Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 6

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Am 25. August, denselben Tag an dem man früher das Fest des heiligen Ludwigs feierte, fand jetzt das der Marie Louise statt und wurde zum erstenmal mit außerordentlicher Pracht und großer Ostentation begangen. Einige Tage darauf hielt Napoleon im Bois de Boulogne Musterung über die holländischen Garden, die er nach Paris beordert hatte, und die hierauf in dem Gehölz so gut bewirtet und namentlich mit Wein so reichlich versehen wurden, als sie nur Lust zu trinken hatten, was für die Pariser abermals ein neues Schauspiel war, das aber wieder ein sehr schmutziges Ende nahm. Die holländischen Plexums betranken sich _en canaille_, fingen dann zuerst Stänkereien und Streit unter sich selbst und dann mit den Zuschauern an, und als ein Gewitter und starker Regen die letzteren schnell verscheuchte, hielten die Soldaten alle Frauen und Mädchen an, während sie die sie begleitenden Männer mißhandelten und zum Zeitvertreib die Bäume des Gehölzes umhieben, wodurch sich einige hundert kleine Gefechte, die zum Teil blutig ausfielen, entspannen. Einige der Zuschauer hatten sich nach St. Cloud geflüchtet und daselbst die fatale Mär hinterbracht. Napoleon geriet in Zorn über die Brutalität der Holländer und gab Order, sogleich viele und starke Patrouillen abzusenden, welche die Betrunkenen zur Räson bringen sollten, deren Anführern er selbst Verhaltungsbefehle gab, um die Ruhe wieder herzustellen. Ich hatte mich ebenfalls zu Pferd in das Boulogner Wäldchen begeben, die holländischen Garden tafeln zu sehen, und es gelang mir, einige Mädchen aus den Klauen dieser Trunkenbolde zu befreien. Diese Burschen waren nur Bier und Schnaps gewöhnt, der Wein war ihnen eine gar zu verführerische Neuigkeit. Als die Patrouillen ankamen, war es schon fast Nacht, und sie würden vielleicht wenig ausgerichtet haben, wenn sich nicht plötzlich das Gerücht unter den Soldaten verbreitet hätte, Napoleon selbst sei soeben angekommen, was die Burschen etwas nüchterner und gelassener machte, dieser hatte jedoch St. Cloud nicht verlassen. Die unmittelbaren Folgen dieses Gerüchts waren aber, daß sich die Holländer Hals über Kopf aus dem Staub machten und eiligst in ihre Kaserne zu kommen suchten, indessen wurden einige fünfzig verhaftet, und mehrere, die man _en flagrant délit_ ertappt hatte, wurden streng bestraft.

Um diese Zeit oder bald darauf verbreitete sich auch das Gerücht von der Schwangerschaft Marie Louisens, und da schon beinahe sechs Monate verflossen waren, ehe man etwas davon hörte, so glaubte man allgemein den Hauptzweck von Napoleons Ehescheidung und Wiedervermählung verfehlt und war um so mehr über diese Trennung und Ehe ungehalten. Ein Teil des Publikums hielt Napoleon für impotent, während der andere seiner Gattin Unfruchtbarkeit zur Last legte; ja viele Personen wollten durchaus nicht an diese Schwangerschaft glauben oder hielten sie für fingiert und supponierten, daß der Kaiser damit umginge, ein fremdes Kind unterzuschieben und zu seinem Thronerben zu machen; selbst nach der Geburt des Königs von Rom gab es noch viele Personen, die denselben für untergeschoben halten wollten und diese Meinung unter dem Volk zu verbreiten suchten. Die Ursache, warum Marie Louise nicht früher guter Hoffnung geworden, soll der zu häufige Gebrauch von Bädern gewesen sein, die ihr nun untersagt wurden.

Es war Anfangs September, als ich meine Entlassung aus den französischen Diensten und mein Patent als Kapitän bei der neapolitanischen Garde zu Pferd, _Cavalli leggieri_, erhielt. Ich hatte besonders darum gebeten, bei der Reiterei angestellt zu werden, mich deshalb während der letzten Zeit meines Aufenthaltes zu Paris noch mehr mit den Manövern dieser Waffengattung vertraut gemacht, und allen Kavallerie-Übungen zu Pferde beigewohnt. Da jetzt mein Schicksal entschieden war, so eilte ich nun, Paris zu verlassen, wo es zwar alle Tage etwas Neues, aber auch manche eben nicht angenehme Neuigkeiten gab. Ich machte meine Abschiedsvisiten, empfahl mich besonders dem noch immer leidenden Fürsten Y., durch den ich doch manche vergnügte Stunde gehabt, und ging meiner neuen Bestimmung entgegen, den Weg über Orleans einschlagend, das ich noch nicht gesehen und doch gerne besuchen wollte. An Miollis hatte ich schon geschrieben, ihm die Äußerung hinsichtlich der Prinzessin Pauline gemeldet, und daß durch diesen Kanal nichts zu machen sei. Von Madame Bonnier nahm ich ebenfalls Abschied und Briefe an ihre Verwandten zu Pesaro mit, die ich persönlich zu übergeben versprach, sowie zu versuchen, daß sie die Dame bis zur Zurückkunft ihres Mannes in ihrem Schoß aufnehmen möchten, da sie sich so isoliert in dem gefährlichen Paris befinde. Dem Fürsten Y. tat meine Abreise wirklich leid, auch er fand sich verlassen in der großen Stadt und hatte sich an meinen Umgang gewöhnt.

II.

Reise von Paris nach Neapel. -- Turin. -- Ankunft zu Neapel. -- Murats Garden und Hofstaat. -- Fehlgeschlagene Expedition gegen Sizilien. -- Grausame Maßregeln zur endlichen Vertilgung der Briganten in Kalabrien. -- Entstehung der Carbonari. -- Murat. -- Die Königin Karoline. -- Der Karneval zu Neapel. -- Ein italienisches Liebhabertheater. -- Die Festini in San Carlo. -- Die Marchesa im Schilderhaus. -- Fastenzeit und Osterfeier. -- Ein Pistolenduell. -- Don Juan zum erstenmal in Neapel aufgeführt. -- Ein Schiff mit englischen Nachtgeschirren von der Douane weggenommen. -- Ein Abenteuer in den Gärten zu Caserta. -- Ein _Souper suspendu_. -- Ein silbernes Ei. -- Ein dreifacher Mord. -- Weihnachtsfeier. -- Verbrennung der englischen Waren. -- Ich falle in die allerhöchste Ungnade und werde nach Tarent beordert.

Ein wenig sonderbar war es mir doch zumute, als ich Frankreichs Hauptstadt, in der ich so manches Abenteuer bestanden, so manches Vergnügen genossen, verließ und im Rücken hatte.

