Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 23

Chapter 233,203 wordsPublic domain

Der freundliche Morgen schaute schon in meine Strohhöhle hinein, als ich, der erst spät entschlummert war, von dem Gerassel vorbeifahrender Wagen geweckt wurde. Schnell war die Toilette gemacht, das Reisegepäck geordnet und von dem Nachtquartier Abschied genommen, bei welchem kein gefälliger Wirth, von handausstreckenden Marqueuren umgeben, glückliche Reise und baldiges Wiederkommen wünschte. Was mögen wohl beim Auffinden des leeren Nestes die Amerikaner gedacht haben, da dergleichen Acquisitionen hier nicht, wie es häufig bei uns geschieht, vorkommen? --

Der hungerige Magen und der schlaffe Geldbeutel spornten zur Eile, da bis ~Newark~ nicht eingekehrt werden durfte, und jemehr man sich den Hafenstädten näherte, um so mehr pflegte die Freigiebigkeit der Menschen abzunehmen.

Neununddreißigster Brief.

Aufenthalt in ~Newark~.

Im August 1840.

Der Stiefsohn des Herrn Riemermeister Wimmer, Freund Köhler, welchen ich schon gleich nach meiner Ankunft in Amerika, zu ~Newark~ besucht und mit Briefen aus der alten Heimath erfreut hatte, nahm mich zum zweiten Male herzlich auf und war hoch erfreut, daß ich Wort gehalten und ihn nach vollbrachter Reise, wie ich versprochen, wieder aufgesucht habe und nun über Alles berichten konnte.

Dieser Landsmann war noch am Ausgange der Zeit, in welcher in Amerika leichter wie jetzt Geld verdient wurde, hier angekommen, und hatte sich nicht allein auf sein Riemergeschäft durch Fleiß und Sparsamkeit ein hübsches Sümmchen erworben, sondern auch durch seinen sittlichen Lebenswandel die Zuneigung und das Herz einer jungen, hübschen Wittwe zu erobern verstanden, durch welche er in den Besitz eines Hauses gelangte; doch auch ihn trafen des Schicksals Schläge, und das Eigenthum wurde durch die Flammen vernichtet, so daß nur die Baarschaft gerettet werden konnte.

Das Aufblühen der Fabrikstadt ~Newark~, welches mehr und mehr Menschen von ~New-York~ dahinzog, bestimmte ihn, daselbst eine Wohnung zu renten (miethen) und ein Kosthaus zu etabliren, welches bald durch seine Bekanntschaft mit vielen Arbeitern, verbunden mit Reellität, eine nicht unbedeutende Anzahl Kostgänger erhielt. -- Das Verdiente im Kasten aufzubewahren, hielt er nicht für räthlich, eben so wenig glaubte er solches auf einer Bank sicher untergebracht und folgte daher dem Beispiele vieler Anderer, indem er Lotten (Bauplätze) kaufte, welche zwar schon hoch im Preise standen, aber noch täglich an Werth zunahmen. Doch schnell, wie ein Zauberschlag, wovon man sich bei uns keinen Begriff machen kann, trat ganz unerwartet eine Stockung im Geschäftsleben ein; mehre große Bankerotte folgten kurz auf einander, wodurch im Drange der Umstände viele Fabriken das Geschäft ganz einstellen oder bedeutend vermindern mußten, und so mit einem Male Tausende von Fabrikarbeitern, welche Zahl die verabschiedeten Arbeiter an Neubauten, wovon ganze Straßen in ~Newark~ im Angriffe waren, noch vermehrten, nun ohne Verdienst umherirrten, nicht wissend, von was sie leben sollten, da selten der Amerikaner aus der arbeitenden Klasse auf einen Nothpfennig bedacht ist, und eben so schnell wieder vergeudet und auf seine Kleidung verwendet (da in letzter Beziehung kein Stand dem andern nachstehen will), was er die Werktage über verdient hat. Die unausbleibliche Folge war, daß auch die Lotten täglich mehr im Werthe sanken, da Viele nothgedrungen, solche wieder veräußern mußten, selten einen Käufer fanden und mit 90 pCt. Verlust ihren vermeinten Reichthum in andere Hände übergehen sahen. Auch meinem Freund Köhler traf dieses Loos, da viele seiner Kostgänger, außer Stande zu zahlen, sich heimlich davon gemacht und nicht unbedeutende Schulden zurückgelassen hatten. So sah sich derselbe zum zweiten Male ohne Schuld vom Schicksale verfolgt und so um das Seine betrogen. Doch immer rührig und unverdrossen, und eine Frau zur Seite, die ihn treulich unterstützte, brachte er sich und seine Familie rechtlich durch und von Neuem wurde der Anfang gemacht, auch den Kindern Etwas zu erübrigen, da er durch Schaden klüger geworden, seinen Kostgängern nicht mehr kreditirte.

