Part 10
Der Kapitän (wie sich auch die Führer von Kanalbooten nennen, obgleich jeder Laie einen solchen Posten bekleiden kann), war das richtige Konterfei eines Räuberhauptmanns, und seine Physiognomie flößte mir eine solche Aversion, oder war es Ahndung meines bösen Geschicks auf dieser Reise, ein, daß ich nur mit Widerwillen dieses Fahrzeug bestieg, weil keine andere Gelegenheit sich darbot, da bei vorgerückter Jahreszeit zu befürchten stand, daß man noch vor beendigter Reise unterwegs einfrieren könne, welches letztere uns auch leider widerfuhr.
Die ungünstige Witterung der ersten Tage erlaubte den Aufenthalt auf dem Verdeck nicht, und machte die Fahrt äußerst lästig, zumal da mehre Familien mit kränklichen und ungezogenen Kindern in dem engen Raume sich befanden, welche meine Geduld auf eine harte Probe stellten, da ich vor Allem ein Feind des Kindergeschreies bin. --
Am 19. erreichten wir die Stadt ~Medina~, welche, wie so viele Städte in Amerika, äußerst unbedeutend ist, da ein Wirthshaus, ein Kaufladen mit Spezereien, Tüchern und gebrannten Wassern und noch ein halbes Dutzend Häuser, von Schuhmachern, Schneidern, Schmieden und Wagnern bewohnt, sich den Namen einer Stadt beizulegen pflegen. -- Dörfer, wie bei uns, giebt es gar nicht, da jeder Farmer seinen Grundbesitz um die Wohnung herum hat, und die mitunter nicht unbedeutenden Holzflächen die Nachbarhäuser weit entfernen. Aller gesellschaftliche Verkehr hört dadurch auf und jede Familie bleibt nur auf sich selbst beschränkt. Ihr Reichthum ist der Wald, ihre Nachbarn sind die Bäume, das Schulhaus, ihr eigenes Gebäude. Die Kirche ist groß, sie steht frei da und ladet täglich zum Gebet ein. Doch nicht ein Jeder findet darin, was zu des Menschen Heil genüget, drum sucht er oft in weiter Ferne ein gottgeweihtes Haus. In der Mitte des dichtesten Gehölzes steht solches da, und dieses ist der Ort, wo man des Sonntags sich begrüßt, nicht aber wie bei uns durch Tanz und freudige Gelage. Nicht Sturm und Wetter werden gescheut, und ringsum Meilenweit kömmt Jung und Alt, des Predigers Worte zu hören.
Von der Gegend war an diesem Tage nicht viel zu sehen, da der Kanal zwischen holzbewachsenen Bergen durchführt, wo nur dann und wann ein Blockhaus zum Vorschein kommt, welches dem Aeußern nach, nur ärmlichen Bewohnern zum Aufenthalte dient.
Am 20. kamen wir bei der Bergstadt ~Acrem~ an, wo sämmtliche Passagiere das Boot verließen, um theils im Orte die nöthigen Einkäufe zu besorgen, theils den Schleusenbau besser zu besehen, durch welchen die Boote mittels 17maliger Steigung 160-170 Fuß hoch auf den Berg gehoben und jenseits nach und nach bis zur frühern Tiefe hinabgelassen werden.
Meine Aufmerksamkeit nahm besonders das in der Nähe befindliche Eisenstein-Bergwerk, mit Anwendung von Dampfmaschinen, in Anspruch.
Eine englische, vornehmthuende Familie von unserm Boote, welche in der Kajüte sich plaçirt hatte, war mir gefolgt, und in dem Wahne, eine des Weges kundige Person in mir zu sehen, da ich nicht zurückging nach dem Stege, auf welchem wir das Wasser passirt waren, sondern in gerader Richtung vorwärts dem Boote nachzukommen suchte, verfolgte sie auch hier meine Fersen. Der Bach gestattete an einer seichten Stelle das Durchwaden, so daß nur die Stiefeln etwas naß wurden.
