Part 9
Ich brachte den Sommer so ziemlich in einem _dolce far niente_, was in dieser Jahreszeit in Neapel am zuträglichsten ist, und einen großen Teil meiner Zeit abwechselnd in Caserta und Capo di Monte zu. Im ersteren Ort hatte ich nun öfters Gelegenheit, die hübsche Herzogin von Atri zu sehen und zu sprechen und kam endlich so weit mit ihr, daß ich auch nächtliche Promenaden in den reizenden Gärten Casertas mit ihr machte, wobei sie jedoch immer ihre vertraute Freundin, die Marchesa Misuraca, begleitete, die oft den Lauerposten übernahm. Eines Abends, es war beinahe Mitternacht, als wir eben recht vertraulich in einer Laube saßen und die Marchesa Schildwache stand, damit wir vor Überraschung sicher seien, stürzte sie plötzlich mit den Worten: »_Ecco la regina!_« herein. Ich war mit einem Satz aus und hinter der Laube herum und eilte der entgegengesetzten Seite zu, von der ich die Königin kommen wähnte, aber kaum hatte ich einige dreißig Schritte gemacht, so befand ich mich derselben, die von einigen Damen und Kavalieren begleitet war, _en face_. Ich konnte ihr nicht mehr unbemerkt entwischen, und sie stellte mich mit den Worten: »Ei, was machen Sie denn noch so spät zu Caserta?« zur Rede. -- »Majestät, die herrlichen Nächte haben mich in diesem entzückenden Aufenthaltsort zurückgehalten.« -- »Und vielleicht noch etwas anderes,« versetzte die Königin. -- »Oh, nicht doch, Majestät,« sagte ich nun sehr laut, damit es meine beiden Damen hören sollten, um der Königin entgehen zu können; »nur das Paradiesische dieses Ortes, dessen Zaubergärten ich auch einmal des Nachts durchwandern wollte, haben mich hierhergezogen.« -- »Lassen Sie das künftig bleiben,« sagte die Königin etwas scharf betonend, »hören Sie?« -- »Wie Ihre Majestät befehlen,« erwiderte ich mit einer tiefen Verbeugung und entfernte mich nach erhaltener Erlaubnis. Ich wollte nun meine Damen noch aufsuchen, konnte sie aber nicht mehr finden und machte mich nach Neapel auf, überlegend, was diese Begebenheit wohl für Folgen haben könne. Karoline sah es nicht gern, daß man sich zur Nachtzeit in den Gärten von Caserta umhertrieb, denn diese waren auch der Tummelplatz ihrer verliebten Intrigen und galanten Abenteuer, deren sie nicht wenig hatte, wie hinlänglich bekannt war. Den anderen Morgen schrieb ich sogleich ein Billett an die Marchesa Misuraca, um dieser meine kurze Unterredung mit der Königin mitzuteilen, damit sich die Herzogin Atri und sie darnach richten konnten. Eben war ich im Begriff, das Billett meinem Reitknecht, einem pfiffigen Burschen, zu übergeben, als sich ein Kammermädchen der Misuraca bei mir einfand und mir mündlich im Namen ihrer Herrschaft zu wissen tat, ich möchte mich diesen Abend nach Sonnenuntergang in der Villa Reale einfinden, wo man mich zu sprechen wünsche. Hier traf ich, nachdem ich einigemal auf und ab gegangen war, zwei verschleierte Damen an, die mir ein Zeichen gaben; es war die Marchesa mit einer Cameriera. Erstere teilte mir mit, daß die Königin wisse, daß ich in jener Nacht mit Damen im Garten zu Caserta ein Rendezvous gehabt und sie andere Damen beauftragt habe, sich alle Mühe zu geben, um zu erforschen, wer jene gewesen seien; dies habe aber nichts zu sagen, und ich würde dennoch ihre Freundin