Part 19
Ebenso muß beim Beschlagen der Pferde der Schmidt diese Arbeit allein verrichten, indem er den Fuß des Pferdes zwischen seine Beine nimmt. Dabei besitzt er eine solche Gewandtheit, daß er mit dem schon von Natur ruhig geschaffenen Pferd eher fertig wird, als in Deutschland, wo eine zweite Person zum Aufheben des Fußes nöthig ist. Daß demnach ein deutscher Schmidt, gleich andern Gewerken, in Amerika von Neuem lernen muß, habe ich nicht allein selbst erfahren, sondern ist mir vielfach von Meistern, welche in der alten Heimath diese Stelle begleiteten, versichert worden. Wie überhaupt in Bezug auf Maschinenbau, Fabrikwesen und jeder gewerblichen Verrichtung, der Amerikaner uns weit voraus ist, drückt Gall in seinem Reisebericht mit folgenden Worten aus:
„Ja, von der Werkstätte des Dampfmaschinen-Fabrikanten bis zu jener des Zimmermanns herab, fühlt man sich versucht, auszurufen: Hat Euch der Himmel, um die Nationen der alten Welt zu beschämen, mit den Talenten geboren werden lassen, welche Jene achtzehnhundertjähriger Uebung und dem Nachdenken verdanken? Vervollkommnet sich, was Ihr nur berührt unter Euren Händen? -- Vom Nagel, welchen eine Maschine hervorbringt, bis zu dem hunderträderigen Mechanismus einer Mühle, ist alles zweckmäßiger, als man es in Europa sieht. Der Nagel hat an seinen vier scharfen Ecken feine Widerhaken, vermöge deren er sich unausreißbar im Holze festklammert; die kunstreiche Mühle macht ¹¹⁄₁₂ der Arbeiter, welche die unsrigen erfordern, entbehrlich. Durch die von ~Han Eli Whitnay~ in ~Connecticut~ erfundene Säge-Maschine wird die Handarbeit gar in dem Verhältniß, wie 1000 zu 1 erspart. Das Zimmerwerk eines Hauses scheint vom Tischler gearbeitet; die Tischlerarbeiten werden von den Parisern nur durch gefälligere Formen übertroffen. Brüsseler Wagen machen den hiesigen den Rang nicht streitig; eine zweckmäßigere Verbindung der Backsteine und eine nettere Ausführung der Maurerarbeiten, als man hier allgemein findet, ist gar nicht denkbar. Selbst die einfachsten Werkzeuge, die Axt, der Spaten, der Bohrer, die Sägen, haben eine, in vielen Ländern Europas nicht geahnte Vollkommenheit.
Nicht weniger haben die Amerikaner im Gebiet der nützlichen Künste geleistet. -- Die englische Regierung ließ im Jahr 1817 amerikanische Brückenbauer nach Irland kommen. -- Die Londoner Bank hat die Gravirung der Platten zu ihren Banknoten drei amerikanischen Kupferstechern, ~Terkins~, ~Troppan~ und ~Fairfax~ übertragen und für ihre Reise eine Entschädigung von 5000 Pfund Sterlingen, für ihre Arbeit aber im Fall des vollkommenen Gelingens, eine Belohnung von 100,000 Pfund Sterlinge zugesichert. -- Die Herren ~Han Buck~ und ~Brewster~, Besitzer einer Tuch-Manufaktur, haben es selbst den Engländern zuvorgethan, indem sie die Wolle vom Schaaf weg in neun Stunden funfzehn Minuten in einen Rock verwandelten, eine Aufgabe, die in England nur in dreizehn Stunden zwanzig Minuten gelöst wurde. Die amerikanischen Schiffe übertreffen alle anderen an äußerer Schönheit und Zweckmäßigkeit und in dem Patentamt zu ~Washington~ zeugen mehrere Tausende der Modelle vom amerikanischen Erfindungsgeiste. Rechnet man hierzu, was Alles im Bau der Dampfboote und Wasserleitungen gethan worden ist, so darf man wohl behaupten, daß die Amerikaner auch in Anwendung nützlicher Künste keiner Nation der alten Welt nachstehen.“
