Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 5

Chapter 53,508 wordsPublic domain

Der Ball wurde mit Kontertänzen, welche der Vizekönig von Italien, König Hieronymus, Fürst Esterhazy, die Königin von Neapel, die Fürstin Pauline von Schwarzenberg und so weiter aufführten, eröffnet, worauf eine Ekossaise folgte, während welcher das kaiserliche Paar in dem Saal herumspazierte. Ich stand so ziemlich in der Mitte der Kolonne, mit einer Hofdame der Königin von Neapel tanzend, als plötzlich eine Flamme an einer Draperie aufloderte, und kaum sah man sich darnach um, so brannte auch schon ein Teil der Decke, noch wurden einige Pas gemacht, als die Musikanten bereits die Flucht ergriffen, und ehe man es sich versah, brannte es hier, da und dort, vor und hinter einem, links und rechts und in allen Ecken, überall schlugen die Flammen hoch empor, und es entstand eine Verwirrung, ein Tumult, ein Geschrei, ein Drängen und Drücken, das unbeschreiblich war. Viele Offiziere umgaben schnell Napoleon und zogen ihre Degen, indem sie fürchteten, daß dies das Signal zum Ausbruch einer großen Verschwörung sei, wie es das Ansehen hatte. Was man auch sagen mag, so habe ich die Überzeugung, daß dieses Feuer geflissentlich angezündet wurde, denn nur zu deutlich nahm ich wahr, daß die Flammen an drei bis vier Orten zugleich emporschlugen, und zwar an ganz entgegengesetzten Winkeln, und es war sehr leicht, die Draperien an einer oder der anderen Stelle unbemerkt anzuzünden, während jedermann seine Augen auf die zuerst auflodernde Flamme gerichtet hatte. Eine Verschwörung war es nicht, aber ich habe die moralische Überzeugung und wollte darauf schwören, daß der Vorfall dem Haß gegen Marie Louise und gegen diese Heirat seinen Ursprung zu verdanken hatte. Diese Meinung, welche viele mit mir teilten, ließ man natürlich nicht aufkommen, sondern von seiten der Regierung wurde alles aufgewandt, einen solchen Verdacht zu unterdrücken, sowie überhaupt die Meinung, daß das Feuer absichtlich angezündet worden, was bei den Fesseln, in denen damals die Presse und die freie Rede lag, leicht war; weshalb auch keine andere Untersuchung als die gegen die armen Spritzenleute veranstaltet werden durfte, die denn doch getan, was nur immer in menschlichen Kräften stand. Marie Louise hatte ihren Sitz schon wieder eingenommen, als der Brand ausbrach, Napoleon war schnell zu ihr geeilt und führte sie durch die Gartentür fort. Kaum hatte er den Saal verlassen, so stieg die Unordnung auf das höchste, alle und jede Rücksichten verschwanden, jedermann war nur noch auf seine Rettung bedacht, und Könige und Königinnen mußten Rippenstöße hinnehmen, wurden zurückgedrängt oder auf die Seite geschoben, und ehe noch die Hälfte der Anwesenden den Saal verlassen hatte, stand dieser schon in hellen Flammen, die Kronleuchter stürzten einer nach dem andern herab, denen schnell Dielen und Balken folgten. Zwar wurden große Wassermassen auf den Brand gegossen, diese lösten sich aber augenblicklich in Dampf und Dunst auf, und es war an keine Rettung des Baues mehr zu denken. Auch ich hatte mich rücksichtslos hinaus und in den Garten gedrängt, von wo aus sich das gräßliche Feuerwerk furchtbar schön ausnahm, hier aber waren Verwirrung und Tumult womöglich noch größer als im Saal selbst, aus dem brennende Damen flüchteten oder herausgeschleift und dann mit kotigem Wasser begossen wurden. Alles lief und rannte durcheinander, seine Angehörigen suchend, sie nicht findend, und von niemand eine tröstliche Antwort erhaltend. Dabei drängten sich die Hilfe leistenden Diener und Pompiers, alles, was ihnen in den Weg kam, weder Krone noch Sterne achtend, rücksichtslos auf die Seite stoßend, durch die wehklagenden Massen, und die Damen rannten mit ihren Flittern, Flor- und Blondenkleidern, viele mit Brandflecken oder halbverbrannter Kleidung umher, ihre Männer oder Väter suchend. Das Flammen- und