Visionen: Skizzen und Erzählungen

Part 16

Chapter 163,523 wordsPublic domain

Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes lag.--Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen, hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen, hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten, und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's _uns_ an!"--Ich schaute zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und neugierig.--In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war, nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann _Hasselbeck_, einem Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang, wie betäubt sitzen. Herr _Hasselbeck_, in seiner kleinen gestickten Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe, vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden, die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen, in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"--ein "Ui!"--ein "Aitsch!"--im höchsten Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war; die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft. Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die Sohlen schmerzten beim Gehen.--_Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran er war_. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!" Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!"--Jetzt fielen fast keine Schloßen mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter. Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die Taschen, was das Zeug halten wollte.

"Sie dummes Luder!"--sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,--"Sie werden doch nicht für Andere sammeln. Geht Ihnen denn _noch_ kein Licht auf? Jetzt ist's Zeit, für _sich_ zu sorgen!"--"Ach Gott," antwortete diese, fast eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"--"Was, 'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine Gnädige!"--"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut doch von oben zu!"--

Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand. Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen manchmal findet.--

Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen, der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war, begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln, diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne, und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die Hälfte für sich!"--Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her. Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus, und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache schien entschieden zu sein. Es war _Gold_.--Ein Mensch neben mir, in blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang, daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der _Sandelbeck_, der Tandler aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"--Allein die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert. Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben, wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man, öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert. Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche Kleinigkeiten auf.--Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen die Meisten auch zu warten.--Der König mit seinem Gefolge hielt hoch zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten. Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge, die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten Herrschaften.

Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit lauter Stimme "Hint' bei _Dingolsheim_ liegt des gäl Zeug schuhhoch auf der Straßen!"--Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas. Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu, conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber. Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt. Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr "Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu extraordinär.--Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden, jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.--Ich dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes, welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner, untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch, ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa 1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze Erscheinung humoristisch.--Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen:

"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich gefälligst, was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch höher!"--"Gott, wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue Metallicher!"--"Nu, haben Se neue Metallicher?"--"Ob mer haben neue Metallicher?! Mer haben das _Platiin_, mer haben...."--"_Krause_, sehen Se mal nach, wie _Platin_ steht?"--"_Platin_ steht 2039 das Kilo"--"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des _Platiin_ so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"--"_Platin_ genuch, um en Mond drauß zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"--"Ka Beleidichung! 'S Gered is umasonst! Mer muß sich entschließe. Ich hab 50 Pud _Platin_ bei meim Schwager _Salomon_ in Odessa liche. Ich gäb's um zwatausend un sechzig!"--"Ich nähm's; ich nähm's."--"Gott, wie de Leut kreische. In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham 's widder aufstecke müsse; des Zeug war zu schwar; da könnt mer sich alle Woch e nei Hosetasch mache lasse müsse!"--"Gott, wie Se redde! Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"--"Herr 'Goldstein!'"--"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka 'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"--"Na, also Herr _Silber_stein!--Was maane Se zum _Rhodium_?"-->Was man ich zum _Rhodium_? 'Was waß ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich; is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium? Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ können Sie in Rußland kaufen, so viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche 390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix von dem _Gold_--G'schlamaßl da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre, wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich in Petersburg ä tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles stürzt zu Herrn _Nathansohn_, an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstück, schicke Se mer die Depesch ab, aber aß _dringend_, aß möglich!--"Kaafe Se Herr Goldstein, was Se kaafe können. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher, _Feitel Stern_, in de Eschenheimer Gaß!"--'Hawe Se kei Angst, Herr Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre, mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_, es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts mit em _Molybdän_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau, da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel. Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit _Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das voraussehn können! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_, schaue Se nur Ihr Bübche an, wie des in dem Zeug rumwühlt!"--"_Moritz_, pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter, des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui, naseweiser Bursch, schmeiß den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold is Dreck; siehste net, daß der ganz Himmel voll is?!"--

In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb herabgesenkt. Viele flüchteten schon in die Häuser. Ich kehrte auf den großen Platz zurück. Die Leute schauten sich mit großen gläsernen Augen an. Keines wußte, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_ kehrten gruppenweise die Menschen zurück, die Taschen und Kappen bis zum Platzen gefüllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu drohen. Vor den Wirthshäusern lagen die Leute besoffen; andere gröhlten und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei zurückgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter heftig gesticulirend aus einzelnen Läden herausstürzen; ich erkundigte mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hieß es, nehmen weder 10- noch 20-Markstücke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine fürchterliche Angst bemächtigte sich jetzt Aller. Das Militär hatte den Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrücken. Vorne, sah ich, die Cavalcade des Königs zum Thor hineinreiten. Oben an einem Laternenpfosten war eine Königliche Bekanntmachung angeschlagen, des Inhalts, der König werde mit den Ministern angesichts des unerhörten elementaren Ereignisses und des reichen, göttlichen Segens, der vom Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten Volkes zu thun sei; der Preis für das Gold solle bekannt gegeben werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das Militär zog dem König nach. Das Volk zog dem Militär nach. Der Himmel senkte sich gelbglühend immer tiefer hernieder. Bald war der große Springbrunn-Platz still und verwaist.--

Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Grauköpfe. Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflügeln humpelten sie daher, und im Chor gröhlten sie mit heiserer Stimme, sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend: "_Iridium_ zwahundert und einunddreißig;--_Antimon_ hundert und sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_ achthundert gradaus;--_Molybdän_ siwehundert und in die sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!"

Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin

"_Und sahen, daß sie nackt waren._" 1. Mose 3.7.

In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritäten der dortigen Universität Professor _Süpfli_, Benedictiner-Pater, Haus-Prälat Pius IX.' und Ordinarius für Pastoral-Medizin. Seine Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali", sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden bei den Fröschen" waren damals in Aller Händen. Und die wichtige Frage, die wohl alle Gemüther beschäftigte, über den Einfluß der Tod-Sünden auf die Blutmischung--da die ganze Lehre von der Erbsünde von ihr beeinflußt zu werden schien--ruhte sozusagen in _Süpfli's_ Händen. _Süpfli_ locutus est! hieß es damals; und die Sache war damit entschieden.--

Ein älterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlaßte mich, einmal dem Colleg _Süpflis_ über Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei _Süpfli_ zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jüngerer Semester war es überhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit beizuwohnen.--Mit dampfendem Gehirn und aufgesträubten Haaren kam ich heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefühl, eine Kugel spanischen Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflöse, und Blut und Gedanken, alle Nahrungssäfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze, bis das fabelhafte Gift glücklich wieder ausgeschieden war.--Ich hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rüstiger und von größerer Widerstandskraft.--

Wir kamen etwas zu spät. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber einige fünfzig kurzgeschnittene Köpfe mit der thalergroßen Tonsur in der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten Schläfe, hinweg, sahen wir den langen hageren _Süpfli_ hoch auf dem Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. _Süpfli_ sprach ein eigenthümlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und später reinzuschreiben. Als Zuspätgekommene drückten wir uns schnell in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitäten durcheinander gemischt.

_Süpfli_ loquitur: