Wahn und Ueberzeugung Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.

Part 11

Chapter 113,533 wordsPublic domain

Unglaublich schnell blüht ~Cincinnati~ auf und Bevölkerung, Wohlstand und Verbesserungen aller Art nehmen täglich zu. Ihr Handelsgeist zeigt große Thätigkeit, Unternehmung und Spekulation. Dampfboote kommen und gehen täglich mehre ab und der ~Miami~-Kanal, welcher von Norden her in die Stadt tritt, unterhält einen ausgedehnten Handel in das Innere. Täglich ist Markt und es scheint die Meinung aller Fremden zu seyn, daß hinsichtlich des Ueberflusses, der Billigkeit und Vortrefflichkeit der verschiedenen vorhandenen Gegenstände kein Markt der andern Staaten mit dem von ~Cincinnati~ zu vergleichen sey. Die Menge der ~Stores~ (Kaufläden) und ihre Vorräthe, wie der Betrag verwendeter Kapitalien, vermehrt sich immer mehr und eine der größten Niederlagen der westlichen Staaten scheint sich hier zu gründen. Nächstdem geben die vielen Manufakturen der Stadt ihren Reichthum, wie überhaupt alle Handwerke ausgedehnt und großartig betrieben werden.

Unter einigen vierzig Fabriken, wo fast bei Jeder Dampfkraft verwendet wird, fiel mir besonders eine Nagelschmiede-Manufaktur auf, wo in einer Hitze ein 5-6 Zoll in Quadrat starkes und 1 Fuß langes Stück Eisen mittelst Walzwerk zum schwächsten Bandeisen ausgestreckt und dieses dann sogleich wieder kalt auf Nagelmaschinen in der Geschwindigkeit des Pulsschlages in vollkommene Nägel verwandelt wird. -- Eine Dampf-Säge-Mühle, deren vier Sägen, jede 80 Schnitte in der Minute machen und 800 Fuß Bret in einer Stunde liefern. -- Dampf-Mahl-Mühlen, deren 4 Paar Steine wöchentlich 200,000 bis 250,000 Pfund Frucht in das feinste Mehl verwandeln. Eine Schuhleisten-Maschine, durch deren Hülfe die Leisten aus grob zugehauenen Stücken Holz nach beliebiger Façon und in der größten Schnelligkeit angefertigt werden.

An Banken fehlt es hier wie in allen großen amerikanischen Städten nicht, da es ohne solche schlecht aussehen würde, weil der Geschäftsgang weit größer ist, als daß die dazu im Umlaufe befindlichen baaren Geldsummen ausreichen könnten. Das Papiergeld ist demnach zum Betriebe und Aufblühen des Handels nöthig und befördert auf diese Weise den allgemeinen Wohlstand. Zu bedauern ist es aber, daß dergleichen Anstalten zu wenig Garantie bieten und durch oft vorkommende Bankbrüche Tausende um das Ihrige betrogen werden.

Mit den süßesten Vorspiegelungen wird der fleißige und sparsame Arbeiter veranlaßt, sein sauer erworbenes Gut hier niederzulegen und Viele lassen sich von Prospekten, wie nachstehend einer folgt, hintergehen und betrügen.

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~Cincinnati’s~ Wechsel- und Sparbank.

Die Unternehmer dieser Anstalt erachten es für nothwendig, dem Publikum folgende Punkte zur Erwägung und Uebersicht vorzulegen:

1) Die Banknoten einer jeden zahlungsfähigen Bank in den Vereinigten Staaten werden für vollgiltig angenommen, im Falle dieselben der Wechsel- und Sparbank zur Aufbewahrung übergeben worden; zu der durch gegenseitige Uebereinkunft festgesetzten Zeit wird die hinterlegte Summe in Gold, Silber oder gangbaren Noten zurückerstattet.

2) Jede Summe Geldes, welche man in der genannten Wechsel- und Sparbank hinterlegt, wird auf Verlangen, nebst fünf Prozent Interessen zu jeder beliebigen Zeit zurückbezahlt.

3) Arbeitsame Handwerker, so wie jeder andere Arbeiter, welche ihr Vermögen oder einen Theil desselben der Wechsel- und Sparbank anvertrauen wollen, sind dadurch versichert, daß ihnen genannte Wechsel- und Sparbank in jedem Unternehmen unterstützen wird, wenn sie solches ohne eigene Gefahr und Schaden thun kann.

