Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 15

Chapter 153,283 wordsPublic domain

Man hat daher im Juli 1839 den Sitz der Regierung von ~Hauston~ weg und mehr in das Innere des Landes zurückgelegt und an dem ~Colorado~-Fluß, 170 Meilen von ersterer Stadt entfernt, die Stadt ~Austin~ gegründet, welche Gegend außer Fruchtbarkeit, ein gesundes Klima enthält. Es wird demnach die konzentrirte Macht mehr in die Mitte des Staates verlegt, um die Kräfte nach allen Seiten verwenden zu können. So lange übrigens dieser junge Staat noch nicht unter die Zahl der vereinigten nordamerikanischen Staaten aufgenommen worden ist, worüber die gepflogenen Verhandlungen bis jetzt kein günstiges Resultat geliefert haben, wird immer zu befürchten stehen, daß ~Mexico~ seine Ansprüche an diese abgefallene Provinz von Neuem geltend machen, das Land mit Krieg überziehen wird und so die Bewohner den Drangsalen einer solchen Periode ausgesetzt sind.

Siebenundzwanzigster Brief.

Im Februar 1840.

Fortsetzung.

Die von uns besuchten Städte, wie überhaupt alle vorhandenen in ~Texas~, sind noch im Entstehen und enthalten Nichts der Anmerkung werth. Steinerne Häuser findet man nirgends, da aus Mangel an Ziegelöfen das dazu nöthige Material aus den Vereinigten Staaten bezogen werden muß und wegen des hohen Preises, den es durch den Transport erhält, nur wenig in Anwendung kommen kann und man deshalb sich mit Holzhäusern begnügt.

Ziegelbrenner, die dieses lesen, werden nun glauben, hier guten Verdienst zu finden und dennoch kann ich versichern, daß ein solcher mit mir nach ~Orleans~ zurückkehrte, um sich von da nach den nördlichen Staaten zu wenden, da er in ~Texas~ auf sein Metier kein Unterkommen finden konnte und kein eigenes Vermögen besaß, um sich Grundbesitz zu kaufen. Unternehmer großartiger Geschäfte, wie Branntweinbrennereien, Mühlen, Gerbereien, Kalk- und Ziegelbrennereien, müssen unbedingt ein dem Geschäft angemessenes Kapital besitzen, um die Anlagen davon bestreiten zu können, welche jedoch hier bedeutend höher als bei uns zu stehen kommen. Einer, der kein Geld hat, wird hier immer eine untergeordnete Rolle spielen müssen und im Besitz von Vermögen lebt es sich wie bekannt, bei uns recht gemüthlich. Besonders ist jedem Handwerker anzurathen, darauf Rücksicht zu nehmen, ob sein Gewerbe zu den ersten Bedürfnissen erforderlich ist, ob sein Fabrikat mehr in das Fach der Luxus-Artikel einschlägt, oder seine Produkte Handelsartikel sind. Zimmerleute, Wagner und Grobschmiede werden leichter ein Unterkommen und Verdienst finden, wie Goldschmidte, Juweliere und Instrumentenmacher, welche bei aller Geschicklichkeit in die größte Noth gerathen, und um das Leben zu erhalten, eine andere Beschäftigung ergreifen müssen; Schuhmacher, Schneider und Hutmacher werden sich mehr mit Repariren abzugeben haben, weil ihre Waaren als Handelsartikel aus den Vereinigten Staaten zugeschafft werden und sie nicht mit den großartigen Fabriken daselbst konkurriren können, da ihre Materialien hier äußerst theuer und selbst nicht immer zu bekommen sind. Zinngießer, Glaser, Drechsler und Buchbinder habe ich nirgends getroffen. Bäcker, obgleich dieses Handwerk meistens durch Schwarze verrichtet wird, sind immer noch besser daran als Müller, da Mühlen fehlen und das Mehl als Handelsartikel zugeschafft wird. Posamentirer, Krepinmacher und Strumpfwirker kennt man den Namen nach nicht. Nur Handwerker, deren Gewerbe auch bei uns in kleinern Landstädten gefordert wird, kann man auch als hier fortkommend annehmen.

