Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 42

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Unterdessen war ich näher mit der Familie meiner Hauswirtin bekannt geworden und brachte manchen Nachmittag und Abend in ihrer Gesellschaft zu, was Peches nicht sehr angenehm war. Aber der Umgang mit diesen, namentlich der Mama und dem Bruder, wurde mir täglich mehr zuwider, so daß ich, ich hatte den Tisch bei ihnen genommen, fast immer auswärts speiste, um den unangenehmen Szenen, die meistens bei dem Essen stattfanden, zu entgehen. Die Anforderungen der Madame Peche an mich, besonders das Muttersöhnchen betreffend, nahmen kein Ende, und ich befand mich damals nicht in so glänzenden finanziellen Verhältnissen, diese nach dem Wunsch der alten Dame befriedigen zu können. Eines Tages kam Madame Peche mit ihrem Herrn Sohn, der stark nach Branntwein roch, auf mein Zimmer und verlangten wieder fünfzig Taler unter allerlei Vorwand von mir, die ich diesmal verweigerte und verweigern mußte, wollte ich mich nicht fast ganz entblößen. Jetzt wurden Mutter und Sohn impertinent und endlich so grob, daß ich gezwungen war, beide zur Tür hinauszuwerfen, wobei ich dem letzteren noch ein paar Fuchtelhiebe mit auf den Weg gab. Nun war der schon lange drohende Bruch eingetreten und eine Trennung unvermeidlich. Therese kam zwar auf mein Zimmer, weinte und bat, ich blieb jedoch standhaft und unerbittlich, obgleich es mir leid tat, mich von dem lieblichen und talentvollen Mädchen zu trennen, das schlechterdings bei mir bleiben wollte. Vielleicht würde ich dies auch eingegangen sein, wenn ich nicht gefürchtet hätte, dann dennoch immer die Mama und das Söhnchen auf dem Hals zu haben. Anderseits muß ich gestehen, daß ich auch die nötige Kraft zu dieser Trennung in einem sich eben entspinnenden Verhältnis mit der sehr feingebildeten Tochter des Hauses, der hübschen Agnes F...ch, fand. Genug, ich brachte es dahin, daß Madame F...ch die Wohnung aufkündigte. Einige Tage darauf zogen Peches aus, und statt ihrer die sehr achtbare Künstlerfamilie Lortzing in ihre Wohnung. Therese sah ich jetzt nur noch bei den Theaterproben, wo ich indessen nicht aufhörte, ihr mit Rat und Tat bei ihrer künstlerischen Ausbildung beizustehen.

Etwa sechs Wochen, nachdem ich mich von Peches getrennt hatte, wurde Therese die Veranlassung zu einer sehr tragischen Begebenheit. Der Schauspieler Kunst hatte eine Abendgesellschaft gegeben, zu welcher er das ganze Personal der Ringelhardschen Gesellschaft und mehrere andere Personen, auch vom Militär, eingeladen hatte. Nach der Beendigung derselben kam es zu einem Wortwechsel zwischen dem Schauspieler Wolthers und einem Portepeefähnrich des in Deutz liegenden Dragonerregiments. Beide machten Anspruch, Therese nach Hause begleiten zu dürfen, behauptend, zuerst den Antrag gemacht zu haben. Der dieserhalb stattfindende Wortwechsel hatte eine förmliche Herausforderung zur Folge, und den anderen Morgen fand ein Pistolenduell statt, in welchem der Fähnrich den Schauspieler Wolthers erschoß. Dieser, ein hübscher junger Mann, war in der Blüte seines Alters, kaum zählte er sechsundzwanzig Jahre, und gehörte einer sehr guten schlesischen adligen Familie an. Sein wirklicher Name war Julius von Dobrowolsky. Auch der Fähnrich war aus einer der besten Familien Aachens und mußte flüchtig werden. Er schiffte sich nach Amerika ein. Diese unangenehme Geschichte machte Theresen, obgleich sie nur die sehr unschuldige Ursache derselben war, doch viele Feinde in Köln und namentlich unter dem weiblichen Theaterpersonal, wo der Neid sich schon zu regen begann.

