechanik zu Maschinenbau erlernen läßt. Doch außer seinem eigenen Geburtslande und dessen Verfassung, welche die Zeitschriften unaufhörlich besprechen, und solche zu lesen, zur allgemeinen Gewohnheit geworden ist, kennt, außer den höhern Ständen, der Amerikaner nichts, und von Europa nur wenig; die niedern Volksklassen stellen sich daher Deutschland als eine Wüste vor, welche nur von Despoten und sklavischen Bettlern bewohnt werde, die aus Mangel vom Begriff der Menschenrechte und durch Entziehung der Mittel zur eigenen Existenz in Amerika ein ferneres Fortkommen und ein neues, freies Vaterland suchen. Deshalb ist auch hier im Allgemeinen der Deutsche so verachtet, gleich den Juden in Deutschland, und nicht schnell genug kann man die englische Sprache erlernen, um sich und sein Vaterland verläugnen zu können, und dem Amerikaner als gewachsener Gegner gegenüber zu stehen.
Wie nun durch Mangel von Schulen auf dem flachen Lande, und durch Nichtbesuch der vorhandenen von vielen Städtern die geistige Ausbildung im Allgemeinen aufgehalten und erschwert wird, eben so ist dieses der Fall in Bezug auf Religion und wahre Gottes-Verehrung, und selbst in den Schulen ist die Glaubenslehre kein Gegenstand der besondern Beachtung, oder man verwickelt die Grundlagen, worauf man fußt, so in Widersprüche, daß der Schüler in ein Labyrinth geräth, woraus er später als Mann sich nicht wieder herauszufinden vermag, wenn man nicht gar allen Religionsunterricht aus der Schule verbannt, und so den Menschen ohne alle Grundlage heranwachsen läßt, wo durch solcher als schwaches Rohr in spätern Jahren nicht weis, welchen von den 61 verschiedenen Sekten er sich zugesellen soll, von einer Glaubensansicht in die andere fällt, und so an sich selbst und der Gottheit irre werden muß.
Nur wenn die Entwickelung der Begriffe vom höchsten Wesen bei der Jugend gleichmäßig fortschreitend, den Vernunftskräften angepaßt würde, damit die zur Erlangung menschlicher Glückseligkeit nöthige Harmonie nicht gestört werde, und sich so ein fester, wahrer, auf Vernunft gegründeter Religionsglaube in dem Menschen bilden könne, welcher ihn im Genuß des Glücks seine Menschheit nicht vergessen läßt, in Tagen der Trübsal aber wahren Trost gewährt und seinem Herzen himmlischen Balsam spendet, kann der Mensch mit weniger Gefahr für seinen Glauben die in Amerika bestehenden, so verschiedenartigen christlichen Religions-Sekten bei Ausübung ihres Gottesdienstes besuchen, ohne dabei von der Menschheit, Teufel und Hölle, so wie vom höchsten Wesen selbst falsche Begriffe zu bekommen. Denn was man hier, wo alle Glaubenslehre frei ist, zu sehen und zu hören Gelegenheit hat, grenzt an das Unglaubliche, und oft habe ich mich im Stillen gefragt: „Sind das auch mit Vernunft begabte Menschen, welche auf solch abgöttische Weise dem Schöpfer zu gefallen suchen?“
Was man von Sekten, wie die der Zitterer, Methodisten u. dgl., deren Bekenner meistentheils den niedern Ständen angehören, und welche entweder mit Blindheit geschlagen, oder, ihres weltlichen Vortheils willen, den Unsinn und die Abgötterei bis ins Weiteste treiben, denken und halten soll, ist leicht zu erklären; was soll aber der wahrhaft vernünftige Mensch zu einer Glaubenslehre sagen, die von Männern ausgeht und gelehrt wird, welche sich unter die Gebildetsten, Aufgeklärtesten und Verständigsten des Volkes zählen, und deren Grundlehre die ist: -- „Verbannt alle Religionslehre, verbannt die Bibel aus den Schulen, denn das sonst für heilig gehaltene Buch ist veraltet, die Menschheit aber verjüngt. Unsere Bibel sey die Vernunft und deren Ausspruch die Religion. Kein Pfaffe lasse die Schwelle betreten, wo dem Menschen gelehrt wird, warum und wozu er auf der Welt sey, damit er nicht mit seinem Pesthauch die neue Moral vergifte und im Keime tödte. Laßt dem Jüngling freie Wahl, ob er sich zu einer Religions-Sekte bekennen, und welcher er sich anschließen will; denn Freiheit im Glauben ist das erste, wozu der Mensch die gerechtesten Ansprüche hat“ u. s. w.
Welch herrliche Lehre, wie passend in die jetzigen Zeiten! Welch weites Feld öffnet sich nicht der Gewissensache? Der Zeuge ist nicht mehr verlegen, wenn es auf einen Schwur ankommt. Der Spekulant, der Geschäftsmann hat nur noch den weltlichen Arm der Justiz zu fürchten, und dafür giebt es ebenfalls Advokaten, welche der neuen Lehre huldigen. Himmel und Hölle sind nicht mehr, und Gott ein zu erhabenes Wesen, um sich um solche Kleinigkeiten, wie das Drängen und Treiben der Menschen auf der Erde sey, zu bekümmern.
Wie steht es aber mit diesen Verblendeten, wenn bei der Leere des Herzens Noth und Trübsal über sie kömmt? Wo bleibt der himmlische Trost und die beruhigende Seelenruhe, die dem Menschen so Noth thut, wenn er nach dem allgemeinen Naturgesetz alles Irdische verlassen muß?
Mehrere Kirchen und Bethäuser sind von Spekulanten erbaut und werden, gleich den Gasthöfen, verpachtet, worin eine Sekte so lange in ruhigem Besitz verbleibt, bis ihr Kontrakt abgelaufen und von einer andern Religions-Parthei überboten worden ist. Kein Geistlicher wird vom Staate besoldet, und in der Regel sind es die Einkünfte des Klingelbeutels und der Trau- und Taufgelder, wofür er dient. Jedes Gemeinde-Mitglied zahlt jährlich einen bestimmten Beitrag zur Kirchenkasse; da aber die oft nicht unbedeutende Summe für Miethe des Gotteshauses nicht zulangend ist, oder um Gelder zu einem Neubau zu sammeln, so muß jeder, nicht zur Gemeinde gehörende Kirchenbesucher vor seinem Eintritt sechs ~Cents~ (2½ Sgr.) entrichten.
Bei aller Religions- und Glaubens-Freiheit sieht es doch der Brodherr gern, wenn seine Arbeiter mit ihm gleiche Gottesverehrung ausüben, weshalb mein Neffe unter die Chorsänger einer frommen Gemeinde, welcher sein Meister huldigte, aufgenommen worden war und Sonntags drei Mal zum Lobe des Herrn seine Stimme erschallen lassen mußte. Unser Landsmann R. hatte sich dagegen auf die Seite der Vernunftsgläubigen geneigt und abwechselnd das Herumtragen des Klingelbeutels mit übernommen.
