Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 20

Chapter 203,553 wordsPublic domain

Gleichwie den in der Nähe von Seehäfen wohnenden Branntweinbrennern durch den erleichterten Verkehr der Verdienst geschmälert worden ist, eben so ist solches der Fall in Bezug auf alle anderen Erzeugnisse des Feldbaues. Den weiter entfernt wohnenden Kolonisten wird durch die zahlreichen Wasserstraßen und Eisenbahnen die Gelegenheit gegeben, ihre Erzeugnisse, auf wohlfeilem Grund und Boden erbaut, schnell und billig nach dem Orte zu schaffen, wo sie verbraucht werden. -- Wie vermag nun der Farmer, welcher vor Erbauung der vielen Kommunikations-Wege, wegen der Nähe der Verbrauchsorte von seinem Grundbesitze, den Acker mit 50-100 Dollars bezahlte, mit seinen Konkurrenten Preis halten, welchen ein Grundstück von gleicher Größe und oft fruchtbarerem Boden nur 3-4 Dollars zu stehen kommt?

Nur wenn der Landwirth, welcher nahe genug an einer stark bevölkerten Stadt wohnt, sich auf Gemüsebau legt und die Milch dahin absetzen kann, steht er im Vortheil, weshalb diese auch, um möglichst großen Viehstand halten zu können, meistens nur Futterkräuter bauen.

Wie sich der Grundbesitz eines deutschen Farmer durch die fleißige Bewirthschaftung des Areals vor dem Farmen eines Amerikaners auszeichnet, ebenso steht der Deutsche dem Amerikaner nach in der Ordnung, Reinlichkeit und eleganten Einrichtung, welche dieser in seiner Wohnung beobachtet. Alle ~Pieçen~ des Hauses sind immer so anzutreffen, wie dieses höchstens bei uns in Deutschland zur Kirchweih-Zeit der Fall ist, wo der Landmann Gäste erwartet. Die Stuben und Treppen sind mit Teppichen belegt, die Hausflur blank und mit weißem Sand bestreut, das linnene Tischzeug täglich weiß, die nöthigen Schlafstellen zum Besuche immer bereit, und dabei drei Mal täglich eine gut besetzte Tafel, woran der geringste Arbeiter, gleich wie der Herr selbst Platz zu nehmen pflegen. Nur die Neger bleiben davon ausgeschlossen, und für diese werden die Speisen allein angerichtet. Neben dem Hausherrn bleiben immer zwei Gedecke leer für möglichen Besuch während der Mahlzeit, wo dann ein solcher ungenirt Platz zu nehmen pflegt und gleich den Uebrigen sich’s schmecken läßt; das viele Nöthigen, wegen Zulangen der Speisen, wie es bei uns Sitte ist, kennt der Amerikaner nicht. „~Help your self~“ (Bedienen Sie sich selbst), ist der einzige Zuspruch, welcher beim Platznehmen an die Gäste ergeht, und nun ist es gleich, ob Einer viel oder wenig Appetit mitbringt. -- Alle Speisen, welche zum Mahle bestimmt sind, werden zusammen aufgesetzt, und in der Regel ist es Rindfleisch und Zugemüse, in Scheiben geschnittenes und im Schaffen gebratenes Schweinefleisch, gebratene Fische, mehre Sorten Eingemachtes, vorzüglich rothe Rüben, Butter, Käse, Schmalzkräpfel, oder Tellergroße Torten (Bay genannt) mit einer Fülle von Eingemachtem und Waizenbrod. Als Getränke wird Kaffee vorgesetzt und nur die umgelegte Obertasse giebt zu erkennen, daß man davon genug hat. -- Beim Frühstück und Abendbrod bleibt sich Alles gleich, und nur das Rindfleisch und Gemüse fällt weg, dafür werden jedoch Eier aufgetragen, so wie die Kartoffeln bei keiner Mahlzeit fehlen. -- Abends vertritt Thee die Stelle des Kaffees.

