Part 40
Da ich damals das Frankfurter Theater seltener besuchte und die Abende lieber im Freien, nach Bergen, Wilhelmsbad, Berkersheim, Seligenstadt und so weiter reitend, zubrachte, als mich in dem immer mit einer verpesteten Luft geschwängerten Haus drei Stunden aufzuhalten, so hatte ich mit dem das Orchester dirigierenden Kapellmeister abgemacht, daß er mir hauptsächlich die Opernkritiken für meine Zeitschrift liefern möge. Da diese nun mit außerordentlicher Sachkenntnis geschrieben waren und bis in die kleinsten Details der Exekution gingen, auch nicht ganz unparteiisch waren und man mich oft nicht im Theater sah, so hatte das Theaterpersonal bald Verdacht hinsichtlich des wahren Verfassers, und fand es abscheulich, daß ein Mitglied des Institutes dasselbe so kritisiere. Eines Morgens, nachdem sich wieder ein ausführlicher Artikel über die letzten Operndarstellungen in der Zeitschrift befunden hatte, vereinigte sich ein Teil der Sänger und Schauspieler während der Probe, um nach Beendigung derselben sogleich zu mir nach Offenbach zu fahren, um über den Namen des Verfassers dieser Kritiken von mir Gewißheit zu erlangen, und versicherten, ehe sie abfuhren, ihren Kameraden auf ihr Wort, sie würden nicht zurückkommen, ohne den Namen schwarz auf weiß mitzubringen. -- Es war kurz vor Essenszeit, als es an meinem Zimmer im Isenburger Hof klopfte, und auf mein »Herein!« trat der Schauspieler Henkel ein. Kaum hatte ich diesen gefragt, was mir das Vergnügen seines Besuches zuziehe, so trat auch der Sänger Dobler, nach diesem der Tenorist Kastner, und so weiter, in allem sieben Mann, in das Zimmer, deren Sprecher mir nun rund heraus erklärte: sie seien gekommen, um von mir den Namen des Verfassers der Opernrezensionen zu erfahren, und als ich ihnen darauf erwiderte, ich könne hierauf keine andere Antwort geben, als daß ich die ganze Verantwortlichkeit derselben auf mich nehme, sagte Herr Henkel: »Damit können wir uns nicht begnügen. Wir müssen durchaus wissen, wer sie schreibt, und werden nicht eher Offenbach verlassen, als bis wir dies schriftlich von Ihnen haben, denn wir gaben unseren Kameraden in Frankfurt das Wort, es schwarz auf weiß mitzubringen.« »Das bedauere ich sehr, meine Herren, denn ich gebe Ihnen mein feierliches Ehrenwort, daß Sie ohne dieses Offenbach verlassen oder meinetwegen ewig hier bleiben werden.« »Das wollten wir doch sehen,« meinten die Herren, »da gibt es noch Mittel,« und so weiter, und nahmen nun eine drohende Haltung und Miene an. Ich aber griff nach meinem neben mir hängenden Jagdgewehr und sagte mit starker Stimme: »Dies ist also auf einen meuchlerischen Überfall abgesehen, wo Notwehr zur Pflicht wird. Wer von Ihnen noch einen Schritt weiter tut, dem jage ich die Posten ins Gehirn!« (Notabene, das Gewehr war nicht geladen), und meine beiden Hunde schlugen an. Die Herren sahen sich jetzt bestürzt an, in demselben Augenblick ging meine Stubentüre auf und mein Reitknecht und der Wirt, Herr Ziegler, traten ein und fragten, was es da gebe. »Nichts,« erwiderte ich lachend, »die Herren sind Schauspieler und haben hier nur so eine Art Probe halten wollen.« Alle standen nun ganz beschämt, wie ausgezischte Schauspieler, da. Ich aber sagte zu Herrn Ziegler: »Belegen Sie noch sieben Kuverte an der Tafel, die Herren sind sämtlich meine Gäste. Nicht wahr, meine Herren, Sie nehmen doch die Einladung an? Damit Sie sich nicht ganz umsonst nach Offenbach bemüht haben, erzeigen Sie mir die Ehre?« Sie murmelten nun ein allerlei unverständliches Durcheinander, von zuviel Ehre, nicht annehmen können und so weiter, dem ich ein Ende machte, indem ich sagte: »Zu Tisch, meine Herren, man hat bereits serviert, nicht wahr, Herr Ziegler?« »Freilich, die Suppe steht schon auf dem Tisch.« »Wohlan, so lassen Sie uns gehen.« Ich öffnete nun die Türe und bat sie, mich in den Speisesaal zu begleiten, wo wir noch einige Fremde fanden. Anfänglich war die Unterhaltung, so sehr ich sie auch zu animieren suchte, ziemlich einsilbig. Nachdem jedoch einige Flaschen geleert waren und auch noch Champagner geperlt hatte, wurden die Herren gesprächiger und endlich sehr munter. Nach Tisch bequemten sie sich bald zur Heimfahrt, baten mich aber dabei dringend und mit Armensündergesichtern, ich möchte doch ja nichts von diesem Vorfall in meiner Zeitschrift erwähnen, was ich ihnen auch versprach. Als sie nach Frankfurt zurückkamen und von allen Kameraden gefragt wurden: »Nun, habt Ihr's, wer ist's? Heraus damit!« standen sie wieder wie ausgezischte Komödianten da, und mußten noch oft bei den Proben hören: »Nun, wann fahren wir wieder nach Offenbach, den Namen des Opernrezensenten zu holen?«
Ungefähr um dieselbe Zeit gastierte die Sängerin Canzi in Frankfurt, die bei einer silberreinen, glockenhellen Sopranstimme eine außerordentliche Kehlenfertigkeit hatte, und mit ihrem Ziehvater, einem pensionierten österreichischen Major und dessen Frau Kunstreisen machte, wo sie überall außerordentlich gefiel. Der Major, welcher frühzeitig das Talent des jungen Mädchens wahrgenommen, hatte ihr ein paar Jahre Gesangunterricht erteilen lassen und sich dann mit ihr auf Reisen gemacht, um zu ernten, was er gesät. Die Ernte fiel auch so reichlich aus, daß sich der gute Mann nach einem Jahrzehnt vollkommen mit dem Erworbenen in den Ruhestand setzen konnte, und dann sein Pflegekind, das bei dem Stuttgarter Hoftheater eine gute Anstellung erhielt, seinem weiteren Schicksal überließ. Damals war gerade ein großer Teil des Hessen-Darmstädtischen Städtchens Bentheim abgebrannt. Ich veranstaltete eine musikalische Abendunterhaltung zum Vorteil der armen Abgebrannten im Offenbacher Theater, welches der Wirt Schlosser, der es in Pacht hatte, gratis dazu hergab, und bat Demoiselle Canzi, dabei mitwirken zu wollen, was sie mir auch sogleich mit der größten Bereitwilligkeit zusagte. Sodann hatte ich mehrere Dilettanten vermocht, ein zweiaktiges Vaudeville, >Der moderne Don Juan< betitelt, das ich geschrieben, zu diesem Zweck einzustudieren. Das Ganze hatte den besten Erfolg und brachte eine sehr ergiebige Einnahme. Viele Frankfurter waren zu der Vorstellung gekommen, von denen mehrere in der Absicht, um sich zu rächen, dieselbe störend unterbrechen wollten. Als nun das Vaudeville begann, in dem ich die Titelrolle übernommen hatte, fingen sie im Parterre an, zu stampfen, zu treten und Lärm zu machen. Mehrere Offenbacher aber verstanden den Spaß übel und warfen die ungeschliffenen Herren zur Türe hinaus, worauf die Vorstellung ihren ungestörten Fortgang hatte und mit großem Beifall endigte. Ein fröhliches Bankett im Isenburger Hof machte den Beschluß.
Schon seit längerer Zeit war mir Metternichs kurzsichtige Politik und sein ganzes widersinniges System, das nimmermehr ein gutes Ende nehmen konnte, in hohem Grad zuwider. Weit entfernt, ein unsinniger Demagoge zu sein, mochte ich ebensowenig ein solches Stockregiment, wie das österreichische war, leiden, während man in Preußen längst in hohem Grad liberal und human war. -- Die Bedingung, unter welcher mir die Konzession zu meiner Zeitschrift gegeben worden, war, daß ich mich durchaus aller Politik enthalten müsse. Ich durfte also nichts, was einen politischen Anstrich haben konnte, in derselben aufnehmen. Dagegen gab ich öfters lithographierte Beilagen, meistens Karikaturen, die wohl an das Politische streiften. So hatte ich das unselige Papierwesen und die Anleihen, die Börsenspiele und so weiter, schon scharf genug auf diese Weise bezeichnet. Jetzt aber fiel es mir ein, den staatsklugen Metternich samt seinen Helfershelfern mit unverkennbaren Attributen zu zeichnen und alle auf einem großen Krebs reiten zu lassen, der rückwärts gehend, sich an dem Rand eines tiefen Morastes befand. -- Dies war denn doch zu toll. Es kamen Reklamationen von Wien, der Bundestag mischte sich darein, und eines Morgens ward ich plötzlich auf das Amt in Offenbach beschieden, wo mir eröffnet wurde, daß meine Zeitschrift auf höheren Befehl verboten sei. Noch hatte ich von Glück zu sagen und es einer besonderen Fürsprache zu verdanken, daß ich nicht wenigstens auf sechs Wochen die hessische Festung Rokenburg besuchen durfte. -- Groß war der Jubel und die Freude, als dies Verbot in Frankfurt bekannt wurde. Meine zahlreichen Feinde wünschten sich gegenseitig Glück, man begrüßte sich auf den Straßen, sich die große Neuigkeit zurufend, und wenig fehlte, daß nicht ein hoher Senat ein Festessen diesem Ereignis zuliebe veranstaltet hätte. Aber die Freude sollte nicht von sehr langer Dauer sein, wie wir bald sehen werden. Ich machte gleich nach dem Verbot eine Rheinreise bis Köln mit einer sehr lustigen Gesellschaft von Offenbachern und mehreren Damen. Wir hatten zu diesem Zweck in Mainz eine eigene Jacht gemietet, einen Flügel und mehrere andere Instrumente, Feuerwerk und Fackeln, nebst allerlei Mundvorrat eingeschifft, so daß die Fahrt eine äußerst unterhaltende werden sollte. Ich hatte dafür gesorgt, daß sich unter den Damen meine intimsten Bekannten in Offenbach, wie die Hofrätin M..., Annchen F..., Delphine A..., sowie Fanny M... aus Frankfurt und so weiter befanden. Am Fahrtor zu Frankfurt bestiegen wir die Jacht und brachten die erste Nacht in den >Drei Reichskronen< in Mainz zu. Den anderen Morgen fuhren wir weiter, landeten aber allenthalben, wo es etwas zu sehen gab, eine Ruine zu besteigen, ein Ort oder ein Schloß zu besuchen war, bei welcher Gelegenheit immer romantische Spaziergänge gemacht wurden, und sich manches Pärchen, unter denen auch ich, über die Gebühr in den Felsen, Ruinen oder Gebüschen verirrte. So kamen wir den ersten Tag, wo wir im Garten zu Bibrich und auf Schloß Johannisberg lange verweilt hatten, nicht weiter als bis Bingen, den zweiten bis Sankt Goar, den dritten noch nach Boppart, den vierten nach Koblenz, wo wir drei Tage verweilten, einen Abstecher nach Ems machten, dann nach Neuwied, Andernach, Bonn und so weiter, und erst den zwölften Tag in Köln an. Wir waren meistens vom schönsten Wetter begünstigt, bestiegen die Bergruinen abends beim Mondenschein, ließen Sang und Hörnerklang bei Fackelschein in denselben erschallen, die Geister ihrer modernden Bewohner zu erfreuen, und Raketen steigen. Unterwegs, in Koblenz, Bonn und Köln, schrieb ich in den frühesten Morgenstunden mehrere pikante und satirische Artikel über Frankfurter Zustände, die ich: >Aus dem Nachlaß der verblichenen Offenbacher Zeitung< überschrieb, welche vollkommen geeignet waren, die