Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 18

Chapter 183,544 wordsPublic domain

Bei aller Gewissensfreiheit darf dennoch am Sonntag weder gearbeitet, oder gespielt, noch gejagt, am wenigsten aber getanzt werden, da solches unter die Todsünden gerechnet wird. Mit was soll nun der Mensch hier, bei welchem aller Sinn für das Höhere verloren geht, wo der Geist bei dem Streben nach leiblicher Wohlfahrt gänzlich unterliegt, die Zeit zwischen und nach den Kirchen an Sonn- und Ruhetagen ausfüllen? Die Hausfrau und Mutter bleibt im Kreise ihrer Familie zu Haus eingesteckt, der Mann aber sucht sich in einem Trink-~Store~ die Zeit zu kürzen; doch ist es hier nicht ein nahrhaftes Bier, was zum Getränke dient, nein, Branntwein ist es, der, um ihn dem Gaume wohlschmeckender, dem Magen aber verderblicher zu machen, noch mit Zucker, Citronensäure und verschiedenen andern Essenzen vermischt wird. -- Stoff zur Unterhaltung geben nur politische Gegenstände und die Zeitblätter sorgen immer dafür, daß es an dieser oder jener Maßregel etwas zu tadeln giebt, worüber, ohne allgemeine Kenntniß von der Sache selbst zu besitzen, ja wovon oft nicht ein Wort wahr ist, ein Urtheil gefällt wird. Partheigeist veranlaßt ewige Streitigkeiten und immer versucht Einer seinen politischen Glauben einem Andern aufzudringen, wobei oft die erhitzten Gemüther thätlich an einander gerathen, wenn des Guten zu viel genossen worden und man für die Sache eingenommen ist.

Sobald der Amerikaner ausgefunden hat, wozu wenig Scharfblick gehört, daß ein Europäer in seiner Nähe ist, so schaut er mit stolzem Haupte auf, prahlt mit seiner Konstitution und Freiheit, und preißt sich glücklich in einem Lande zu leben, wo ein Jeder ungestraft denken, reden und schreiben kann, was er will, wo wir dagegen Sklaven, die man leider Unterthanen nenne, durch Zensur und Preßzwang am geistigen Aufschwung zurückgehalten, wo nicht gar unterdrückt würden. -- Doch nur zu bald wird man die Schattenseite dieses Wahnglaubens gewahr und man fühlt sich in der Nähe solcher Menschen nicht heimisch, und wer nicht aufgelegt ist, solche Debatten zu bestehen, sieht sich genöthigt, in seiner Behausung zu bleiben oder in Gottes freier Natur seinen Gedanken Audienz zu geben.

Um vor meiner Abreise nach ~Washington~ die von ~Orleans~ nach ~Baltimore~ mitgebrachten Sachen zum Transport nach ~New-York~ zu packen und von den Freunden Abschied zu nehmen, kehrte ich am 10. Juni zu Fuß nach ~Baltimore~ zurück und den ersten Tag schon vom Stiefel gerieben, suchte ich solches zu verbessern, als ein Reiter mit zwei Pferden daher trabte und mir zurief, ob ich nicht mit reiten wolle. Hatte auch das Handpferd keinen Sattel, so glaubte ich doch: schlecht geritten sey besser, als gut gegangen und willigte ein. Doch bald wurde ich gewahr, daß der Gaul blind war, über jeden Stein stolperte und mich der Gefahr des Halsbrechens aussetzte und nur weil der schelmische Amerikaner das Aas, welches mich trug, nicht gut fortbringen konnte, offerirte er es mir zum Reiten. Nur bis zum nächsten Gasthof noch, vermeinte ich das Thier zu gebrauchen, aber kaum gedacht, stürzte der Gaul und spedirte mich gleich einem geprellten Frosch in den Chausseegraben. Nicht vermögend aufzusteigen, und noch weniger im Stande zu gehen, da der Knüppeldamm, worauf ich gefallen war, die Seite verletzt hatte, nahmen mich auf mein Bitten daherkommende Frachtfuhrleute auf und der gereichte Branntwein mußte die Stelle des Spiritus ersetzen. Der Verführer zum Reiten hatte gleich nach dem Unfall, welcher mich betroffen, sich mit den Pferden auf und davon gemacht und durch die Flucht sich meinem Unmuth entzogen.