Der Verdienst ist dem Anschein nach hier noch viel größer als in ~Orleans~ und erreicht nicht selten die Höhe von 6-8 Dollars täglich. Wäre nun Silbergeld gebräuchlich, so ließe sich wohl bei Sparsamkeit und Fleiß leicht ein Kapital erübrigen, so aber ist nur Papiergeld im Verkehr, und der Werth Texanischer Noten ist zur Zeit in den Vereinigten Staaten so tief gesunken, daß bei unserer Zurückkunft in ~Orleans~ am 5. März, der Dollar von 100 ~Cents~ Werth verausgabt, nur für 16-18 ~Cents~ angenommen wurde. Ein mit erspartem Verdienst zurückkehrender Arbeiter, sah sich dadurch schrecklich enttäuscht, als auf diese Weise sein sauer erworbenes Gut bis auf Nichts herabsank. -- Nur dann erst, wenn ein Handwerker mit Familie es ermöglichen kann, sich in der Nähe seines Wohnortes einen kleinen Grundbesitz zu verschaffen, worauf er außer Wohnung noch das Nöthige zum Lebensbedarf erbauen kann und eine Kuh, Hühner und Schweine das Weitere ersetzen, welches ihm nicht viel zu erhalten kostet, wird es möglich seyn, von dem Gewerbeverdienst zurückzulegen, welches weniger möglich ist, wenn er außer theurer Wohnung auch noch alle Lebensbedürfnisse kaufen muß, die mitunter hoch im Preise stehen, wie es mit dem Mehl der Fall ist, wovon ein Faß von 196 Pfund 25-26 Dollars kostet, das in den Vereinigten Staaten mit 5-6 Dollars bezahlt wird.

Die Bequemlichkeiten höherer Stände lassen bei allem Aufwand noch Vieles zu wünschen übrig, weil Dienstboten schwer zu erhalten sind, und weiße Individuen es für eine Schande halten, in solchem Verhältniß zu leben, daher nur Sklaven die dienende Klasse ersetzen, welchen die Kenntnisse häuslicher Verrichtungen abgehen, da sie mehr zur Feldwirthschaft erzogen sind. Genüsse eines civilisirten Lebens, wie sie Deutsche kennen, fehlen hier ganz, da man Alles vermißt, was das Leben verschönern und veredeln kann; das leitende Prinzip des Amerikaners ist nur grober Materialismus.

Bei weniger Ansprüchen an geistige Genüsse und Entsagung menschlicher Gesellschaft, befindet sich der Ansiedler auf dem Lande noch am besten. Jagd und Fischerei sind frei, und Wild, so wie Geflügel immer vorhanden, wobei wilde Bienen mit Honig versehen, und der wilde Traubensaft das Getränke liefern. Der Boden, bei fast immerwährendem Sommer, bringt ohne viele Bearbeitung die Saaten zur Reife, und den Erndtesegen schmälern nicht Steuern und Zinsen. Dabei bleibt freilich der Mann nur auf seine und der Familie Kräfte beschränkt, wenn ihm die Mittel zum Sklavenkauf fehlen, da freie Arbeiter schwer zu erhalten und ihr Lohn nicht im Verhältniß zum Verdienste steht. --

Das häusliche Verhältniß und schlechte Lebensweise der niedern Volksklasse in Städten ist dem wenig begüterten Ankömmling, welcher unter derselben leben muß, nichts weniger als angenehm, da das herrschende Laster der Trunksucht alle andern im Gefolge hat, und man so oft unverschuldet in Händel verwickelt wird, die nicht immer den besten Ausgang nehmen, wie überhaupt auch schlechter Umgang die besten Sitten verdirbt.

Von allen in ~Texas~ lebenden Indianer-Stämmen, die in vielen Resten aufgeriebener Horten aus den Verein. Staaten bestehen sollen, zeichnen sich besonders die ~Camanches~ durch große Wildheit und Treulosigkeit aus, die ihren Ursprung von einem der vornehmsten Stämme herschreiben, welche bei der Eroberung Mexiko’s durch die Spanier ihren Aufenthalt in der Gegend von ~Mentezumes~ gehabt, statt aber sich zu unterwerfen, die Auswanderung vorgezogen und hier in den Hochgebirgen von ~Texas~ sich niedergelassen haben. Ihr Oberhaupt soll, wie die Sage angiebt, beim Erblicken ihres jetzigen Aufenthaltes, ausgerufen haben: ~Texas!~ (welches in ihrer Sprache: „Paradies“ heißt), und dieser Name ist für diesen Theil Mexiko’s bis jetzt beibehalten worden.