Rauchmeer wütete fort, und in kaum einer kleinen halben Stunde war die ganze, prächtig zusammengezimmerte und ausgeschmückte Herrlichkeit ein Raub des Feuers, das trotz aller Hilfe der Spritzen schon das Hotel des Gesandten selbst ergriffen hatte. Napoleon war unterdessen, nachdem er seine junge Gattin in Sicherheit gebracht, auf den Schauplatz des Unglücks zurückgekehrt, und nur der äußersten Anstrengung der Spritzenleute und der jetzt auf zwei Bataillone verstärkten Garden gelang es, das Hotel vor der gänzlichen Zerstörung zu retten. Der Kaiser leitete nun selbst die Löschanstalten, befahl die Entfernung aller müßigen Zuschauer und ging mit dem vor Todesangst schwitzenden Polizeipräfekten, dem Grafen Dubois, eben nicht zum glimpflichsten um. Der durch den Mordkriegsrat, den er präsidierte und der den Herzog von Enghien erschießen ließ, bekannte General Hülin mißhandelte in Gegenwart Napoleons, wahrscheinlich um dessen Zorn von sich abzuleiten, den armen Spritzenmeister, der ein Gott hätte sein müssen, wenn er die Flammen nach des grimmigen Kaisers Willen hätte bezwingen können, tätlich auf das empörendste und nichtswürdigste, so daß mir, der nur in geringer Entfernung davon stand, das Blut in den Adern kochte. Noch im Kerker mußte der Unglückliche der Ableiter der kaiserlichen Zornausbrüche sein. Das Schrecklichste aber waren die verbrannten, zum Teil tödlich verwundeten Personen, die hier verunglückt waren. Die Fürstin Pauline von Schwarzenberg hatte, wahrscheinlich ihre Tochter suchend, in den Flammen den Feuertod gefunden und wurde lange vergeblich von ihrem trostlosen Gatten und den Dienern gesucht, die Königin von Neapel hätte um ein Haar ein gleiches Schicksal gehabt, der Großherzog von Würzburg war ihr Retter; die schöne Vizekönigin von Italien, Prinzessin Auguste von Bayern, rettete sich auch glücklich mit ihrem Gemahl durch eine kleine Tür, als schon die halbe Decke des brennenden Saales eingestürzt war. Die Fürstin von der Laien und die Generalin Toussaint starben kurze Zeit nach dem Unglück unter den fürchterlichsten Schmerzen an ihren Brandwunden. Ein gleiches Schicksal hatte die Gemahlin eines russischen Konsuls, und der russische Gesandte selbst, Fürst Kurakin, dankte seine Rettung nur dem damals schon durch seine außerordentlichen Kuren berühmten Doktor Koreff, der ihn auch völlig wiederherstellte, denn er war so beschädigt, daß man lange an seinem Aufkommen zweifelte. In allem waren mehr denn sechzig Personen, besonders Damen, mehr oder minder schwer verwundet und verbrannt. Dieses gräßliche Trauerspiel endigte würdig mit einer entsetzlichen Naturerscheinung, nämlich mit einem so furchtbaren Gewitter, wie ich mich nicht entsinne, ein ähnliches erlebt zu haben; Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag folgten so allgewaltig, daß der unaufhörlich rollende Donner die Welt zu erschüttern schien. Endlich entlud sich dasselbe in einem Wolkenbruch ähnlichen Platzregen, der nach und nach den Rest der Feuerglut löschte, als bereits der Tag anbrach. Napoleon war, sobald dem Feuer Einhalt getan und die weitere Gefahr beseitigt war, zu seiner besorgten Gattin nach St. Cloud zurückgekehrt, wo er äußerst niedergeschlagen angekommen und ausgerufen haben soll: »_Quel terrible fête!_« Die Garden hatten unterdessen auf der Brandstätte ihr Biwak aufgeschlagen und verzehrten mit gutem Appetit die köstlichen Speisen und Schüsseln, die den Gästen zugedacht gewesen und die sie ohne dies Unglück nimmer gekostet haben würden. Den anderen Morgen fand man unter den Brandtrümmern eine Menge Schmuck, Degen, Armbänder, Halsgeschmeide, Diademe, Brillantschnallen, Knöpfe und so weiter, aber der gräßlichste Fund war die ganz verbrannte, halbverkohlte Leiche der Fürstin Schwarzenberg, die der Doktor Gall in des Platzkommandanten Gegenwart auffand und die man nur an einem Halsband erkannte, das die Namen ihrer Kinder trug.

Welches Aufsehen diese schreckliche Begebenheit in Paris machte, ist unbeschreiblich. Da haben wir's, hieß es, dies sind die ersten Folgen der Verbindung mit Österreich, es wird noch besser kommen. Und jedermann glaubte an eine tiefangelegte Verschwörung, welche dieses Fest hätte benutzen wollen, um die ganze bonapartistische Familie auf einen Schlag zu vernichten; dies war nicht der Fall, wohl aber war das Feuer böswillig angezündet worden, sei es nun von Anhängern der Bourbonen, von der republikanischen Partei oder auch nur aus Haß gegen Österreich. In Paris und ganz Frankreich zweifelte niemand daran als die Regierung, in deren politischen Kram es taugte, eine solche Meinung durchaus nicht aufkommen zu lassen. Ich war bis zum hellen Tag auf der Brandstätte geblieben, hatte löschen helfen und ermüdet teil an dem Biwak der Garden genommen. Welch ein Fest! Der Aberglaube sah es wenigstens als eine sehr schlimme Vorbedeutung an, und das große Unglück, das bei den Vermählungsfeierlichkeiten Ludwigs XIV. und Maria Antoinettes stattgefunden, kam jedermann ins Gedächtnis. Die feierlichen Begräbnisse der Verunglückten, beinahe ein paar Dutzend, diejenigen inbegriffen, die noch später unter unsäglichen Schmerzen an ihren Brandwunden starben, erfüllten die Gemüter aufs neue mit Trauer. Napoleon selbst war durch diese Begebenheit sehr angegriffen und gab sich düsteren Ahnungen hin. Als ich den anderen Tag zu dem Fürsten Y. kam, empfing er mich mit den Worten: »Nun, und Sie sind unversehrt davongekommen? -- Unkraut vergeht nicht!«

»Eure Durchlaucht können von Glück sagen und sich bei dem Podagra bedanken, denn Sie wären wahrhaftig bei lebendigem Leibe verbrannt.«

»Hu! mich schaudert, wenn ich daran denke.«

»Was Sie gestern noch als Tücke des Schicksals verfluchten, zeigt sich heute als wohlwollendes Geschick des Himmels. So ist's in diesem sublunarischen Leben: was wir oft für das größte Unheil halten, ist nicht selten der Anker unseres Heils.«

Ich mußte dem Fürsten alle Details der schauerlichen Begebenheit ausmalen; gewiß ist es, daß er, der kaum mit Hilfe einer Krücke in der Stube herumhinken konnte, unfehlbar verbrannt wäre, wenn er dem Fest beigewohnt hätte. Fürst Kurakin hatte seine Rettung hauptsächlich seinem goldenen Rock mit Diamantknöpfen zu danken, der ihn wie ein Harnisch gegen Flammen und Kohlen schützte, und es wurde so dem Doktor Koreff mit noch anderer Hilfe möglich, ihn aus der Masse zu schleifen, nachdem er schon gestürzt und mit Füßen getreten worden war.

