Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 7

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Da ich während meines nun beinahe zweijährigen ununterbrochenen Aufenthaltes in Neapel Murat und seinen Hof sehr genau kennen zu lernen Gelegenheit hatte, so will ich hier in Kürze das Wichtigste und Interessanteste, den König, seine Gattin und die Hofhaltung betreffend, mitteilen.

Murat wurde im Jahr 1767 zu La Bastide Frontonnière bei Cahors geboren, einem Dorf im ehemaligen Perigord und dem jetzigen Departement du Lot, wo sein Vater Gastwirt war und in einigen Geschäftsverbindungen mit der Familie Talleyrand stand. Kaum konnte der Knabe laufen, so saß er auch schon auf den wildesten Bauernpferden ohne Sattel und setzte bald mit diesen über Stock und Stein, Gräben und Hecken. Sein Vater hatte ihn erst zum geistlichen Stand bestimmt und durch Talleyrands Fürsprache eine Stelle im Kolleg zu Cahors für ihn erlangt. Hier machte er aber schon sehr tolle Streiche, und als er von dort nach Toulouse kam, um daselbst den Priesterrock zu erhalten, verliebte er sich, kaum neunzehn Jahre alt, in ein hübsches Mädchen, schlug sich, obgleich er schon ein Abbé-Mäntelchen hatte, um und für seine Schöne, entführte und versteckte sie und sagte hierauf dem geistlichen Stand Valet. Hierauf half er seinem Vater eine kurze Zeit in der Wirtschaft, wo er dessen und die Pferde fremder Fuhrleute in die Schwemme ritt, viel spielte, und zwar so unglücklich, daß er bald genötigt war, La Bastide zu verlassen. Er nahm nun als gemeiner Reiter Dienst in dem zwölften Chasseurregiment. Der Ex-Abbé war einer der schmucksten Kavalleristen im Regiment und wußte sein Roß so trefflich zu tummeln, daß er bald zum _Maréchal de Logis_ (Sergeant) avancierte. Wegen einer Insubordination gegen einen im ganzen Korps verhaßten Offizier, einen Gamaschen- und Zopfheld der alten Zeit, wurde er aber kassiert und mußte das Korps verlassen, brachte wieder eine Zeitlang bei seinen Eltern zu, deren Gäste bedienend, eilte aber, nachdem die Revolution ausgebrochen war, nach Paris, wo er Dienste in der konstitutionellen Garde des Königs nahm, die Partei der Revolutionären mit allem Feuer ergriff und jeden Tag Händel und Raufereien deshalb hatte. Kurz vor der Auflösung dieses Korps wurde er als Unterleutnant zu dem dreizehnten Chasseurregiment versetzt und zeichnete sich bei demselben fortwährend höchst exaltiert für die neue Freiheit aus, so daß man ihm den Namen Marat beilegte, den er einige Zeit führte. Während der Schreckenszeit avancierte er bis zum Rittmeister, und 1794 wurde er Oberstleutnant. Gleich Bonaparte nach dem 9. Thermidor abgesetzt, wurde er mit diesem bekannt, und mit ihm wieder angestellt, unterstützte er ihn den 13. Vendemiaire in der Verteidigung des Konvents. Als Bonaparte Obergeneral der Armee in Italien wurde, nahm er Murat als seinen Adjutanten mit. Durch ihn überschickte er dem Direktorium einige zwanzig den Österreichern abgenommene Fahnen, und da er sich in verschiedenen Gefechten durch seine persönliche Tapferkeit sehr ausgezeichnet hatte, so ward er nun zum Brigadegeneral ernannt und auch bei diplomatischen Verhandlungen, wie am Hof zu Turin wegen des Friedens, zu Genua, wo er es bei dem Dogen durchsetzte, daß dieser den österreichischen Gesandten auswies und so weiter, verwendet. Noch tat er sich durch verschiedene glänzende Waffentaten an der Spitze der Reiterei hervor, war mit Bonaparte auf dem Rastatter Kongreß, wollte durchaus den dort von den österreichischen Husaren auf höhere Anstiftung an dem französischen Gesandten schändlich begangenen Meuchelmord auf das blutigste gerächt wissen, und ging dann nach dem Kirchenstaat ab, dort