Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 39

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Eine andere Sache, durch welche ich mir viele Feinde machte, unter denen auch die Mehrzahl meiner Anverwandten, die ich freilich nicht sehr schonend behandelte, war die Kasinofähigkeit. Nach den Gesetzen des Frankfurter Kasinos durften nämlich keine Kommis oder Buchhalter, keine Künstler, die Schauspieler oder Musiker waren, keine Juden und so weiter dasselbe betreten und noch weniger dessen Mitglieder werden. Kasinofähig waren nur Kaufleute ersten Ranges, Senatoren, höhere Angestellte in Frankfurt und dergleichen. Wollte man jemand als was Rechtes herausstreichen, so sagte man von ihm, statt es ist ein Ehrenmann: »er ist kasinofähig,« und manche Personen, die sich anmeldeten, fielen durch, weil man sie für nicht reich oder vornehm genug hielt; dies war auch kürzlich einem Ehrenmann geschehen, den mehrere Kasinomitglieder vorgeschlagen hatten. Diese Gelegenheit hatte ich ergriffen, den kasinofähigen Herren ihre Albernheiten recht derb unter die Nase zu reiben, indem ich erzählte, wie jüngst ein Kaufmann seine Aufnahme durchgesetzt, weil er durch die Akten eines Prozesses dargetan, daß sein Großvater wirklich schon mit Schwefelhölzern gehandelt habe. -- Als Iffland das letztemal in Frankfurt Gastrollen gab, war der Kasinoausschuß in großer Verlegenheit, was er zu tun habe, ob er dem großen Künstler eine Gastkarte schicken dürfe oder nicht, da die Kasinogesetze jedem Komödianten den Zutritt verweigerten. Endlich fiel einer der beratenden Herren auf folgenden Ausweg und schrie: »Wissen Sie was, meine teuren Kollegen, in Ifflands Person finden sich zwei verschiedene Naturen vereinigt, nämlich der Komödiant und dann der Generaldirektor der Königlichen Schauspiele zu Berlin; den ersten lassen wir weg, dem Generaldirektor aber schicken wir eine Gastkarte.« »Bravo!« rief man einstimmig, »das war ein kluger Gedanke, der uns aus aller Verlegenheit zieht.« Man fertigte die Gastkarte aus und übersandte sie dem Herrn Generaldirektor, nachdem derselbe schon mehrere Tage in Frankfurt gewesen und schon einigemal aufgetreten war. Iffland, der die Frankfurter Kasinogesetze kannte und von der Sache unterrichtet war, schickte den Herren die Karte mit dem Bemerken zurück: »Er bedauere, keinen Gebrauch von derselben machen zu können, indem er keine Orte besuche, die seine Kameraden nicht betreten dürften, er sei auch Schauspieler; zwar habe er schon die Ehre gehabt, von fürstlichen Personen und selbst von seinem König zum Frühstück eingeladen worden zu sein, aber er gebe gern zu, daß ihn dies alles nicht berechtige, sich in Frankfurt für kasinofähig zu halten.« Was machten die kasinofähigen Herren für Augen, als sie dies mit der zurückgeschickten Karte zu Gesicht bekamen, und welche, als sie die Geschichte in meiner Zeitschrift abgedruckt fanden! -- Mit dem hohen Senat und der nicht minder hohen Polizei hatte ich es ohnehin schon längst verdorben, die Albernheiten, Gewalttätigkeiten und dummen Streiche derselben geißelnd. -- Eines Tages war ich mit ein paar Damen nach Wiesbaden gefahren, und hörte, mit denselben hinter dem Kursaal auf- und abspazierend, wie ein daselbst sich zur Kur befindender Senator namens Lucius, den andere Kurgäste gefragt hatten, wer wir seien, denselben antwortete: »Wer werd's sein, es sin anige von unsern Unertane, der än schreibt ä Zeitung.« Natürlich gab dies wieder Stoff für mein Blatt und zum Lachen für meine Leser.

Es fehlte mir auch nicht an Mitteilungen der naiven Urteile, die über die verschiedenen Aufsätze in meiner Zeitschrift gefällt wurden. Da der Kastengeist oft herhalten mußte, so fragte einst ein junges Mädchen eine ihrer Bekannten, eine gewisse Jungfrau Jacobine B..., die sich in Bockenheim aufhielt und gern die Gelehrte spielte: »Mei, sag mer doch, Jacobinche, was is dann des ä Kastegeist?« »Dumm Os,« erwiderte die Gefragte, »was werd's sei, ä Gespenst in ere Kist!« Dieselbe Jacobine hatte einst im Theater einer Vorstellung von Schillers Kabale und Liebe beigewohnt, und bei der Stelle, wo Ferdinand, von der Milford sprechend, sagt: »Ich will hin zu ihr, will ihr einen Spiegel vorhalten,« gefragt: »Ei, war se denn so garstig?« Und als ihr jemand das Lied: »Hebe, sieh, in sanfter Feier,« gebracht (sie miaute ein wenig, was sie singen nannte, und klimperte falsche Akkorde auf der Gitarre dazu), sagte sie: »Aber das Lied fängt doch dumm an, da steht: Hebe sie, aber nit, wen mer hebe soll.«

