Visionen: Skizzen und Erzählungen

Part 2

Chapter 23,295 wordsPublic domain

Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger, der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator wohnenden Stämmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwärze mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut, keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich muß sagen, das Erscheinen dieses Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden. Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.--Die Suada, die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist der Schnapsgenuß;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,--"krank,--nein! ich sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."--"Ja, was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas ärgerlich.--"Bitte, Docter,--haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"--In diesem Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange, und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei, mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück. --"Eine Kleinigkeit für Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist Schmutz!"--fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!" schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen, mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber- und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem erregten Menschen gegenüber zu verfahren.--

"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir, wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten einige fünfzig Personen!"--fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von mir aus von wo der Pfeffer wächst!"--entgegnete ich mißmuthig, und stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Küste_!"--replicirte der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Küste_ ist weiter gegen Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu--so!"--in diesem Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus, und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing hat mich in Unglück gestürzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?" ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schöne Tag kommt ain Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter, weiter!" drängte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie Mehl und Kreide,--scheußlich!--scheußlich!"--"Weiter, weiter!--Haben Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewöhnt man sich doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heißen?"--"Ich schaue durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!" --"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein, und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas; Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar das scheußliche Thier; _jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz_; und daß Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing, weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"--"Mein Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"--"Ja, und jetzt hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von Engländerinnen sehr pretty,--ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und ich habe beschlossen, daß ich muß werden _uaiß_...."--"Sie haben beschlossen weiß zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was? Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles kann ändern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas, das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll das heißen?"--"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well, Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du mußt _uaiß_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze Nacht,--endlich, Docter, nach ßuai Monate,--nachdem ich uar wie ein Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne _uaiße_ Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,--it was a wonderfall sight!--ich bin geworden uaiß...."--"Weise oder weiß?"--"Well,--eine Morgen, in Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh, ich _habe_ gehabt uaiße Farb,--wunderschöne _uaiße_ Gesicht,-oh, I tell you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt, ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff geschickt nach Hamburg...."

In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte, wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher. Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen plötzlich Verunglückten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun dienen?"--frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.--"Well, Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin _uaiß_,--die schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...." In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer, beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen. Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.--Endlich wurde der Neger überwältigt und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben, und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_.

Ein Criminelles Geschlecht

"_Er wußte Nichts von den_ _Geschlechts-Unterschieden der_ _Menschen, und unterschied die_ _Leute nur nach den Kleidern."--_ _Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)_

Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere, aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und protestantisch.

Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten, sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"--Bei diesen letzten Worten sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen. Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube, ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.--In der That, es sind ganz absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.--Ich komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist; ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."--Mein Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es daher, ihm in die Rede zu fallen.--"... Es ist nur so schwer,--begann er wieder,--das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will, Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich zu machen.... Sie sind Mediziner,--Sie werden vielleicht Manches besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben können...."--"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut wurden?"--wagte ich anzudeuten.--"Sanitär?--Ja, gewiß, sanitär,--aber sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist weit mehr criminell!..."--"?"--Auf mein fragendes Zaudern wandte der Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften, was ich zu seinen bisherigen Worten meine.--"Ja,--so, glaube ich, kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,--fuhr mein Begleiter dann fort,--denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt worden, einer criminellen Vereinigung,--einer betrügerischen Sippe,--einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt, sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"--Der Commissar hatte diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt, construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.--"Hm!--sagte ich--ist die Vereinigung politischer Natur?"--"Nein!"--replizirte der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen Gesticulation nach vorne zu werfen,--"nein!" er noch einmal mit einem eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,--"politisch ist sie nicht, sonst wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch; sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei auf die Welt gekommen!"--"Ach, mein Gott,--sagte ich nach einiger Ueberlegung und wie enttäuscht,--meinen Sie die Juden?"--"Nein!"--rief er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,--"die sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"--"... die sich unserem Denken entzieht?"--wiederholte ich ganz perplex;--".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"--erklärte es der Commissar ausführlicher.-... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht?"--syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich hin.--"... hinsichtlich,--nahm der Commissar nochmals den Satz auf,-- hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich unserem Denken entzieht!"--"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"--sagte ich auch diese letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.--Dabei fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung, Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines Geistes zu hoch schien.--