ausgebrochene Empörungen zu dämpfen. Bald darauf begleitete er Bonaparte nach Ägypten, wo er sich abermals sehr auszeichnete, namentlich bei der Verfolgung der Mamelucken. Bei dem Sturm von Sankt Jean d'Acre verlor er seinen prächtigen Federbusch, den ihm ein Türke abgeschossen hatte und den er lange nicht verschmerzen konnte; besonders da ihn die Türken, in deren Hände er gefallen war, als eine Siegestrophäe betrachteten. Er rächte sich aber glänzend, indem er Laffel entsetzte, die Schlacht am Tabor mitgewann und bei den Pyramiden und in der Nähe von Gizeh über zwölftausend Türken mit seiner Reiterei niedermetzelte von denen einige Tausend in das Meer gesprengt wurden und in dessen Fluten ertranken, wobei aber Murat mehrere Wunden erhielt. Mit Bonaparte nach Frankreich zurückgekehrt, rettete er diesen am 18. Brumaire, indem er mit einer Grenadierkompagnie in den Rat der Fünfhundert drang und diesen auseinander jagte. Zur Belohnung all dieser Dienste gab ihm 1808 Napoleon seine jüngste Schwester, die schöne Karoline, zur Frau, und machte ihn zum Kommandanten der Konsulargarden. Nach der Schlacht von Marengo, wo er die Reiterei befehligte und viel zum Gewinn derselben beitrug, wurde er Gouverneur der zisalpinischen Republik und dann 1804 Gouverneur von Paris, wo er sein möglichstes zur Thronbesteigung seines Schwagers als Kaiser der Franzosen beitrug. Nun wurde er Marschall, kaiserlicher Prinz und Großadmiral von Frankreich. Im Krieg mit Österreich 1805 befehligte er abermals die sämtliche Reiterei, schlug zwölftausend österreichische Grenadiere und nahm sie bei Werdingen gefangen; den Erzherzog Ferdinand verfolgend, drang er nach Böhmen vor, ließ abermals zwölftausend Österreicher die Waffen strecken, und hatte allein zwischen Ulm und Nürnberg ein Dutzend österreichischer Generäle, ein halbes Hundert Kanonen, anderthalbtausend Wagen und an zwanzigtausend Mann gefangen. Er war es, der zuerst in Wien einrückte und dann sehr tätig bei der Schlacht von Austerlitz war. Nun wurde er (1806) Großherzog von Berg, zeichnete sich abermals im Krieg gegen Preußen (1807) aus und wurde (1808) zum General _en chef_ über das in Spanien einrückende Heer ernannt, wo wir ihn bereits kennen lernten. Um ihn für die spanische Krone, die Murat zu erhalten gehofft, zu trösten, machte ihn Napoleon zum König von Neapel und dadurch bald zu seinem erst geheimen, dann offenen Feind. Murat hatte sich in den Kopf gesetzt, daß Napoleon dem zur Expedition gegen Sizilien bestimmten Anführer der französischen Truppen geheimen Befehl gegeben habe, diese zu hintertreiben, und daß deshalb die andern Truppen dem Oberst Cavaignac nicht gefolgt seien, weshalb er die Entfernung der französischen Regimenter aus seinem Reich auf das bestimmteste von dem französischen Kriegsminister begehrte, was ihm aber ebenso bestimmt abgeschlagen wurde. Er sah jetzt in den in französischen Diensten stehenden Generälen und Truppen nur noch Aufpasser, Spione und Vormünder, bestimmt, seine Handlungen zu überwachen und eine Art Obervormundschaft auszuüben; sein Mißtrauen verleitete ihn deshalb oft zu einem kleinlichen Benehmen, das ihm in der öffentlichen Meinung außerordentlich schadete. In diesem Unmut war es, daß er das Gesetz erließ, daß jeder in seinem Reich Angestellte sich naturalisieren lassen müsse, und worauf sein Schwager mit dem erwähnten Dekret geantwortet und noch hinzugesetzt hatte, daß -- in Betracht, daß das Königreich Neapel einen Teil des großen Reichs ausmache, der Fürst, der daselbst regiere, aus den Reihen der französischen Armee hervorgegangen und durch französisches Blut auf diesen Thron erhoben worden sei, -- Napoleon dekretiere, daß alle französischen