Der Graf, und selbst sein kleiner Sohn entschlossen sich, gleich mir, das Wasser zu durchgehen, doch die arme Lady blieb zurück, da nach dem Stege, worüber wir gekommen, zurückzugehen, der Weg zu weit war, um zeitig noch das Fahrzeug zu erreichen. Da der Mann zu schwach war, um selbst das Lastthier abzugeben, die liebe Frau hindurchzutragen, so entschloß ich mich, theils aus Mitleid, theils um zu zeigen, daß der Deutsche, wenn er will, auch galant seyn kann, den Träger einer angenehmen Last hier zu machen. Schon war ich glücklich durch den Bach, und nur der Erdwall noch zu ersteigen, um auf festem Boden erst der Last mich zu entledigen, und muthig hatte ich schon die Hälfte des Weges erstiegen, als, o höllisches Geschick! die Füße mir auf dem nassen Boden entglitten und, wer kann vor Unglück! da lag unter mir die stolze Britin im Moraste. Der lose Mann, gleich Vielen seines Gleichen, freute sich des Unfalls seiner Frau, und gab durch Händeklatschen seinen Beifall zu erkennen. Das Söhnchen weinte und die beschmutzte Frau suchte möglichst ihren Unmuth zu verbergen. Als aber beim Aufstehen die Schuhe den ferneren Dienst versagten und in Schmuz zurückbleiben wollten, da konnte sich die Weibernatur nicht länger verleugnen und, Gott sey’s gedankt! in englischer Sprache nur, da sie kein deutsch verstand, erhielt ich meinen Lohn, obgleich nicht ich, sondern der nasse Boden nur die Schuld alles Unglücks trug.
In der Nacht auf den 21. passieren wir die Stadt ~Massilon~, und desselben Tages den kleinen Ort ~Bethlehem~, welcher, der Angabe nach, das beste Trinkwasser haben soll.
Die schöne Witterung an diesem Tage veranlaßte uns, das Boot zu verlassen, welches im letzten Orte auf die nöthigen Zugpferde warten mußte, und wir verfolgten den Pfad, welcher fort und fort durch Felsenschluchten in verschiedenen Krümmungen sich windet. Die Berge, mit Tannen bewachsen, waren nur wenig gelichtet, eben so verriethen nur wenig angebaute Stellen die Nähe von Menschen.
Gegen Abend, bei dem Orte ~Bolivar~, wurde mir eine besondere Freude zu Theil, da uns ein Reisender begegnete, welcher, bei Nennung meines Namens, mir freudig die Hand drückte und die Zeit ins Gedächtniß rief, in der er in Weimar bei mir als Kupferschmidt gearbeitet, und dort glückliche Tage verlebt habe. Auch er, vom Schwindel der Auswanderung ergriffen, unternahm die Reise, landete in ~New-Orleans~, erhielt aber, aus Mangel der Sprachkenntnisse in seinem Geschäfte keine Arbeit und suchte deshalb mit Holzfällen sich so viel zu verdienen, um nach den nördlichen Staaten reisen zu können, wobei er vorzüglich auf die Gastfreundschaft der Farmer rechnete. Das Glück begünstigte sein Unternehmen, da er auf einem Dampfboote, welches den ~Missisippi~ und ~Ohio~ befährt, eine Stelle als Feuermann erhielt und so nach ~Cincinnati~ gelangte, von wo aus er die Weiterreise zu Fuß unternahm.
Die Nacht zum 22. wurde abermals, wegen Mangel an Pferden, gehalten. Den 22. war es empfindlich kalt. Die Gegend war bergig und mit vielem Holz bestanden, welches theilweise umgehauen, zum Faulen die Erde bedeckte, oder niedergebrannt war, weshalb die Gegend nahe am Kanal noch wenig urbar und eben so wenig von Menschen bewohnt ist. -- Mittags erreichten wir ~Newankom-Stadt~, wo sich ein mir ewig denkwürdig bleibender höchst trauriger Fall ereignete. Das Boot fuhr unter einer Brücke durch, als ein junger hoffnungsvoller Mensch, auf einem Stuhle auf dem Verdeck sitzend, den späten Ruf des Steuermanns nicht beachtete, welcher durch das Wort: „~Bridge!~“ (Brücke) den Durchgang unter derselben anzeigte. Ersterer, mit dem Rücken der Brücke zugekehrt, bemerkte die Annäherung derselben und die Gefahr nicht. Der Raum des Durchgangs war nur gering und man konnte nur mit dem Körper flach auf dem Verdeck des Bootes liegend, unter einer solchen gewöhnlichen Brücke wegfahren, ohne sich zu beschädigen. Während des Falles vom Stuhl kam der Kopf des Unglücklichen mit dem Stuhle in Berührung, und in demselben Augenblicke war der Beklagenswerthe eine Leiche, da ihm Kopf und Brust zerquetscht waren.
