Part 22
So gern ich auch in die Kellerräume hinabgestiegen wäre, so geboten doch meine finanziellen Umstände die größte Sparsamkeit und da ohne Geschenk der in diesem Departement angestellte irische Arbeiter keine Lust bezeugte, mir dahin freien Eintritt zu gestatten, so mußte ich auf das, was ~Gall~ mit folgenden Worten beschreibt, mit eigenen Augen zu sehen, verzichten:
„Was mich bei dem Eintritt in den Keller ebenso in Erstaunen setzte, waren die ungeheuren Bierfässer, oder vielmehr Kufen, in welchen das Bier für die heißesten Sommerwochen, in welchen nicht gebraut werden kann, aufbewahrt wird. Eins dieser Riesenfässer enthielt 3000 ~Barrels~ oder, das ~Barrel~ zu fünf Dollars angeschlagen, für 15,000 Dollars oder 80,000 Franks ~Porter~. Es maß 27 Fuß im Durchmesser und hatte dabei eine Höhe von 22 Fuß. Noch vierzehn andere, jüngere Riesen von 600 bis 1000 ~Barrels~, wovon jedoch nur fünf gefüllt waren, standen in einem und demselben unermeßlichen Gewölbe. -- Man läßt das Bier, damit es sich möglichst vollkommen reinige in kleinen Fässern von einem ~Barrel~, gähren. Sechs hundert hierzu bestimmte Fässer liegen in zwölf langen Reihen auf eben so vielen, beinahe achtzig Fuß langen Rinnen, welche sich nach einem Ende um etwa acht Zoll neigen. Die Hefe aus allen diesen Rinnen, ergießt sich in ein großes gemauertes Becken, aus welchem sie in besondere Gefäße aufgepumpt wird. Nachdem es hierauf ausgespült worden, werden die Fässer auf den Rinnen umgedreht, das Bier strömt alsdann in dasselbe Becken zusammen und wird durch die Maschine in die erwähnten Aufbewahrungskufen gehoben.“
Dieses hier gebraute Getränke, welches in die meisten Staaten versendet wird, ist dem Deutschen in Amerika, unter den Namen: ~Porter~, Englisch ~Ale~ oder ~Strong-Beer~ bekannt, und ist, wie dieses die Amerikaner lieben, äußerst stark, so daß ein Bierglas voll davon schon berauscht. Aus gewöhnlichem Bier, wie es bei uns gebraut wird, machen sich die Amerikaner nichts. Es haben daher schon mehrmals deutsche Bierbrauer mit verschiedenen Sorten von Bieren Versuche gemacht, aber ohne Glück. Ja, eine auf Baierische Manier eingerichtete großartige Bierbrauerei, welche des guten Wassers halber in ~Newark~ sich etablirt und Niederlagen in ~New-York~ errichtet hatte, mußte schon im ersten Jahre aus Mangel an Absatz den Betrieb wieder einstellen, obgleich ihr Produkt, wie mir versichert war, äußerst gut gewesen seyn soll. -- Da nun die ~Porter~-Biere zu theuer und stark sind, so wird für gewöhnlich außer Thee und Kaffee, selbst von den vornehmsten Familien, nur Wasser getrunken. Die ärmere Klasse, bei welcher das viele Wassertrinken häufig Bauchgrimmen verursacht, findet darin den schönsten Grund, einem Glas Wasser, ein Glas ~Whisky~, (Branntwein aus türkischem Waizen, oder Welschkorn, in Amerika Mais genannt) nach zu schicken. Der ankommende Deutsche aus dem Bierlande vermißt daher nichts mehr, als sein gutes nahrhaftes Getränk und deshalb haben Spekulanten in allen größern Städten kleine Hausquetschen etablirt, wo Halb- oder ~Small-~Bier fabrizirt wird. Dieses hat nun zu Errichtung deutscher Bierhäuser Anlaß gegeben, welchen Verkaufsgeschäftes sich die Frau befleißigt, während der Mann seiner Hände Arbeit nachgeht. Der Verkauf des Biers unterliegt noch keiner Abgabe, da diese kleinern Lokale nicht der Beachtung werth scheinen und größere Restaurationen schon hinlänglich auf spirituöse Getränke besteuert sind, worunter das ~Porter~ mit gerechnet wird.
