Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 2

Chapter 23,681 wordsPublic domain

In Einbeck trafen wir mit einer Gesellschaft Baiern zusammen, die ebenfalls ihr Heil in Amerika suchen wollten und logirten mit ihnen im Gasthofe zur Stadt London. Doch bald sollten wir erfahren, daß wir wirklich in London waren, weil alles sehr theuer war. Hatte es daher schon am Abend beim Zahlen der Zeche Verdrießlichkeiten gegeben, so wurde der Unmuth und die Zänkerei um so lauter, als man das zur Streue dienende Stroh nur spärlich herbeischaffte und der Wirth sich beleidigender Ausdrücke bediente, weil nur wenige von uns Betten verlangten. Mir selbst blieben in der überfüllten Stube, dicht an der Thür nur einige Halmen zur Unterlage übrig, weshalb ich mehr und mehr links zur Nachbarin rückte, die freundlich Platz zu machen schien, als ein Marqueur über meine Beine stolperte und meinen Nachbar rechts mit dem gefüllten Waschbecken begoß. Dieser, welcher diese Taufe für beabsichtigten Schabernack hielt und ohnedies auf Jenen, der sich unberufen in Liebeshändel eingemischt, aufgebracht war, faßt schnell des Marqueurs Beine und kühlt seinen Muth an diesem Armen. Der Wirth, gelockt vom Lärm, eilt mit den Seinen herbei, doch eben so schnell verlassen wir das Lager, und da aus Zufall oder List die Lichter schnell verlöschen, erhält mancher in der Dunkelheit einen Schlag, welcher ihm nicht zugedacht war. Ich selbst, der nächste an der Thür, verzichtete auf Ruhm und Ehre, ergreife schnell die Flucht und suche Schutz auf einem unserer Wagen, wo mein Bruderssohn sich schon hinredirirt hatte. -- Neuem Zank am Morgen zu entgehen, wurde der Wagen früh von uns verlassen, in der Absicht, im nächsten Dorfe die Reisegefährten zu erwarten.

Die majestätisch aufgehende Sonne versprach heute einen der schönsten Tage unserer Reise, und froh und vergnügt, da uns manche Scene vom gestrigen Abend zum Lachen zwang, waren wir im Gespräch bis zu der Stelle gekommen, wo der Angabe nach ein über den Berg führender Feldweg das Ziel der Reise um eine Stunde abkürzen werde, und uns später wieder auf die Straße leiten sollte. Obgleich mit rüstigen Füßen die ermüdende Straße zum Bergdorf bald zurückgelegt war, so sanken wir doch erschöpft auf das zum Ruhen einladende junge Gras und die reizende Gegend in das weit sich ausbreitende Thal ließ bald die gehabten Beschwernisse vergessen. Im Dorfe selbst war so früh des Tages noch Niemand zu erspähen, wo man die nöthige Erkundigung in Betreff der Richtigkeit des Weges hätte einziehen können. Es wurde daher von uns der hinter demselben angetroffene gebahnte Weg muthig betreten, welcher aber bald rechts bald links in mehre Arme sich ausbreitete, schwer noch die richtige Straße erkennen ließ. Nach einem mehrstündigen Wege war endlich in weiter Ferne die sich um einen Berg windende Chaussee dem Auge sichtbar, welche nach der Gegend führte, wohin unser Fußweg durch Getraidefelder sich schlängelte. Schnell eilten wir vorwärts, um noch vor Ankunft der Wagen unsere leeren Magen zu füllen und auszuruhen.

Eben hatte ich mich, auf den bestellten Kaffee wartend, auf der Schenkbank ausgestreckt, als der Wirth neugierig nach dem Ziel unserer Reise fragte, und als er Willwingen als den Ort unserer heutigen Etappe vernommen, die Schreckenskunde gab, daß dieses nicht der Weg nach jener Stadt sey, indem diese Straße ins Münsterland und nicht nach Hannover führe. Zu früh, setzte er hinzu, hätten wir am Morgen die Chaussee verlassen, da solche in zwei Arme getheilt, der eine links zu ihm, der rechts aber für uns der richtige gewesen sey. Sollte ich fluchen oder beten? Ich, der erst anbefohlen, daß Keiner die Wagen mehr verlassen sollte, mußte selbst Fersengeld entrichten und hatte dabei für Spott der Reisegesellschaft nicht zu sorgen. Um nicht die gekommene Straße zurück machen zu müssen, führte uns ein angenommener Bote einen Holzweg über die steilen Berge, und so erreichten wir nach vierstündigem sauern Marsch die richtige Chaussee.