Geschlossene Verträge werden selten von den ~Camanches-~Indianern gehalten, da neben der Jagd, Raub und Mord ihre Lieblingsbeschäftigungen sind, und nur durch die Gewalt der Waffen sind solche in ihren Grenzen zu halten.

Von den friedlicher lebenden Indianer-Stämmen ist weniger zu fürchten und mehre von ihnen leben sogar mit den Texanern im Handelsverkehr, und werden von diesen zum Auskundschaften der Feinde gebraucht.

Mehr oder weniger suchen die Indianer ihr Aeußeres zu entstellen und schon in ~Orleans~ nahmen ~Chaktaw~-Indianer, welche mit geflochtenen Körben aus Palmenzweigen dorthin Handel treiben, meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Die kupferfarbige Haut wird auf der Brust, den Armen und im Gesicht theils gemalt oder tatowirt, und die großen Ringe in Nase und Ohren geben dem Ganzen ein frappantes Ansehen. Bunte Glasperlenschnüre mit einem Muschelschloß zieren den Hals, eben so blanke, kupferne Ringe die Handgelenke. Um die Beine sind Schellen und Klingeln gebunden und in den langen Haaren ein Federbusch befestigt. Eine wollene Decke bedeckt die Blöße, Kinder aber gehen ganz nackend.

Während der fünf Wochen, welche wir bereits in ~Texas~ umher irrten, ward Keinem von uns Gelegenheit, ein gutes Unterkommen in einem der größern Orte zu finden. Mein Metier als Kupferschmidt hatte hier noch nicht gewurzelt, eben so wenig war in einer Brennerei Beschäftigung zu finden, da Branntwein größtentheils aus den Vereinigten Staaten zugeschafft wird.

Der Pole als Kürschner, so wie der Schweizer als Müller, fanden ebenfalls keine Stellen, auch der französische Kaufmann suchte vergebens als Marqueur ein Unterkommen. Als Domestiquen sich zu vermiethen, fühlte Keiner den Beruf, und des längern Reisens ohne Zweck müde, gaben die beiden Ersteren den lockenden Werberworten Gehör und nahmen in ~Hauston~ unter Texanischem Militär Dienste. Wer weiß, zu was auch ich mich entschlossen hätte, wenn ich nicht Familienvater und meiner Pflichten als solcher weniger eingedenk gewesen wäre.

Die beiden kleinen Pferde, welche Raçe in ~Texas~ einheimisch ist, wurden verkauft, der Erlös brüderlich getheilt, und dieser war ausreichend, um mich und den Franzosen nebst den beiden besser konstituirten Maulthieren auf einem Dampfboote nach der Hafenstadt ~Galveston~ zu spediren, wo wir am 20. Februar mit dem Kapitän des Segeldampfschiffes ~Neptun~ die Reise nach ~Orleans~ zurück akkordirten, in Ermangelung des nöthigen Reisegeldes die Maulthiere einsetzten, und nach einer sechswöchentlichen Abwesenheit, am 23. Februar wieder in letzter Stadt ankamen.

Freund Aacke zahlte das bedungene Fahrgeld aus, darauf wurden die beiden Maulthiere verkauft, die Schulden bezahlt, und von Neuem nach Arbeit umgesehen. -- Nur einmal auf der ganzen Tour hatte ich einen Anfall vom Fieber, und kehrte gesünder nach ~Orleans~ zurück, als ich es verlassen hatte.

Von alle den mannigfaltigen Begebenheiten dieser Reise, will ich am Schlusse dieses Briefes nur eines Vorfalls erwähnen, welchen mir jedes Gewitter in Erinnerung bringen wird. -- Eines Tages hatten wir den gebahnten Weg, welcher im Thale die Anhöhen umgehend, sich hinzog, verlassen, und in Folge der Angabe eines Indianers einen Holzweg betreten, welcher über das waldige Gebirge näher und schattiger nach der nächsten Plantage führen sollte. Die hintereinander gebundenen Zaumthiere wurden durch mich geleitet, während dem die Reisegefährden die Jagd verfolgten, die sich hier in mannigfaltiger Auswahl darbot.