Mein Verhältnis mit der schönen Agnes wurde unterdessen immer inniger, aber auch bald getrübt. Die Mutter, gegen deren Reize, trotz manchen indirekten Anlockungen, ich völlig gleichgültig geblieben war, ahnte bald etwas von unserem Einverständnis und bewachte das Mädchen gleich einem Zauberdrachen, so daß es mir ganz unmöglich war, sie auch nur einen Augenblick allein in dem Haus zu sprechen. Wir korrespondierten durch die Vermittlung einer von mir bestochenen Magd und gaben uns nun Rendezvous in dem nahen Dom, bis ich ein Haus ausfindig gemacht hatte, das in einem sehr entlegenen Teil der Stadt, zwischen öden Mauern und Krautfeldern lag, wo wir uns ungestört sprechen konnten.

Madame F...ch, die indessen des ewigen Aufpassens müde war und einmal gesehen, wie ich ihre Tochter, ihr auf der Treppe begegnend, geküßt hatte, kündigte mir nicht nur den Tisch, sondern auch die Wohnung auf, und drohte mir, als ich erklärte, nicht ausziehen zu wollen, mit dem Polizeikommissar. Da mir nun daran gelegen war, das Haus nicht zu verlassen, so stellte ich mich, mit Agnes einverstanden, als suche ich eine andere Wohnung, ließ aber die meinige, damit sie Madame F...ch nicht vermieten möge, durch den Theaterdiener Blum[5] angeblich für einen Schauspieler, der in vier Wochen ankomme, mieten. Als der zum Ausziehen bestimmte Termin bis auf wenige Tage herangekommen war, kam Blum mit einer verdrießlichen Miene zu Madame F...ch und kündigte derselben an, daß der erwartete Schauspieler krank geworden sei und schwerlich vor sechs Wochen eintreffen würde. Die Dame war sehr ärgerlich deshalb, und ich ging jetzt zu ihr und sagte: da ich vernommen, daß der neue Mieter vorerst noch nicht kommen werde, so bäte ich sie, mich noch so lange zu behalten, da ich ohnehin noch kein passendes Quartier für mich habe ausfindig machen können. Da Madame F...ch immer mit ihren Finanzen brouilliert war und mit ihrer Pension nicht auskam, so verstand sie sich auch gerne dazu, und ich bezahlte sogleich sechs Wochen antizipando. Ja noch mehr, da ich ihr fast zu allen Vorstellungen Logenbillette schickte, die mich nichts kosteten, so war sie wieder recht artig und bot mir von selbst wieder ihren Tisch an, den ich auch sogleich akzeptierte.

Damals gab ein gewisser Rousseau eine Zeitschrift unter dem Titel >Colonia-Agrippina< heraus, und da er ein großer Verteidiger und Verehrer der Jesuitenpartei war, durch die er eine Karriere und sein Glück zu machen hoffte, so wurde er durch diese sehr unterstützt und in Schutz genommen. Da er auch Theaterkritiken über die Kölner Bühne schrieb und sich in denselben arge Blößen gab, so nahm ich ihn in meinen Antikritiken öfters stark mit. Seine Schützlinge machten sich dieserhalb an Struensee und muteten diesem zu, meine Antikritiken streichen zu lassen. Dieser aber gab ihnen in seiner Einfalt zur Antwort: »Das lasse ich wohl bleiben, dann wäre Fröhlich imstande, gegen mich selbst zu schreiben. Lieber soll er den Rousseau heruntermachen.« Dieser ergriff endlich das Mittel, mir in Gesellschaft des Dichters Schier einen Besuch zu machen, um mich zu fragen, was er mir denn getan habe, daß ich ihn so vor dem Publikum hinstelle. »Mein Gott, ich habe gar nichts gegen Ihre Person; es sind nur allein Ihre mehr als lächerlichen Kritiken, die ich beleuchte. Sie können mir nicht eine Stelle aufweisen, in der ich persönlich geworden wäre.« Er fuhr noch fort, sich in einem sehr weinerlichen Ton gegen mich auszulassen, worauf ich, um ihn loszuwerden, endlich zu ihm sagte: »Mein Gott, wenden Sie sich an die Zensur, die kann ja streichen, was ihr beliebt.« »Das haben wir schon getan,« platzte er heraus, indem er mir die oben angeführten Worte Struensees rapportierte. Kaum konnte ich es verhüten, nicht in ein lautes Lachen auszubrechen.

[Fußnote 5: Robert Blum! -- Der Setzer.]

Struensee, der mich fürchtete und dem ich deshalb ein Dorn im Auge war, hatte mir Rache geschworen und suchte sie auf folgende Weise auszuüben. Damals war die Demagogenriecherei in Deutschland in vollem Gang. Er berichtete nun an das preußische Ministerium, daß ich mich in Köln befände und er mich stark im Verdacht habe, mit den Häuptern der Umwälzungspartei in geheimen Verbindungen zu stehen. In der Tat waren mir schon einige Male Anträge gemacht worden, mich an solche mysteriöse Gesellschaften anzuschließen, die ich aber jedesmal sehr bestimmt zurückgewiesen hatte, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil ich mich nicht zum Instrument mir unbekannter Personen hergeben und zur Maschine herabwürdigen lassen wollte.

Indessen wurde ich von dem sauberen Bericht, den der Polizeidirektor Struensee hinsichtlich meiner an das preußische Ministerium eingesandt hatte, bei Zeiten durch einen bei der Polizei zu Köln angestellten Beamten, der früher in französischen Militärdiensten gestanden, gehörig unterrichtet. Dieser brave Mann hatte mir auch versichert, daß er mich sogleich, wenn die Antwort von Berlin käme, von deren Inhalt, und zwar ehe ihn noch Struensee erfahre, da er die Depeschen zuerst durchgehe, in Kenntnis setzen wolle; ich könne also deshalb ganz ruhig sein. In der Tat berichtete er mir zehn bis zwölf Tage später, daß das Ministerium den Präsidenten beauftragt habe, sich einige schriftliche Beweise, die seinen Verdacht besser begründeten, zu verschaffen, und wenn er diese habe, meine Papiere in Beschlag zu nehmen, mich dann, wenn solche gegründete Veranlassung dazu gäben, verhaften und nach Umständen wohl eskortiert nach Berlin bringen zu lassen. Als ich dies erfahren, packte ich alle meine Schriften, obgleich unter ihnen auch keine Zeile war, die einen solchen Verdacht im mindesten hätte rechtfertigen können, zusammen, da ich nicht wußte, wie weit Struensee gehen würde, und ich nicht gerne haben mochte, daß eine hohe Polizei die Nase in meine Briefe und Papiere stecken sollte, wodurch sehr viel Personen, namentlich Damen, und unter ihnen auch manche schöne Kölnerin und Berlinerin, hätten kompromittiert werden können. Den ganzen großen Pack gab ich wohl verwahrt einstweilen Agnesen in sichere Verwahrung, die ihn ihrerseits wieder an eine Freundin gab, weil wir uns nicht sicher vor einer Haussuchung hielten und mein Verhältnis mit dem Mädchen dank der Mutter ziemlich bekannt geworden war.

Unterdessen hatte Ringelhard beschlossen, während der Fastenzeit mit seiner Gesellschaft nach Bonn zu gehen und, da mir die Redaktion der >Colonia< viel zu wenig abwarf, ich auch durch noch andere literarische Arbeiten in Köln (ich war Mitarbeiter des von Spitz herausgegebenen rheinischen Konversationslexikons) nicht hinreichenden Verdienst hatte, und mich die Struenseeschen Intrigen doch auch beunruhigten, so beschloß ich, Köln zu verlassen und vorerst nach Mainz zu gehen. Diesen Entschluß führte ich aus, bevor noch eine ministerielle Antwort auf einen zweiten Bericht Struensees von Berlin gekommen war.

Die Unternehmer des rheinischen Konversationslexikons, unter denen ein sehr vermögender Kaufmann war, baten mich vor meiner Abreise, das Werk so viel als möglich in deutschen Zeitungen günstig zu rezensieren und zu empfehlen, und versprachen mir für meine Mühe ein gutes Honorar. Ich verließ nun das alte Köln, in dem ich manche angenehme Erinnerung zurückließ, und fuhr ziemlich leichten Herzens nach Mainz, wo ich diesmal im >Pariser Hof< bei Arnold abstieg, der ein allerliebstes Töchterchen hatte. Bald darauf machte ich eine kleine Reise, um, wie ich es versprochen, in verschiedenen Zeitschriften für das rheinische Konversationslexikon günstige Artikel einrücken zu lassen, und hierdurch wurde ich in Mannheim mit dem Eigentümer der dortigen Zeitung, einem Herrn C..., der früher Kaufmann gewesen, aber als solcher verunglückt war, bekannt. Dieser bot mir die Redaktion eines belletristischen Blattes an, welches er, um seiner politischen Zeitung mehr Aufnahme zu verschaffen, herauszugeben willens war. Ich wurde bald einig mit ihm, blieb aber vorerst noch in Mainz wohnen, wo mich einige, erst kürzlich gemachte interessante Bekanntschaften von Damen fesselten, unter denen namentlich die Frau eines Hauptmanns, ein sehr lebhaftes, schönes, erst siebzehnjähriges Weibchen, das diesen Mann fast wider ihren Willen und nur auf Zureden ihrer Verwandten geheiratet hatte. Außerdem war mir Mainz von jeher ein gar lieber Aufenthalt gewesen, da seine freisinnigen und liebenswürdigen Bewohner ein heiteres, munteres und gastfreies Völkchen sind. An der Table d'hôte im >Pariser Hof<, an der ich speiste, und wohin selten einige Fremde kamen, war eine tägliche Tischgesellschaft, die, so seltsam sie auch zusammengesetzt, doch äußerst unterhaltend war. Sie bestand aus dem Präsidenten der Untersuchungskommission der demagogischen Umtriebe (der sogenannten schwarzen Kommission), Herrn von Keisenberg, einem sehr wissenschaftlich gebildeten, humanen und unterrichteten Mann, der in seiner äußerst schwierigen Stellung viel Gutes wirkte, manches Böse verhütete, und durchaus unparteiisch war; einem preußischen Auditor, gleichfalls einem vorzüglichen Kopf und trefflichem Charakter; Eikmeier, einem Sohn des bekannten Generals dieses Namens, eigentlich des letzten Kurfürsten von Mainz, dem er auch frappant ähnlich sah, einem sehr jovialen Gesellschafter und hellen vorurteilsfreien Kopf; einem Hofrat Krieger, altem Hagestolz, sehr reich und ebenso filzig; einem gewissen Amtmann, _mauvais sujet_; zwei österreichischen Offizieren, Oberst B... und Oberstleutnant P..., von dem damals in Mainz garnisonierenden Regiment Langenau, einem Paar höchst bornierter Köpfe und großer Ignoranten, dabei aber so furchtbaren Fressern, daß jeder Gastwirt erschrak, an dessen Table d'hôte sie sich einfanden.

Ich redigierte den Mannheimer >Phönix< fortwährend von Mainz aus und ließ ihm so reichliches und gewürztes Futter zukommen, daß der seltene Vogel bald in Frankfurt, Mainz, Darmstadt, Köln und am ganzen Rhein heimisch wurde, und, da er sehr oft sehr satirisch war, nicht wenig Aufsehen machte; manchmal aber auch ganz falsch verstanden wurde und ihm dann großes Unrecht geschah. Folgendes war eines der komischsten Mißverständnisse, das viel zu lachen gab. In Mannheim hatte der Stadtdirektor die Wegnahme der Laternenpfähle befohlen, da künftig die Laternen an quer über die Straße laufende Eisenketten gehängt werden sollten. Nun hatte ein Mannheimer Einwohner der Redaktion einen Aufsatz eingesandt, der überschrieben war: >Die verabschiedeten Laternenpfosten.< Dieser Aufsatz, behaupteten viele österreichische Offiziere, sei eine malitöse, auf sie gemünzte Satire, und blieben dabei, was ihnen auch die Preußen und andere vernünftige Leute dagegen sagen mochten. Sie beruhigten sich nicht eher, als bis sie von Mannheim aus erfahren hatten, daß man daselbst wirklich die Laternenpfosten weggenommen und durch Ketten ersetzt habe!

An unserem Tisch unterhielt ich mich hauptsächlich viel mit dem Präsidenten von Keisenberg, dem es Vergnügen machte, mich über Italien, Frankreich, Spanien und die Jonischen Inseln auszufragen. Dagegen erfuhr ich manches von ihm, das zu meinem Kram paßte, und ich zu Artikeln in Pariser Journalen benutzte, für die ich noch immer ununterbrochen arbeitete. Herr von Keisenberg las diese und äußerte mehrmals bei Tische, er möchte wohl den Einsender derselben kennen, wobei er einen forschenden Seitenblick auf mich warf. Da sie indessen nichts weniger als revolutionär geschrieben waren, sondern nur eine leidenschaftslose Beurteilung der damaligen deutschen Zustände enthielten, sogar die Umtriebe der im Finstern schleichenden Hetzer und die Einfalt der guten Studenten, die sich zu deren Werkzeugen hergaben, öfters gegeißelt wurden, so las sie auch Herr von Keisenberg mit Befriedigung, und daß er mich für den Verfasser hielt, ging aus mancher seiner Äußerungen hervor. Dies kam mir sehr zustatten, denn nach einem Aufenthalt von mehreren Monaten in Mainz hatte Struensee in Köln herausgebracht, wo ich mich befand, und daher nichts Eiligeres zu tun, als einen Bericht hinsichtlich meiner, in welchem er mich abermals als der demagogischen Umtriebe verdächtig bezeichnete, an die Mainzer Untersuchungskommission, nebst den Verfügungen des preußischen Ministeriums einzuschicken. Herr von Keisenberg, der Struensee schon kannte, hatte dessen Albernheit hinsichtlich meiner gehörig zurechtgewiesen und dem Ministerium die völlig unbegründete Anklage Struensees dargetan.

