Vom Mars zur Erde

Part 11

Chapter 11697 wordsPublic domain

Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln.

Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper und Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der Götze, dem auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es wahrscheinlich auch noch heute ist.

Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr, und so ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren Willen, zurück.

Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt. Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine so große und verderbliche Rolle spielt.

Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl aller, schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und gesund an Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet.

Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die mir meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen, egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens, der Nächstenliebe.

Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden, dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen liegt.

So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.« Mit leichter Neigung des Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium.

Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet hatte, so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz gesprochen, nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig merkwürdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden, die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen.

Anmerkungen zur Transkription

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