Visionen: Skizzen und Erzählungen
Part 12
Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine früheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit veränderter, mäckernder Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im Gesätz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber härnach?"--(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze Wält?"--"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"--"Hernach sitzet er und ernähret die ganze Wält!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet er und copuliret die Männer und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der hailige Gott die Männer und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt er die Männer und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht aus!"--"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah? Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals, hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.--Von Alledem durften natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein, all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett, kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her, steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte, gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft mit Ruhe obzuliegen.--
Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen. Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein. Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.--Hatte nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß, (welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten, die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ für den Fall des Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon etwas eingegangen worden. Das Mädchen _Othilia_, mit ihren sternhellen Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges, konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin, war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war nur verdächtig, daß die _Heidelberger_ Professoren, besonders die Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten. Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode, Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen, Unterhändler, Kutscher und Packträger _für_ die Verbindung. Auch die Freundinnen Othilias waren eher _für_ die Heirath. Die protestantische Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie _Schnack_. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.
Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor _Klotz_ habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten _Schnack_ mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,--bei Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter, und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward anberaumt.--
Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit! Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz, nicht wahr, so viel Gerede darüber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave, offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!--Besitzt Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus! Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche Umhüllungen kleiden.--
Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln, wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen? Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen; blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich! Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die _Lüge_ hindert sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen das, was aus der Menschen Munde geht!
Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte, Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen, erniedrigenden Bedingung, daß selbe _eine_ Eigenschaft besitzen müßten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lüge_. O hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem großen Lügenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen mußten, weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser, wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!---Und jetzt hör' den Schluß der _Faiteles_-Comödie.--
Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_ beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen Papiere für _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von 5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den "Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor _Klotz_, während das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung, die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters ist, oder nicht; fünftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen, _Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in Deutschland ansässig gewesenen _Hermunduren_.
Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack, und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges, wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrücklich befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren. _Freudenstern_ saß zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_. Ihnen gegenüber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung. Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden. Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde _Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert.
Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte, von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug. Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung, abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.--