Zu unserm Glück hatten die Fuhrleute am Morgen etwas später als gewöhnlich eingespannt, und da sie uns vermißten, langsam gefahren, weshalb wir im nächsten Gasthofe noch einige Zeit auf die Gesellschaft warten mußten. Von jetzt an verließ Keiner mehr die Wagen.

Dritter Brief.

Bremen im Juni 1839.

Fortsetzung.

Im Dorfe Limmer bei Alsfeld, woselbst Mittag gemacht wurde, trafen wir Auswanderer, welche von Bremen zurückkehrend, die Kunde brachten, daß bei dem jetzt überhäuften Andrang von Reiselustigen und bei dem Mangel an Transportschiffen, die Kaufleute das Fahrgeld erhöht und ohne Unterschied des Alters 44-45 thlr. in Gold ~pro~ Kopf bezahlt werden müsse, wodurch sie, die außer Stande so viel geben zu können, gezwungen wären, in ihre Heimath zurückzukehren. Man denke sich bei dieser Nachricht den Schreck der Familien unserer Karavane, welche viel Kinder bei sich und für solche nur auf wenig Fahrgeld gerechnet hatten. Sollten sie ebenfalls umkehren, oder durch den Verkauf ihrer Habseligkeiten, die Seereise dennoch zu ermöglichen suchen, und dann von Allem entblöst, als Bettler den amerikanischen Boden betreten? Noch unschlüssig, was zu thun oder zu lassen sey, stimmte ich dafür, wenigstens bis Bremen das einmal Unternommene auszuführen, um sich an Ort und Stelle von der Richtigkeit der Angabe selbst zu überzeugen, da leicht Mißverständnisse obwalten könnten.

Während ich langsam vorausging, um das so eben Erfahrene im Tagebuche zu notiren, hatten die jungen Leute meine Abwesenheit benutzt und das von mir verbotene Necken erneuert, wobei ein Steinwurf den Einen, welcher mit hinten auf dem aufgelegten Wagenbret saß, am Kopfe verletzt. Dieser nun, um sich zu rächen, springt ab, ohne jedoch seinem Nebenmann etwas zu sagen, wodurch das Bret das Gleichgewicht verliert und der Andere stürtzt und sich die Hand ausfällt. Der Springer aber ließ einen Theil seiner Beinkleider am Wagen hängen, wodurch er bei einer kurzen Jacke, das Gelächter der ganzen Gesellschaft erregte.

Den 8. Juni trafen wir im Nachtquartier zu Willwingen einen tauben Wirth, der auf alle an ihn gerichteten Fragen mit dem Kopfe schüttelte und zur Geduld verwieß, bis seine Frau zu unserer Bedienung vom Felde kommen werde. Hungrig wie die Wölfe, wurde sogleich selbst Hand angelegt und das letzte Fleisch im Orte zum Abendbrod vorgerichtet, doch bei mangelnder Aufsicht hatten die Haushunde noch vor dem Kochen, solches in Sicherheit gebracht und wir mußten den hungrigen Magen mit saurer Milch und Sallat füllen, dem Einzigen, was wieder aufzutreiben war, wodurch sich Mancher wegen Magenerkältung gezwungen sah, die ganze Nacht über auf den Beinen zuzubringen. War aber auch das Essen schlecht, so erhielten wir eine um so bessere Streue, und der gute Kaffee am Morgen ließ alles Uebrige leicht vergessen.