4) Einwanderer, welche von Deutschland oder jeder andern Gegend Europa’s Geld zu beziehen oder dahin zu versenden haben, können ein solches Geschäft mit vollkommener Zuversicht der Wechsel- und Sparbank anvertrauen, indem dieselbe stets bereit und im Stande ist, dasselbe mit größter Sicherheit und Rechtlichkeit gegen möglichst billige Vergütung zu besorgen.

5) Für eine Summe Geldes, welche auf bestimmte Zeit in der Wechsel- und Sparbank hinterlegt wird, werden höhere Zinsen bezahlt.

6) Für ausländische Geldsorten ohne Unterschied wird der höchst mögliche Werth bezahlt. Wechsel- oder Schuldscheine, welche in den östlichen Seestädten oder in Europa zahlbar sind, werden unter billigen Bedingungen eingelöst.

~NB.~ Das Publikum wird aus vorstehenden Artikeln zur Genüge ersehen, daß es die hauptsächlichste Absicht der Wechsel- und Sparbank ist, fleißigen und ordentlichen Handwerkern und Geschäftsleuten, deren Mittel nicht hinreichend sind mit den andern Banken ~Cincinnatis~ in Geschäfts-Verbindung zu treten, die möglichste Erleichterung zu verschaffen etc.

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Wer möchte wohl unter solchen Versprechungen nicht eine Gelegenheit benutzen, um das Erworbene, im Glauben am sichersten niederzulegen und dabei noch den Vortheil der Vermehrung des Kapitals durch sich selbst, in Aussicht zu haben, das Seinige anvertrauen wollen? Und dennoch ist dieses gerade der Weg, auf welchem Leuten Vertrauen geschenkt wird, die sich kein Gewissen daraus machen, ihren heiligen Versicherungen entgegen, anvertraute Gelder zu unterschlagen, wie solches häufig in Amerika vorkömmt, und deshalb erst kürzlich in ~Cincinnati~ vom betrogenen Volke drei Banken erstürmt und demolirt worden sind.

Auch hier wetteifern alle christlichen Kirchenpartheien in gottesdienstlicher Frömmigkeit, und die Bethäuser sind des Sonntags drei Mal überfüllt. -- Ich selbst fühlte mich, seit ich amerikanischen Boden betreten, theils durch glücklich überstandene Gefahren zur Dankbarkeit verpflichtet, als auch durch allgemeine Frömmigkeit bestimmt, mehr nach Gottgeweihter Stätte gezogen, als es sonst der Fall war. Da mich aber nicht sowohl der Vortrag des Predigers selbst, welcher nicht immer mit meinen religiösen Ueberzeugungen übereinstimmend ist, zum Kirchengehen bestimmt, sondern mehr, um im stillen Gebet und erhabenen Lobgesang in der dazu eingerichteten Stätte die Herzensempfindungen dem Höchsten vorzutragen, so ist mir jede Konfession gleich und ihr Tempel, als auch für mich geheiligt, anzusehen. Demnach habe ich schon mehre Religionssekten in ihren kirchlichen Gebräuchen zu beobachten Gelegenheit gehabt und solche mehr oder weniger vernünftig gefunden. Hier in dem Methodisten-Tempel aber geht mir wirklich der Glaube an vernünftige Menschheit ab. -- Unsinn über Unsinn! Fände man sich nicht angezogen, der Sache die lächerliche Seite abzugewinnen, so könnte man sich versucht fühlen, diese Armen, Verirrten, selbst in’s Gebet zu nehmen.