Erst in Turin beschloß ich Rasttag zu halten, um meinen etwas zusammengerüttelten und steif gewordenen Knochen einige Ruhe zu gönnen. Ich fuhr durch die schnurgeraden Straßen in ein Albergho, wo ich mich sogleich niederlegte und erst erwachte, als Mittag längst vorüber war. Ich machte meine Toilette und schickte mich an, die Sehenswürdigkeiten der schönen Stadt zu besuchen. Die Neustadt ist vielleicht die schönste Stadt Europas. Von allen Städten, die ich kenne, kann sich nur ein Teil von Berlin und Nancy mit ihr messen. Zur Nachtzeit werden Schleusen losgelassen, welche die Straßen reinigen, die dann wie abgewaschen sind. Die Festungswerke sind bedeutend; die Zitadelle, ein regelmäßiges Fünfeck, ist eine der stärksten Festen, die es gibt; auch schöne Promenaden sind in der Nähe der Stadt. Übergroße Müdigkeit und Bedürfnis nach Ruhe machte, daß ich Turins Herrlichkeiten nur sehr oberflächlich sah und die meiste Zeit in meinem Zimmer auf einem Ruhebett zubrachte. Den dritten Tag nach meiner Ankunft setzte ich meine Reise fort. In Pesaro suchte ich die Eltern der Madame Bonnier auf, denen ich die Briefe, welche mir ihre Tochter an sie mitgegeben, überlieferte. Sie wollten anfänglich wenig von ihr wissen und sagten, die Sünde ihrer Tochter, das Kloster verlassen und geheiratet zu haben, sei ein ewiger Schimpf für die ganze Familie, eine unvertilgbare Schande, denn so etwas sei noch nicht erhört worden, so lange es Christen gebe. Ich suchte die Leute deshalb zu beruhigen und eines Bessern zu belehren, aber meine Bemühungen halfen wenig, obgleich ich ihnen sagte, daß ich, als Helfershelfer bei der Geschichte, gerne die ganze Sünde auf mich nehmen wolle. Indessen brachte ich es endlich doch dahin, daß mir der Vater versprach, wenn sich eine passende Gelegenheit fände, er in Gottesnamen sein ungeratenes Kind kommen lassen wolle. Dies war freilich wenig Zuverlässiges, und ich erwiderte, daß es gewiß besser sei, wenn jemand von der Familie nach Paris reise, die Dame abzuholen, worauf mir aber ganz trocken geantwortet wurde, daß dies die Umstände nicht gestatteten. Ich empfahl mich nun ziemlich frostig, schrieb sogleich an Angelika das Resultat meiner Bemühungen und gab ihr den Rat, nicht weiter zu ihren Anverwandten zu verlangen, da dies herzlose Menschen seien, die ihr das Leben zur Hölle machen würden. Sie befolgte diesen Rat, wurde bald darauf Witwe, ihr Gatte, den sie nicht wieder gesehen, blieb in der Schlacht bei Salamanka; 1814 fand ich sie in Lyon als die Geliebte des Generals Albert, der früher als Augereaus Adjutant eine Anverwandte der Familie d'Orville, eine Mademoiselle Fuchs, in Offenbach geheiratet hatte.

In Rom angekommen, stattete ich dem General Miollis mündlich Bericht über alle in seinen Interessen getanen Schritte ab und setzte ihm die Unmöglichkeit auseinander, durch die mir eröffneten Kanäle und Instruktionen die gewünschte Absicht zu erreichen. Andere Demarchen, die er zu demselben Zweck durch einen Bataillonschef in Paris machen ließ, hatten noch schlimmeren Erfolg, denn vom Generalstatthalter in Rom wurde er nun erster Leutnant des Gouverneur _général de Rome_. Ich fuhr, ohne mich weiter in Rom umzusehen, nach Neapel ab, wo ich gegen Ende September glücklich ankam.