Da heute Hannover passirt werden sollte, so zeigte Freund M., daß er der Sohn eines Schneiders sey und nähte das halbe Hintertheil der auf dem Wagen hängen gebliebenen Hose so geschickt zusammen, daß der arme Gefallene nur drei Zoll weite Schritte machen konnte und das eine Hosenbein um ein Viertheil kürzer als das andere war. Auch der Glaser R. ließ heute sein Talent als Friseur glänzen und schor dem Zimmermann S. die Haare so glatt wie einem Hammel, wofür des letztern Frau ihm zum Danke die gröbsten Reden anzuhören gab.

Hannover, wo wir Mittag ankamen, schien der Sammelplatz deutscher Auswanderer zu seyn, in allen Straßen waren deren anzutreffen, vorzüglich aber auf dem Paradeplatze, wo die schönste Musik gemacht wurde, weil es Sonntag war. Auch wir vergrößerten die Zahl der Neugierigen und ich hatte bald Gelegenheit, mit einigen Bürgern eine Unterhaltung anzuknüpfen, während welcher ich die Bemerkung machen mußte, daß solche ihre Landesangelegenheiten weniger kannten, als wir Ausländer. Außer der gepuderten Hofdienerschaft, welche gleich Marionetten vor den Wohnungen der Herrschaften aufgestellt sind, kam uns von den höchsten Herrschaften selbst nichts zu Gesicht. Eben so wenig konnte wegen Kürze der Zeit irgend eine Merkwürdigkeit der Stadt in Augenschein genommen werden.

Zu Neustadt, am Rübenberg, wo am Abend ausgespannt wurde, erfuhr ich vom Wirth, daß heute sechs Wagen mit Auswanderern den Ort passirt hätten, und daß nach der Zahl derselben zu schließen, welche in letzter Zeit hier durchgereist wären, Bremen ziemlich angefüllt seyn müßte, so daß schwerlich bei dem täglichen Zudrang von Menschen, die nöthigen Transportschiffe vorhanden seyn könnten.

Jetzt vermuthete ich selbst, daß die uns begegneten Auswanderer, welche wieder der Heimath zugeeilt waren, nicht ganz Unrecht haben dürften, und brachte daher bei meiner Reisegesellschaft in Vorschlag, daß ich diese Nacht mit der durchfahrenden Post auf gemeinschaftliche Kosten nach Bremen vorausfahren, um vielleicht noch mit den am 15. dieses Monats absegelnden Schiffen akkordiren zu können. Der Vorschlag wurde angenommen und um Mitternacht bestieg ich den nur mit einem Passagier besetzten Postwagen, welcher schlaftrunken mich in dem blauen Ueberhemde für einen schlichten Bauersmann halten mochte und so brummend in der Wagenecke liegen blieb. Der Gott des Schlafes schloß auch meine Augen bald, und schon blickte die Morgensonne zum Wagenfenster freundlich herein, als mich der Hunger weckte, da ich Abends vorher nichts genossen hatte. Eben im Begriff, aus der Jagdtasche etwas heraus zu langen, hielt der Wagen an der neuen Station an, wo beim Oeffnen des Schlages auch mein Begleiter erwachte und von dem Marqueur dienstfertig aus dem Wagen gehoben wurde, welche Ehre mir aber, in dem man keinen respektablen Gast vermuthete, nicht zu Theil wurde. Beim Kaffeetrinken wünschte der Fremde meine Bekanntschaft zu machen und fragte daher: „Wie weit die Reise, Landsmann!“ Nach Amerika! gab ich kurz zur Antwort. „Auf der Post, erwiederte er spottend?“ Ja, wenn es seyn könnte, entgegnete ich; nur müßte ich dabei wünschen, die Reise nicht in Ihrer Gesellschaft machen zu müssen. „Und warum?“ fragte er, über meine Antwort verwundert; da ich auf der Reise gerne spreche, gern etwas erzählen höre und vor Allem das Schnarchen nicht vertragen kann. „Ich habe Sie, wie es scheint, verkannt!“ sprach er forschend, „und hoffentlich werden wir jetzt die Reise um so angenehmer fortsetzen.“ Er ging hinaus und bald ward von dem Marqueur eine Flasche Wein vor mich auf den Tisch gesetzt. Sie sind im Irrthum Freund! bedeutete ich Letztern, ich habe keinen Wein bestellt. Das glaube ich wohl, versetzte er lächelnd, doch in dem Augenblicke, ehe er weiter sprechen konnte, trat der Fremde ein, schenkte die Gläser voll und sagte: wir wollen ein Glas Wein zusammen trinken, damit der Schlaf verscheucht werde. Geschwind! denn der Wagen ist schon angespannt und der Schwager wird sogleich zum Abgang blasen. Eben wollte ich meine Bemerkung machen, daß ich ein schlechter Trinker sey und vor Allem für Spirituosen mich hüten müsse und dergl., als das Horn erschallt und uns kaum Zeit blieb, auf eine glückliche Reise die Gläser zu leeren, worauf in den Wagen gestiegen wurde.