Zu meinem großen Leidwesen mußte ich indessen Mainz plötzlich verlassen, woran folgender Vorfall Ursache war. Im Theater besuchte ich gewöhnlich eine Loge, die dicht neben der war, welche die österreichischen Stabsoffiziere gemietet hatten und mit ihren Frauen einnahmen. Ein Major W... hatte eine noch sehr junge Frau geheiratet, die Tochter eines österreichischen Artilleriehauptmanns, mit der ich bisweilen ein paar Worte in der Loge wechselte, aber auch nicht die mindeste Absicht auf die Dame hatte, da sie durchaus nichts besaß, was mich hätte anziehen können, und unsere Unterhaltung beschränkte sich auf ganz gleichgültige Dinge; sie war auch, dank der geistigen Beschränktheit der Madame W..., sehr einsilbig. Dennoch sah es der Major ungern, wenn ich mit seiner Frau sprach, was meistens in seiner Abwesenheit geschah, da er öfters durch den Dienst abgehalten, viel später als dieselbe kam. Eines Abends, als dies wieder der Fall war, trat er gerade in die Loge, als mich seine Frau um Erklärung einer Szene fragte, die sie nicht begriffen hatte. W...s Gesicht schwoll hochrot an, und zornglühend sagte er so laut, daß es das ganze Publikum hörte, zu seiner Ehehälfte: »Du setzt dich gleich hier herüber!« (auf die andere Seite der Loge), worauf mehrere Stimmen von den Galerien ein »Bravo, Herr Major!« erschallen ließen und das ganze Publikum lachte. Als ich nun im Zwischenakt die Loge verließ, begegnete mir W... auf dem Korridor und sagte: »Herr Fröhlich, wenn Sie noch einmal in Ihrer Loge ausspeien, so schicke ich Ihnen sechs Korporale auf das Zimmer!« »Sie haben wohl ein Glas über den Durst getrunken?« antwortete ich ihm, »schlafen Sie Ihren Rausch aus, morgen sollen Sie mehr von mir hören!« Hierauf drehte ich dem Major den Rücken und ließ ihn ganz verblüfft stehen. Den anderen Morgen schickte ich ihm ein Schreiben, worin ich ihn um Erklärung der an mich gerichteten Worte bat; da ich aber keine Antwort erhielt, sandte ich ihm eine förmliche Herausforderung zu, und als auch diese ebenso erfolglos war, ließ ich in dem >Phönix< abdrucken, daß ich den gewaltigen Helden W... samt seinen sechs Korporalen in meiner Wohnung erwarte, und sie nach Verdienst zu empfangen bereit sei. Die Sache hatte bereits viel Aufsehen gemacht und war in der Stadt herum. Die preußischen Offiziere äußerten sich öffentlich, daß ein solches Benehmen eines Stabsoffiziers unter ihnen nie geduldet würde, und so weiter. Dagegen hatte sich ein österreichischer Artillerieleutnant namens Schneider geäußert: »W... solle nicht so viel Umstände machen und mich bei der nächsten besten österreichischen Wache, an der ich vorüberginge, festnehmen, in die Wachtstube schleppen und gehörig durchhauen lassen.« Alles dies gab nun zu Reibereien unter der Garnison Veranlassung, und eines Morgens wurde ich auf das Polizeiamt zitiert, wo man mir sehr artig und mit sichtbarer und schonender Teilnahme eröffnete, daß ich auf Befehl des hohen Festungsgouvernements die Stadt und Festung Mainz binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müsse. Ich wollte zwar dagegen Einwendungen machen, ging auch deshalb zu dem Herrn Regierungspräsidenten von Lichtenberg, der mich mit der äußersten Artigkeit aufnahm und mir sein Bedauern ausdrückte, in dieser Sache nichts für mich tun zu können, da das Festungsgouvernement das Recht habe, jeden Fremden aus der Stadt zu weisen, ohne irgendeine Rechenschaft deshalb geben zu müssen. Ebensowenig half es mir, daß ich mich an den Gouverneur, den preußischen General von Carlowitz, selbst wandte, der mir antwortete, er habe die Ausweisung mehr in meinem eigenen Interesse anordnen müssen, da bei meinem längeren Weilen dahier meine persönliche Sicherheit leicht gefährdet werden könne, denn die österreichischen Offiziere der Garnison seien zum Teil sehr rohe Subjekte, und so weiter. Genug, es blieb bei der Verbannung und ich mußte mich darein fügen, bat mir jedoch dreimal vierundzwanzig Stunden aus, um meine Sachen zu ordnen, die mir auch bewilligt wurden, und fuhr dann, von allen meinen Bekannten, die mir das Geleite gaben, in sechs Wagen begleitet, nach Mannheim, wo man mich schon längst erwartete.

Als ich mit meinen Freunden in Oppenheim ankam, wo man ein Mittagessen im >Wilden Mann< für uns bestellt hatte, fanden wir daselbst meinen jämmerlichen Gegner, den Major W..., der nebst seiner Frau, seinen Schwiegervater, der in eine andere Garnison versetzt worden war, bis hierher begleitet hatte. Als uns diese guten Leute ankommen und aussteigen sahen, ließen sie sich schnell ein Zimmer im oberen Stock des Hauses geben, und niemand von ihnen verließ mehr die Stube oder ließ sich nur am Fenster blicken, bis wir weg waren. Indessen hatte der Artikel im >Phönix< über meine Verbannung in Mainz großes Aufsehen erregt, und acht Tage nach meiner Ankunft wurde C... zum Stadtdirektor in Mannheim gerufen und diesem eröffnet, daß er Befehl erhalten habe, mich unter polizeiliche Aufsicht zu stellen, damit, im Fall es für nötig erachtet würde, man meiner sogleich habhaft werden könne. Den Grund dieses Befehls, der ihm von Karlsruhe zugekommen, wußte er nicht. C..., der von allem unterrichtet war, teilte ihm denselben mit, und der Stadtdirektor sagte zu ihm: »So raten Sie dem Herrn Fröhlich, in der Rheinschanze in einem Wirtshaus zu logieren; diese ist bayrisch, und dann geht mich die Sache nichts weiter an.« Ich befolgte diesen Rat; da ich indessen daselbst kein ordentliches und reinliches Zimmer erhalten konnte, so mietete ich mir ein solches in dem nahen Frankenthal, von wo ich alle Morgen nach Mannheim ging und den Tag über daselbst zubrachte. Indessen sollte ich bald darauf über alle Erwartung glänzend, wenigstens an dem Urheber meiner Verbannung, gerächt werden, dessen Position nach all dem Vorgefallenen in Mainz durchaus nicht mehr haltbar war; selbst die Gassenjungen spotteten seiner. General Menzdorf trug nun in Wien auf seine Versetzung an und begründete diesen Antrag gehörig. W... wurde eines Morgens mit der Order, daß er in eine kleine polnische Stadt versetzt sei, sehr unangenehm überrascht und mußte bald nach mir Mainz verlassen, schwur aber, daß er sich wegen dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit an den Kaiser selbst wenden würde. Indessen hatte er auf der Reise nach seiner neuen Garnison das Unglück, umgeworfen zu werden und sogar ein Bein zu brechen, und wenige Tage nach seiner Ankunft brach ein Feuer in dem von ihm bewohnten Häuschen aus, so daß er nur mit genauer Not dem Verbrennen entging und fast all sein bißchen Habe verlor. Es schien, als habe das Schicksal selbst es übernommen, mich recht eklatant zu rächen.

In Mannheim wurde indessen auf Verwendung des königlich preußischen Gesandten, Herrn von Otterstädt, der mit mehreren meiner Verwandten bekannt war, der Befehl der polizeilichen Aufsicht nach ein paar Wochen wieder aufgehoben und ich wohnte nun ungestört bei C... Hier setzte ich mein Leben fort, wie ich es in Mainz und allenthalben verlassen hatte. Bald hatte ich viele Bekannte und fast noch mehr gute Freundinnen unter den schönen Mannheimerinnen, denen zuliebe ich die Mainzerinnen bald vergaß. Die verwitwete Großherzogin Stephanie, Napoleons adoptierte und die wirkliche Tochter des Senators Beauharnais, einem Verwandten der Kaiserin Josephine, eine sehr schöne und liebenswürdige Frau, von der man behauptete, daß sie Napoleon noch etwas mehr als bloße Adoptivtochter gewesen sei, lebte in Mannheim sehr eingezogen in dem großen Schloß. Noch eine andere hübsche Frau, die man wegen ihrer geringen Geistesfähigkeiten nur die Schloßgans nannte, bewohnte dies Gebäude. Sie war die Gattin des Schloßverwalters und hatte fortwährend viele Liebesintrigen. Ihren Liebhabern, die sie in den Schloßgarten bestellt hatte, gab sie durch ein weißes Fähnchen, welches sie an ihrem Fenster heraushing, wenn der Mann nicht daheim war, das Zeichen, daß sie zu ihr kommen könnten. Auch Stephanie hatte ähnliche Intrigen zu Mannheim.