Part 1
########################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Dieser Text wurde anhand der 1844 erschienenen Buchausgabe möglichst originalgetreu erstellt. Die Zeichensetzung wurde sinnvoll korrigiert bzw. ergänzt. Rechtschreibvarianten wurden nicht harmonisiert; altertümliche Schreibweisen (z.B. ‚Schmuz‘ für ‚Schmutz‘, oder ‚Gefährde‘ für ‚Gefährte‘ wurden übernommen. Einige französisch- und englischsprachige Begriffe wurden vom Autor lautmalerisch nachempfunden (z.B. ‚stoor‘ für ‚store‘); diese Passagen bleiben hier unverändert. Fußnoten wurden teils vor, teils nach Satzzeichen platziert; dies wurde nicht verändert. Ansonsten wurden offensichtliche typographische Fehler stillschweigend korrigiert.
Nicht alle im Text vorgenommenen Berechnungen sind korrekt; da aber die Fehlerquellen nicht festgestellt werden konnten, mussten die angegebenen Zahlen ohne Korrektur übernommen werden.
Im Original wurde bei der Nummerierung der Briefe 30 bis 39 das Zahlwort ‚dreißig‘ in den Überschriften mit der Umschreibung ‚ſz‘ (sz mit langem s) oder ‚ſs‘ dargestellt, möglicherweise weil der für die Überschrift verwendete Schriftsatz das Symbol ‚ß‘ nicht enthielt. In der vorliegenden Fassung wurden diese Buchstabenkombinationen durch das auch im laufenden Text verwendete ‚ß‘ ersetzt.
Das in der Fußnote [21] verwendete Währungssymbol für 'Gulden' wird in der vorliegenden Textfassung mit [*Gulden] wiedergegeben.
Der Übersichtlichkeit halber wurde vom Bearbeiter ein Inhaltsverzeichnis eingefügt.
Um besondere Schriftschnitte zu kennzeichnen, wurden die folgenden Zeichen verwendet:
kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
########################################################################
Wahn und Ueberzeugung.
Reise des Kupferschmiede-Meisters Friedrich Höhne in Weimar über Bremen nach Nordamerika und Texas in den Jahren 1839, 1840 und 1841.
Wahrhafte und ergreifende Schilderungen
der
Bremer Seelen-Transportirungen, der Schicksale deutscher Auswanderer, vor, bei und nach der Ueberfahrt; Reisescenen zu Wasser und zu Lande und ausführliche Rathschläge für Ansiedler im Bezug auf den Charakter, die Sitten und konstitutionellen Verhältnisse der Amerikaner, ihren Handel und Gewerbe.
Zum Nutz und Frommen
deutscher Auswanderer von ihm selbst gesammelt und zusammengestellt. Nebst seiner Rückreise über England und Frankreich.
Mit 7 Tafeln Abbildungen.
Weimar 1844 bei Wilhelm Hoffmann.
+Dem+
treuesten Freunde in der Noth
meinem braven Landsmanne
=+Karl Aake+=
welcher in Amerika
+die+
+deutsche Rechtlichkeit und Treue+
nicht abgelegt
+widmet dieses Werkchen+
+als Beweis seiner Achtung und Liebe+
=der Verfasser=.
Inhalt.