Bis ~Woodsborough~ kam mir die Fahrgelegenheit zu Gute; doch hier verließ der Fuhrmann meine Straße und von Neuem sah ich mich genöthigt, den Wanderstab zu ergreifen. Doch wer beschreibt meinen Aerger, als ich beim Absteigen vom Wagen jetzt erst gewahr wurde, daß bei dem unsinnigen Fahren das Gewehr aus dem Wagen gefallen war. Schon hatte ich eine Stunde Wegs retour gemacht, um vielleicht das Verlorene wieder zu finden, als zwei entgegenkommende Amerikaner versicherten, weder Etwas gefunden, noch gesehen zu haben. -- Mit mir und meinem Geschick unzufrieden, allein und ohne alle Zerstreuung, wünschte ich bald die Gegend zu erreichen, wo mein Landsmann, Herr Rehling sich angekauft, und die deutsche Sprache wieder vorherrschend seyn soll. -- Zu meiner Freude und Beruhigung erfuhr ich im Nachtquartier zu ~Taneytown~ von einem deutschen Schuhmacher, dessen Hülfe ich bedurfte, daß morgen schon in der Nähe von ~Petersburg~ mehr deutsch als englisch gesprochen werde.
Der Mann hatte Recht. Viele Deutsche waren im letzten Ort, mehr noch in ~Hannover~, und in der Umgegend der Farmen meines Landsmannes bei ~Strassburg~ glaubte ich mich in die Heimath versetzt.
Dreiunddreißigster Brief.
Aufenthalt bei dem Farmer Herrn Rehling.
Im Juli 1840.
Die freundliche Aufnahme des Herrn Rehling gab mir während der Anwesenheit bei ihm, wie auch die in der Umgegend gemachten Bekanntschaften anderer Farmer, Gelegenheit, Alles was Bezug auf amerikanische Branntweinbrennerei, Feldwirthschaft und Farmerleben hat, kennen zu lernen, und mit wahrer Wollust genoß ich hier den ländlichen Aufenthalt im Kreise einer lieben gastfreundlichen Familie, welche ein wahrhaft religiöses Leben führte. Mittags und Abends wurde vor dem Mahl vom Hausvater Gott ein kurzes Dankgebet gebracht und jeden Morgen mit Tages-Anbruch weckte mich ein Choralgesang, welche herrliche Melodieen von den zusammen akkordirenden Stimmen des Vaters, der Mutter und der vier Kinder unwillkürlich zur Andacht stimmten, da dieser vor dem Hause aufgeführte Lobgesang die aufsteigende Sonne hervorzulocken schien. Möge Gott diesen frommen harmonischen Seelen lange noch ein frohes, glückliches Zusammenwirken vergönnen, und nicht durch Trennung der Glieder eine Unterbrechung in dieses freundliche Stillleben bringen.
Wie ganz anders muß dieser Mann in Amerika umgewandelt worden seyn? -- Werden bei Lesung Dieses seine Bekannten fragen, welche Rehling in Deutschland nur als lebenslustigen Menschen kannten. -- Auch mir war, bei Beobachtung meiner Landsleute, bei Vielen die Umwandlung ihrer religiösen Ansichten nicht erklärlich, bis ich mich selbst unwillkürlich mehr und mehr zum höchsten Wesen hingezogen fühlte, welches dem Menschen in Amerika viel näher als im Vaterlande zu seyn scheint, da hier die mannigfaltigen Lebensverhältnisse und Gefahren, in welchen sich der Mensch befindet, ihm immer seine Abhängigkeit von Gott vor Augen stellt. -- Mehr noch fühlt sich aber der einsam, nur seiner Familie lebende Farmer von Gottes herrlicher Natur begeistert, und nicht von weltlichen Vergnügungen betäubt, zur Dankbarkeit verpflichtet. -- Daß es leider auch hier an Freigeistern nicht fehlt, dazu tragen die verschiedenen Gottesverehrungen selbst, die hier vorkommen, bei, welche zu dem Wahnglauben führen, daß alle die irreligiösen Ansichten, welche die freie Schrift verbreitet, und von antichristlichen Kanzelrednern vertreten wird, wahr seyn müssen.