Immer weiter in das Dickicht der Bäume wurden die Jäger verleitet, und nur der Knall ihrer Büchsen schallte noch zu mir, als der sich theilende Weg mich unschlüssig machte, welcher von beiden zu betreten sey. In der Hoffnung, daß einer der Schützen sich zeigen werde, hielt ich schon längere Zeit, während dem die Thiere weideten, bis herabfallende Regentropfen und der dumpfe Donner ein herannahendes Gewitter verkündeten. Noch hatte ich den Muth nicht verloren und suchte, etwas entfernt von den Thieren, Schutz unter den Zweigen der Bäume; doch als der Donner immer vernehmlicher ward, und dicke schwarze Wolken am Horizonte die Sonne verfinsterten, so daß aus Tag Nacht ward, wurde mir bänglich, als aber der Sturm die Bäume zu entwurzeln drohte, was nur der dichte Wald verhinderte, und der Blitz nicht fern von mir in den Zweigen herabfuhr, und den Stamm spaltete, da wurde ich selbst für mein Leben besorgt, ließ Pferde und Esel im Stich, und ging langsam im Regen bis zu dem Vorsprung eines Felsens.

Gleich als ob es abgesehen wäre, mir die Ohnmacht des Menschen zu zeigen, sey man auf der See oder dem Lande, so wurde das Wetter stündlich abscheulicher, und ein Fieberfrost schüttelte meine Glieder.

Schützte auch die Grotte vor Nässe, so fehlte doch die wohlthuende Wärme, und nur die Hoffnung, das Wetter werde bald vorübergehen, belebte meinen Muth. -- Doch es wurde Abend, und war auch der Donner verhallt, so sauste noch schrecklich der Wind durch die Bäume und schüttelte das Wasser in Strömen von den Aesten. Jetzt blieb nichts übrig, als die Nacht hier zu verweilen, und ein Feuer anzuschüren um mich zu erwärmen und den Reisegefährden den Ort zu bezeichnen, wo sie mich finden würden. Nur mit Mühe gelang es Feuer anzumachen, da der feuchte Boden und das nasse Holz die helle Flamme immer wieder zu ersticken drohete. Doch Ausdauer überwindet Alles. Zu meiner Freude und Trost schlug die Flamme auf, und verbreitete Wärme und Licht um sich her. Knurrte auch der Magen, so mußte er sich doch in Geduld fügen, da nichts zu kochen vorhanden und das Herbeischaffen von Holz die Zeit in Anspruch nahm. --

Glücklich drang der Schein des Feuers bis zum Versteck der Jäger, welche gleich mir der Regen genöthigt, in einem Felsenrisse Schutz zu suchen, wo sie, verabredetermaßen, das Feuermahl zu erspähen suchten, und jetzt beladen mit Wildpret und der Haut einer großen Schlange, bei deren Abziehen sie das Wetter erwischt hatte, bei mir ankamen.

Vor Allem wurden die zurückgelassenen Pferde und Esel wieder herbeigeschafft, das Nöthige zum Kochen war bald geschehen, und so der Hunger gestillt.

Schon früh am Morgen, wozu das harte Lager Veranlassung gab, folgten wir der Richtung, von woher die Jäger am vergangenen Abend den Schein eines Lichtes wahrgenommen hatten, und Hunde-Gebell verrieth bald darauf die Nähe einer menschlichen Wohnung. -- Der Herr der letztern, von der Stimme des Hundes geweckt, trat vor die Hütte, um zu sehen, was so früh die Ruhe störe; doch als er uns gewahr wurde, ging er von Neuem ins Haus, und kam sogleich bewaffnet zurück. Mit der barschen Frage, was wir wollten, und uns zu bewillkommnen bereit, hielt er das Gewehr entgegen. Nachdem er jedoch vernommen, was unser Geschick sey, meine Begleiter unbewaffnet näher traten und die alte Geschichte von deutschen Emigranten, die in ~Texas~ sich anzusiedeln beschlossen, erzählten, öffnete er freundlich die Wohnung und stellte uns der Familie vor, welche während des Wortwechsels das Lager verlassen und sich nun anschickte, das Frühstück zu bereiten.

Leider sprach der Spanier wenig französisch, englisch und deutsch gar nicht; doch gaben Geberden, wie der kredenzte Branntwein, Maisbrod und Schweinefleisch zu erkennen, daß wir ihm herzlich willkommen waren. Nach genossenem Frühstück brachte uns einer seiner Söhne auf die richtige Spur zur nächsten Plantage, und die Gastfreundschaft dieser braven Leute in einsamer Wildniß war aufrichtiger und herzlicher, als ich sie irgendwo gefunden habe.

Achtundzwanzigster Brief.

Zweiter Aufenthalt in ~New-Orleans~.

Im März 1840.

Die Anzahl Arbeit Suchender hatte sich in ~Orleans~ während unserer Abwesenheit eher vermehrt als gemindert, da neue Zufuhr aus Europa angekommen, und die schlechten Zeiten in den nördlichen Staaten von Amerika dieses Jahr die dasigen Bewohner weit mehr als sonst gewöhnlich, veranlaßt hatten, den Winter über hier im Süden zu arbeiten, und eine Summe zu verdienen, groß genug, um die kostspieligen Reisekosten davon zu bestreiten, und, wie es früher der Fall war, einen nicht unbedeutenden Ueberschuß mit nach Hause zu bringen. Doch dieses war jetzt anders. Alle Kosthäuser waren mit Individuen angefüllt, welche um jeden Lohn ihre Dienste anboten; selbst bei unserm alten Wirthe, Herrn Brack, hatte die Zahl der Gäste sich vermehrt, worunter zwei Deutsche waren, die in ~Boston~ wohnhaft, jetzt hier als Schuhmacher und Tischler Beschäftigung suchten, und, obgleich im Besitz der Sprache, doch kein Unterkommen finden konnten.

Bei mangelnder Kasse wußte der Erstere schlau genug, den sonst vorsichtigen Wirth zu kirren, der ihn ohne irgend ein Unterpfand, als das gegebene Wort, schon drei Wochen lang ernährt hatte, bis der leere Platz am Tische zu erkennen gab, daß der Vogel den Käfig verlassen. Einige Tage darauf traf Freund Aacke ihn in einer Barbierstube, wo er versteckt bei seinem Landsmann, die erste Gelegenheit erwartete, um zur See wieder zurück zu fahren. Daß Aacke ihn nicht verrieth, war zu erwarten.

Die mir versprochene Stelle war ebenfalls, während des längern Weilens in ~Texas~, besetzt, bis durch Fürsprache Aackens und dessen Empfehlung ein Allerwelts-Vormund mir die Aussicht stellte, im deutschen Theater-Magazine, nahe der ~Délord-~Straße, wo ein gewisser Herr ~Stawinsky~ Thalien’s Tempel errichtet hatte, den Posten als Hell- und Dunkelmacher zu übernehmen, welcher bis jetzt von einem, dem Trunke ergebenen Subjekte versehen worden war. Schon des Originellen wegen sagte ich zu, und wurde beim Leeren einiger Flaschen Wein zum Generaldirektor der wenigen Lichter, welche während der Vorstellungen brannten, ernannt.

Doch auch dieses Glück war nur kurz; denn schon im Laufe der ersten Woche ging der Direktor durch, ohne die Rente für die Scheune und die rückständige Gage dem Personale gezahlt zu haben. Es erfolgte daher von diesem in der deutschen Zeitung eine Desertions-Anzeige, mit der Bitte, da fortgespielt werden solle, um zahlreichen Besuch der Vorstellungen, um den Verlust, vorzüglich den Aktricen, weniger fühlbar zu machen. Doch die Theilnahme blieb aus, und die Bühne wurde geschlossen.

Abermals ohne Verdienst, wünschte ich ~Orleans~ möglichst schnell zu verlassen, da bei der Theuerung hier die Kasse schmolz, wie Schnee an der Sonne. Es wollte sich aber durchaus keine Gelegenheit bieten, da alle nach den nördlichen Staaten abgehenden Schiffe mit Waaren voll beladen, keinen Raum für die Deckpassagiere hatten, und in der Kajüte zu reisen, die Mittel nicht ausreichen wollten.

Voll Unmuth und Verdruß, geplagt von Langweile, gab ich endlich den Vorstellungen des Sohnes eines Advokaten aus ~H.~ Gehör, und verstand mich, gleich ihm, zu einer Beschäftigung, welche man bei uns aus dummen Vorurtheil als entehrend ansieht, worüber man aber in Amerika, wo nur Faulheit schändet, anders denkt. -- Versehen mit zwei Bürsten, Messer, einer kleinen Bank und Wichse, postirte ich mich nicht weit von meinem Rathgeber an einen der gangbarsten Plätze, um Fußbekleidung, die hier ungewichst angezogen wird, zu reinigen. Die gewöhnlich nur bis Mittag dauernde Arbeit brachte 1-1½ Dollar ein; und war die Arbeitsjacke mit dem Rock vertauscht, so konnten wir den Nachmittag an Orten zubringen, wo Kaufleute und Plantagenbesitzer verkehrten, ohne daß es Jemandem auffallen würde, den Stiefelputzer neben einem ~Gentleman~ zu erblicken, da in Amerika nur der Mensch gilt und nicht der Posten, den er bekleidet, oder das Geschäft was er treibt, wenn nur Geld damit zu verdienen ist.