Vorwort. II Erster Brief. 1 Zweiter Brief. 6 Dritter Brief. 10 Vierter Brief. 15 Fünfter Brief. 20 Sechster Brief. 26 Siebenter Brief. 32 Achter Brief. 39 Neunter Brief. 44 Zehnter Brief. 51 Eilfter Brief. 57 Zwölfter Brief. 62 Dreizehnter Brief. 68 Vierzehnter Brief. 75 Funfzehnter Brief. 85 Sechzehnter Brief. 93 Siebenzehnter Brief. 101 Achtzehnter Brief. 111 Neunzehnter Brief. 119 Zwanzigster Brief. 130 Einundzwanzigster Brief. 135 Zweiundzwanzigster Brief. 143 Dreiundzwanzigster Brief. 150 Vierundzwanzigster Brief. 167 Fünfundzwanzigster Brief. 176 Sechsundzwanzigster Brief. 184 Siebenundzwanzigster Brief. 191 Achtundzwanzigster Brief. 199 Neunundzwanzigster Brief. 208 Dreißigster Brief. 216 Einunddreißigster Brief. 226 Zweiunddreißigster Brief. 238 Dreiunddreißigster Brief. 245 Vierunddreißigster Brief. 253 Fünfunddreißigster Brief. 263 Sechsunddreißigster Brief. 270 Siebenunddreißigster Brief. 278 Achtunddreißigster Brief. 287 Neununddreißigster Brief. 296 Vierzigster Brief. 304 Einundvierzigster Brief. 312 Zweiundvierzigster Brief. 327 Dreiundvierzigster Brief. 339 Vierundvierzigster Brief. 348 Fünfundvierzigster Brief. 355 Sechsundvierzigster Brief. 362 Siebenundvierzigster Brief. 378 Achtundvierzigster Brief. 385 Neunundvierzigster Brief. 393 Funfzigster Brief. 402 Einundfunfzigster Brief. 412 Zweiundfunfzigster Brief. 420 Die Heimkehr. 426 Nachschrift. 434
Vorwort.
Lange nahm ich Anstand, bevor ich mich entschließen konnte, die gesammelten Erfahrungen während meines Aufenthalts in Amerika und das mannichfaltig Erlebte auf der Land- und Seereise zu veröffentlichen, da es mir theils wegen anderer Geschäfte an der nöthigen Zeit fehlte, und ich auch unverhohlen gestehen muß, daß es mir, der ich nicht in literarischen Arbeiten geübt, eine zu schwierige Aufgabe war, um Etwas zu liefern, welches mit den schon vorhandenen Werken über jenes Thema in die Schranken treten könne.
Nur den Aufforderungen von mehreren Seiten und der Bemerkung gab ich nach, daß es zwar Abhandlungen über Amerika genugsam gäbe, diese meistens aber von Leuten herkämen, welche als Gelehrte sich darüber ausgesprochen, oder von solchen, deren finanzielle Verhältnisse es möglich machten, sowohl der Seereise, als dem Aufenthalte in Amerika selbst, die beste Seite abzugewinnen und somit Stoff zu den interessantesten, mitunter höchst verführerischen Beschreibungen geben, von welchen Herrlichkeiten aber den ärmern auswandernden Professionisten oder Bauern nichts zu Gute kömmt, und es deshalb hauptsächlich an einer zusammenhängenden, von aller Gelehrsamkeit befreiten, sich aber bis in die niedrigsten Nüançen des menschlichen Lebens erstreckenden Erzählung fehle.
Dieses bestimmte mich, nun Hand an’s Werk zu legen, und man erwarte daher keine gelehrte Abhandlung, sondern schlichte, der Wahrheit treu ohne Ausschmückung gemachte Darstellungen, welche nicht für das fein gebildete Publikum, sondern mehr für die niedern Stände geschrieben worden, von denen die meisten Leute diese Reise mit wenig Mitteln unternehmen, und deswegen Beschwernissen und Gefahren ausgesetzt sind, wovon begüterte Reisende, welche mit vollen Taschen ein Sibirien zu einem Paradiese umschaffen könnten, nichts erfahren, leider aber, gewöhnlich Erstere, durch ihre süßen Darstellungen zur Auswanderung auffordern und ermuntern.
Noch größeres Unheil, als solche überzuckerte Reisebeschreibungen, verursachen aber auch nicht selten die brieflichen Nachrichten, welche über’s Meer Freunden und Verwandten zugeschickt werden, und wo Alles in vergrößertem Maaßstabe angegeben ist, das aus amerikanischen Zeitungen Gelesene und Gehörte, als wahr und ausgemacht, nacherzählt wird, wo man Dollars verdient wie bei uns die Groschen, keine Steuern und Abgaben zu entrichten hat, wo Freiheit und Gleichheit vorherrschend sind, und wo mit einem Worte der Himmel schon auf Erden angetroffen wird.
Solche Briefe gehen gewöhnlich von Haus zu Haus, und wahr ist Alles was darinnen steht, wenn sich auch die Sätze nicht zusammenräumen lassen. -- Denn der Vetter hat ja bei seinem Abgange versprochen, Alles genau zu schreiben, und wie sollte es auch im Lande der Wunder anders seyn?