Da ich schon in ~New-Orleans~, ~Baltimore~ und ~Washington~ versäumt, die dasigen Museums zu besuchen und mir gleichsam diesen Genuß bis jetzt aufgespart hatte, so fand ich auch hier zusammen, was wahrscheinlich jene drei Museen nicht bieten können. Aller hier in ~Peals-Museum~ zu ~Philadelphia~ aufgestellten naturhistorischen Gegenstände zu erwähnen, noch gar zu beschreiben, fühle ich mich viel zu schwach. Es soll diese Bemerkung nur als Fingerzeig gelten, damit meine Landsleute, welche dieses lesen und hieher kommen sollten, nicht versäumen, eines der größten Museen der Welt zu sehen.
Das merkwürdigste Stück ist ein im Staate ~New-York~ in einem Sumpf aufgefundenes Mammuths-Skelett, dessen Höhe zwölf und seine Länge 18 Fuß beträgt. Die Vorderzähne fehlen, dagegen sind die beiden Fangzähne um so auffallender, da jeder über fünf Fuß lang und an der Wurzel zehn Zoll im Durchmesser stark ist. Die Backzähne haben, wie angegeben wird, 1½ Fuß im Umfang und sind vier Pfund schwer. -- Die über 5000 Exemplare starke Vögelsammlung enthält Alles, vom Strauß bis zum kleinsten Kolibri herab, und unter den schön gefiederten Papageien, Paradiesvögeln &c. zeichnet sich vor Allem eine, in einem besondern Glaskasten stehende ~Mäunra~ aus. Von den vielen Schlangen, welche theils leben, sind die Klapperschlangen am Auffallendsten. Außer einer großen Menge vierfüßiger Thiere, Fische, Insekten, Raupen, Schmetterlinge, Conchilien und Mineralien, sieht man noch verschiedene thierische Mißgeburten, Menschen- und Thier-Schädel, wie ganze Gerippe. Eben so interessant sind die mannichfaltigen Waffen und Kostüme indianischer Stämme, so wie die Bildergallerie ausgezeichneter Staatsmänner und Gelehrter aus der alten und neuen Welt.
Ein heftiger Wortkampf, welcher am gestrigen Abende alle Anwesenden in unserer Wohnung in Allarm brachte, gab Anlaß, daß heute mehrere der Gäste an Ort und Stelle sich von der Ursache des Streites überzeugten, welchen ich mich anzuschließen nicht verfehlte. -- Es sollten nämlich einige Tage vor meiner Ankunft in ~Philadelphia~ in einem Stadttheile, durch das Gesetz dazu berechtiget, von der Eisenbahn-Kompagnie die Schienen gelegt werden, da aber die daselbst Wohnenden sich in ihrem Marktgeschäft beeinträchtigt glaubten, so widersetzten sie sich der weitern Arbeit und demolirten einen Theil der schon fertigen Bahn. Auf desfalsiges Anrufen des Gesetzes, wodurch die Polizei einzuschreiten suchte, nahm die Erbitterung der Demolirenden zu, welches den Gerichtshof veranlaßte, die Miliz zu requiriren, um mit entschiedener Kraft einschreiten zu können. Leider kam aber Letztere den erhaltenen Befehlen nicht nach, wodurch die Insurgenten in ihrem Muthwillen noch mehr bestärkt wurden und sich erfrechten, die Eisenbahngebäude, nebst den Gasthof des Herrn ~Emory~ in Brand zu stecken, und die herbeieilenden Spritzen vom Löschen abzuhalten. Herr ~Emory~ hatte nämlich für einige zwanzig Polizei-Offizianten, welche zur Herstellung der Ordnung möglichst gewirkt hatten, eine Abendmahlzeit bereitet. -- Hiernach kann man beurtheilen, wie schwach die Gesetzgebung bei Ausübung ihrer Rechte in diesem sich freidünkenden Lande ist, da sie nicht einmal vermag, das Eigenthum der Bürger und die erworbenen Rechte einer Gesellschaft vor der Willkühr roher Menschen zu schützen.