Ist auch die Gegend, wo die Familie Rehling sich niedergelassen, nicht unter die fruchtbarsten zu zählen, so gewährt sie doch den Vortheil, alle erbauten Produkte schnell und gut abzusetzen, da eine nach ~=Baltimore=~ führende Eisenbahn dessen Flur berührt. Dabei leben sie nicht in einer Wildniß von aller Welt verlassen, was dem gesellschaftlichen Deutschen die Trennung vom Vaterlande um so fühlbarer und schmerzlicher macht, sondern befinden sich inmitten von Landwirthen, die alle deutsch verstehen und es gewöhnlich sprechen, was für den Einwanderer, der nicht englisch versteht, einen um so größern Werth haben muß. Was der natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens abgeht, verstehen ökonomische Kenntnisse, Leibeskräfte der ganzen Familie und Arbeitslust, reichlich zu ersetzen, und der Erde mehr abzugewinnen, als es der Industrie des Vorgängers, von welchem Herr Rehling diesen Farmen gekauft hatte, möglich geworden war.
Dann ist es auch nicht immer die Unfruchtbarkeit des ausgesogenen Bodens, was den Amerikaner bestimmt, sein Eigenthum zu verlassen, sondern mehr die Habsucht des Gewinnstes, der beim Verkauf gemacht wird. -- Nichts ist ihm heilig und theuer, sondern Alles verkäuflich. Das väterliche Erbe oder die Nähe der Blutsverwandten haben für ihn eben nicht mehr Werth, als ein erst kurze Zeit besessener Farmen unter fremden Nachbarn. Nicht an geselliges Leben gewöhnt, ist es ihm gleich, wo er sich von Neuem niederläßt, und er spielt die Rolle eines Robinson Crusoe, in wilder, noch nicht kultivirter Gegend so lange bis ein neuer Käufer ihn abermals bestimmt, mehre hundert Meilen weiter seinen Wohnsitz zu verlegen. Daher kommt es auch, daß die Bewohner der Vereinigten Staaten so zerstreut wohnen und mitunter in ungesunden Gegenden sich niederlassen, obgleich die gesundesten und kultivirtesten Theile der mittleren Staaten noch zwei Mal so viel Einwohner aufnehmen und ernähren könnten.
Das zweistöckige Wohnhaus des Herrn Rehling ist nur aus Holz, aber in allen seinen Theilen bequem und regelmäßig aufgeführt und geräumig genug, um zwei Familien beherbergen zu können. Die Scheune, hundert Schritte vom Wohnhause entfernt, dient zugleich mit zum Obdache für Pferde und Kühe. Der untere Raum solcher Speicher wird in Amerika immer zur Stallung verwendet, daher die Tenne sich im zweiten Stocke des Gebäudes, wenn man solches von vorn ansieht, befindet; zum Aufbau einer Scheune wählt man gern als die passendste Lage den Abhang eines Hügels, wodurch das Gebäude hinten um einen Stock niedriger als vorn wird, und so das nöthige ~Niveau~ zur Einfahrt herstellt. -- Diese Bauart gewährt noch den Vortheil, daß bei dem Dreschen mit Maschinen das durch die Tennen-Luke zugeschleuderte Stroh vor die Scheune geworfen wird, wo man es erst nach dem Dreschen am Abend aufbindet.
Daß man bei Anlage der Gebäude eines Farmen besonders Rücksicht auf den Stand der Scheune nehmen muß, bedingt die Art und Weise, wie man hier die Scheunen aufzuführen pflegt, welches von dem Ansiedler nicht übersehen werden darf. -- Im Fall sich aber in der Nähe des zum Wohngebäude ausersehenen Platzes kein natürlicher Hügel befinden sollte, so wird die nöthige Steigung zur Einfahrt auf die Tenne durch Kunst geschaffen.