übermäßige Freude der guten Frankfurter über das Verbot derselben zu mäßigen, da ich sie in den am Rhein erscheinenden Blättern abdrucken ließ und zu vielen Hunderten zur Verteilung nach Frankfurt schickte. Nachdem wir uns auch in Köln und seinen Kirchen, besonders dem Dom, gehörig umgesehen, auch den elftausend Jungfrauen in Sankt Ursula einen Besuch gemacht hatten, traten wir vergnügt die Rückreise über die Taunusbäder an und kamen nach einer Abwesenheit von ungefähr drei Wochen wieder glücklich nach Frankfurt und Offenbach. Hier war während derselben zu meiner Verwunderung ein neues Blatt entstanden, das den Titel >Offenbacher Unterhaltungsblätter< führte, welches mein Buchdrucker, ein gewisser Hauch, auf seine eigene Faust herauszugeben sich unterfangen und an alle Abonnenten meiner Zeitschrift gesandt hatte, diese zu vertreten. Dieser Hauch, der höchstens ein mittelmäßiger Setzer war und in seiner Jugend in Offenbach Gänse hütete, hatte den bekannten Doktor Pfeilschifter gebeten, ihm bei der Redaktion des Blattes zur Hand zugehen. Aber das ganze Unternehmen ging um so schneller den Krebsgang, meine Abonnenten wollten nichts davon wissen, und als ich mich mit dem Eigentümer einer Frankfurter politischen Zeitung verband und diesen vermochte, derselben eine belletristische Beilage beizugeben, da fiel das Hauchsche Unternehmen zusammen. Um diese Zeitung und ihr Beiblatt schnell zu heben, machte ich eine Reise auf vierzig bis fünfzig Stunden im Umkreis, bis Karlsruhe auf der einen und Köln auf der anderen Seite, und als ich meine Tour geendet und nach Frankfurt zurückkam, fand ich zu meiner großen Satisfaktion, daß sich die Zahl der Abonnenten dieser Zeitung während meiner Reise schon um zwölfhundert vermehrt hatte. Von allen Orten, wo ich hinkam, sandte ich sogleich möglichst pikante Artikel über die neuesten Vorfälle in denselben nach Frankfurt ein, die auf der Stelle abgedruckt werden mußten, und dann von der Nummer, in welcher sie standen, nach der Größe des Ortes, aus welchem sie datiert waren, viele hundert Exemplare per Post dahingeschickt wurden, die ich selbst allda verteilen ließ. Dieses Manöver war über alle Erwartung geglückt, und die Zeitung nahm fortwährend außerordentlich an Abonnenten zu, deren sie bald an fünftausend zählte, was mir sehr wohl zu statten kam, da ich verhältnismäßig dafür honoriert wurde, und als das Verbot meiner Zeitschrift erschien, meine Finanzen sich eben nicht im besten Zustand befanden, ich auch wenigstens ein paar tausend Gulden laufende Schulden hatte. Dies war bei der Lebensart, die ich geführt, und den Geschenken, die ich an viele Damen gemacht, kein Wunder, obgleich ich noch bedeutende Honorare durch meine Arbeiten in französischen Journalen nebenher erhielt. Ein guter Rechenmeister war ich nie gewesen, glücklicherweise wußte ich aber die Defizits durch gut berechnete Unternehmungen immer wieder zu decken. Ein ganz besonderes Ereignis machte, daß sich damals meine Ausgaben noch gewaltig mehrten.
Es war in der Frankfurter Herbstmesse, als ich die Buden auf dem Paradeplatz mit ihren Sehenswürdigkeiten besuchte, um Bericht über dieselben abstatten zu können. Unter diesen befand sich die Menagerie eines gewissen Tourniaire, Bruders des bekannten Kunstreiters dieses Namens, der auf seinem Anschlagezettel angekündigt hatte: Zwei ganz junge, sehr schöne Zirkassierinnen von siebzehn und achtzehn Jahren würden die Riesenschlangen seiner Menagerie dem Publikum vorzeigen. Die beiden jungen Mädchen, die auf beiden Seiten eines bärtigen, wildaussehenden Mannes standen, waren wirklich schön und in der ersten Jugendblüte. Besonders aber war die eine, welche die ältere schien, eine vollendete Schönheit, mit einem unvergleichlichen seelenvollen Ausdruck im Auge und Angesicht; dabei fiel ihr ein rabenschwarzes Seidenhaar auf