Der Kanzel zur Rechten sitzt der männliche, zur Linken der weibliche Theil der Gemeinde. Die Emporkirchen sind mehr mit Neugierigen als andächtig Gestimmten besetzt. Die Melodien der Lieder sind über einen Leisten komponirt, und gleichen dem Handwerksburschenliede: „Prinz Eugen, du edler Ritter“ etc., wie ein Ei dem andern. Während also die christliche Gemeinde das Kirchenlied sang, fielen meine Nachbarn, deutsche Handwerker mit: Prinz Eugen du edler Ritter etc. ein, was vollkommen übereinstimmte. Nach dem verlesenen Psalmen tritt derjenige der Gläubigen, welcher sich vom Geiste dazu inspirirt fühlt, in seinem Sitz in die Höhe, oder legt sich vor die Bank knieend mit dem Kopfe auf Erstere, und spricht aus dem Stegreif Anfangs leise, dann immer stärker, bis er ganz aus dem Athem kömmt, und besinnungslos im besten Fluß der Rede stecken bleibt, und ein Anderer die ihm vom Geiste eingegebenen Gedanken auf ähnliche Weise vorträgt. -- Ihr Hauptprediger war zu der Zeit krank, wie die für ihn gehaltenen Gebete kund gaben, und ein herumreisender Pensylvanier hatte am heutigen Sonntage den Kanzelvortrag übernommen, wovon ich den Anfang aufnotirt, und als Probe des Unsinnes hier mittheile.

„Lieben Freunde und Brüder! Die Zeit der Besserung ist da, denn Gott, des langen Wartens überdrüßig, schlägt nun mit dem Donnerkeil drein, wenn Ihr nicht umkehrt aus dem Luderleben. Ich sage es Euch nochmals, bessert Euch, da es noch Zeit ist. Der Herr Jesus Christ hat es mir selbst gesagt, weil ich bei ihm war, daß er Euch verirrte Schafe aufnehmen wolle, welche sogleich umkehren, da es noch Zeit ist. Schwestern und Brüder zu bekehren, bin ich weit und breit herumgereist, ja zehn Meilen in der Runde!“ Hier fiel eine Stimme von der Emporkirche ein: „Das ist was Rechts!“ worauf der Prediger fortfuhr: „Wer Du auch seyst! Du bist ein Flegel! ein ......“ hier fehlten vermuthlich die deutschen Worte, und dann wurde in englischer Sprache, welche er geläufiger redete, dem unberufenen Sprecher gehörig der Text gelesen. Mich selbst langweilte die ganze Geschichte, deshalb verließ ich noch vor geendigtem Gottesdienste das entweihete Haus.

Am nächsten Sonntage wurde ich veranlaßt, eine Kirche zu besuchen, wo ebenfalls kein Theolog als Kanzelredner auftrat, sondern diesen Posten ein gelernter Schlosser bekleidete, welcher unter dem Namen: „der Schlosser-Prediger“ den Deutschen hier bekannt ist. Dieser, im Besitz einer Rednergabe, und dabei von der Ansicht beseelt, daß es jedem Menschen Pflicht sey, zum Seelenheil Anderer beizutragen, fühlte sich ebenfalls berufen, Hammer und Ambos mit der Kanzel zu vertauschen, so wie Trauung, Tauf- und Leichenreden zu halten, je nachdem es die um ihn gebildete Gemeinde wünschte.

Bei stattfindender Religionsfreiheit hat Niemand gegen solche Handlungsweise Etwas einzuwenden. Die Gesetzgebung läßt hierin freien Spielraum, da sie sich für inkompetent hält, in religiösen Ueberzeugungen über das innere Verhältniß des Menschen zur Gottheit zu entscheiden. Sie gestattet vielmehr hierin jede Form in gemeinschaftlicher Gottesverehrung, wie verschieden und mannigfaltig solche auch immer seyn mag, und hält sich nur verpflichtet, ihre Wahl zu schützen.

Die Kirche war ebenfalls überfüllt, die ganze Zeremonie geregelt, und der Kanzelvortrag so gut, als er sich nur immer von einem unstudirten Professionisten erwarten ließ. --

Am 10. Dezember mußte ich von Neuem Tannebergs verlassen, da das Dampfschiff (Amazone, Kapitän Lauterbach) mit welchem mein Freund Aacke akkordirt, abgehen sollte. Schwer war der Abschied, da er für das Leben war. Viele Grüße befahl die kleine Auguste (ein Kind von 4½ Jahren) an die Großmutter und ihre alten Gespielen, meine Kinder, ebenso Tanneberg, an Alle, die sich Seiner in der geliebten Heimath noch erinnerten und fügte den Wunsch bei, daß Keiner seiner Bekannten dem Urtheil eines Windbeutels Glauben schenken möchte, welcher Amerika als das Land, in welchem Milch und Honig fließe, anpreißt. Er selbst habe deshalb noch nicht geschrieben, um nicht Anlaß zu einem Vorhaben zu geben, welches nur Wenigen Glück, Vielen aber Noth und Elend bereite. --

Zweiundzwanzigster Brief.