Mein erstes war, mich bei dem Baron Cäsar Dery, Generalleutnant und Kommandant der Garde-Kavallerie, zu melden und dann bei dem Baron Livron, Oberst des Regiments. Bei beiden wurde ich wohl aufgenommen, worauf ich bei alten Bekannten meine Privatvisiten machte. Helene befand sich mit ihrem Mann jetzt auf der Insel Capri, wo ich sie einigemal besuchte, auch kam sie fast jede Woche nach Neapel zu einer Freundin, wo wir dann intime Zusammenkünfte hatten. Bei dem Regiment waren die meisten Offiziere Franzosen, namentlich in den höheren Graden, nur wenige Neapolitaner waren in demselben sowie bei der Garde überhaupt angestellt. Diese, die _Casa militare del Re_ genannt, bestand damals aus dem Stab, einem Generalkommandanten der Infanterie, einem der Reiterei, einem Gardegrenadierregiment, einem Regiment Veliten zu Fuß, einem Bataillon Voltigeurs, der Ehrengarde (_Guardia d'onore_), den Veliten zu Pferde, den _Cavalli leggieri_, bei denen ich stand; der _Gensdarmeria scelta_, der reitenden Garde-Artillerie, dem Train _d'Artillerie_, dem Genie und der Garde-Marine; auch waren noch Garde-Veteranen und Hellebarden vorhanden. Der Dienst dieser Truppen war im ganzen angenehm und nicht sehr beschwerlich, die Garden selbst standen im guten Ansehen, da sie meistens aus Fremden, hauptsächlich Franzosen zusammengesetzt waren, auch sehr reiche und kostspielige Uniformen, drei verschiedene Kostüme hatten. Die Equipierung kostete viel Geld, und denjenigen Offizieren, die nicht hinlängliche Mittel hatten, half Murats Großmut; er machte ihnen reiche Geschenke an Pferden und Geld. Auch der Hofstaat des Königs von Neapel war jetzt überaus prächtig und glänzend eingerichtet, er bestand aus einem Großmarschall des Palastes mit vier Palastpräfekten, unter denen der Herzog von Circella war, einem Gouverneur der königlichen Paläste, Palastadjutanten, _Marescalli degli alloggi_; Großkammerherr war der Fürst Colonna mit einem halben Hundert Kammerherren, meistens Principi, Herzoge, Marquis, Grafen und Barone; ein Großstallmeister mit zwanzig Unterstallmeistern, gleichfalls Principi und so weiter. Ein Pagengouverneur mit einem Untergouverneur, ein Dutzend Professoren, unter denen sogar ein Lehrer der deutschen Sprache, ein gewisser Moser, war, einige dreißig Pagen, ein Großjägermeister mit einem halben Dutzend Oberjägermeistern, ein Großzeremonienmeister nebst Zugehör, ein Kardinal-Großalmosenier, ein Bischof von Nola, Oberalmosenier, dreißig Almoseniere und Kapläne, aber noch bei weitem nicht genug, um all die vielen und großen Sünden des Hofes zu absolvieren. Die Königin Karoline hatte außerdem ihren eigenen Almosenier, den Erzbischof von Tarent; ihr Ehrenkavalier war Fürst d'Angri, eine besondere Ehrendame eine Dame d'Atour und ein Viertelhundert Palastdamen, unter denen die berühmtesten Namen Italiens, wie die Doria, Colonna, Imperiali, Spinelli, Carignani und so weiter figurierten, die wunderschöne Herzogin von Atri (Giuglietta Colonna) und die nicht minder schöne Marchesa Cavalcanti, auch eine Catharina von Medicis waren. Die königlichen Kinder hatten ihre Gouverneure, Gouvernanten und so weiter, und in diesem Verhältnis war das zahlreiche Unterpersonal des Hofes organisiert. Zu den größten Hoffesten und Bällen wurde außerdem der zahlreiche neapolitanische Adel, die angesehensten Bürger der ganzen Stadt, alle Garde- und andere anwesende Offiziere gezogen. Außerdem hatte Murat einige dreißig Adjutanten und Ordonnanzoffiziere, unter den letzteren viele Italiener. Das Hofleben war in hohem Grad rauschend, üppig, pompös, und die Toiletten der Damen zeigten eine orientalische Pracht und Verschwendung, wobei die Königin den Ton angab und in mehr als einer Hinsicht das Muster war, nach dem sich ihre Damen und die vornehmen Frauen der Residenz richteten.

Meine Equipierung kostete mich nahe an zehntausend Franken, drei Pferde inbegriffen. Glücklicherweise hatte ich einen ziemlich vollen Beutel mit von Paris gebracht, und wenn es fehlte, half Vetter Moritz aus; übrigens war das Gehalt ansehnlich.

