Visionen: Skizzen und Erzählungen
Part 9
Unter großer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurückgeblieben, einige Worte miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen wartete La Première an des Abbé Thüre. Er hatte sie ja schon vor dem Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er müsse mit ihr gründlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen längere Zeit erregt auf und ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm über den Kopf gewachsen. Er fürchtete nicht nur für den Ruf und Besuch des Klosters. Er fürchtete, sein nächster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, könnte die Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische Spürhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz großartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt hätte! Was hätte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten immer noch die Laute "le diable et sa Fianßä!--le diable et sa Fianßä!" Nein, er war wirklich stolz auf seine Zöglinge über diese Wendung.--Die Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Première, und blieb vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens die Aufklärung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten, rücksichtslos der Stellung, die sie einnähmen, und rücksichtslos von Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abbé, und machte damit La Première, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so hätten die Zöglinge nach Ablauf des mittägigen Interstitiums in ihren Classen zu bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenständen abzugeben. Was den zweiten Theil, die Aufklärung des räthselhaften Falles selbst anlange, so wünsche er von La Première die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu wissen und der unanständigen Griffe und Betastungen, die unter Mädchen vorkämen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet würden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie dem Alexina's, vorkämen; was sich die Mädchen dabei dächten; ob es eine innere Stimme, oder eine Versuchung von außen sei, et cetera, et cetera.--Die Sache--fügte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch wissenschaftlich und moraltheologisch die höchste Bedeutung.--Aber la Première, die erst kurz über die 30er war, senkte ihr bleiches Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hände über die Brust, und schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abbé und wurde etwas unwillig,--wenn sie nicht spräche, müsse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte. Monsieur möge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so gut sie's vermöchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mädchen gewohnheitsgemäß beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgemäß, aber häufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen fürchteten sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berührungen käme?"--"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den größeren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener zusammen;"--"Kämen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen Zusammenschlafungen vor?"--"Hätte sie nie beobachtet; doch gäbe es kindlich und weichherzig angelegte Mädchen, die auch Tags über, und in den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abküßten und herzten."--"Ob sie, la Soeur Première, dies unter Umständen für teuflische Eingebungen halte?"--"Unter keinen Umständen!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der Gemüthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsünde befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, müsse der Weisheit von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewöhnlich sei, daß Mädchen sich gegenseitig unter die Röcke langten?"--"Langen, gewiß nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mädchen seien neugierig, was ihre Kameradinnen trügen, ob sie nachlässig in der Wäsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht gestopften Strumpf, so erzähle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage zerrissene Unterröcke, durchlöcherte Strümpfe. Erfährt dies wieder Claire, so erzählt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die Röcke. Das sei Mädchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei älteren, wie Alexina und Henriette, auch vorkäme?"--"In anderer Form; und dann aus Interesse für die Toilette!"--"Ob es hier zu Berührungen käme?" "Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berühren der Körpertheile der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mädchen brüsteten sich mit der Schönheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon überzeugen, und so käme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob sie glaube, daß dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie können dies nicht entscheiden! übrigens trügen ja die Mädchen bei solchen Gelegenheiten immer noch Hüllen von Parchent, Shirting, Mouslin um sich!"--"Mouslin-, Tüll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr groß;--meinte la Première--und Henriette habe einen solchen Ueberfluß von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu Ende. Der Abbé war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte, ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mädchen gewesen, das konnte ihm la Première nicht sagen, weil sie es selbst nicht wußte, und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet überhaupt sehr rar waren. Aber im ersten Fall war Monsieur entschlossen, daß La Maitresse trotz ihrer sonstigen guten Qualification gefaßt werden müsse, ebenso wie Henriette entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig.
Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo nicht minder leidenschaftliche Gespräche stattgefunden hatten. Zum Nachmittag-Café kam la Superieure herunter zum Abbé. Sie erklärte, es müsse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel gegenüber geschehen. Die Briefe der Mädchen könne man ja inhibiren; aber bei den sonntäglichen Besuchen, wo einzelne Zöglinge von ihren Eltern im Wagen abgeholt würden, werde die Sache doch ruchbar, und dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig und allein der Ausgang des Falles abhänge.--La Superieure erwiederte etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstände die Welt draußen so viel wie sie; zunächst handle es sich um Abschneidung aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mädchen für's erste auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr ernst der Abbé; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen. Er wünsche in jedem Falle Alexina zu verhören.--Das könne er--meinte Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und verließ ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abbé.--
Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das Zimmer von Abbé, warf sich ihm zu Füßen, und fing zu schluchzen und zu weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abbé, Sie haben dem Kloster jetzt schon einen großen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefügt, und ich fürchte, Sie haben eine noch weit größere Sünde auf dem Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit großem Nachdruck ein, und sah den Abbé mit großen, glänzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefühle sind wie Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache überraschte den Abbé nicht wenig, der in seiner sublimen Art für poetische Wendungen nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlüpfrigkeiten wie die Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten hinzuzufügen: Aber wie steht es mit den Berührungen, Umarmungen, Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon père,--fiel Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefühl-Enthusiasmus ein--ja, ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Körper, ihre Augen, ihre Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strümpfe, ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe: _meine Seele_; und gewiß berührten wir uns, wo es nur möglich war, wo es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Körper; oh, mit einer Inbrunst, mon père, wie sich nie zwei Mädchen geliebt haben; und Inbrunst, mon père, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier war der Abbé doch paff. Dieses Mädchen war stärker, als er.--Und niedrige, unziemliche Empfindungen und sündhaftes Verlangen kam nie in Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abbé eindringlich.--Nur die Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abbé, und hob das Mädchen auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, daß sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.--
Aber schon um 4 Uhr kam la Première, und brachte ein Paquet Briefe, welche man Henriette, als sie in höchst geheimnisvoller Weise ihr Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen, abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es sei vielleicht zu erwarten, daß ihr Inhalt zur Aufklärung über das Verhältniß von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur öffnete die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenväter las. Monsieur war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heißen Lettern emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war also der gute, französische Stil, der an Alexina bewundert wurde, und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergüssen an Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schließlich doch weltlichen Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette, Du fürchtest meine Augen, wenn sie am Erlöschen, und den Ton meiner Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weißt Du, daß es zu spät ist? Weißt Du, daß Du in meine Hände gegeben, wie Wachs dem Bildner? Daß Du das unglückliche Mädchen Alexina lieben mußt, weil Du so reich und ich so arm. Fürchtest Du Gott? Fürchtest Du nicht, jammervoll unglücklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du liebst, und das Dich anbetet, verstießest. Haben wir zusammen nicht Alles? Hat nicht jedes von uns für sich Nichts? Du siehst meine dürren, kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefüllt mit Wollust? Du streichst über meinen mageren Leib und findest meine welken Brüste! Hast Du nicht strotzende Lebensfülle und Brüste quellend wie Milch und Blut? Du mißt meine Beine und findest nur Krücken und kindliche Schwäche! Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsäulen, und Deine Kniee zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schläft oft und Dein Gedächtniß will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurückgeblieben und Deine Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht über alle vorgeschritten, und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich der Geyer, der auf Dich herabstößt? Bist Du nicht in meiner Gewalt? Und Du fürchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur Grausamkeit, Unfläthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wäre anders, als alle Mädchen im Kloster, und Du müßtest mich verabscheuen, weil ich Dinge forderte und Gewaltthätigkeiten verübte, die ein braves Mädchen nicht erdulden dürfe; und dann müssest Du sie doch wieder gewähren. Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln sind kein Maaßstab und Grenze für unser Empfinden. Und was wir verbrochen haben, Berührungen, und unerlaubte Küsse, und Umarmungen und Ergießungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und für sich nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrücken konnten; wie Händefalten nur symbolisch gemeint ist für das, was im Innern vorgeht; was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die Klostervorschriften verstößt, ist demgegenüber nebensächlich, nur eine Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen könnte, die aber zufällig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette, das ist für mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest. Ich beschütze Dich...."--In einem dritten Briefe hieß es "... Woher die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich aufgeklärt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank, Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheußliche Aufführung, was drum und dran hängt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die äußeren Thaten gräulich, und das innere göttliche Empfinden minimal. Unsere Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal; aber unser inneres Empfinden, der göttliche Impuls, riesengroß! Oh, ich könnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen, aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsäglichschönes Figürchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glänzender Fisch in dem großen Meer!..."--
Mit der Lectüre dieser Briefe war es inzwischen fünf Uhr geworden. Der Abbé wußte wohl, daß er hier einem außerordentlichen Fall gegenüber stand, einem Ereigniß, einem Verhältniß, das auf Monate zurückdatire, das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schöpfer und Angreifer gewesen, während Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschränkt hatte. Aber worüber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden Mädchen gediehen waren, deren geistige Seite in den überschwenglichen, gefühlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier nicht an einen höchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels selbst denken mußte! Daß Alexina eine naive, wenn auch impetuose, auf die Echtheit ihres Gefühls in der Brust pochende, aber noch unverdorbene Natur war, darüber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf ein so glänzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darüber konnte Monsieur zu keinem Entschluß kommen.
Es war jetzt Vesperzeit. Die Mädchen hatten eine halbe Stunde Erholung, bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein Bienenschwarm gährte und brauste es unter den jungen Geschöpfen, die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abbé nicht länger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte man als eine Art Bestätigung aller Vermuthungen angesehen. Man wußte aber auch, daß la Maitresse, in der doch auch alle Mädchen den eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile. Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Erörterungen noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der Umstand, daß mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat dieser neuen Beziehungen war, daß gegen das Ende des Interstitiums, um 1/26, eine der Mägde an die Thüre des Abbé klopfte, und eingelassen, in Begleitung von la Première, welche sie dazu aufgefordert hatte, folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu Seine Hochwürden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, hätten sich mehrere Personen aus dem Dorf um sie gedrängt, zu erkennen gegeben, sie wüßten schon, daß sich Außerordentliches im Kloster zugetragen, und dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, daß eigentlich nichts mehr zu verheimlichen sei, das Thatsächliche des Vorgefallenen zugegeben, mit den Leuten gesprochen, und Alle hätten sich fast dahin geäußert, daß die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares Mädchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang, ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der nur unser Herrgott das Kloster bewahren möge. Darauf sei ein großer sonnenverbrannter Mensch mit einem großen Bart unter dem Kinn und hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört, hervorgetreten, und habe erzählt, er habe vor etwa sechs Wochen auf einem seiner Controllgänge--er sei Waldhüter--mitten im Dickicht weit von der Landstraße ein Stöhnen gehört; er sei näher gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme vernommen und eine kräftige, tiefe, beruhigende Männerstimme; als er die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei Mädchen zu finden, die eben aus dem Gebüsch aufgesprungen waren, also dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation, ihre Stellung und der Eindruck am Boden hätten gezeigt, daß sie nicht neben ihrer Freundin gelegen; beide Mädchen seien unten am Körper entblößt gewesen, und hätten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen können, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, daß die größere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die beiden hätten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--hätten darauf den Waldhüter gebeten, sich in der Nähe des Klosters zu halten, um, für den Fall Monsieur l'Abbé ihn zu sprechen wünsche, da zu sein. Monsieur möge nun nach Belieben handeln.--
Nach dieser Erzählung ließ der Abbé die Magd abtreten, um sich mit la Première allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Première verschiedentliche Stellen aus lateinischen und französischen Büchern zeigte, und ihr übersetzte, als eine zweite Schwester in heller Bestürzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster ständen mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen das Gebäude ballten, Verwünschungen ausstießen, und fortwährend riefen, der Teufel sei im Kloster.--Der Abbé war anfangs im Zweifel, was dieser neuen Sachlage gegenüber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite Schwester, welche die Meldung überbracht hatte, die Affaire Madame la Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Première gewendet, meinte dann der Abbé, es sei wohl das Beste, den Waldhüter mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber, auf dem Wege dies auszuführen, traf la Première vor der Klosterpforte mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu eilen. Beide kamen zurück, und Seine Hochwürden voll Erregung frug Monsieur l'Abbé was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner, des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schöne Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt, oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt werde; man solle diese Lehrerin zu einem Geständniß bringen, eventuell den bösen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle deßhalb zu Monsieur l'Abbé ins Kloster eilen.--Während der Abbé seinen Amtsbruder in Kürze über die Ereignisse des Tages aufklärte, hörte man draußen die Zöglinge trepp auf trepp ab stürmen und schrille Rufe ausstoßen: le diable et sa fianßä!--le diable et sa fianßä!--Andere recitirten nach festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:
"Le diable et triste Et a bien peure: Il a perdu sa fiancee Et craint la Superieure!"[4]
Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mädchen seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestürmt, hätten geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer Stube ziehen. Sie sei jetzt überzeugt, das Ganze sei ein gegen sie, die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor, der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung Alexina untersuchen; fänden sich die bekannten Male und Zeichen von Teufels-Besessenheit an ihrem Körper, woran sie stark zweifle, so könne man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberührtes Mädchen ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und züchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet hätten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer, man solle dem Waldhüter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell so durch einen unverdächtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens, zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so wurde angeordnet, alle hätten im Refectorium sich unter Aufsicht der Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.--