Ein gelernter Kaufmann aus ~M.~, welcher auf sein Geschäft kein Unterkommen in ~Baltimore~ gefunden, setzte die Reise nach ~Cincinnati~ fort, und bei gleichem Schicksal in dieser Stadt, sah sich derselbe genöthigt, in der Apotheke, wo Aacke konditionirte, die vakante Stelle als Stößer anzunehmen. Doch der Wunsch, sich zu verbessern, und die gefaßten fixen Ideen zu realisiren, folgte er unserer Bahn, und kam in ~New-Orleans~ aus dem Regen in die Traufe. Mehr aus ~Desperation~, als aus Leidenschaft, da er auf keine Weise Beschäftigung und Verdienst finden konnte, ergab er sich dem Trunke, und nachdem von seinen Sachen ein Stück nach dem andern verkauft worden war, ergriff er das Letzte dieser Unglücklichen und wurde Soldat.

Dieser zum Nichtsthun gezwungene Stand wird von dem immer rührigen Amerikaner verachtet, und selten giebt sich ein solcher dazu her, die durch den Tod und den Indianerkrieg in Florida gelichteten Reihen wieder auszufüllen; nur neue Einwanderer aus allen Ständen, welche nothgedrungen diese Branche ergreifen müssen, ergänzen das Militär.

Dem Anschein nach ist die Löhnung des amerikanischen Soldaten eine der besten; doch ist auch hierin die Sache so gestellt, daß der Staat Nichts dabei verliert, und der Unwissende um so leichter den lockenden Aussichten sich hingiebt, und den Worten der Werber glaubt, die sich in allen bedeutenden Orten befinden, und deren Aufenthalt die ausgesteckte Fahne angiebt. -- Außer Kost, welche auch nicht die beste seyn soll, und Montirung, werden monatlich noch 7 Dollars zugesichert, wovon jedoch nur ein Dollar baar ausgezahlt wird, um davon das nöthige Putzzeug und sonstige militärische Ausgaben zu bestreiten. Die übrigen sechs Dollars hebt die Kriegskasse bis nach abgelaufener Dienstzeit, welche fünf Jahre dauert, auf, in welcher Zeit jedoch der Krieger einige Mal gegen die Indianer verwendet wird, wo Pfeile, Klima, Strapazen und Reue dafür sorgen, daß nur Wenige das fünfte Jahr erleben, und die Sparkasse dann als Erbe eintritt.

Die bewaffnete Landmacht ist in den 27 Vereinigten Staaten nur gering, und soll nicht über 9000 Mann stark seyn. -- Das Ehrgefühl wird bei dem gemeinen Soldaten nicht gehoben, da gezeigte Bravour nicht durch Ordensverleihung belohnt wird, auch findet kein Avancement Statt, weil die Offizierstellen nur von Kadetten besetzt werden, welche die nöthige Vorbildung erhalten haben. -- Dagegen ist die gesammte Miliz, wozu jeder amerikanische Bürger gezählt wird, um so stärker, und soll 1,150,000 Mann betragen, welche sich theils freiwillig uniformiren, wie ich schon erwähnt, oder gleich unserm Landsturm, nur mit Seitengewehr und Flinte bewaffnet, sich zu den alljährigen Uebungen stellen müssen. -- Hier ist nun den Amerikanern ein größeres Feld gelassen, um sich den Besitz einer militärischen Charge zu verschaffen, wo es nicht auf Kriegskenntnisse abgesehen ist.

Besteht nun auch hier die grelle Scheidewand der Stände weniger wie bei uns, so hört es doch der Amerikaner gern, wenn man ihm im allgemeinen Verkehr den militärischen Ehrentitel beilegt, und z. B. einen Schuhmacher mit: „Herr Major“ einen Schneider mit: „Herr Obrist“ anredet.