Hört man aber auch mitunter von Einem, dem es nicht so recht glücken will, der um Geld oder sonstige Unterstützung schreibt, und das Elend, in welchem er und tausend Andere schmachten, schildert, und die verwünscht, welche durch lügenhafte Berichte ihn vermocht, sein theures Vaterland zu verlassen und in’s Unglück gestürzt haben, der wird statt bedauert, ausgelacht und ihm wenigstens theilweis die Schuld für das Mißlingen seiner gemachten Pläne beigemessen, wenn man ihn nicht gar unter die zählt, welche durch ein ungeregeltes, lüderliches Leben nur sich selbst alles zu erleidende Ungemach zuzuschreiben haben.
Dieses ist die Ursache, warum so Viele gar nicht schreiben, da sie nicht lügen wollen, die Wahrheit aber aus falscher Schaam und um nicht mißverstanden zu werden, zu verheimlichen suchen und ihr Loos im Stillen tragen. Demnach werden noch Viele ihr Vaterland verlassen, und zu spät einsehen lernen, was sie bei dem Tausche gewonnen oder verloren haben.
Es wird daher nicht ganz ohne Interesse und Nutzen seyn, die meiner Familie geschriebenen Briefe dem Drucke zu übergeben, woraus man sehen wird, wie mannichfaltig das Geschick in der neuen Welt mit dem Menschen spielt, was der unbemittelte Reisende auf einer solchen Tour mehr oder weniger abzuhalten hat, und was des armen Deutschen Loos gewöhnlich in seinem adoptirten Vaterlande ist.
Schließlich erlaube ich mir noch die Bemerkung: daß von Allem, was ich über Amerika gelesen, die Gall’schen Notizen am Uebereinstimmendsten mit meinen selbst gemachten Erfahrungen sind, und es ist demnach Jedem, welcher nicht lockende Berichte über Amerika, wie es die von Duden sind, lesen will, die Gall’sche Reisebeschreibung zu empfehlen.
Ich lebe nun in der Hoffnung und dem Vertrauen, daß dem Niedergeschriebenen eine gerechte und billige Beurtheilung nicht fehlen werde, da solches die Arbeit eines Laien und mithin aus einer nicht zum Druck geeigneten Feder fließt, wie auch, daß die gute Absicht nicht zu verkennen sey, welche mich zur Herausgabe dieses Werkchens bewog, nämlich mit dazu beizutragen, daß man immer richtiger und unbefangener einsehen lerne, was der wenig bemittelte und der Landessprache unkundige Auswanderer in Amerika zu suchen und zu finden hat.
=Der Verfasser.=
Ohne dem Eigenthümlichen und Einfachen der Schreibart des Herrn Verfassers zu nahe zu treten, habe ich mir, bei der Durchsicht des Manuskripts nur hie und da Aenderungen erlaubt, der Rechtschreibung der Namen von Personen, Städten, Ländern, Flüssen etc. nachgeholfen und selbst mehrere deutsche, wahrscheinlich von Deutschen in Amerika gebildete Provinzialismen stehen lassen und so mag denn dieses Büchlein in seiner schmucklosen Sprache in die Welt gehen und den Nutzen stiften, welchen sein Verfasser mit Recht erwarten kann.
Taf. ~I.~ der Abbildungen, von welcher ~pag. 29~ die Rede ist, fällt weg, weil man vorzog, anstatt der Abbildung eines Schiffes, besser die Ansicht von ~New-York~ beizugeben.
Weimar den 12. Juli 1843.
=Wilh. Hoffmann.=
Erster Brief.
Bremen im Juni 1839.
Landreise von Weimar nach Bremen.
Gott zum Gruß an Euch alle meine Lieben!
Das Ziel der Landreise ist glücklich erreicht und unsere Karavane nach manchen überstandenem Ungemach am 12. d. M. früh 9 Uhr hier angekommen.
