Visionen und andere phantastische Erzählungen
Part 2
»Warte, warte, mein Lieber ... einen Augenblick ...«
Lukjanytsch hüstelte und krümmte sich vor Kälte.
»Was wollen Sie denn eigentlich?«
»Sage mir bitte, wie alt ist deine Gnädige?«
Lukjanytsch sah mich mißtrauisch an.
»Wie alt die Gnädige ist? Ich weiß nicht. Sie wird wohl über die Vierzig sein.«
»Über die Vierzig! Und die Schwester?«
»Etwas jünger als vierzig.«
»Ist's möglich! Ist sie schön?«
»Wer? Die Schwester?«
»Ja, die Schwester.«
Lukjanytsch lächelte.
»Ich weiß nicht, das kommt auf den Geschmack an. Ich finde sie nicht schön.«
»Wieso?«
»Sie ist schon gar zu unansehnlich. Ein wenig kränklich.«
»So! Und ist außer den beiden niemand hergekommen?«
»Niemand. Wer sollte denn noch herkommen?«
»Es kann ja nicht sein!... Ich ...«
»Ach Herr! Sie werden mit Ihren Fragen wohl nie aufhören,« sagte der Alte geärgert. »Es ist auch zu kalt! Adieu!«
»Warte noch ... Da hast du was!...« Ich reichte ihm einen Viertelrubel, den ich für ihn vorbereitet hatte; meine Hand stieß aber an die Pforte, die er mir vor der Nase zuschlug. Das Silberstück fiel zu Boden und rollte mir vor die Füße.
-- Du alter Schwindler! -- sagte ich mir. -- »Don Quixote von La Mancha! Man hat dir wohl befohlen, zu schweigen ... Warte nur, mich wirst du nicht anführen ...«
Ich gab mir das Wort, die Sache um jeden Preis aufzuklären. Etwa eine halbe Stunde ging ich noch unschlüssig auf und ab. Endlich beschloß ich, mich zunächst im Dorfe zu erkundigen, wem eigentlich das Gut gehöre und wer augenblicklich darin wohne; dann wollte ich wieder zurückkehren und nicht eher fortgehen, als bis ich die Sache aufgeklärt haben würde. -- Die Unbekannte muß doch früher oder später das Haus verlassen, und da werde ich sie endlich bei Tageslicht als einen lebendigen Menschen und nicht als Gespenst sehen. -- Bis zum Dorfe mochte es eine Werst sein, ich begab mich aber schnell und rüstig dorthin: in meinem Blute siedete es, ich war ungewöhnlich kühn und entschlossen; die frische Morgenluft wirkte auf mich nach der unruhigen Nacht stärkend und zugleich aufregend. Im Dorfe erfuhr ich von zwei Bauern, die gerade an ihre Feldarbeit gingen, alles, was ich überhaupt erfahren konnte: nämlich, daß das Gut ebenso wie das Dorf, in dem ich mich befand, Michailowskoje hieß, daß es der Majorswitwe Anna Fjodorowna Schlykowa gehöre, daß diese noch eine unverheiratete Schwester Pelageja Fjodorowna Badajewa habe, daß beide reich seien, auf ihrem Gute fast nie lebten, meistens herumreisten, daß sie bei sich außer zweien leibeigenen Dienstmädchen und einem Koch niemand hätten und daß Anna Fjodorowna in diesen Tagen mit ihrer Schwester aus Moskau angekommen sei; sonst sei aber niemand mitgekommen ... Dieser letztere Umstand machte mich etwas verdutzt: ich konnte ja nicht annehmen, daß auch der Bauer den Auftrag hatte, über die Unbekannte zu schweigen. Ebenso unmöglich war auch die Annahme, daß die fünfundvierzigjährige Witwe Anna Fjodorowna Schlykowa und jene reizende junge Frau, die ich gestern gesehen hatte, eine und dieselbe Person seien. Auch Pelageja Fjodorowna zeichnete sich, wie sie mir geschildert wurde, keineswegs durch Schönheit aus; beim bloßen Gedanken, daß die Frau, die ich in Sorrent gesehen hatte, den prosaischen Namen Pelageja und dazu noch Badajewa tragen sollte, zuckte ich die Achseln und lachte höhnisch. Und doch, dachte ich, habe ich sie erst gestern abend mit eigenen Augen in diesem Hause gesehen, ja, mit eigenen Augen! Geärgert, gereizt, doch in meiner Absicht noch mehr gefestigt, wollte ich sofort zum Gut zurückkehren; doch ich sah auf die Uhr: es war noch nicht sechs. Daher beschloß ich zu warten. Im geheimnisvollen Hause schlief wohl noch alles; wenn ich aber schon jetzt in der Gegend herumirren wollte, konnte ich leicht unnötigerweise Verdacht erwecken; auch stand ich gerade vor einem Gebüsch, und hinter diesem war ein Espengehölz zu sehen ... Ich muß zu meiner Ehre sagen, daß trotz der großen Erregung, in der ich mich befand, die edle Jagdleidenschaft in mir noch nicht völlig verstummt war. »Vielleicht stoße ich auf ein Nest,« sagte ich mir, »und so wird die Zeit schneller verstreichen.