Besonders fiel es mir auf, daß man zum fetten Schweinefleische noch mit Butter bestrichenes Weißbrod zu essen pflegte, und ich konnte nicht umhin, mich über diese Verschwendung gegen den Brenner auszusprechen, worauf mir entgegnet wurde, daß ebenso mein genügsames Zulangen bemerkt worden sey, und man dieses einem dummen Schwaben zu Gute halte, welcher es nicht besser kenne.

Da Suppe bei den amerikanischen Farmern nicht gebräuchlich ist, so fehlen auch die Löffel, und man kömmt um so mehr bei vielen Gerichten in Verlegenheit, wie man solche zum Munde führen soll, da nur zweizinkige Gabeln vorhanden sind. Das ohne Spitze vorn runde, breite Messer wird daher nicht allein zum Zerkleinern gebraucht, sondern es muß auch die mehrzinkige Gabel und den Löffel ersetzen.

Die Hausfrau, Töchter nebst weiblichem Dienstpersonal nehmen erst nach Entfernung der Männer am Mahle Theil.

Leider waren, wenigstens für mich, die Speisen bei aller verschwendeten Zuthat nicht schmackhaft. -- Das Fleisch kömmt halb gahr, noch blutend auf den Tisch, und das Beste, die Fleischbrühe, bleibt unbenutzt; nur das abgenommene Fett wird zum Seifekochen verwendet. Dabei verstehen die Amerikaner nicht, wie unsere deutschen Frauen, das Gemüse schmackhaft zu bereiten; es kommt trocken, meist tüchtig gepfeffert, auf den Tisch. -- Als Beispiel will ich anführen, daß man einen Krautkopf, nicht wie es bei uns gebräuchlich, vor dem Kochen in mehrere Stücke zerlegt, sondern den Kopf ganz, nur ein wenig im Wasser aufkochen läßt, und ihn in diesem Zustande, ohne weiter zu schmelzen, servirt, wovon dann jeder Tischgast nach Belieben sich seine Portion losschneidet, und solche auf dem Teller, nach Appetit, süß oder sauer zubereitet.

Mit keinem Geschäfte wird der Amerikaner schneller fertig, als mit dem Essen. Tischgespräche sind ihm verhaßt, weil, wie er meint, solches die Gedanken von den wohlschmeckenden Gerichten abzieht und der Gaumen weniger von dem bereiteten Genusse spüre; die Langeweile würde ihn umbringen, müßte er stundenlang an der Tafel verweilen. Ja, ehe wir Europäer die Serviette entfaltet und zurecht gelegt haben, hat der Amerikaner, welcher dieses Vortuch für überflüssig hält, schon die halbe Mahlzeit verschlungen und in zehn Minuten ist er mit Allem fertig. Nach genommenem Platze am Tische und der Ladung zum Angriffe der Speisen, holt sich Jeder nach Belieben von den aufgetragenen Gerichten, in der linken Hand die Gabel, in der rechten das Messer, und es kann das Gebiß nicht schnell genug verarbeiten und die enge Halspassage verschlucken, was die gewandten Hände dem Munde zuführen. Daher mag es auch kommen, daß die genossenen Speisen den Menschen so häufig aufsteigen, und der Amerikaner ungenirt, als müßte es so seyn, sich des Aufstoßens nicht enthält.

Während meiner Lehrzeit in der Brennerei machte ich die Bekanntschaft eines Papierfabrikanten und von diesem eingeladen, benutzte ich die Gastfreundschaft, um bei ihm wieder andere Maschinen, als mir hier schon gezeigt worden, im landwirthschaftlichen Gebrauche zu sehen. Dabei wurde mir die Gelegenheit, die Fabrikation von Papier ohne Ende kennen zu lernen.

Eine genaue Definition über die Einrichtung dieser Anstalt in diesem, meinen Reisebericht zu geben, liegt nicht in meinem Plane. Zu einer andern Zeit werde ich mehr darüber bekannt machen. Nur im Allgemeinen will ich jetzt den Geschäftsgang kurz berühren.

