Von morgens bis mitternachts

Part 2

Chapter 23,548 wordsPublic domain

Ich habe sechzigtausend eingesteckt. Fünfzigtausend in Scheinen -- zehntausend in Gold.

DAME

Davon gehören mir --?

KASSIERER

bricht eine Rolle auf und zählt fachmännisch die Stücke in eine Hand vor, dann auf den Tisch hin.

Nehmen Sie. Stecken Sie fort. Wir könnten belauscht sein. Die Tür hat Glasscheiben. Fünfhundert in Gold.

DAME

Fünfhundert?

KASSIERER

Später mehr. Wenn wir in Sicherheit sind. Hier dürfen wir nichts sehen lassen. Vorwärts. Einkassiert. Für Zärtlichkeiten ist diese Stunde nicht geeignet, sie dreht rasend ihre Speichen, in denen jeder Arm zermalmt wird, der eingreift!

Er springt auf.

DAME

Ich brauche dreitausend.

KASSIERER

Wenn sie die Polizei in Ihrer Tasche findet, sind Sie hinter Schloß und Riegel gesetzt!

DAME

Was geht es die Polizei an?

KASSIERER

Sie erfüllten den Kassenraum. An Sie hakt sich der Verdacht, und unsere Verkettung liegt zutage.

DAME

Ich betrat den Kassenraum --

KASSIERER

Unverfroren.

DAME

Ich forderte --

KASSIERER

Sie versuchten.

DAME

Ich suchte --

KASSIERER

-- die Bank zu prellen, als Sie Ihren gefälschten Brief präsentierten.

DAME

aus ihrer Handtasche den Brief nehmend.

Dieser Brief ist nicht echt?

KASSIERER

So unecht wie Ihre Brillanten.

DAME

Ich bot meine Wertsachen als Pfand an. Warum sind meine Pretiosen Imitationen?

KASSIERER

Damen Ihres Schlages blenden nur.

DAME

Von welchem Schlage bin ich denn? Schwarzhaarig -- mein Teint ist dunkel. Ich bin südlicher Schlag. Toskana.

KASSIERER

Monte Carlo!

DAME

lächelt.

Nein, Florenz!

KASSIERER

sein Blick stürzt auf Hut und Mantel des Sohnes.

Komme ich zu spät?

DAME

Zu spät?

KASSIERER

Wo ist er? Ich werde mit ihm verhandeln. Er wird mit sich handeln lassen. Ich habe Mittel. Wieviel soll ich ihm bieten? Wie hoch veranschlagen Sie die Entschädigung? Wieviel stopfe ich ihm in die Tasche? Ich steigere bis zu fünfzehntausend! -- Schläft er? Rekelt er sich im Bett? Wo ist Euer Zimmer? Zwanzigtausend -- fünftausend mehr für unverzögerten Abstand!

Er rafft Hut und Mantel vom Sessel.

Ich bringe ihm seine Sachen.

DAME

verwundert.

Der Herr sitzt im Vestibül.

KASSIERER

Das ist zu gefährlich. Es ist belebt unten. Rufen Sie ihn herauf. Ich setze ihn hier matt. Klingeln Sie. Der Kellner soll fliegen. Zwanzigtausend -- in Scheinen!

Er zählt auf.

DAME

Kann mein Sohn mich legitimieren?

KASSIERER

prallt zurück.

Ihr -- -- Sohn?!

DAME

Ich reise mit ihm. Ich begleite ihn auf einer Studienreise, die uns von Florenz nach Deutschland führt. Mein Sohn sucht Material für sein kunsthistorisches Werk.

KASSIERER

starrt sie an.

-- -- Sohn?!

DAME

Ist das so ungeheuerlich?

KASSIERER

wirr.

Dies -- -- Bild?!

DAME

Ist sein glücklicher Fund. Mit dreitausend bezahlt es mein Sohn. Das sind die von mir sehnlich gewünschten Dreitausend. Ein Weingroßhändler -- den Sie ja kennen werden, wenn Sie seinen Namen hören -- überläßt es ihm zu diesem Preis.