am sichersten und unbemerktesten in Caserta sprechen können, nur müsse dies nicht mehr in dem Garten selbst, sondern in dem angrenzenden dichten Ulmen- und Eichenwald geschehen, und auf diese Weise setzten wir auch unsere Zusammenkünfte den ganzen Sommer ungestört fort. In Caserta fanden ebenfalls öfters französische und italienische theatralische Dilettantenvorstellungen statt, bei denen ich tätig mitwirkte, während ich jetzt faktisch eigentlich der Intendant der königlichen Schauspiele, namentlich von San Carlo war und Longchamps wenig mehr als den Namen hatte. Ich wohnte fortwährend allen Proben bei und regalierte nicht selten das ganze probierende Personal mit heißem Polentakuchen, Rosolio und so weiter, wogegen die Cantatrice und Ballerine sich äußerst artig und gefällig gegen mich zeigten, und ich war nun so ganz in meinem Element, namentlich wiegte mich die Musik dieser in dem _chiaroscuro_ gehaltenen Morgenproben in süße Träumereien ein und brachte, wie jede schöne Morgenmusik, ein seltsames, wohltuendes Gefühl in mir hervor, mich in eine nicht zu beschreibende, fast übernatürliche Stimmung versetzend. Auch verlebte ich manche Nacht in der lustigen Gesellschaft dieser oft ausgelassenen aber liebenswürdigen Theaterprinzessinnen. Murat selbst war ein so großer Theaterfreund, daß er sich öfters morgens von den besten Schauspielern und Schauspielerinnen des französischen Theaters zu Neapel aus den vorzüglichsten Trauerspielen vordeklamieren ließ, und so laut, daß die Personen, mit denen die Vorzimmer angefüllt waren, glaubten, man habe sich im Kabinett bei den Köpfen, oder es sei sonst ein Unglück vorgefallen. Eine wegen ihres ausgezeichneten Talents und ihrer großen Galanterie berühmte Aktrice, die eines Morgens eine Audienz bei Murat hatte, glaubte, als sie, bevor sie eingeführt wurde, ein solches Getöse im Kabinett vernahm, man habe den König ermordet, bis sie ein diensttuender Kammerherr eines Besseren belehrte. Einer dieser Vorsäle war gewöhnlich mit den diensttuenden und anderen Offizieren angefüllt, welche sämtlich in sehr reichen, mit Gold- und Silberstickereien bedeckten Uniformen prangten, so daß alle Fremde, welche in diesen Salon kamen, davon geblendet waren und namentlich die Damen sie nicht genug bewundern konnten. Alle, die irgendein Gesuch bei dem König hatten, verließen ihn, nachdem sie ihn gesprochen, mit sehr heiterem Gesicht, denn der in der Schlacht furchtbar wilde Krieger war der gutmütigste Mensch im Privatleben, aber nicht zum Regieren geschaffen.
Damals wurde auch unter den Offizieren und überhaupt den höheren Ständen zu Neapel ganz außerordentlich hoch und viel gespielt, namentlich war das Haus des Prinzen Pignatelli eines der berüchtigtsten Spielhäuser, und ich hatte einen Abend über tausend Dukati bei demselben gewonnen, von denen ich aber bald sagen konnte: wie gewonnen, so zerronnen. In manchen dieser Häuser ging es auch eben nicht zum ehrlichsten her, und die neapolitanischen Adeligen rupften die Offiziere und Angestellten nicht übel, sich allerlei Spielkunstgriffe und Kniffe erlaubend. Eines Abends, es war nicht lange vor meinem plötzlichen Abmarsch von Neapel, pointierte ich stark im Pharo. Ein gewisser Martin, ein Franzose, hielt die Bank. Ich verlor ansehnliche Summen, aber der König, der hinter mir stand, encouragierte mich fortwährend, zu dublieren, und als ich schon über dreitausend Franken verloren und kein Geld mehr bei mir hatte, sagte er mir: »Nur zu, ich repondiere für alles.« Ich verspielte nun noch sechstausend Franken auf Parole. Murat versprach mir, sie an Martin zu bezahlen, was er diesem auch zurief und dem ich einstweilen einen Schein darüber zustellte. Murat vergaß es, und ich fiel bald darauf in Ungnade, wurde nach Korfu geschickt, und die Schuld blieb hängen. Anfang des Winters dieses Jahres veranstaltete Murat ein seltsames Fest, zu dem die Gäste Einladungskarten für ein Festino und _Souper suspendu_ im Saal von San Carlo erhielten. Jedermann zerbrach sich den Kopf, was dies wohl für ein Souper sein möge, und die meisten meinten, daß man dabei wohl hungrig nach Hause gehen würde. Dem war aber nicht so. Als um Mitternacht der Tanz suspendiert wurde, lud man sämtliche Damen ein, sich auf die den Olymp vorstellende Bühne zu begeben, auf welcher eine große Tafel in Hufeisenform gedeckt war, auf der sich aber auch nicht eine Idee von einer Speise vorfand. Man sah verwundert einander an, die Damen fragten die hinter ihnen stehenden Herren, was denn dies zu bedeuten habe, als sich plötzlich der Himmel, nämlich der Theaterhimmel, dicht und stark bewölkte, dann aber verteilten sich die Wolken wieder, und zwischen Himmel und Erde schwebten unzählige silberne Schüsseln, aus denen der Geruch der köstlichsten Speisen dampfte. Die Schüsseln wurden nun bis beinahe vor die Nasen und Mäuler der harrenden Gäste herabgelassen, als aber einige darnach greifen wollten, da entschlüpften sie ihnen schnell, sich wieder in die Höhe erhebend, dann ließen sie sich wieder herab, um abermals den hungrigen Mäulern durch das Hinauffahren zu entgehen. Dies Manöver wurde so lange wiederholt, bis es schien, als wollten die Gäste endlich die Geduld verlieren. Jetzt wurden alle Speisen und mit ihnen die köstlichsten Weine, Liköre und andere Getränke herab und auf die Tafel niedergelassen, wo sie unwandelbar stehen blieben und mit dem heitersten Humor von der Welt verzehrt wurden, worauf man wieder bis gegen Morgen tanzte. Das Stückchen war eigentlich meine Erfindung, ich ließ aber gerne Seiner Majestät die Ehre.
Ende Oktober kehrte der Hof nach Neapel zurück und installierte sich wieder im Palazzo Reale. Ich setzte mein Verhältnis mit der Marchesa Cavalcanti und der Herzogin von Atri fort. Meine Zusammenkünfte mit der Herzogin waren jetzt sehr romantisch, denn sie fanden meistens um Mitternacht auf der in einen Garten verwandelten Terrasse eines Hauses statt, zu der ich nur durch ein anderes, drei Häuser davon entferntes Gebäude, von dem ich über die dazwischen liegenden Terrassen, alle von gleicher Höhe, nicht gefahrlos kommen konnte, wo wir uns dann in einer zwischen duftenden Blumenbeeten stehenden Laube trafen. Dieses Verhältnis mußte aus mehreren Gründen äußerst geheim gehalten werden, besonders aber, weil ich seit kurzem einen sehr mächtigen Nebenbuhler hatte und der kein anderer als Seine Majestät selbst war, aber, wie mir die Herzogin feierlichst versicherte und beschwor, von ihr nicht erhört würde; ich zweifelte, denn ich wußte längst, was es mit diesen feierlichen Versicherungen und Schwüren der Damen auf sich hat. Sie aber meinte: »Wir müssen unser Einverständnis um so geheimer halten, weil der König sonst leicht auf den Gedanken kommen könnte, ich schöpfe die ganze Kraft meines Widerstandes in den Armen eines anderen Geliebten.« Eines Abends stellte sie mir ein ziemlich schweres Päckchen, in ein Papier gewickelt, zu, mit der Bitte, es zu öffnen. Ich tat es und fand ein sehr zierlich gearbeitetes silbernes Ei von der Größe eines Enteneis an einer venetianischen Kette befestigt, das sich durch einen leichten Druck in der Mitte öffnete, wo sich dann ein goldener Dotter zeigte; auch dieser öffnete sich, und man erblickte nun ein Herz von Rubinen, das durch eine blitzende Flamme von Diamanten entzündet und von einem Smaragdband umgürtet war. Das Kleinod war von bewundernswürdiger Arbeit, das Innere des Eis hatte weiße, mit Perlen und Edelsteinen besetzte Emaille, Blumenbukette bildend, ebenso das Innere des Dotters, nur waren sie noch weit kostbarer. Mariana, der Taufname der Atri, sagte mir, sie habe das prächtige Geschenk diesen Morgen auf ihrer Toilette gefunden, ohne den Geber zu kennen, der aber wohl kein anderer als der König selbst sein könne. Ich entdeckte jetzt, daß sich auch das Rubinenherz noch öffnete, was die Herzogin bisher nicht gewußt, und fand ein mit Rosen verschlungenes brillantenes und gekröntes _M_ in demselben. -- »Was soll ich nun damit anfangen?« fragte sie mich. »An ein Zurückgeben ist wohl nicht zu denken, da ich nicht einmal weiß, wer es überbracht und niemand von meinen Leuten etwas davon wissen will; meinem Manne mag ich auch nichts davon sagen, dies wäre ganz unnütz.« -- Ich riet ihr, mit etwas mißtrauischen Blicken, es zu behalten, bis sie Gewißheit über den Geber habe. Dies Geschenk war jedoch Ursache, daß es einiges Schmollen zwischen uns setzte.
Eine sehr tragische Begebenheit, die um Weihnachten vorfiel, machte damals großes Aufsehen und setzte ganz Neapel und besonders die Geistlichkeit in Alarm. Ein Neapolitaner, der seine Gattin und deren Beichtvater _en flagrant délit_ ertappte, hatte beide ermordet. Das in große Unruhe versetzte Heer der Pfaffen wollte, daß der Mann eine exemplarische Strafe, wenigstens den Feuertod erhalten oder gevierteilt werden sollte; das gewöhnliche Hängen, Erschießen oder Guillotinieren war ihnen viel zu gelinde, denn einem solchen Bösewicht, der es wagte, seine verruchte Hand an die geheiligte Person eines Beichtvaters zu legen, der, wenn er auch ein sehr menschliches Verbrechen beging, doch immer eine gottgeweihte und geheiligte Person sei, müsse die ärgste Strafe, die zu erdenken, werden. Aber siehe da, nachdem die Sache gehörig untersucht war, begnadigte Murat den Mörder dahin, daß er ihn mehrere Monate in einen Kerker der Festung Gaëta setzen, dann aber wieder frei ließ. Bald nachher fand man ihn ermordet in seiner Wohnung zu Neapel, ohne daß es möglich war, den Mörder ausfindig zu machen. Bei der Untersuchung hatte sich herausgestellt, daß der Pfaffe schon vor der Verheiratung der Gattin des nun auch Getöteten einen vertrauten Umgang mit derselben gehabt und der Stifter dieser Ehe, die ein so furchtbares Ende genommen und allen dreien so übel bekam, gewesen war.