War schon die Erinnerung an den Abschied von Allem was uns lieb und theuer ist, nicht geeignet, den Anfang einer solchen Reise angenehm zu machen, um so mehr mußte die ungünstige Witterung der ersten Tage dazu beitragen, das Gemüth niederzudrücken und den Muth der Reisegesellschaft herabzustimmen.
Auf Wittigs Höhe[1], dem Sammlungsort der Reiselustigen, wohin mir einige Freunde das Geleite gaben, wurde von den jungen Leuten zum Abschied so lange gezecht, gesungen und gesprungen, bis die mit dem Gepäck, Weibern und Kindern beladenen Wagen ankamen und zum Aufbruch mahnten.
Obgleich mir das Herz durch den Abschied von Weib und Kindern zerspringen wollte, war ich doch bis hierher Herr meiner Gefühle, dem Vorsatz treu geblieben, als Mann standhaft das unternommene Werk zu beginnen und mit Gottes Schutz und Beistand auszuführen. Als aber beim Scheiden das Lied: „Nun leb’ denn wohl, du stilles Haus!“ angestimmt wurde, und Viele sich zum letzten Male die Hände drückten und für dieses Leben auf immer Abschied nahmen, da vermochte auch ich die Thränen nicht länger zu unterdrücken, welche dem beengten Herzen Luft zu machen suchten, empfahl nochmals den zurückkehrenden Freunden Frau und Kinder und eilte dem Wagen voraus, der mich, erst langsam nachfolgend, in Linderbach[2] einholte, wo ich, an Leib und Seele ermattet, weilte.
Was ich auf diesem Wege gedacht und empfunden, vermag ich nicht zu beschreiben. Wie ein gehabter Traum nach dem Erwachen nur noch dunkel dem Gedächtniß erinnerlich ist, so stand mein Lebenslauf vor meiner Seele, und jetzt noch frage ich mich oft: wachst du, oder ist Alles nur ein Traum, was du wachend erlebt zu haben glaubst?
Die Sitze auf dem Wagen waren schlecht arrangirt, so daß unmöglich neben dem Gepäck das ganze Personal Platz haben, und daher nur abwechselnd gefahren werden konnte. Ein Familienvater stieg ab und überließ mir seinen Raum mit der Bitte, das schlafende kleine Kind im Schooß zu beherbergen. Bald war ich selbst entschlummert und der Gott des Schlafs suchte die matten Glieder von Neuem zu stärken, als, o Vorgeschmack der Reise! ein übler Geruch mich aus dem süßen Traume weckte und ich nun mit Schrecken bemerkte, daß mein Schützling mich mit einer Gabe beschenkt, welche mich mit einer Schnelligkeit vom Wagen trieb, die ich mir bei meinen zusammengerüttelten Gliedern nicht zugetraut hätte.
Die Zeit des Anhaltens in Erfurt benutzte ich dazu, um noch einige Geschäftsangelegenheiten abzumachen, wurde aber dabei wider Erwarten aufgehalten, so daß ich vermuthen mußte, die Karavane habe bereits schon die Stadt verlassen. Ich schlug daher den kürzesten Weg zum Thore ein, ohne vorher im Gasthofe nachzusehen, ob die Wagen abgegangen oder nicht; die gefragte Schildwacht bestätigte das Erstere, und im Sturmschritt wurde der Berg erstiegen. Da aber auf der Höhe nichts von den Wagen zu bemerken war, entgegenkommenden Fuhrleuten auch keine Auswanderer begegnet seyn wollten, so war guter Rath theuer, da entweder der Soldat oder die Letztern mich zum Besten gehabt. Sollte ich weilen oder meine Schritte verdoppeln. Unschlüssig, was zu thun oder zu lassen sey, nöthigten mich Regentropfen im Gasthof zu Schmiera[3] Obdach zu suchen.