Mein Reisegefährte war Hannöverscher Staatsdiener und Sohn eines Kaufmannes; hatte die Feldzüge vom Jahr 1813 mitgemacht, wußte viel und gut zu erzählen, und war mit einem Worte ein höchst interessanter Gesellschafter. Auch ich ermangelte nicht, aus meinem Jugendleben so manches aufzutischen, was ihm gefiel, und so im Gespräch vertieft, wurden weniger die Wagenstöße verspürt, welche die gepflasterte Chaussee verursachte. Bald verrieth die mehr und mehr zunehmende Menge der nach der Stadt fahrenden Bauersleute, daß Bremen nicht mehr fern seyn könnte, und von meinem Begleiter aufmerksam gemacht, sah ich die vom Sonnenstrahl vergoldeten Thurmspitzen Bremens, aber wie lange dauerte jedoch noch der Weg, bevor die Stadt selbst erreicht wurde. Endlich am 9. d. M. Mittags 11 Uhr hielt der Wagen vor dem Posthause zu Bremen.

Vierter Brief.

Bremen im Juni 1839.

Aufenthalt in Bremen und Bremerhaven.

Wohl eine Stunde irrte ich durch die mit Menschen und Wagen gefüllten Straßen, um den Gasthof aufzusuchen, wo unsere Fuhrleute ausspannen wollten, damit ich mit dem Wirth über das Unterkommen der ganzen Gesellschaft akkordiren könnte. Niemand wollte das betreffende Gasthaus in der Altstadt kennen, bis endlich ein Helfershelfer der Herren Wirthe sich erbot, mir den Weg zu zeigen[6]. Derselbe brachte mich in ein Haus, welches zwar das rechte Schild, der Wirth aber einen anderen, als den von unsern Fuhrleuten angegebenen Namen führte. Letzterer erbot sich sogleich, uns sämmtlich gegen ein Billiges aufzunehmen[7], weil, wie er versicherte, sein Hôtel nur für Auswanderer eingerichtet sey, und obschon einige Vierzig bereits bei ihm logirten, so würden wir doch noch Alle Platz finden. Dabei ermangelte er nicht, weidlich auf seine Herren Kollegen loszuziehen und solche als Preller darzustellen, denen es nur darum zu thun sey, die mit den Verhältnissen der Stadt nicht vertrauten Auswanderer möglichst zu bevortheilen. Während des Gesprächs wurde mir fleißig zugetrunken, dabei der äußerst billige Wein gerühmt, und als Probe der hier gebräuchlichen guten Kost eine Mahlzeit vorgesetzt, ohne dafür Zahlung anzunehmen. Alles nur, um zu zeigen, wie gut ein Jeder in dieser Herberge aufgehoben sey. Auf mein Bemerken, daß ich wenigstens da, wo die Fuhrleute ausspannen würden, hinterlassen müsse, in welchem Gasthofe man mich auffinden könne, erbot sich der gefällige Wirth, mich in eigener Person zu geleiten, da ich es ablehnte, seinen Hausknecht mit meinem Auftrage dahin abzuschicken, und stellte unterwegs noch billigere Bedingungen, als wie sie schon vorher gemacht worden waren.