Der Pennsylvanische Fuhrmann, dessen Wagen mich aufgenommen, und welche nie anders, als vom Sattel fahren, setzte sich traulich zu mir, um von dem Lande, aus dem sein Großvater abstammen sollte, Etwas zu hören, und was, wie ich vermuthen mußte, Hessen-Kassel gewesen war. Dunkel erinnerte sich selbiger noch, wie ihm als Kind der Eltern Vater von einem großen Manne erzählt habe, welcher Christoph geheißen, und zu welchem viele Leute gereist seyen, doch warum, wisse er nicht mehr. Um so angenehmer war es mir, daß ich dem Amerikaner die Geschichte vom großen Christoffel, und alle den Wasserkünsten in seiner Umgebung erzählen konnte, worüber der Mann sich kindlich freute und seine Kameraden herbeirief, um solchen in englischer Sprache das Vernommene sogleich wieder mitzutheilen, weil man in Amerika von derartigen Wasserkünsten nichts kennt und sich nur auf das nöthige Röhrwasser beschränkt.

Die deutsche Sprache dieser Pennsylvanier-Deutschen war unrein, platt und kaum zu verstehen, und dabei versicherte man mich, daß die englische Sprache die deutsche immer mehr verdränge, und man ohne die erstere in Pennsylvanien wohl fortkommen, aber keine Handelsgeschäfte machen könne. --

Die grün oder blau angestrichenen Fuhrmannswagen sind gleich den unsrigen mit Leinwand überzogen und mit vier, fünf oder sechs Pferden bespannt, wobei immer nur so viel Fracht aufgeladen wird, als die Kräfte der Thiere gestatten, um die Last über steile Höhen zu ziehen, da Vorspannepferde hier nicht in Anwendung kommen.

Die vielen Gasthäuser und Herbergen längs der Straße benutzt der Fuhrmann nur, um seine Person mit Speise und Trank zu versehen. Die vorhandenen Ställe oder Schoppen werden von ihm für sein Vieh nicht benutzt. Sowohl Mittags als Abends beim Ausspannen, bindet man die Pferde, auch wenn sie noch so warm sind, an die Deichsel fest, ohne die erhitzten Thiere mit einer Decke zu belegen, die mitführende Krippe an solche, und das Futter, welches auch auf dem Wagen vorräthig ist, wird sogleich gegeben. Auch selbst in den Städten, wo die Fuhrleute oft wochenlang auf die Ergänzung ihrer vollen Fracht warten müssen, kommen die Pferde während dieser Zeit nie unter Obdach, da der Fuhrmann die Ausgabe für Stallgeld scheut. Streue für das Vieh wie für den Mann ist ebenfalls nicht Mode, da die Erstern im Freien mit Gottes Erde sich begnügen müssen, und der Fuhrmann seine ausgestopfte Matraze nebst wollenen Decken immer mit sich führt. Daß durch diese schlechte Abwartung die Pferde bald steif und unbrauchbar gemacht werden, läßt sich denken.

