Visionen: Skizzen und Erzählungen

Part 10

Chapter 103,405 wordsPublic domain

Es war jetzt 7 Uhr Abends. Während zweier Stunden war wirklich der Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden. Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend. Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_ bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begütigend zu Allen, die ihm begegneten. Auch trat die Dämmerung ein, und die meisten begaben sich nach Hause. La Première wurde zum Arzt geschickt. Madame selbst bereitete oben Alles für die Ankunft des Arztes vor. Monsieur hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen diesbezüglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus _Bodinus_, Daemonomania, mit den körperlichen Stigmata für Teufelsbund bekannt. Die Zöglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der Dunkelheit war bei den Mädchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal brennen lassen zu dürfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abbé versichert, das Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thürspalte bei Madame la Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der damals im Wald auf Henriette gesessen.--

Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann, der die Faculté in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam. Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte, eben erst zurückgekehrt, die ganze merkwürdige Geschichte gehört. Die Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings auf Gängen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abbé's, mit ihm erst das Verzeichniß der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Première sogleich in den II. Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit höchster Zuvorkommenheit in dem prächtig erleuchteten, reich ausgestatteten Salon, der zu ihren Appartements gehörte. In dem halb offen stehenden Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thüre wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel zugehen lassend. Und nun konnte man heraußen folgendes hören trotz des lauten Buchumblätterns, mit dem Madame sich und die Stille zu betäuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrüßungsformeln; einzelne Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen sind sehr tief; die des Arztes ist aber schärfer scandirt und heller; die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerückt, so daß die Helle jetzt ganz aus der Thürspalte verschwindet; eine Aufforderung; dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewändern; Pause, neue Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton! ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgeräusche; strumpfiges Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch ein Rutschgeräusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est cela; c'est cela, oui des Arztes. Längere Pause. Dann wieder ein Commando; man hört die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein stärkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5] rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterlaß von Seite Alexina's, ohne stärkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gänzlich überlassend; die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne plötzliche Commandorufe. Der Culminationspunkt schien überschritten; die Entscheidung schon erfolgt; das Ergebniß schien aber ein trauriges; und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende; Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblättert, sondern athemlos gelauscht, und an die Thürspalte gestarrt; das Wimmern drinnen wurde allmählich schwächer, das Weinen hörte auf, und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen über, welches synchron mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast eine Stunde verflossen--hörte man Wasser in ein Lavoir gießen und kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstörten Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich muß ein eingehendes Gutachten über den Fall abstatten, welches ich morgen Vormittag schon Monsieur l'Abbé zustellen zu können hoffe; inzwischen möchte ich rathen, sobald es angeht,--heute möchte es zu spät sein--le jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette zurückzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem draußen harrenden Meßner, zu irgend einer religiösen Handlung bestehe kein Anlaß, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster nach Hause.--

Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten die Schwestern in schleppend weißen Nachtgewändern von Bett zu Bett und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Première selbst ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wußte ja, sie hatte gewonnen.--Und unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abbé. Er hatte noch vom Meßner die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats bestände kein Anlaß, und war dann, nachdem er den gleichen Boten mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la Première einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen, selbst zu Bett gegangen: kein Anlaß zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie können die Welt ohne Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden, was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres Phantoms, ihrer sinnlichen Hülle, so war dies nach allen Exorcisten des Mittelalters auf die Dauer unmöglich, ohne Spuren zu hinterlassen, war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und la Maitresse ein frevelhaftes, sündig-gottloses Spiel mit einander getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen präsentiren. Wenn auch nicht für andere, doch für sich. Ja, ja, er erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frühjahr einigemale von Madame die außergewöhnliche Erlaubniß erhalten, mit Alexina Nachmittags in den Wald zum Maiglocken pflücken gehen zu dürfen, und er sah sie einmal mit Sträußen und fieberhaft glänzenden Augen zurückkehren.--Was aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse erreicht sei, könne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck. Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lösen müssen.--Mit diesen Gedanken war Monsieur l'Abbé beiläufig beschäftigt.

Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es möchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6 Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthür schwangen, und den Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, daß dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Première die Sache fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch heute Morgen mit dem Schuh auszulöschen war. Mein Gott, zwei Mädchen, die sich in ihren körperlichen und seelischen Eigenschaften einander ergänzten, beieinander schlafen und sich mit Zärtlichkeiten überhäufen sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwürdiges Geschöpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, daß mit ihr etwas ganz besonderes los sein müsse.--

Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die bewunderte, ob ihrer phänomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene, mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschöpf, wie zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen vor aller Welt enthüllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, daß etwas außergewöhnliches bei ihr der Fall sein müsse; und als er vom Kopfe beginnend Alles abmaß und genau feststellte, und dann das untersuchte, was Jedes mit Scham verhüllte, und da einzudringen versuchte, und ihr die fürchterlichen Schmerzen verursachte, so daß sie hinausschreien mußte, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wußte es, etwas anders war sie ja gebildet wie die andern Mädchen, wie Henriette; aber das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere eine eingebogene oder gerade; diese einen häßlichen, fleischigen Mund, jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte diese nicht eine flache, jene eine gewölbte Brust? War die eine nicht dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes los? Diese Kleinigkeit, über die Henriette so oft gelacht?--Aber es mußte doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschöpf weiter.--

Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster, Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst, hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's Hirn zu schreiben.--

Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glänzte durch die Scheiben des geistlichen Arbeitszimmer; das Frühstücksgeschirr stand auf dem Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abbé las wieder eifrig in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht ließ etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des gestrigen Tages hatte keinen nervösen Rest bei ihm zurückgelassen. Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zügen wie gestern.--In diesem Augenblick klopfte es an der Thüre; Monsieur rief herein! und die Pförtnerin brachte ein Schreiben großen Formats, welches soeben abgegeben worden sei. Monsieur öffnete es sogleich durch einen Winkelschnitt über der Oblate, faltete das kräftige Handpapier auseinander und las Folgendes:

Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrégé de la Faculté de Paris, à Monsieur l'Abbé de Rochechouard, ä Douay.--Monsieur! Ueber den körperlichen Befund des sogenannten Alexina Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden:

Alexina als Mädchen von außerordentlich hoher Statur, muß auch als Mann noch zu den größeren Gestalten gerechnet werden. Das magere Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden männlich, convergirend; stark prominente Augenbögen, unter denen ein paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart; die Kopfhaare etwas länger, als sie gewöhnlich von Männern getragen werden, aber weit entfernt die Länge von Mädchenhaaren zu erreichen (sie müßten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz getragen, und sind eher spärlich zu nennen. Die Stimme Alexina's ist eine Altstimme. Der ganze Körperbau ist schlank, musculös, ohne eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter Warze; die unteren Extremitäten fallen sofort durch ihre reiche, dunkle, männliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen Configuration männliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig. Die Hände sind zwar klein, dagegen die Füße sehr groß und kräftig. Die Hüfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch das gänzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen, als Beckenanlage von rein männlichem Charakter. Der mons Veneris ist stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen; der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen so schmerzhaft, daß es keinem Zweifel unterliegt, daß derselbe als blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder höchstens rudimentären uterus als Fortsetzung trägt, der für die Ovulation wie Menstruation ohne Belang ist. Dagegen umschließen die labia minora in ihrem oberen Theil einen succulenten Körper, der vorne perforirt ist, und sich als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der Erection fähig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum gehindert ist. Die Perforation ist der Ausführungsgang der urethra, die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurückgeblieben zu sein.--Somit ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe während der Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung hervorgerufen, auch eine unwillkürliche ejaculatio seminalis hatte, deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler, beweglicher Spermatozoen ergab, so muß Alexina als männlicher _Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar ein zeugungsfähiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behörde behufs Aenderung der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwürden die weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden Aenderung der civilen Verhältnisse Alexina's überlassend. Mit hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.--

Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern gebracht.

Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurückkehrte, sah sich genöthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt.

Mit ihr verließ Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la Soeur Première wurde Superiorin.--

[1] "Sieh der Teufel!"

[2] "Und hier seine Braut!"

[3] Schwatzerei.

[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut verloren, und fürchtet die Superiorin.--

[5] Ach, sie thun mir weh.

Der operirte Jud'

_Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_ _Huhu! ein gräßlich Wunder!_ _Des Reiters Koller, Stück für Stück,_ _Fiel ab, wie mürber Zunder._ _Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,_ _Zum nackten Schädel ward sein Kopf_; _Bürger_, Lenore.

Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel Stern_ ein Denkmal zu setzen wünsche; wenigstens, so weit dies in meinen Kräften steht; und fast fürchte ich, daß dieselben nicht ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf der Hochschule, war ein Phänomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wären nöthig, um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging und was er that, vollständig zu begreifen und zu erklären. Daß nach dem Gesagten mein Vorwurf nur Stückarbeit liefern wird, ist nicht zu verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fünf Sinne, die nach der gegenwärtig herrschenden literarischen Schule vollständig genügen, ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen, oder künstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komödie entsteht, mag sie, die Schule, die Verantwortung tragen.--

_Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas höher stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hühnerbrust, auf welch' letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug, die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so daß, wenn Faitel längs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure über das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht einsehen, daß diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen Verschiebung seines Brustkastens herrühre, und schimpfte fürchterlich auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug, waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war von höchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein Gazellen-Auge von kirschen-ähnlich gedämpfter Leuchtkraft schwamm in den breiten Flächen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und Wangen-Haut. Daß es troff, da konnte Faiteles nichts dafür. Itzig's Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner >Zerstörung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darüber zusammengewachsen; aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wußte er, daß Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die Lippen waren fleischig und überfältig; Zähne vom reinsten Crystall, zwischen denen eine bläulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war noch sehr jung. Erwähne ich noch von meines Freundes Untergestell so viel, daß es Säbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war, so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaßen gezeichnet zu haben. Auf die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlöckchen seines Haupthaars komme ich später noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator, welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer französischen Familie ab, und sei französisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn auch mechanisch ganz verschobenes Französisch; aber das Unglück war, daß Itzig zu früh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute dieses Stamms mit einer Gier einschlürfte, als wäre es Milch und Honig. Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel für sich war, und sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pfälzisch und--noch etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen über seine Gangart und Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhöhe beim Gehen, so daß er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er könne die Kraft zum Heben der Beine nicht bemessen, und überschlage sich; und bei Rückenmarkskrankheiten kommen ja ähnliche Störungen vor; Itzig war aber nicht rückenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "aß ich vorwärts komm'!"--Faiteles hatte auch Mühe, das Gleichgewicht zu halten, und beim Gehen troffen oft Schweißtropfen aus den Sechserlöckchen der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und kräftig bei meinem Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben. Itzigs Kopf war in seiner natürlichen Stellung immer starr auf den Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab, von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis führen wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute Opportunitäts-Gründe in's Feld zu führen hatte, dann bäumte er auf, hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stück Leder sich bewegende Oberlippe zurück, so daß die obere Zahnreihe entblößt wurde, spreizte mit zurückgebeugtem Oberkörper beide Hände fächerförmig nach oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab, und ließ rythmisch abgestoßene Schnedderengdeng-Geräusche hören. Bis zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wußte ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen bewegen würden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so daß man daraus immer exacter wußte, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefährdet war, und er von einer unwahrscheinlichen Sache den Gegner überzeugen wollte, warf er mit eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkörper von der Seite des Gegners weg und zu sich hinüber, gleichsam als wolle er mit der ganzen Körperlast den Betreffenden zu sich hinüberziehen. Fleißige, angenehm grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal sah und hörte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in Anerkennung des fleißigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde, die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben. Und zuletzt wurde es monströs. Soviel über seine Agitationes.--Aber wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher Philologe oder Dialektkenner würde sich unterstehen diese Mischung von Pfälzerisch, semitischem Geknängse, französischen Nasal-Lauten und einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glücklich abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und ich will mich darauf beschränken, nach dem phonetischen System das dem Leser vorzuführen, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der Erinnerung geblieben. Aber vorher muß ich doch aus der Faitele'schen Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comödie, die _Itzig Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, aufführte, ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzählig flüchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprägten. Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn über den ungeheuren Luxus in seiner Garderobe, seinen Toilettegegenständen, interpellirte,--"... was soll ech mer nicht kahfen ä neihes Gewand, ä scheene Hut-'menerá, faine Lackstiefelich,--'menerá, aß ech bin hernach ä fainer Mann! Deradáng! Deradáng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkörpers! Aufspreizen der Hände in Achselhöhe bei leicht hockender Stellung; verzückter Blick mit Glasreflex; Entblößen der beiden Zahnreihen; reichliche Speichelabsonderung).--