Visionen: Skizzen und Erzählungen
Part 15
Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein Inneres. Daß der Junge,--sagte ich mir,--gänzlich unter dem Einfluß der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener geheimnißvollen Geburt?
So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind, angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paßten die Steine nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten. Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch. Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn. Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt würde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen; kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das, wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke, zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke, ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt. Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen, abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes Stück Spiegelglas.--Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel, sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes, zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt den Rest der Nacht.--
Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer, widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"--rief ich laut und commandirend über den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf, und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: "Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz, aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause; niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"--Damit fiel der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging in mein Zimmer zurück.
Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen, der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.--
Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Fränkisch,-- "sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gäul und die räuthige Hünd darschlägt,"--bemerkte er, und lachte spöttisch über meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!... die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"--"Gifthütte?"--frug ich,--"weßhalb?"--"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht nix Gut's nei!"--Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah, fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und vo wos daß lebe!"--"Nun,"--entgegnete ich--"ich bin heiler Haut herausgekommen!"--"Sen S' froh,"--rief der Steinhauer, und schwenkte heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,--"Sen S' froh, und mache S' weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!... "--Hä, hä, hä, hä, hä--klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus dem Schweinsstall.--Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine Stunde wieder umzusehen.--
Der Goldregen.
_Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent_ _Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,_ _Na bitt' i unser'n Herrgott,_ _Daß's Wetter so bleibt._ Altbayrischer Vierzeiler
Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches, noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt, und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im Publicum erzeugt.--Daß ich genau bin, es _hatte_ so gegen 3 Uhr etwas geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.--Ich wohne an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz, um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel, um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf: ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner, und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes, als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment--und plötzlich stürzte dieser kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren, die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt, einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote, das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die Straße, in das nächste Haus.--
"Jessas Maria!"--kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.--"Die Welt geht unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen--sie war eine Wäscherin--und fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die Drangsal värnichtät uns!"--"Sie dumme Gans!"--rief in diesem Moment ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte--"thun Sie auch noch die Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"--Ich schaute jetzt um mich: in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend, wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.--"Es scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"--sagte jetzt in unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,--"der, vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte, und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen wurde."--"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand, und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen hatte.--Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, _und die ganz entschieden einen metallischen Charakter hatten_; sie waren auffallend schwer im Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen, durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren, in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich--ich hörte es nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur _einen_ Gedanken, nur _ein_ Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern; und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.