Von Sonnen und Sonnenstäubchen
Part 32
Man muß das Bild nebeneinander sehen: eines wackeren Provinzlers unter uns Kulturmenschen selbst, der zum erstenmal etwa in die Wogen des Berliner Alexanderplatzes sich geworfen fühlt, eingekeilt zwischen die donnernden Kolosse der Pferdebahnen und elektrischen Wagen, mit jedem ängstlichen Schritt tastend auf ein neues, gefahrdrohendes Geleise, betäubt vom Lärm, verzweifelt, hilflos -- und dazu eines waschechten Großstadtsperlings, der gemächlich wie ein uralt routinierter Weltfahrer in diesem wirbelnden Ozean der hastenden Kultur beiseite -- nicht fliegt, sondern trippelt, wenn das Gebirge eines solchen Straßenbahnwagens sich gegen ihn heranwälzt. Nur ein, zwei Menschenschritte weit trippelt er fort, keinen Zoll mehr, als unumgänglich nötig ist, nicht die Spur nervös -- wie kann man denn bloß, es ist ja immer dasselbe, und je größer der rollende Berg, desto sicherer, daß er auf seinen Schienen vorbeischmettert, ohne individuell von mir Notiz zu nehmen.
Brentano erzählt aus seiner Jugend die lustige Geschichte von zwei hitzigen Rabbinern, die so weltvergessen über eine Stelle des Talmud stritten, daß schließlich einige Eimer Wasser über sie ergossen werden mußten, um sie wieder in die Wirklichkeit zurückzurufen. Die Notwendigkeit, den Leipziger Platz in Berlin zu überschreiten, dürfte den gleichen Erfolg erzielt haben. Der ausgepichte Großstadtspatz aber läßt mitten im Getümmel und Ausweichen auch nicht eine Sekunde ab von seinem Keifen, wenn er gerade recht dabei ist -- er wechselt ein Dutzend mal in wenigen Augenblicken das Geleise, um Platz zu machen, schwätzt und schwadroniert aber unentwegt dabei weiter.
Jahrelang haben mich die Sperlinge der großen Berliner Bahnhofshalle am Schlesischen Bahnhof amüsiert. Der riesige Schildkrötenpanzer des Hallendachs bot ihnen Unterkunft, der heiße Dampf der Lokomotive heizte ihnen das Heim, und da summten und zwitscherten sie nun in einem solchen Massenton, daß er zwischen allem Pfeifen und Dröhnen der unablässig ein- und ausrollenden Züge immer noch wie eine feste Grundmelodie zu vernehmen war.
In den ungeheuren Dimensionen menschlicher Kultur wiederholte dieses Dach den Vögelchen etwas, was findiger Spatzenverstand im fernen Afrika im kleinen selbst sich zu bauen weiß. Da haust im Mimosenwald der sogenannte Siedelsperling. Gleich den lustigen Vögeln bei Aristophanes ist er zu einer Art Staatenbildung übergegangen. Zu Tausenden bauen sie aus Gras ein gemeinsames Dach, das wie ein großer Heuschober in den Zweigen hängt, unter diesem Gemeinschaftshaus aber sitzen dann erst die Einzelnester, jedes mit seinem Eingang wie ein Häuschen in einer im ganzen wohlbefestigten Stadt.
Ein Seitenstück zu jenem Gesumme lustiger Großstadtvögel sind im Frühjahr die Frösche im Berliner Friedrichshain.
Ringsum die Mietskasernen himmelhoch wie Mauern um den grünen Fleck. Den ganzen Tag lärmt der wildeste Großstadttrubel daran hin. Nun in der Nacht aber ebbt das Geräusch langsam ein, bis gegen Morgen eine förmlich feierliche Ruhe kommt. Der Duft der zahllosen violetten Fliederblüten fließt vom Hain her in die öden Straßen. Und nun der Triller der Frösche, schmetternd laut, die Stimme des freien Eindringlings auf eine Weile Sieger über das ganze Maschinenwerk der Großstadt.
Unwillkürlich denkt man in solchem Moment an die Kraft dieses kleinen und kleinsten Tiervolks, an der sehr gut Wohl und Wehe einer ganzen Weltstadt hängen können.
Eine Weltstadt -- und trüge sie die Traditionen der ewigen Roma, die Traditionen einer Weltherrschaft: sie muß veröden, als unbewohnbar endlich doch noch verlassen werden, wenn eine ganz simple statistische Ziffer steigt -- die Ziffer der Malariaanfälle. Die Malaria, das tückische Sumpffieber, aber wird, wie wir heute zu wissen beginnen, eingeimpft durch eine Mücke. Ein gewisser Prozentsatz Mücken -- gegen Rom, das kein Barbarensturm in Jahrtausenden ernstlich hat bedrohen können!
Wir lassen eine andere Ziffer in Gedanken steigen, die Anzahl der Individuen des berüchtigten „Bohrwurms“, einer wurmartig gestalteten Muschel, die den solidesten Holzpfahl durchlöchert und verdirbt -- und eine Großstadt auf solchen Pfählen, wie Amsterdam, gerät ins Wanken, stürzt Vineta nach. Es war im Jahre 1730, als schon einmal die furchtbarste Panik durch Holland ging, aufregender als aller Kriegsschrecken dieses geprüften Landes: alle Dämme sollten stürzen, weil der Bohrwurm, winzig selbst nur wie ein Regenwurm, sich ins Ungemessene zu mehren beginne. Die Gefahr verzog sich noch einmal. Sie wäre, erfüllt, der absolute Untergang der ganzen Niederlande gewesen.
Dagegen aber das umgekehrte Bild: Trillionen und Abertrillionen, märchenhaft unfaßbare Zahlen winzigster, einzelliger Tierchen, der sogenannten Miliolideen, häufen ihre Kalkschalen aufeinander, bis aus dem Ganzen ein fester Kalkstein wird. Und aus solchem Kalkstein baut der Mensch eine Großstadt, baut sie, dank der Arbeitsleistung jener tierischen Baumeister, die Millionen von Jahren vor seiner Zeit lebten. Große Teile von Paris sind so entstanden.
Vor solchen Bildern gewinnt das Tierleben der Großstadt einen dämonischen Zug: die wirkende Kraft des Planeten erscheint darin, auf dem auch die meilenbreite Weltstadt nur ein Pünktchen, ein Schimmelfleckchen ist.
Keplers Traum vom Mond.
In unsern Tagen ist ein altes Buch wieder ausgegraben und lesbar übersetzt worden: Keplers „Traum“.
Dem äußeren Gewande nach ein launiges Märchen, enthält das Werk doch alles, was Kepler aus dem Wissen seiner Zeit und den Tiefen eigenen Forschergeistes über unsere Nachbarwelt, den Mond, zu sagen wußte.
Das kleine Buch verdient seine Auferstehung, die zugleich eine Rückverwandlung aus einem farblosen, angelernten Latein in die eigene Muttersprache des großen, liebenswürdigen Kerndeutschen Johannes Kepler ist. Und es verdient sie nicht bloß als eine besonders liebenswürdige Gabe des großen Mannes. Wer sie aufmerksam liest, dem erscheint wie eine seltsame, traumhafte Nebelgestalt hinter dem „Traum“ etwas viel Gewaltigeres.
Jahrhunderte menschlichen Erkenntnisdranges ziehen vorbei. Am Himmel glänzt geisterhaft die erleuchtete Mondscheibe, -- mitten im Vollglanz mit dem Rätsel ihrer dunklen Flecken. Geist, Auge und künstliches Sehwerkzeug des Menschen mühen sich darum. Immer neue Erklärungen -- und Irrtümer. Und das bis heute.
Kepler wollte ein Märchen vom Mond schreiben und gab eigentlich alle seine Weisheiten und Wahrheiten. Nun sind dreihundert Jahre darüber hin, und wir geben Weisheiten und Wahrheiten. Ob wohl eine dritte Zeit kommt, die uns nachweist, daß wir eigentlich Märchen geschrieben haben?
Es trifft das auf große Teile unserer wissenschaftlichen Forschung überhaupt zu, und der Gedanke lehrt Bescheidenheit. Der Mond ist nur ein einzelnes Beispiel. Aber er ist ein ganz besonders gutes, wohl wert, daß man sich einen Augenblick von ihm erzählen läßt, -- nicht wie er wirklich beschaffen ist, denn das ist ja von Kepler bis heute eben die Streitfrage; sondern wie mehr oder minder schlau die Menschenkinder fünfzigtausend Meilen weit von ihm entfernt auf der Erde sind.
In unsern Schulbüchern erscheint Kepler als der arme Mensch, der nach den Sternen schaute und darüber auf Erden verhungert ist. Das mag auf sein äußeres Leben zutreffen, obwohl es auch da beträchtlich übertrieben ist.
Innerlich aber ist Kepler einer der glücklichsten Menschen gewesen, die je gelebt haben. Er stand auf der Grenze zweier Zeiten und empfand das doch nicht als Bitterkeit. Der tiefe, befreiende Glaube seines Lebens war die Harmonie der Sterne. Und doch rangen sich gerade innerhalb dieses Harmonie-Gedankens damals zwei Welten des menschlichen Denkens, der menschlichen Deutung voneinander los.
Die eine Deutung reichte herauf von den Gefilden Chaldäas an der grauen Grenze aller höheren Menschheitskultur bis an den Hof Rudolfs des Zweiten von Habsburg und Wallensteins.
Sie suchte die erste und wichtigste Beziehung, die dem Menschengeiste zugänglich sei, in einem mystischen Harmonie-Verhältnis zwischen Stern und Mensch. Die Astrologie setzt hier ein. Das Schicksal jedes Einzelmenschen war das Schicksal seiner Sterne, die über der Geburtsstunde strahlten.
Man muß dieser Auslegung lassen, daß sie einen Punkt der Größe hatte: eben den Gedanken einer ewigen, ehernen Weltharmonie. Im letzten Gefüge des Kosmos hängt ja wirklich alles zusammen: der fernste, unserem Auge kaum noch glimmende Fixstern und das kleine Menschenkind, das in diesem oder jenem Augenblick auf dem Planeten Erde geboren wird. Aber um +diesen+ Zusammenhang in seinen Fäden zu erraten, gehörte eine ungeheuerliche Kenntnis des ganzen Kosmos dazu. Der Blick müßte das ganze Netz all der unzähligen Goldfäden wieder auseinanderspinnen, die durch die Millionen des Raumes, durch die Millionen der Zeit in diesem Kosmos gehen. Einem solchen schrankenlosen Blick würde die ganze sichtbare Welt wie ein unermeßlich sich breitender Baum erscheinen. Dort ein Sproß: der entlegene Fixstern; und hier einer: das Erdenkind, das zum erstenmal die blauen Augen gegen die Sonne kehrt.
Aber eine scherzhafte Vorstellung: solche wahre Weltenschau für eine Zeit, die noch nicht einmal die großen Planeten der Sonne alle kannte und weder recht ahnte, was ein Stern war, noch was ein Menschenkind war! Aus dem gesuchten Harmonie-Verhältnis wurde eine mehr oder minder grobe Spielerei, die ein Wissen vorspielte, das tatsächlich nicht bestand.
In Keplers Tagen erlosch trotz Rudolf und Wallenstein langsam das bleiche Gestirn dieses übereilten Glaubens an die astrologische Harmonie.
Kepler kämpfte das noch mit durch. Er stellte Horoskope, und die Menge feierte ihn als den König der astrologischen Propheten. Er aber mußte sich in unbefangener Stunde gestehen, daß sein nach Harmonien dürstendes Gemüt hier ein Feld beackere, das eitel Stein und Dornen war. „Wahrlich in aller meiner Wissenschaft der Astrologie“, schrieb er einmal, „weiß ich nit so viel Gewißheit, daß ich eine einzige Spezialsach mit Sicherheit dürfte vorsagen.“
Die Dinge spitzten sich scharf genug zu, daß ein faustischer Zweifler mit aller Bitterkeit des Zweifels sich hätte entwickeln können, -- bis zum Verzweifeln.
Aber es lag in der Gunst dieser gleichen Menschheitsstunde, daß sie die Sehnsucht nach Harmonie auf ein neues Gebiet von unvergleichlich fruchtbarerer, wenn schon schwererer Art hinüberleiten sollte.
Neben diese Astrologie trat die durch Kopernikus eben in neue Bahn gelenkte Astronomie. Sank auch die erträumte Harmonie zwischen Stern und Mensch, so bot sich doch ein neuer, eigentlich ebenso wunderbarer Einblick in harmonische Verhältnisse der bewegten Sterne des Sonnensystems unter sich.
Und der Mensch, wenn er auch aus dem Prophezeien seiner kleinen Lebensgeheimnisse herausgeriet, durfte sich doch auf einmal als Mitwisser fühlen erhabenster kosmischer Zusammenhänge. Eine neue Gottesflamme loderte in seinem Blick. Ein riesengroßes Stück Welt erwies sich erbaut auf Maß und Verhältnis -- ein Stück Welt, in dem ganze Planetenabstände und Umläufe nur Stationen, nur rhythmische Wellen, nur Ziffern einer mathematischen Gleichung waren.
In dieser neuen Harmonie der Sterne lag Keplers wahres Schicksal, und sein wahres Glück war zugleich, wie glatt er den Weg hier hinüber fand. Der zweifelnde Astrolog entdeckte die unanzweifelbaren „Keplerschen Gesetze“ des Planetensystems. Freilich mußte er dazu sich auf ganz andere Hülfsmethoden einschulen, und es war eben seine geistige Größe, die ihm das ermöglichte, die Geisteskraft, die ihn zum Schüler und Erben des großen Beobachters Tycho Brahe werden ließ und ihm schließlich den Rang auch des kenntnisreichsten und gerade streng wissenschaftlich logisch schärfsten Astronomen seiner Zeit errungen hat.
Und doch immer der gleiche Grundgedanke: Weltenharmonie!
Kepler hörte auf, Astrolog zu sein. Aber nur, weil er ein besseres Gebiet für seine tiefe +künstlerische+ Sehnsucht fand. Der Traum erlosch ihm, daß etwa die Stellung des Planeten Mars an dieser oder jener Himmelsstelle das Glück oder Unglück einer armen umgetriebenen Menschenseele bedeuten sollte. Sein ganzes inbrünstiges, echt künstlerisches Verlangen aber fand Befriedigung in der sicheren Erkenntnis, daß sich etwa die Quadrate der Umlaufszeiten aller Planeten wie die Würfel ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne verhalten.
In einem Gemisch von kühn herumversuchender Phantasie und schärfster Nachrechnung auf Grund der vorhandenen Beobachtungen gewonnen, beruhigte solche Erkenntnis zugleich sein Harmoniebedürfnis vollkommen. Es war ein Fall für viele. Dieser eine exakt begründet und sicherlich „stimmend“, -- das genügte ihm. Mit Phantasie sah er dann dahinter zahllose Zusammenschlüsse ähnlicher Art, -- bis zu dem goldenen Endziel einer Welt, wo alles in der Seligkeit +unermeßlich+ ineinandergeschachtelter Harmonien hing.
Man muß sich diese Dinge kurz vergegenwärtigen, wenn man Keplers strahlenden Lebensinhalt in seiner Freudigkeit und seiner, man möchte wohl sagen, Skrupellosigkeit recht verstehen will.
Phantasie und Wirklichkeit, das Ideal harmonisch schaffender Kunst und die langsam von Fall zu Fall kritisch vorschreitende Forschung der Wissenschaft stellten sich diesem großen Pfadfinder an der Scheide zweier Zeiten in vollkommener Versöhnung dar. Jede war ihm nur eine Schale desselben Kerns. Phantasie und Forschung strebten beide auf dasselbe Endziel. Und die Wahrheit war nicht ein leidiger Kompromiß beider, sondern ihre Begegnung im Sinne, wie sich zwei Bergleute endlich begegnen, die von zwei Seiten her einen Tunnel gegraben haben.
In unserem Jahrhundert ist Fechner eine verwandte Natur gewesen. Ich glaube, daß die Zeit nahe ist, wo wir allgemein wieder mehr das Bedürfnis empfinden werden, zu solchen Gestalten gerade wie Kepler oder Fechner zurückzukehren, -- zu unserer Beruhigung im vollen Ideal ohne Zwiespalt.
In diesem innerlich sonnigen Leben spielte nun der Mond allezeit seine bedeutende Rolle.
Kopernikus hatte die Welt neu gemacht. Tycho hatte noch nicht daran geglaubt. Jetzt für Kepler aber bestand kein Zweifel mehr. Durch das ganze Geistesleben der Menschheit schillerten die Lichter des neuen großen Gedankens: die Erde ist bewegt, die Sonne ruht, alle Planeten umwandeln sie. Der Mond war dabei der einzige, der in seiner alten Bahn blieb. Von allen blieb er auch +nach+ Kopernikus noch der Erde treu. Und doch mußte auch für ihn mancherlei umgedacht werden.
Wenn man sich mit Phantasie auf ihn selber hindachte, die Erde, die Planeten, das ganze System von ihm aus beobachtet dachte, -- wie würden die Dinge jetzt aussehen? Die Phantasie hatte eine ganz neue Basis, auf der sie aufbauen konnte. Wenn es Mondbewohner gab -- das klassische Altertum hatte schon an so etwas gedacht --, wenn diese Mondbewohner Astronomie trieben, die Gestirne beobachteten, -- wie erschienen ihnen die Verhältnisse, die Bewegungen, die Kopernikus lehrte, da oben?
Aus solchen Ideen ist Kepler auf das kleine Buch gekommen, das Ludwig Günther übersetzt hat: eine „Astronomie des Mondes“ in dem Sinne, daß die kopernikanische Astronomie dargelegt wird vom Standpunkt des Mondes als Sternwarte aus.
Heute erscheint uns das an sich nicht mehr als etwas so Außergewöhnliches. Wir sind alle an volkstümliche Werke über Himmelskunde gewöhnt, die von Schilderungen und Abbildungen strotzen, wie etwa die Erde vom Mond gesehen ausschaut, oder die Sonne vom Jupiter, oder der Ring des Saturn von seinem Planeten aus.
Damals aber war es in seiner Art ein geradezu kolossaler Gedanke, so etwas aus gutem Wissen und einer Phantasie, die sich nicht scheute, auf dem Kopf zu laufen, in einem ersten Beispiel zusammenzubrauen.
Kepler hat viele Jahre an dem Büchlein herumgefeilt. Erst hat er es im Umriß rasch improvisiert, bis gegen 1609 hin. Dann hat er es lange liegen lassen, um in reifsten Jahren selber eine Art kritischen Kommentar dazu wie zu einer wiedergefundenen Jugendarbeit zu schreiben. Trennen konnte er sich auch jetzt noch nicht so davon, daß er es der Oeffentlichkeit anvertraut hätte. 1629 schrieb er an einen Freund in scherzendem Tone darüber als eine Art Bädecker für Mondreisende, wie wir heute sagen würden: „Verjagt man uns von der Erde, so wird mein Buch als Führer den Auswanderern und Pilgern zum Monde nützlich sein.“
Es war ein Jahr vor seinem Tode, in einer Zeit höchster materieller Bedrängnis, wo er auf Zahlungen aus Wallensteins leerer Kasse wartete, die nie erfolgt sind. Im letzten Moment, da es ihm selber schon eine Reise galt, größer als ins Mondland, scheint er den Druck doch noch begonnen zu haben. Tatsächlich erschienen ist das Büchlein aber erst Jahre nach seinem Ende, herausgegeben vom Sohne, 1634. Und auch dann noch ist es redlich übersehen und vergessen worden. Selbst Astronomen, die Keplers innerste Art nicht begriffen hatten, hielten es für einen wertlosen Scherz.
Die äußere Form ist auch wirklich eine scherzhafte, wenn schon mit hübscher Vertiefung. Kepler liegt auf dem Ruhebett und schläft. Die Uebersetzung bietet ein vorzügliches Bild von ihm als willkommene Beigabe, in den hohlen Wangen mancher Gram, manche Resignation, auch gewiß physisches Leiden; aber im Auge dabei über dem steifen Halskragen und modischen Knebelbart ein ganz leiser schalkhafter Zug, als habe er einzelne Sätze des Mondbuchs auf der Zunge. Etwa die gute Stelle: „Im Traum wird Freiheit des Denkens gefordert, zuweilen auch dafür, was in Wirklichkeit wohl nicht besteht.“
Den Schlafenden fesselt alsbald wirklich ein Traum. Ihm ist zu Sinne, als habe er sich ein Buch auf der Messe gekauft und lese darin. Und er liest ein Märchen. Ein Sohn Islands ist zum weisen Tycho gekommen und hat sich dort in die Astronomenweisweisheit über den Mond einweihen lassen. Nach Jahren kehrt er in seine rauhe Heimat zurück. Er findet seine Mutter wieder, ein altes Kräuterweib. Und staunend erfährt er, daß sie noch tiefere Kenntnis vom Monde hat als alle Tychos der Welt. Was dort nur Rechnung und Theorie ist, das ist für sie ein magischer Zauber, der ihr das Geheimnis ferner Welten leibhaftig offenbart. Mit dem Zauberwort „Kopernikanische Astronomie“ beschwört sie nicht Ziffern, sondern einen wirklichen Geist. Und der Geist erhebt seine Stimme und schildert das Wunderland Levania, fünfzigtausend Meilen weit draußen im Aetherblau. Es ist der Mond. Aber der Name „Levania“ zeigt, daß wir das Bereich der registrierenden kalten Wissenschaft verlassen haben und auf den Flügeln der Phantasie gehen, die alles mit eigener Lebenswärme und individuellen Namen von innen heraus durchseelt. Immer wird die Darstellung so weit an der Grenze der Symbolik gehalten, daß der sinnige Leser die Laune nicht verliert, und nur ab und zu schlägt ein besonders guter Einfall um des Witzes oder der Belehrung willen über die Stränge.
Keplers Geister -- die verkörperten Gedanken und Beobachtungen der Astronomie -- schweben lustig zwischen Erde und Mond. Aber doch mit einer gewissen Regel. Sie scheuen das Tageslicht, ihr rechtes Reich ist von Natur die Nachtseite der Erde, der Schattenkegel, den die Erdkugel in den Raum hinauswirft. Geht dieser Schattenkegel über den Mond selber hinweg -- also bei der Mondfinsternis, -- so ist die ganze Bahn frei, und die Geister schweben bis zum Mond, wobei sie sich freilich etwas beeilen müssen, da der Spaß nicht lange dauert. Umgekehrt die Heimkehr ist nur ermöglicht, wenn der Mond selber zwischen Sonne und Erde steht, also seinerseits -- in der Sonnenfinsternis -- einen vollen Schattenraum zwischen sich und der Erde erzeugt.
Die symbolische Beziehung auf die Hauptgelegenheiten astronomischer Mondforschung: in der Nacht überhaupt und vor allem bei den Finsternissen, liegt auf der Hand. Der Scherz kommt gröber zu seinem Recht, indem Kepler hinzusetzt: es flögen bei jeder guten Gelegenheit der Art die Geister zwar leicht dahin und zurück, verzweifelt schwer aber sei es, erdgeborene Menschenkinder mitzuschleifen. Besonders die Dicken und noch ein paar andere hätten viel Gefahr. Mit Humor wird die Reise dann wirklich ausgemalt: wie die Geister die Menschen zuerst blitzschnell emporreißen bis auf den Punkt, wo, wie Kepler sich ausdrückt, die „magnetischen Wirkungen“ des Mondes die der Erde überwiegen, so daß der Absturz gegen den Mond von selber ohne weitere Hülfe erfolgt.
Die Schilderung ist weit vom Scherz fort interessant wegen ihrer Stellungnahme zur Lehre von der Schwere. Für Kepler ist das, was wir heute Gravitation oder Massenanziehung (also beispielsweise Anziehung der Erde gegenüber dem Monde) nennen, noch eine Art Magnetismus. Wir stehen, wohl bemerkt, noch weit über ein halbes Jahrhundert vor der Tat Newtons. Immerhin war aber Kepler in der Sache Newton schon so nahe, daß man fast sagen kann: Newton hat bloß in einen scharfen Satz gebracht, was Kepler oft schon fast als etwas Selbstverständliches handhabt.
Sehr drollig und zugleich doch auch in diesem Sinne lehrreich ist, wenn er unmittelbar danach sagt, es ballten sich an jenem kritischen Punkte (also im Moment, da die Erdschwere und Mondschwere sich in dem Fliegenden die Wage halten) die Körper zusammen „wie die Spinnen“, -- und das durch den charakteristischen Satz erläutert: „Indem die magnetischen Wirkungen von Erde und Mond durch gegenseitige Anziehung die Körper in der Schwebe halten, ist es gleichsam, als ob keine von beiden anziehe. Dann also zieht der Leib selbst als Ganzes seine Glieder, als den geringeren Teil, durch das Ganze an.“
Auf dem Monde angekommen, verstecken sich die lichtscheuen Geister alsbald in den tiefen Höhlungen, um der jäh wiederkehrenden Sonne zu entgehen. Kepler macht dazu die hübsche Randnote: es deute das allegorisch auf die gelehrte Abgeschlossenheit, die vor dem „Sonnenschein“ der Geschäfte des gemeinen Lebens flüchte, um in ihrer Stille das astronomische Resultat der Mondfinsternis durchzurechnen. „Ich hatte“, fügt er hinzu, „zu Prag eine Wohnung, wo kein Ort bequemer war, um den Durchmesser der Sonne zu beobachten, als der Bierkeller; aus demselben richtete ich durch ein Loch in der Decke den Tubus nach der Mittagssonne um den längsten Tag.“
Die Stelle ist nicht ganz unverfänglich. Denn der gute Kepler kam aus der Schule Tychos, und Herr Tycho wiederum war dafür bekannt, daß seine verdienstlichen Studien über Mond und Mars nicht weniger gründlich zu sein pflegten, als seine Studien im Fassesgrund. Tycho erfreute sich dabei noch einer Eigenschaft, um die ihn manche verwandte Seele beneidet haben mag: die Naturfärbung seiner Nase war nämlich nicht festzustellen, da ihm schon in hitziger Jugend die ganze Nase beim Duell heruntergeschlagen worden war und einen Ersatz in Silber gefunden hatte.
Die symbolisch spielende Einleitung bricht hier ab. Kepler hat uns, wo er uns haben will: auf dem Monde selbst. Und auf einmal ist es, als raffe sich jetzt im Träumenden der Astronom zu Keplers wirklicher Größe auf, mit allem Ernst der Logik, vor deren Sonne die Traumgeister tatsächlich in ihre Löcher kriechen.
In einem großen hellen Panorama zieht die Himmelswelt, vom Monde gesehen, vorbei. Der Mond erscheint, wie es vollkommen richtig ist, mit seiner strengen Teilung in eine der Erde zugewandte und eine ewig abgewandte Seite.