KASSIERER

-- -- Pelz -- -- Seide -- -- es schillerte und knisterte -- -- die Luft wogte von allen Parfümen!

DAME

Es ist Winter. Ich trage nach meinen Begriffen keine besondere Kleidung.

KASSIERER

Der falsche Brief?!

DAME

Ich bin im Begriff, an meine Bank zu depeschieren!

KASSIERER

Ihr Handgelenk nackt -- -- um das ich die Kette ranken sollte?!

DAME

Die linke Hand allein ist ungeschickt.

KASSIERER

dumpf.

Ich habe -- -- das Geld eingesteckt -- -- -- --

DAME

belustigt.

Sind Sie und die Polizei nun zufrieden? Mein Sohn ist wissenschaftlich nicht unbekannt.

KASSIERER

Jetzt -- -- in diesem Moment werde ich vermißt. Ich hatte Wasser für mich bestellt, um den Gehilfen zu entfernen -- zweimal Wasser, um die Tür vom Portier zu entblößen. Die Noten und Rollen sind verschwunden. Ich habe defraudiert! -- -- Ich darf mich nicht in den Straßen -- auf dem Markt sehen lassen. Ich darf den Bahnhof nicht betreten. Die Polizei ist auf den Beinen. Sechzigtausend! -- -- Ich muß übers Feld -- quer durch den Schnee, bevor die Gendarmen alarmiert sind!

DAME

entsetzt.

Schweigen Sie doch!

KASSIERER

Ich habe alles Geld eingesteckt -- -- Sie erfüllten den Kassenraum -- -- Sie schillerten und knisterten -- -- Sie senkten Ihre nackte Hand in meine -- -- Sie rochen heiß -- -- Ihr Mund roch -- --

DAME

Ich bin eine Dame!

KASSIERER

stier.

Jetzt müssen Sie doch -- --!!

DAME

sich bezwingend.

Sind Sie verheiratet?

Auf seine schwingende Geste.

Ich meine, das gilt sehr viel. Wenn ich es nicht überhaupt als einen Scherz auffassen soll. Sie haben sich zu einer unüberlegten Handlung hinreißen lassen. Sie reparieren den Schaden. Sie kehren in Ihren Schalter zurück und schützen ein momentanes Unwohlsein vor. Sie haben den vollen Betrag noch bei sich?

KASSIERER

Ich habe mich an der Kasse vergriffen --

DAME

schroff.

Das interessiert mich dann nicht weiter.

KASSIERER

Ich habe die Bank geplündert --

DAME

Sie belästigen mich, mein Herr.

KASSIERER

Jetzt müssen Sie -- --

DAME

Was ich müßte --

KASSIERER

Jetzt müssen Sie doch!!

DAME

Lächerlich.

KASSIERER

Ich habe geraubt, gestohlen. Ich habe mich ausgeliefert -- ich habe meine Existenz vernichtet -- alle Brücken sind gesprengt -- ich bin ein Dieb -- Räuber -- --

Über den Tisch geworfen.

Jetzt müssen Sie doch -- -- jetzt müssen Sie doch!!!

DAME

Ich werde Ihnen meinen Sohn rufen, vielleicht -- --

KASSIERER

verändert, agil.

Jemanden rufen? Allerweltsleute rufen? Alarm schlagen? Großartig! -- Dumm. Plump. Mich fangen sie nicht ein. In die Falle trete ich nicht. Ich habe meinen Witz, meine Herrschaften. Euer Witz tappt hinterher -- ich immer zehn Kilometer voraus. Rühren Sie sich nicht. Stillgesessen, bis ich --

Er steckt das Geld ein, drückt den Hut ins Gesicht, preßt den Mantel auf die Brust.

Bis ich --

Behende geräuschlos durch die Glastür ab.

DAME

steht verwirrt.

SOHN

kommt.