Die Proben meines Balletts, bei denen ich das Personal immer mit köstlichen Erfrischungen bewirtete und ein ordentliches Büfett errichtet hatte, nahmen ungestört ihren Fortgang, und dasselbe sollte im Monat Januar (1812) zugleich mit einer neuen großen Oper zur Aufführung kommen. Die Weihnachten gingen auch dieses Jahr recht vergnügt für mich vorüber, die Buden der Toledostraße waren auf das eleganteste herausgeputzt und mit künstlichen und natürlichen Kostbarkeiten, die letzteren in den ausgesuchtesten Obstsorten, Gemüsen, Früchten, gemästetem Federvieh, Raritäten aus dem Reich der Vierfüßler, der Fische und der Vögel bestehend, überladen. Riesenhummern und Ortolanen, Mandaringas und Ananas, Eiertrauben und frische Korinthen ragten einladend zwischen Blumen, Lorbeeren und Myrten hervor; aber weit anständiger wurde die Weihnachtsfeier und besonders die Mitternachtsmesse hier als in Rom begangen, wo die Römer meist einen bacchantischen Tumult in den Kirchen machen und alle möglichen Profanationen begehen. Auch die Neujahrsgratulationen wurden mit der gehörigen Feierlichkeit ausgeführt und dargebracht und waren besonders bei Hof außerordentlich glänzend. Nur bei meinem Vetter Moritz war es diesmal anders; er hatte durch eine unglückliche Baumwollspekulation, und zwar durch die Schuld der französischen Regierung, welche in Livorno Beschlag auf seine Schiffe, als verdächtig, mit England kommerziert zu haben, gelegt hatte, bedeutend verloren. Der Verdacht erwies sich zwar als völlig unbegründet, aber bis dies ausgemittelt war, worüber mehrere Monate vergingen, war die Baumwolle um vierzig Prozent gefallen. Moritz verlor über eine halbe Million und hatte nicht die mindeste Vergütung zu hoffen. Dergleichen unverzeihliche Gewaltstreiche machte sich damals die französische Regierung oder vielmehr der an der Spitze derselben als unumschränkter Tyrann stehende Napoleon schuldig. Einer der tollsten und unsinnigsten der Art war ohne Zweifel die Verbrennung aller englischen Waren auf dem Kontinent, eine Maßregel ebenso lächerlich als fruchtlos, die alle Gemüter, selbst die der ergebensten Satelliten des Kaisers, erboste; auch wurde sie an vielen Orten, namentlich in Neapel, mehr zum Schein als in der Wirklichkeit vollzogen, da man die größten Vorräte verbarg und die Behörden selbst gerne durch die Finger sahen; doch hatte, was hier wirklich verbrannt wurde, immer noch einen Wert von mehr als zehn Millionen und in ganz Europa weit über mehrere hundert Millionen. Überall knirschte trotz Polizei und Spionen das Volk mit den Zähnen, murrte und fluchte, als die Flammen die kostbaren Waren verzehrten und diese in Rauch aufgingen. Wie viel Armen und Unglücklichen hätte man damit nicht aus größter Not helfen können, wenn man denn durchaus einmal einen solchen unnützen und albernen Gewaltstreich begehen wollte; die Sache hätte dann wenigstens noch eine Art Entschuldigung, wenn auch absurd genug, gefunden; aber so war das gelindeste Urteil, das man aus dem Mund des Volkes hörte, welches sich die Sache gar nicht zu erklären wußte: »Der Napoleon muß ein Narr geworden sein!« -- Doch die furchtbare Nemesis war bereits im Anzug.