« Ich ging ins Gebüsch. Offen gesagt war ich recht zerstreut und beobachtete wenig die Regeln der Kunst: ich behielt nicht ständig meinen Hund im Auge, vergaß über manchem Strauch mit der Zunge zu schnalzen, damit daraus mit großem Lärm ein Auerhahn herausfliege, und sah jeden Augenblick auf die Uhr, was schon durchaus unerlaubt ist. Endlich zeigte die Uhr über acht. »Es ist Zeit!« sagte ich mir laut und wollte schon den Weg nach dem Landsitze einschlagen, als plötzlich kaum zwei Schritte vor mir im dichten Grase ein riesengroßer Auerhahn auftauchte; ich schoß auf den herrlichen Vogel und verwundete ihn am Flügel; er fiel beinahe um, überwand aber den Schmerz, schlug die Flügel und versuchte sich über die Espenwipfel zu erheben, doch die Kraft versagte ihm, und er fiel wie ein Stein ins Dickicht. Auf eine solche Jagdbeute zu verzichten, wäre doch ganz unverzeihlich gewesen; ich ging also ins Dickicht, gab meiner Hündin ein Zeichen, und nach einigen Augenblicken hörte ich ein verzweifeltes Flügelschlagen: der unglückliche Auerhahn war bereits unter den Tatzen meiner Diana. Ich hob ihn auf, steckte ihn in die Jagdtasche, sah mich um und -- blieb wie angewurzelt stehen ...
Der Wald, in den ich geraten war, war so dicht, daß ich nur mit großer Mühe die Stelle erreichte, wo der Vogel hingefallen war; in nicht allzu großer Entfernung schlängelte sich durch den Wald ein Fahrweg, und auf diesem kamen gerade Seite an Seite und im Schritt meine Schöne und der Mann, der mich gestern eingeholt hatte, geritten; ich erkannte den Mann am Schnurrbart. Sie ritten langsam und schweigend und hielten einander an den Händen; die Pferde gingen im Schritt, schwankten träge von der einen Seite auf die andere und reckten die schönen Köpfe. Nachdem ich mich vom ersten Schreck -- ja, es war ein Schreck: eine andere Bezeichnung kann ich für das Gefühl, das sich meiner plötzlich bemächtigte, gar nicht finden ... nachdem ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, heftete ich auf sie meinen trunkenen Blick. Wie schön sie war! Wie herrlich hob sich ihre schlanke Gestalt vom smaragdgrünen Hintergrund ab! Weiche Schatten, zarte Lichter huschten leise über ihr langes graues Reitkleid, über ihren feinen, leichtgebeugten Hals, über ihr zartes Gesicht, ihre glänzenden schwarzen Haare, die in üppigen Flechten unter dem niederen Hut hervorquollen. Wie soll ich aber jenen Ausdruck vollkommener, leidenschaftlicher, stummer Seligkeit schildern, den alle ihre Züge atmeten! Ihr Köpfchen schien von der Last dieser Seligkeit gebeugt; aus den dunklen, halbgeschlossenen Augen sprühten feuchtglänzende goldene Funken; sie blickten nirgends hin, diese seligen Augen, die feinen Brauen senkten sich über sie. Ein unbestimmtes kindliches Lächeln, das Lächeln grenzenloser Freude schwebte um ihre Lippen; der Überfluß von Glück hatte sie gleichsam ermüdet, sie schien beinahe gebrochen, ebenso wie unter einer allzu üppig aufgegangenen Blüte oft der Stengel zusammenbricht; ihre beiden Hände ruhten kraftlos: die eine in der Hand ihres Begleiters, die andere auf dem Schopf des Pferdes. Ich hatte