~Newark~ ist sehr großartig angelegt, besitzt meist breite Straßen, worunter sich besonders die Marktstraße auszeichnet, auch eine Anzahl schöner Gebäude. Doch verriethen dem Fremden mehre Ruinen neuer im Aufbau gewesener Häuser, daß sich die Stadt nicht wieder erholt habe und ihre jetzige Geschäftsthätigkeit in keinem Verhältnisse zu der frühern Zeit stehe. Ueberall, wo man hinkam, hörte man über schlechte Zeiten und den zunehmenden Verfall der Fabriken klagen.

Durch Freund Köhler und dessen Bruder, welcher bei Ersterem mit ~boardet~ (in Kost war), bin ich in verschiedene Fabriken und Werkstellen eingeführt worden, von denen mich besonders eine patentirte Schneiderscheeren-Fabrik interessirte, da ich hier die nothwendigste Waffe dieser edlen Zunft in der größten Vollkommenheit zu sehen Gelegenheit hatte. Das gußeiserne Scheeren-Gestelle, welches genau nach Form und Lage der Hand abgepaßt war, beschwerte die Hand des Zuschneiders während des Gebrauches nicht im Geringsten, wie solches bei unsern gewöhnlichen Scheeren der entgegengesetzte Fall ist und deshalb der Handgriff mit Anschrode umwunden werden muß. Dabei besaß ein solches Instrument nach dem Zunftausdruck: eine solche Eleganz, daß man sich darin spiegeln könne, und eine Schneide, welche nichts zu wünschen übrig lasse.

Mancher Feuerarbeiter, der dieses liest, wird freilich staunen, wenn er von Gußgestelle und guter Schneide hört; doch dieses Räthsel wird dadurch gelöst, daß die hier arbeitenden Amerikaner verstehen, Gußeisen mit dem besten Stahl zu belegen und eine Schweißstelle zu verfertigen wissen, welche dem forschenden Auge nicht leicht sichtbar ist. Gern hätte ich eine Scheere angekauft und als Muster mit in die Heimath gebracht, da aber eine solche 6-8 Dollars kosten sollte, so hielten mich triftige Gründe davon ab.

Auch die Herren Fußbekleider finden hier die hohe Schule, da eine einzige Schuh-Manufaktur jährlich 60,000 Paar Schuhe verfertigt, doch diese nicht nach unserer Manier zusammennäht, sondern zusammennagelt. -- „Ho, Ho!“ werden unsere deutschen Meister ausrufen: „das muß eine schöne Arbeit seyn!“ und dennoch kann ich versichern, daß sowohl die Façon, wie die saubere Arbeit selbst, vollkommen befriedigt, und der Amerikaner, welcher vom Ausbessern und frischen Besohlen, nichts weis, sondern seine unbrauchbar gewordene Fußbekleidung sofort mit neuer wechselt, bevorzugt solches genagelte Schuhwerk dem anderen, da dieses an Haltbarkeit jenes weit übertreffen soll.

Die mittelst einer besondern Vorrichtung zugeschnittene Sohle erhält durch eine andere Maschine ringsum am Rande drei Reihen regelmäßig geordnete Löcher, in welche ein anderes Kunstwerk kleine Blechnietchen einsetzt. Ist das Oberleder durch Ueberziehen auf eiserne Formen in Façon gebracht und der Rand mit schmalen Lederstreifen belegt, so wird die Sohle aufgepaßt und das Ganze kömmt nun in einen besonderen Mechanismus, durch welchen, indem mehre ringsum befindliche Schraubestöcke zugleich das Oberleder und die Sohle fassen, bewirkt wird, daß sich die Blechnieten in den doppelten, einwärts gekehrten Rand des Oberleders drücken, und gleichzeitig die inwendig hervorragenden Seiten umgeben und vollkommen platt pressen. Zwölf bis sechszehn Menschen wird es durch diese Vorrichtungen möglich gemacht, täglich 200 Paar Schuhe bis zum Verkauf anzufertigen, welche im Handel mit 2½-3 Dollars bezahlt werden.