In der Nacht vom 23/24. gab es viel Schnee, welcher aber bis Mittag des 24. von den warmen Sonnenstrahlen eines der schönsten Herbsttage wieder geschmolzen wurde. Der Kanal führte am 23. ebenfalls durch die mit Mühe und großem Geldaufwand gesprengten Felsenklüfte, welche mit Eichen und Tannen bewachsen sind. Hier in dieser Gegend traf ich eine höchst romantisch gelegene Farmer-Wohnung, von welcher die stattlichen Gebäude den begüterten Besitzer verriethen, und es war das erste Mal auf dieser Reise, daß ich einen solchen um sein Loos beneidete.
Nachmittag wurde bei der Stadt ~Newark~ Halt gemacht, wo die Passagiere sich mit dem Nöthigsten versahen, und ich in gleicher Absicht das Boot verließ, um Brod einzukaufen, wobei ich mir eine leichte Erkältung zuzog, welche mich später nöthigte, das Fahrzeug zu verlassen, um ein Bedürfniß zu verrichten. Eben im Begriff vom Boot ans Land zu springen, stieß der Schurke von Steuermann, mein Vorhaben bemerkend, das Boot vom Lande ab, wodurch die Kluft des Wassers sich erweiterte, und ich bei zu kurzem Sprung bis an den Unterleib in dasselbe fiel. Alle Personen auf dem Verdeck brachen in ein Gelächter aus, nicht ahnend, welche traurige Folgen dieser Vorfall für mich haben sollte, da die nassen Kleider nicht sofort mit trockenen vertauscht werden konnten, und eine passende Stelle das Fahrzeug wieder zu besteigen, erst nach Verlauf einer halben Stunde sich darbot. Mein altes Uebel stellte sich ein, und die Schmerzen der Kolik wurden, um größeres Unglück zu vermeiden, durch das möglichste Zusammenschnallen der Leib-Bandage noch vermehrt. Ohne Hülfe, nichts was mir Linderung gewährte, lag ich besinnungslos oder raste wie unsinnig, mich selbst nicht mehr kennend. Erst spät am Abend erreichten wir ~Schelekatie~, wo ein herbeigerufener Arzt Magenpflaster und Fußumschläge verordnete, auch zum innerlichen Gebrauche mir Quecksilber eingab. Was übrigens Alles diese Nacht mit mir vorgenommen wurde, wußte ich nicht, da meine Lebensgeister zu sehr abgespannt waren. Erst am Morgen, als das Magenpflaster erneuert werden sollte, wurde ich gewahr, daß man mir die, der Sicherheit wegen um den Leib getragene Baarschaft entwendet hatte, und solche, aller Nachforschung ohngeachtet, nicht wieder erlangt werden konnte, schon deshalb nicht, weil der Kapitän, welcher mich entkleidet hatte, den Diebstahl selbst vollbracht haben mußte. -- Was nun anfangen, da mir nur zwei Dollars in Papier, welche in der Brieftafel und in der Seitentasche des Rockes, schlecht verwahrt, geblieben waren? -- Das Ziel der Reise war nicht mehr fern, und ließen auch die großen Schmerzen mich wenig an die Zukunft denken, so glaubte mein stets reger Geist doch wieder Mittel zum Erwerb auffinden zu können.
In der Nacht zum 26. hatte es stark gefroren, so daß es nur vier Pferden möglich wurde, das Boot durch das mit einer Eisdecke belegte Wasser fortzuziehen; bei zunehmender Kälte in der folgenden Nacht fror das Fahrzeug förmlich ein und wir saßen, noch 14 Meilen von ~Portsmouth~ entfernt, förmlich fest.