Dies war das Ende der Vermählungsfeste, man hatte genug daran. Außer dem Fest, das die Stadt Paris dem Kaiser gegeben, hatte sie ihm auch noch sehr kostbare Hochzeitsgeschenke gemacht, nämlich ein Tafelservice von Vermeuil von ungeheurem Wert, das später Ludwig XVIII. als dem Kronschatz zugehörig erklärte. Marie Louise erhielt eine Toilettegarnitur von erstaunenswerter kunstreicher Arbeit.

Kurze Zeit nach der unglücklichen Begebenheit verbreitete sich plötzlich das Gerücht zu Paris von der Abdankung des Königs Ludwig von Holland, das eben nicht geeignet war, die etwas getrübte Stimmung der Franzosen zu erheitern, denn dieser Bruder Napoleons war auch in Frankreich geachtet und geliebt. Nach und nach gewann aber der Pariser Leichtsinn wieder die Oberhand, man vergaß die traurigen Begebenheiten und unterhielt sich mit Anekdoten und Erzählungen von der neuen Kaiserin, zum Teil Erfindungen müßiger Salonköpfe, die von Mund zu Mund die Runde durch ganz Frankreich machten. Sie war übrigens fast nur das Echo ihres Gatten, den sie, so sehr es sich tun ließ, in allen Stücken nachahmte. So fragte sie, dessen Beispiel befolgend, die Personen, die ihr vorgestellt wurden, jedesmal: »Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder?« Diese Fragen hatte sie sich so angewöhnt, daß sie den nämlichen Personen, so oft diese Audienz bei ihr hatten, dieselben wiederholte. Ein Gesandter äußerte deshalb einmal: »Die Kaiserin sollte doch endlich wissen, daß ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe, denn sie hat mich heute zum zehntenmal darnach gefragt.« Marie Louise hatte eine sehr frische, fast hochrote Gesichtsfarbe und die Fähigkeit, ihre Ohren nach Gefallen bewegen zu können; beides gab zu mancherlei Spöttereien Anlaß, wozu auch die Unerfahrenheit und Unbekanntschaft der jungen Kaiserin mit den französischen Sitten manchen Stoff liefern mußte. Von ihren französischen Umgebungen wurde Marie Louise nicht geliebt, sie war ihnen zu wenig mitteilend, zu kalt, frostig und zeremoniell, unterhielt sich nie vertraulich mit ihren Damen, weshalb man sie für steif, unbeholfen und selbst stupid verschrie. Ihre Hauptbeschäftigungen waren: etwas Klavierspielen, weibliche Tapisseriearbeiten, Reiten, wenn es das Wetter gestattete, fast immer im Galopp. Dabei sagte man ihr nach, daß sie sechs Mahlzeiten des Tages zu sich nehme, namentlich sehr viel Creme esse, überhaupt einen Appetit für drei französische Grenadiere habe und nicht imstande sei, eine nur einigermaßen geistreiche oder wissenschaftliche Unterhaltung zu führen oder ihr nur zu folgen, sondern statt zu antworten mit dem Kopf nicke und höchstens von den unbedeutendsten Vorgängen im Palast spreche. Hierbei mag nun viel übertrieben gewesen sein, auch war ihr das Französische nicht so ganz geläufig. So viel ist aber gewiß, daß das Äußere der jungen Kaiserin sowie ihr Benehmen besonders für Franzosen viel Abschreckendes hatte. Ich habe sie nur gesehen, aber fast nie sprechen gehört, freilich kam ich nie auch nur in die entfernteste Berührung mit ihr.

