Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen
Chapter 2
Anfangs der dreißiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe Smith das „Book of Mormon“ heraus, das er durch göttliche Inspiration und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist die Geschichte des aus Palästina nach Amerika gewanderten heiligen Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhänger und es bildete sich eine kleine Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, später in Ohio wohnte und 1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri übersiedelte. Von dort wiederum verjagt, zogen die Mormonen über den Mississippi zurück und wählten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr rastloses Wanderleben einen vorläufigen Abschluß. Sie vergrößerten das Städtchen, so daß es bald über 2000 Häuser zählte. Als erste Aufgabe betrachteten die Gläubigen es, ein würdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein großer steinerner Tempel erhob sich auf einer der höchsten Stellen von Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehörten zu den eifrigsten seiner Beamten. Rasch blühte die Ansiedelung empor, die Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf 30000. Alles wäre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das Eigenthum, ja durch die allmählich sich bildende Lehre von der Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt hätten. Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und es wurde ein förmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate eröffnet. Die Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum größten Teil zerstört, der Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefängnißes zu Carthago (Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mühseliger Wanderung durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem berühmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an den Ufern des großen Salzsees ein neues Jerusalem gründeten.
Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trümmern zur Zierde gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem ein gewinnsüchtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Käufer, und so liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen zu haben.
Die verlassenen Häuser der Mormonen, soweit sie nicht zerstört und unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und bezogen; ich wohnte während des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen konnte. Ein Garten und daran schließende Felder umgeben das einsam liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thür nach dem Garten, die nur mit einem Holzpflock verschließbar war.
Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört man auf, Steuern darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate anheim.
Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen Buche „Voyage en Icarie“, in dem in Romanform die Grundsätze des Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise entwickelt werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre Zwecke umzubauen, als ein Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie gaben die „Revue Icarienne“ halb in englischer, halb in französischer Sprache heraus und lebten in völliger Gütergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie auseinander, weil Cabet gleich Cäsar „voll Herrschsucht war“; ein Teil führte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter; andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen, Engländern und Irländern zusammen Acker- und Weinbau treiben.
Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen. Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewöhnlich die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden, weil dann die Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch passiv beteiligen könnten. Von den englischen Stücken ist mir erinnerlich „Schinderhannes, the Robber of the Rhine“, von den deutschen „Papa hat's erlaubt“ von Putlitz. Es ist für einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei Sprachen so zu beherrschen, um darin erträglich zu agieren; umsomehr für einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt gut Violine und liebt die deutsche Musik.
Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im Kriegsjahre 1870/71.
Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall, besser als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der Deutsche sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein contrée und spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine eigene Abhandlung erfordern.
Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant, sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen, die Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstädte der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große Chicago Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden. Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die Unionshauptstadt kaum gerückt werden. Eine am Vater der Ströme gelegene Großstadt, wie Sant Louis, würde sich aus Mangel an Platz für die zu erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht eignen. Nauvoo hat eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache ist, Raum, unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union leicht zu erreichen, während Washington für die Senatoren und Repräsentanten des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine sechstägige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich vermindern.
Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich, daß die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung gehen werden.
FUSSNOTEN:
[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten Tagebuch.
[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort Madison, wo ich ihn sah.
[4] Siehe das Titelbild
IV.
Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers.
Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers mit meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen durch den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer; vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen umherrutschen und ihr wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt und dürfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem Goldenen Thor majestätisch ins offene Meer hinaussegeln. —
Die nächsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein zu nehmen. Nächst dem Chinesentheater interessiert vor allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen, welches auch den zu fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London kennt. An Größe, Schönheit der Umgebung und Buntheit und Mannigfaltigkeit der Nationalitäten übertrifft der Hafen der californischen Seestadt die der drei genannten.
Die Umgegend von San Francisco ladet zu häufigen Ausflügen ein. Man bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung kaum den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York) nachstehen. Da ist z.B. Saucelito, wie ein Stück Thüringen an das Gestade des Stillen Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen, ebenfalls am Golf, leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade gegenüber San Francisco, am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und nördlicher Berkeley mit der Staatsuniversität für Californien, welche in einem Park am Fuße eines Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das Goldene Thor. Ein ganz herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein Badeort mit Schwefelquellen, weiter im Innern nach Osten zu, in zwei Stunden (abwechselnd mit Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu erreichen, durch Feld und Wald und durch anmutige Ortschaften mit blühenden Palmen und Rosen. Von dem hochgelegenen Piedmont Springs eröffnet sich ein Ausblick auf das gesegnete Land, mitten darin wie ein blaues Auge der See Meritt, und in der Ferne schimmert die Bai mit der Stadt auf den sieben Hügeln.
Bald waren alle diese Punkte und andere öfter als einmal genossen; der Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswürdigkeit meines Onkels sollte ich auch die nördlicher gelegenen Striche Californiens mit den Urwäldern und Geysers kennen lernen, während ich Süd-Californien von der Mündung des Colorado bis nach San Francisco hinauf auf meiner Reise vom Mississippi nach dem Westen, wenn auch nur im Fluge, gesehen hatte. Eine meinem Onkel befreundete Firma, welche in San Francisco eine Cigarrenkistenfabrik mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich ein, ihre in Humboldt County, dem nördlichsten County des Staates, und in Sonoma County gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys läßt die Firma das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als Cigarrenkistenholz für minderwertige Sorten gebraucht wird; dort haben sie 2 Schneidemühlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stämme zersägen und von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per Bahn nach San Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Aufseher in Sonoma County versehen, unternahm ich den Ausflug mit dem frohen Gefühl, daß er mir nicht wie in Deutschland verregnen könne; denn ein ewig blauer Himmel lacht bekanntlich im Sommer über Californien. Man durchfährt den nördlichen Teil der über 50 Kilometer langen Bai, läßt das Goldene Thor links liegen und geht nach einstündiger Dampferfahrt auf die Eisenbahn über. Drei Stunden braust der Zug durch die freundlichen Thäler der Küstengebirge, mit viel Weinbau, zuletzt im Thal des Russian River, der seinen Namen von früheren russischen Ansiedelungen führt. Zur Mittagszeit kam ich, nachdem ich zuletzt eine sehr primitive Seitenbahn, meist nur für den Holztransport gebaut, benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im einsamen Waldthal liegt, welches mich an das unserer Schwarza erinnerte. Im unmittelbaren Umkreise der Mühle ist der Wald verschwunden, und es stehen nur noch die schwarzen Stümpfe der Riesenbäume, etwa 3 Meter über dem Erdboden abgesägt. Damit der Baum nicht wieder ausschlägt, wird der Stumpf äußerlich verkohlt und steht noch manches Jahr da, während um ihn herum der Wein grünt; ein wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen wüßte. Immer weiter greift die Zerstörung des Waldes, die hier, wie fast überall in Amerika, mit der größten Sorglosigkeit betrieben wird. Sequoia gigantea und sempervirens, aus denen er hauptsächlich besteht, wird 80-120 Meter hoch, wächst kerzengerade, mit einem Durchmesser von 2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nähe des vielbesuchten Yosémité-Thales (Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen, „Wawona“, der einen Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine Höhlung, durch welche die 4 und 6spännige Postkutsche fährt.
Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mühle, abgegeben hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen Mittagsmahle der Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen Köchen, die die Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte.
Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station (eine Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem nicht so bedeutend ist als sie scheint), wofür sie 11-12 Stunden harte Arbeit haben. Gelegenheit, ihr Geld auszugeben, bietet sich hier nicht.
Mit mir zugleich kam ein junger, gebildet aussehender Mann an, der seine Stelle als Ingenieur auf einem Cuba-Dampfer aus irgend einem Grunde verloren hatte, wie er sagte, und um Arbeit bat; der alte B. setzte ihm in 1/4 Minute die Bedingungen auseinander, sagte ihm, daß er zunächst 130 Mark erhalten würde, und nachdem der neue Ankömmling mit uns gegessen hatte, fing er an, Holz in die Mühle zu tragen, wie wenn er es von jeher gewohnt wäre.
Eine halbe Stunde abseits liegt „S's Ranch“, eine Meierei, wohin B. und ich nachmittags gingen, um meinen Wirten, der Familie S., die dort Sommerwohnung hatte, einen Besuch zu machen. Viele Verwandte und Bekannte, Kranke und Gesunde, zusammen etwa 20, meist tschechischer Herkunft wie auch die Familie S., waren anwesend und genossen, wie es schien, unbeschränkte Gastfreundschaft. Wir besichtigten die zum Gut gehörige, von Schweizern betriebene Milch- und Käsewirtschaft (60 Kühe), sowie die Weinberge, die 80 Acker bedeckten.
Am Abend saß ich mit dem alten B., der froh war, jemand zu haben, der sein liebes Prag kannte, und mit dem er über die Deutschenfrage in Oesterreich sprechen konnte, auf der Veranda seines Holzhauses bei einer Flasche Californiers; es dämmerte, und feierliche Stille lagerte sich über die Wälder; friedlich zu unseren Füßen liegen die zerstreuten Holzhäuschen der Arbeiter; letztere gehen rauchend und plaudernd dazwischen spazieren. Nebel senkt sich herab, ab und zu flackern die Feuer heller auf, welche Tag und Nacht brennen zur Beseitigung des überflüssigen Holzes; ein Wächter wacht dabei, daß es nicht zu weit um sich greife.
Vor dem Zubettgehen zeigte mir Herr B. eine Kollektion von Insekten und spinnenartigem Getier, das aufgespießt an der Wand über seinem Bette prangte, darunter auch einige Skorpione, etwa fingerlang, die er in seiner Bettstelle gefangen und ihrem wohlverdienten Schicksale überliefert hatte. Ihr Stich ist sehr schmerzhaft. Nachdem ich mein Lager sorgfältig durchsucht hatte, schlief ich ruhig ein und blieb von derartigen Bestien unbehelligt.
Am nächsten Morgen versammelte sich alles auf der Ranch, um den gestern verabredeten Ausflug tiefer hinein in den Wald auszuführen, dort einen der Bäume fällen zu sehen und ein gemütliches Picnic abzuhalten. Die Fahrt ging zuerst auf eisernen, dann auf hölzernen Schienen. Vier Joch Ochsen zogen, an eine Kette geschirrt, und der italienische Treiber, der hinten an der Bremse stand, dirigierte das Ganze, indem er jedes der Tiere beim Namen rief, rechts oder links, rasch oder langsam gehen ließ, und das ohne Zügel und in einem aus Englisch und Italienisch gemischten Kauderwelsch, welches außer den Ochsen niemand verstand. Wirkte das Wort einmal nicht, so sprang er vom Wagen und stach hurtig die Störrischen mit einer Stahlspitze in das Hinterteil. Maulesel lösten die Ochsen ab, als wir auf die Holzschienen übergingen und in den dichteren Wald einfuhren.
Ein Gerüst von 3-4 Metern Höhe umgab den zu fällenden Baum; die beiden Arbeiter, welche schon einen vollen Tag daran gesägt hatten, trieben die Keile tiefer hinein, während das Holz leise knackte und knarrte; langsam senkte er sich nach der angehackten Seite, und schnell und immer schneller stürzte der Gewaltige, eine Wolke von Staub, Blättern, Nadeln und Holzsplittern aufwirbelnd, mit donnerartigem Getöse. Die Kunst der Holzfäller besteht darin, ihn so fallen zu lassen, daß er möglichst wenig andere Bäume niederreißt und beschädigt. Wir kamen aus unserer sicheren Position hervor und maßen den Baum: er hatte unten über 3 Meter Durchmesser und war 80-90 Meter lang. Das Holz ist fast ziegelrot. Nachdem der Baum seiner Aeste entledigt ist — welche liegen bleiben und an Ort und Stelle verbrannt werden —, wird er in Stücke von etwa 15 Meter Länge gesägt; diese werden mit Ketten umwunden und durch Ochsen auf roh hergestellten Knüppeldämmen zu den Schienen geschleift und in die Sägemühle gefahren.
Nachdem wir uns am Ufer des Russian River eine Weile bei Speise und Trank gelagert hatten, fuhren wir auf einem andern Wege durch prächtigen Rotholzwald, mit Lorbeer und Haselnuß untermischt, nach Hause zurück.
Nach Tische fuhr ich über Santa Rosa, einer freundlichen Landstadt, die ihren Namen nach einer getauften Indianerin hat, bis nach Cloverdale, wo ich übernachtete.
Da die Post nach den Geysers erst um Mittag abfuhr, blieb mir der Vormittag zu einem Spaziergang in die Umgegend. Ich erstieg einen Hügel, von welchem ich die Aussicht auf das friedliche Thal mit seiner herrlichen Vegetation genoß. Wie viele solcher Idyllen, die sich mit den reizendsten in Deutschland messen können, mögen unbeachtet in dem weiten Lande zu finden sein!
Als ich mich näher umsah, bemerkte ich erst, daß ich unter Gräbern stand; aus einer frischen Gruft schaufelte ein Mann Erde heraus. Ich ließ mich in ein Gespräch ein, merkte bald, daß er ein Landsmann war, und fuhr deutsch fort. Er entpuppte sich als Holsteiner, Handwerker und Eigentümer dieses Friedhofs.
Wenn ein Cloverdaler begraben sein will, muß er sich an den Holsteiner wenden, der ihm für Geld und gute Worte ein Grab gräbt.
In offenem, vierspännigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch hochromantische Thäler; links ragt die Felswand, rechts droht der Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraßen ist der Weg schauderhaft und so schmal, daß der Wagen zur Not ausbiegen kann — es kam übrigens auf der langen Strecke nur einmal vor —; Prellsteine existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit rasender Geschwindigkeit umfahren, so daß die hinten sitzenden Passagiere die beiden vorderen Pferde nicht mehr sehen, während der Wagen noch diesseits der Felskante herumschlürft.
Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmächtig, und auch weniger angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den Rosselenker, der freudig die lange Peitsche über dem Viergespann schwingt, bald auf den gähnenden Abgrund, bald auf die sausenden Wagenräder, die sehr solide gebaut sein müssen, um die Stöße auszuhalten. Einer der Passagiere, ein Illinoiser Farmer, der einen Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte, erwiderte, befragt, weshalb er nicht den Seeweg von San Francisco aus gewählt: es käme auf eins heraus, ob er ertränke oder den Hals bräche. Selten genug kommt ein Unglücksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr Handwerk zu gut; ab und zu geschieht es dennoch, und wir passierten nicht ohne Schauder die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen hinabgestürzt war, die Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch einen glücklichen Zufall an irgend einen Vorsprung oder Gebüsch hängen geblieben und mit gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren.
Nach 4stündiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tüchtig durchgerüttelt und gänzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem großen hölzernen Hotel mit Schwefelbädern, in prachtvollem Thalkessel gelegen. Abends lagen wir alle, eine große Gesellschaft Damen und Herren, in Schaukelstühlen (andre waren nicht vorhanden) auf der Veranda. Aus dem Saale tönte Klaviergeklimper, und alsbald wurde getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer Maler, der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann aus Oakland und einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen Sehnsucht nach Paris und München ging, legte eine Probe seiner Kunst ab, indem er einen Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht nach meiner Meinung; der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach, erzählte von seinen Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten suchte ich, selbst noch ein halber Student, einen Begriff von deutschem Universitätsleben beizubringen, was mir indes nicht gelang.
Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch Neger bedient, von denen einer — seltene Erscheinung! — durch seine Schönheit auffiel; diese entging den weißen Ladies nicht, und kokette Blicke flogen hinüber und herüber. Ueberhaupt herrschte ein merkwürdig freier Ton in der sonst so steifen amerikanischen Gesellschaft, vielleicht hervorgerufen durch das Gefühl, dem lästigen Stadtceremoniell einmal entronnen zu sein.
Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben.
An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik. Ueberall an den Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor. „Des Teufels Tintenfaß“, „der Hölle Badeanstalt“ und andre, mehr oder weniger passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Führer mit dem Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf, mit den Geysers im Hintergrunde.
— Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei, eine Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd entgegen, indem sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum Andenken.
Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200 Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San Francisco.
V.
Ekensund.