Am Morgen des vierten Tages meines Aufenthaltes waren ~Philadelphia’s~ Straßen wie ausgestorben, und keine Spur war vorhanden, daß hier 200,000 Menschen zusammen verkehren sollten. Die Feier des Sonntags hatte alle Geschäfte gelähmt, und selten verließ Jemand das Haus eher, als die Kirchenglocken zum Gebet in die Tempel riefen. Auch ich konnte diese Zeit nicht besser benutzen, als in frommer Andacht an Gottgeweihter Stätte mich der ferneren göttlichen Gnade zu empfehlen. In einem Tempel der Quäkergemeinde, welche Sekte mich durch ihre Handlungsweise für sich eingenommen hatte, ließ ich mich nieder. Die Räume waren mehr als überfüllt und eine tiefe Stille, welche nur durch neugierig Kommende und Gehende unterbrochen wurde, herrschte im Gebäude. Wohl eine Stunde harrte ich der Dinge, die da kommen sollten, doch vergebens. Keiner der Frommen glaubte sich vom Geiste inspirirt, um durch lautes Gebet den Andern seine Gedanken vorzutragen und Alle murmelten nur still vor sich hin. Dadurch ward ich zuletzt selbst gelangweilt und verließ den Ort, um eine andere von den 60 hier vorhandenen mitunter prachtvollen Kirchen zu besuchen.
Leider hatte ich durch Erkältung heute wieder viel von Kolik zu leiden und ich sah mich genöthigt, auf dem Wege zum Tempel in einer Apotheke einzusprechen, worauf ich, ins Quartier zurückgezogen, mir Linderung zu verschaffen suchte.
Die Theater hier zu besuchen, erlaubte der Stand meiner Kasse nicht, und nur auf die nöthigsten Ausgaben beschränkt, war es möglich; mit der Baarschaft ~New-York~ wieder zu erreichen, wohin ich mit dem Dampfschiffe am Morgen des 11. August abzugehen gedachte. Doch die Schmerzen nahmen am Abend zu, und der Leibesschaden machte die Hülfe eines Arztes nöthig, wodurch die zur Fuhre bestimmten letzten vier Dollars mit angegriffen wurden und ich so am nächsten Morgen zwar von Schmerzen befreit, doch sehr schwach, von Neuem den Wanderstab ergriff und zu Fuße langsam dem auf meiner Tour liegenden ~Newark~ zu pilgerte, wo ich in Freundes Armen wieder einen Tag der Ruhe genießen konnte.
Achtunddreißigster Brief.
Wanderung nach ~Newark~.
Im August 1840.
Ohne Reisegefährten mußte ich ~Philadelphia~ verlassen, und der sieben Stunden lange Weg bis ~Bristol~ ward mir zur Ewigkeit, da kein gesellschaftliches Gespräch die Zeit kürzte und die matten Glieder oft der Ruhe bedurften. Dabei war der Gedanke, daß man in bessern Verhältnissen, als die meinen, diese Reise schnell und ohne alle Strapaze machen könne, nicht geeignet, meine trübe Stimmung zu erheitern. Erst spät kam ich am letztern Orte an, traf aber zum Glück eine mitleidige Seele, welche mich für wenige Zahlung gut aufnahm.
In ~Bristol~ werden die mit dem Dampfschiffe auf dem ~Delaware-~Flusse nach ~New-York~ reisenden Passagiere ausgesetzt, und von da auf Wagen 40 Meilen zu Land bis ~Brunswick~ befördert, wo sie ein anderes Dampfschiff, welches Passagiere von ~New-York~ gebracht hat, als Retour-Fracht aufnimmt und auf dem ~Rariton-~Flusse und ~Hudson~ nach letzterer Stadt bringt.