Nicht immer nimmt sich der Amerikaner des Verunglückten an, wie es der menschenfreundliche Fuhrmann an mir gethan hatte. Mitleid ist keine der Tugenden, welche den Amerikaner ziert, und nur zu oft reicht man erst die rettende Hand, wenn es zu spät ist, wie dieses folgende traurige Begebenheit bezeichnet, welche die Pittsburger Zeitung bekannt machte. „Ein junger Mensch, dessen Namen man nicht genau ermitteln konnte, Heinrich Fricken, oder Ficken, acht Stunden von Bremen zu Haus, aus dem Hannöverschen, fand am letzten Sonntage unter folgenden traurigen Umständen ein frühes Grab. Der Unglückliche war erst ohngefähr 9 Monate in Amerika, hatte sich eine Zeitlang von ~Baltimore~ aus hier aufgehalten und wahrscheinlich auf seine Profession (als Schneider oder dergl.) gearbeitet. Auf seiner Reise, dem Kanale entlang, wurde er von der Ruhr befallen, allein entblöst von allem Gelde, nahm sich Niemand des armen Tropfes an. Er schleppte sich mühsam eine kleine Strecke weit bis oberhalb ~Alleghanytown~, wo er vor Erschöpfung und gänzlicher Ermattung liegen blieb. Böse Buben, in der Meinung er sey ein Trunkenbold, warfen ihn mit Koth und Steinen. Am Freitag Morgen schleppte er sich bis in ein Wirthshaus am ~Alleghany-~Markt und bat den Wirth, ihm bei einem Friedensrichter eine Armenbescheinigung auszuwirken. Doch der angegangene Friedensrichter verweigerte diese Bescheinigung, unter dem Vorgehen, man könne nicht jeden hergelaufenen und betrunkenen Kerl ins Armenhaus bringen, worauf ihn auch der Wirth gehen ließ. -- Wiederum schleppte sich der zum Tod Kranke bis nach dem untern Theile von ~Alleghanytown~, wo er an der Kirchenfense (Zaun) der deutschen Kirche liegen blieb. Des Abends sahen ihn die Kinder der deutschen Schule, und erzählten: daß ein betrunkener Mann an der Fense liege, doch Niemand bekümmerte sich darum. Gegen Abend durchnäßte ein furchtbarer Platzregen den Elenden, der dann in der Nässe und Kälte die Nacht im Freien zubringen mußte. Des Morgens kam ein Söhnlein des Herrn Lehmann dahier an der Fense vorüber, und betrachtete den Daliegenden. Der Kranke sprang plötzlich auf und fiel dem Knaben um den Hals. Dieser führte ihn in seiner Eltern Haus, wo man den Erstarrten und Kranken mit warmen Getränken labte und dann für seine weitere Verpflegung die nöthige Sorge traf. Aber die Leiden hatten des Unglücklichen Lebenskräfte in dem Maaße gebrochen, daß alle Pflege und ärztliche Hülfe fruchtlos war. Er starb am Sonntag Abend und wurde am Montag auf dem hiesigen Kirchhofe beerdigt. Wäre von Seiten des obenerwähnten englischen Friedensrichters die ihm obliegende Pflicht erfüllt worden und hätte dieser den Kranken untersuchen lassen, ehe er ihm die Bescheinigung verweigerte, so hätte vielleicht derselbe gerettet werden können.“ --

Um noch vor dem Auseinandergehen der Kongreß-Mitglieder, welches den 21. Juni Statt finden sollte, in ~Washington~ einzutreffen, da ich den öffentlichen Verhandlungen gern beizuwohnen wünschte, so entschloß ich mich, und da durch den Sturz vom Pferde das Fußreisen mir noch Schmerzen verursachte, diese 40 Meilen lange Strecke von ~Baltimore~ bis dahin, auf der Eisenbahn zurückzulegen.

Bei der Schnelligkeit der Fahrt ließ sich von der Gegend nur so viel erkennen, daß solche nicht sonderlich fruchtbar zu seyn schien, wie auch die ärmlichen Wohnungen bekundeten, welche zum Aufenthalte von Negerfamilien dienten, deren Kinder nackend vor den Hütten sich herumtummelten. --