Unterdessen vermehrte sich die Zahl meiner Abnehmer so, daß mein Einkommen immer bedeutender wurde, denn die Zeitschrift wurde auch sehr viel in den umliegenden Städten wie Darmstadt, Mainz, Hanau, Wiesbaden, Heidelberg, Mannheim, Koblenz, Wetzlar und so weiter gelesen, wohin ich von Zeit zu Zeit kleine Reisen machte, um Stoff von dortigen Lokalitäten zu sammeln.

Meine Zeitschrift hatte damals eine solche Furcht in Frankfurt und auch bei der vornehmen Frauenwelt erregt, daß manche derselben, wenn sie mich auf den Promenaden von ferne kommen oder reiten sahen, schnell einen Seitenweg einschlugen oder sich hinter ein Gebüsch versteckten, und wenn man sie fragte, woher diese übertriebene Furcht? erwiderten sie: »Ja, wann mer ebbes Dummes schwätzt oder ebbes Albernes mächt, dann setzt der's gleich in sein Blatt.« -- Da mir dies mehrmals wieder zu Ohren gekommen war, so ließ ich in einer Nummer abdrucken: »Diese Furcht sei durchaus unbegründet, denn, wenn ich all das dumme Zeug, das in Frankfurt geschwatzt oder gemacht wird, in meiner Zeitschrift abdrucken lassen wollte, so könnten mir alle Papiermühlen in ganz Deutschland nicht Papier genug liefern.«

Zu jener Zeit erhielt ich ein Schreiben von der Signora Catalani, worin diese mir meldete, daß sie zu der bevorstehenden Herbstmesse nach Frankfurt kommen und daselbst ein paar Konzerte geben wolle, ich möchte einstweilen Zimmer in einem Hotel für sie bestellen. Dies tat ich im Englischen Hof, und bald darauf kam die Signora mit ihren Kindern, aber ohne ihren Mann, auch ohne den dicken Burgmüller, nur ein alter adliger französischer Ehrenkavalier, Monsieur le Baron de Weber, begleitete sie. Da sie schon früher in Frankfurt gewesen und daselbst gesungen hatte, so gab ich ihr den Rat, jetzt die Eintrittskarten zu ihrem Konzert von einem Dukaten auf vier Gulden herabzusetzen, den sie auch befolgte, doch wollte sie deshalb auch nicht mehr als vier Gulden für jedes mitwirkende Glied des Frankfurter Orchesters bezahlen, die früher ebenfalls einen Dukaten erhalten hatten. Dies wollten sich aber die Herren durchaus nicht gefallen lassen, sie bestanden auf ihrem Dukaten, und der Kapellmeister der Frankfurter Oper, Guhr, riet ihnen, fest darauf zu beharren. Signora Catalani, die ihrerseits, wie wir wissen, ihr Köpfchen hatte, bestand auf den vier Gulden, und wollte lieber kein Konzert mehr in Frankfurt veranstalten als nachgeben. Ich dachte einen Augenblick über die Sache nach, und sagte dann zu der aufgebrachten Primadonna: »Beruhigen Sie sich, ich schaffe Ihnen ein treffliches Orchester.« »Wie das?« »Ich fahre nach Mainz und hole dort die für Ihr Konzert nötigen Virtuosen.« »Glauben Sie, daß sie kommen werden?« »Gewiß, nur muß man sich es etwas kosten lassen.« »Gleichviel, es mag kosten, was es will, das Doppelte, das Dreifache, wenn wir nur den Frankfurter Musikern zeigen, daß wir auch ohne sie ein Konzert geben können, und ihrer nicht bedürfen.« Ich ritt nun sogleich in vollem Trabe nach Mainz, nachdem ich der Catalani noch eingeschärft, durchaus niemand etwas von unserem Vorhaben merken zu lassen. In Mainz begab ich mich zu dem Kapellmeister des dortigen Theaters, engagierte ihn nebst fünfzehn Orchestermitgliedern für das bestimmte Konzert, und versprach, die Herren selbst am festgesetzten Tag früh genug abzuholen, um vorher noch die nötige Probe mit Madame Catalani halten zu können. Das Konzert war angekündigt, der Tag bestimmt, und die Frankfurter Orchesterherren glaubten ihre Dukaten schon in der Hand zu haben, denn ohne sie war nach ihrer Meinung das Konzert schlechterdings unmöglich; sie erwarteten jede Stunde die Einladung zur Probe, die -- nicht kam. Als der Tag herangekommen, ritt ich in aller Frühe wieder nach Mainz, mietete daselbst vier Wagen und fuhr um zwei Uhr nachmittags mit meinen Virtuosen und ihrem Kapellmeister in den Englischen Hof ein, wo ihrer ein köstliches Mittagsmahl harrte, worauf probiert wurde. Zu dem Konzert hatte ich den Dickischen Saal im Roten Haus gemietet, und ehe es sechs Uhr war, die bestimmte Stunde zum Anfang, fuhr ich mit meinen Mainzern in den Hof des Roten Hauses und führte sie in ein Nebenzimmer des Saales, ohne daß sie jemand bemerkte. Den Kapellmeister Guhr hatte die Neugierde, um zu erfahren, wie sich dies Rätsel lösen werde, mit noch ein paar Virtuosen von seinem Orchester in den bereits überfüllten Saal getrieben, und statt die gehofften Dukaten zu erhalten, mußten auch sie den Eintrittspreis von vier Gulden bezahlen. Jetzt schlug es sechs Uhr, auftaten sich die Flügeltüren, welche in das Nebenzimmer führten, und aus demselben traten zwanzig Mann hoch der Mainzer Kapellmeister mit seinen Musici, ihre Instrumente in der Hand, und stellten sich an ihre Notenpulte. Wie rissen Guhr und seine Begleiter die Augen auf! »Den Streich hat uns wieder der verdammte Fröhlich gespielt,« rief ersterer aus. »Ja, wäre es nur nicht gerade Messe, wir ließen die Herren sämtlich durch die hochlöbliche Polizei abführen,« sagte ein anderer, »aber so ist Meßfreiheit, da darf jeder Landstreicher mit seiner Fiedel frei in unserer freien Stadt einziehen und den Leuten die Ohren voll geigen.« Madame Catalani verweilte noch einige Tage in Frankfurt, und ich geleitete sie bei ihrer Abreise bis Mainz.