Waren auch die Höhen noch reichlich mit Holz besetzt, so hatte doch Rehlings Vorgänger unbarmherzig alle Bäume rings um die Wohnung niedergehauen, wie es der gewöhnliche Gebrauch der Amerikaner ist, da sie eine unüberwindliche Abneigung gegen Bäume besitzen, und dieselben als der Kultur sich entgegenstemmende Uebel, die beseitigt werden müssen, betrachten, und daher ohne Gnade Alles auf die Seite schaffen, was sich von solchen in der Umgegend ihrer Wohnungen befindet.
Rehlings erste Sorge war daher, das Schöne mit dem Nützlichen wieder zu vereinen, und in verschiedenen Gruppirungen Obstbäume aller Arten anzupflanzen. Den Sitz vor dem Hause aber beschatteten Akazien, die der Wohnung eine angenehme Kühle gewährten.
Doch das Kultiviren und Verschönern beschränkte er nicht auf die nächste Umgebung seiner Wohnung, sondern so weit die Gränze seines Eigenthumes geht, sah man in mannichfaltiger Abwechselung die Hand der Verbesserung angelegt. Hier wurde ein Sumpf trocken gelegt, dort eine Wiese durch gezogene Gräben bewässert, auch weislich der Viehdünger, welchen das Regenwasser von abhängigen Wegen mitbringt, in Gruben aufgefangen; auf den Bergen wurde nach Bedarf das Holz gelichtet, und am Abhange wiederum ein neues, zum Feldbau geklärtes, (von Holz gereinigtes) Stück Land mit einer Fense (Zaun) umgeben.
Doch auch der Hausfrau thätige Hände gaben Zeugniß von dem, was solche außer dem Hause zu schaffen vermögen, da im Hausgarten, welcher zu ihrem Departement gehörte, nichts versäumt war, um die Küche mit Gemüse aller Art zu versorgen. Auch einige Blumen zeigten wenigstens, daß hier eines Deutschen Farmer-Wohnung ist, welcher Sinn hat für das Schöne, was man bei dem Amerikaner vergebens sucht.
Doch nicht immer ist hier zu gebrauchen und bei der Feldwirthschaft in Anwendung zu bringen, was man im deutschen Vaterlande für zweckmäßig fand. Klima, anderer Boden und sonstige Verhältnisse mahnen zur Vorsicht und machen Aufmerksamkeit nöthig, wie die Nachbarn ihre Saaten und welche Sorten sie zu bestellen pflegen. -- Herrn Rehlings vermeintes Besserwissen brachte ihn im ersten Jahre um die Aerndte, wodurch er klüger geworden, sich später mehr nach Sitte und Gebrauch des Landes richtete, und bei Abweichungen immer nur erst kleine Versuche anstellte. Dabei lies’t er fleißig nach vollbrachtem Tagewerke solche Zeitschriften, welche sich mehr über Landwirthschaft als Politik aussprechen, und auf diesem Wege kann sich der Neuling über Alles das leicht belehren, was er zu wissen nöthig hat.
