Visionen: Skizzen und Erzählungen

Part 14

Chapter 143,559 wordsPublic domain

Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber, was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt, und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln, die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog, und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir stehen blieb,--"ist ein Unglück für mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesäuerten Brode macht sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer, wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im Leib!"--'Hä, hä, hä, hä, hä!'--grunzte und lachte es in diesem Moment wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen, jungen Menschen kommend, herüberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf; Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde, ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun, und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen. Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen; während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit: sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein fetter schweinerner Preßsack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"--meckerte und blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weißgekleidete Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war, übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen, Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden, grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.--Christian war blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen, im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß? Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.--

Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend, schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu Grund.--Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fügte er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch herüberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit 14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe, zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann können wir uns auch nicht ungestört unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete, rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend: "Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach oben.--

Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten. Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter; und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen, Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten, schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch brachte,--"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein; er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das Gespräch einzuleiten,--"gehen schon früh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht, ich hätte das Regiment längst verloren!"--"Maria scheint demach von wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen, und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"--begann ich wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."--"Mit der Jüdin?"--frug der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.--"Was wollen Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."--"Ja,"--nahm der Alte das Gespräch wieder auf,--"sie war eine der Schönsten ihres Stammes; aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er, daß er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der Junge muß einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwärts, in der Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu erhalten.--"... muß einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich wieder,--"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."--"Um Gotteswillen!--die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen. Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann vergewaltigt!"? ergänzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich: "Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete ich.--"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'Hä, hä, hä, hä, hä!'--gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.--Ich fuhr wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder. Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt überwog die Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.--"Kein Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedämpfter Stimme, aber examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig und thränenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" preßte mein Wirth gezwungen und flüsternd hervor.--"Was für ein Etwas?"--fiel ich a tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft; und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.--"Marie hatte sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",--so erzählte sie,--"habe sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören; der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)--"Plötzlich was?!--Plötzlich, weiter!"--"Plötzlich"--hub der Alte wieder an,--"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung; ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung sein gefülltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige, sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem Manne in andere Umstände gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekräftigte der Alte,--"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."--"Und Sie glauben das Alles?"--frug ich mit höchstem Erstaunen.--"Ich mußte wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fügte mein Wirth mit Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit Entrüstung.--"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"--fuhr der Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die Knie,--"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird kommen!"--

Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,--"ja, junger Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende von Dingen; aber man muß sie sehen können."--Ich ging auf diese Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an, und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen, schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies mit seiner Krücke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben. "Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer.... Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach, wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.--Es war kalt, und fröstelnd legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.--