Die Passagiere sahen sich am Morgen des 27. genöthigt, auf Bauernwagen oder ~per pedes~ diesen Ort zu erreichen; ich selbst war durch den an mir verübten Raub gezwungen, mich der Zahl der Fußgänger anzuschließen, nachdem ich wegen Mangel des Fahrgeldes, mein gutes Gewehr dem Schurken von Kapitän überlassen mußte. --
~Portsmouth~, die vornehmste Stadt des ~Scioto~-Landes, am ~Ohio~-Ufer, besitzt eine Bank, einen Gerichtshof und die gewöhnliche Zahl öffentlicher Gebäude mit ungefähr 1000 Einwohnern. --
Am 28. Mittags ging auf dem ~Ohio-River~ (Fluß) ein Dampfschiff nach dem 114 Meilen entfernt gelegenen ~Cincinnati~ ab, und meine Kasse reichte eben noch zu, das Fahrgeld dahin zu bestreiten, da der Platz im Deck nur einen Dollar betrug. -- Die Passagiere im Zwischendeck bildeten auch hier wie auf den Seeschiffen ein Gegenstück zu den Kajüten-Passagieren. Nirgends Ordnung, Jeder treibt nach Wohlgefallen, wie es ihm gutdünkt, und nur den Frauenzimmern wird der Vorrang gelassen. Die Bequemlichkeiten, welche den Kajüten-Passagieren zu Gute kommen, fehlten hier ganz, selbst die vorhandenen Schlafstellen reichten nicht aus für die vielen Reisenden, und deshalb lag Mann an Mann auf dem Fußboden rings um den rothglühenden Ofen, welcher in der Mitte des Raumes angebracht, seine Wärme, da die Nacht sehr kalt war, wohlthuend mittheilte. Mir selbst kam jedoch dieser Genuß nicht lange zu Gute, da ich nur auf einen Augenblick mein Lager verlassen, es von einem Anderen sogleich eingenommen sah und mir daher nichts übrig blieb, als im Mantel gehüllt, entfernt vom Feuer, die Nacht auf einem Baumwollen-Ballen zuzubringen. Das kalte Fieber stellte sich wieder ein, und von Allem entblößt, ging die dunkle Zukunft in traurigen Bildern an mir vorüber.
Nachdem das Dampfboot an mehren kleinen Ortschaften vorbeigefahren, hielt es bei ~Maysville~ am ~Kentucky-~Ufer an, wo Passagiere und Waaren ausgesetzt, und andere eingenommen wurden. Diese Stadt auf einem engen Grund und Boden in der Mitte grauer Hügel, welche sich gerade hinter ihr und dem ~Ohio~ erheben, erbaut, hat drei Straßen, welche parallel mit dem Flusse laufen und von vier andern im rechten Winkel durchschnitten werden; sie zählt über 2000 Einwohner und ist das Magazin der Güter und Waaren, welche bestimmt sind, den östlichen Theil des ~Kentucky~-Staates zu versehen.
Bis ~Cincinnati~ wurde von hieraus die Fahrt ununterbrochen fortgesetzt, wo wir an manchem aber unbedeutenden Orte vorbeifuhren, und den 28. Mittags erstere Stadt erreichten.
Zwanzigster Brief.
Aufenthalt in ~Cincinnati~.
Im Dezember 1839.
Ans Land gestiegen, folgte ich mechanisch mit meinen wenigen Habseligkeiten (da die übrigen Sachen in New-York zurückgeblieben), einem unserer Landsleute, dessen Bekanntschaft ich auf dem Dampfschiffe gemacht hatte, nach einem deutschen Kosthause, dessen Besitzer als äußerst human geschildert wurde.
Das Mittagessen war eben aufgetragen und nicht wissend, von was ich solches bezahlen sollte, nöthigten mich doch Appetit und Hunger, daran Theil zu nehmen. Das Tischgespräch an der reichlich mit Gästen besetzten Tafel bestand in Klagen über schlechte Zeiten, da Viele hier eine bessere Existenz zu finden gehofft, aber getäuscht, sich und Andere durch übermäßigen Andrang der Arbeitsuchenden, ins Elend stürzten. Mir erstarb bei dieser Kunde der Bissen im Munde, und als ich selbst bei meiner Wanderung durch die Straßen überall nur arbeitslose Menschen stehen sah und von Letztern die Bestätigung erhielt, daß Tausende in Noth und Elend einer ungewiß bessern Zukunft entgegen sähen, da bangte mir selbst vor meiner eigenen Existenz und ermattet, körperlich und geistig, suchte ich am Abend bald die mir nöthige Ruhe.