Murat selbst war, als ich in Neapel ankam, noch mit einem Teil der Garde in Kalabrien; er hatte geraume Zeit vor mir Paris verlassen, projektierte eine Landung in Sizilien und hatte deshalb bedeutende Streitkräfte in der Sohle des italienischen Stiefels und der Gegend von Reggio versammelt. Drei französische Divisionen, eine neapolitanische, ein großer Teil der Garden, in allem einige zwanzigtausend Mann, waren bestimmt, das Wagstück zu unternehmen. Lamarque und Partonnaux, welche unter dem König kommandierten, waren mit ihren Divisionen zur Einschiffung bereit, nachdem vorher einige teils glückliche, teils unglückliche Gefechte zur See mit den Engländern stattgefunden hatten. Am Phar von Kalabrien lagen eine große Anzahl Transportschiffe und mehrere Kanonierschaluppen vor Anker. Das Heer kampierte an der Küste der Meerenge von Messina, die Garden und die Reservedivision im Zentrum, Partonnaux befehligte rechts und Lamarque links von Szilla. Eine bedeutende englische Seemacht von fünf Linienschiffen, sechs Fregatten, mehreren Briggs und Kanonierschaluppen hatte sich zwischen dem Phar und Messina aufgestellt, verursachte der neapolitanischen Marine großen Schaden und hatte schon manches Konvoie derselben weggenommen oder versprengt, auch in Amalthea viel Unheil angerichtet. Endlich, nachdem es, den Engländern zum Trotz, gelungen war, eine hinlängliche Anzahl Schiffe in der Nähe des Lagers zu vereinigen und die Äquinoktialstürme den Feind genötigt hatten, sich in die Häfen von Sizilien zurückzuziehen, bestimmte Murat die Nacht vom 17. auf den 18. September zur Landung in Sizilien. Drei Regimenter leichter Infanterie, ein Regiment neapolitanischer Jäger nebst einem Bataillon Korsen wurden gegen Mitternacht eingeschifft und landeten gegen zwei Uhr Morgens zu San Stefano in Sizilien. General Cavaignac, der diese Division befehligte, glaubte, daß ihm der Rest der Armee unmittelbar folgen würde, griff sogleich alle ihm im Wege stehenden Posten an, von denen viele aus Engländern bestanden, die mehrere Regimenter in Sizilien hatten, und marschierte dann mit seiner Kolonne bis Duchessa vor; allein während er sich mit dem Feind herumschlug, war eine gänzliche Windstille eingetreten, wodurch sowie durch die Strömungen im Kanal die übrigen Truppen am Abfahren verhindert wurden. Murat selbst hatte sich eingeschifft und blieb bis zum Tag in seiner Schaluppe. Vergeblich auf günstigen Wind hoffend, ließ er endlich den schon übergesetzten Truppen das Zeichen geben, wieder zurückzukehren. Als der englische General Stuart, der diese Landung für einen fingierten Angriff hielt, überzeugt war, daß die anderen Truppen unmöglich nachkommen konnten, ging er auf San Stefano los, um die ausgeschiffte Division abzuschneiden. Diese Truppen wurden nun handgemein, und Cavaignac mußte sich vor der großen Übermacht Hals über Kopf an das Ufer des Meeres zurückziehen, wo man sich in der größten Unordnung unter dem feindlichen Feuer einschiffte. Zum Unglück war ein großer Teil der Transportschiffe schon wieder an die Küsten von Kalabrien zurückgekehrt, und ein Teil der Division, von Oberst Ambrosia befehligt, mußte die Waffen strecken und sich gefangen geben. Mit einem Verlust von wenigstens eintausendfünfhundert Mann und vielen Verwundeten kamen die Übrigen wieder auf dem festen Land an. Dieser schlimme Ausgang des ersten Landungsversuchs auf Sizilien entmutigte Murat und die Truppen. Kurz darauf machte ein Tagesbefehl dem Heer bekannt, daß Napoleons Verlangen bereits ein Genüge geschehen, indem dessen Absicht nur gewesen sei, die Streitkräfte der Engländer auf diesen Punkt zu ziehen, um die nötigen Verstärkungen unangefochten nach der Insel Korfu schicken zu können, und daß vorerst die Expedition nach Sizilien verschoben werde. Wenige Tage darauf wurde das Lager abgebrochen, die Schiffe und die Garden kehrten nach Neapel zurück, wo auch Murat etwas verstimmt und ungehalten ankam. Über die Ursache der so schnellen Aufgabe dieses Unternehmens wurden mancherlei Vermutungen ausgesprochen, viele wollten sie einem geheimen Befehl Napoleons zuschreiben, der nicht gerne sehe, daß sein Schwager allzumächtig würde und den er schon mit mißtrauischen und neidischen Augen betrachte. Soviel ist sicher, daß seit jener Zeit ein Mißverständnis zwischen den beiden Schwägern bestand, das immer mehr Wurzel faßte.