Der Herr von der Bank ging aus dem Hotel. Du bist erregt, Mama. Ist das Geld --

DAME

Die Unterhaltung hat mich angestrengt. Geldsachen, Jungchen. Du weißt, es reizt mich immer etwas.

SOHN

Sind Schwierigkeiten entstanden, die die Auszahlung wieder aufhalten?

DAME

Ich müßte es dir vielleicht doch sagen --

SOHN

Muß ich das Bild zurückgeben?

DAME

An das Bild denke ich nicht.

SOHN

Das geht uns doch am meisten an.

DAME

Ich glaube, ich muß sogleich eine Anzeige erstatten.

SOHN

Was für eine Anzeige?

DAME

Die Depesche besorge. Ich muß unter allen Umständen von meiner Bank eine Bestätigung in Händen haben.

SOHN

Genügt dein Bankbrief nicht?

DAME

Nein. Nicht ganz. Geh nach dem Telegraphenamt. Ich möchte den Portier nicht mit der offenen Depesche schicken.

SOHN

Und wann kommt nun das Geld?

Das Telephon schrillt.

DAME

Da werde ich schon angerufen.

Am Apparat.

Ist eingetroffen. Ich soll selbst abheben. Gern. Aber bitte, Herr Direktor. Ich bin gar nicht aufgebracht. Florenz ist weit. Ja, die Post in Italien. Wie? Warum? Wie? Ja, warum? Ach so -- via Berlin, das ist allerdings ein großer Umweg. -- Mit keinem Gedanken. Danke, Herr Direktor. In zehn Minuten. Adieu.

Zum Sohn.

Erledigt, Junge. Meine Depesche ist überflüssig geworden.

Sie zerreißt das Formular.

Du hast dein Bild. Dein Weinhändler begleitet uns. Er nimmt auf der Bank den Betrag in Empfang. Verpacke deinen Schatz. Von der Bank fahren wir zum Bahnhof.

Telephonierend, während Sohn das Bild verhüllt.

Ich bitte um die Rechnung. Zimmer vierzehn und sechzehn. Sehr eilig. Bitte.

Verschneites Feld mit Baum mit tiefreichender Astwirrnis. Blauschattende Sonne.

KASSIERER

kommt, rückwärts gehend. Er schaufelt mit den Händen seine Spur zu. Sich aufrichtend.

Solch ein Mensch ist doch ein Wunderwerk. Der Mechanismus klappt in Scharnieren -- lautlos. Plötzlich sind Fähigkeiten ermittelt und mit Schwung tätig. Wie gebärden sich meine Hände? Wo haben sie Schnee geschippt? Jetzt wuchten sie die Massen, daß die Flocken stäuben. Überdies ist meine Spur über das Schneefeld wirkungsvoll verwischt. Erzielt ist ein undurchsichtiges Inkognito!

Er streift die erweichten Manschetten ab.

Nässe und Frost begünstigen scharfe Erkältungen. Unversehens bricht Fieber aus und beeinflußt die Entschlüsse. Man verliert die Kontrolle über seine Handlungen, und aufs Krankenbett geworfen, ist man geliefert!

Er knöpft die Knöpfe heraus und schleudert die Manschetten weg.

Ausgedient. Da liegt. Ihr werdet in der Wäsche fehlen. Das Lamento plärrt durch die Küche: ein Paar Manschetten fehlt. Katastrophe im Waschkessel. Weltuntergang!

Er sammelt die Manschetten wieder auf und stopft sie in die Manteltaschen.

Toll: da arbeitet mein Witz schon wieder. Mit unfehlbarer Sicherheit. Ich quäle mich mit dem zerstampften Schnee ab und verrate mich mit zwei leichtsinnig verschleuderten Wäschestücken. Meist ist es eine Kleinigkeit -- ein Versehen -- eine Flüchtigkeit, die den Täter feststellt. Hopla!

Er sucht sich einen bequemen Sitz in einer Astgabel.

Ich bin doch neugierig. Meine Spannung ist gewaltig geschwollen. Ich habe Grund, mich auf die wichtigsten Entdeckungen gefaßt zu machen. Im Fluge gewonnene Erfahrungen stehen mir zur Seite. Am Morgen noch erprobter Beamter. Man vertraut mir runde Vermögen an, der Bauverein deponiert Riesensummen. Mittags ein durchtriebener Halunke. Mit allen Wassern gewaschen. Die Technik der Flucht bis in die Details durchgebildet. Das Ding gedreht und hin. Fabelhafte Leistung. Und der Tag erst zur Hälfte bezwungen!

Er stützt das Kinn auf die Faustrücken.

Ich bin bereit, jedem Vorfall eine offene Brust zu bieten. Ich besitze untrügliche Zeichen, keinem Anspruch die Antwort schuldig zu bleiben. Ich bin auf dem Marsche -- Umkehr findet nicht statt. Ich marschiere -- also ohne viel Federlesen heraus mit den Trümpfen. Ich habe sechzigtausend auf die Karte gesetzt -- und erwarte den Trumpf. Ich spiele zu hoch, um zu verlieren. Keine Flausen -- aufgedeckt und heda! Verstanden?

Er lacht ein krächzendes Gelächter.

Jetzt müssen Sie, schöne Dame. Ihr Stichwort, seidene Dame. Bringen Sie es doch, schillernde Dame, Sie lassen ja die Szene unter den Tisch fallen. Dummes Luder. Und sowas spielt Komödie. Kommt euren natürlichen Verpflichtungen nach, zeugt Kinder -- und belästigt nicht die Souffleuse! Verzeihung, Sie haben ja einen Sohn. Sie sind vollständig legitimiert. Ich liquidiere meine Verdächtigungen. Leben Sie wohl und grüßen Sie den Direktor. Seine Kalbsaugen werden Sie mit einem eklen Schleim bestreichen, aber machen Sie sich nichts draus. Der Mann ist um sechzigtausend geprellt, der Bauverein wird ihm das Dach neu beschindeln. Das klappert erbärmlich. Ich entbinde Sie aller Verpflichtungen gegen mich, Sie sind entlassen, Sie können gehen. -- Halt! Nehmen Sie meinen Dank auf den Weg -- in die Eisenbahn! -- Was? Keine Ursache? -- Ich denke, bedeutende! Nicht der Rede wert? -- Sie scherzen, Ihr Schuldner! Wieso? -- Ich verdanke Ihnen das Leben! -- Um Himmels willen! -- Ich übertreibe! Mich haben Sie, knisternd, aufgelockert. Ein Sprung hinter Sie drein stellt mich in den Brennpunkt unerhörter Geschehnisse. Und mit der Fracht in der Brusttasche zahle ich alle Begünstigungen bar!

Mit einer nachlässigen Geste.

Verduften Sie jetzt, Sie sind bereits überboten und können bei beschränkten Mitteln -- ziehen Sie sich Ihren Sohn zu Gemüte -- auf keinen Zuschlag hoffen!

Er holt das Banknotenbündel aus der Tasche und klatscht es auf die Hand.

Ich zahle bar! Der Betrag ist flüssig gemacht -- Regulierung läuft dem Angebot voraus. Vorwärts, was bietet sich?

Er sieht in das Feld.

Schnee. Schnee. Sonne. Stille.

Er schüttelt den Kopf und steckt das Geld ein.

Es wäre eine schamlose Übervorteilung -- mit dieser Summe blauen Schnee zu bezahlen. Ich mache das Geschäft nicht. Ich trete vor dem Abschluß zurück. Keine reelle Sache!

Die Arme aufwerfend.

Ich muß bezahlen!! -- -- Ich habe das Geld bar!! -- -- Wo ist Ware, die man mit dem vollen Einsatz kauft?! Mit sechzigtausend -- und dem ganzen Käufer mit Haut und Knochen?! -- --

Schreiend.

Ihr müßt mir doch liefern -- -- ihr müßt doch Wert und Gegenwert in Einklang bringen!!!!

Sonne von Wolken verfinstert. Er steigt aus der Gabel.

Die Erde kreißt -- Frühlingsstürme. Es macht sich, es macht sich. Ich wußte, daß ich nicht umsonst gerufen habe. Die Aufforderung war dringend. Das Chaos ist beleidigt, es will sich nicht vor meiner eingreifenden Tat am Vormittag blamieren. Ich wußte es ja, man darf in solchen Fällen nicht locker lassen. Hart auf den Leib rücken -- und das Mäntelchen vom Leib, dann zeigt sich was! -- Vor wem lüfte ich denn so höflich meinen Hut?

Sein Hut ist ihm entrissen. Der Orkan hat den Schnee von den Zweigen gepeitscht: Reste in der Krone haften und bauen ein menschliches Gerippe mit grinsenden Kiefern auf. Eine Knochenhand hält den Hut.

Hast du die ganze Zeit hinter mir gesessen und mich belauscht? Bist du ein Abgesandter der Polizei? Nicht in diesem lächerlich beschränkten Sinne. Umfassend: Polizei des Daseins? -- Bist du die erschöpfende Antwort auf meine nachdrückliche Befragung? Willst du mit deiner einigermaßen reichlich durchlöcherten Existenz andeuten: das abschließende Ergebnis -- deine Abgebranntheit? -- Das ist etwas dürftig. Sehr dürftig. Nämlich nichts! -- Ich lehne die Auskunft als nicht lückenlos ab. Ich danke für die Bedienung. Schließen Sie Ihren Laden mit alten Knochen. Ich bin nicht der erste beste, der sich beschwatzen läßt! -- Der Vorgang wäre ja ungeheuer einfach. Sie entheben der weiteren Verwickelungen. Aber ich schätze Komplikationen höher. Leben Sie wohl -- wenn Sie das in Ihrer Verfassung können! -- Ich habe noch einiges zu erledigen. Wenn man unterwegs ist, kann man nicht in jede Haustür eintreten. Auch auf die freundlichste Einladung nicht. Ich sehe bis zum Abend noch eine ganze Menge Verpflichtungen vor mir. Sie können unmöglich die erste sein. Vielleicht die letzte. Aber auch dann nur notgedrungen. Vergnügen macht es mir nicht. Aber, wie gesagt, notgedrungen -- darüber läßt sich reden. Rufen Sie mich gegen Mitternacht nochmals an. Wechselnde Telephonnummer beim Amt zu erfragen! -- Verzeihung, ich rede dich mit Sie an. Wir stehen doch wohl auf du und du. Die Verwandtschaft bezeugt sich innigst. Ich glaube sogar, du steckst in mir drin. Also winde dich aus dem Astwerk los, das dich von allen Seiten durchsticht, und rutsche in mich hinein. Ich hinterlasse in meiner zweideutigen Lage nicht gern Spuren. Vorher gib mir meinen Hut wieder!

Er nimmt den Hut vom Ast, den der Sturm ihm jetzt entgegenbiegt -- verbeugt sich.

Ich sehe, wir haben bis zu einem annehmbaren Grade eine Verständigung erzielt. Das ist ein Anfang, der Vertrauen einflößt und im Wirbel kommender großartiger Ereignisse den nötigen Rückhalt schafft. Ich weiß das unbedingt zu würdigen. Mit vorzüglicher Hochachtung -- --

Donner rollt. Ein letzter Windstoß fegt auch das Gebilde aus dem Baum. Sonne bricht durch. Es ist hell wie zu Anfang.

Ich sagte doch gleich, daß die Erscheinung nur vorübergehend war!

Er drückt den Hut in die Stirn, schlägt den Mantelkragen hoch und trabt durch den stäubenden Schnee weg.

ZWEITER TEIL

Stube bei Kassierer. Fenster mit abgeblühten Geranien. Zwei Türen hinten, Tür rechts. Tisch und Stühle. Klavier.

Mutter sitzt am Fenster. Erste Tochter stickt am Tisch. Zweite Tochter übt die Tannhäuserouvertüre. Frau geht durch die Tür rechts hinten ein und aus.

MUTTER

Was spielst du jetzt?

ERSTE TOCHTER

Es ist doch die Tannhäuserouvertüre.

MUTTER

Die Weiße Dame ist auch sehr schön.

ERSTE TOCHTER

Die hat sie diese Woche nickt abonniert.

FRAU

kommt.

Es ist Zeit, daß ich die Koteletts brate.

ERSTE TOCHTER

Lange noch nicht, Mutter.

FRAU

Nein, es ist noch nicht Zeit, daß ich die Koteletts brate.

Ab.

MUTTER

Was stickst du jetzt?

ERSTE TOCHTER

Die Langetten.

FRAU

kommt zur Mutter.

Wir haben heute Koteletts.

MUTTER

Bratest du sie jetzt?

FRAU

Es hat noch Zeit. Es ist ja noch nicht Mittag.

ERSTE TOCHTER

Es ist ja noch lange nicht Mittag.

FRAU

Nein, es ist noch lange nicht Mittag.

MUTTER

Wenn er kommt, ist es Mittag.

FRAU

Er kommt noch nicht.

ERSTE TOCHTER

Wenn Vater kommt, ist es Mittag.

FRAU

Ja.

Ab.

ZWEITE TOCHTER

aufhörend, lauschend.

Vater?

ERSTE TOCHTER

ebenso.

Vater?

FRAU

kommt.

Mein Mann?

MUTTER

Mein Sohn?

ZWEITE TOCHTER

öffnet rechts.

Vater!

ERSTE TOCHTER

ist aufgestanden.

Vater!

FRAU

Der Mann!

MUTTER

Der Sohn!

KASSIERER

tritt rechts ein, hängt Hut und Mantel auf.

FRAU

Woher kommst du?

KASSIERER

Vom Friedhof.

MUTTER

Ist jemand plötzlich gestorben?

KASSIERER

klopft ihr auf den Rücken.

Man kann wohl plötzlich sterben, aber nicht plötzlich begraben werden.

FRAU

Woher kommst du?

KASSIERER

Aus dem Grabe. Ich habe meine Stirn durch Schollen gebohrt. Hier hängt noch Eis. Es hat besondere Anstrengungen gekostet, um durchzukommen. Ganz besondere Anstrengungen. Ich habe mir die Finger etwas beschmutzt. Man muß lange Finger machen, um hinauszugreifen. Man liegt tief gebettet. So ein Leben lang schaufelt mächtig. Berge sind auf einen getürmt. Schutt, Müll -- es ist ein riesiger Abladeplatz. Die Gestorbenen liegen ihre drei Meter abgezählt unter der Oberfläche -- die Lebenden verschüttet es immer tiefer.

FRAU

Du bist eingefroren -- oben und unten.

KASSIERER

Aufgetaut! Von Stürmen -- frühlinghaft -- geschüttelt. Es rauschte und brauste -- ich sage dir, es hieb mir das Fleisch herunter, und mein Gebein saß nackt. Knochen -- gebleicht in Minuten. Schädelstätte! Zuletzt schmolz mich die Sonne wieder zusammen. Dermaßen von Grund auf geschah die Erneuerung. Da habt ihr mich.

MUTTER

Du bist im Freien gewesen?

KASSIERER

In scheußlichen Verliesen, Mutter! Unter abgrundsteilen Türmen bodenlos verhaftet. Klirrende Ketten betäubten das Gehör. Von Finsternis meine Augen ausgestochen!

FRAU

Die Bank ist geschlossen. Der Direktor hat mit euch getrunken. Es ist ein freudiges Ereignis in seiner Familie?

KASSIERER

Er hat eine neue Mätresse auf dem Korn. Italienerin -- Pelz -- Seide -- wo die Orangen blühen. Handgelenke wie geschliffen. Schwarzhaarig -- der Teint ist dunkel. Brillanten. Echt -- alles echt. Tos -- Tos -- der Schluß klingt wie Kanaan. Hol' einen Atlas. Tos -- Kanaan. Gibt es das? Ist es eine Insel? Ein Gebirge? Ein Sumpf? Die Geographie kann über alles Auskunft geben! Aber er wird sich schneiden. Glatt abfallen -- abgebürstet werden wie ein Flocken. Da liegt er -- zappelt auf dem Teppich -- Beine kerzengerade in die Luft -- das kugelfette Direktorchen!

FRAU

Die Bank hat nicht geschlossen?

KASSIERER

Niemals, Frau. Die Kerker schließen sich niemals. Der Zuzug hat kein Ende. Die ewige Wallfahrt ist unbegrenzt. Wie Hammelherden hopsen sie hinein -- in die Fleischbank. Das Gewühl ist dicht. Kein Entrinnen -- oder mit keckem Satz über den Rücken!

MUTTER

Dein Mantel ist auf dem Rücken zerrissen.

KASSIERER

Betrachtet meinen Hut. Ein Landstreicher!

ZWEITE TOCHTER

Das Futter ist zerfetzt.

KASSIERER

Greift in die Taschen -- rechts -- links!

ERSTE TOCHTER

zieht eine Manschette hervor.

ZWEITE TOCHTER

ebenso.

KASSIERER

Befund?

BEIDE TÖCHTER

Deine Manschetten.

KASSIERER

Ohne Knöpfe. Die Knöpfe habe ich hier. Triumph der Kaltblütigkeit! -- -- Paletot -- Hut -- ja, es geht ohne Fetzen nicht ab, wenn man über die Rücken setzt. Sie fassen nach einem -- sie krallen Nägel ein! Hürden und Schranken -- Ordnung muß herrschen. Gleichheit für alle. Aber ein tüchtiger Sprung -- nicht gefackelt -- und du bist aus dem Pferch -- aus dem Göpelwerk. Ein Gewaltstreich, und hier stehe ich! Hinter mir nichts -- und vor mir?

Er sieht sich im Zimmer um.

FRAU

starrt ihn an.

MUTTER

halblaut.

Er ist krank.

FRAU

mit raschem Entschluß zur Tür rechts.

KASSIERER

hält sie auf. Zu einer Tochter.

Hol' meine Jacke.

Tochter links hinten hinein, mit verschnürter Samtjacke zurück. Er zieht sie an.

Meine Pantoffeln.

Die andere Tochter bringt sie.

Mein Käppchen.

Tochter kommt mit gestickter Kappe.

Meine Pfeife.

MUTTER

Du sollst nicht rauchen, wenn du schon --

FRAU

beschwichtigt sie hastig.

-- Soll ich dir anstecken?

KASSIERER

fertig häuslich gekleidet -- nimmt am Tisch eine bequeme Haltung an.

Steck' an.

FRAU

immer sorgenvoll eifrig um ihn bemüht.

Zieht sie?

KASSIERER

mit der Pfeife beschäftigt.

Ich werde sie zur gründlichen Reinigung schicken müssen. Im Rohr sind wahrscheinlich Ansammlungen von unverbrauchten Tabakresten. Der Zug ist nicht frei von inneren Widerständen. Ich muß mehr, als eigentlich notwendig sein sollte, ziehen.

FRAU

Soll ich sie gleich forttragen?

KASSIERER

Nein, geblieben.

Mächtige Rauchwolken ausstoßend.

Annehmbar.

Zur zweiten Tochter.

Spiel'.

ZWEITE TOCHTER

auf das Zeichen der Frau setzt sich ans Klavier und spielt.

KASSIERER

Was ist das für ein Stück?

ZWEITE TOCHTER

atemlos.

Wagner.

KASSIERER

nickt zustimmend. Zur ersten Tochter.

Nähst -- flickst -- stopfst Du?

ERSTE TOCHTER

sich rasch hinsetzend.

Ich sticke Langetten.

KASSIERER

Praktisch. -- Und Mutterchen, Du?

MUTTER

von der allgemeinen Angst angesteckt.

Ich nickte ein bißchen vor mich hin.

KASSIERER

Friedvoll.

MUTTER

Ja, mein Leben ist Frieden geworden.

KASSIERER

zur Frau.

Du?

FRAU

Ich will die Koteletts braten.

KASSIERER

nickt.

Die Küche.

FRAU

Ich brate dir deins jetzt.

KASSIERER

wie vorher.

Die Küche.

FRAU

ab.

KASSIERER

zur ersten Tochter.

Sperre die Türen auf.

ERSTE TOCHTER

stößt die Türen hinten zurück: rechts ist in der Küche die Frau am Herd beschäftigt, links die Schlafkammer mit den beiden Betten.

FRAU

in der Tür.

Ist dir sehr warm?

Wieder am Herd.

KASSIERER

herumblickend.

Alte Mutter am Fenster. Töchter am Tisch stickend -- Wagner spielend. Frau die Küche besorgend. Von vier Wänden umbaut -- Familienleben. Hübsche Gemütlichkeit des Zusammenseins. Mutter -- Sohn -- Kind versammelt sind. Vertraulicher Zauber. Er spinnt ein. Stube mit Tisch und Hängelampe. Klavier rechts. Kachelofen. Küche, tägliche Nahrung. Morgens Kaffee, mittags Koteletts. Schlafkammer -- Betten, hinein -- hinaus. Vertraulicher Zauber. Zuletzt -- auf dem Rücken -- steif und weiß. Der Tisch wird hier an die Wand gerückt -- ein gelber Sarg streckt sich schräg, Beschläge abschraubbar -- um die Lampe etwas Flor -- ein Jahr wird nicht das Klavier gespielt -- -- --

ZWEITE TOCHTER

hört auf und läuft schluchzend in die Küche.

FRAU

auf der Schwelle, fliegend.

Sie übt noch an dem neuen Stück.

MUTTER

Warum abonniert sie nicht auf die Weiße Dame?

KASSIERER

verlöscht die Pfeife. Er beginnt sich wieder umzukleiden.

FRAU

Gehst du in die Bank? Du hattest einen Geschäftsweg?

KASSIERER

In die Bank -- Geschäftsweg -- nein.

FRAU

Wohin willst du jetzt?

KASSIERER

Schwerste Frage, Frau. Ich bin von wehenden Bäumen niedergeklettert, um eine Antwort aufzusuchen. Hier sprach ich zuerst vor. Es war doch selbstverständlich. Es ist ja alles wunderschön -- unstreitbare Vorzüge verkleinere ich nicht, aber vor letzten Prüfungen besteht es nicht. Hier liegt es nicht -- damit ist der Weg angezeigt. Ich erhalte ein klares Nein.

Er hat seinen früheren Anzug vollendet.

FRAU

zerrissen.

Mann, wie entstellt siehst du aus?

KASSIERER

Landstreicher. Ich sagte es ja. Scheltet nicht! Besser ein verwahrloster Wanderer auf der Straße -- als Straßen leer von Wanderern!

FRAU

Wir essen jetzt zu Mittag.

KASSIERER

Koteletts, ich rieche sie.

MUTTER

Vor dem Mittagessen willst du --?

KASSIERER

Ein voller Magen macht schläfrig.

MUTTER

fuchtelt plötzlich mit den Armen durch die Luft, fällt zurück.

ERSTE TOCHTER

Die Großmutter --

ZWEITE TOCHTER

aus der Küche.

Großmutter --

Beide sinken an ihren Knien nieder.

FRAU

steht steif.

KASSIERER

tritt zum Sessel.

Daran stirbt sie, weil einer einmal vor dem Mittagessen weggeht.

Er betrachtet die Tote.

Schmerz? Trübsal? Tränengüsse, verschwemmend? Sind die Bande so eng geknüpft -- daß, wenn sie zerrissen, im geballten Leid es sich erfüllt? Mutter -- Sohn?

Er holt die Scheine aus der Tasche und wägt sie auf der Hand -- schüttelt den Kopf und steckt sie wieder ein.