Diese Sekte, welche zur Zeit den berüchtigten ~Dr.~ Frösch an der Spitze hatte, welcher keine Grenzen in seinen Religions-Vorträgen kannte, aber, zum Lobe sey es gesagt, von vielen seiner frühern Anhänger deshalb verlassen worden war, hatte, wie ich schon berührt, eine förmliche Umwandlung mit den Grundpfeilern der christlichen Glaubenslehre vorgenommen, die Bibel und die Auslegung der Evangelisten nach vernünftigen, den Menschen Heil bringenden, Grundsätzen aus der Kirche verbannt, und zum Gegenstand seines Vortrags entweder nur solche Stellen der heiligen Schrift gewählt, welche zu den forschbaren Wahrheiten gehören, z. B. Untersuchungen der evangelischen Nachrichten über die Himmelfahrt Jesu, dann die Ungereimtheiten und Widersprüche in den evangelischen Nachrichten über Jesu, u. s. w., oder weltliche Begebenheiten, wie: die Kreuzzüge, die Bartholomäus-Nacht, die Jungfrau von Orleans, zu seinem Zweck bearbeitet, wobei nie unterlassen wurde, den Staatsbürger, (da der Ausdruck Unterthan ihm zu verhaßt ist) gegen seine Vorgesetzten aufzuhetzen, und wobei er es hauptsächlich auf die Europäischen Regenten und die Geistlichkeit abgesehen hatte und darauf Bezug habende Themata z. B. Wer ist ein wahrer Republikaner? Grundsätze, nicht Personen sollen den Menschen regieren! zu seinem Kanzelvortrage machte.
Der Gesang hat ebenfalls der Musik Platz machen müssen, doch erwarte man keine wie bei uns gebräuchliche altmodische Kirchenmusik, das wäre wider die Vernunft, wie sie sagen, sondern dem Geist der Gemeinde angemessene Ouverturen und beliebte Theaterstücke werden aufgeführt und mitunter auch, wenn der Redner seine Zuhörer überzeugt zu haben glaubt, daß des Menschen Bestimmung auf dieser Welt nur die sey, sich des Lebens zu freuen und angenehm zu machen, die heilige Andacht mit einem Schottischen oder sonstigen Galopp schließt.
Dem denkenden Beobachter bleibt hier die Frage zu beantworten übrig, was wohl für den Menschen besser sey, vorwärts zu streben nach unheilbringender Aufklärung, oder rückwärts ins dunkle Pfaffenthum zu gehen. Ich glaube, daß der Mittelweg, wie er bei uns betreten wird, der beste ist.
Doch nicht allein der Mann fühlt sich in Amerika berufen, zum Seelenheil seiner Nebenmenschen beizutragen, sondern auch das schöne Geschlecht glaubt dazu auserwählt zu seyn, und diese Frommen, welchen vorzüglich ein gutes Mundwerk nicht abzusprechen ist, erzählen der um sich versammelten Menge in einer Viertelstunde mehr aus dem Stegreif, als einem alten Geistlichen möglich ist, in zwei Stunden seiner Gemeinde vorzutragen.
Besonders amüsirte mich ein Fischerweib, welches an Tagen des Herrn vom Kahne aus mit heiligem Feuereifer den nahen Untergang der Welt und die ewige Verdammniß dem sündhaften Menschen verkündigte und ihre Stimme um so ärger erhob, je weniger Zuhörer sie hatte, um dadurch die Vorübergehenden zum Stillstand zu bewegen. Während des ewigen Kommens und Gehens der Menschen, von welchen die Reuigen weinten, die Gottlosen lachten, rauften und schlugen sich zügellose Buben, doch ohne dadurch die Prophetin irre zu machen. Als aber beim Apportiren der Hunde ins Wasser die ausgeworfenen Ballen in den Kahn geschleudert wurden und die wilden Bestien der Geist nicht abzuhalten vermochte und solche unter den Beinen der frommen Rednerin herumspionirten, da war es aus mit der Langmuth Gottes und das Zetergeschrei des Weibes verkündigte noch in dieser Stunde das Strafgericht des Herrn, weshalb ich mich zurückzog und ins Tagebuch notirte, was ich so eben gesehen und gehört hatte.
Fünfundvierzigster Brief.
=Fortsetzung.=
(+Ursache der schnellen Abreise.+)
Im Januar 1841.
Als die Einrichtung des Brennerei-Lokals so weit fertig war, um mit dem Apparat Proben anstellen zu können, so wurde zum Einmaischen der verschiedenen Schrotmassen geschritten; da aber die zum Gähren nöthige Wärme im Brennhaus noch fehlte, auch die zum Anfang verwendete Bierhefe nicht die beste seyn mochte, so ging die Fermention nur langsam von Statten und es wurde aus vier- eine fünftägige Maische (Bier), wie man diese flüssige Masse in Amerika nennt.