Unterdessen hatte ich noch einige neue Intrigen mit mehreren anmutigen Pariserinnen angeknüpft, wie man sie bei einiger Gewandtheit und savoir faire zu Dutzenden daselbst mit verheirateten Frauen haben kann, nicht so mit Mädchen aus den höheren Ständen, die hier selbst strenger als in Italien gehütet werden und gehütet werden müssen. Dafür revanchieren sie sich auf das reichlichste einmal unter der Haube und lassen ihren Leidenschaften und Kapricen freien Lauf. Einer dieser Damen konnte ich nur durch den Kamin meine Aufwartung machen, da sie ihr Mann, so oft er sie allein lassen mußte, einschloß; ein Grund mehr, alles daran zu setzen, ihn zu hintergehen. Glücklicherweise war der Kamin sehr geräumig und eine Öffnung in einem oberen Stock in demselben angebracht, durch die ich mich hinabließ; da es im Sommer war, so wurde ich auch nicht vom Rauch inkommodiert, doch gab ich diese Kaminbesuche bald wieder auf. -- Noch immer bombardierte mich Miollis mit Briefen und wollte endlich durchaus wissen, woran er sei; auf seine Veranlassung und Briefe hatte ich noch eine ziemlich lange Unterredung mit dem Herzog von Feltre, den ich endlich fragte, ob er nicht glaube, daß durch die Prinzessin Borghese, mit der ich bekannt sei, der Kaiser für das Gesuch des Gouverneurs von Rom zu stimmen sei. Clarke erwiderte mir lächelnd: »Ich und alle Minister haben strenge Befehle, kein Gesuch seiner schönen Schwester zu berücksichtigen; und was Ihren persönlichen Wunsch, zu den Garden versetzt zu werden, anbelangt, so würden Sie, wenn ich es durchsetzte, dennoch einen sehr schwierigen Stand haben. Sie müßten sich mindestens durch das ganze Korps der Leutnants des Regiments, dem sie zugeteilt würden, schlagen und würden, so gut sie auch den Degen führen mögen, endlich doch Ihren Mann finden und noch andere Unannehmlichkeiten treffen; ich rate Ihnen deshalb als Freund, von diesem Gesuch abzustehen.« Bei der ersten Gelegenheit teilte ich Paulinen mit, was mir der Minister hinsichtlich ihrer gesagt hatte. Lachend erwiderte sie: »Aber das wußte ich schon längst; müssen es denn gerade die Garden des Kaisers sein?« fuhr sie fort. »Suchen Sie doch lieber zu denen meines Schwagers Murat zu kommen, die sind ja weit schöner und prächtiger, und die Offiziere meistens Franzosen; wenn Sie dies wollen, das kostet mich nur ein paar Worte an Murat, und die Sache ist im reinen.« -- Anfänglich wollte mir zwar dieser Tausch nicht sehr zusagen, bald betrachtete ich aber die Sache in einem anderen Licht. Schön war die Garde des Königs von Neapel, und der Aufenthalt daselbst in mancher Hinsicht dem zu Paris vorzuziehen. Ich bequemte mich, die französischen Dienste zu verlassen, und bat die Prinzessin, die nötigen Demarchen zu machen, wozu sie sich sogleich bereitwillig fand. Sie selbst war indessen wegen einer kleinen Unart, die sie sich gegen Marie Louise erlaubt hatte, bei ihrem kaiserlichen Bruder in Ungnade gefallen, so daß sie noch weit weniger für mich bei ihm hätte wirken können. Sie hatte nämlich eines Tages der Kaiserin hinter ihrem Rücken allerlei Grimassen gemacht und unter anderm zwei Finger ihrer rechten Hand, den Zeigefinger und den kleinen, hörnerartig in die Höhe gestreckt, um so anzudeuten, daß sie Hörner tragen werde. Marie Louise hatte dies in einem großen Spiegel sowie auch ihr Gatte bemerkt, der nun voll Zorn seiner Schwester das Erscheinen in den kaiserlichen Gemächern untersagte.

In der Erwartung meiner baldigen Versetzung besuchte ich die noch nicht gesehenen Umgebungen von Paris, Bondy, St. Denis, wo ich die Überreste der in der Revolution verwüsteten königlichen Gräber in der Abtei daselbst heimsuchte und so weiter.