Das erste Festino in San Carlo, welches der Hof dieses Jahr gab, besuchte ich wieder in einem prächtigen Don Juankostüm, einer meiner Kameraden machte den Leporello. Den Anzug hatte ich von dem Theaterschneider dazu machen lassen. Der Mantel von purpurfarbigem Thronsammet, war überaus reich und künstlich mit Gold und Perlen gestickt, hatte Bouillonfransen und war mit weißem Atlas, mit goldenen Bienen besät, gefüttert. Auf dem Hut waren fünf tadellose prächtige weiße Schwungfedern, durch eine brillantene Agraffe zusammengehalten, und die Kiele derselben mit Zahlperlen bis an die Spitze besetzt; der übrige Anzug harmonierte vollkommen mit dieser Pracht. Auf den Schuhen blitzten brillantene Rosetten, und die Halskette war von kostbaren Edelsteinen. Alle diese Kleinodien hatte ich bei verschiedenen Damen geliehen. Den Saal mit meinem Leporello durchstreichend, fragte mich dieser bei jeder schönen weiblichen Maske: »Signor Don Giovanni, soll diese auf das Register?« Und wenn ich bejahend zunickte, schrieb er sie sogleich in das mitgeführte Buch ein. Dieser Scherz zog mir aber schon auf dem Ball einige Verdrießlichkeiten zu, sollte aber noch ernstere Folgen haben, auch schien Murat die Sache sowie meinen ganzen zu brillanten Anzug eben nicht sehr zu goutieren, und er war, als ich ihn einigemal anredete, ganz gegen seine Gewohnheit kalt und kurz angebunden; auch merkte ich, daß meine Feinde zu meinem Nachteil sehr tätig waren. Indessen lief auf dem Ball noch alles ganz gut ab, und ich verließ ihn, zufrieden mit der Rolle, die ich gespielt hatte, gegen Morgen. Als ich aber, nachdem ich ein paar Stunden geruht, erwachte, empfing ich ein Billett von einem Bataillonschef der Garde-Grenadiere namens Colard, der sich beleidigt fand, daß ich auch seine hübsche junge Frau auf mein Don Juan-Register hatte setzen lassen, mich deshalb zur Rede stellte und Auskunft verlangte. Ich begab mich auf der Stelle selbst zu ihm, erteilte ihm mein Ehrenwort, daß die ganze Sache durchaus nichts als ein erlaubter Maskenscherz gewesen sei, erklärte mich aber zu gleicher Zeit bereit, ihm jede Satisfaktion, die er nur wünschen könne, zu geben. Der Mann war aber mit meiner Erklärung zufrieden, lud mich ein, mit ihm zu dejeunieren, was ich annahm, seine liebenswürdige Frau erschien bei dem Frühstück, wo wir über den ganzen Vorfall scherzten, und wer weiß, ob Madame Colard nicht wirklich auf mein Register gekommen wäre, wenn mich nicht ein schon im Anzug befindliches Ungewitter im Sturm aus Neapel entfernt und weit über das Meer geschleudert hätte.
Damals begann man schon von einem neuen bevorstehenden Krieg, an dem das neapolitanische Heer und sein Herrscher tätigen Anteil nehmen sollte, zu murmeln, und da man wohl wußte, daß sich das Ungewitter im Nordosten zusammenziehe, so freute ich mich schon darauf, endlich einmal Deutschland wiederzusehen und mich in meiner Heimat und bei meinen Verwandten in meiner militärischen Glorie präsentieren zu können. Ich beeilte nun, soviel es an mir lag, die Aufführung des neuen Balletts, die Donaunymphe, da mir viel daran lag, dasselbe noch in Szene gesetzt zu sehen, bevor wir ausmarschierten. Schon war der Tag bestimmt und die Generalprobe mit vollem Orchester, Kostümen, Dekorationen und Maschinerie angesagt, der Murat selbst beiwohnen wollte. Sie lief glücklich und zur Zufriedenheit aller Anwesenden ab. Zwei Tage darauf sollte die Vorstellung sein; aber den Morgen nach dieser Probe erhielt ich in aller Frühe eine Order von dem Kriegsminister, mich bereit zu halten, binnen vierundzwanzig Stunden mit einem Detachement neapolitanischer und französischer Truppen nach Tarent abzumarschieren, wo mich weitere Verhaltungsbefehle erwarteten. Beim Durchlesen dieses Befehls war ich wie vom Himmel gefallen, hielt das Ganze anfänglich für einen Irrtum, eilte in das Kriegsministerium, wo ich durch einen der