Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen

Chapter 9

Chapter 93,559 wordsPublic domain

Donnerstag, 26. April 1883, früh 6 Uhr fuhr ich von Fort Madison ab, und Sonnabend, 5. Mai, früh 9 Uhr kam ich in San Francisco an, nach 9 Tagen und 9 Nächten ununterbrochener Fahrt. Schnellzüge fahren diese Strecke fast in der halben Zeit; der Zug, mit dem ich fuhr, war ein Emigranten- (d.h. Bummel-) Zug, aber dafür auch um 1/3 billiger; ich gab ungefähr 250 Mark für das Billet. Wer etwas mehr von der Landschaft sehen will, thut wohl, den Emigrantenzug zu wählen, trotz mancher Unbequemlichkeiten, die er mit sich bringt. Nach 15stündiger Fahrt durch die hügeligen, angebauten Staaten Iowa und Missouri kam ich in Atchison an, einer größeren Stadt, dem Anfangspunkte der „Atchison-Topeka-Santa Fe-Eisenbahn“, mit welcher ich die nächsten Tage zu fahren hatte; zuletzt gings eine Weile dicht am Missourifluß entlang, dessen Wasser schmutzig daher schleicht und den klaren Mississippi trübt. In Atchison war umzusteigen; nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, mit einer Geschwindigkeit, die ich unserm Bummelzuge gar nicht zugetraut hätte. Ich ging durch die Wagen und fand die prachtvollste Einrichtung, wie auf Schnellzügen; doch da ich mit Emigrantenzügen noch nicht näher bekannt war, hoffte ich, im richtigen Zuge zu sein und machte es mir in einem Lehnstuhl des Gesellschaftswagens bequem. Schrecklich war jedoch mein Erwachen, als der Kondukteur mich belehrte, daß dies der Schnellzug sei und ich denselben schleunigst zu verlassen habe. Auf meine Entschuldigung erwiderte er streng: Does this look like an emigrant-train? I tell you, you are a dandy! (dandy = frecher Mensch). Auf der nächsten Station kam ich der Weisung nach und befand mich in tiefster Dunkelheit — es mochte Mitternacht sein — vor einem Holzschuppen, aus dem Licht herausschimmerte und den ich als Bahnhof erkannte. Ein junger Mann, welcher Stationsvorsteher, Telegraphist, Postbeamter, Hausknecht und Restaurateur zugleich war (ich merkte nichts von einer Restauration, auf vielen Stationen ist keine) und den ich um Nachtlager bat, wies freundlich aber schläfrig auf die Diele, während er sich auf eine Pritsche warf und alsbald einschlief. Mir blieb nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen, und, müde wie ich war, schlief ich, in meinen Ueberzieher gewickelt, ganz erträglich. Am andern Tage ziemlich früh kam ein Zug angeschlichen, der, wie mir mein Wirt sagte, nicht der meinige sei: der käme erst später. Ich ging aber doch heran, fragte und hatte grade noch Zeit einzusteigen, denn er war es! Nun ging es quer durch Kansas, einen der größten, aber auch langweiligsten Staaten. Alles Prairie mit Herden; ab und zu eine Holzstadt oder einzelne Farmen. Kein Baum, kein Strauch, wenig Wasser; nur als Weiden zu brauchen. Das „sonnige Kansas“ nennen sie es, und außer der Sonne, die manchmal arg brennt, ist hier nichts zu haben.

Sonntag hatten wir diesen elenden Staat, in dem ich die tötlichste Langeweile ausgestanden, glücklich hinter uns, und fanden uns am Morgen in Trinidad, einem halb spanisch-, halb anglo-amerikanischen Orte Süd-Colorados, am Fuße der Rocky Mountains herrlich gelegen, die hier bis 4000 m aufsteigen. Ich dachte an meine Schiffsbekanntschaft, Herrn Uhlfelder, der hier wohnt, hatte aber keine Zeit ihn aufzusuchen.

Nicht eben erfreulich berührte mich ein Anschlag im Bahnhof folgenden Inhalts: „Gestern sind die Schienen bei Trinidad aufgerissen, sodaß der Zug entgleiste. 2000 Mark Belohnung für Nachweisung der Thäter.“ — Es konnten sowohl Indianer als auch Weiße gewesen sein; letztere, meist verzweifelte Burschen, die sich vor dem Arm der Gerechtigkeit aus den Oststaaten oder aus Europa nach dem einsamen Westen gerettet haben, gelten für raffinierter. Sie überfallen Züge, ermorden die Reisenden und nehmen alles Wertvolle mit; dann verschwinden sie in den Bergen. Der schnell reparierten Bahn vertrauten wir unsere Sicherheit an. Öde und rauh ist das Gebirge, das wir nun hinaufklommen; nur Cedern und Nadelholz, Geröll und Fels. Als wir gerade aus einem langen Tunnel wieder ins Freie kamen, sahen wir seitwärts in der Ferne die in Schnee getauchten Spitzen der Felsengebirge hell glänzen in der Morgensonne. Bei Raton, etwa 7000' hoch, wurde Station gemacht; in Blechkannen brachten Mädchen und Knaben Kaffee in die Wagen, der auch nicht mehr kostete als bei Felsche in Leipzig, wenn er auch nicht so gut war. Daß es an „Lagerbier“ auch hier nicht fehlte, brauche ich nicht zu sagen.

Wir haben die Grenze von Neu-Mexico überschritten und befinden uns im Lande der Azteken. Ein wunderbarer Gegensatz zu dem anglo-kelto-germanischen Nordamerika; Gegensatz in Landschaft und Architektur, in Sprache und Volk und Klima. Es geht auf der Hochebene hin; Steppen mit scharf-geschnittenen, blauen Bergen umkränzt, die Gipfel mit Schnee bedeckt; Cacteen von Manneshöhe bis zu 40' und 50' wachsen auf der unfruchtbaren Ebene. Ab und zu ein paar Prairiehunde, nach denen sich Revolver und Flinten von allen Fenstern des Wagens richten — ich sehe jetzt erst, daß ich der einzige Waffenlose bin. Es ist angenehm warm, aber erträglich, obgleich wir viel südlicher als Neapel sind; das bewirkt die Höhe von 5-6000'. Die ersten beiden Tage strengte das Fahren an; jetzt, am 4. oder 5., bin ich es gewohnt. Die Gesellschaft besteht aus Deutschen, Anglo-Amerikanern, Polen und einem Italiener; es ist ähnlich wie auf dem Schiff, die Gesellschaft bleibt dieselbe, da fast alle nach Californien wollen, und man wird bekannt. Da ist ein armer Tischler aus Bielefeld, der es mit 10 Mark Wochenlohn nicht länger aushält; er will sein Glück in Californien suchen, und wenn er es gefunden, seine Familie aus Deutschland nachkommen lassen; ferner ein junger beklemmerter Restaurateur aus Breslau mit seiner Frau, der weniger aus Not als aus Uebermut erst nach St. Louis gereist ist, dort viel Geld durchgebracht hat, auf die Jagd gegangen und dergleichen Sport getrieben, und nun in S. José nicht weit von San Francisco eine großartige Geflügelzucht anlegen will, die in kurzer Zeit sehr viel einbringen wird. Dann ein Italiener aus Lucca (die meisten Italiener in Nord-Amerika antworten, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden: Lucca), der sich nur durch meine Vermittlung verständigen kann und froh ist, daß ich ein bischen italienisch mit ihm radebreche. Er hat in den Kohlebergwerken Pennsylvaniens gearbeitet, was ihm begreiflicherweise nicht behagte. Nun will er Cafetiere in San Francisco werden, wo ca. 6000 Italiener wohnen. Ich lehrte ihn etwas Englisch, von dem er bisher nur einige Zahlen und die Münzennamen kannte, wofür er nur bereitwilligst seinen glücklicherweise noch ziemlich neuen Kamm lieh, da mir der meinige abhanden gekommen war. Dann ein paar echte Yankees aus dem Neu-England-Staate Maine, die uns in Deming verließen, um in die Silberbergwerke Neu-Mexicos zu gehen, mit dem frohen Gefühl, nach einer 14tägigen Eisenbahnfahrt immer noch in ihrem Vaterlande zu sein, ein Gefühl, wie es außerdem wohl nur noch dem Chinesen und Russen möglich ist. Auf besonders dazu eingerichteten Herden können die Familien sich Kaffee, Eier und dergl. kochen. Nachts werden die Bänke durch eine einfache Vorrichtung in Lagerstätten (Betten kann man nicht sagen) verwandelt. Ich lege den Kopf auf einen Sack, decke mich mit dem Ueberzieher zu und schlafe Seite an Seite mit meinem Tischler, während der Zug weiterrollt. Das Trinkwasser wird zweimal gewechselt täglich; daß alle sonstigen Bequemlichkeiten auf dem Zuge sind, brauche ich kaum zu erwähnen.