Eines Abends bemerkte ich in der Oper in einer benachbarten Loge ein recht freundliches Frauengesicht, das mir sehr bekannt vorkam, ich wußte aber nicht gleich, wo ich es schon gesehen hatte. Ich lorgnettierte die Dame, wurde endlich auch von ihr bemerkt, und sie nickte mir lächelnd zu. Ich begab mich nun während eines Zwischenakts in jene Loge und fand -- Madame Viriot, dieselbe, die ihr Gemahl vor ungefähr fünf Jahren in Nancy entführt hatte. Schnell war die alte Bekanntschaft erneuert; ihr Gatte war wieder in den Militärstand getreten, stand jetzt als Kapitän bei der Armee in Spanien, und sie lebte bei einer reichen Tante zu Paris und hatte ein niedliches vierjähriges Mädchen. Ich begleitete sie noch denselben Abend nach Haus, wurde auf den anderen Tag zum Besuch eingeladen, wobei sie mich der Tante als einen alten Freund ihres Mannes vorstellte. Ich suchte mich bei der alten Dame durch Artigkeiten zu insinuieren und war bald im Haus gern gesehen und Hahn im Korb, solange ich noch zu Paris verweilte.

Ende Juli hatte Napoleon für gut befunden, den Parisern zur Abwechslung auf seine Vermählungsfeierlichkeiten ein höchst pomphaftes und prunkendes Trauerfest zu geben, nämlich die Leichenfeier des bei Eßlingen gebliebenen Marschalls Lannes, dessen irdische Reste im Pantheon beigesetzt wurden. Das Gepränge dieser Zeremonie war außerordentlich. Mehrere Tage wehte eine schwarze, weiß eingefaßte Fahne von der Kuppel des Pantheons, in dem Tempel selbst war ein Katafalk in Form einer hohen Pyramide errichtet, an deren vier Ecken die Bildsäulen der Mäßigkeit, der Klugheit, der Gerechtigkeit und der Stärke angebracht waren, ihre Spitze krönte eine Urne mit einer eisernen Krone. Medaillen, die ausgezeichnetsten Taten des Marschalls darstellend, wurden von Genien gehalten, unter der Pyramide stand der Sarkophag, bereit, die Leiche des Verblichenen aufzunehmen. Auf den Stufen ringsherum brannten unzählige Kerzen auf silbernen Kandelabern. An den beiden Seiten des Altars sah man die Bildsäulen des heiligen Ludwig und des heiligen Napoleon, die ganze Kirche war mit schwarzen Teppichen belegt und behängt, auf der schwarz drapierten Kanzel saß ein kolossaler Adler, für den Erzkanzler hatte man einen Sitz von Ebenholz, mit silbernen Sternen und Fransen verziert, errichtet. Alle Sitze der Kardinäle, Bischöfe, der Behörden und so weiter waren auf ähnliche Weise geschmückt; auch alle Fenster waren schwarz behangen, mit weißem Saum. Von dem endlosen Zug aller Zivil- und Militärbehörden gefolgt, wurde die Leiche des Marschalls vom Hotel der Invaliden in das Pantheon mit großer Feierlichkeit und mit imponierender Trauermusik gebracht; auf dem Sarg lag der Marschallsstab, das Wappen und Lorbeerkronen. Achtzehn silberne Grabeslampen hingen an gleichen Ketten an dem Feinde abgenommenen Lanzen herab; überall waren Trophäen von eroberten Waffen und Fahnen angebracht. Die Waffen des Toten nebst Siegespalmen hielten zwei über dem Altar schwebende Renomeen in der Hand. Über ihnen las man die Worte: _Napoléon à la memoire du Duc de Montebello, mort glorieusement aux champs d'Essling, le 22. Mai 1809._