Doch so sehr auch der geschwächte Körper des Schlafes bedurfte, so war dennoch der Geist zu sehr aufgeregt, als daß ich dazu hätte gelangen können. Mein ganzer Lebenslauf ging an meiner Seele vorüber, nie war ich so arm, nie fühlte ich mich so verlassen als jetzt. Ohne Familie, ohne Freunde und Bekannte unter einer lieblosen Nation, deren Wahlspruch ist: „Hilf Dir selbst!“ welche den Deutschen mit der größten Verachtung behandelt, was hatte ich da, vom Geld entblößt, von der Zukunft zu erwarten? Ein Trost nur blieb mir übrig, die Zuflucht zu Dem zu nehmen, welcher Mittel und Wege kennt, wenn des Menschen eigene Macht nicht mehr ausreichend ist, und zu keiner andern Zeit habe ich die Gottheit inbrünstiger um Beistand angerufen als in dieser, bis ich unter Thränen und dem Gebet des schönen Verses: „Befiehl du Deine Wege, und was Dein Herze kränkt“ u. s. w., entschlummerte.
Am Morgen entdeckte ich dem Wirth die wahren Verhältnisse meiner Lage und bat ihn um Rath was zu thun oder zu lassen sey. Dieser sah mir wohl an, daß ich zu schwerer Arbeit noch zu sehr entkräftet, was ich mir selbst nicht zugestehen wollte und empfahl mich daher, bei Mangel an leichter Arbeit, der deutschen Gesellschaft mit der Bitte, Etwas für mich zu thun.
Herr Schweizerhoff, Präsident der Gesellschaft, ersah aus meinen ihm vorgelegten Attesten, daß er nicht einen gewöhnlichen Bettler vor sich habe, und bedauerte sehr, daß er nicht mit Vollmacht versehen sey, mir aus der Gesellschaftskasse Etwas verabreichen zu können, da den Statuten gemäß nur die Mitglieder der Gesellschaft sich gegenseitige Unterstützung zugesagt hätten; mit mir aber eine Ausnahme zu machen, würde leicht Veranlassung zu anderweiten Anforderungen geben. „Doch“ fuhr er fort, „giebt es hier Viele reiche und dabei brave Männer, von denen Sie gewiß Keiner ohne Gabe entlassen wird und deshalb werde ich Ihnen einige Namen derselben aufschreiben“, worauf er selbst Etwas in ein Papier wickelte und mich in Gnaden entließ.
Also bis zum Bettler herabgesunken! „O Philosophie, verlaß mich nicht und erhalte mir den Verstand!“ war mein erster Gedanke, als ich den Bettelbrief entfaltete, welcher ½ Dollar enthielt. -- Apotheker Refuß war der erste Name auf der Liste. Was sollte ich thun? Doch, wie der zu Ertrinkende im Wahne, sich zu retten, nach einem Strohhalm greift, eben so blieb mir keine Wahl und langsam ging ich der Apotheke zu.
„Der Herr ist nicht zu Haus“, versetzte auf deutsch der Provisor, als ich nach dem Prinzipal frug, „doch kann ich vielleicht selbst Ihnen die gewünschte Auskunft ertheilen!“
„„Ist auch dieses nicht der Fall, so trägt schon Ihre Theilnahme an meinem Geschick zu dessen Linderung bei. Doch, als Beweis, wen Sie vor sich haben, lesen Sie zuvor das Attest meiner Behörde.““
„Aus Weimar sind Sie?“
„„Ja!““ entgegnete ich.
„So haben Sie hier einen Landsmann, den Apotheker Aacke!“
„„Sie irren, Freund! denn dieser ist in ~Cleveland~, etablirt, wohin ich vom Vater Briefe mit über See gebracht.““
„Er war es!“ fuhr Jener fort, „doch sein Kompagnon hat das Farmer-Leben vorgezogen, wozu ihn dessen Frau bestimmte, und Acke, selbst nicht vermögend das Geschäft auf eigene Rechnung fortzusetzen, hat sein Etablissement wieder aufgeben müssen und konditionirt jetzt in der Apotheke bei Colb.“
Freudige Nachricht! Vorbote einer noch größern. Unverzüglich wurde jetzt Freund Acke aufgesucht; doch er erkannte mich nicht, so hatten Gram, Sorgen und Krankheit der letztern Tage mich entstellt.
Nach herzlicher Begrüßung, worauf dieser Brave meine Verhältnisse erfuhr, bat er mich vor Allem, Niemandem mehr meine Lage zu vertrauen, indem er für alle Bedürfnisse sorgen würde.
„Waren Sie schon bei Tanneberg’s?“[41] frug er im Laufe des weitern Gesprächs.
„„Tanneberg hier, so weit im Lande, den ich nirgends anders als in ~Baltimore~ geglaubt?““
„Ja! und wie es scheint, zu Ihrer Pflege vorausgeschickt.“
Jetzt erst erkannte ich Gottes weise Fügung. So und nicht anders mußte Alles kommen, um mich prüfend zu erniedrigen, und mir dadurch Aacken und Tanneberg’s zuzuführen, die ich vielleicht auf anderm Wege nicht getroffen, wenn ich nicht, wegen Mangel an Geld, zu dem Mitgetheilten die Zuflucht hätte nehmen müssen.
Freudiges Wiedersehen! Zu keiner passendern Zeit hätte ich wohl Tanneberg’s in Amerika auffinden können, als hier in ~Cincinnati~. Die brave Frau suchte durch Wartung und Pflege, da ich sogleich ihre Wohnung beziehen mußte, meinen Zustand möglichst zu erleichtern und versetzte mich durch Speise und Trank in die geliebte Heimath, wodurch sich leichter vergessen ließ, so weit von den Meinen entfernt zu seyn, deren geliebtes Andenken bei in Schranken gehaltenem Geist, dem Herzen um so schmerzlicher wurde.
Auch dieser Familie hatte in Amerika das Glück nicht gelächelt, von welchem sie in der alten Heimath geträumt. -- In ~Baltimore~ gelandet, fand der Mann bei einem reichen Tischler und Möbelhändler als Lackirer einen solchen Verdienst, der zwar bei angestrengter Arbeit den Lebensunterhalt sicherte, nicht aber die Möglichkeit gab, die Reisekosten wieder zu erübrigen. Letzteres bestimmte ihn, dieses Geschäft wieder aufzugeben, um mit einem Zimmermaler ein Kompagniegeschäft zu arrangiren, welches besser rentiren sollte. Doch das Letztere war nicht der Fall und da Ersterer einen Ruf nach ~Cincinnati~, um daselbst eine Kirche zu malen, ausschlug, so nahm Tanneberg für ihn den Auftrag an und machte mit Frau und Kind die weite Landreise, in dem Glauben, selbstständig das bis hieher Zugesetzte bald wieder verdienen zu können.
Die angefertigten Skizzen und Zeichnungen über Styl und Ausführung der Kirchen-Malerei wurden von dem Gemeinde-Vorstand anerkannt, ebenso die verlangte Summe für Ausführung der Arbeit genehmigt, als aber die Kirche noch für das nöthige Gerüste zum Malen stehen sollte, zerschlug sich der Handel, die Arbeit unterblieb und der betrogene Maler wurde wieder in die kritische Lage versetzt.
An einem fremden Ort, ohne alle Bekanntschaft und Fürsprache, mußte er allein, da die Frau selbst immer kränklich war, sich und seine Familie drei Monate lang durch allerhand saure Arbeiten durchzuhelfen suchen, wobei die letzten mit über See gebrachten Louisd’or’s noch vollends zugesetzt wurden. Doch in diesem Lande gilt als erste Regel: nur nicht den Muth verloren! Denn auch sein Geschick sollte sich von Neuem wenden.