Ein schweres Gewitter hatte sich zusammengezogen und der nahe Donner kündigte dessen Entladung über unsern Häuptern an. Der Sturm wühlte den Chausseestaub dermaßen auf, daß kein Baum mehr zu erkennen war, bis der herabströmende Regen wieder freie Aussicht verschaffte. Mitten unter diesen Naturereignissen kam in vollem Lauf der Pferde eine Chaise an, und vom Hintertheil derselben sprang einer meiner Reisegefährten, welcher, um der Nässe zu entgehen, diese Fahrgelegenheit benutzt hatte, und gab Kunde, daß die Wagen noch zurück, das männliche Personal aber denselben vorausgeeilt und bis aufs Hemde durchnäßt, bald nachkommen würde. So bedauerlich auch ihr Anblick war, so konnte ich mich doch des Lachens nicht enthalten, dankte aber Gott im Stillen, daß er mich durch die falsche Angabe des Soldaten zur Eile angetrieben und dadurch vor Durchnässung so wie vor leicht möglicher Erkältung beschützt hatte.
Ganz verstimmt langten wir Abends spät in Siebeleben[4] an, wo das erste Nachtquartier gehalten wurde. Des Streueschlafens längst entwöhnt und durch das Kindergeschrei beunruhigt, welche durch die Reise aus aller Ordnung gebracht, die ganze Nacht kein Auge schlossen, verließ ich früh das Lager müder, als ich solches am Abend eingenommen[5]. Meine erste Sorge war jetzt, das Gepäck so zu plaçiren, daß bei gutem Wege das ganze Personal aufsitzen und fahren konnte. Ein vom Wirth requirirtes Bret wurde hinten querüber auf einen der Wagen gelegt und diente mir, der im Voraus auf jedes fernere Kindergeschenk Verzicht leistete, so wie noch drei Andern als Platz.
Obgleich schon beim Antritt der Reise von mir in allen Stücken die größte Vorsicht anempfohlen worden war, damit nicht durch etwaiges Unglück eines Einzelnen, durch Aufenthalt das Ganze darunter leiden müsse, so hätte dennoch vor Gotha ein Kind leicht tod gefahren werden können, da es während des Absteigens vom Vorderwagen fiel und die Räder dicht an dessen Kopf vorbeigingen.
In Gotha wurde nicht angehalten und nur während der Durchreise das Nöthige eingekauft. Erst zwei Stunden später, wo gefrühstückt werden sollte, kam die sich daselbst zerstreute Gesellschaft wieder zusammen, nur der Großvater einer Schuhmacherfamilie blieb aus. Länger zu verweilen hielt der Fuhrmann für unräthlich, versprach aber langsam zu fahren, damit der Alte, der übrigens kein schlechter Fußgänger war, uns bis Mittag einholen könne. Doch auch diese Zeit verstrich und es mußte von Neuem angespannt werden, und schon hatten wir Ammern, wo das zweite Nachtquartier gehalten werden sollte, erreicht, ohne daß der alte Mann wieder zu uns gekommen war. Die Angst des Sohnes, so wie auch dessen Frau und Kinder, läßt sich denken, denn jetzt war es ausgemacht, daß er entweder krank liegen geblieben sey, oder von Gotha aus einen falschen Weg verfolgt haben mußte. Ohne Reisepaß und Geld, da beides der Sohn in Verwahrung hatte, hoch an Jahren, wie sollte der Arme, wenn er nicht noch diese Nacht ankam, uns einholen? Alles nahm den größten Antheil an der beängstigten Familie. Kein Auge wurde die Nacht über zugethan, da man bei jedem Geräusch die Ankunft des Verirrten vermuthete. Der Morgen brach an, die Fuhrleute mahnten zum Aufbruch, und noch war der Ersehnte nicht da. Der Sohn, außer sich, wollte zurückkehren, um den Vater zu suchen; doch welchen Weg sollte er einschlagen, wo ihn finden? Mußten wir nicht befürchten, bei etwaiger Ankunft des Gesuchten, den Sohn zurückzulassen? Hier aber noch länger zu verweilen, stimmte nicht mit den Ansichten der Fuhrleute überein, welche vermutheten, daß der Fehlgegangene seinen Weg über Eisenach und Kassel fortgesetzt habe und erst in Hannover zu uns stoßen werde. Diese Ansicht theilten mehre von der Gesellschaft, und so sehr auch ich und die beängstigte Familie um längern Verzug baten, so wurden wir doch überstimmt und demnach unverzüglich aufgebrochen.
Zweiter Brief.
Bremen im Juni 1839.
Fortsetzung.