Bürger von Rechts wegen auch Bürger von Neapel seien. Der Schlag war geschehen und der Grund zur Feindschaft und zum Haß zwischen den beiden Schwägern gelegt. Murat legte jetzt sein französisches Ehrenkreuz und das große Band desselben ab, und zwischen ihm und seiner Gemahlin, welche leidenschaftlich die Partei ihres Bruders ergriff, gab es häufig sehr heftige und ärgerliche Auftritte; auch wurde sogar das Fest zu Ehren des neugeborenen Königs von Rom bis auf weitere Order in Neapel vertagt. Die Kluft wurde immer größer. Murat wußte, daß ihn sein Schwager in seinem Zorn, wegen der oft phantastischen Pracht seines Kostüms, einen Theaterkönig genannt hatte, sowie daß man ihm wegen seiner Reiterkünste den Namen des Franconi[1] der Armee beigelegt; selbst zu Neapel hörte man ihn öfters Torniero, der Name eines berühmten Stallmeisters, nennen. Als sich der Hof mit dem Beginnen des Sommers (1811) nach Caserta begab, zog sich Murat maulend nach Capo di monte zurück, um sich dem Anblick der ihm jetzt verhaßten Franzosen, die er nicht hatte wegbringen können, zu entziehen. Täglich ließ er sich Polizeiberichte über das Treiben der Fremden einreichen, die er sehr sorgfältig prüfte und wodurch sich sein Mißmut noch steigerte. In der Tat war er freilich nur ein Vasall oder Präfekt des großen Reichs. Von der Königin glaubte er, daß sie geheime Instruktionen von ihrem Bruder habe, nach denen sie handle.

[Fußnote 1: Ein damals berühmter Kunstreiter.]

Murats Kleidung war allerdings phantastisch genug, ja bisweilen karikaturenartig. Bald war er als Araber, bald _à la_ Henri IV. gekleidet. Bald trug er ein reiches polnisches Kostüm, bald war sein Anzug aus allen möglichen Ländertrachten, aus den verschiedensten Zeiten zusammengesetzt und so weiter, aber nie durften diamantene Agraffen und die prächtigsten und kostbarsten Federn fehlen, nie hat man ähnliches auf irgendeinem Theater gesehen. Sein Säbel oder Schwert hing in goldenen, mit Brillanten besetzten Ceinturen herab, sein großes stolzes Streitroß hatte meistens einen türkischen Sattel und eine reichgestickte, mit Edelsteinen bedeckte Schabracke von der kostbarsten Arbeit, ebensolches Zaumzeug, Gebiß und Steigbügel von Gold. Seine Federn und Federbüsche kosteten oft über fünfzigtausend Franken in einem Jahr. Da er eine schöne Gestalt hatte, vortrefflich ritt und seine persönliche, an Tollkühnheit grenzende große Tapferkeit allgemein bekannt war, so verglichen ihn seine Schmeichler oft mit dem Achilles, ja nicht selten mit dem Kriegsgott Ares selbst, und seine Gegenwart brachte vor dem Feind immer eine ungewöhnliche Wirkung hervor, so auch bei vielen Damen, die ihn wie einen Halbgott verehrten; doch gab es auch andere, selbst an seinem Hof, die ihn als eine großartige Karikatur betrachteten. Wenn, wie es zur Herbst- und Winterszeit fast täglich der Fall war, in den Nachmittagsstunden die Königin mit ihrem Hofstaat aus den Schloßtoren zur Promenade ausfuhr und diesem Wagen dann Murat zu Pferde mit einer zahlreichen Suite und einer Abteilung der Garde zu Pferde folgte, so war es, als wenn das wilde Heer den Palast verließ, denn wie ein Sturmwind jagte der ganze Zug aus den Pforten über den Schloßplatz, sauste meistens durch Toledo oder nach der Villa Reale zu, und selten, daß nicht ein oder ein paar Reiter stürzten, über welche dann die anderen hinaussetzten. Um die Stunde, in welcher diese höllischen Abfahrten stattfanden, war jedesmal eine große Menge Volk auf dem Platz vor dem Palast versammelt, das grausig-prächtige Schauspiel anzustaunen. Ein einziges Mal war auch mir ein Pferd, jedoch nur auf die Knie gestürzt, erhob sich aber sogleich wieder, und ich raste dem wilden Zug nach.

Die Königin Karoline, damals achtundzwanzig Jahre alt, war noch sehr hübsch, obgleich sie schon vier Kinder gehabt, außerordentlich ehrgeizig, dabei sehr lebenslustig, spann aber ebenso gerne politische wie verliebte Intrigen, hatte viel Verstand, aber wenig Kenntnisse, große Charakterstärke und Energie, aber ihre Unwissenheit in wissenschaftlicher Hinsicht war ebenso groß. Ihr Wuchs war nichts weniger als majestätisch; sie hatte etwas hohe Schultern, zu kurze Beine bei zu langem Leibe, auch war sie eben nicht sehr graziös und spöttelte gerne, wodurch sie sich besonders unter den Hofdamen manche geheime Feindin machte. Bei den ersten Szenen zwischen ihr und ihrem Gatten ging es eben nicht sehr königlich zu, beide warfen sich dann gegenseitig ihre gehabten Abenteuer vor, Murat schimpfte auf seinen Schwager Napoleon, und Karoline nahm ihren Bruder in Schutz und verteidigte ihn mit großer Heftigkeit, die nicht selten ins Gemeine ausartete. Dieses Benehmen hatte auf den ganzen Hof, dem es wohl bekannt war, einen verderblichen Einfluß, die meisten Herren nahmen Partei für die Königin und die Damen für ihren Gatten, und es gab Anlaß zu tausend Unannehmlichkeiten und Intrigen. Murat sagte, daß er nicht unter dem Pantoffel stehen wolle, und Karoline schrie, daß sie, eine Schwester Napoleons, sich nicht mißhandeln und unterdrücken lassen werde. Da viele hohe Staats- und Hofchargen von Franzosen bekleidet wurden, welche die Königin an sich zu ziehen gewußt, so hatte dies zur Folge, daß Murat sie zu entfernen und durch ihm ganz ergebene Individuen zu ersetzen suchte, was aber seine Frau, mit ihrem allmächtigen Bruder drohend, schlechterdings nicht zugeben wollte; dagegen waren manche der Hof- und Palastdamen der Königin ein Dorn im Auge, namentlich die schöne Herzogin von Atri und einige andere, die sie entfernt wissen wollte, was wieder Murat nicht zugab. Dies machte, daß das Hofleben einen fortwährenden sehr bissigen Krieg darstellte und oft ein wahres Höllenleben wurde. Napoleon charakterisierte seinen Schwager in einem Brief, den er an Karoline schrieb, ziemlich treffend, indem er sagte: »Dein Mann ist auf dem Schlachtfeld der Tapferste, aber wenn er den Feind nicht vor Augen hat, schwächer als ein Weib oder ein Mönch, er hat durchaus keinen moralischen Mut.«

Kurz nachdem Murat von der verunglückten Expedition gegen Sizilien aus Kalabrien zurückgekommen war, bedankte ich mich in einer erhaltenen Audienz bei ihm für die mir gewordene Anstellung; es fand sich dabei Gelegenheit, ihm in Erinnerung zu bringen, daß ich ihn schon zu Madrid und bei der Einnahme von Capri gesprochen habe, und er entließ mich mit den Worten: »_Eh bien j'espère que vous ferez votre chemin chez nous._« Da mir jetzt der Dienst in der Residenz ziemlich viel Muße ließ, so widmete ich mich wieder mehr der Musik und den schönen Wissenschaften, las und studierte den Machiavelli und so weiter.

Es existierte auch wieder ein französisches Liebhabertheater, bei dem mehrere Herren vom Hofe und einige Offiziere und Offiziersdamen, auch eine der Palastdamen, eine junge Französin, Madame d'Arlincourt, mitwirkende Teilnehmer waren und das besonders von der Königin protegiert und besucht wurde. Einigemal übernahm ich Liebhaberrollen bei demselben und hatte das Glück, auch dem anwesenden Murat zu gefallen. Da aber die Führung, Zusammensetzung und Austeilung der Rollen mir nicht zusagte, zog ich mich wieder zurück und war bloß noch Zuschauer; indessen war ich dadurch in einige nähere Berührung mit den Hofleuten und Madame d'Arlincourt gekommen, was bald mich weiter führen sollte.

Der Karneval von 1811 war äußerst belebt und glänzend, das Volk überließ sich dem Taumel dieses Vergnügens in vollem Maß. Toledo wurde von Masken, maskierten Carri (Wagen) und Reitern nicht leer, ebenso die anderen Plätze und Hauptstraßen. Es ist Tatsache, daß zu Neapel der Karneval im ganzen weit lebendiger, tumultuöser und lärmender ist wie der zu Rom, wenigstens so, wie ich beide sah.

Murat versäumte nichts, der Vergnügungssucht der Neapolitaner zu frönen. Sämtliche Theater empfingen während seiner Regierung Unterstützungen, und San Carlo wurde ganz besonders gehegt und gepflegt, die besten Sänger und Sängerinnen Italiens für die Stagione mit ungeheurem Gehalt engagiert und Unsummen Geldes auf Kostüme, Dekorationen, Maschinerie und so weiter verwendet; lange hatten die hiesigen Bühnen keine solche Glanzepoche gehabt wie jetzt. -- Bei Besuch des französischen Liebhabertheaters hatte ich Gelegenheit gehabt, den Herrn von Longchamps, der Kammerherr des Königs und Oberintendant sämtlicher Theater und Schauspieler war, kennen zu lernen und mich auf einen guten Fuß mit ihm zu stellen, so daß ich allen Proben beiwohnen und auch während der Vorstellungen die Bühnen besuchen durfte; auch machte ich den Vorschlag, einige Ballette in Szene zu setzen, den er mit Dank annahm. Woran mir aber am meisten gelegen, war endlich, Mozarts Meisterwerk, den Don Juan, auf die italienische Bühne zu bringen. In Florenz hatte man auf meine Veranlassung sich dazu entschlossen, aber nach sechswöchigen Proben die Sache als unausführbar wieder aufgegeben. Die dortigen Musiker und Sänger hatten übereinstimmend geäußert, diese Musik sei nicht zum Aufführen geschaffen! -- Als ich dies gehört, schrieb ich dem dortigen Impressario, dem ich die Sache empfohlen hatte: »Ihr seid Esel, in Deutschland wird der Don Juan schon seit beinahe zwanzig Jahren auf allen bedeutenden Bühnen gegeben.« Die Herren wollten aber alle nach ihrer löblichen Gewohnheit auch diese Musik _ad libitum_ singen und vortragen, italienische Schnörkeleien hineinflechten, das Orchester sollte ihnen, wie sie es gewohnt, nachgeben, was bei einer solchen Instrumentation, die mit der größten Präzision ausgeführt werden muß, unmöglich ist, und so erklärte man die Sache für untunlich und gab sie auf; dies war mit Ursache, daß ich in Neapel anfänglich mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, um den Don Juan auf die Bühne zubringen, was endlich nur ein königliches Machtgebot vermochte, wie wir bald sehen werden. Longchamps teilte mir eines Tages mit, daß die Königin gerne ein italienisches Liebhabertheater sich organisieren