* * * * *

Der rechte Wirth in der Neustadt beherbergte gewöhnlich nur Fuhrleute, durch mich aber, der mit dem Eilwagen vorausgekommen, vermuthlich auf die Idee gebracht, daß ich für lauter wohlhabende Auswanderer Quartier bestellen solle, von welchem sich Etwas verdienen lasse, war ebenfalls sogleich erbötig, uns sämmtlich aufzunehmen. Mein Führer, ärgerlich darüber, uns zu verlieren, gab mir verstohlen ein Zeichen zum Weggehen und erzählte mir nun im Vertrauen, daß ein Jeder, welcher Auswanderer zu einem Schiffsmakler bringe, Einen Gulden Douçeur pro Kopf erhalte, welches Geld ich ohne Beihilfe eines Andern selbst verdienen könne. Dagegen mußte ich die Versicherung geben, möglichst dahin zu wirken, daß die ganze Gesellschaft nicht hier, sondern bei ihm logire. Jetzt wurde mir erst die Ursache von diesem Verrath klar; da der Schurke das Kopfgeld nicht selbst verdienen konnte, so entzog er es auch seinem Kollegen, dem er es nicht gönnte.

* * * * *

Da ich sogleich im Bremerhaven, welcher 10 Stunden von Bremen entfernt ist, die nöthigen Erkundigungen wegen der vorhandenen Schiffe und deren Abgang einziehen wollte, so benutzte ich das eben dahin abfahrende Dampfschiff, wo ich nach einer Fahrt von fünf Stunden im Hafen ankam.

Hier erblickte ich ein Bild, welches ich zu sehen nicht erwartet hatte. Ueber 2000 Auswanderer lagen im Hafen zusammengedrängt, theils auf drei großen Schiffen, theils in Privat- und Gasthäusern auf Kosten der Schiffsmakler. Von einem Landsmann wurde ich auf eines dieser Schiffe eingeführt, wo ich sogleich einen Vorgeschmack der Seereise bekam. Schaudererregend war der Anblick der hier in dem engen Raume zusammengedrängten Menschenmenge, wo durch einander Männer und Weiber, Jung und Alt, ohne Rücksichtnahme auf gebildete Personen, die größten Zoten zum Besten gegeben, wo manch altes Bauernweib die letzten Fetzen der Hemden ihrer Familie zusammensuchte, um sie zu gebrauchen, da diese dann bei der Ankunft, nebst dem eingewohnten Ungeziefer ersäuft werden. Hier sitzt eine besorgte Mutter und reinigt den Kopf des Kleinen, dort hat ein Kind sein Lager besudelt und dicht daneben schmeckt Anderen der erhaltene Thee nebst Schiffszwieback ganz vortrefflich; während dessen wird auf dem Oberdeck getanzt und gesungen, und oft wie ich so eben Gelegenheit hatte mit anzuhören, das Ganze von zwei bösen Sybillen, die sich veruneinigt hatten, überschrieen. Jetzt wurde mir einleuchtend, weshalb manche gebildete Familie, vorzüglich wenn sie erwachsene Töchter hat, noch beim Einsteigen ins Zwischendeck die Reise aufgiebt, wenn die Mittel, in der Kajüte zu fahren, nicht ausreichend sind.

Ein anderes dieser Schiffe, das ich bestieg, hatte im Zwischendeck nur eine Höhe von fünf Fuß, so daß man nicht anders als gebückt darin stehen konnte. Die Passagiere, auf diesen Uebelstand von mir aufmerksam gemacht, verlangten, daß durch Niederlegung des Fußbodens das Zwischendeck erhöht werden solle, zu welcher Veränderung sich erst nach langen Debatten der Schiffsmakler verstand.

Im Nachtquartier traf ich mit Auswanderern aus aller Herren Länder zusammen, von welchen einige schon über vier Wochen auf Kosten der Makler hier logirten und auf abgehende Schiffe warteten. Von ihnen wurde ich darauf aufmerksam gemacht, wie man nicht genug Vorsicht gebrauchen könne, um nicht beim Kontrahiren zur Reise bevortheilt zu werden, und so allen Versprechungen entgegen, aus eigenem Beutel bis zum Abgang des Schiffes zehren müsse, wie es leider jetzt Manchem gehe.