Das um einen Tag später reif gewordene Maischgut verlegte die Zeit des Abdestillirens zufällig auf den Sonntag (18. Oktober 1840), welches den Amerikanern schon unangenehm war, als ich aber vollends das Unglück hatte, dabei die Hände zu verbrennen, so erkannte man darin das Strafgericht Gottes, weil ich den Tag des Herrn entweiht. Doch um dadurch auch einen weltlichen Gewinnst zu erzielen, so wollte man mir auf die Zeit der Kur den wöchentlichen Lohn vorenthalten und nur auf die Drohung, in diesem Fall ~New-York~ zu verlassen und einem Ruf nach ~Philadelphia~ (welches Letztere jedoch nur eine Nothlüge war) zu folgen, blieb es beim Alten, da man überzeugt zu seyn schien, daß der Brenn-Apparat ohne mich nicht behandelt werden könne.
Als nach abgelegter Probe von mir angefragt wurde, ob man nun gesonnen sey, auf die alleinige Anfertigung solcher Brenn-Apparate ein Patent zu nehmen, wofür die bedungene Summe ausgezahlt werden müsse, gab man mir zu verstehen, daß dieses für jetzt nicht der Fall sey, da ~Mr. Benson~ in ~Mr. Sperring~ einen Kompagnon gefunden, welcher Letzterer auf Rechnung des Erstern das Brennereigeschäft mit fortzubetreiben beschlossen habe und man den Verdienst in solchem und nicht durch Verbreitung der Apparate suche. -- An diesen Fall hatte leider beim Aufsetzen des Kontrakts Niemand gedacht, und so unangenehm mir solches auch war, so verhielt ich mich doch ruhig, da bei wenig Arbeit die bestimmte wöchentliche Löhnung alle Sonnabende richtig erfolgte, wodurch die zurückgelegten Gelder sich schnell mehrten.
Für Branntwein kann man von den niedern Volksklassen in Amerika Alles erhalten, und besonders sind es die hier sich niedergelassenen Irländer, welche dem Laster der Trunksucht ergeben sind. Selbst das Leben wird gewagt, wenn eine Bouteille Branntwein zu verdienen ist, wie mir ein solch irisches Vieh zeigte, welches meinen, in einen tiefen Brunnen gefallenen Hut heraufholte und sich deshalb an einem Seil bis auf die Wasserfläche hinabließ, aber auch nach überstandener Gefahr die Flasche bis auf den Grund leerte.
Um dem verderblichen Einfluß, den die Säufer auf die Sitten des Volks ausüben, und eine Menge von Lastern, Verbrechen und Elend aller Art erzeugen, Einhalt zu thun, so errichtete man in Amerika die Mäßigkeits-Vereine, worüber in Europa so viel geschrieben, und deren Sieg über das größte Laster eines Volks, als vollkommen gelungen, dargestellt wurde. Leider ist dieses nicht überall in dem Grade, wie man glauben zu machen sucht, geglückt, da man in den meisten Staaten die Mäßigkeits-Vereine nur noch dem Namen nach kennt, und Alles seinen alten Gang fortgeht. Die Gründer derselben mußten nur zu bald die Erfahrung machen, daß sich ein so tief gewurzeltes Laster, welches mit dem Verdienste einer großen Anzahl mit geistigen Getränken Handeltreibender so innig verwebt war, sich nicht so leicht ausrotten lasse, als man von vornherein geglaubt hatte. -- Im Staate ~Pennsylvanien~ sind noch die meisten Spuren von gänzlicher Enthaltsamkeit des Genusses geistiger Getränke vorhanden und stets ist man dort bemüht, der Trunksucht Einhalt zu thun, demohngeachtet wird aber in diesem Lande noch sehr viel Branntwein verbraucht und fabrizirt.