sähe, da sie eine besondere Vorliebe für diese, eigentlich ihre Muttersprache hege, und ihn beauftragt habe, womöglich ein solches zustande zu bringen. Da ich jetzt das Italienische schon ganz geläufig und vollkommen gut sprach, so erbot ich mich sogleich, tätigen Anteil an demselben zu nehmen, was dem Kammerherrn und Intendanten willkommen war, da er noch niemand wußte, mit dem er das Fach der ersten Liebhaberrollen besetzen solle. Er übersandte mir ein paar Tage darauf die Titelrolle in Goldonis Lustspiel >_l'Avventurie_<, mit welchem das neue Theater, das die Königin auf ihre Kosten sehr elegant im Palast hatte einrichten lassen, eröffnet werden sollte. Die Sache fiel ganz zur Zufriedenheit der hohen Beschützerin aus, die sich lobend über unsere Leistungen aussprach und auf deren Wunsch jetzt mehrere von ihren Damen tätigen Anteil an diesen Vorstellungen nahmen, unter anderen auch die schöne Herzogin von Atri und die Marchesa Cavalcanti. Wir studierten nun noch mehrere Lustspiele von Goldoni und auch einige Dramen ein, wodurch ich mit den mitwirkenden Hofdamen in vielseitige nähere Berührung kam, und namentlich mit der Herzogin von Atri, welche die erste Liebhaberin machte. Eines Tages sprach Longchamps mit mir von unserem Repertoir und ließ dabei vernehmen, daß die Königin den Wunsch geäußert habe, einige neue und pikante Sachen, die noch nicht allgemein bekannt seien, aufführen zu sehen. Ich erbot mich, einige Stücke aus dem Deutschen zu übersetzen, die sehr interessant und in Italien noch gänzlich unbekannt seien; mein Antrag wurde mit Dank angenommen, und ich machte mich sogleich an Schillers Fiesco, eines meiner Lieblingsstücke; da ich indessen fürchtete, die Feinheiten und Subtilitäten der italienischen Sprache nicht hinlänglich zu kennen, so suchte ich mir einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, um das Stück noch zu feilen, und fand sie in der schönen Marchesa Cavalcanti, die aber auch die Rolle der Eleonore sogleich für sich in Anspruch nahm und die der Imperiali der Herzogin von Atri zuteilte, während eine Doria, deren nicht weniger als drei unter den Palast- oder Hofdamen waren, die Berta machte, die der Cameriere Rosa und Arabella wurden zwei Offiziersdamen zugeteilt; daß ich mir die Titelrolle vorbehielt, war sehr natürlich, sowie daß ich sie auch recht natürlich spielte, den beiden schönen Damen recht _con amore_ meine Liebe versichernd. Nichts war unterhaltender, als die Proben dieser Vorstellungen, deren wir unzählige veranstalteten, bis das Stück endlich vollkommen und zu meiner Zufriedenheit einstudiert war, und während deren ich alle Muße und Gelegenheit hatte, mich mit meinen Damen zu verständigen, wobei ich es so zu machen wußte, daß eine jede von der anderen glaubte, diese spiele in Wirklichkeit die Rolle der Imperiali. Endlich waren wir nach einem Monat des Probierens so weit, daß das Stück in Szene gesetzt werden konnte. Dies war ein wahrer Festtag für mich, und noch nie hatte ich die Bretter mit einem so freudigen Gefühl betreten; die Vorstellung, der der ganze Hof, die Minister, alle Offiziere und höheren Beamten beiwohnten, fiel über alle Erwartung gut aus und war auch hinsichtlich des Arrangements und der Kostüme auf das prächtigste ausgestattet. Der Beifall war fortwährend fast stürmisch, aber vor allem wurde die Szene des vierten Aktes donnernd applaudiert, und der Augenblick, wo Fiesco, nachdem ihm die Imperiali mit den Worten: »_Fiesco t'adoro_« gestanden, wie sehr sie ihn liebe, die Draperien wegziehend, seine Gemahlin vorführend sagt: »_Mi spiace, signora! Ecco mia moglie una donna celeste!