Reise nach ~New-Orleans~.

Im Dezember 1839.

In der ersten Kajüte zu reisen, erlaubten unsere finanziellen Umstände nicht, und es wurde demnach in der zweiten, welche geräumig und hinlänglich mit Schlafstellen versehen war, Posto gefaßt, wofür die Person bis ~Orleans~, ohne Beköstigung, 8 Dollar zahlte. Fünf Dollar sind nur zu entrichten von denjenigen, die sich verpflichten, das nöthige Brennholz von den oft sehr steilen Uferplätzen nach dem Dampfboote mit zu tragen, welches aber nicht anzuempfehlen ist, wie sich solches im Laufe meiner Erzählung ergeben wird.

Bis zur Einmündung des großen ~Miami~-Flusses in den ~Ohio-River~ welcher an dieser Stelle die Gränze zwischen den Staaten ~Indiana~ und ~Ohio~ bildet, hielt ich mich fortwährend im Freien auf, um nichts von der Gegend zu verlieren, durch welche das Dampfboot längs der mit Wald bedeckten Ufer schnell dahin flog und wo von Zeit zu Zeit hübsche Landhäuser auf beschatteten Höhen dem Auge sichtbar wurden. Die Abendkühle nöthigte mich aber bald zum Rückzuge, und um so bedauerlicher war es, daß die Nacht schon eingebrochen, als wir bei ~Vevay~ ankamen, wo der nöthige Holzbedarf gefaßt wurde, leider aber von der Stadt nur wenig gesehen werden konnte.

Der Boden, wo dieser Ort auf dem ~Indiana~-Ufer im Jahre 1804 gegründet worden, ist sehr fruchtbar und soll sich vorzüglich zum Weinbau eignen, weshalb mehre Schweizer-Familien, welche sich hier angesiedelt, vom Kongreß begünstigt, besonders diesen Zweig der Landwirthschaft zu kultiviren sich angelegen seyn lassen.

Während der Nacht passirten wir die Einmündung des ~Kentucky-River~ und das auf einer Anhöhe gelegene Städtchen ~Madison~.

Gegen Mittag des 11. langten wir bei ~Louisville~ an, welche Stadt 131 Meilen von ~Cincinnati~ entfernt, unter der Mündung des ~Beergrass~-Flusses liegt. Es ist die wichtigste Stadt vom Staate ~Kentucky~, und der Sitz der Justiz für ~Jefferson~. Die Hauptstraßen, welche mit Trottoirs versehen und gut gepflastert sind, laufen mit dem ~Ohio~ parallel und werden von mehren Querstraßen in rechten Winkeln durchschnitten; die Stadt zählt über 14,000 Einwohner.

Der Ort selbst war früher wegen der in der Umgegend befindlichen Sümpfe und des stinkenden Wassers äußerst ungesund. In neuerer Zeit hat man aber diesem Uebel durch angelegte Kanäle und Graben abgeholfen.

Die vielen Sandbänke, welche sich in dem eine Meile breiten Fluß vor ~Louisville~ befinden, machten bei niederem Wasserstand die Passage äußerst gefährlich, weshalb mit ungeheurer Mühe und einem Aufwand von 400,000 Dollars bis ~Schippingport~ ein Kanal gebaut worden ist, welcher 2 Meilen lang, 40 Fuß tief und breit genug ist, um von Dampfbooten passirt werden zu können. Der Kanal fängt unterhalb ~Louisville~ in einer kleinen Bucht am Ufer an, geht hinter ~Schippingport~ hinweg und vereinigt sich wieder mit dem ~Ohio~ zwischen ~Schippingport~ und ~Portland~, wo sich das Flußbett wieder verengt. Drei unweit der Ausmündung angebrachte Schleusen stellen bei einem Fall von 24 Fuß das Wasser-Niveau her. Der Wasserstand war zur Zeit unserer Durchfahrt äußerst niedrig, (5½ Fuß) so daß das Boot nur mit der größten Mühe und zu seinem Nachtheil, da es beständig auf dem felsigen Grunde wegging, vorwärts gebracht werden konnte und wegen einbrechender Nacht bis zum nächsten Morgen im Kanal verweilen mußte.

Ich und Freund Aacke hatten das Boot verlassen, um von einem erhöhten Standpunkte aus, bei einem großen Magazin, die herrlichste Aussicht zu genießen. Vor uns war der Fluß mit seinen vielen Klippen und Sandbänken und einer mit Wald bewachsenen Insel, rechts die Wasserfälle im Fluß und im Hintergrunde die Stadt ~Louisville~. Links auf dem andern Ufer erblickte das Auge die Städtchen ~New-Albany~ und ~Clarksburg~ und etwas mehr zurück den Wald, welcher leider jetzt die Bäume blattlos zeigte. Es stehen wohl an keinem andern Orte der Vereinigten Staaten die blühenden Städte so nahe zusammen, als hier an beiden ~Ohio~-Ufern. ~Jeffersonville~, ~Clarksburg~ und ~New-Albany~ im ~Indiana~-, ~Louisville~, ~Schippingport~ und ~Portland~ im ~Kentucky~-Staate.

Um die Lage und Namen der Städte auf dieser Wasserreise genau kennen zu lernen, hatten wir uns den ~Western-Pilot by Sam. Cummings~ angeschafft; ein Werk, welches Freund Aacke in ~Cincinnati~ gekauft hatte, und das uns mit seinen Abbildungen des ~Ohio~- und des ~Mississippi~-Laufes[43] jetzt als Wegweiser herrlich zu Statten kam, da wir schon im Voraus auf alles Sehenswerthe aufmerksam gemacht wurden.

Am Morgen des 12. Dezember nahm auch Freund Aacke beim Flottmachen des Bootes den thätigsten Antheil und wich erst dann von seinem eingenommenen Platz, als ich ihn auf die Gefahr aufmerksam machte, die seiner dort drohte. Denn kaum hatte ein Matrose den eben verlassenen Posten besetzt, als solchen der Druckbaum mit Gewalt niederwarf, den Arm quetschte und die ganze Seite stark beschädigte.

Mein geretteter Freund stand jetzt dem Verunglückten bei, versah die Stelle des Chirurgen, und schiente und verband die beschädigten Theile mit solcher Gewandtheit, daß man darüber vergaß, daß er nur ein gelernter Apotheker sey. In Amerika aber gilt die Geschicklichkeit, Niemand fragt „was hast Du gelernt?“

Die Reisegesellschaft hatte sich in ~Louisville~ um 2 Personen vermehrt, welche, nach dem Aeußern zu urtheilen, nicht unter die Zahl der vom Glück Begünstigten gehörten. Dabei wurden alle Gegenstände genau von ihren Augen gemustert, auch waren sie immer auf den Beinen und pflegten wenig der Ruhe, welches Benehmen mir um so auffallender war, da sie sich nicht zum Holztragen verstanden, um durch Uebernahme dieser Arbeit ein billigeres Fahrgeld zu erzielen.

Die Witterung war am Tage ausnehmend schön, so daß wir fast die ganze Zeit über auf dem Verdeck zubrachten und uns sonneten.

Von der Mündung des ~Salt-River~ an, schlängelte sich der Fluß in großen Windungen durch die meist hohen Felsenufer, auf welchen nur dann und wann ein Haus zum Vorschein kam. Mittags erreichten wir das Städtchen ~Leawenworth~ und die Sonne neigte sich schon zum Untergang, als man bei den auf beiden Ufern des ~Ohio~-Flusses erbauten Orten ~Rome~ und ~Stevensport~ ankamen, welche mittelst einer hölzernen Brücke verbunden sind.

Schon war es Nacht, als der Kapitän anlegen ließ, um den nöthigen Holzbedarf vom Ufer einzunehmen. Die Witterung war äußerst ungünstig, der Regen ergoß sich in Strömen, weshalb die Passagiere, welche zum Holztragen engagirt waren, lange zögerten, ehe sie dem Kommandowort des Steuermanns Folge leisteten. Durchnäßt und über und über beschmuzt, suchten die Geplagten am Ofen sich zu trocknen, wobei mancher seine Reue zu erkennen gab, daß er sich zu diesem Geschäft verstanden. Mir selbst war dabei um so wohler, da ich alle Ursache hatte, mich zu freuen, daß Freund Aacke mich abgehalten, solche Verpflichtung zu übernehmen, wozu ich mich aus Oekonomie zuerst entschlossen hatte.

Während der Nacht vom 12. zum 13. fuhr das Boot an den Orten ~Hawsville~, ~Troy~, ~Rockport~, ~Owensborough~ und ~Evansville~ vorbei. Bei letzterer Stadt wurde eine deutsche Schneiderfamilie ans Land gesetzt, welche hier bei Verwandten in einer fruchtbaren Gegend sich von Neuem anzusiedeln beschlossen hatte, nachdem sie schon 11 Jahr am ~Erie~-See gewirthschaftet und sich dabei ein hübsches Vermögen erworben hatte, um das sie jedoch zum größten Theil durch einen Bankbruch und durch Ankauf von Lotten, (Bauplätzen) welche später bedeutend im Preis gefallen wären, gekommen seyn sollte. Der Mann war mehr über sein Schicksal gefaßt, doch die Frau weinte Tag und Nacht. Von Allen aber dauerten mich die jüngsten Kinder, welche in aller Unschuld die Mutter zu trösten suchten, diese aber die Liebkosungen der Kleinen mit Härte abwies, da sie sich nicht über ihren Schmerz erheben konnte. Beim Zusammenpacken der Effekten dieser Familie, vermißten sie ein Paar neue Stiefeln und ein Tuch, welche Sachen trotz aller Nachfrage, nicht wieder herbeigeschafft werden konnten.

Früh am Morgen des 13. Dezember sah man auf dem hohen ~Kentucky~-Ufer das Städtchen ~Hendersonville~ und bei der Insel ~Diamond~, welche 4 Meilen lang und über eine Meile breit sein soll, ragte ein gesunkenes Dampfboot noch theilweise aus dem Wasser.

Das Städtchen ~Mont-Vernon~ auf hohem Ufer, ward ebenfalls bemerkt und bei der Mündung des ~Wabash~-Flusses, wurde an einem uns begegnenden Dampfboot so nahe vorbeigefahren, daß auch keine Hand breit Spielraum zwischen beiden Fahrzeugen blieb und leicht eine Carambolage hätte Statt finden können.

Gegen Mittag erreichten wir am linken Ufer im Staate ~Illinois~ den ansehnlichen Handelsplatz ~Shawnee-Town~. Etwas später wurde uns eine große Höhle gezeigt, welche über 150 Fuß in den Uferfelsen eingehen soll und früher einer Räuberhorde zum Aufenthalt diente, welche die vorbeipassirten Fahrzeuge beraubten.

Während der Nacht vom 13. bis 14. wurde an dem Städtchen ~Golconda~, der Ausmündung des ~Cumberland-~Flusses und den Orten ~Wilkinsonsville~ und ~Amerika~, vorbeigefahren.

Am 14. mit Anbruch des Tages kamen wir bei dem Orte ~Trinity~ an, welche Gegend äußerst gefährlich für die Schifffahrt seyn soll, wie solches auch zwei verunglückte, noch aus dem Wasser hervorragende Boote bekundeten; einige Zeit darauf wurde ~Mouth-Ohio~ erreicht, wo der ~Ohio~ sich mit dem ~Mississippi~-Fluß vereinigt, in welchen Letztern sich schon 20 Meilen oberhalb ~St. Louis~ der ~Missouri~ ergossen hat. Diese drei Flüsse vereinigt, bilden einen der größten Ströme der Welt, welcher wegen seiner lehmigen Sandufer ein äußerst schmutziges Wasser hat, was um so auffallender bei dem Zusammenfluß des reinen hellen ~Ohio~ mit dem ~Mississippi~ ist und den Reisenden nun um so lästiger wird, da man gezwungen ist, solches Lehmwasser zu trinken und zum Kochen zu verwenden.

