Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 43

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Nachdem das Frühjahr herangekommen war, machte ich häufige Ausflüge nach Heidelberg, wo ich ganze Tage in dem Schloßgarten und dessen Umgebungen zubrachte, auch den Wolfsbrunnen, den Königsstuhl, den Heiligenberg, Stift Neuburg, den Riesenstein und so weiter besuchte. Das burschikose Studentenwesen und der Pedantismus der Herren Gelehrten und Professoren machten den Aufenthalt in dieser Stadt den Fremden unangenehm, deren sich sonst weit mehr hier niederlassen würden. Öfters ging ich auch auf ein paar Tage nach Worms, wo ich bei Freund Eikmeier, der daselbst eine Besitzung hatte, wohnte, und von da nach Niedesheim spazierte, wo einst mein Oheim Scholze residierte. Von Worms machte ich ein paarmal einen Abstecher nach Mainz, wo ich mich heimlich in dem Quartier, das ich zuletzt bewohnte, bei der Witwe Kronebach an der Ecke der großen Bleiche aufhielt, was dennoch die Polizei ausspürte, aber so klug war, zu ignorieren.

Da ich einsah, daß mein Aufenthalt in Mannheim nicht von langer Dauer sein konnte, indem C... sich nicht in sehr glänzenden Verhältnissen befand, so wandte ich mein Augenmerk nach Stuttgart, um so mehr, da ich auch in Mannheim keinen Verleger für mein großes historisches Werk hatte finden können, wozu C... wohl den Willen, aber nicht die Mittel hatte, und an dessen Herausgabe ich jetzt ernstlich dachte. Ich machte deshalb im Juni eine Reise nach Stuttgart, und daselbst die Bekanntschaft des Herrn von Cotta und des erst kürzlich daselbst etablierten Buchhändlers Frankh. Ersterem trug ich mein Werk, das schon ziemlich weit gediehen war, an, und er war geneigt, auf dessen Verlag einzugehen, verschob jedoch einen definitiven Abschluß auf später, da er in demselben Augenblick mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt war und auch mehrere Reisen vorhatte. Frankh war noch nicht in den Verhältnissen, auf ein solches Unternehmen eingehen zu können, ersuchte mich aber, die Memoiren der Miß Henriette Wilson für ihn zu übersetzen, was ich auch übernahm. In Stuttgart und besonders in dessen Umgebung hatte es mir sehr gefallen, namentlich auch in Ludwigsburg. Auf der kleinen Insel zu Monrepos begegneten mir an der Kapelle daselbst zwei Damen, von denen die jüngere, die kaum fünfzehn Jahre zählen mochte, einen hohen Anstand und unendliche Anmut verriet, einen herrlichen Wuchs hatte und einen Elfentritt zu haben schien, dabei das schönste lieblichste Gesichtchen, das man sich denken kann. Die ältere, eine Frau bei Jahren, die ich für die Mutter hielt, zeigte ebenfalls durch ihre Haltung und Manieren, daß sie einem Stande angehören müsse, der sich gewöhnlich durch die feinste Bildung, eine edle Unbefangenheit und ungezwungenes Wesen verrät. Ehrerbietig grüßend ging ich an den Damen vorüber, die mir artig dankten, und in die Einsiedelei. Als ich von derselben zurückkam, saßen beide auf einer Ruhebank am Weg. Gar zu gern hätte ich sie angesprochen, wagte es indessen nicht, da mich eine, mir nicht zu erklärende Scheu zurückhielt. Ich bemerkte jedoch, daß mir die Jüngere lange mit unverwandten Augen nachgesehen, und als ich im Gebüsch verschwand, hörte ich sie einige mir unverständliche Worte zu ihrer Begleiterin sprechen. In meinen Kahn gestiegen, der mich wieder an das Schlößchen Monrepos bringen sollte, fragte ich den Schiffer, ob er nicht wisse, wer die beiden Damen seien, die sich jetzt auf der Insel befänden. Er wußte es aber nicht zu sagen, da er sie nicht gesehen, auch keine übergefahren haben wollte.