Zeit gehabt, sie zu beobachten und mir genau einen jeden ihrer Züge zu merken; aber auch _seine_ Züge prägte ich mir ein ... Er war ein schöner großer Mann mit nicht russischem Gesicht. Er sah auf sie selbstbewußt, befriedigt und, wie ich in seinen Augen lesen konnte, nicht ohne einen gewissen geheimen Stolz. Er betrachtete sie mit Wohlgefallen, der Schurke; er weidete sich an ihrem Anblick, war wohl sehr mit sich selbst zufrieden, schien aber zugleich eigentümlich gerührt ... Und in der Tat: welcher Mann verdient wohl die Hingebung eines so schönen Geschöpfes, welche noch so schöne Seele wäre wert, einer anderen Seele ein solches Glück zu schenken?... Ich muß gestehen, daß ich ihn beneidete!... Indessen waren die beiden bis zu mir herangekommen; mein Hund sprang aus dem Gesträuch und bellte sie an. Die Unbekannte zuckte zusammen, sah sich rasch um, und als sie mich erblickte, versetzte sie ihrem Pferd einen heftigen Schlag mit der Reitpeitsche. Das Pferd schnaubte, bäumte sich, warf beide Vorderbeine empor und flog im Galopp dahin ... Der Mann gab im gleichen Augenblick seinem Rappen die Sporen, und, als ich nach einigen Augenblicken den Waldrand erreicht hatte, ritten die beiden schon in golden schimmernder Ferne über das Feld, sich anmutig in ihren Sätteln wiegend ... sie ritten aber nicht in der Richtung zum Landsitze.
Ich blickte ihnen nach ... Die Sonne übergoß sie noch zum letzten Male mit ihren Strahlen, bevor sie hinter dem Hügel verschwanden. Ich blieb noch eine Weile stehen, kehrte dann langsam in den Wald zurück, setzte mich am Wege und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Ich wußte, daß es nach der Begegnung mit einem Unbekannten genügt, die Augen zu schließen, um sich sofort sein Bild zu vergegenwärtigen; ein jeder kann die Richtigkeit dieser Wahrnehmung auf der Straße nachprüfen. Je bekannter uns ein Gesicht ist, um so schwieriger wird es, es sich auf diese Weise zu vergegenwärtigen, um so verschwommener zeigt sich uns sein Bild; an ein bekanntes Gesicht können wir uns wohl erinnern, können es uns aber nicht vergegenwärtigen ... unser eigenes Gesicht können wir uns aber ganz unmöglich vorstellen ... Wir kennen wohl jeden einzelnen Zug unseres Gesichtes, können uns aber daraus kein ganzes Bild aufbauen. Ich setzte mich also hin und schloß die Augen, -- und sofort sah ich die Unbekannte vor mir, ihren Begleiter, die Pferde, und alles ... Besonders deutlich sah ich das lächelnde Gesicht des Mannes. Ich betrachtete es aufmerksamer ... es verwischte sich und verschwand in einem blauroten Nebel, und gleich darauf zerrann auch ihr Bild und wollte nicht wiederkommen. -- Ich erhob mich. »Nun, jetzt habe ich sie wenigstens gesehen, habe beide deutlich gesehen,« sagte ich mir, »nun bleibt mir nur noch die Namen zu erfahren.« Ja, die Namen! Welch eine kleinliche, unnötige Neugier! Ich schwöre aber, es war nicht Neugier, die mich so bewegte: es erschien mir einfach unsinnig, nach diesen seltsamen zufälligen Begegnungen nicht wenigstens ihre Namen zu erfahren. Mein früheres ungeduldiges Erstaunen war übrigens verschwunden: ich hatte nur ein seltsam trauriges verworrenes Gefühl, dessen ich mich ein wenig schämte ... Es war Neid ...
Ich beeilte mich nicht, zum Landsitze zurückzukehren. Offen gesagt, schämte ich mich, so hartnäckig einem fremden Geheimnis nachzuspüren. Auch hatte mich das Erscheinen des Liebespaares bei Tageslicht, so seltsam es auch war, ich will nicht sagen beruhigt, so doch etwas abgekühlt ... Ich fand in diesem Erlebnisse nichts Übernatürliches, nichts Wunderbares mehr ... nichts, was einem unerfüllbarem Traum ähnlich wäre ...