Unterdessen war das Projekt, Napoleons Befreiung zu bewirken, ziemlich vorgeschritten. Lord C... hatte zwei Mittel vorgeschlagen, den Exkaiser von St. Helena zu entführen. Das erste war vermittels eines Luftballons, an den man ein Schiffchen befestigen müsse, das zu gleicher Zeit im Wasser zu gebrauchen sei und eine Last von zwei Menschen tragen könne. Doch gab er diese Idee bald selbst wieder als unausführbar auf, da, wenn man auch die Unmöglichkeit, den Ballon zu leiten, nicht berücksichtigen wollte und das Steigen desselben auch nur bei Nacht tunlich war, wo man dann in der Höhe Laternen angezündet, so hätte der Ballon, vom Wind getrieben, ja leicht nach der entgegengesetzten Seite des zu seinem Empfang bereiten amerikanischen Schiffes steuern können, oder sich vielleicht gar wieder auf die Insel selbst niederlassen müssen. Das zweite Mittel bot keine dieser Schwierigkeiten. Es bestand darin, ein Boot konstruieren zu lassen, das mehrere Schuh tief unter dem Wasser gehe, und Raum für acht bis zehn Menschen habe. Dieses war auch schon in Amerika bei einem geschickten Mechanikus, der zugleich Kenntnisse von der Schiffsbaukunst besaß, bestellt und in Arbeit, das Modell dazu aber schon in London angekommen, und man hatte damit vollkommen genügende Versuche gemacht. Vermittels eines angebrachten Räderwerkes konnte man die Maschine nach Belieben tiefer oder höher unter die Oberfläche des Wassers bringen und durch Einhaken das fernere Sinken oder Steigen des Bootes verhindern, so daß es in der Tiefe, in der es sich befand, vermittels anderer ruderartiger Räder ohne große Anstrengung mit einer ziemlichen Schnelligkeit horizontal fortbewegt werden konnte. Die Sache war nun schon so weit gediehen, daß ich mich zur baldigen Abreise nach London anschicken konnte, wo ein Schiff mit solchen Waren beladen werden sollte, die England nach Ostindien exportiert, wie Eisen, Zinn, Woll- und Manufakturwaren und so weiter. Lord C... hatte selbst eine Reise nach den Vereinigten Staaten gemacht, um daselbst einstweilen die nötigen Vorkehrungen zu treffen und Schiffe von verschiedener Größe auf längere Zeit zu mieten, die dann später in einer gewissen Entfernung von Sankt Helena kreuzen, sich einander ablösen und eine beständige Kommunikation mit Amerika unterhalten sollten. Ehemalige französische Marineoffiziere, die sich in den Vereinigten Staaten oder in dem sogenannten Champ d'Asyle befanden, sollten sie befehligen. Schon war alles so weit bereit, daß meine Abreise nach England und von da nach Ostindien festgesetzt war, als einige Wochen früher die offizielle Nachricht von Napoleons erfolgtem Tode eintraf. Mit ihr waren alle unsere Projekte, Pläne und Vorkehrungen zu Wasser geworden, und schon sehr bedeutende Summen vergebens verschwendet.

