Visionen: Skizzen und Erzählungen
Part 13
Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist, daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte, und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er "Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen, wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen "Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel, daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!" hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng" war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung, die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau _Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu wollen.--"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend vibrirender Stimme--"Kéllnererera!--Champágnerera!--Wie haißt?--Soll ich haben nichts ßu trinken.--Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam. Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradáng! Deradáng!". (Mit einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit veränderter Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd; schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er die Männer und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"--(Antwort) "Am Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme) "Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht! Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá! Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein, aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei Brauterá?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen, wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe vorlag. Die schöne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurück. Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, _Itzig Faitel Stern_.--
Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
"_Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef, hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke, un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen un kregen kenn.--'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, >hadd ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.----Un as der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn). Un as se dat seeg, so freude se sik._"
Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen
Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange, hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte. Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt. Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen, auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.--Leute, deren Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere kaufen;--mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste nicht so schrecklich aus.--
Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an, als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist? Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl vertraut. Aber Sie wären verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte, fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus; ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg; es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Während der letzten Worte hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und schwer!"--"Gebetbücher!--Gebetbücher!"--rief er schnell zurück,--"aber nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schluß der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom Mund weg.--Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte. Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen, ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag, auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter, trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie endlich!--rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten Bekannten gegenüber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum, kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an, gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene, fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen mußten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann, der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fügte er hinzu,--"er wird sich freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir leider viel zu viel."--Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte: "Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend. "Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt; mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest, und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen, halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme, einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht, und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist sonst ungefährlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn' seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,--"aber Du machst mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag' ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekräftigte dieser wieder, indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir Sorge."
Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn, daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte, durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte, daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden, es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine Tochter Maria!...."--