Die auf einer mit drei Schneidemessern versehenen Maschine zerkleinerten Lumpen, von verschiedenen Stoffen und Farben, wurden in einem Draht-Cylinder vom Staube gereinigt, hierauf in einem Kessel mit Kalkwasser gekocht und dann dem Holländer zugeführt. Eine halbe Stunde werden solche hier rein gewaschen, worauf man dem Wasser drei scharfe Spezies zusetzt, wodurch in Zeit einer Viertelstunde aller Farbestoff zerstört und eine blüthend weiße Masse sich zeigte. Diese breiige, mit Wasser verdünnte Substanz hängt sich in der Stärke eines Papierbogens in das feine Drahtgeflechte eines sich in der zufließenden Masse herumdrehenden Cylinders ein und wird auf einer Unterlage von zusammengenähten Wollentüchern, welche sich im Kreislaufe drehen, nach und zwischen eiserne Gußwalzen geleitet. Diese nun ausgepreßte, zu einem festen Körper wieder gestaltete, nur noch feuchte Masse geht von hieraus ohne Unterlage über fünf kupferne Cylinder, welche durch einströmende Dämpfe erhitzt, sofort das Papier trocknen, und sich nun so lange auf eine Weife aufwickelt, bis dem Draht-Cylinder kein Papierbrei mehr zugeführt wird. -- Eine zweite Maschine, welche mit der Weife in Verbindung steht, schneidet das Papier nach dem gewünschten Format, worauf Letzteres nochmals gepreßt in den Handel kommt.

Nach dieser Behandlung wurden täglich auf zwei Holländern und der Dampf-Papier-Maschine unter Leitung zweier Menschen, dreizehn Centner Lumpen in zum Verkaufe fertiges Papier verwandelt.

Um während meines Aufenthaltes in Amerika auch möglichst viel von den Einrichtungen der Mahlmühlen kennen zu lernen, ging jetzt mein Bemühen dahin, in einer solchen Zutritt und Belehrung über die Konstruktion der einzelnen Theile des Mechanismus zu erhalten, und in der Person des Herrn ~Bekley~ fand ich einen äußerst humanen Lehrmeister. Die innere Mühleneinrichtung, wie das Gebäude selbst, war noch neu und das Geschäft erst seit einigen Jahren etablirt. Die zu Gebote stehende Wasserkraft war nur gering, und dennoch vermochten zwei Mahlgänge, deren vier vorhanden waren, in kurzem Zeitraum unglaublich viel vom weißesten und feinsten Waizenmehl zu liefern.

Die Frucht wurde nicht, wie in unsern Mühlen, von den Mühlburschen aufgeschüttet, sondern hier, aus einem im Erdgeschoß befindlichen Behälter durch Wasserkraft bis zum obersten Bodenraum gehoben, wo die Reinigungs-Maschine plaçirt war, und auf diese ohne menschliche Beihülfe gebracht. Das von allem Schmuz und den Schalen befreite Korn setzte von hier aus seinen Lauf nun als Graupe nach dem Mühlrumpfe fort, und langte, durch die Mühlsteine zermalmt, als feiner Mehlgries im Erdgeschoß wieder an. Hier wird das noch ungebeutelte Mehl in einem, unter allen vier Gängen fortlaufenden, sechzehn Zoll weiten Kanal, aufgefangen. In diesem Kanale dreht sich eine horizontal liegende Welle, welcher durch einen vier Zoll breiten, senkrecht aufgesetzten Streifen von starkem Sohlleder, die Gestalt einer Schraube ohne Ende ertheilt ist, durch deren Umdrehung das Mehl aus diesem Kanale heraus, und in ein halbkugelförmiges Becken geschoben wird. Hier wird der Gries, gleich wie das Korn, bis auf den Kühlboden gehoben, wo er sich durch eine eigene Vorrichtung, fortwährend umgerührt und gewendet, abkühlt, durch eine Oeffnung im Boden nach dem darunter sich befindenden Beutel geleitet wird, und daselbst das feinste Mehl absetzt. Von hieraus geht der Gries in einen zweiten Beutel, welcher wiederum um ein Stockwerk tiefer steht, und eine weniger feine Sorte Mehl liefert. Der noch vorhandene Gries wird den Tag über gesammelt, zum zweiten Male auf die Mühle gebracht, und, von Neuem mit dem andern Gries vermengt, gebeutelt. Das in Fässern, deren jedes, dem Gesetze nach, nicht schwerer als 18 Pfund seyn darf, gut zusammengestampfte Mehl, wovon das angefüllte Faß (~Barrel~) 196 Pfund enthält, kömmt so in den Handel.

Die Vorrichtung, mit welcher die Körner in die Reinigungsmaschine, und der Gries nach dem Kühlboden gehoben wird, ist ein lederner Riemen, dessen beide Enden mit einander verbunden, und an welchem von zehn zu zehn Zoll viereckige blecherne, oben offene Büchsen befestigt sind. Dieser Riemen wird durch zwei Walzen, deren eine sich unten in dem Schrot- oder Körner-Behälter, die andere aber auf dem Kühlboden oder über der Reinigungsmaschine befindet, immer in einer kreisförmigen Bewegung erhalten, so daß die sich unten füllenden, und durch einen aufrecht stehenden viereckigen hölzernen Kanal aufwärts steigenden Büchsen, oben angekommen, sich entleeren müssen. -- Vor Allem zeichnen sich die amerikanischen Mühleinrichtungen dadurch aus, daß ohne Mehlverlust im ganzen Gebäude die größte Reinlichkeit vorherrschend ist. Bei Nachahmung dieser Einrichtungen von Seiten unserer deutschen Müller würde freilich der so vielen Gewinn bringende Staubboden, und dadurch der schönste Deckmantel aller andern Nebenverdienste verloren gehen! -- Doch glaube man ja nicht, daß in Amerika alle Müller aus lauter Reellität zusammengesetzt sind, sondern auch in diesem Geschäft weiß man sich hier dadurch einen Vortheil zu verschaffen, daß die Fässer nicht immer 18, sondern mitunter etliche 30 Pfund schwer sind, wie man dergleichen in ~Cincinnati~ eingebracht, und konfiszirt hatte.

Hinsichtlich der Qualität des verpackten Mehles kann weniger Betrug vorkommen, da alle Mehlfässer, bevor sie in den Handel kommen dürfen, von verpflichteten Personen mittelst eines Schrauben-Löffelbohrs, welcher die Länge der Faßhöhe hat, durchbohrt werden, und nachdem das im Bohr sich eingehängte Mehl in der Hand durcheinander gemengt worden ist, wird die gefundene Qualität durch ein bestimmtes Zeichen nebst Revisions-Stempel auf dem Faßboden eingebrannt.

Fünfunddreißigster Brief.

Reise nach ~Philadelphia~.

Im August 1840.

Unser nächster Nachbar, welchen ich als Mahlgast in der Mühle kennen gelernt, führte ein sehr bigottes Leben, und gehörte zu den Albrechtsleuten, welchen Namen diese Sekte sich nach ihrem Gründer, einem gewissen Albrecht, beigelegt hatte. -- Vor Allem glaubte dieser Fromme sich eine Stufe höher im Himmel zu erbauen, wenn er zur Vergrößerung der Gemeinde beitrage. -- Er unterließ daher nicht, seine Versuche auch bei mir fortzusetzen, da ich dem Anscheine nach, um das Ganze ihres Glaubensbekenntnisses kennen zu lernen, in seine Lehre eingegangen war. Um mich nun ganz zu bekehren und meine Seele dem Himmel zu erhalten, mußte ich versprechen, der ~Kemt-Meeting~, wie diese Sekten ihre Versammlungen im Freien benennen, beizuwohnen.

Meinen Apostel hielt die Krankheit seiner Ehehälfte ab, an dieser drei Wochen langen Büßübung Theil zu nehmen; mir selbst kam aber diese Gelegenheit eben recht, um auch von dieser Seite das amerikanische Treiben kennen zu lernen. Um so mehr fühlte ich mich veranlaßt, dieser Zusammenkunft, wo nur in deutscher Sprache verhandelt werden sollte, beizuwohnen, da der dazu ausersehene Platz nur eine halbe Stunde von der Straße, welche nach ~York~ führt, und welchen Ort ich auf der Reise nach ~Philadelphia~ passiren mußte, abgelegen war.