Bureauchefs erfuhr, daß kein Irrtum möglich, der Befehl vom König selbst gekommen sei, und zwar mit dem ausdrücklichen Beisatz, ihn augenblicklich zu vollziehen. Nun war ich wie vom Donner gerührt und wußte mir die Sache nicht zu erklären; noch vor wenigen Tagen hatte ich aus guter Hand erfahren, daß der König die Absicht habe, mich nächstens zum Stabsoffizier zu befördern und unter die Zahl seiner Adjutanten aufzunehmen, und nun diese plötzliche allerhöchste Ungnade! Ich eilte in den Palast, konnte aber nicht vor Murat kommen, sondern nur soviel von dem diensttuenden Kammerherrn herausbringen, daß wenn der Kriegsminister eine solche Order bekomme, es auch seine Richtigkeit damit und sein Bewenden dabei haben müsse, und dies teilte er mir mit sehr trockenen Worten mit, nachdem er wieder aus dem königlichen Kabinett gekommen war. Ich sprach noch die Cavalcanti, die aber von allem nichts wußte, und einige andere Bekannte, die mich mit ein paar bedauernden Worten und Achselzucken entließen, und empfand so, was es heißt, in eine königliche Ungnade zu fallen. Ich sah nun wohl ein, daß mir hier nichts anderes übrig bleibe, als Order zu parieren, ließ packen und machte mich zum Abmarsch bereit. Noch aber wollte ich die Herzogin von Atri sprechen und begab mich deshalb zu ihrer intimen Freundin, diese zu bitten, eine letzte Zusammenkunft zu veranstalten. Die Marchesa Misuraca fuhr sogleich zur Atri, kam jedoch sehr schnell wieder zurück und entdeckte mir, daß diese seit vierundzwanzig Stunden äußerst streng von ihrem Gatten bewacht würde, so daß sie keinen Schritt ohne denselben zu tun vermöge, und daß dies durch den Einfluß einer allerhöchsten Person geschehe; der König sei jedenfalls dabei im Spiel. Durch ein späteres Schreiben von dieser Dame erfuhr ich, daß ich mir Murats Ungnade sowohl durch meine Bekanntschaft mit der Herzogin von Atri, wie durch meine zu große Vertraulichkeit mit der ersten Tänzerin, auf welche Seine Majestät ebenfalls ein Auge geworfen hatte, zugezogen. Ich meldete mich nun bei dem Bataillonschef, der die nach Tarent bestimmten Truppen befehligte und mir eine Kompagnie zur Führung übergab. Nach einer fast schlaflosen Nacht marschierte ich in aller Frühe mit diesen Truppen aus Neapel in einer höchst düsteren und melancholischen Stimmung ab, so traurig hatte ich bis jetzt noch keine Garnison verlassen. Noch vierundzwanzig Stunden vorher sah ich mich auf dem Gipfel des Glücks, hoffte bald ein Oberstpatent in meinem Portefeuille zu haben, sah mich als Murats Adjutant, ein Generalspatent konnte dann auch nicht lange mehr ausbleiben, dem der Marschallsstab bald folgen mußte, mit dem jetzt immer ein Herzogstitel, vielleicht auch ein Herzogtum verbunden war, wenn mir das Glück in einem Feldzug günstig sein würde, vielleicht gar einmal das Großherzogtum Frankfurt, und während ich so _à la_ Milchmädchen träumte und Pläne machte, brach auch mein Topf, und eine einzige Order vernichtete alle. -- Aber wie bald sollte es nicht hundert anderen und selbst Murat und Napoleon ebenso ergehen. -- Erst in Tarent sollte ich völlige Gewißheit über mein Schicksal erhalten, und bis dahin plagte mich obendrein eine peinliche Unruhe, das Schlimmste von allem. -- Indessen wer weiß, wozu es gut war; wäre es nicht so gekommen, so hätte ich mit nach Rußland gemußt, vielleicht in dessen Eisfeldern mein noch junges Leben ausgehaucht, und dann wäre die Welt nie mit diesen Memoiren beschenkt worden. Wollte Gott, es wäre so geworden, höre ich manchen gestrengen Moralisten und gelehrten Zopfkritiker ausrufen. -- Der Himmel hat es aber einmal nicht so gewollt, meine gestrengen Herren von der Halleschen, Jenaer und anderer Literaturbasen. -- Bald darauf brachen Murat, seine Garden und seine Armee nach Deutschland auf, um sich dem großen, sich daselbst versammelnden Heer anzuschließen, das Rußland -- nicht eroberte.
III.