Ein reicher Kleiderhändler, das Mode-Journal der Stadt, welcher sich zur Aufgabe gemacht, Alles in ~Cincinnati~ noch nicht Vorhandene zuerst zu besitzen, hörte von dem Zimmermaler und übertrug ihm die Arbeit in seinem Laden auszuführen. Eben noch damit beschäftigt, kam ich zu ihm und mit wahrer Freude hörte ich oft, wenn er die Kunde mit nach Hause brachte, daß seine Leistungen Anklang fänden und er deshalb einer bessern Zukunft entgegen sehen könne[42].
Der gehabte Verlust machte meinen Plan, als Volontär auf einer der größern Farmen hiesiger Gegend die Welschkorn-Brennerei zu erlernen, unmöglich und die zerrüttete Gesundheit, welche sich nicht wieder regeln wollte, um Lohn zu dienen, zur Zeit unausführbar. Ich nahm daher den Vorschlag meines Freundes Aacke mit Freuden an, um mit ihm, auf vorgestreckte Kosten, die westlicher gelegenen Staaten zu bereisen und bis ~New-Orleans~, wohin er berufen, die Reise fortzusetzen, welche nach Verlauf von 14 Tagen anzutreten sey, bis wohin sein Nachfolger eingetroffen seyn werde.
Schon in meinem frühern Plane lag das Projekt, diese Tour zu machen und da vorzüglich die Jahreszeit die Ausführung begünstigte, ich mich auch bis zur Ankunft in dem von hier noch 540 Stunden entfernt liegenden ~New-Orleans~ wohler zu befinden glaubte, um dort, wo alle Arbeit doppelt bezahlt werden sollte, mir den Bedarf zur Rückreise zu verdienen, so sagte ich zu und füllte die noch bis zum Abgang übrige Zeit mit Sehen, Hören und Aufnotiren alles mir Merkwürdigen dieser Stadt aus.
Einundzwanzigster Brief.
Im Dezember 1839.
Fortsetzung.
~Cincinnati~, nach Orleans die größte Stadt des Westens, wurde im Jahre 1790 gegründet und zählt jetzt schon über 37,000 Einwohner. Sie liegt auf dem rechten Ufer des ~Ohio~, der Mündung des ~Licking~-Flußes gegenüber, auf einer weiten Ebene, welche von Wald bedeckten Hügeln umgeben ist. Von der Höhe dieser Hügel aus kann man die Stadt mit allen ihren Straßen, Gärten, Gebäuden, so wie den mit Dampfbooten bedeckten ~Ohio~, die Städte ~Newport~ und ~Cavington~ auf dem ~Kentucky~-Ufer und das Leben und Treiben der geschäftigen Menge deutlich übersehen. Das Auge nimmt das große Amphitheater auf einmal ein und nirgends wird man wohl eine schönere Aussicht, einem Panorama gleich, aufzufinden Gelegenheit haben.
Die Stadt selbst liegt 70 Fuß höher als der Fluß und ist so vor dem Strom geschützt, der oft durch Regenwasser und schmelzenden Schnee bis zu einer beträchtlichen Höhe anschwillt. Das ziemlich steile Ufer, an welchem die Dampfboote anliegen, ist mit vielem Aufwande in einer der schönsten Landungsplätze umgeschaffen worden, indem derselbe vom Wasser an bis zu seiner Höhe in einer Länge von mehr als 1000 Fuß, ganz mit Steinen gepflastert und an verschiedenen Stellen mit eisernen Ringen versehen ist, an welche die Dampfschiffe befestigt werden können.
Die mit dem ~Ohio~ parallel laufenden Straßen, wie alle anderen, welche jene in rechten Winkeln durchschneiden, sind fast alle breit, gerade, gut gepflastert und mit Trottoirs versehen; sie führen theils besondere Namen, oder sind nach der Zahl der Nummer benannt. In allen Straßen herrscht die größte Reinlichkeit, da sie in Folge ihrer sanften Steigung vom Regenwasser abgespült werden. -- Quellwasser fehlt, dagegen wird die Stadt reichlich mit Wasser aus dem ~Ohio~ versorgt, welches durch Dampfkraft in alle Straßen und viele Gebäude geleitet wird, und wofür die Einwohner jährlich eine Abgabe zu entrichten haben.