Mitte November wurden mir von dem Fabrikherrn schriftlich mehrere Fragen vorgelegt, welche auf das Brennerei- und Destillateur-Geschäft und die Behandlung des Apparats Bezug hatten und worüber er eine genaue Definition verlangte, welche ebenfalls schriftlich von mir abgegeben werden sollte. -- Dieses gab Veranlassung, von meiner Seite dabei die Bedingung zu stellen, daß mein wöchentlich festgesetzter Lohn bis Ostern k. J. fortbestehen müsse, gleich, ob ich in der Brennerei oder in der Kupfer-Fabrik beschäftigt würde, und bei meinem Abgang zu Ostern, wenn ich nicht länger zu bleiben beabsichtigen sollte, mir dann noch die Summe von 500 Dollars ausgezahlt werde.
Der Vorschlag wurde angenommen, von einem Sachkenner in zwei gleichlautenden Exemplaren alle Bedingungen festgestellt und von beiden Theilen mit den nöthigen Zeugen, wozu ich unsern Landsmann Herrn Ratz erwählt hatte, unterzeichnet. -- Von dem Grundsatz des Amerikaners ausgehend, daß man jeden Menschen so lange für einen Schurken halten müsse, bis man von seiner Rechtlichkeit überzeugt sey (welches freilich mit der Ansicht des +biedern+ Deutschen im Gegensatz steht), erläuterte ich zwar alle gestellte Fragen durch Zeichnung und schriftliche Erklärung so, daß man vollkommen damit zufrieden gestellt zu seyn schien, behielt aber die Hauptsache, hinsichtlich der Behandlung des Apparats, noch zurück, um mich in der Brennerei weniger entbehrlich zu machen, besonders da man beabsichtigte, aus Melasse Rum zu fabriziren, welche Prozedur mir selbst noch nicht genau bekannt, und man deshalb einen Franzosen zugezogen hatte, nach dessen Angabe das dazu Nöthige in dem Brennereigebäude hergerichtet wurde.
Während dieser Zeit wurden von mir die Pumpen gefertigt und das sonst weiter Nöthige in der Brennerei besorgt. Doch mehr und mehr suchte man mich jetzt zu chicaniren, da man glauben mochte, nun im Besitz aller Geheimnisse zu seyn, und mich, dem sie mehr als einem andern Arbeiter an meiner Stelle zahlen mußten, auf diese Weise zum Abgang zu veranlassen. Ich ersuchte daher, als die Sache zu toll wurde, am 8. Januar einen Landsmann, welcher der englischen Sprache vollkommen mächtig war, den Dolmetscher zu machen, und sich zu erkundigen wo ich gefehlt, und was sie wollten, da ich mir selbst keiner Schuld bewußt sey. Im Laufe des Gesprächs wurde mein Vertreter hitzig und stieß einige beleidigende Worte aus, worauf der Gegner die Thüre öffnete und Miene machte, ihn hinaus zu werfen. Ich, der bis jetzt den ruhigen Zuschauer abgegeben, sprang dazwischen, und während der Karambolage setzte es Blut, da ein unglücklicher Faustschlag den Gegner verwundet hatte.
Von mehreren Seiten wurde mir gerathen, weder die Brennerei, noch die Kupfer-Fabrik wieder zu betreten, weil das Schlimmste zu befürchten stehe, weshalb ich beschloß, Amerika unverzüglich zu verlassen, wenn die bedungenen 500 Dollars ausgezahlt wären, da liebe Briefe aus der Heimath die Sehnsucht nach der Familie mehrten und ich das Leben im gelobten Lande bis zum Ueberdruß satt hatte.