Bei stattfindendem starken Verkehr der beiden Hauptstädte Amerika’s, ~New-York~ und ~Philadelphia~, rentirte diese Dampfschifffahrt sehr gut, welches andere Spekulanten auf die Idee brachte, zwischen beiden genannten Städten eine direkte Verbindung herzustellen, und über ~Newark~ eine Eisenbahn zu errichten. War auch das Terrain dem Unternehmen wenig günstig, so hielt man sich doch bei der Vorrede nicht lange auf. Die nachgesuchte Erlaubniß zum Bau wurde von der Regierung, um sich der Betheiligten Gunst zu erhalten, gegeben, und über das Aber (welches immer bei uns die größte Schwierigkeit bietet), wie die nöthigen Gelder herbeizuschaffen seyen, war man hier, wie immer, weniger besorgt. Die Presse kam in Thätigkeit, und in Kurzem lagen so und so viele Millionen Papiernoten zur Disposition bereit. Ein Berg wurde in successiver Steigung in krummer Linie befahren, stundenlange Schluchten durch Sprengen haushoher Felsenmassen gebildet, morastige Stellen durch Roste und Knüppeldämme zu festen Unterlagen geschaffen und große, herrliche Brücken geleiteten über die Flüsse.
Terrain-Schwierigkeiten kennt der Amerikaner nicht, denn ist einmal die Ausführung eines projektirten Unternehmens beschlossen, so werden alle Hindernisse beseitigt und ich hege den Glauben, legte sich unser Herr Gott selbst dazwischen, sie wären im Stande, ihn aus dem Wege zu schaffen.
Was zu befürchten stand, traf ein. Die Eisenbahn-Gelegenheit wurde mehr benutzt als die Dampfschiffe, und die Interessenten der Letztern setzten daher den Fahrpreis herab, um dadurch das Publikum wieder für sich zu gewinnen. Doch die Eisenbahn-Gesellschaft blieb nicht zurück und beförderte von dieser Zeit an die Reisenden noch billiger, worauf die Dampfschiff-Aktionäre zum Aeußersten schritten, und ihre Schiffe dem Publikum zur unentgeldlichen Benutzung offerirten. Tausende machten jetzt von dieser Gratis-Fahrgelegenheit Gebrauch, und die Herren Gastwirthe beider Städte befanden sich dabei am wohlsten. Doch nur zu bald sahen beide Gesellschaften ein, daß sie ihr unsinniges Handeln zu Grunde richten mußte, und trafen das Uebereinkommen, nur für einen bestimmten Preis (~à~ Person 4 Dollars) die Passagiere zu befördern.
Die Dampfschifffahrt, welche bei weniger Schnelle dem Reisenden mehr Angenehmes bietet, als es auf der Eisenbahn der Fall ist, hat noch durch ihre Eisenbahn-Verbindung der Städte ~Bristol~ und ~Brunswick~, wo früher nur Eilwagen hin und hergingen, sehr gewonnen.
Die schöne Witterung am 12. dieses und der Umstand, daß ich wieder von allem Leibesschmerz befreit war, machte das Fußreisen weniger lästig, und heitern Sinnes durchwandelte ich längs des ~Delaware~ die herrliche Gegend, in der immer reichlich angebaute Felder, hübsche Landhäuser und Bauernhöfe, mit Scheunen und Wirthschafts-Gebäuden umgeben, wechselten. Obstgärten, Hügel, Thäler und waldige Höhen boten sich dem Auge in mannichfaltigen Gestalten dar, und das Weiden zahlreicher Heerden auf fetten Wiesen und die geschäftige Thätigkeit der Landleute auf den Feldern brachte Leben in die Natur.
Hier ist es auch, wo am Ufer des ~Delaware~ auf einer Anhöhe, welche die herrlichste Aussicht gewährt, ~Joseph Buonaparte~, der vormalige König von Spanien, seinen Landsitz aufgeschlagen hatte und unter dem Namen eines Grafen ~Survilliers~ den Amerikanern bekannt ist.