_« erschütterte das ganze hohe Publikum so gewaltig, daß es seinem Gefühl mit einem anhaltenden und donnernden _bravissimo_ Luft machte, was freilich mehr auf Rechnung des unsterblichen Schiller als der Darsteller zu setzen war. Auch der Mohr Hassan, dessen Rolle ein neapolitanischer Offizier machte, erntete großen Beifall. Murat war so entzückt von dem Stück, daß er es dreimal wiederholen ließ und mich selbst aufforderte, noch mehrere dergleichen zu übersetzen. Ich machte mich nun an den Don Carlos, aber in Prosa, wodurch er natürlich verlieren mußte; dennoch gefiel er ungemein. Freilich war die schöne Cavalcanti eine unvergleichliche Elisabeth sowie die Herzogin von Atri eine nichts zu wünschen übrig lassende Eboli; den Posa hatte ich mir vorbehalten. Da auch dieses Stück gefiel, so munterte mich Murat noch mehr zu ähnlichen Unternehmungen auf, machte mir einen kostbaren Brillantring zum Geschenk und teilte mich provisorisch seinen Ordonnanzoffizieren zu, wodurch ich alles anderen Dienstes jetzt enthoben war und mich ganz der Kunst widmen konnte. Ich übersetzte nun noch Zschokkes Abällino, Kotzebues Don Ranudo de Colibrados, die Indianer in England, Pagenstreiche, den Wirrwarr, die Kreuzfahrer, die mit Hilfe der Feile meiner Mitarbeiterin alle gefielen und wiederholt werden mußten, und Murat äußerte einmal: »Nimmermehr hätte ich geglaubt, daß die Deutschen so reich an solchen dramatischen Produkten seien, die es mit den besten Werken Racines, Corneilles und Molières aufnehmen können.« Don Ranudo de Colibrados gefiel ihm ganz besonders, er konnte sich nicht satt daran sehen. Aber damit nicht zufrieden, setzten wir bald auch Opern in Szene und debütierten auf meine Veranlassung mit Figaros Hochzeit von Mozart, in welcher ich den Figaro sang und eine ganz allerliebste Susanna in einer Doria hatte. Bei den Opern waren jedoch weit größere Schwierigkeiten zu überwinden, und sie kamen daher nur selten zur Aufführung, dagegen hatte ich mehrere große Ballette geschrieben und die Musik dazu, meistens deutschen Opernmelodien entnommen, arrangiert. Murat hatte sich geäußert, daß, sobald sich eine passendere Stelle für den Oberintendanten Longchamps finden würde, er im Sinne habe, mir die Direktion der Theater zu übergeben. Auch für die königlichen Kinder, zwei Prinzen und zwei Prinzessinnen, ließ ich nun nach meinen Angaben ein kleines Puppentheater anfertigen, das mit einer bewundernswürdigen, auf Kupferrädern und Stahlfedern laufenden Maschinerie versehen war, die ein vorzüglicher Mechaniker verfertigt hatte und wodurch ganze Heere kleiner Soldaten und Reiterei sehr natürlich in Bewegung gesetzt wurden, alle möglichen Evolutionen und Schwenkungen machten, auch ein Seesturm mit Schiffbrüchen vortrefflich dargestellt werden konnte. Die Dekorationen waren alle von dem berühmten Gioja gemalt. Dieses Theater, das ein paar tausend Dukati kostete, machte den königlichen Kindern unendlich viel Spaß, und 1815 und 1816 ließ man es sogar für Geld in Paris sehen.