Ueber den Werth der Zeitungen als Beförderungsmittel der Volksbildung in Amerika, und warum ein amerikanischer Farmer, so und nicht anders sein Feld bewirthschafte, drückt sich ~Gall~, wie mir aus dem Herzen gesprochen, in seinem Reiseberichte folgendermaßen aus:
„Je weniger ich dem politischen Theil der amerikanischen Zeitblätter meinen Beifall zollen kann, um so mehr haben sie mich in wissenschaftlicher Rücksicht befriedigt. Diese Aeußerung mag mit dem Urtheile anderer Reisenden im Widerspruche seyn, das thut aber nichts; dafür ist es auch der Ausspruch meiner eigenen Ueberzeugung. Ich habe darin zwar nie eine Untersuchung der wichtigen Frage gefunden: ob das erste Huhn vor oder nach dem ersten Ei gewesen, noch, wer der Mann im Monde sey? Solche Forschungen überlassen die Amerikaner bescheiden uns überlegenen Europäern. Aber ich habe auch nicht ein einziges Blatt in die Hände genommen, welches nicht irgend einen belehrenden Artikel über Gegenstände des nützlichen, praktischen Wissens enthalten hätte und zwar in einer für alle Leser verständlichen Sprache. Da ist kein Zweig der Landwirthschaft, kein Gewerbe, keine nützliche Kunst, auf deren Vervollkommnung nicht immer die Aufmerksamkeit Tausender gerichtet wäre. -- Kein Tag vergeht, an welchem nicht aus allen Theilen der Union bewährte Erfahrungen, neue Entdeckungen und Verbesserungen ohne Rückhalt mitgetheilt, oder angestellte Versuche mit ihren Erfolgen bekannt gemacht werden, damit deren Anwendbarkeit auch in andern Gegenden versucht werden könne. Unterrichtende Aufsätze über Gewitter, brennende Dünste, Mehlthau, Selbstentzündungen, Komete, Meteore, farbige Regen etc. erklären diese und ähnliche außerordentliche Erscheinungen in der Natur und indem sie so der gefährlichsten Pest, dem Wunderglauben, eine unübersteigliche Schranke entgegenstellen, machen sie zugleich auf die bekannten oder möglichen, wohlthätigen oder nachtheiligen Einwirkungen solcher Erscheinungen auf Witterung, Vegetation etc. aufmerksam.“ --
„Ausführliche Beiträge, um verstanden zu werden, geschrieben über Gegenstände der Geographie und Naturgeschichte der Vereinigten Staaten, machen den Amerikaner mit seinem Vaterlande täglich genauer bekannt und lehren ihn täglich, in seinen Wäldern, Gebirgen, Flüssen und Seen neue Schätze aufsuchen. Kurz, in einem Blatte, welches jährlich nur fünf Dollars kostet, zwar nur ein Mal die Woche erscheint, aber jährlich in 52 Nummern eben so viel Gedrucktes enthält, als 500 Bogen eines der in Deutschland in gr. 8. erscheinenden Journale, findet der Amerikaner außer den ihm zum Bedürfniß gewordenen politischen Neckereien, einen nicht weniger reichen Schatz von belehrenden und nützlichen Nachrichten, als sechs oder acht europäische Journale für verschiedene Fächer des praktischen Wissens zusammengenommen darbieten; vergebens würde man das leugnen. Die Allgemeinheit einer Erstaunen erregenden Masse von nützlichen Kenntnissen, welche sich nicht wegraisonniren lassen, zeugt laut von dem Vorhandenseyn eines eben so allgemeinen, als zweckmäßigen Mittels des Unterrichts und der Mittheilung des individuellen Wissens durch die ganze Union.“
„Bei dem ersten Anblicke eines Ackers, in welchem noch Baumstumpfe und über 1½ Fuß hohe Stoppeln hervorragen, zuckt der dünkelvolle Europäer über den beschränkten Amerikaner die Achseln, da dieser seinen Boden und dessen Produkte nicht besser zu nutzen weiß. Er tritt näher, und sieht den Boden des Feldes gar von Aehren fast bedeckt; er schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen über einen solchen Verschleuderer, und würde ihn, hätte er die Macht dazu, ohne Weiteres für einen Verschwender erklären und sein Gut nach den Regeln der Kunst, durch einen obrigkeitlich ernannten Verwalter bestellen lassen. Wir aber wollen erst den verständigen, Gewinn beflissenen amerikanischen Landwirth selbst hören. -- Den höchst möglichen Ertrag mit den geringsten Kosten zu erringen, ist ihm Zweck der Landwirthschaft. Er läßt die Stöcke nicht ausrotten, weil dieses in dem Verhältnisse des Arbeitslohnes zum Preise der Produkte mehr gekostet haben würde, als der Boden, den die Stöcke einnehmen, in zehn Jahren tragen könnte; in fünf bis sechs Jahren sind sie faul, und weichen dann leichter. Uebrigens weiß er seine starke Pflugschaar, selbst durch einen Wald, mit einer solchen Gewandtheit zu führen, daß in der That nichts ungenützt bleibt, als gerade der Fleck, den der Baum einnimmt. Die Stoppeln stehen noch 1½ Fuß hoch auf dem Felde, indem er: 1) keinen Absatz für sein Stroh hat, 2) weil, damit die Frucht dicht am Boden abgeschnitten werden könne, das Feld durch Eggen und Walzen nach der Einsaat geebnet werden müßte, was aber mehr kosten würde, als es den Ertrag erhöhete, indem seine Schnitter viel weniger zu schneiden im Stande seyn würden, wenn die Frucht dicht am Boden abgeschnitten werden sollte, und 3) weil das Feld doch wieder mit Stroh gedüngt werden müßte. Ist nun gleich die verfaulte Stoppel dem Dünger aus den Ställen nicht gleich zu achten, so erspart er dagegen auch die Kosten, die Stoppeln heimzufahren, den Dünger aus den Ställen zu ziehen, zur Gährung aufzuschichten, auf Wagen zu laden, auf das Feld zu fahren und auszubreiten, welche Kosten der höhere Betrag ganz bestimmt nicht aufwiegen würde. Aus demselben Grunde bleiben auch die Aehren ungelesen, um so mehr, da er gerade durch diese anscheinende Vernachlässigung sich wieder die Arbeit erleichtert und also Kosten spart. Sobald die Frucht eingescheuert ist, läßt er sein Vieh auf dem umzäunten Acker, wo es reichliches Futter findet, und von welchem es, bis Schnee den Boden bedeckt, nicht wieder in den Stall kömmt, wobei es zugleich das Feld düngt. Zwei bis drei Hundert Stück Federvieh aller Art picken die einzelnen Körner auf, welche das Rindvieh nicht erreichen konnte.“
Ob und wie der Amerikaner die Vortheile zu benutzen versteht, welche die bloße geschickte Anwendung bekannter Erfahrungen gewährt, sieht man auch in allen seinen häuslichen Verrichtungen und ~Gall~ fährt hierüber fort: „Die Eier erhält er in Kalkmilch nöthigenfalls ein ganzes Jahr lang frisch; genau bekannt mit der Wirkungsart verschiedener Erhaltungsmittel des Fleisches, verdirbt er dasselbe weder durch zu viel noch zu wenig Salz. Seine Seife, so schön und gut als die des Seifensieders in der Stadt, ist sein eigenes Erzeugniß, aus einer Verbindung von Fett, Asche und Kalk, einer Pottasche, welche die beste in der Welt ist. Seinen Zucker, aus dem leicht gewonnenen Safte des Zucker-Ahorns, hat er selbst gesotten. Die Teppiche, welche den Boden seines ganzen Hauses bedecken und selbst bis in die Küche sich ausbreiten, sind das Produkt langer Winterabende. Seine Apfelpresse, seine Spinnräder, seine Flachsschwingen sind nach den neuesten Verbesserungen vervollkommnet.“
Vierunddreißigster Brief.
Aufenthalt in einer Branntweinbrennerei, Papierfabrik und Mahlmühle.
Im Juli 1840.
Rehling selbst besaß keine Branntweinbrennerei, da mehrere Brennerei-Besitzer aus der Umgegend ihn versichert hatten, daß dieser Erwerbszweig nicht mehr rentire, und ein solches Geschäft zu etabliren, um so weniger anzurathen sey, weil auf der Eisenbahn und den Kanälen der Branntwein aus den westlicher gelegenen Staaten so billig nach den Seehäfen geliefert würde, daß sie, um Preis zu halten, nicht mehr den Spülig als Viehfutter für reinen Gewinn ansehen könnten, weshalb auch schon mancher Farmer im Staate ~=Maryland=~ und ~=Pennsylvanien=~ die Brennerei-Utensilien unbenutzt stehen habe. -- Hier wurde mir nun die Ueberzeugung, daß die hohe Steuer, welche bei uns auf den gewonnenen Branntwein der Produzent zu entrichten hat, demselben nicht schadet, da die Abgabe durchaus nicht den Verdienst vom Geschäfte schmälert, indem immer die Waare wegen der Steuer im Verhältniß wieder höher im Preise gehalten werden muß, was der Fall nicht seyn würde, wenn bei übergroßer Konkurrenz keine Abgabe statt fände. Die Fabrikanten würden dann, um möglichst großen Absatz zu haben, ihre Waare für einen Preis verschleudern, bei welchen eben nicht mehr Gewinn erzielt werden könnte, als es jetzt bei zu entrichtender Steuer der Fall ist.
Von einer Steuer, welche der Produzent von Branntwein zu entrichten habe, kennt man in Amerika zur Zeit noch nichts; sondern derjenige, welcher sich in Städten mit dem Wiederverkaufe von Branntwein beschäftigt, hat jährlich nach der Größe des Erwerbszweiges eine bestimmte Abgabe zu entrichten. Ohne alle Beaufsichtigung betreibt der Brenner sein Geschäft, und keine Zeit, kein Ort und auf welche Art es geschehen muß, ist vorgeschrieben. Jeder handelt nach eigener Willkür, und hängt nicht von den Launen hoher und niederer Steuer-Offizianten ab, welche oft im Diensteifer die Sache strenger nehmen, als es im Sinne des Gesetzgebers gelegen haben mag. Dabei geht freilich in Amerika die bei uns stattfindende Akkuratesse während des Betriebes verloren und Zeit, Holz und Licht werden nicht berücksichtigt.
Eben so wenig verwendet (mit wenig Ausnahme) der Brenner auf Verbesserung seiner Brenngeräthschaften Kapitale. Blase, Hut und Schlangenrohr sind die einfachen Bestandtheile seiner Brennerei, und es wird demnach, wie es früher bei uns der Fall war, Lutter, Halbwein und Sprit gewonnen, da der Branntwein nur zu hohen Graden in dem Handel angenommen wird. --
Zwei Stunden von Rehlings Niederlassung wurde mir auf einem großen Farmen Gelegenheit, die Welschkornbrennerei kennen zu lernen, wobei ich zugleich zu der Ueberzeugung gelangte, daß, wenn ein amerikanischer Brenner nicht beabsichtigt, das Geschäft ganz ins Große zu betreiben, wozu mehrere Gehülfen nöthig sind, er auch keinen Gebrauch von verbesserten Brenngeräthschaften machen kann, weil Letztere die Aufmerksamkeit mehr in Anspruch nehmen, als es bei der alten Manier zu brennen der Fall ist. Der Brennknecht muß hier nicht nur allein einmaischen, den Apparat besorgen, das nöthige Holz zerkleinern, die Schweine füttern, sondern auch alle noch beim Brennereibetriebe vorkommenden Arbeiten in eigener Person verrichten, ohne dazu einen Gehülfen zu erhalten. -- Um die Ausführung dieser seiner Obliegenheiten nun möglich zu machen, maischt der Brennknecht das auf einen Tag bestimmte Quantum Schrot nicht mit einem Male ein, sondern die Gährtösen, in denen sogleich gemaischt wird, stehen mit der Größe der Blase im Verhältniß, so daß jede Blasenfüllung den Inhalt des Maischfasses aufnimmt, weshalb täglich so viel Fässer einzumaischen sind, als Blasenabtriebe gemacht werden sollen. Das nöthige kochende Wasser (da eingeteigt wird) gewinnt man auf einer zweiten Blase, welche man auch den vierten oder fünften Tag zum Gutbrennen benutzt. -- Die Arbeit des Einmaischens ist demnach auf die ganze Tageszeit vertheilt, so daß während der Zeit, wo die Blasenfüllung abdestillirt, eins von den Tags vorher leer gewordenen Fässern frisch bemaischt wird. Das aufgefangene Quantum Lutter bestimmt die Zeit, wann die ausgekochte Maische abzulassen ist, welche nach den hinter dem Brennereigebäude stehenden Schweinebehältern fließt, und daselbst nach Belieben durch Rinnen in die verschiedenen Abtheilungen der Stände vertheilt wird. -- Die nöthige Stellhefe versteht der Brenner sich aus Malz und Hopfen zu bereiten.