Wie nun in Amerika immer ein Geschäft dem andern in die Hände zu arbeiten pflegt und man Reellität nur dem Namen nach kennt, so sorgen auch in diesem Artikel die Herren Gerber dafür, daß eine an sich starke Sohle, welche nicht, wie dieses mitunter bei uns der Fall ist, mit Schuhspahn kunstgerecht gefüttert worden ist, dennoch bald den Weg alles Fleisches geht und der Nachfolgerin Platz zu machen sucht. -- Das Garmachen der Häute wird hier, im wahren Sinne des Wortes, mit Dampf betrieben, da man die Häute nicht, wie bei uns, schichtweis aufeinander in die Gruben zur jahrelangen Aufbewahrung legt, wie es ein gut zubereitetes Leder verlangt, sondern solche auf Stangen in die Behälter hängt, und die Lauge, welche die Felle umgiebt, mit Dampf immer in den bestimmten Wärmegraden zu erhalten sucht, wodurch es möglich wird, daß eine so behandeln Kuh- oder Ochsenhaut nach 6-8 Wochen als fertiges Leder zum weitern Verbrauch in den Handel kommen kann. Wie es dabei mit der Güte der Waare aussieht, darüber werden wohl Sachkenner am besten urtheilen können. Doch darnach fragt der Amerikaner nicht, wenn nur das im Geschäft steckende Kapital schnell wieder umgesetzt wird.

Hier wurde mir auch eine Splitmaschine gezeigt, welche die Häute in 6-8 Theile spaltet, und solche unversehrt zum schwächsten Leder fertigt.

Besonders viel Fässer zur Aufbewahrung von Aepfelwein werden in ~Newark~ gemacht und weit versendet. In einer der größten Werkstätten sah ich mit Staunen, welche Fertigkeit die Arbeiter, welche nichts anderes, als solche Fässer machen, erlangt haben, und mit welchem Geschick der eiserne Hammer, der die Stelle der Klopfkeule und des Schnitzers ersetzt, geführt wird. Eine einfache Vorrichtung am Kamin, mit Anwendung einer Winde, bringt die an der einen Seite, mit einem 1 Zoll starken Bundreif zusammengehaltenen Faßdauben, nachdem solche erwärmt worden sind, in die Façon des Fasses, in welcher es der nun an der andern Seite übergelegte Bundreif erhält, wenn das zum Zusammenwinden gebrauchte Seil abgenommen wird. Das Einstreichen der Kimme (Gärgel), das Abrunden des Bodens, wie das Anlegen der Reife selbst, geht mit bewundernswürdiger Schnelle von Statten, und nur wenige Fässer wurden beim Probiren als leck befunden, und in diesem Fall mit eingelegtem Schilf verwahrt. Mein Landsmann Köhler, welcher mich in diese Werkstätte geleitete, bestätigte die Angabe, daß ein Arbeiter täglich zwei Zwei-Eimer-Fässer nicht nur zusammensetze, sondern dazu auch noch die nöthigen Reife spalten und zurichten müsse. Er habe daher in Amerika erst das, was arbeiten heiße, kennen gelernt und in der ersten Zeit, da diese Faßarbeit nach dem Stück bezahlt wurde, nicht das Salz verdient.

In einer Wagen-Manufaktur, welche ein Patent auf die Anfertigung einspänniger zweiräderiger Stadtwagen erhalten hatte, bei denen nach einer besondern Konstruktion der zusammengesetzte Kasten auf den Federn steht und der Eingang an der hintern Wagenseite angebracht war, wurde besonders der aufgelegte Lack und die bunte Arabesken-Malerei bewundert. Der Amerikaner baust bei derartiger Malerei nur die Hauptpartieen auf und malt die Ausläufe aus freier Hand, da er hier eine zu genaue Symmetrie nicht liebt, sondern so viel mannichfaltige Veränderung anbringt, als möglich.