die nackten Schultern bis zu den Knien herab. Ihr Körperbau war äußerst zart und zierlich. Die andere hingegen hatte, was die Franzosen _la beauté du diable_ nennen, Jugendfrische, hochrote Wangen und ziemlich derbe Glieder, war dunkelblond und manipulierte die Schlangen ganz ungeniert, während die ältere, so lange diese Tiere gezeigt wurden, sichtbar zitterte und eine Art Fieberschauer hatte, bis sie abtrat. Da mich die Mädchen, besonders die ältere, sehr angesprochen und interessiert, so erkundigte ich mich, wo die Leute wohnten, und nachdem ich erfahren hatte, daß sie bei Günther im Pariser Hof logierten, traf ich sie nach mehreren vergeblichen Gängen endlich eines Abends sehr spät in dem allgemeinen Gastsaal, wo die Mutter mit ihren beiden Töchtern ganz europäisch ein sehr bescheidenes Abendbrot einnahm. Ich ließ mich mit den Leuten in ein Gespräch ein; sie schienen mir aber verlegen und ängstlich. Die Kinder sprachen ganz geläufig österreichisches Deutsch, die Mutter französisch mit dem normännischen Akzent. Während ich mich so mit ihnen unterhielt und sie schon anfingen, zutraulicher zu werden, trat plötzlich der Menageriebesitzer Tourniaire in den Saal, worüber sie gewaltig zu erschrecken schienen und zusammenfuhren. Er ging sogleich auf den Tisch zu, an dem wir saßen, und sagte zu der Frau: »_Madame, il est temps d'aller se coucher._« Sie machten auch sofort Anstalt, diesem Befehl zu gehorchen, und als sie aufbrachen, begleitete sie Tourniaire bis an die Türe, im Vorübergehen flüsterte mir jedoch das älteste Mädchen halbleise und mit einem fast flehenden Blick zu: »Mein Herr, werden wir Sie nicht wiedersehen?« worauf ich, ihr eine gute Nacht wünschend, ein bejahendes Zeichen zunickte. Den anderen Tag ging ich gegen Mittag wieder in die Menagerie, wo ich indessen nur das jüngste Mädchen mit dem bärtigen Mann die Schlangen zeigen sah, und auf mein Befragen bei der Mutter, die wieder am Eingang saß, erfuhr, daß die ältere unwohl im Bette hätte bleiben müssen. Ich ließ mich mit der Frau tiefer in ein Gespräch ein, die mir jetzt mitteilte, daß sie die Witwe eines österreichischen Hauptmanns namens Peche, sie selbst aber aus der Gegend von Rouen sei, wo ihr Vater Gutsbesitzer gewesen, aber in der Revolution alles verloren hätte. Ihr Mann habe kurz vor seinem Tod seine Stelle verkauft, worauf sie mit den Kindern nach Prag gezogen und während den Sommermonaten einen Laden mit Modewaren in Karlsbad gehabt, wo sie aber keine Fortune gemacht. Wie sie mit ihren Kindern an Tourniaire gekommen, wolle sie mir ein anderes Mal erzählen, da dies zu umständlich sei. Nur so viel könne sie mir noch mitteilen, daß sie und die Kinder sich sehr unglücklich fühlten und in einer peinlichen Lage befänden. Ich bezeigte Teilnahme an ihrem Schicksal und versprach der Madame Peche, mich ihrer anzunehmen, worauf die Frau freundlich dankend einging und was sie zu trösten schien.
Noch einige Male besuchte ich die Menagerie, in welcher die hübschen Schlangenmädchen figurierten, bekam aber die ältere nicht mehr zu sehen, die, wie mir Madame Peche sagte, jetzt einen solchen Abscheu vor den Tieren habe, daß, als man ihr die ungeheure Boa das letztemal um den Hals hängen wollte, sie Konvulsionen bekommen hätte. »Morgen reisen wir nach Köln ab,« sagte Madame Peche, »wollen Sie Therese« (so hieß das schöne Mädchen) »noch einmal sehen, so besuchen Sie sie auf ihrem Zimmer.