Um dem noch immer in Kalabrien wenigstens teilweise bestehenden Brigantenunfug zu steuern und ihn endlich auszurotten, nahm die Regierung Murats ein System an, welches hauptsächlich darin bestand, daß man die Einwohner Kalabriens selbst für die in dem Gebiet ihrer Kantone von den Briganten begangenen Untaten verantwortlich machte. Die regulären Truppen wurden jetzt nur noch dazu verwendet, die Einwohner zu zwingen, die Insurgenten selbst zu bekämpfen, zu fangen und auszuliefern, widrigenfalls man sie als deren Helfershelfer ansehen und bestrafen würde. Diese Maßregeln in Ausführung zu bringen, wurden zehn- bis zwölftausend Mann in alle Teile Kalabriens verlegt. Das Dekret, welches deshalb erschien, war sehr streng und grausam, und ließ auch Spielraum zu ungestrafter Befriedigung der Privatrache. Es wurden Listen mit Namen von Familien, als des Einverständnisses mit den Briganten verdächtig, angefertigt, und ein jeder, der ein solches Individuum tötete oder gefangen ablieferte, erhielt eine Belohnung von zwanzig bis fünfundzwanzig Dukati, war es aber ein Brigantenchef, so empfing er fünfhundert Dukati. Wer den Insurgenten oder ihren Helfershelfern irgend etwas, sei es an Nahrung, Kleidung, Munition, Geld und so weiter zukommen oder sie entwischen ließ, wurde augenblicklich erschossen. Der General Manches, ein sehr harter und heftiger Mann, wurde mit der Vollziehung dieses Dekrets beauftragt und vollzog es ohne alle Schonung. Die Folgen waren, daß viele Tausende der Einwohner, sich nicht mehr sicher wähnend oder Privatfeinde habend, nach Sizilien entflohen. Aber diese harte Maßregel hatte so ziemlich den erwünschten Erfolg; das Brigantenwesen hörte bald fast gänzlich auf, und man konnte endlich ziemlich sicher in ganz Kalabrien umherreisen. Freilich waren zahlreiche Familien das Opfer für ein einziges ihrer Mitglieder geworden, das sich etwas hatte zuschulden kommen lassen; denn Eltern, Geschwister und andere Anverwandte mußten das Vergehen des einen büßen. Aber das Land war doch endlich nach fünf Jahren ziemlich beruhigt; so lange hatte der grausame Brigantenkrieg gewährt, eine sich ewig erneuernde Hyder, die unaufhörlich von Sizilien aus alimentiert wurde.

Eines der gefährlichsten Brigantenhäupter war zuletzt der sogenannte Brigantenfürst Baron Bittiglioni gewesen, der mit großer Verwegenheit in Salerno sein Wesen trieb, ohne daß jemand geahnt hatte, daß er einer der Haupturheber der Brigantenstreiche war. Endlich kam man diesem schlauen Fuchs, der alle Gestalten annahm, doch auf die Spur. Er wurde nebst mehreren seiner Offiziere aufgehoben und samt seinem ganzen Anhang zum Tode verurteilt. Viele Individuen aus den ersten Familien zu Neapel waren mit in diese Geschichte verwickelt, und ihre Häupter traf dasselbe Urteil. Murat verwandelte jedoch die Todesstrafe in lebenslängliches Gefängnis oder Kettenschleifen, zehnmal schrecklicher als der Tod. Mit der Rückkehr des alten Königshauses (1815) wurden aber die noch Lebenden wieder frei und sogar belohnt.