Die nach einem großartigen Plane angelegte Stadt ~Washington~, im Staate ~Columbia~, mit 20,000 Einwohnern, ist seit 1800 der Sitz der Regierung von den 27 Vereinigten Staaten, und wird, nach dem vorhandenen Plane ausgeführt, dereinst die schönste Stadt der Erde darstellen, jetzt aber bieten die zerstreut liegenden Häuser noch nichts Ganzes. -- Das Kapitol, worinnen die Repräsentanten der Staaten ihre Zusammenkünfte halten, ist an einem Abhange, von weißem Marmor erbaut. Die Vorderseite ziert ein Portal von korinthischen Säulen, und an der hintern Seite ist ein großer, ebenfalls mit Säulen gezierter Balkon, von welchem man die schönste Aussicht nach der Seite der Stadt genießt, wo jetzt die mehrsten Häuser neben einander aufgebaut sind, und förmliche Straßen bilden. Das Dach bildet drei Kuppeln, von deren mittelster von oben das Licht in die darunter befindliche große Halle eindringt, wo in der Mitte die Statue ~Washingtons~ aufgestellt ist und die Wände Oelgemälde zieren. Unter dieser Halle befindet sich eine zweite von drei Reihen Säulen getragen, welche zum Durchgange dient. Hinter der obern Halle ist der große Bibliotheksaal. Im rechten Flügel des Gebäudes ist der Versammlungssaal des Senats, das Bureau des Präsidenten und der Versammlungssaal des höchsten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten. Dieser und der Senats-Saal sind halb zirkelförmig gebaut, im Mittelpunkte befindet sich der Sitz des Vorsitzenden, vor welchem amphitheatralisch die Mitglieder des Senats, Jedes hinter einem Bureau, placirt sind. Im andern Flügel des Gebäudes befindet sich der Versammlungssaal der Repräsentanten, ebenfalls so geordnet, wie der Senats-Saal. Die Gallerien dieser Säle werden von jonischen Säulen getragen und dienen zum Aufenthalte der Zuhörer bei Versammlungen. Die Gallerie über der großen Kuppel soll eine sehr weite Aussicht gewähren. In allen Räumen herrscht Pracht mit Würde und republikanischer Einfachheit vereinigt.

Die Wohnung des Präsidenten ist ebenfalls aus Marmor-Quatern erbaut, und steht in der Mitte der vier Bureaux der Staatsverwaltung, nicht weit vom ~Potomac-~Flusse, in einem Garten. -- Alle auf Staatskosten errichteten Gebäude werden von weißem Marmor aufgeführt und meist geschmackvoll mit Säulen verziert. An mehren Bauten wurde thätig gearbeitet was den Gewerken gut lohnen soll, denn der Verdienst ist ein sicherer, da in ~Washington~ nur in Silbergeld gezahlt wird, ja selbst im Verkehr die Annahme von Papiergeld bei Strafe verboten ist. In dieser Hinsicht ist ~Washington~ der einzige Ort in den Vereinigten Staaten und verdient bald Nachahmung zu finden.

Die aus Backsteinen aufgeführten einfachen Privathäuser wechseln mit Holzwohnungen ab. Letztere sollen jedoch nach Verlauf einer bestimmten Zeit verschwinden. -- Mehre hundert Acker Landes in der Nähe des Präsidenten-Hauses hat man in Gärten verwandelt. Ein großer Park, südlich von diesem, läuft in östlicher Richtung von dem Flusse nach dem Kapitol. Auf andern Plätzen sind die Kirchen, Theater und Kollegien erbaut. Zwischen dem Kapitol und dem Präsidentenhause, auf einer kleinen Anhöhe, steht die Statue des Generals ~Washington~ zu Pferde.

Nach dem Plane der Stadt beträgt ihr Umfang sechs Stunden, und die Straßen derselben, nach allen Himmelsgegenden zu laufend, durchschneiden sich im rechten Winkel, und sind 90-100 Fuß breit. Doch um die Einförmigkeit zu vermeiden, hat man in verschiedenen Stadttheilen 160 Fuß breite Avenüen angelegt, welche in die Schräge laufen, und wo sie sich durchschneiden, von gerundeten Plätzen unterbrochen werden, die zur Aufnahme von Statuen bestimmt sind. --