« Ich ließ mir dies nicht zweimal sagen, eilte zu ihr und fand sie sehr niedergeschlagen und angegriffen. Ich unterhielt mich ziemlich lange mit ihr, und sie ergänzte die mir von der Mutter schon gemachten Mitteilungen, indem sie sagte, daß, nachdem das Karlsbader Geschäft verunglückte, sie und ihre Schwester ein paar Monate als Choristinnen bei der Bühne zu Prag gestanden, wo sie Tourniaire auf dem Theater gesehen, sich nach ihnen erkundigt, und als er erfahren, daß die Mutter eine Französin sei, derselben unter dem Vorwand der Landsmannschaft einen Besuch gemacht und, ihre dürftigen Umstände kennen lernend, ihr endlich den Vorschlag getan habe, daß sie samt den beiden Mädchen ihr reichliches Brot bei ihm finden sollten, wenn sie sich bequemen würden, mit ihm zu reisen. Sie habe dann nur die Kontrolle an der Kasse seiner Menagerie zu führen und die Billette abzunehmen; für die Mädchen werde er auch sorgen und ihnen eine passende Beschäftigung geben. Madame Peche hatte diesen Vorschlag sogleich mit Vergnügen angenommen und verkaufte, was sie noch an Mobilien hatte. Tourniaire gab ihr einiges Geld; sie folgte ihm wenige Tage nach seiner Abreise von Prag mit ihren Töchtern und wurde anfänglich sehr gut aufgenommen. Als aber der schon ziemlich bejahrte grauköpfige Führer der wilden Bestien allzu zärtliche Absichten auf Therese blicken ließ, die einen wahren Abscheu gegen ihn empfand, und von ihr verächtlich zurückgewiesen worden war, da zog er andere Saiten auf. Die Familie, die jetzt ganz in seinen Händen, ohne Schutz und Hilfe war, Madame Peche hatte zwar noch einen älteren Sohn von ungefähr achtundzwanzig Jahren, der jedoch ein völliger Taugenichts und gemeiner österreichischer Soldat war, mußte tun, was er wollte. Madame Peche wurde Billetteinnehmerin und ihre Töchter mußten als Pseudo-Zirkassierinnen die Schlangen zeigen. »O Gott, wenn uns nur jemand aus dieser schrecklichen Lage befreien wollte, auf den Knien würden wir es ihm danken,« schloß Therese ihren traurigen Bericht.
»Leider hörte ich von Ihrer Mutter, daß Sie morgen schon abreisen werden,« versetzte ich, »die Zeit ist zu kurz, um bis dahin noch etwas Entscheidendes unternehmen zu können, aber seien Sie ruhig, liebes Kind, ich werde Ihnen in wenig Tagen nach Köln folgen und Sie dann aus dieser Lage befreien.« Mit halb zweifelhaften, halb erkenntlichen Blicken sah mich das schöne Mädchen an, der ich nochmals versicherte, daß es keine leeren Worte seien, was ich sage, sie bat, sich vertrauensvoll auf mich zu verlassen, und ihr versprach, daß sie mich in möglichst kurzer Zeit wiedersehen werde. Hierdurch getröstet, nahm sie mit Tränen in den Augen Abschied von mir und nach einem langen Kusse entfernte ich mich.
Da ich im Interesse der von mir redigierten Zeitschrift abermals eine Rundreise zu machen vorhatte, um Stoff für dieselbe zu sammeln und einige Korrespondenten zu gewinnen, da die erbärmliche Frankfurter Zensur alles strich, was auch nur die entfernteste Beziehung auf Frankfurter Behörden, Verwaltung und die städtischen Zustände überhaupt haben konnte, so mußte ich wohl das Blatt ganz mit auswärtigen Berichten zu füllen suchen. Sogar an den Rezensionen über die Frankfurter Bühne vergriff sich der erbärmliche Rotstift, und erst, nachdem ich dem Zensor gedroht, daß ich die von ihm gestrichenen Stellen in auswärtigen Blättern als von ihm gestrichen abdrucken lassen würde, unterließ es der Jammermann.
Die beabsichtigte Reise konnte ich nicht so schnell, als ich es gewünscht, unternehmen, da ich als Zeuge in eine polizeiliche Sache verwickelt war, die meine Gegenwart in Frankfurt erheischte. Bei dem Hepp-Hepp-Krawall gegen die Juden, der vor mehr als einem Jahr früher stattgefunden, waren ein paar dieser Kinder Israels, als sie, nach Offenbach flüchtend, nahe dem Frankfurter Wald vorüberkamen, durch einige Frankfurter Hauderersknechte derb abgeprügelt worden, und wären vielleicht auf dem Platz liegen geblieben, wäre ich nicht zufällig dazugekommen und hätte die Unglücklichen durch Bitten, Drohungen und Versprechungen aus den Händen der Barbaren befreit. Die Sache wurde erst jetzt verhandelt und untersucht. Sobald ich aber abgehört war, machte ich mich auf die Reise und ging zuerst nach Mannheim und Speier.