Ich machte mich wieder an die Jagd, wenn auch mit größerem Eifer als vorhin, so doch ohne rechte Begeisterung. Ich stieß auch auf eine Auerhahnfamilie, die für etwa anderthalb Stunden meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm ... Die jungen Vögel wollten auf meine Lockpfiffe lange nicht antworten, wahrscheinlich pfiff ich nicht »objektiv« genug. -- Die Sonne stand schon ziemlich hoch (die Uhr zeigte auf zwölf), als ich meine Schritte wieder nach dem Landsitze richtete. Ich ging nicht zu schnell. Da blickte mich plötzlich vom Hügel aus das kleine Haus an ... Mein Herz begann wieder zu beben. Ich kam näher ... und sah, nicht ohne eine heimliche Freude, Lukjanytsch wie gewöhnlich auf der Bank vor seinem Häuschen sitzen. Das Tor war geschlossen ... die Fensterläden auch.
»Grüß Gott, Onkel!« rief ich ihm noch aus der Ferne zu. »Willst dich wohl wieder in der Sonne wärmen?«
Lukjanytsch wandte mir sein hageres Gesicht zu und lüftete stumm die Mütze.
Ich trat näher.
»Grüß Gott, Onkel,« wiederholte ich so freundlich, wie ich es nur konnte, um ihn milder zu stimmen. »Hast du ihn denn noch nicht gesehen?« fügte ich hinzu, als ich meinen neuen Viertelrubel noch immer auf der Erde liegen sah.
Ich zeigte auf die Silbermünze, die aus dem kurzen Grase halb hervorlugte.
»Hab ihn schon gesehen.«
»Warum hast du ihn nicht aufgehoben?«
»Das Geld gehört nicht mir, darum hab' ich es nicht aufgehoben.«
»Du bist doch wirklich merkwürdig, mein Lieber!« entgegnete ich etwas verlegen. Ich hob die Münze auf und reichte sie ihm: »Nimm, es ist ein Trinkgeld für dich!«
»Vielen Dank,« entgegnete Lukjanytsch mit ruhigem Lächeln. »Ich brauch' es nicht, kann auch ohne das Geld auskommen. Vielen Dank.«
»Ich will dir gern noch mehr geben!« sagte ich etwas verstimmt.
»Wofür denn? Machen Sie sich keine Mühe, ich danke Ihnen für die Freundlichkeit, habe auch so an meinem Brot genug zu beißen. Und selbst mit dem werde ich nicht fertig.«
Mit diesen Worten stand er auf und streckte die Hand nach der Pforte aus.
»Warte, warte noch, Alter,« sagte ich beinahe verzweifelnd. »Wie wortkarg du doch heute bist ... Sag mir wenigstens, ist deine Gnädige schon aufgestanden?«
»Die Gnädige sind aufgestanden.«
»Und ... ist sie jetzt zu Hause?«
»Nein, sie sind nicht zu Hause.«
»Macht sie irgendwo Besuche?«
»Nein, sie sind nach Moskau abgereist.«
»Nach Moskau? Heute früh war sie ja noch hier?«
»Ja, sie waren noch hier.«
»Hat auch hier übernachtet?«
»Ja, sie haben hier übernachtet.«
»Und war erst seit kurzem angekommen?«
»Ja, seit kurzem.«
»Wie ist es nur möglich, mein Lieber?«
»Ja, vor etwa einer Stunde sind die Gnädige wieder nach Moskau abgereist.«
»Nach Moskau!«
Ich sah ganz verdutzt auf Lukjanytsch: das hatte ich, offen gesagt, nicht erwartet ...
Auch Lukjanytsch sah mich an ... Ein greisenhaftes verschmitztes Lächeln lag auf seinen trockenen Lippen und leuchtete schwach in seinen traurigen Augen.
»Ist sie mit der Schwester abgereist?« fragte ich ihn schließlich.
»Mit der Schwester.«
»Also ist jetzt niemand im Hause?«
»Niemand.«
-- Dieser Alte betrügt mich, -- ging es mir durch den Kopf. -- Nicht umsonst lächelt er so verschmitzt. --
»Hör' einmal, Lukjanytsch,« sagte ich ihm, »willst du mir einen Gefallen erweisen?«
»Ja, was wünschen Sie?« sagte er gedehnt; meine Fragen ärgerten ihn offenbar.
»Du sagst, daß im Hause jetzt niemand ist; kannst du mir das Haus zeigen? Ich wäre dir dafür sehr dankbar.«
»Sie wollen also die Zimmer sehen?«
»Ja, die Zimmer.«
Lukjanytsch wurde nachdenklich.
»Mit Vergnügen,« sagte er nach einer Pause. »Kommen Sie, bitte, mit ...«
Er beugte sich und trat über die Schwelle der Pforte. Ich folgte ihm. Wir gingen durch den kleinen Hof und stiegen die baufälligen Stufen zum Flur hinauf. Der Alte stieß die Tür auf; an der Türe war gar kein Schloß; eine Schnur mit einem Knoten steckte aus dem Schlüsselloch hervor ... Wir traten in das Haus. Es bestand aus fünf oder sechs kleinen Zimmern; soviel ich bei dem spärlichen Lichte, das durch die Ritzen in den Fensterläden drang, sehen konnte, waren die Möbel in allen Zimmern sehr einfach und alt. In einem der Zimmer (dessen Fenster in den Garten gingen) stand ein kleines altmodisches Klavier ... Ich hob den verbogenen Deckel und schlug die Tasten an: ein unangenehmer, zischender Ton erklang und erstarb, sich gleichsam über meine Frechheit beklagend. Nichts wies darauf hin, daß in diesem Hause erst eben Menschen gewohnt hatten; selbst die Luft in den Zimmern war ungewöhnlich dumpf und tot; nur einige Papierfetzen, die auf dem Boden lagen und noch ganz frisch und weiß aussahen, ließen darauf schließen, daß sie erst seit kurzem hergekommen waren; ich hob einen der Fetzen auf. Es war ein Stück von einem zerrissenen Briefe; auf der einen Seite stand in einer temperamentvollen weiblichen Handschrift: »se taire?«, auf der anderen Seite konnte ich das Wort: »bonheur« entziffern ... Auf einem runden Tischchen am Fenster stand in einem Wasserglase ein welker Blumenstrauß, und daneben lag ein zerknittertes grünes Bändchen ... Dieses Bändchen nahm ich mir als Andenken mit. -- Lukjanytsch öffnete eine enge, mit Tapeten verklebte Türe und sagte:
»Das hier ist das Schlafzimmer, dahinter die Mädchenkammer; mehr Zimmer gibt's hier nicht ...«
Wir gingen durch den Korridor zurück.
»Und was ist das da für ein Zimmer?« fragte ich, auf eine breite, weiße Türe mit einem Vorhängeschloß zeigend.
»Das da?« antwortete Lukjanytsch mit dumpfer Stimme. »Das ist nichts.«
»Wieso nichts?«
»Nichts ... Eine Rumpelkammer ...« Und er ging ins Vorzimmer.
»Eine Rumpelkammer? Kann ich sie sehen?...«
»Ich begreife nicht, was Sie da so interessiert,« entgegnete Lukjanytsch unzufrieden. »Was wollen Sie sehen? Es sind ja nur Koffer darin und altes Geschirr ... eine Rumpelkammer und nichts weiter.«
»Ich will sie aber doch sehen, zeig' sie mir bitte, Alter,« sagte ich, obwohl ich mich innerlich meiner unanständigen Beharrlichkeit schämte. »Siehst du, ich möchte ... ich möchte, auch bei mir im Dorfe ein solches Haus ...«
Ich schämte mich noch mehr und konnte den angefangenen Satz nicht zu Ende bringen.
Lukjanytsch stand, den grauen Kopf gesenkt, und sah mich etwas eigentümlich mit krauser Stirne an.
»Zeig' sie mir doch,« wiederholte ich.
»Nun, von mir aus,« sagte er endlich. Er holte den Schlüssel aus der Tasche und machte sehr ungern die Türe auf.
Ich blickte in die Kammer hinein. Es war da wirklich nichts Bemerkenswertes. An den Wänden hingen alte Bildnisse mit dunklen, beinahe schwarzen Gesichtern und bösen Augen. Auf dem Boden lag verschiedenes Gerümpel.
»Nun, haben Sie sich sattgesehen?« fragte mich mürrisch Lukjanytsch.
»Ja, danke!« erwiderte ich eilig.
Er schlug die Türe zu. Ich ging ins Vorzimmer und aus dem Vorzimmer in den Hof.