Den Rest des ganzen Tages brachte ich fast ganz in dem Park zu Ludwigsburg zu, auf einer Ruhebank unter der Emmrichsburg sitzend und fortwährend über die zu Monrepos gehabte Erscheinung nachsinnend. Ich fuhr endlich den Abend nach Stuttgart zurück, wo ich dem Grafen Lusi, dem Sohne des Gesandten Lusi zu Potsdam, der damals königlich preußischer Geschäftsträger am württembergischen Hof war, und dem ich einen Besuch gemacht hatte, davon erzählte, der mir aber ebensowenig Auskunft geben konnte, wer die Damen wohl gewesen sein mochten. Zwei Tage darauf reiste ich über Pforzheim und Karlsruhe nach Mannheim zurück, immer noch das Bild der schönen Unbekannten von der Insel im Gedächtnis habend, und obgleich ich in Mannheim nicht weniger als einem halben Dutzend Schönen den Hof machte, so hinderte mich dies doch nicht, von Zeit zu Zeit voll Sehnsucht an die Unbekannte auf der Insel zu denken. Im Juli reiste ich nach Baden-Baden, um daselbst einen Teil der Sommersaison zuzubringen. Bevor ich dahin abging, hatte ich mit C... eine Martingale für das Roulettespiel berechnet, durch welche man einen Taler oder Napoleon, gleichviel nachdem man setzte, bei jedem Coup gewinnen mußte, solange man nicht gesprengt wurde. Das Verhältnis war eins, drei, sieben, fünfzehn, sechsunddreißig, achtzig und zweihundert, wobei vom dritten Coup an die Zeros jedesmal verhältnismäßig gedeckt werden mußten. Wir hielten beide die Sache für unfehlbar und glaubten, daß man nicht öfter gesprengt werden könne, als bis man das Doppelte gewonnen. Ich reiste mit ungefähr hundertfünfzig Napoleons ab, alles, was ich noch hatte zusammenscharren können, in der Hoffnung, mit wenigstens fünfzigtausend Gulden zurückzukommen. In Baden angelangt, stieg ich in der >Goldnen Sonne< ab und nahm mir kaum die Zeit, mich umzukleiden, um in den Spielsaal zu eilen und meine Operationen zu beginnen. Im Anfang ging die Sache auch vortrefflich. Ich begann mit kleinen Talern und zog für jeden Coup, oft nachdem vier bis sechs verloren waren, meinen kleinen Taler. Nun setzte ich Brabänter und endlich Dukaten. Bereits hatte ich deren schon über vierzig gewonnen, als ich das erstemal mit zweihundert gesprengt wurde. Ich begann nun mit dem wenigen Geld, das mir noch übrig blieb, wieder mit kleinen Talern zu spielen, ward aber bald wieder gesprengt und verlor endlich, Vierziger setzend, noch den Rest meines Geldes bis auf ein paar Gulden. So war ich denn auf einmal von allen meinen Himmeln herabgefallen, verließ die Spielsäle mit gewaltig hängenden Flügeln, um in den Anlagen frische Luft zu schöpfen. Auf einer etwas abgelegenen Bank wurde mir erst das Schreckliche meiner ganzen Lage recht klar. Nicht mehr so viel Geld in der Tasche, daß ich an eine Rückreise hätte denken können, auch dem Wirt schon eine Zeche schuldig, wo ich mir zwei Zimmer auf einen Monat gemietet hatte, war es mir doch nicht so ganz einerlei, und ich wußte nicht, wie ich mich noch aus dieser Klemme ziehen würde. An meine Eltern konnte ich, deren pekuniäre Lage kennend, unmöglich mehr Ansprüche machen. Ich schrieb an C..., von dem ich aber die trostlose Antwort erhielt, daß er sich selbst in der hochnotpeinlichsten Geldverlegenheit befinde. Einstweilen machte ich mich mit dem Grauen des Tages an die Übersetzungen für Frankh, so daß ich binnen acht Tagen eine sehr bedeutende Partie Manuskript nach Stuttgart abzuschicken imstande war, mit der ich zugleich bat, eine Anweisung von ein paar hundert Gulden von mir honorieren zu wollen, was Frankh auch tat, und so war ich wenigstens aus der dringendsten Verlegenheit. Aber während der acht bis zehn Tage, wo ich fast gar keinen Heller Geld mehr in der Tasche hatte, war es mir denn doch manchmal nicht ganz wohl. Nun ging ich wieder in die Spielsäle, aber jetzt nur mit äußerster Vorsicht spielend, und gewann wirklich ein paar hundert Taler, mit denen ich mich freudig wegbegab. Noch ein paarmal war