Mittags sah man am jenseitigen Ufer wiederum ein erst kürzlich gestrandetes Dampfschiff, von welchem die Uferbewohner die Ladung noch möglichst zu retten suchten.

Die vielen Unglücksfälle wurden besonders dem niedern Wasserstande zugeschrieben und die auf dem ~Mississippi~ fahrenden Dampfboote scherzweise mit schwimmenden Särgen verglichen, weshalb uns bei dem Gedanken, schon mit einem Fuß im Grabe zu stehen, nicht wohl zu Muthe ward.

Der Kapitän, selbst für sein Schiff besorgt, stellte die Fahrt des Nachts ein und benutzte nur die Tageszeit, um mit möglichster Vorsicht die Reise fortzusetzen. Wurde auch dadurch die Fahrt verlängert, so gewährte sie doch den Genuß, daß nichts von der Gegend, welche wir passirten, für das Auge verloren ging.

Am Nachmittag fuhren wir gleichzeitig mit einem andern Dampfboot auf einer Sandbank fest, welche sich vermuthlich erst gebildet und noch nicht auf der Flußkarte angegeben war. Alle Versuche, wieder flott zu werden, schlugen fehl, welches zuletzt unsern Kapitän bestimmte, das Schiff zu erleichtern, weshalb gegen 400 Faß Mehl mittelst Kähnen ans Ufer geschafft wurden.

Auf diesen Aufenthalt nicht vorbereitet, reichte unser vorräthiges Proviant nicht aus und wir sahen uns genöthigt, bei einem Farmer, wenn ein solcher nicht allzuweit vom Ufer entfernt wohnte, das Nöthige zu kaufen, oder einen Braten zu schießen. Nirgends war beim Eindringen in das mit Wald bedeckte Ufer eine Spur von Ansiedlern zu sehen und schon suchten wir, mit zwei Wasserhühnern beladen, um bei einbrechender Nacht nicht die Spur zu verlieren, den Weg zurück, als die Schmerzenstöne einer Stimme die Nähe von Menschen verriethen; diesem Schall folgend, erblickten wir, wie ein Unmensch einen seiner schwarzen Sklaven an einen Baum gebunden mit einer Peitsche schlug, da solcher, wie uns der Wütherich selbst erzählte, die Milch verschüttet habe.

Mit den erhaltenen Kartoffeln und etwas Brod eilten wir nach dem Boot zurück, wo während unserer Abwesenheit Aackes Koffer erbrochen und außer Zucker und Kaffee dessen Rasirzeug nebst einiger Leibwäsche entwendet worden war. Von jetzt an verließen wir niemals beide zu gleicher Zeit das Boot und hatten besonders ein scharfes Auge auf die beiden schon erwähnten Individuen, da solche uns des Diebstahls verdächtig vorkamen.

Das andere Dampfboot, welches mit dem unsrigen zugleich auf der Sandbank fest gefahren, konnte trotz aller Versuche nicht flott gemacht werden, da es der Kapitän nicht erleichtert hatte und es saß noch fest auf, als wir am 15. Morgens die Reise fortsetzten.

Dreiundzwanzigster Brief.

Im Dezember 1839.

Fortsetzung.

Vom Zusammenflusse des ~Ohio~ und ~Mississippi~ an, macht der letztere Strom ebenfalls bedeutende Windungen, und den ersten Ort, welchen man wieder antrifft, ist ~New-Madrid~, wo noch Spuren von dem im Jahr 1811 und 1812 gewütheten Erdbeben vorhanden seyn sollen. Später hielten wir bei ~Point-plaisant~ an, um Reisende auszusetzen, welche die in der Nähe befindlichen Handelsniederlagen besuchten, wo, wie erzählt wurde, die Indianer Niederlagen von Hirsch-, Reh-, Otter- u. a. Häuten haben, und solche gegen Schießbedarf und Kleidung umzutauschen suchen. Hier hört auf dem rechten Ufer der ~Missouri~-Staat auf, und der von ~Arkansas~ beginnt. Linker Hand vom ~Mississippi~ hört der ~Kentucky~-Staat auf und es beginnt der Staat ~Tennessee~.

Während der Fahrt am 16. wurde keine Stadt oder ein sonst merkwürdiger Ort angetroffen, auch passirte nichts, was des Aufnotirens werth war.