Schon am frühen Morgen des folgenden Tages bekam ich durch den Landsmann S.[8], welcher mich gestern auf dem segelfertigen Schiffe eingeführt hatte, die Einladung, auf diesem die Reise mitzumachen, da diese Nacht auf solchem ein Passagier erkrankt, deshalb die Fahrt aufgegeben und dessen Platz einzunehmen sey, welchen er bei dem Kapitän für mich erbeten habe. So gern ich auch von dieser schnellen Fahrgelegenheit Gebrauch gemacht, so erlaubten es doch die gegen meine Reisegefährten übernommenen Verpflichtungen keineswegs. Ich dankte diesem Braven herzlich, für den guten Willen mir zu dienen und mit dem Wunsche eines glücklichen Wiedersehens in einer andern Welt, schieden wir gerührt von einander.

Da in Bezug auf die Seereise im Hafen selbst nicht zu akkordiren war[9], so durfte auch keine Zeit verloren gehen, um das Nöthige in Bremen selbst zu ordnen, und so fuhr ich mit dem Dampfschiff, welches einige von Amerika kommende Reisende am Bord hatte, unverzüglich zurück. Letztere schienen in den überseeischen Ländern ihre Rechnung auch nicht gefunden zu haben, da ein Paar Eheleute äußerten: lieber in ihrem Vaterlande zu betteln, als in dem freien Lande hungrig sterben. Ein Zweiter klagte über die Schurkerei der Amerikaner, die ihn um seinen sauer verdienten Lohn betrogen hätten. Ein Dritter wollte durch einen Bankbruch um das Seinige gekommen seyn. Jeder hatte seine eigenen Bemerkungen zu machen, welche am Ende alle dahinaus gingen, im Lande zu bleiben und sich redlich zu nähren. Schöne Aussichten für uns! Nur einer schien mit seinem Loos zufrieden, da er, seiner Erzählung nach, amerikanischer Landmann sey, ein hübsches Eigenthum besitze und jetzt eine Reise zu seinen Verwandten mache. Freundlich wurde ich von demselben eingeladen, auch ihn, der bald zurückkehren werde, in Amerika zu besuchen, da er selbst Brennereibesitzer sey und ich ihn vielleicht auch mit meinem projektirten Unternehmen dienen könne.

In Bremen angekommen, verfügte ich mich sogleich auf das Komptoir des Herrn W.[10], wo ich zu meinem Befremden erfuhr, daß von den Agenten der Schiffsrheder weit mehr Auswanderer hergeschickt würden, als die vorhandenen Schiffe zu fassen vermöchten, weshalb man sich genöthigt sähe, die Frachtpreise zu erhöhen und daß auch jetzt für Kinder jeglichen Alters, selbst bis auf den Säugling herab, dieselbe Summe wie für Erwachsene bezahlt werden müsse, da bei dem gegenwärtigen außerordentlich großen Andrange von Auswanderern die nöthigen Schiffe fehlten, und bis zu deren Ankunft die von den Agenten zugeschickten Personen als Entschädigung für Kost und Logis ~pro~ Kopf 10 Groten[11] auf den Tag erhielten und solches eine nicht unbedeutende Ausgabe verursache.

Was sollte ich unter solchen Umständen thun? Für die ganze Gesellschaft konnte ich nicht zur nächsten Fahrgelegenheit abschließen, da ich wußte, daß einigen meiner Reisegefährten, die nicht auf die gegenwärtig bedeutend erhöhten Fahrpreise gerechnet, das nöthige Fahrgeld fehle. Um aber nicht für uns Alle die Gelegenheit zu verabsäumen, mit dem am 15. d. M. expedirten Schiff in See gehen zu können, so schloß ich wenigstens für sechs Mann fest ab, mit der Bedingung, daß für die andern Personen die Plätze bis Morgen Mittag offen bleiben sollten, wo die bis dahin Ankommenden das Weitere selbst beschließen könnten.

Fünfter Brief.

Bremen im Juni 1839.

Fortsetzung.