Den 2. August verriethen mir drei Meilen über ~Strassburg~ entgegenkommende, mit Menschen besetzte Wagen, welche links von der Straße ab in das Holz einbogen, daß der Pilgerort nicht mehr fern seyn konnte. Der Spur folgend, fand ich bald auf einem freien Platze in der Mitte des Waldes eine Menge Wagen, welche aneinander gereiht, ein förmliches Quarrée bildeten. Vor der Wagenburg waren die Zelte und aus Laubholz erbaute Hütten errichtet. In der Mitte der obern Seiten-Fronte stand die aus Baumästen und Bretern errichtete Tribüne, und vor derselben hatte man zum Sitzen die eingeschlagenen Pfähle mit Bretern belegt, welche durch einen Gang in zwei Abtheilungen geschieden, die Geschlechter trennte. Mit einbrechender Nacht wurden auf den an beiden Seiten der Bänkereihen eigens dazu errichteten sechs Stellagen Holzfeuer unterhalten, deren Knistern, sowie die zum Himmel aufsteigenden Rauchsäulen, der Schatten riesiger Bäume und die grotesken Gestalten, zu welchen durch den Schein des Feuers die Holz herbeischaffenden Männer gestempelt wurden, und das dumpfe Murmeln der Abendbetenden, alles zusammen etwas Schauerliches hatte, und den Gedanken erweckte, in der Mitte von Wilden zu seyn, um deren Ceremonieen beizuwohnen, wenn solche nach erfochtenem Siege am Feuer die Gefangenen zum Mahle bereiten.

Vergebens sah ich mich, da der Magen seine Rechte geltend zu machen suchte, nach einem Marketender-Zelte um, wurde aber belehrt, daß hier nur der Ort sei, um in frommer Andacht sich Gott wohlgefälliger zu machen und Keiner mit weltlichen Gerichten handeln dürfe. Jede Familie sey auf die Dauer der Bußübung hinlänglich mit Speise und Trank versehen und auch für Gäste sey gesorgt. -- Dieses Letztere war mir der angenehmste Theil der Rede und im Zelt angelangt, wollte ich mich eben an den Gerichten erquicken, als der Schall der Glocke zur Versammlung rief. Nur in der Geschwindigkeit, da mein Wohlthäter zum Abmarsch bereit war, vermochte ich einige Bissen zu genießen. -- Nach geendigtem Lied hielt Einer der fünf Prediger, welche sich auf der Tribüne placirt hatten, eine Rede, worinnen er den Gang der Ceremonieen und den Zweck ihres Beisammenseyns der Versammlung vortrug und besonders den verirrten Schafen an das Herz zu legen suchte, wie Jedes einzeln im stillen Gebet sich zu den allgemeinen Bußübungen vorbereiten solle. Zum Schluß wurde bemerkt, daß, wenn unter der Versammlung solche wären, die nicht den nöthigen Lebensunterhalt bei sich hätten und bei Verwandten keine Lagerstätte fänden, solche im Zelt der Prediger sich anmelden sollten. Ich war der Einzige, welcher dieser Ladung folgte, und von einem schon bejahrten Manne mit nach dessen Zelt genommen, wurde ich von ihm zwei alten Matronen, die das Abendbrod auftrugen, als Gast vorgestellt. Während des Mahles, welches meine Tischgenossen unter Gesprächen von Teufel, Hölle und Verdammniß, zu sich nahmen, darüber aber das eigentliche Essen vergaßen, schmeckte es mir um so besser, und von Ersterem beobachtet, mochte solches den Glauben erwecken, daß ich an Leib und Seele verwahrlost seyn müsse.

Das Lager war bald eingenommen, da in der Frühe des nächsten Tages der Gottesdienst beginnen sollte und an der Seite meiner gewesenen Schönen pflegte ich bald der Ruhe. Kaum graute der Morgen, als es im Lager lebendig wurde, da Jeder der Erste seyn wollte, Gott mit seinem Gebet zu überraschen und so gern ich noch auf dem Lager verweilt hätte, so gebot doch Anstand und Sitte mich den Gebräuchen zu unterwerfen; ich empfahl mich daher Gottes weiser Führung und machte im Uebrigen den stillen Beobachter.

Beim Frühstück stellte sich der Redner vom gestrigen Abend ein und nahm mich nach der Mahlzeit ins Gebet, ohne jedoch weiter zudringlich zu werden. Als sich aber bei dem Mittagsessen und Abendbrod die andern inspicirenden Prediger auch einstellten und vergebens sich abmüheten, mir den Staar zu stechen, so entsagte ich der schönen Gelegenheit auf anderer Leute Kosten ein frommes Freudenleben zu führen, gab den nächsten Morgen vor, die Leibwäsche zu wechseln, entfernte mich mit meinen Sachen ins Dickicht der Bäume und sagte den Frommen Valet. --

In ~York~, wo ebenfalls der größte Theil der Bewohner aus Deutschen besteht, wurde nicht lange angehalten, da ich daselbst vernommen hatte, daß am 6. August in ~Lancaster~, welcher Ort 20 Meilen von hier entfernt liegt, eine demokratische Staats-Konvention stattfinden sollte, welcher beizuwohnen ich nicht gern versäumen wollte.

Von ~Wrights-Ville~, welches der große ~Susquehanna-River~ von ~Columbia~ trennt, ist von der Eisenbahn-Gesellschaft über diesen Fluß eine überbaute Brücke errichtet worden, welche wohl zu den größten der existirenden zu rechnen ist, da ihre Länge, nach meinen Schritten gemessen, 2400 beträgt. -- In ~Columbia~ kam ich gerade noch zur rechten Zeit an, um mit dem Eisenbahnzug nach dem noch zwölf Meilen entfernten ~Lancaster~ abgehen zu können, da diese Fahrgelegenheit heute für alle Demokraten, welche an der Versammlung in letzter Stadt Theil nehmen wollten, frei war, und da die ankommenden Wagen schon überall mit Menschen besetzt waren, so wurden in ~Columbia~ alle vorhandenen Packwagen noch angehängt, worauf mehre Hundert Reiselustige sich möglichst gut zu plaçiren suchten; Breter wurden quer über gelegt und von den verwegenen Amerikanern bis vorn an die überhängenden Theile besetzt. Ja, man war tolldreist genug, in aufrechter Stellung auf diesen schaukelnden Unterlagen die Fahrt zu wagen und durch Recken, Stoßen und Schwenken der Fahnen, die Gefahr zu vergrößern. Ewig wird mir solch leichtsinniges Benehmen unvergeßlich bleiben.

Niemand fühlt sich veranlaßt und verpflichtet, für die Sicherheit der Reisenden eine Verantwortung zu übernehmen, weil die gepriesene Freiheit keine Grenzen zu stellen gestattet, und der Amerikaner Herr seines Lebens zu seyn glaubt, mit dem er machen könne, was er wolle.

In der kürzesten Zeit, da der Wagenzug pfeilschnell durch die Lüfte flog, erreichten wir und o, Wunder! ohne Unfall ~Lancaster~, fuhren mit klingendem Spiel in die mit Menschen angefüllte Stadt und hatten Mühe, ein Unterkommen zu finden, da alle Häuser, bis zu den geringsten Kneipen herab, besetzt waren.

In der Regel giebt es, durch die erhitzten Gemüther veranlaßt, bei solchen Gelegenheiten Paukereien und ich war hier abermals Zeuge, wie sich ein Demokrat mit einem ~Whig~ im Faustkampf den Sieg zu verschaffen suchte; diesmal aber endete nicht nur derselbe mit blutenden Gesichtern, sondern die Unmenschen ließen nicht eher nach, bis dem Einen ein Auge ausgestoßen war.

Diese Manier, mit den Händen zu fechten, wo es die Kämpfer hauptsächlich auf die Augen abgesehen haben, wird ~Gouging~ genannt. Diese scheußliche Operation auszuüben, bemüht sich jeder der Kämpfer während des Gefechts die Seitenlocken von dem Haar seines Gegners zu erfassen, solche um seine Vorderfinger zu winden, den Daumen ins Auge hinein zu pressen und dasselbe aus der Höhlung herauszutreiben. War mir schon mancher Einäugige in Amerika begegnet, so hielt ich dieses mehr für Naturfehler; jetzt wurde ich aber eines Andern belehrt und erhielt dabei die Versicherung, daß besonders in den Staaten ~Georgien~, ~Karolina~ und ~Virginien~ die Menschen sich zur Aufgabe gemacht hätten, sich so zu verstümmeln, daß immer der fünfte oder sechste Mann nur mit einem Auge erscheine. --

Verstimmt durch den unglücklichen Faustkampf, und um mich möglichst entfernt von solchen Raufbolden zu halten, deren es mehre in der Herberge gab, die mit Jedem, welcher nicht ihrer politischen Meinung war, Händel anzufangen suchten, übergab ich dem Wirth meine Sachen zur Aufbewahrung und suchte bis zur Zeit des Aufzuges, welchen mehre Tausend hier versammelter Demokraten beschlossen hatten, im Gewühl der auf den Straßen wogenden Menge, die Stadt zu besehen, welche nach ~Philadelphia~ die größte im Staate ~Pennsylvanien~ seyn soll.

Dieser Ort ist regelmäßig angelegt, besitzt gerade, breite Straßen, in welchen meist von Steinen aufgeführte Häuser sichtbar sind. Die Mehrzahl der Einwohner besteht aus Deutschen und deshalb ist auch diese Sprache hier die herrschende. Auf meiner Wanderung war ich so glücklich, zu einer Fabrikanstalt zu kommen, in welcher Maschinen zu landwirthschaftlichen Zwecken angefertigt wurden, wie ich dergleichen schon im Gebrauch gesehen und abgezeichnet hatte. Jetzt wurde von mir an keinen Aufzug mehr gedacht. Hier fand der Geist volle Beschäftigung und das Gesuch an den Werkführer reichte hin, mir den Eingang zu gestatten und, durch einige Geschenke an die Arbeiter vertheilt, wurde ich überall herumgeführt. Augenblicklich wurde Alles gemustert, die einzelnen Theile noch unzusammengesetzter Maschinen mit meinen Zeichnungen verglichen und nachgemessen, so wie auch manches Neue notirt, was ich mit Nutzen bei meiner Zurückkunft im Vaterlande anzuwenden gedachte.

Nach genossenem Mittagsmahl, bei welchem der Wirth näher mit mir bekannt wurde, ward mir von diesem die Möglichkeit gezeigt, daß ich auf der Eisenbahn die siebzig Meilen bis ~Philadelphia~ frei fahren könne, wenn ich kein dummer Teufel wäre. Da er nun nicht glaube, daß ich unter die Zahl der Genannten gehöre, so mache er mir den Vorschlag, heute Abend, beim Rückgang der Eisenbahnwagen nach ~Philadelphia~, ganz dreist einen derselben mit zu besteigen, besonders da diese Fahrgelegenheit nicht nach der Anzahl von Personen, sondern ins Allgemeine von der Gesellschaft, welche vom erstern Orte aus, um den Aufzug hier zu verherrlichen, angekommen sey, bezahlt worden wäre; es könne also auch nicht darauf ankommen, ob eine oder zwei Personen mehr führen. Ohne Bedenken, setzte er hinzu, könne ich in den Vorschlag eingehen, da es Niemandem einfallen würde, einen gut demokratisch Gesinnten aus der Gesellschaft zu weisen. Alles käme daher nur darauf an, wie ich die Rolle ausführen würde. Die Sache schien mir nicht ganz ohne Grund zu seyn, und was war weiter dabei zu riskiren? Im schlimmsten Fall mit ein Paar Ohrfeigen aus dem Wagen spedirt zu werden. Von der andern Seite betrachtet, war aber die Fahrt nach ~Philadelphia~ nichts anders als eine Wiederholung der Fahrgelegenheit, welche mich heute Morgen erst von ~Columbia~ frei hieher gebracht hatte. Dieses Letztere bestimmte mich, in den Vorschlag einzugehen.