Ungefähr zu dieser Zeit war es, daß sich in Kalabrien die berüchtigte Sekte der Karbonari bildete, hauptsächlich durch die erwähnten strengen Maßregeln sowie durch die abscheulichen Grausamkeiten des General Manches hervorgerufen, welche die Einwohner zwangen, sich so geheim als möglich zu verbinden, um dieser Tyrannei das Gleichgewicht zu halten und ihr wo möglich die Spitze zu bieten. Bald hatte sich dieser geheime Bund im ganzen südlichen Italien verbreitet und wurde sogar von dem Polizeiminister Maghella, einem gebornen Genueser, der früher an der Spitze der Polizei der ligurischen Republik gestanden, unter der Hand wenn nicht gerade begünstigt, doch geduldet, wenigstens wollte er durchaus das Bestehen des Bundes ignorieren oder die Sache mindestens als eine unbedeutende Kinderei dargestellt wissen. Irrig ist es aber, daß er der Stifter des Karbonarismus gewesen, wie mehrfach behauptet wurde; ein sizilianischer Edelmann aus Palermo namens Caravante war, wenn vielleicht auch nicht der erste Gründer, doch zuverlässig der Stifter und Verbreiter der Sekte in Kalabrien. Noch immer gab es viele zersprengte Reste der früheren Brigantenbanden, die sich in die unzugänglichsten Wald- und Bergschluchten, von denen sie allein eine genaue Kenntnis besaßen, geflüchtet hatten. Diese wurden nun förmliche Raubmörder und die Plage der Gegenden, in deren Nähe sie sich aufhielten. Die schon bestehenden Karbonari, deren Zweck jetzt war, das Land von der fremden Herrschaft zu befreien und ihm eine möglichst demokratische Verfassung zu geben, wurden vonseiten der Engländer in Sizilien und der dortigen Regierung möglichst unterstützt und ihnen an die Hand gegeben, sich der noch in den Wildnissen vorhandenen Briganten zu ihren Zwecken zu bedienen. Den Namen Karbonari (Kohlenbrenner) erhielten sie, weil sich die ersten Männer dieser Sekte als solche verkleidet in Wäldern verbargen und ihrer Sicherheit wegen und dem Anschein nach dieses Gewerbe trieben; deshalb hatten sie auch ihre Embleme, Benennungen und geheimen Erkennungszeichen von dem Gewerbe der Kohlenbrennerei entnommen, nannten ihre Versammlungsorte _Baracca vendita_ und so weiter, teilten sich nach Art der Freimaurer in verschiedene Grade, anfangs nur in zwei, später in vier ein, und machten den heiligen Theo zu ihrem Schutzpatron. Dies war das erste Entstehen des Karbonarismus, von dem man soviel gefabelt und soviel Albernheiten erzählt hat, und dessen Ursprung man bald in den Hochgebirgen Schottlands vor Jahrhunderten finden, bald von deutschen Köhlern, vielleicht gar von denen, welche den sächsischen Prinzenraub verhinderten, und ähnlichen Dingen ableiten wollte.

Eine Verordnung, welche Murat zu jener Zeit erließ, um sich durch dieselbe unabhängiger von Napoleon und selbstständiger zu machen, besagte, daß in Zukunft alle Ausländer, die in neapolitanische Dienste treten oder in diesen bleiben wollten, das neapolitanische Bürgerrecht erwerben müßten. Als dies der Kaiser der Franzosen erfuhr, wurde er wütend, und dekretierte sogleich, daß allen Franzosen, als Murats Landsleuten, dieses Bürgerrecht von selbst zustände und sie es nicht erst zu erwerben hätten, um Zivil- und militärische Anstellungen im Königreich Neapel bekleiden zu können.