So viele Sprachen wie hier kommen wohl selten zusammen: da heißen drei Stationen hinter einander: Sulzbacher (deutsch), Las Vegas (spanisch), Shoemaker (englisch), dazu kommen noch griechische, lateinische, französische, holländische, mexicanische und indianische Namen.

In Las Vegas — wo übrigens grade die Pocken hausten, woran ich nichts dachte — benutzte ich die zwei Stunden Aufenthalt, um eine Cousine aussuchen, die dort wohnt. Die Stadt ist teils spanisch, teils indianisch und englisch, sehr hübsch gelegen; nicht weit davon das alte Santa Fe.

Ab und zu ein kleiner Ort von Adobe-(Lehm-)hütten, von Indianern und Silbergräbern bewohnt. Dutzende von ersteren kommen an den Zug, fahren auch streckenweise mit, da sie freie Fahrt haben; schwarzes Haar hängt ihnen wirr in die Stirn; ein grobes buntes Tuch und eine Decke verhüllt ein wenig den Körper; bunte Binden auf dem Kopf, Glasperlen um den Hals. Sie bieten selbstgebranntes Geschirr zum Verkauf, und ich erstand ein kleines Thongefäß, welches allerdings von der Kunst des Verfertigers kein glänzendes Zeugnis ablegt. Eine Verständigung ist kaum möglich, da die Leute einen Mischmasch von indianisch, spanisch und englisch radebrechen; man nimmt ihnen weg, was man haben will, und drückt ihnen dafür ein beliebiges Geldstück in die Hand.

Noch schmutziger als die Erwachsenen sind die Kinder, die nackt überall herumlaufen. — Einmal hatten wir Gelegenheit, einen Indianer als Reiter zu bewundern. Wohl fünf Minuten ritt er in gestrecktem Galopp neben dem Zuge her; wir drängten uns auf die Plattform, und laute Hurrahs ertönten dem Braven zur Belohnung, was ihn jedoch nicht zu rühren schien, denn er wandte nicht einmal den Kopf nach uns.

Wir fahren am Rio Grande del Norte entlang, immer nach Süden; der Fluß verdient hier das Beiwort „groß“ noch nicht. Das Land rings herum muß künstlich bewässert werden.

In Deming endigt die Atchison-Topeka- und Santa Fe-Eisenbahn und wir stiegen um, von jetzt ab bis San Francisco die Südliche Pacific-Bahn benutzend. Die beiden Yankees verließen uns, um mit der Post nach den Silbergruben weiter zu fahren; blieben noch der Tischler aus Bielefeld, der Gastwirt nebst Frau und der Italiener als meine engere Gesellschaft. Bei einem biedern Pommern verproviantierten wir uns mit Wurst, Brot, Obst und Californierwein. Viele Kleinhändler sind Deutsche, ebenso sehr viele Gastwirte. Deming liegt auf der Hochebene, im Hintergrund ragt die zur Sierra Madre gehörige Berggruppe Floridas und Tres Hermanas (drei Schwestern) hervor.

Das Terrain senkt sich bedeutend, wir kommen hinab in das fruchtbare Thal des Gila in Arizona, nachdem wir, leider nachts, die Ruinen der Aztekenstadt Casa Grande passiert. Die Vegetation nimmt zu; Palmen, Cacteen, Blumen aller Art. Wir fahren von Deming aus mit einem schnelleren Zug; das Wetter ist herrlich, munter balancieren wir, der Restaurateur, der Cafetiere und ich auf den offenen niedrigen Güterwagen umher, in dem frohen Gefühl, dem goldenen Staat immer näher zu kommen. Mittwoch früh in Yuma, am unteren Coloradofluß gelegen, wo, in Stadt und Umgegend, etwa 10000 Yuma-, Pima- und Apache-Indianer wohnen. Sie sind fast nackt und zum Teil tätowiert; eine Photographie einer Squaw nahm ich zum Andenken mit. Wir überfuhren den Colorado und waren in Californien, dessen südlicher Teil, meist wüst und leer, unsere Stimmung zunächst etwas herabdrückte; den schönsten Gegensatz dazu bildet die Gegend von Los Angeles, wo wir am Donnerstag anlangten. Die zwei Stunden Aufenthalt spazierten wir in Stadt und Umgegend umher, herrlich mit Wein und Orangen bepflanzt; nicht weit vom Stillen Meere, unter dem 34° gelegen, die Heilstätte für die Lungenkranken Amerikas. Noch 48 Stunden fuhren wir, rechts die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada und die Bernardino-Berge, Sonnabend früh sahen wir den Golf von San Francisco und fuhren mit dem Dampfer bei strömendem Regen hinüber nach der Stadt des ewigen Frühlings.

FUSSNOTEN:

[8] Vgl. die Anmerkung [2]

XI.

Bordesholm.

Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist nichts davon zu sehen; ein halbstündiger Spaziergang führt uns hin. Der glänzende Spiegel eines waldumkränzten Sees taucht auf vor unserem Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Häuser herum, auf dem höchsten Punkte der hügeligen Gegend erhebt sich die Kirche. Gärten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut sind. Eigenartige Gebäude neben Bauernhäusern stehen zu beiden Seiten der Dorfstraße, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500 Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer Oberförsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Gräfin Reventlow aus dem altberühmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier.

Das, was uns eigentlich hergeführt hat — _die Klosterkirche_ — haben wir unter Führung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht. Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit auf sich, von einer Größe und einer Regelmäßigkeit, wie sie selten zum zweiten Mal in Deutschland zu finden sein dürfte. Die Aeste sind mit eisernen Stäben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last nicht zu tragen vermöchten, sondern zusammenbrechen würden. Das Alter des Riesenbaumes schätzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt; allein die ganze Studentenschaft würde doch nicht hinreichen, den Platz unter demselben auszufüllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrührt:

„Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde, Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt. Größeres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als Deutschlands Wiedergeburt zum Reich. Künde den Enkeln das Wort!“

März 24. 1873.

Wenige Schritte davon ragt die altehrwürdige Klosterkirche der Augustiner empor. Außen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter, epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier im Norden üblich. Statt eines Turmes überragt nur ein Dachreiter das Gebäude.

Ursprünglich war das Augustinerkloster zu Neumünster — Niegenmünster, wie eine lateinische Inschrift besagt — gegründet. Allein dort an der Heerstraße, die den jütischen Norden mit Hamburg und Lübeck verbindet, den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name hindeutet. Denn Bordesholm lag früher im See und wurde allmählich durch starke Dämme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das übrigens die mönchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine Gelehrtenschule verbunden. In den Stürmen des 30jährigen Krieges löste sie sich auf und erstand später wieder als Universität in Kiel; wenigstens wurden die Einkünfte des Gymnasiums zur Gründung derselben verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in den 80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen „Alma mater“ reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof (ohne den Ort selbst zu berühren) eine jene alte Verbindung berührende Ansprache entgegen.

Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt, einen höchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Stühle und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trägt keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brüggemann'sche Altarbild, eine Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige daranstoßende Kapellen; Gräber von Angehörigen des weitverzweigten Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zählt.

Ein weißer Marmorsarkophag, den vier Löwen bewachen, birgt die Gebeine Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es einer kurzen geschichtlichen Erörterung für diejenigen Leser, denen die schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht geläufig ist.

Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Könige von Dänemark (aus dem Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Könige, sondern von den Landständen freiwillig zu Herzögen erwählt. In der dritten Generation teilten zwei Brüder (Christian und Adolf) die Herrschaft in den Herzogtümern, von denen der erstere zugleich König und Herzog, der letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie führte den Namen _gottorfische_ nach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der Herzöge. Die beiden Urenkel _Adolfs_ gründeten jeder ein besonderes Haus: _Friedrich_ das ältere (russische), Christian August, Bischof von Lübeck, das jüngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter Peters des Großen von Rußland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum Großfürsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt. 1762 bestieg er als _Kaiser Peter III_. den russischen Thron. Allein wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwörung, an deren Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn, der Kaiser Paul I., fiel durch Mörderhand (1801). Dessen Ururenkel ist der jetzige Kaiser Nikolaus II.

In einer andern Kapelle ruht in einem mächtigen, grauen Marmorsarkophage Georg Ludwig, der Stifter der großherzoglich-oldenburgischen Linie. Er ist ein Sohn jenes oben erwähnten Gründers der _jüngeren_ gottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829 großherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf Friedrich, wurde zum König von Schweden erwählt, seine Nachkommen saßen bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron, Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und später der französische General Bernadotte zum Könige gewählt. Außer diesen beiden wichtigsten Denkmälern erwähnen wir noch das des Königs Friedrich I. († 1533) und seiner Gemahlin Anna. Die Messingsärge mit den lebensgroßen Figuren des Paares sollen ein Nürnberger Werk sein, vielleicht von Peter Bischer. Zu den Füßen der Dame schmiegt sich ein Hündchen. — Wer suchte wohl in diesem abgeschiedenen, weltfremden Dörfchen Holsteins den Ahnen des Herrschers des ungeheuren Zarenreiches! Schon diese eine Sehenswürdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms reichlich, und doch wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht aufgesucht, ja, ist den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt. Treten wir aus der hohen, dämmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns gegenüber den eigentlichen Klostergebäuden, die jetzt als Wohnungen und Amtsstuben des Landrats und des Oberförsters dienen. Ueber der Thür befindet sich eine Inschrift folgenden Inhalts:

„In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten Herzog Friedrich I. und König Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleich und in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel den Befehl zum Einmarsch in Schleswig.“

Steigen wir zum Schluß auf den kleinen Glockenturm, so übersehen wir noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische Personen in sich gesehen hat und Zeuge so großer Ereignisse gewesen ist. Ein reiches Mönchskloster des Mittelalters, die Grabstätte mächtiger Fürstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlösung des meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer Vorzeit Gericht gehalten wurde — alles das vereinigt das kleine Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben, die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters gemahnt:

„States fall, arts fade, but Nature does not die.“

FUSSNOTEN:

[9] geb. 1700, gest. 1739, begraben in Bordesholm.

[10] König von Dänemark, Schwager Kaiser Karls V., Urheber des berüchtigten Stockholmer Blutbades.

XII.

Auf Seeland.

I.

Zu König Gylfe in Schweden kam einst eine wandernde Sängerin, die ihn durch ihre Lieder entzückte. Der König — so meldet die Sage von der Entstehung der Insel Seeland — verlieh ihr zum Lohne für ihren Gesang so viel Land, als sie mit vier Ochsen auf einmal umpflügen könnte. Wie erschrak er aber, als die Fremde, die niemand anders war, als das Riesenweib Gefion, ein gewaltiges Stück Land aus dem Boden herauspflügte und es von ihren Ochsen ins Meer ziehen ließ, wo es als „Seeland“ stehen blieb. Die Pflugfurche bildete den jetzigen Oeresund, der Schweden von Seeland trennt, während an der Stelle, wo das Land weggepflügt war, ein großer See entstand: der jetzige Wener-See. Noch heutigen Tages lassen seine Uferlinien deutlich die Umrisse der seeländischen Küste erkennen.

Wer möglichst schnell einen großen Teil der Hauptschönheiten der Gefions-Insel kennen lernen will, besteigt einen der bequem eingerichteten Raddampfer, der in dreistündiger Fahrt von Kopenhagen gen Nord bis Helsingör und nach dem gegenüberliegenden schwedischen Helsingborg fährt. Er bleibt der seeländischen Küste immer so nahe, daß man sie deutlich und in aller Muße sehen kann, während die schwedische Küste rechts in blauer Ferne herüberschimmert.

Durch den belebten Hafen hindurch schäumte unser Dampfer „Gylfe“, vorbei an den Anlegeplätzen der Schiffe der verschiedenen Nationen. Rechts blieben der Kriegshafen, das Arsenal und die Werften liegen; an den Mauern der Festung „Tre kroner“ brachen sich die Wellen und spritzten weit hinauf. An der grünen Pracht der Langen Linie ging's hinaus in den breiten Sund, wo hie und da noch vereinzelte Schiffe, namentlich Segler, vor Anker lagen. Von der Stadt sahen wir bald nur noch die Kuppel der Marmorkirche und das große goldene Kreuz der Frauenkirche, das über dem Mastenwald des Hafens noch lange in der Morgensonne leuchtete.

An der seeländischen Küste drängt sich Landhaus an Landhaus, Villa an Villa, bis nach dem berühmten Badeort _Klampenborg_, dessen Häuser in dem Waldesgrün in langer Reihe sich hinziehen. Noch einladender fast ist das entferntere _Skodsborg_, welches jetzt mehr in Aufnahme kommt und den Vorteil hat, dem Treiben und Lärmen der Großstadt noch mehr entrückt zu sein. Ein Münchener, der mit uns fuhr, verglich die Ufer mit denen des Starnberger Sees; und in der That haben die waldbekränzten, villenbesetzten Gestade bei Leoni oder Tutzing Aehnlichkeit mit denen Seelands, nur daß hier der Hintergrund, das Hochgebirge, fehlt.

Die Reisegesellschaft bestand meist aus Deutschen, vor denen man in Dänemark ebenso wenig sicher ist, wie in der Schweiz vor Engländern. Hauptsächlich ist Norddeutschland bis Thüringen hinauf vertreten; von den Mundarten hört man am meisten die Berliner. Doch floh ich, wie gewöhnlich in der Fremde, die Landsleute, und suchte mich an Einheimische zu halten. Sie sind meist höflich und geben gern Auskunft, natürlich in deutscher Sprache, welche die einigermaßen Gebildeten verstehen und manchmal sogar fließend sprechen. Die Frauen freilich weniger als die Männer; sie neigen mehr zum Französischen, das vor dem Deutschen und Englischen in den höheren Mädchenschulen betrieben wird.

Eine Kopenhagenerin gesellte sich zu uns und erklärte uns, was wir wußten und nicht wußten. Wir passierten gerade die schwedische Insel Hven, die, kahl und nackt, mit wenigen Einwohnern, mitten im Sunde emporragt. Von unsrer Begleiterin erfuhren wir, daß da einst Tycho de Brahe ein schloßartiges Observatorium gehabt, Uranienborg, von wo er die Sterne beobachtet; jetzt sind nur noch ein paar Mauern vorhanden. Die Frau war eine Kapitänsgattin und hatte als solche freie Fahrt auf allen Schiffen zwischen Kopenhagen und Helsingör, zwischen Malmö und Helsingborg. Das Sommerabonnement auf dieser Strecke kostet sonst 160 Kronen (etwa 180 Mk.); das Abonnement allein zwischen Kopenhagen und Klampenborg kostet 30 Kronen. Auf die Frage, welches Schiff denn ihr Mann führe, erwiderte sie: „Er fährt auf dem größten ‚Creaturschiff‘ zwischen Kopenhagen und England.“ Creatur heißt Vieh; an Viehwagen auf der Eisenbahn sah ich nachher auch das Wort.