Die Reisegesellschaft war bei ihrer Ankunft nicht wenig bestürzt, als ich ihr die bereits gemachten Erfahrungen mittheilte, und schon sahen sich einige im Geist wieder in die Heimath versetzt. Noch unschlüssig über das, was zu thun oder zu lassen sey, wurde in banger Erwartung der Mittagsstunde entgegen gesehen, wo den Armen durch den Makler selbst ihr Schicksal verkündigt werden sollte. Der schlaue Wirth, meine Abwesenheit benutzend, da ich eben mit einigen Gefährten die Verhältnisse in Erwägung zog, sucht bei den Uebrigen seine Person geltend zu machen und verspricht, wenn sie sich ihm anvertrauen würden, bei dem Makler, welcher sein Freund sey, dahin zu wirken, daß er Etwas von der Forderung ablasse.

Die Leichtgläubigen ließen sich bethören und gingen, ohne meine Ankunft und die bestimmte Zeit abzuwarten, mit Letzterm auf das Komptoir des Herrn W.[12], doch, wie vorauszusehen, galt der Wirth hier wie jeder andere, und seine Absicht ging blos dahin, das Kopfgeld[13] zu verdienen. Aber noch zur rechten Zeit kam ich selbst mit den Uebrigen an, um ihm, wie er uns, den Verdienst zu entziehen.

Alles bot ich auf, des Maklers Mitleid zu erregen, durch Schilderung der Lage derjenigen Armen, welche sich gezwungen sähen, in die Heimath zurückzukehren. Doch nur zu oft kommen solche Scenen vor, um Eindruck auf ein Herz zu machen, welches nur am Golde hängt. Es blieb daher bei der Bestimmung, daß die Erwachsenen 44 thlr., Kinder 40 thlr., die Säuglinge aber 35 thlr. in Golde zahlen sollten. Die Abfahrt nach New-York mit dem Schiff ~St. Lawrence~, wurde zwischen dem 20. und 23. d. festgestellt, und von dieser Zeit an uns die Beköstigung vom Schiffe aus zugesagt. Im Fall aber widrige Winde oder sonstige Umstände den Abgang verzögern würden, sollte die gewöhnliche Vergütung von 10 Groten ~pro~ Kopf für jeden Tag eintreten.

Auf dem einer jeden Familie unserer Reisegesellschaft ausgestellten Schiffskontrakt war nur die richtig geleistete Zahlung bescheinigt und die Zeit der Abfahrt bestimmt, ohne daß auf demselben etwas über die uns mündlich zugesagte Beköstigung oder Geldentschädigung erwähnt worden wäre. Auf meine Bitte, dieses nachzuholen, gab man den kurzen Bescheid, solches sey nicht gebräuchlich und auch nicht nöthig, da schon das gegebene Wort genüge[14].

Alle, die wir von Weimar aus die Reise unternommen hatten, waren dennoch im Stande das zur Ueberfahrt nöthige Geld aufzubringen. Nur der Zimmermanns-Familie ~S.~ fehlte es wegen dem erhöhten Fahrgeld an Mitteln, da solche für drei Kinder auf weniger, den Säugling aber frei gerechnet hatten. Außerdem war der Vater krank und von einer Ehehälfte geplagt, welche ohne Gefühl und Mitleid den Armen noch mit Vorwürfen quälte, da sie mehr gezwungen, als freiwillig zur Auswanderung sich entschlossen hatte. Sollten sie die Sachen verkaufen und so von Allem entblößt, die Seefahrt zu ermöglichen suchen, oder zurück in die Heimath kehren, wo Haus und Hof veräußert war? Das Erstere verbot die Klugheit und von Letzterem hielt sie falsche Schaam zurück. Auf mich hatten sie daher ihre letzte Hoffnung gesetzt und bestürmten meine Person mit Bitten und Flehen um den nöthigen Vorschuß, welcher mit dem größten Danke dem Retter aus der Noth, in Amerika wieder zurückgezahlt werden sollte[15]. Da der Mann selbst mir als rechtlich bekannt war, so bedurfte es nichts mehr, um sein Flehen zu erhören, und durch eine Unterstützung so die Möglichkeit an die Hand zu geben, mit uns vereint die Reise fortzusetzen.