In dem großen neuen Postgebäude, wo man eben mit dem Ausbaue der Parterre-Pieçen beschäftigt war, befindet sich im ersten Stocke die ~Patent-Office~, und in einem großen Saale sind alle die Modelle aufgestellt, welche wegen Einholung eines Patents auf gemachte neue Erfindungen, oder Verbesserung schon vorhandener Sachen, eingeschickt worden sind, da jedem Gesuche ein solches, oder die genaue Zeichnung der Erfindung beigefügt werden muß. Der tägliche freie Zutritt für Jedermann bietet hier Tausende von Modellen über alle nur denkbare Gegenstände dem Auge dar, und Jeder findet gewiß für sein Geschäft etwas Sehenswerthes. Dabei ist auffallend, wie schnell alle neue Erfindungen nachgemacht und mitunter wesentlich verbessert worden sind. Leider aber ist oft nicht abzumerken, wo bei der nachgemachten Erfindung die Verbesserung stecken soll. Eine wenig abweichende Stellung, ein anderer Bug eines Theils des Ganzen, einige Nägel oder Schrauben mehr oder weniger, reichen hin, um für das gezahlte Honorar die Erlaubniß zu erhalten, die schon vorhandene und einem Andern garantirte Arbeit nachmachen zu dürfen. Am Auffallendsten kam mir solches bei den Pflugschaaren und andern landwirthschaftlichen Geräthen vor, wovon eine große Menge solcher Modelle vorhanden sind. -- Große, zwanzig Fuß lange, fünf Fuß breite Glasbehälter, jeder mit drei Realen versehen, schützten die Sachen vor dem Staube und dem Antasten frevelnder Beschauer, doch werden auf den Wunsch die Thüren geöffnet, und die Modelle selbst dürfen unter Aufsicht herausgenommen und genau besichtigt werden, wobei jedoch eine Zeichnung abzunehmen, nicht erlaubt ist.

Für mich hatte von Allem, was ich bis jetzt in Amerika gesehen, diese Modell-Sammlung und öffentliche Ausstellung das größte Interesse und nahm mehre Tage meine Zeit in Anspruch. --

Die letzten zwei Sitzungen der Kongreß-Mitglieder im Kapitol, welchen beizuwohnen ich nicht versäumte, gaben das Bild ächt republikanischer Freiheit, und bedauern mußte ich sehr, nicht so viele Kenntnisse in der englischen Sprache zu besitzen, um während des Debattirens den Wortkampf genau verstehen zu können. Die erhitzten Gemüther der sich schroff gegenüberstehenden Partheien, ~Whigs~ und Demokraten, mußte fortwährend der Vorsitzende durch den Schlag des Hammers zur Ordnung und Ruhe verweisen, da selten ein begonnener Vortrag bis zu Ende durchgeführt wurde, ohne von den Gegnern unterbrochen zu werden, welches wiederum Andere bestimmte, solche Bemerkungen zu widerlegen, wodurch man sich in eine Judenschule versetzt glaubte. Dabei bleibt man nicht ruhig hinter seinem Bureau sitzen, sondern ändert nach Belieben den Ort und sucht durch mündliche Demonstrationen Andere für seine Ansicht zu gewinnen; auch tragen die vorhandenen ~Buffets~ das Ihrige bei, die Lebensgeister zu erhitzen, und da oft die Sitzungen bis gegen Morgen anhalten, so kann es nicht anders kommen, daß man, des Guten zu viel genossen, sich oft zu Handlungen hingerissen fühlt, welche am wenigsten an einem Orte vorkommen sollten, wo die auf höchste Bildung Anspruch machenden Männer über des Volkes Wohl berathschlagen, und derartige Auftritte dem Kongresse Schande und Verachtung zuziehen müssen.

Zweiunddreißigster Brief.

Reise über ~Frederik-Town~ nach den Farmen meines Landsmannes Rehling bei Straßburg.

Da die Seitenschmerzen nachgelassen und sie das Fußreisen nicht mehr hinderten, verließ ich, mit Pulver und Blei versehen, indem ich mir auf einer Auktion wieder zu einem Gewehre verholfen hatte, am 24. Juni ~Washington~. -- Nicht aus Jagdliebhaberei oder der Sicherheit willen trug ich von Neuem eine Waffe, sondern um dem Amerikaner für den Fußreisenden mehr als sonst gewöhnlich ist, Respekt einzuflößen, da er nicht begreift, wie man eine weitere Tour, ohne Jäger oder Bettler zu seyn, zu Fuße unternehmen kann, weil er sich selbst auf der kürzesten Strecke des Pferdes oder Wagens bedient.