In ~Trenton~, der Hauptstadt vom Staate ~New-Jersey~, führte mir der Zufall einen Dresdner, von Profession ein Schneider, wieder zu, welcher in den Freudentagen zu ~New-Orleans~, wo auf Regiments-Unkosten gelebt wurde, eine Hauptrolle spielte. Von diesem erfuhr ich, wie sich der Geschäfts-Zustand nach meiner Abreise zur See um nichts gebessert, täglich der Arbeit Suchenden mehrere geworden, und Vielen durch Veräußerung ihrer Sachen es erst möglich geworden sey, die Reise nach ~St. Louis~ zu machen, wo sie jedoch aus dem Regen in die Traufe gerathen seyen. Ihm selbst sey, im Besitz der englischen Sprache und einiger musikalischen Kenntnisse (die Guitarre führte er immer bei sich), das Weiterreisen nach den nördlicher gelegenen Staaten weniger schwer geworden und er wäre jetzt im Begriff, in ~Philadelphia~ sein Glück zu suchen, da er dasselbe in ~New-York~ ebenfalls nicht gefunden habe. -- Dies passirte einem Schneider, sonst eines der besten Geschäfte in Amerika, welcher im Besitz der englischen Sprache, von angenehmem Aeußern, und dabei eine Kunstfertigkeit besaß, die nicht allen seinen Zunftgenossen eigen ist, wovon ich mich, während unseres Zusammenwohnens in ~Orleans~, zu überzeugen Gelegenheit hatte.
In der Stadt ~Trenton~, mit 3000 Einwohnern, ist außer dem ~Court-House~ nichts besonders Merkwürdiges zu sehen, was mir aufgefallen wäre; sie besitzt nur eine lange breite Hauptstraße mit wenig Querstraßen und unter den großen steinernen Häusern zeichnet sich besonders das ~State-House~ und das Bankgebäude aus. -- Um so merkwürdiger ist aber die nach besonderer Konstruktion über den 1000 Fuß breiten ~Delaware-~Fluß errichtete bedeckte Brücke. In acht großen, 36 Fuß breiten und 135 Fuß weiten Bogen, welche das Dach der Brücke tragen, hängt zugleich die Brücke selbst. Jene Bogen, aus fünf oder sechs übereinander gelegten, drei Zoll starken tannenen Bohlen gebildet, ruhen mit ihren Enden auf großen Pfeilern, welche sich über 40 Fuß hoch aus dem Flusse erheben. Die Brücke selbst liegt auf Querbalken, welche starke eiserne Stangen-Bolzen mit den hohen Bögen verbinden. Längs der Mitte theilt eine Scheidewand die Brücke in zwei Hälften, wodurch nicht allein zwei Fahrstraßen gebildet werden, von welchen der Fuhrmann die zur Rechten einschlagen muß, wie die Ueberschrift an beiden Einfahrten besagt, sondern sie trägt auch die unter ihr liegenden Balken mit, und giebt so dem Baue eine noch größere Festigkeit.
Beim Passiren der Brücke wurde mir eine nicht geringe Verlegenheit bereitet, als 10 ~Cent.~ Wegegeld verlangt wurden und meine ganze Baarschaft nur noch in einer Zwei-Dollar-Note bestand. Um mir diese Ausgabe zu ersparen und hier nicht wechseln zu müssen, schützte ich vor, nicht im Besitze irgend einer Geldsorte zu seyn, und bat deshalb um freien Durchlaß. Doch alle in deutscher und englischer Sprache gethanen Vorstellungen halfen nichts, keine Grimasse war im Stande die Herzen zu rühren, und so stand ich wohl eine halbe Stunde lang wie ein Narr, unschlüssig, was ich thun oder lassen sollte. Ich hätte die Kerls, welche den Weg verrammelten, umbringen können. Die Note, meinen letzten Reichthum, jetzt hervorzuholen, war um so weniger räthlich, weil ich dadurch zeigte, daß ich die Geldeinnehmer nur zum Besten gehabt, und dann gewiß ein Paar amerikanische Rippenstöße auf den Weg ~gratis~ erhalten haben würde; wer mag wissen, wie lange ich noch wie ein armer Sünder an diese Stelle gebannt gewesen wäre, wenn nicht ein in einem Cabriolet ankommender ~Gentleman~ meinen Zahlmeister gemacht hätte.
Die Gegend bis ~New-Brunswick~ ist hügelig und größtentheils waldig, doch längs der Straße gut angebaut, und überall wechseln große Meierhöfe mit kleinen Farmen ab.