Besonders merkwürdig war mir in ~Newark~ noch die erbaute Eisenbahn, auf welcher Kanalboote vom Fluß-Wasser auf einen nicht unbedeutenden Berg gefahren, oder von der auf der Höhe angelegten Kunst-Wasser-Straße in den am Fuß des Berges weggehenden Fluß herabgelassen wurden. An einer starken eisernen Kette, welche in der Mitte der Eisenbahn liegt, befindet sich der beschwerte Wagen, damit er nicht vom Wasser von den Eisenbahn-Schienen, welche bis weit in jenes hinein angelegt sind, gehoben und das beladene Boot auf den Wagen gefahren werden kann. Eine auf dem Berg befindliche Maschine zieht die Kette mit dem Wagen an und bringt so das oft schwer beladene Wasserfahrzeug langsam auf trockenem Boden die steile Anhöhe hinauf und bis hinter die erste Schleuse. Da angelangt, werden die Thore geschlossen und die hintere Schleuse, welche das Kanalwasser abgesperrt hat, geöffnet, wodurch das eindringende Wasser das Boot vom Wagen hebt, wo solches nun in dem Kanal seinen Lauf fortsetzen kann. -- Soll ein Boot hinabgelassen werden und ist es bis auf den Wagen gefahren worden, so wird das Kanalwasser durch Schließung der hintern Thore abgesperrt, und das zwischen den beiden Schleusen befindliche Wasser durch eine Seitenöffnung abgelassen, wodurch der Wagen mit dem Boote trocken auf der Eisenbahn steht, und durch Oeffnen der vordern Schleusenthore nun langsam hinab gleitet, bis, im Flußwasser angelangt, die Fluth ebenfalls das Boot von dem Wagen hebt. Vom Führer aufmerksam gemacht, sah man aus den nachgemachten Gelenken der starken Kette, daß auch der Fall eintritt, daß während des Aufziehens die Kette reißt, wo dann mit Blitzesschnelle der Wagen in die Fluth hinabstürzt und das Boot dann weit auf der Wasserfläche hin gleitet.

Viele, doch weniger für mich interessante Fabrik-Anstalten gab es in ~Newark~ noch zu sehen, welche alle zu besuchen meine Zeit nicht erlaubte, da mir vorzüglich daran gelegen seyn mußte, möglichst bald wieder Beschäftigung und Verdienst zu erhalten.

Von ~Newark~ bis ~New-York~ bieten sich dem Reisenden zwei Fahrgelegenheiten dar, da man dahin mit dem Dampfschiff oder auf der Eisenbahn abgehen kann. Doch keines von Beiden wurde von mir benutzt, da die größte Oekonomie zu beobachten war, und die Fußwanderung längs der Eisenbahn sich auch besser dazu eignete, dieses Kunstwerk zu besehen.

Den 17. August traf ich wieder in ~New-York~ ein, wo vor Allem meines Bruders Sohn aufgesucht wurde, welcher aber mit seinem Meister verschwunden und nirgends aufzufinden war. Ein Gleiches war der Fall mit andern Bekannten, von welchen ich Erkundigungen einziehen wollte. Keiner war mehr in seinem alten Quartier oder bei seinem Brodherrn anzutreffen und so sah ich mich genöthigt, da ich kein Kosthaus beziehen konnte, auf gut Glück über den ~East-River~ zu fahren, um in ~Williamsburgh~ bei unserm Landsmann, dem Maurer Rademacher ~jun.~ aus Apolda, wieder einzusprechen, welchen ich bei meiner Ankunft in Amerika schon einmal besucht hatte. -- Zum Glück wohnte derselbe noch in seinem alten Quartier und dessen liebe Frau nahm mich, im Namen des Mannes, welcher auf der Arbeit war, gastfreundlich auf. -- Hier setzte ich nun nachfolgendes Schreiben, welches in’s Englische übersetzt wurde, auf, fertigte die nöthigen Zeichnungen dazu und übergab solches ~Mr. John Benson~, mit welchem ich schon, wie sich die Leser erinnern werden, vor meiner Abreise in die südlichen Staaten in dieser Angelegenheit unterhandelt hatte. Das Schreiben lautete wörtlich also:

„Auf meiner Reise durch das Innere der Vereinigten Staaten habe ich mich überzeugt, daß die Farmer, welche das Branntweinbrennen nicht ganz großartig und zwar mit Anwendung eiserner kostspieliger Dampfkessel betreiben, nur gewöhnliche kupferne Blasen und Schlangenröhre zum Kühlen im Gebrauch haben und deshalb noch ein Mal so viel Zeit und zwei Mal so viel Holz verbrauchen, als solches der Fall ist, wenn ein Dampf-Brenn-Apparat nach beiliegenden Zeichnungen angewendet wird. Derselbe kann von allen Größen angefertigt werden, kömmt nicht viel höher zu stehen, als die gewöhnlich zum Branntwein-Brennen nöthigen Geräthschaften, liefert sogleich aus der Maische den stärksten Branntwein rein, wohlschmeckend und in möglichst größter Menge, kann in allen einzelnen Theilen gut gereinigt werden, ist leicht zu behandeln, im Gebrauch ganz gefahrlos und nimmt im Brennereilokal nur wenig Raum ein. -- Ich bin erbötig ~Mr. John Benson~ einen solchen Apparat nach von ihm zu bestimmender Größe anzufertigen, in einer Brennerei aufzustellen, einzumauern und die Behandlung desselben zu zeigen und zwar gegen einen täglichen Lohn von sechszehn Schillingen (zwei Dollars). -- Wünscht aber ~Mr. John Benson~, nach genommener Ueberzeugung von der vorzüglichen Brauchbarkeit dieser Erfindung, ein Patent auf die alleinige Anfertigung solcher Dampf-Brenn-Apparate zu besitzen, so hat derselbe sich zuvor erst mit mir abzufinden und die Summe von 1000 Dollars zu zahlen.“

Der Antrag wurde angenommen und den 20. August trat ich wieder in der Kupfer-Fabrik des ~John Benson~ auf der Insel ~Brooklyn~, ein.

Vierzigster Brief.

Zweiter Aufenthalt in ~New-York~.

+(Unsicherheit des Lebens).+

Im September 1840.

Alle Räume in der Werkstelle waren mit Arbeitern besetzt und die neuen Bestellungen mehrten sich täglich, weshalb ich selbst vorerst mit Hand an dergleichen bestellte Waaren legen mußte, welches mir gleich seyn konnte, da der ausbedungene Lohn von zwölf Dollars wöchentlich alle Sonnabende richtig ausgezahlt wurde. Bei einem unserer Landsleute, Namens Gerhardt, welcher in einer großen Eisen-Manufaktur beschäftigt war, und dessen Frau einen Schank besorgte, logirte ich mich ein, lebte äußerst sparsam, so daß es möglich wurde, alle Woche neun auch zehn Dollars zu erübrigen, welches Geld, da die Zahlung in Papiernoten erfolgte, ich dem Bäckermeister und Mehlhändler Herrn Wallrabe aufzubewahren anvertraute, welcher dieses Papiergeld, damit nichts daran verloren ging, sofort in seinem Handelsgeschäft wieder mit verausgabte, worauf dieser brave Mann mir bei meiner Abreise die ganze zurückgelegte Summe, ohne die geringste Provision davon zu nehmen, in englischem und französischem Golde auszahlte.

In dieser Mehlhandlung fand ich auch den bei der Abreise in die westlichen Staaten zurückgelassenen und meinem Neffen zur Aufbewahrung übergebenen Koffer, nebst den übrigen Sachen wieder, wobei mir die Nachricht wurde, daß der Bäckermeister, bei dem meines Bruders Sohn in Arbeit gestanden, und welcher mich, aus dem Hospital kommend, so gastfreundlich aufgenommen hatte, jetzt selbst wieder als armer Bäckergeselle arbeite, und mein Neffe bei einem Amerikaner ein Unterkommen gefunden habe, wo ihm die Gelegenheit zu Gute komme, bald die englische Sprache zu erlernen.