Lukjanytsch geleitete mich hinaus, murmelte: »Leben Sie wohl!« und begab sich in sein Häuschen.
»Und wer war die Dame, die gestern hier zu Besuch war?« rief ich ihm nach. »Sie ist mir erst heute früh im Gehölz begegnet.«
Ich hoffte, ihn durch diese unerwartete Frage zu verirren und von ihm eine unüberlegte Antwort zu bekommen. Der Alte lachte aber nur und schlug die Türe hinter sich zu.
Ich kehrte nach Glinnoje zurück. Ich schämte mich wie ein Junge, den man ausgescholten hat.
-- Nein, -- sagte ich zu mir: -- ich werde das Rätsel wohl nicht lösen können. Also geb' ich's auf! Will nicht mehr daran denken. --
Nach einer Stunde war ich schon auf dem Wege nach Hause; ich war erregt und erbost.
Es verging eine Woche. Wie sehr ich mich auch bemühte, die Erinnerung an die Unbekannte, an ihren Begleiter und an meine Begegnungen mit ihnen mir aus dem Kopfe zu schlagen, sie kamen immer wieder und belästigten mich so hartnäckig und zudringlich wie eine Fliege an einem Sommernachmittag ... Auch Lukjanytsch, mit seinen geheimnisvollen Blicken und zurückhaltenden Reden, mit seinem kühlen und traurigen Lächeln kam mir immer wieder in den Sinn. Sogar das Haus, so oft ich daran dachte, -- sogar das Haus schien mich durch seine halbgeschlossenen Fenster schlau und stumpf anzublicken, als wollte es mich necken und mir sagen: Und doch wirst du nichts erfahren! Ich hielt es schließlich nicht aus: an einem schönen Tag fuhr ich wieder nach Glinnoje und begab mich von da zu Fuß ... wohin? Der Leser kann es leicht erraten.
Ich muß gestehen, als ich mich dem geheimnisvollen Landsitze näherte, spürte ich eine heftige Erregung. Das Haus schien in seinem Äußeren ganz unverändert: dieselben geschlossenen Fenster, dasselbe traurige und einsame Bild; doch auf der Bank vor dem Hofgebäude saß statt des alten Lukjanytsch ein mir unbekannter Bauernbursche von etwa zwanzig Jahren, in einem langschößigen Kaftan aus Baumwollzeug und in rotem Hemde. Er saß auf der Bank, den lockigen Kopf auf die Hand gestützt und schlummerte; von Zeit zu Zeit fuhr er im Schlafe zusammen.
»Grüß Gott, Bruder!« rief ich laut.
Er sprang sofort auf und sah mich starr mit erschrockenen Augen an.
»Grüß Gott, Bruder,« wiederholte ich, »wo ist der Alte?«
»Was für ein Alter?« fragte mich der Bursche gedehnt.
»Lukjanytsch.«
»Ach so, Lukjanytsch!« Er blickte zur Seite. »Sie wollen also Lukjanytsch?«
»Ja, Lukjanytsch. Ist er zu Hause?«
»N--ein,« sagte der Bursche nach einer Pause. »Er ist ... wie soll ich ... wie soll ich es Ihnen sagen ...«
»Ist er etwa krank?«
»Nein.«
»Was ist denn mit ihm los?«
»Er ist nicht mehr da.«
»Wo ist er denn?«
»Ja, es ist ihm ... ein Unglück zugestoßen.«
»Ist er gestorben?« fragte ich erstaunt.
»Er hat sich erhängt.«
»Erhängt!« rief ich erschrocken aus und schlug die Hände zusammen.
Wir blickten einander an.
»Ist es lange her?« fragte ich schließlich.
»Heute sind es fünf Tage. Gestern wurde er beerdigt.«
»Warum hat er sich erhängt?«
»Gott weiß warum. Er war ja ein freier Mensch, kein Leibeigener mehr, er bekam sein Gehalt, er kannte keine Not, die Herrschaft behandelte ihn wie einen Verwandten. Wir haben ja eine so selten gute Herrschaft, Gott schenke ihr langes Leben! Man kann gar nicht begreifen, was ihm geschehen war. Der Böse hat ihn wohl verführt.«
»Wie hat er es denn gemacht?«
»Ganz einfach. Hat sich halt erhängt.«
»Und hat man ihm vorher nichts angemerkt?«