In ~Princeton~, einem noch wenig ansehnlichen Ort, welchen man auf der Tour nach ersterer Stadt passirt, befindet sich eine Hochschule, die für eine der vorzüglichsten in den Vereinigten Staaten gehalten wird und von mehr als 200 Studirenden besucht werden soll.
~Kingston~ dehnt sich längs der Straße in einer doppelten Häuserreihe aus, und gewährt dem Reisenden eine freundliche Ansicht. -- Am Ende des Ortes traf ich einen Quacksalber am Chausseegraben sitzend, beschäftigt, die in Unordnung gekommenen Pillen, Latwergen, Wundertropfen und sonstigen Universalmittel wieder zu ordnen, da sein Medizinkasten, welchen er gleich einer Drehorgel trug, eher vom Wagen, auf welchen ihn ein mitleidiger Farmer bis hieher mitgenommen, die Erde erreicht hatte, als er selbst. So bedauerlich auch dieser Vorfall war, so konnte ich mich doch des Lachens nicht enthalten, als ich ihm behende die übrigen Tropfen aus verschiedenen zerbrochenen Gläsern in unversehrt gebliebene leere Fläschchen durcheinanderfüllen sah, woraus ein Tränkchen bereitet wurde, welches gewiß mit einem Male von Zahnschmerz, Magendrücken und Podagra geholfen hat. Dieser Deutsch-Amerikaner verleugnete anfänglich sein Vaterland, wie es gewöhnlich die Deutschen, wenn sie der englischen Sprache erst kundig sind, an der Mode haben; da er aber in mir einen Weimaraner erkannte, und er aus Leipzig abzustammen vorgab, so öffneten sich die Herzen, und nachdem er einige meiner amerikanischen Affairen vernommen hatte, so theilte auch er mir mit, daß er eigentlich ein gelernter Haarkräusler sey, bei seiner Ankunft in ~New-York~ aber auf sein Geschäft kein Unterkommen gefunden, und daselbst die sich darbietende Gelegenheit benutzt, in einer Barbierstube die vakante Stelle eines Barbierbeflissenen einzunehmen, weshalb er Kamm und Scheere dem Rasirmesser untergeordnet habe. Während seiner Condition in ~Lancaster~ sey ihm beim Herausnehmen eines Zahnes, in dem Patienten die Bekanntschaft eines herumreisenden Wunder-Doktors geworden, und dieser habe ihn bestimmt, einen ähnlichen Erwerbszweig zu ergreifen, der mehr als Kamm, Scheere und Rasirmesser zu rentiren verspreche. In ~New-York~ habe er sich mit dem Nöthigen versehen und sey eben auf der Reise nach ~Pennsylvanien~ begriffen; leider gebe aber der heutige Unfall nicht die besten Aspecten für die Zukunft.
Hierbei erlaube ich mir eine interessante Bekanntmachung aus ~Gall’s~ Reisebericht anzuführen, woraus man sehen kann, wie ausgedehnt mancher Quacksalber hier sein Geschäft betreibt: „Herr ~T. W. Dyott~, der bei seiner Ankunft in ~Philadelphia~ das bescheidene Gewerbe eines Schuhputzers trieb, dann Schuhwichse fabrizirte, versendet gegenwärtig täglich ganze Ladungen von Arzneien nach allen Richtungen ins Innere des Landes bis nach ~Pittsburg~, von wo sie auf dem ~Ohio~, dem ~Mississippi~ und ~Missouri~ zum Theil über 2000 Meilen weit verschifft werden. Dieser Wunderdoktor kündigt in der Union und in der ~United-States-Gazette~, indem er sich einen ~grand-son of the celebrated Dr. Robertson~ (Enkel des berühmten ~Dr. Robertson~) nennt, 147 verschiedene Salben, Pillen, Tränkchen, Pflaster, Tropfen, Oele, Tinkturen gegen alle wirklichen und noch möglichen Feinde der menschlichen Gesundheit an. Eine große Anzahl dieser Universalmittel gegen alle nur erdenklichen Zahn-, Ohren-, Augen-, Lungen-, Magen-, Nerven-, Gallen-, Leber-, Nieren- etc. Uebel, führen des Herrn Doktors eigenen Namen, z. B. ~Dr. Dyott’s infallible patent tooth-ache-drops~. (~Dr. Dyott’s~ unfehlbare Patent-Zahnschmerzen-Tropfen), welche er, als eine eigene Erfindung, vermöge eines Patents vierzehn Jahre lang allein fabriziren darf. Auch wer Schönheit und blühende Farbe bis ins späteste Alter erhalten will, wird in seinen Anzeigen das dazu Nöthige finden.“ Nach den blassen Leichengesichtern der Amerikaner aber zu urtheilen, scheinen diese Mittelchen bisher noch nicht die erwünschte Vollkommenheit erreicht zu haben.
~New-Brunswick~, am ~Rariton-~Flusse, ist schon eine ansehnliche Stadt mit einer breiten Hauptstraße, welche von andern weniger breiten im rechten Winkel durchschnitten wird. Die Häuser sind meist von Stein aufgeführt, und geben durch ihre Größe dem Ganzen ein imposantes Ansehen. Die Umgebung des Orts ist äußerst reizend, gut angebaut und mit netten Landhäusern verziert. Ueber den Fluß führt eine hölzerne Brücke, welche gleich der bei ~Trenton~ für die Fuhrwerke in zwei abgesonderte Wege getheilt ist.
Der Stand meiner Kasse war ziemlich erschöpft und erlaubte nicht, ein Gasthaus in ~Brunswick~ zu beziehen; ich verließ daher gegen Abend noch die Stadt, um Nachtquartier bei einem gastfreundlichen Landmanne zu suchen. Doch ~Fortuna~ war mir nicht hold, Gott mochte wissen, mit was ich das Weib schon wieder einmal erzürnt hatte. Schon zweimal von Farmern abgewiesen, wurde beschlossen, da die Nacht eben nicht kalt war, unter freiem Himmel zu campiren und eine Hafermandel gleich einem Kanninchen zu beziehen.
Was ist doch der Mensch nicht für ein närrisches Geschöpf; entweder ist er bestimmt, die höchsten Stellen im Leben zu bekleiden und auf seidenen Matten zu ruhen, oder unbeachtet und vom Geschick bis zur Lagerstelle des Thieres auf dem Felde verwiesen.
Hatte ich auch Ruhe hier vor den Wanzen, dem häßlichen Ungeziefer, welches überall in den Vereinigten Staaten heimisch ist, so stachelten doch die Strohhalme um so empfindlicher an Kopf und Gesicht, da der Nachtthau nöthigte, mich tiefer zu verscharren und eine Decke zu bilden. An Schlaf war nicht zu denken; der rege Geist schweifte aus der Vergangenheit in die Zukunft über, und aus meiner Jugendzeit, die ich auf der Wanderschaft verlebt und auf derselben viele Nächte auf hartem und unbequemem Lager zugebracht, stellte sich manche Scene lebhaft dem Gedächtnisse vor. -- Wer hätte mir vor 23 Jahren in der Hungerzeit 1817, wo ich als Bäckergeselle ohne Erlaubniß Rußlands Gränzen überschritt, und dafür mit meinen drei Reisegefährten, auf Stroh gebettet, mit dem Kantschu gestriegelt ward, oder, nachdem ich das Geschäft changirt, im Jahre 1822 als Kupferschmidt auf der Wanderschaft nach der Türkei begriffen, in Ungarn die Bekanntschaft der Wölfe machte, auch später staunend den Rheinfall bei ~Schaffhausen~ als etwas Großartiges bewunderte -- wer hätte mir zu jener Zeit voraussagen können, daß ich in Amerika noch Manches sehen, noch Vieles erfahren würde, was meine frühern Lebensereignisse in den Hintergrund verdrängen könnte? Doch, je mannichfaltiger die Gegenwart sich um mich gestaltete, um so mehr wurde die Neugier auf die Zukunft gesteigert, und was mag wohl das Schicksal mir noch alles aufgespart haben, bevor die Pilgerschaft in dieser Welt vollbracht, und ich hingehe in das Reich, von wo aus den Hinterbliebenen keine Reiseberichte zugeschickt werden können.