Um zu dem Gelde zu gelangen, war der Kontrakt von Nöthen und vom Sachwalter erfuhr ich jetzt, daß er das Original mit der deutschen Uebersetzung Herrn Ratz mit der Bitte zugestellt, mir Beides, wenn ich ihn besuchen würde, zu übergeben. Doch, wer stellt sich meinen Schreck vor, als ich von Letzterem erfuhr, daß durch ein unglückliches Verhängniß das Dokument vernichtet und solches nur noch theilweise vorhanden sey, da sein kleiner Sohn während seiner Abwesenheit mit dem Wasserglase diese Schreiben benetzt und, aus Furcht vor Strafe, dieselben auf dem Windofen zu trocknen versucht, sie leider aber über dem Spielen vergessen und so verbrannt habe.
Der Rechtsweg blieb zwar zu betreten übrig, da die Zeugen noch vorhanden waren; doch wie konnte ich, den das böse Geschick überall verfolgte, einen Streit wagen, welchen durchzuführen mir die Mittel fehlten, da die Herren Advokaten hier vor Allem das ~Liquidiren~ am besten verstehen und wobei meine zurückgelegten Gelder riskirt werden mußten, ja nicht ausgereicht haben würden, wenn die Sache in die Länge gezogen und ich den Ausgang unbeschäftigt hätte abwarten müssen. Froh war ich daher, daß ich durch Sparsamkeit mir wenigstens ein hübsches Sümmchen erworben und die Rückreise über England und Frankreich unternehmen konnte.
Jetzt, da ich fest entschlossen war, Amerika Valet zu sagen, hätte mich nichts in der Welt länger hier zurückhalten können. Hoch schlug das Herz und nur eines Gedankens, an Weib und Kinder, war ich mächtig. Schnell, als sey Etwas versäumt, wurde Alles geordnet, meine Sachen durch die gefällige Vermittelung des Herrn Ludekus den geraden Weg über Hamburg, den Meinen zugeschickt und mit dem Paquetschiff ~Montreal~, welches den Abgang nach London schon auf den 10. Januar angesetzt hatte, akkordirt und, ohne Kost im Zwischendeck zu reisen, funfzehn Dollars gezahlt.
Außer einigen Leckereien, welche mir von der Gattin des Herrn Wallrabe bei Abholung meiner daselbst deponirten Gelder gefälligst gereicht wurden, war nur noch Brod, Schinken, Käse und eine Flasche Rum zur Seereise angeschafft; Thee und Kaffee sollte gegen ein ~Douçeur~ der Schiffskoch mir gewähren.
Die Anzahl der Deckpassagiere war wegen ungünstiger Jahreszeit gering, und außer mir nur noch drei männliche und eine Frauens-Person vereinigt, um im Zwischendeck einen Raum zu beziehen, welcher wohl zum Liegen groß genug, da vier Logen leer waren, außerdem aber nur noch höchstens sechs Q. Fuß Platz enthielt, wo die Kisten der Reisenden standen, die das Promeniren unmöglich machten. War auch die Wohnung gesund, da sie nicht von einer großen Anzahl Passagiere verpestet wurde, so gewährte doch der enge Raum keinen bequemen Aufenthalt im Innern des Schiffes und versprach demnach bei der kalten Jahreszeit, welche das Verweilen auf dem Deck nicht wohl gestattete, auch nicht die angenehmste Fahrt. Aber hätte man mich auch in einen Sarg gebettet, gern hätte ich es mir gefallen lassen, da der Gedanke, die Meinen nun bald wieder zu umarmen, alles Andere vergessen ließ. Um so unwillkommener war daher die Nachricht, daß die Abreise verschoben sey, und erst den 16ten d. angetreten werde, welches abermals bewies, wie wenig man in Amerika dem gegebenen Worte trauen kann, da bei bezahlter Passage die Versicherung gegeben wurde, daß ein Paquetboot unwiderruflich, wenn solches nicht widrige Winde unmöglich machten, die bestimmte Zeit einhalten müßte.
Am Morgen des 16ten verließ ich den Amerikanischen Boden, um ihn nicht wieder zu betreten, und war deshalb glücklicher als Tausende meiner Landsleute, welche wider Willen lebenslänglich hier festgehalten wurden.