Das Konservatorium führte eine großartige Trauermusik auf, die von Zeit zu Zeit durch die Töne der schwarz verhüllten Orgel unterbrochen wurde; hierzu hatte man die herrlichsten Kompositionen Mozarts gewählt. Der Trauerwagen, auf dem die Leiche gebracht wurde, war mit vier Faszes, aus Fahnen bestehend, welche das von Lannes befehligte Armeekorps erobert hatte, geschmückt. Der ganze Zug bestand aus vier Abteilungen, einer geistlichen, einer militärischen, einem Trauerzug und einem Ehrenzug. Bei dem militärischen waren die Truppen aller Waffengattungen, Kanonen und Pulverkarren, die Tambours, Trompeter und Musikchöre der ganzen Garnison, die Lüfte mit lugubern Klagetönen erfüllend. Der ganze Generalstab mit den Fürsten von Neufchatel und Wagram, denen die Generalität, alle Stabsoffiziere und andere Offiziere folgten, waren an der Spitze des militärischen Zuges. Bei dem religiösen Zug, der sich vor dem militärischen bewegte, befand sich die ganze hohe und niedere Geistlichkeit von Notre-Dame und aller Kirchsprengel von Paris, mit unzähligen Kirchenfahnen, Kreuzen und so weiter, auch viele Greise und Kinder aus mildtätigen Anstalten und Pflegehäusern. Vier Marschälle, unter denen Moncey und Davoust, hielten die Zipfel des Bahrtuchs, auf beiden Seiten des Wagens trugen Lannes Adjutanten Standarten. Der Ehrenzug bestand aus des Marschalls leerem Wagen, zu dessen beiden Seiten wieder zwei seiner Adjutanten ritten; diesem folgten vier Trauerwagen für die Familie des Verblichenen, diesen die Wagen der Prinzen, Großwürdenträger, Marschälle, Generalobersten, Minister und höchsten Behörden. Sämtliche Züge schloß eine starke Abteilung der Gardekavallerie mit Trauermusik zu Pferde. So lange die Zeremonie währte, läuteten alle Glocken von Paris, und in kleinen Zwischenräumen fielen jedesmal dreizehn Kanonenschüsse. Als der Sarg in die Gruft gesenkt wurde, gab sämtliches Militär Gewehrsalven, und die Legionäre übergaben ihre Ehrenkreuze dem Großalmosenier, der sie durch den Erzpriester mit hinabsenken ließ. Davoust hielt eine kurze Rede, in welcher er die tiefe Trauer des Heeres über diesen Verlust aussprach, und nachdem der Erzkanzler eine zum Andenken an diese Totenfeier geschlagene Medaille dem Sarge folgen ließ, war sie beendigt, und die Truppen zogen mit lustig klingendem Spiel wieder ab. In ganz Frankreich, Italien und wo französische Truppen standen, wiederholte sich diese Totenfeier, durch welche Napoleon der Welt beweisen wollte, wie sehr er seine Helfershelfer zu ehren wisse, hauptsächlich um dadurch auf das Militär zu wirken.

Wenige Tage später gab die am Napoleonsfest, den 15. August 1810, erfolgte Vollendung der Siegessäule auf dem Platz Vendome, die man zum Ruhm der französischen Armee im Jahre 1806 begonnen hatte und die eine Nachahmung der Trajanssäule zu Rom ist, den Parisern abermals Stoff zur Unterhaltung und zu Festivitäten. Die zweihundertundzwanzig Fuß hohe Säule wurde aus eintausendzweihundert, den Österreichern und Russen 1805 abgenommenen Kanonen errichtet und stellte nach Art der römischen die hauptsächlichsten Taten der Franzosen aus dem Feldzug von 1805 dar; sie steht auf der Stelle, wo die während der Revolution zertrümmerte Bildsäule Ludwig XIV. stand. An zwei Millionen Pfund Erz sind zu dieser Säule verwendet worden. Auf einer in ihrem Innern angebrachten Schneckentreppe gelangt man zu ihrer Spitze, auf die Napoleons zehn Fuß hohe Statue gestellt wurde.