Während der Reise über ~Georgetown~, welchen Ort nur ein kleiner Fluß von dem Terrain ~Washingtons~ trennt, ~Simsonville~, ~Montgomery~, ~Seneca~, ~Middlebrock~, ~Clarkbury~, ~Hyallstown~ nach ~Fredericstown~, fiel nichts besonderes Merkwürdiges vor; mehr oder weniger fand ich eine gastfreundliche Aufnahme bei den Farmern.

Die Gegend ist hügelig, viel von Holz besetzt und nur theilweise angebaut. -- Zur Feldwirthschaft (meist Tabacksbau), werden nur Negersklaven verwendet. --

Die Stadt ~Frédéric~, wie sie von den Deutschen kurz genannt wird, ist eine der größten im Staate ~Maryland~, mit 9000 Einwohnern, regelmäßig angelegt, hat breite Straßen, welche andere im rechten Winkel durchschneiden, und dient vielen Deutschen zum Aufenthalte. -- Da aus der Umgegend die Produkte hierher kommen, um weiter nach ~Baltimore~ spedirt zu werden, so bieten solche einen bedeutenden Verkehr, welcher durch die Eisenbahn noch vermehrt worden ist, da letztere die Kommunikation mit ersterer Stadt erleichtert. --

Ein geriebener Fuß zwang mich abermals, hier zu weilen, wodurch der Zufall mir zwei Israeliten in die Hände führte, welche die Seereise von ~Bremen~ mit uns gemacht hatten. Ueber die Schnelligkeit, mit welcher sie die englische Sprache erlernt hatten, war ich erstaunt, und nur ihr Schachergeist, der sie immerwährend mit den Amerikanern in Verkehr bringt, da von den Deutschen nicht viel zu schmusen ist, ließ solches erklären.

Der Markttag füllte alle Hauptstraßen mit Wagen, und besonders nehmen sich neben dem weiblichen Geschlechte, welches ebenfalls reitet, wenn es nicht gefahren wird, die männlichen Ritter possirlich aus. Die Sättel sitzen gewöhnlich zu weit vorn, den Pferden auf dem Halse; dabei sind die Steigbügel lang, so daß die vorgestreckten Beine mit der Nase des Pferdes in Berührung kommen, wenn dasselbe den Kopf etwas dreht. Vom richtigen Gebrauche der Zügel ist den Amerikanern nichts bekannt, dabei fehlen die Sporen, und der Regenschirm, welcher sowohl gegen Nässe wie gegen Sonnenstich gebraucht wird, läßt keine Reitgerte zu. Im Schritte reiten zu wollen, geht ihnen zu langsam; der Trott ist ihnen verhaßt, da, wie sie meinen, derselbe die Glieder zusammenstaucht und unbequem ist, weshalb sie Wark vorziehen, wo das Pferd mit den Vorderbeinen galloppirt, und mit den hintern Füßen trottirt. Diese Art zu reiten hält man in Amerika für bequemer als den ordentlichen Gallopp, und ist überall Sitte. --

Zu meinem Glücke kehrte ein Plantagen-Besitzer aus der Gegend von ~Montgomery~ in dem Gasthause ein, wo ich logirte, machte meine Bekanntschaft, und da er selbst etwas deutsch verstand und neugierig von Natur zu seyn schien, trug er mir an, mit auf seinem Wagen Platz zu nehmen, da er eine Tagereise meines Weges fahre. Dieses kam mir ganz erwünscht, und unterm Austausche der Gedanken, in welchem die Pantomime eine Hauptrolle spielen mußte, wurden die Stöße weniger verspürt, die uns der Wagen auf dem schlechten, vom Regen gelösten Wege versetzte. -- Aus seinen Mittheilungen konnte ich so viel entnehmen, daß er vorzüglich viel Taback baue, von welchem er Proben bei sich führte, und mir zum Versuchen reichte, über deren Werth ich mir aber kein Urtheil erlaubte, da ich selbst kein Raucher bin. Auch er rauchte nicht, doch verriethen seine Mundwinkel, daß das Tabackkauen seine Lieblings-Passion sey, wobei er versicherte, daß keiner seiner Sklaven rauchen dürfe, auch keiner derselben Neigung dazu verspüre, da sie dem Bremen den Vorzug gäben.