Von ~New-Orleans~ aus wurde dem gegebenen Versprechen gemäß von mir über alle dortigen Verhältnisse meinen Bekannten in ~New-York~ treulich geschrieben und dabei gewarnt, ja nicht den lockenden Berichten zu folgen und hier den Himmel zu suchen, wo nur die Hölle zu finden sey. -- Leider mußte ich aber aus einem Antwortschreiben, welches mir in ~Baltimore~ zuging, ersehen, daß man jener Nachricht, wie es gewöhnlich der Fall ist, wenn der Vogel nicht schön pfeift, keinen Glauben geschenkt, die Sache als übertrieben angesehen, ja sich sogar beleidigender Ausdrücke bedient hatte, weil ich im Widerspruch mit günstigern Berichten, Andere vom bessern Verdienst, als in ~New-York~ zu machen sey, abzuhalten suche, und der Meister, Louis Hallbauer und mein Neffe, welche Letztern noch bei Ersterm in Arbeit waren, mit dem nächsten Schiff die Seereise dahin zu unternehmen, entschlossen seyen. -- Hier war keine Zeit zu verlieren und mit umgehender Post schrieb ich an Hallbauer, daß ich weit entfernt sey, Jemanden von seinem Glück abzuhalten, und mir Vormundschaft über Männer anmaßen zu wollen, welche die amerikanischen Verhältnisse, wenn sie sich darum bekümmert hätten, besser kennen sollten, als ich, der erst so kurze Zeit im Lande sey. Mein Bruder habe aber seinen Sohn nicht nach Amerika geschickt, daß dieser junge Mensch, mit Allem noch unbekannt, der Ueberredungskunst unterliege und auf solcher beschwerlichen Reise und ungesundem Klima Verdienst, Gesundheit und Leben aufs Spiel setze. Ich mache ihn (Hallbauer) daher verantwortlich über Alles, was sich bei diesem Unternehmen zutrage. Mein Neffe solle sich aber nicht wieder vor mir sehen lassen, wenn er der Warnung nicht Folge leiste und meine Ankunft in ~New-York~ abwarte.

Zum Glück kam der Brief noch zur rechten Zeit an, da das Schiff, auf günstigen Wind wartend, noch nicht abgegangen war und der Neffe, aus Furcht vor meinem Zorn, besann sich eines Bessern, schaffte den Koffer wieder vom Fahrzeug und blieb zurück. Die Andern aber segelten ihrem Unglück entgegen, fanden, wie zu erwarten war, in ~New-Orleans~ kein Unterkommen, unterlagen den klimatischen Verhältnissen, setzten während der Krankheit und des kurzen Aufenthaltes daselbst ihre Baarschaft zu und kamen, von Allem entblößt, nur mit gemachten traurigen Erfahrungen bereichert, nach ~New-York~ zurück, wo der frühere Meister, jetzt als Geselle, Frau und Kinder zu erhalten suchte, Freund Hallbauer mit Sparen von vorn anfangen mußte, und mein Neffe dem zu Folge alle Ursache hatte, mit seinem Geschick zufrieden zu seyn.

In meinem Geschäftsleben trat jetzt ein anderes Verhältniß ein; denn hatte ich im vorigen Jahre in der Kupfer-Fabrik den Lehrling gespielt, so wurden mir jetzt Gehülfen untergeordnet, welche mit an den nach meiner Angabe gefertigten Brennerei-Utensilien Hand anlegen mußten. Leider war die erste Zeit außer mir nur noch ein Deutscher mit in der Werkstelle, welcher in Frankenthal Meister, jetzt ebenfalls hier als Geselle mit seiner Hände Arbeit ein Weib und sechs Kinder zu ernähren hatte, wobei der tägliche Lohn von 1½ Dollar, da er ein sehr guter Arbeiter war, nur knapp zureichen wollte. Dieser brave Kollege, erst kurze Zeit im Lande, war ebenfalls der englischen Sprache noch nicht mächtig, und so war er wegen Austausch der Gedanken nur auf mich verwiesen, wodurch unsere gleichgestimmten Seelen sofort ein Freundschafts-Bündniß schlossen und wir uns inmitten der rohen, meist dem Trunk ergebenen Amerikaner, das Leben möglichst angenehm zu machen suchten.

Nach vollbrachtem Tagewerk fehlte es im Quartier ebenfalls an Unterhaltung nicht, nur mit dem Unterschied, daß sich hier keine reichen ~Gentlemen~ und spekulirende Kaufleute einfanden, sondern deutsche Arbeiter und Geschäftsmänner aus dem niedern und Mittelstande zusammen kamen, um nach deutscher Sitte, bei einem Glas ~Small-~Bier sich der alten Heimath zu erinnern, oder über das amerikanische Drängen und Treiben zu sprechen, und so gesondert, weniger von heillosen Ruhestörern zu befürchten hatten. Als Beleg, wie mitunter hier alle Grenzen der Sittlichkeit und der Sicherheit des Lebens überschritten werden, habe ich folgenden Zeitungsbericht notirt: