Part 41
Als ich ein paar Tage darauf in Bonn ankam, erblickte ich sogleich an den Straßenecken die Anschlagezettel von Tourniairs Menagerie. Ich eilte auf der Stelle dahin und fand Therese allein an der Kasse sitzend. Als sie mich erblickte, sprang sie, freudig in die Hände schlagend, auf und rief aus: »Ach, so haben Sie doch Wort gehalten, das ist schön von Ihnen.« Sie erzählte mir nun, daß ihre Mutter krank in Köln sei, wo sich auch ihre Schwester Toni und Tourniaire in diesem Augenblick befänden, indem sie alle drei mit dem Wagen umgeworfen worden seien, wobei ihre Mutter durch die auf sie fallende Geldkiste stark an dem Schienbein verletzt wurde, in Köln aber die kaum erbaute Menageriehütte zusammengebrochen wäre, weshalb Tourniaire, bis dort eine neue gezimmert, die Menagerie einstweilen nach Bonn geschickt. Er selbst sei den vorhergehenden Tag, ihr die Kasseneinnahme empfehlend, wieder nach Köln zurückgereist. Dabei klagte sie mir aufs neue bitter ihren Kummer. »Wohlan,« sagte ich, »wir müssen der Sache schnell ein Ende machen. Lassen Sie die Kasse Kasse sein und kommen Sie mit mir, eine Promenade machen. Wo wohnen Sie?« »Im Klotz.« »Gut, so werde ich mich auch daselbst installieren. Warten Sie noch einen Augenblick, in einer Viertelstunde bin ich wieder bei Ihnen.« Ich ging nun in den >Goldenen Klotz<, wo ich zwei Zimmer in Beschlag nahm, und kehrte dann zu Theresen zurück, mit der ich eine Promenade in den Schloßgarten von Bonn machte, wo ich das Mädchen überredete, noch heute Tourniaire und seine Menagerie zu verlassen, ich habe bereits ein anderes Zimmer für sie im Klotz neben dem meinigen genommen. Sie war es zufrieden, und als wir gegen Abend heimkehrten, ließ ich ihre Sachen auf das für sie bestimmte Zimmer bringen. Wir soupierten recht vergnügt und brachten ebenso die halbe Nacht wachend miteinander zu. Den anderen Morgen machten wir in aller Frühe eine Partie nach den Ruinen des alten, eine gute Stunde von Bonn entfernten Godesberg. Als wir in unseren Gasthof zurückkamen, erfuhren wir, daß Tourniaire schon diesen Morgen von Köln gekommen sei, sogleich nach seiner Nichte, er gab sich überall für den Oheim der Mädchen aus, gefragt und in gewaltigen Zorn und große Wut geraten sei, als er gehört, daß sie schon in aller Frühe mit einem Fremden ausgefahren sei, und dann auch erfahren, daß sie den Abend vorher mit mir spazieren gegangen und die Nacht in einem anderen Zimmer als dem ihrigen zugebracht habe. In diesem Augenblick klopfte es an die Türe und auf mein: »Wer ist's?« erfolgte ein barsches und rauhes: »_C'est moi._« »_Mais qui êtes-vous?_« »_Tourniaire._« »_Ah Monsieur Tourniaire, un moment._« Ich steckte meine Terzerolen auf jeden Fall zu mir, öffnete die Türe, die ich auch verriegelt hatte, durch welche Tourniaire rasch mit zweien seiner Bestienwärter eintrat. Auf meine Frage: »_Que désirez-vous, Monsieur?_« erwiderte er: »_Je veux ma nièce._« »Ihre Nichte? Die kenne ich nicht. Wer ist diese?« »Mademoiselle Peche.« »Pardon, diese ist nicht Ihre Nichte.« »_Comment?_« »Ich bin von allem auf das genaueste unterrichtet und weiß, wie Sie den Peches mitgespielt haben. Mademoiselle Therese hat sich jetzt unter meinen Schutz begeben, und ich werde sie zu schützen wissen. Wenn Sie sonst nichts bei mir suchen, so können Sie wieder gehen.« »Nicht ohne das Mädchen!« »Doch, mein Herr.« »Wo ist sie?« »Darüber habe ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben.« Tourniaire sah sich nun allenthalben um und wollte endlich auf die Seitentüre zugehen. »Zurück!« donnerte ich ihm entgegen, stellte mich vor die Türe und sagte: »Noch einen Schritt weiter, so knalle ich Ihnen eine Kugel vor den Kopf!« Hier zeigte ich ihm ein Terzerol. Er prallte jetzt zurück samt seinen beiden Gehilfen, die sich übrigens sehr passiv verhalten hatten, rief aber im Abgehen: »Wohlan, ich werde die Polizei zu Hilfe nehmen.« »Sehr wohl,« schrie ich ihm nach, »Sie sind ihr ohnehin schon verfallen.« Schimpfend und tobend ging er die Treppe hinab. Ich verriegelte wieder meine Türe, eilte zu Theresen, die ich halb ohnmächtig auf dem Bette liegend fand, und suchte sie möglichst zu beruhigen. Hierauf klingelte ich einem Aufwärter und fragte diesen, was mit Tourniaire geworden. Er berichtete mir, daß derselbe auf sein Zimmer gegangen sei und dort gewaltig mit seinen Leuten gewelscht und geflucht habe. Jetzt sei er wieder ruhiger und wolle das Weitere auf den kommenden Tag verschieben. Ich begehrte nun meine Rechnung, ließ Theresens und meine Effekten packen, und bat den Kellner, dem ich zwei Taler Trinkgeld versprach, mir sogleich eine Extrapost zu bestellen, diese aber, um Aufsehen und Skandal zu vermeiden, ein paar hundert Schritte vom Gasthof entfernt zu halten, und so auch die Effekten fortbringen zu lassen. Dies alles war um so leichter zu bewerkstelligen, da die Nacht bereits angebrochen war. Als ich Nachricht hatte, daß der Wagen vorgefahren, eilte ich, die zitternde Therese im Arm, die Treppe hinab, gab dem Kellner das versprochene Trinkgeld und mehr, und fuhr nach Köln ab, wo wir noch vor Mitternacht eintrafen und ich mit meiner schönen Beute bei Merzenich im >Wiener Hof<, den ich schon von früher kannte, abstieg. Den anderen Morgen brachte ich Therese zu ihrer Mutter, die mit ihrer Tochter bei Lamberts auf dem Domplatz wohnte. Wir teilten der Mama, die sehr erfreut war, mich wiederzusehen, alles mit, was vorgefallen, bis auf einige Nebenumstände, die man besser verschweigt, und ich sagte ihr, daß sie sich nun völlig als von Tourniaire befreit ansehen könne und ich für ihre fernere Existenz Sorge tragen wolle. Es wurde mir großer Dank und die jüngere Schwester, Toni, sagte: »Nicht wahr, Mama, nun dürfen wir auch nicht mehr das Fleisch mit den wilden Tieren teilen, die oft die besten Stücke bekamen.«
Ich erkundigte mich nun nach einem tüchtigen Sachwalter. Als ein solcher wurde mir der Advokat B... empfohlen, den ich von allem gehörig in Kenntnis setzte, und der mir nicht nur versprach, sich dieser Angelegenheit mit aller Tätigkeit anzunehmen, sondern meinte, daß Tourniaire auch noch der Familie eine Entschädigung schuldig sei und nicht so ungerupft davonkommen dürfe. Er wolle die Klage gegen Tourniaire damit beginnen, sogleich Arrest auf die ganze Menagerie, Pferde und Wagen und so weiter desselben legen zu lassen, welches das beste Mittel sei, ihn zu einem wenigstens leidlichen Vergleich und zur Losgebung der Peches zu bringen. Tourniaire sperrte sich anfänglich zwar ganz gewaltig und meinte, er würde sich auf nichts einlassen, und sollte es ihm seine Löwen, Panther, Tiger, Bären, Affen und Pferde kosten. Ein paar Tage darauf spannte er jedoch gelindere Saiten auf, denn die Wache bei der Menagerie und den Pferden genierte ihn gewaltig. Es kam endlich zu einem Vergleich; er gab Mutter und Töchter frei, und bezahlte die geringe Summe von hundert Talern als Entschädigung. Als er dieses Geld an mich auszahlte, sagte er: »Die ganze Rache, die ich an Ihnen nehme, ist, daß ich Ihnen die Mutter Peche überlasse. Die wird hinlänglich dafür sorgen, daß Sie für das, was Sie an mir getan, bestraft werden.« »Dies sei meine Sorge, Herr Tourniaire,« erwiderte ich, strich das Geld ein und brachte es der Madame Peche, die die Summe sehr klein fand, sich aber damit beruhigte, daß ich ihr meine noch ziemlich gefüllte Kasse zur Disposition stellte. Nun hatte ich die ganze Familie auf dem Hals und mußte darauf denken, was mit ihr anzufangen sei. Therese besaß eine sehr angenehme und reine, aber etwas schwache Stimme, sang indessen mit Gefühl und hatte viel Ausdruck im Vortrag. Auch erkannte ich bald, daß das Mädchen eine nicht unbedeutende Anlage zur Schauspielkunst habe. Ihre Schwester Toni hingegen hatte fast für nichts anderes Sinn als für Essen und Trinken; sie schlug in diesem Stück ganz der Mutter nach. Damals hielt sich in Köln ein junger Breidenstein auf, ein Neffe meines ehemaligen Lehrers, den ich schon früher in Homburg kennen gelernt, welcher die Musik zu seinem Brotstudium gemacht und schon mehrere gediegene Kompositionen geliefert hatte. Diesen bat ich, öfters mit mir zu Peches zu gehen, wo er uns am Klavier akkompagnierte, und wir des Abends in dem sehr düster beleuchteten Saal Lamberts kleine Proben von einzelnen Opernszenen hielten, nach denen wir dann noch nach dem Klavier tanzten, auch die Polonäse aus Spohrs Faust mit Gesang und Aktion aufführten. Diese Abendunterhaltungen, zu denen noch ein paar Mädchen und Freunde Breidensteins kamen, hatten einen ganz besonderen Reiz, welchen das _Chiaroscuro_ des düsteren Saales noch vermehrte, und auf Theresens Phantasie und ganzes Wesen eine eigene Wirkung hervorbrachte, so daß sie die Susanna, Zerline und Kunigunde mit einer mich entzückenden Vollendung und Hingabe spielte und sang. Daß das reizende Geschöpf ein eminentes Talent für die Bühne habe, davon war ich jetzt überzeugt, sowie Breidenstein und andere, welche sie bei diesen Abendunterhaltungen gesehen hatten. Ebenso waren wir darüber einig, daß ihre so liebliche Stimme wohl schwerlich je die nötige Kraft erlangen würde, um in der Oper großes Glück zu machen, daß sie hingegen im Schauspiel glänzen müsse. Breidenstein schlug mir vor, an Ringelhard, den er kenne, und der damals mit seiner Gesellschaft im Sommer in Aachen und im Winter in Köln spielte, schreiben zu wollen, was ich aber ablehnte, und vorzog, Peches mit nach Mainz zu nehmen, in der Hoffnung, die Mädchen bei der Frankfurter, Darmstädter oder Mainzer Bühne, also möglichst in meiner Nähe, placieren zu können. Auch stand ich, wegen der Geschichte mit der Catalani in Bremen, nicht zum besten mit Ringelhard. Da ich ohnedies Briefe über Briefe von Frankfurt erhielt, die meine schleunigste Zurückkunft wegen der Redaktion des belletristischen Blattes heischten, so traf ich sofort Anstalten zur Abreise und fuhr über Koblenz nach Mainz. Unterdessen hatte ich schon in Köln, noch mehr aber auf der Reise Ursache genug gehabt, an Tourniaires Worte zu denken. Madame Peche benahm sich selbst an den Table d'hôtes fast wie ein Dragoner, oder doch wie eine Marketenderin, und ließ die stärksten Weine, gleich einem Cramerschen Ritter, wie Wasser die Gurgel hinabgleiten. Dabei hatte sie einen so guten Appetit, daß sie ganze Schüsseln, besonders beim Dessert, auf ihren Teller leerte, und wenn ich mit Theresen, wie in Koblenz, Ems, Schwalbach und so weiter, romantische Spaziergänge machte, sie zog es vor, daheim zu bleiben, und entschädigte sie sich mit Toni einstweilen bei einer guten Flasche Bordeaux und allerlei Zuspeisen. Dabei blieb es indessen nicht; während unserer Abwesenheit ließ die Mama Schuhmacher, Modistinnen, Juden und so weiter durch die Kellner rufen, denen sie allerlei Gegenstände abkaufte. Hierauf ersuchte sie den Wirt, das Geld bis zu meiner Rückkunft auszulegen, und ich fand schon in Koblenz auf meiner Rechnung nahe an fünfzig Taler als bar ausgelegt.
XIII.
Die Schlangenmädchen zuerst bei der Mainzer, dann bei der Kölner Bühne engagiert. -- Der Bruder von ungefähr. -- Aufenthalt in Aachen. -- Ich spiele den Don Juan in der Wirklichkeit statt auf der Bühne. -- Ringelhards Gesellschaft. -- Aufenthalt in Köln. -- Polizeidirektor Struensee. -- Trennung von Peches. -- Der Schauspieler Wolthers wird im Duell erschossen. -- Agnes F...ch. -- Noch ein Rousseau. -- Ich werde demagogischer Umtriebe verdächtig gemacht. -- Ich gehe nach Mainz. -- Aufenthalt daselbst. -- Ich redigiere eine Mannheimer Zeitschrift. -- Die schwarze Kommission. -- Ich werde aus Mainz verbannt und gehe nach Mannheim. -- Eine Reise nach Stuttgart. -- Die schöne Unbekannte auf der Insel. -- Eine Saison in Baden-Baden. -- Ich nehme meinen Aufenthalt in Stuttgart. -- Buchhändler Frankh. -- Das Theater. -- Eine sehr geheime Intrige. -- Die Stadtpost und ihr Redakteur. -- Ich gebe mein erstes historisches Werk heraus. -- Ich werde Spießbürger in Frankfurt am Main.
Den Tag nach unserer Ankunft in Kassel fuhr ich allein nach Frankfurt und versuchte es, durch den Kapellmeister Guhr meinen Schützlingen bei dem dortigen Theater ein Engagement zu verschaffen. Dies war indessen unmöglich, da die hohe Oberdirektion samt der untertänigsten Unterdirektion viel zu feindselig gegen mich gesinnt waren. Einen ähnlichen Versuch machte ich in Darmstadt, wo sich Grüner zwar sehr willfährig zeigte, aber Bedingungen vorschlug, in die nicht wohl einzugehen war. Ich kehrte schon den dritten Tag nach Mainz zurück, wo mich Peches ängstlich erwarteten. Bald darauf waren beide Mädchen bei der hiesigen Bühne, welche Cramer und Diehl dirigierten, engagiert, sollten aber erst ihr Engagement antreten, sobald die Gesellschaft von Wiesbaden zurückkehrte, wo sie während der Sommermonate spielte. Ich drang auf sofortige Ausfertigung der Kontrakte, womit mich jedoch Diehl, ich weiß nicht aus welchem Grunde, hinhielt. Ungefähr sechs Wochen mochten wir schon in Mainz sein, als eines Morgens der Direktor Ringelhard mit dem Schauspieler Freund, der mit mir bekannt und damals in Mainz engagiert war, in mein Zimmer trat. Ringelhard begrüßte mich freundlich, und nachdem wir von einigen gleichgültigen Dingen gesprochen, brachte er das Gespräch auf die Peches, indem er sagte, er habe gehört, daß die ein paar schöne und talentvolle Mädchen seien, die er wohl einmal sehen möchte. »Wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht, so kann ich Ihnen dienen,« erwiderte ich, holte beide und stellte sie ihm vor. Er fand sie allerliebst, ich sang ein Duett mit Theresen, und er empfahl sich, ganz entzückt von meiner Schülerin. Eine halbe Stunde darauf kam er allein wieder und sagte eintretend: »Verzeihen Sie, wenn ich Sie abermals störe, aber sagen Sie mir, ob es nicht möglich ist, daß ich die Mädchen für meine Bühne engagiere.« »Es ist zu spät, denn sie sind schon bei dem hiesigen Theater engagiert.