mir das Glück so günstig, daß ich bald über tausend Gulden hatte, und nun nie mehr als ein paar Dukaten wagte. Herr von Cotta, der sich auch in Baden eingefunden, wo er ein eigenes Hotel besaß, trug mir auf, einige Artikel ins Morgenblatt über die hiesige Saison zu schreiben. Da ich in denselben den Spielpächter Chabert, der damals die dortige Spielhölle in Pacht hatte, und noch einige andere Dinge ein wenig stark mitnahm, so gab dies in der Badewelt zu Baden gewaltigen Rumor. Man glaubte, Robert, der als Korrespondent des Morgenblattes bekannt war, habe die Artikel geschrieben, und wollte diesem deshalb zu Leibe; nur mit genauer Not entging er einer Prügelei. Was die Saison sehr glänzend machte, war der Aufenthalt des Königs Maximilian von Bayern und seines Hofes. Es gab Feste über Feste, Partien in das herrliche Murgtal, Beleuchtung des alten Schlosses, Bälle, bei denen bayrische Prinzessinnen die Hauptrolle spielten, und so weiter. Dritthalb Monate hatte ich in Baden, die ersten vierzehn Tage abgerechnet, wo ich mich in Finanznöten befand, recht vergnügt zugebracht, und reiste von hier nach Frankfurt, wo ich einige Tage bei den Meinigen verweilte, über Mainz und Worms nach Mannheim zurück, wo ich C... mit seiner Familie in großer Traurigkeit fand und mir derselbe erklärte, daß seine Position in Mannheim nicht mehr lange haltbar sei. Unter solchen Umständen fand ich es für passend, da er ohnehin eine sehr starke Familie, sechs Kinder, hatte, eine andere Wohnung zu beziehen. Ich mietete nun bei der Schauspielerin Rüppel ein, einer Schwester der berühmten Lindner, wo ich auch den Tisch und eine recht unterhaltende Tischgesellschaft hatte, unter der ein Dragoneroffizier, Herr von Schweizer, und ein junger Artaria war. Einen Hauptgegenstand der Unterhaltung bildete das Theater und dessen Direktion, die damals ein Graf Luxemburg leitete, der eine Mätresse Napoleons geheiratet, die einen Sohn, Graf Leo genannt, der in Heidelberg studierte, von diesem hatte.

Indessen ließ es mich nicht mehr lange in Mannheim weilen. Hier hatte ich, wie gesagt, keine Hoffnung, endlich mein großes historisches Werk, an dem ich, so oft ich Muße hatte, arbeitete, an das Tageslicht treten zu sehen. Stuttgart, wohin mich die daselbst durch die Einsicht des sehr rechtlichen und vernünftigen Königs sehr freie Presse, und noch ein gewisses Etwas, das ich mir selbst nicht zu erklären vermochte, zog, war der Ort, den ich am passendsten für meinen Zweck hielt. C... hatte mir beim Abschied gesagt, daß er mir bald nachfolgen würde, indem für ihn in Mannheim nichts mehr zu tun sei.

Es ist unglaublich, mit welchen unbedeutenden Dingen man so eine deutsche Residenzstadt wenn nicht in Aufruhr, so doch in Bewegung setzen kann. Ich trug damals einen hier noch nicht gesehenen sogenannten Carbonarimantel, schwarz, mit rotem Samt ausgeschlagen, und goldenen Quasten, den ich mir kurz vorher in Paris hatte machen lassen. Dieses Kleidungsstück, unter dem ich gewöhnlich einen polnischen Rock trug, machte, daß sich die ganze Stadt von meiner werten Person unterhielt und die albernsten Märchen über dieselbe erfand. Bald sollte ich der natürliche Sohn, ich weiß nicht, welches großen Herrn, bald gar ein englischer Reiter, wahrscheinlich, weil ich viel ritt, und die Götter mögen wissen, was alles, sein. Ritt oder ging ich an einem Haus vorüber, husch, waren Gesichter an allen Fenstern, das fremdartige Wundertier zu begaffen, und dies dauerte eine geraume Zeit, bis man endlich dahinter kam, wer ich denn eigentlich sei, nämlich ein literarischer Vagabund, gebürtig aus Frankfurt am Main, den man in Mainz wegen demagogischer Umtriebe, so hieß es, ausgewiesen, und so weiter. Ich hatte mir schon viel von den guten Schwaben erzählen lassen, aber so arg es mir denn doch nicht gedacht. Die Stuttgarter Kleinstädterei übertraf fast noch die meiner Vaterstadt, und wahrhaftig, das will viel sagen.