Die Gewohnheit des Tabackkauens, besonders in den südlichen und westlichen Staaten, ist bis in die höhern Stände Mode geworden; denn selten spricht man mit einer Mannsperson, welche nicht den Mund voll Taback hat, und dieses Laster hat so tief Wurzel gefaßt, daß man ungenirt, ohne Rücksicht auf Damen zu nehmen, an jedem Orte fortwährend ausspuckt und den ausgekauten Taback mit neuem ersetzt. -- Diese Sorte Kautaback wird eigens dazu gefertigt, ist schwarz von Farbe und fest in kleine Röllchen gepackt, von welchem nach Belieben, wie vom Johannisbrod, abgebissen wird. -- Für den Anfänger in diesem Laster ist dieser Taback äußerst beißend, und das Kauen schwieriger, als das Rauchen zu erlernen.

Bei immer schlechterem Wege trug ich Bedenken für die Dauer des Wagens, da solcher äußerst zart im Holzwerk war, wie dieses bei allen, ausgenommen den Lastwagen, der Fall ist. Doch um mich vom Gegentheil zu überführen, und mich von der soliden Bauart der Wagen zu überzeugen, wurden die Pferde stärker angetrieben, so daß der Stuhlwagen mehr auf zwei, als auf vier Rädern zu laufen kam, und wir bei dem Hinüber- und Herüberschlagen der Gefahr ausgesetzt wurden, vom Wagen geschleudert zu werden, wobei ich die Geschicklichkeit bewundern mußte, mit welcher die Rosse regiert und zum Gehorsam gezwungen wurden. -- Der Beweis von dem, was ich schon mehrmals zu erfahren Gelegenheit hatte, wurde mir auch hier gegeben, daß der Amerikaner ein um so besserer Fuhrmann ist, als ihm die Geschicklichkeit zum Reiten abgeht.

Nur das gute, zum Wagenbau verwendete Holz der weißen Eiche und das noch vorzüglichere, wegen seiner Zähheit so brauchbare Holz des Wallnußbaumes (~Hickory~) macht es möglich, daß man solche leichte, und dabei so dauerhafte Wagen hier anfertigen kann. Die Felgen der Räder wie die Speichen derselben erhalten nur die Stärke eines Daumens und werden leicht beschlagen, die Wagenachse erhält keine eiserne Schiene zur Verstärkung, sondern nur eine dünne, zwei Zoll breite Platte zur Erleichterung der Reibung. -- Dabei will ich der Schnelligkeit erwähnen, mit welcher die Schmiedearbeiten hergestellt werden; denn das im Gebrauche habende Werkzeug gestattet, daß man hier mit allen vier Rädern zu beschlagen eher fertig ist, als dieses bei uns in Deutschland einem Meister in derselben Zeit mit einem Rade möglich seyn würde.

Der Reif kalt durch drei Walzen gezogen, richtet sich schnell in die Runde, und da er lang genug ist, weil nur gewalztes Eisen hier gebraucht wird, so macht dasselbe nur eine Schweißstelle nöthig, die bei gutem Eisen und Steinkohlen im Nu gefertigt ist. -- Sind die Nägel- oder Schraubenlöcher durch Auflegen des genau runden Reifes auf die Felge auf diesen gezeichnet, so werden diese ebenfalls mittels eines Stempels kalt durchgepreßt und zwar bei einer Eisenstärke, welches auszuführen man für unmöglich hält, so lange man nicht selbst Augenzeuge der Arbeit gewesen ist. -- Die am Holzfeuer erwärmten Reife scheinen, da Alles genau paßt, von selbst sich aufzuziehen.