« »Ist der Kontrakt unterzeichnet?« »Das nicht; Herr Diehl zögerte mit der Ausfertigung bis jetzt, ich weiß nicht warum, aber mündlich ist alles abgemacht.« »Oh, so lange noch kein Kontrakt unterschrieben ist, hat das nichts zu sagen. Was hat Diehl Gage versprochen?« »Siebzig Gulden für Therese und dreißig für Toni monatlich.« »Wohlan, ich gebe das Doppelte.« »Das geht nicht, Herr Direktor, Therese wird mich nicht verlassen wollen, und ich habe auch keine Lust, mich von ihr zu trennen.« »So kommen Sie mit, seien Sie Dramaturg meines Theaters.« »Ich kann nicht, ich bin Redakteur einer Zeitschrift in Frankfurt.« »Sie können eine andere in Köln redigieren; die >Colonia< sucht schon längst einen tüchtigen Mann; ich werde die Sache vermitteln. Wissen Sie was, schenken Sie mir das Vergnügen, heute Abend bei mir in den >Drei Reichskronen<, wo ich logiere, zu soupieren, und bringen Sie Peches mit; da wollen wir die Sache weiter besprechen.« Ich schlug die Einladung aus, bat aber Ringelhard, wenn es ihm Vergnügen mache, am Abend bei uns zu soupieren, obgleich ich ihm keine Hoffnung machen könne, daß sein Wunsch erfüllt werde. Als er weg war, erzählte ich Peches, was er mir mitgeteilt, und als die Mama von der doppelten Gage hörte, war sie entzückt und gleich für die Sache, indem sie sagte: »Warum haben die Mainzer Herren die Kontrakte nicht gemacht.«
Der Abend kam heran, Ringelhard mit ihm; wir soupierten, und als wir alle in der heitersten Laune waren und auch wohl ein Gläschen über den Durst getrunken hatten, nahm er plötzlich zwei Kontrakte aus der Tasche, mit den Worten: »Soweit ist alles fertig, ich muß Sie alle bei meiner Bühne haben, unterschreiben Sie!« Madame Peche und die Mädchen sahen mich staunend und fragend an, Ringelhard versprach Himmel und Hölle, tauchte eine Feder in Tinte, reichte sie der Mama hin, indem er zu ihr sagte: »Frisch unterschrieben, es soll Sie nicht gereuen!« Madame Peche unterschrieb und Ringelhard warf hundert Taler in Gold auf den Tisch, indem er sagte: »Hier ist das Reisegeld!«, das Madame Peche auch sogleich einsteckte. Am anderen Tag begab ich mich zu Cramer und Diehl, denen ich reinen Wein einschenkte, indem ich damit schloß: »Dies, meine Herren, haben Sie sich selbst zuzuschreiben.« Beide wurden nun aufgebracht und meinten, die Mädchen seien dennoch bei ihnen engagiert, mündlich oder schriftlich, das sei gleichviel, und sie würden schon Mittel finden, sie an der Abreise zu hindern. »Wenn Sie glauben, dies imstande zu sein, woran ich aber sehr zweifle, so versuchen Sie es,« sagte ich, mich entfernend. Wirklich wurde der Madame Peche, als ich den anderen Morgen in deren Namen auf die Polizei schickte, um ihren daselbst hinterlegten Paß zu verlangen, derselbe verweigert, und zwar auf Antrag der Theaterdirektion. Ich ging nun selbst auf die Polizei, wo ich, dem Polizeikommissar Mela die Sache gehörig auseinandersetzend, abermals den Paß verlangte. Da er mir denselben nicht geben wollte, so verließ ich ihn mit den Worten: »Wohlan, wenn wir den Paß, gehörig visiert, bis heute Abend nicht erhalten, so reise ich mit Peches morgen früh ohne Paß ab, und werde dann dafür Sorge tragen, daß diese Geschichte in öffentlichen Blättern zur Kenntnis des Publikums kommt.« Damit empfahl ich mich, und um vier Uhr nachmittags war der wohlvisierte Paß in unseren Händen. Den anderen Morgen befanden wir uns in einer offenen Kalesche, mit vier Postpferden bespannt, auf dem Wege nach Aachen.
Auf der zweiten Station dahin kam plötzlich ein Mensch, der völlig das Ansehen eines zerlumpten Vagabunden, aufgerissene Stiefel, ein Bündelchen auf dem Rücken, eine schäbige Mütze und offene Ellenbogen hatte, an den Wagen gerannt und schrie: »Mama! Mama!« Ich glaubte, der Kerl sei ein Narr, aber Madame Peche rief aus: »_Ah mon Dieu, mon fils!_« und Toni: »Der Bruder!« und Therese erschrocken: »Aber wie kommt der hierher?« Ich war wie aus den Wolken gefallen, diesen Herrn Sohn und Bruder zu erblicken, der ebenfalls wie aus den Wolken herabgeschneit schien. Aber was war da zu machen? Wir mußten stillhalten und der achtundzwanzigjährige Knabe setzte sich neben den Postillon auf den Bock und erzählte, daß er schon über vier Wochen am ganzen Rhein die Kreuz und die Quere umherirre, seine teuren Verwandten aufzusuchen, aber bis jetzt, wo ihm der Zufall dieselben auf der Landstraße begegnen lasse, sei seine Mühe vergeblich gewesen. Wir fuhren nun mit dieser höchst unwillkommenen Zugabe, der ich von meiner Garderobe mehreres mitteilte, um sie wenigstens etwas reputierlicher aussehen zu machen, weiter, in Koblenz und Köln übernachtend, nach Aachen, wo wir wohlbehalten eintrafen und Ringelhard schon für Wohnungen für uns gesorgt hatte. Auch ihm schien die brüderliche Zugabe, die außerdem so hölzern war, daß sie kaum zu einem Statisten zu gebrauchen, höchst unerwünscht. Der Mensch war ein echter böhmischer Stocksoldat, steif wie ein ausgestopfter Strohmann, und dem Kalbfell entlaufen, die Mama aufzusuchen. Indessen war er nun einmal da, und wollte doch auch leben, das heißt essen und trinken.
In Aachen war es noch sehr lebhaft durch die zahlreichen Badegäste, und wir machten häufige Spaziergänge nach Burtscheid und anderen Umgebungen. Ringelhard hatte Theresen mit mir das Duettino: >Reich' mir die Hand, mein Leben,< singen hören und ihr die Partie der Zerline zum Einstudieren geschickt. Da aber für den Augenblick kein Sänger bei seiner Gesellschaft war, der den Don Juan geben konnte, so fragte er mich, ob ich nicht aus Gefälligkeit für ihn und Therese diese Partie übernehmen wolle, und da mich auch Therese auf das inständigste bat, so willigte ich ein. Schon war der Tag der Aufführung bestimmt, und es sollte eine der letzten Vorstellungen auf der Aachener Bühne sein, da trat eines Morgens der Schauspieler Wolthers in mein Zimmer und sagte nach den gewöhnlichen Begrüßungen: »Wenn Sie es nicht übelnehmen, so will ich Ihnen einen guten Rat erteilen. Treten Sie in Aachen nicht auf die Bühne.« »Und warum?« »Weil Sie, wenn Sie auch wie ein Gott spielten, dennoch ausgezischt würden. Es hat sich eine furchtbare Kabale unter den hiesigen Einwohnern gegen Sie gebildet. Man weiß, daß Sie einen ominösen Artikel in eine Frankfurter Zeitung gegen die Aachener eingeschickt haben, und das will man Ihnen wettmachen.« »Gut, wenn dem so ist, so werden die Aachener den Don Juan nicht auf der Bühne sehen und die Sache ist abgemacht.« Ich ging nun zu Ringelhard, teilte ihm mit, was mir Wolthers gesagt, und er war jetzt auch meiner Meinung, um so mehr, da auch er schon etwas von diesen Intrigen vernommen hatte. Dagegen machte ich, solange wir noch in Aachen verweilten, einigen hübschen Aachener Damen recht emsig und nicht ohne glücklichen Erfolg den Hof, und bewies deren Männern, daß man besser daran getan hätte, mich den Don Juan auf der Bühne als außerhalb derselben spielen zu lassen. Bald darauf wurde das Theater zu Aachen geschlossen, und wir reisten samt und sonders nach Köln ab, eine recht lustige, wenn auch ein wenig zigeunerartige Fahrt, jedoch in sehr bequemen Kutschen. Ich hatte indessen einen besonderen Wagen für Peches und mich bestellt, und der Herr Bruder mußte wieder seinen Platz auf dem Bock einnehmen.
In Köln bezog ich wieder eine Wohnung mit Peches, bei einer Madame F...ch, der Witwe eines verstorbenen Beamten, die zwei recht artige Töchter, Agnes und Mimi geheißen, besaß. Ich hatte indessen mein eigenes Schlaf- und Arbeitszimmer, auf welchem ich Theresen fortwährend Unterricht erteilte und Rollen einstudierte. Zum erstenmal trat sie in Köln in der Rolle des Benjamin in Mehüls >Joseph in Egypten< auf, die ich ihr einstudiert hatte, und in der sie durch ihr kindlich-gemütvolles Spiel wie durch ihre liebliche Stimme außerordentlich gefiel. Doch mußte sie sich von der Oper bald ganz zurückziehen und allein nur dem Schauspiel widmen, da es ihr an hinlänglicher Kraft im Gesang gebrach, besonders, um in Ensemblestücken durchgreifen zu können. Ich hatte unterdessen wirklich die Redaktion einer Kölner Zeitschrift übernommen, welche den Titel >Der Verkündiger< führte. Da ich mich aber mit dem Eigentümer derselben nicht gehörig verständigen konnte, so trat ich bald darauf wieder von derselben ab, um eine andere, und zwar bedeutendere, die >Colonia<, zu redigieren. Auch hier hatte ich manchen Strauß mit der Zensur zu bestehen, die unter dem Einfluß eines gewissen Struensee, der damals Polizeidirektor in Köln war, stand. Dieser Mensch war eine höchst auffallende polizeiliche Karikatur und von sehr beschränktem Verstand. Die Kölner, die sich fortwährend über ihn lustig machten, hatten ihm den Spottnamen >Spornsee< gegeben, weil er stets fingerlange Kürassiersporen trug, ohne je ein Pferd zu besteigen. Dadurch, daß ich auch hier der Zensur zu verstehen gab, wenn sie ihren Rotstift nicht in gehörigen Schranken halte, ich die gestrichenen Artikel in auswärtigen Blättern und namentlich auch in Parisern wiederbringen würde, ließ man mir vieles durchgehen. Aber Struensee hatte mir deshalb heimliche Rache geschworen und suchte, diese, wie wir bald sehen werden, auf eine sehr nichtswürdige Weise zu befriedigen.