Herrn von Cotta hatte ich wieder aufgesucht und ihm von dem Verlag meines historischen Werkes gesprochen. Er war noch immer ganz dafür, machte aber fortwährend Geschäftsreisen, bald nach Paris, London, Berlin, und schob die Sache hinaus. Die Metzlersche Buchhandlung lehnte den Verlag ab, nur Frankh zeigte sich sofort zur Unternehmung desselben bereit, schien mir aber nicht zuverlässig genug, nahm auch zu große Vorteile für sich in Anspruch. Ich hatte nach Beendigung der Übersetzung der Memoiren der Miß Wilson, die der Denkschriften Riccis für Frankh übernommen, die in französischer Sprache, mit sehr vielen langen Anmerkungen und Dokumenten in der italienischen, herausgekommen waren. Frankh, der jetzt schon, nachdem ihm einige Verlagsartikel geglückt waren, die Rolle eines Cotta spielen zu wollen anfing, der er bei seinen sehr beschränkten Geistesfähigkeiten so wenig gewachsen war, so daß ich ihn mit dem sich zum Ochsen aufblasen wollenden Frosch der Fabel verglich, und vornehm gelehrt tat, wünschte, daß ich die gedruckten Korrekturbogen der Übersetzung mit ihm durchgehen möchte. Er empfing mich mit einem bunten großbeblümten Schlafrock, aus einer langen türkischen Pfeife rauchend, und wir lasen zusammen, oft in Gegenwart eines anderen Schriftstellers, unter anderen auch Hauffs, den ich häufig bei ihm traf, da er ebenfalls die Korrekturen seiner Werke, die er bei ihm verlegte, mit ihm las. Frankh, um sich ein gelehrtes Ansehen zu geben, hatte sich angewöhnt, von Zeit zu Zeit mechanisch zu sagen: »Meinen Sie nicht, daß man dies doch anders hätte geben können?« »Ich glaube nicht,« war meine Antwort. Das Komischste dabei war, daß er fast kein Wort Französisch verstand, aber doch behauptete, obgleich ihm das Sprechen nicht geläufig sei, französische Werke mit derselben Leichtigkeit wie deutsche zu lesen. Da ich nun von dem Gegenteil längst überzeugt war, so sagte ich eines Tages zu Hauff, als Frankh einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte: »Geben Sie acht, jetzt will ich einmal unsern Herrn Verleger tüchtig aufs Eis führen.« Als Frankh nun wieder seine stereotype Phrase: »Meinen Sie nicht, daß man dies anders hätte geben können?« anbrachte, reichte ich ihm das Original hin, auf eine ganz andere Stelle deutend, als die, von der gerade die Rede war, und sagte ihm: »Da sehen Sie selbst, wie wäre dies anders zu geben gewesen.« Frankh murmelte ein paar unverständliche Worte in den Bart, gab mir das Buch zurück und sagte: »Nein, Sie haben recht, man kann es nicht wohl anders geben.« Jetzt konnte sich Hauff, der wußte, daß die fragliche Stelle auf einer ganz anderen Seite stand, kaum mehr des Lachens enthalten, und ebenso erging es auch mir. Frankh fragte, was wir hätten, ohne jedoch den Streich noch zu ahnen, den ich ihm gespielt. Er erfuhr es aber bald darauf durch die dritte Hand, da Hauff den Vorfall seinen Bekannten mitgeteilt hatte. Wir waren nun brouilliert, und ich sandte ihm Riccis Werk, von dem ich erst den ersten Band übersetzt hatte, zurück. Ich gab jetzt einstweilen ein belletristisches Blatt in Stuttgart heraus, welches manche der dortigen Zustände, namentlich auch die Vorurteile des Erbadels etwas stark mitnahm, sowie die Vorstellungen der dortigen Bühne kritisierte, die damals, Oper wie Schauspiel, ganz vorzüglich besetzt war. Nicht sehr lange nach meiner Ankunft in Stuttgart glaubte ich eines Abends in einer Loge im ersten Rang zu meiner größten Verwunderung die junge schöne Dame zu erkennen, die ich auf der Insel zu Monrepos den vergangenen Sommer zuerst gesehen und die einen so großen Eindruck auf mich gemacht hatte. Um Gewißheit zu erlangen, daß es dieselbe sei, verfügte ich mich in eine Loge, die so nahe, als ich sie haben konnte, bei der war, in welcher sich meine Unbekannte befand. Auch sie hatte mich gleich bei meinem Eintritt in die Loge wieder erkannt, wie ich deutlich aus der zusammenschaudernden Bewegung wahrnehmen konnte, die sie machte, als sie mich erblickte. Ich begab mich aber bald