Die Witterung am dritten Tage unserer Reise war ebenfalls äußerst ungünstig, da es fortwährend näßte und Staupen gab, so daß, als wir das Eisfeld passirten, welches schon dem Namen nach keine warme Gegend verspricht, wir uns mitten in den Winter versetzt glaubten. Das gestrige Gewitter hatte in dieser Gegend großen Schaden verursacht; die Felder verschlämmt, die Straßen zerrissen und in mehren Ställen das Vieh ersäuft. Das größte Unglück hatte aber eine Auswanderer-Familie aus Baiern betroffen, welche bei herannahendem Gewitter den Wagen verlassen, um nicht vereint den Blitz an sich zu ziehen. Nur zwei kleine Kinder, in wollene Decken gewickelt und mit Betten zugedeckt, um sie vor der Nässe zu wahren, wurden auf dem Wagen zurückgelassen. Wer vermag aber den Schrecken der Mutter zu beschreiben, als sie nachsieht und eins derselben erstickt findet.
In Duderstadt, dem Grenzorte vor Hannover, wurde heute etwas früher als gewöhnlich das Nachtquartier bezogen, da hier die Pässe visirt, das nöthige Reisegeld vorgezeigt und auf das Gepäck Durchgangszoll entrichtet werden mußte.
Die Schuhmacherfamilie, durch die Abwesenheit des Großvaters, nach welchem die Kinder beständig fragten, voller Unruhe und äußerst betrübt, hielt den Muth der übrigen Gesellschaft fortwährend niedergedrückt, und ich hatte meine ganze Beredsamkeit aufzubieten, um den Armen Trost zuzusprechen. Eben saßen wir insgesammt am Tisch, um das Nachtmahl einzunehmen, als der Sohn des Zurückgebliebenen, welcher vor dem Hause auf und abgehend, der Ankunft des Vaters ängstlich geharrt, mit dem Freudenrufe hereinstürzte: „Ach Gott, mein armer Vater kömmt!“ Er war es, doch in welchem Zustande? Ganz erschöpft sank er zu den Füßen seiner Kinder nieder.
Der arme alte Mann war in Gotha beim Einkauf von Schnupftaback von seinem Begleiter getrennt worden und ohne weiter zu fragen, auf dem geraden Wege, welcher nach Eisenach führt, fortmarschirt. In dem Wahne, die Wagen seyen noch zurück, hat er bereits einige Stunden Weges zurückgelegt, bis ihn die Müdigkeit zum Einkehren zwingt, wo er den Irrthum erst gewahrt, und da kein näherer Weg ihn auf den richtigen Pfad leitet, sieht er sich genöthiget, nach Gotha zurück zu wandern. Das Gehen entwöhnt, zum Fahren ohne Geld, muß er mit Angst und Noth, da ihm ein wunder Fuß nur langsam zu gehen erlaubt, den Seinen nachzukommen suchen. So wankt er, nur wenige Stunden der Ruhe gönnend, Tag und Nacht seinem Ziele zu. Nur noch zwei Stunden vom Grenzort entfernt, schwinden ihm die Kräfte ganz; er kann nicht weiter und sucht schon Nachtquartier. Da kommt ein Reisender (sein guter Geist) und zeigt ihm die Möglichkeit, uns heute noch einzuholen, da wir in Duderstadt verweilen müßten, was morgen weniger möglich sey, wenn ihm durch Ruhe die ausgespannten Sennen erschlaffend, den Dienst zur Weiterreise versagen würden. Diese Aufmunterung wirkt, er sucht von Neuem sich fortzuschleppen und kömmt gleich dem Galeerensclaven, den man im Schauspiel sieht, bei seinen Kindern an.
Aufs Neue bat ich jetzt, daß Niemand mehr den Zug verlassen sollte und ahnete nicht, daß ich selbst schon in den nächsten Tagen gleich jenem mich verirren würde.
Die Witterung schien sich am 7. Juni günstiger zu gestalten. Die Sonne brach die trüben Wolken und mit ihren warmen Strahlen drang neues Leben in uns ein. Alle hatten die Wagen verlassen und nur der Irrgänger blieb wie zerschmettert auf demselben liegen.