darauf wieder ins Parterre, nachdem ich zu meinem Mißvergnügen den Rang erfahren, den die Dame einnahm, und der mich an keine Annäherung derselben denken ließ, denn ich war ja nicht mehr in Italien oder Frankreich, sondern in Deutschland, und zwar in Schwaben. Doch hatte sich das schöne Bild von neuem mir eingeprägt und wich nicht von meinen Augen, trotzdem ich mich mit mehreren anderen weiblichen Wesen recht sinnlich zu zerstreuen suchte. Den dritten Tag nach jenem Theaterabend kam eines Vormittags ein schon etwas ältliches wohlgekleidetes Frauenzimmer zu mir, welches, nachdem es fast verlegen allerlei Umschweife gemacht, damit herausrückte, daß sie mir geheimnisvoll mitteilte, sie komme im Auftrag einer Dame, die mir unendlich wohlwolle und mich zu sprechen wünsche. Sie rückte nun immer mehr mit der Sprache heraus, nannte mir endlich die Dame, nachdem ich ihr zuerst auf das feierlichste die tiefste Verschwiegenheit und Diskretion hatte versprechen müssen, und bestellte mich auf den nächsten Nachmittag gegen vier Uhr in den Park zu Ludwigsburg, wo ich sie wieder sprechen und das Weitere von ihr hören würde. Lange glaubte ich zu träumen. Nachdem sie wieder weg war, war ich nicht imstande, fortzuarbeiten und konnte die kommende Nacht fast kein Auge schließen, so sehr beschäftigte mich die Sache. Den andern Tag ritt ich gleich nach Tisch nach Ludwigsburg, begab mich, mein Pferd im >Waldhorn< lassend, in den Park, den nicht mehr sehr jugendlichen _Postillon d'amour_ erwartend. Er fand sich noch vor der bestimmten Zeit an dem bezeichneten Platz ein und ich folgte nun meiner vorangehenden Führerin, die mich endlich an einen sehr entlegenen Ort des Parkes führte und mir eröffnete, daß ich mich noch diesen Abend nach Mitternacht wieder daselbst einzufinden hätte, wo sie mich dann an einen Ort führen wolle, wo ich Glücklichster der Sterblichen, wie sie meinte, die seligsten Stunden meines Lebens zubringen würde. Versprechend, daß ich nicht verfehlen würde, mich einzustellen, entfernte ich mich, dankend Abschied nehmend, und ritt nach Stuttgart zurück. Als zehn Uhr vorüber und in meinem Haus schon jedermann in den Federn war, schlich ich mich leise die kleine, zu meinem Zimmer führende Hintertreppe hinab in den Stall, sattelte mein Pferd selbst, führte es hinaus und trabte, ohne mich aufzuhalten, nach Ludwigsburg. Daselbst angekommen, band ich das Pferd an einen Baum und eilte an den Ort, wo ich die Führerin treffen sollte. Kaum hatte die Turmuhr Mitternacht verkündet, so erschien sie auch und führte mich an einen besonders abgeschlossenen Raum des Parkes, dessen Türe nur angelehnt war, zu einem kleinen Häuschen, in welchem eine weißgekleidete, in einen großen Schal gehüllte Nymphengestalt auf einer Bank saß. Es war die junge Dame der Insel, die, als ich eintrat, aufsprang und die, in meinen Armen liegend, mich glühend umfing. Zwei Uhr nach Mitternacht war vorüber, als ich mich wieder auf dem Heimweg nach Stuttgart befand, wo ich mein Pferd ebenso unbemerkt wieder in den Stall führte, absattelte und mich dann ebenso in meine Wohnung schlich. Niemand hatte diese Abwesenheit wahrgenommen. Nach Übereinkommen wiederholte ich den folgenden Abend denselben Besuch ganz auf dieselbe Weise und ebenso unbemerkt, und hatte so eine Reihe von seligen, glücklichen Nächten, mich immer mit einem: »Auf morgen mehr!« verabschiedend. Doch auch dies sollte mit der Zeit ein Ende nehmen. Man hatte mir zwar eine Entführung nach Frankreich und England öfters und sehr dringend vorgeschlagen, aber das höchst Gefährliche des Unternehmens und den Weltskandal, welchen ein solches Ereignis notwendig hätte machen müssen, abgerechnet, so sah ich auch ein, daß eine Ehe unter solchen Verhältnissen später, wenn sich erst die Übersättigung eingestellt haben würde, nimmermehr eine glückliche hätte sein können. Ich wohnte später den glänzenden Hochzeitsfeierlichkeiten meiner Geliebten bei, der ich selbst zu der für sie sonst ganz passenden Vermählung recht sehr geraten hatte.