Mit dem Frühling dieses Jahres hatte ich mein Hauptquartier in Offenbach aufgeschlagen, wo noch immer ein heiteres und geselliges Leben herrschte, wenn auch mehrere Häuser, wie Bernhards und d'Orvilles, sehr zurückgekommen waren. Diese hatten gerade damals noch an dem Weinlandschen Prozeß zu laborieren, der endlich durch einen Vergleich, bei welchem diese Tabaksfabrikanten für ihre jetzigen Verhältnisse schwere Opfer bringen mußten, beseitigt wurde. Auch die Maskenbälle waren bei weitem nicht mehr das, was sie früher, sondern sehr ins Gemeine ausgeartet, dagegen wurden mehrere geschlossene auf Subskription veranstaltet, die schön und glänzend waren. Auf einem derselben wechselte ich siebenmal das Kostüm, um meine guten Frankfurter desto besser intrigieren zu können. Aus einem Zuckerhut schlüpfte ich als Figaro, aus einem Eremiten verwandelte ich mich in Ritter Roland und so weiter. -- Noch früher, als ich nach Offenbach gezogen war, hatte ich Seiner Durchlaucht dem Fürsten Y..., der sich damals in Birstein aufhielt, einen Besuch daselbst gemacht, aber Höchstdieselbe in den allerpitoyabelsten Umständen gefunden, krank und schachmatt an Leib und Seele, und die Krankheit von so böser Art, daß es unmöglich war, länger als ein paar Minuten in der verpesteten Stubenluft auszuhalten. Der Fürst war durch den Wiener Friedenskongreß mediatisiert worden; seine zahlreichen Gläubiger hatten sich jetzt alle gemeldet und hörten nicht auf, ihn zu bestürmen. Mit einem jämmerlichen Armensünder-Gesicht geruhten Seine Durchlaucht, mich von ihren schrecklich fatalen Umständen zu unterhalten, und endigten damit, daß ihm hoffentlich seine unbarmherzigen Gläubiger noch so viel lassen müßten, daß er wenigstens eine Suppe und ein Stückchen Rindfleisch essen könne. -- »Auch noch etwas mehr,« tröstete ich den armen Mann, der mir in der Tat Mitleid einflößte, war aber doch froh, als ich mich beurlaubend wieder entfernt hatte und frische Luft atmete. Wenig Monate darauf starb er, erst 55 Jahre alt.

In Offenbach wohnte damals ein Mensch, der sich Broli nannte und eine Art Cagliostro im Kleinen war. Er besaß wie jener die Gabe und das Talent, alle Einfaltspinsel, Schwach- und Dummköpfe, besonders weibliche, so von sich einzunehmen, daß sie einen von Gott gesandten Propheten in ihm sahen, ihn als einen solchen verehrten und ihm den letzten Groschen, das letzte Hemd vom Leibe gaben, wenn er es verlangte. Dieser Mensch, dessen eigentlicher Name Bernhard Müller war, hatte sich in äußerst dürftigen Umständen und in Gesellschaft zweier feilen Dirnen in Offenbach niedergelassen, wo alle drei die Rollen frommer Schwärmer spielten. Müller hatte sich früher in Aschaffenburg, Regensburg und eine Zeitlang in England herumgetrieben, durch seine Heuchelei fromme Pietisten und Pietistinnen gehörig zu prellen verstanden und sich den Namen Broli beigelegt. Plötzlich aber hatte er das gastfreie England wegen seiner an den Tag gekommenen Betrügereien verlassen müssen, sich dann nach Stuttgart und Würzburg geflüchtet, von wo er wegen daselbst verübter Gaunereien wieder flüchtig werden mußte, sich nach Offenbach begab und arm wie Hiob daselbst ankam. Bald aber gelang es ihm, die Bekanntschaft einiger sehr reichen Pietistenfamilien in Frankfurt, namentlich Häusers und Zickwolfs, zu machen, welche den überfrommen Mann so reichlich mit Geld bedachten, daß derselbe bald instand gesetzt wurde, ein wahrhaft sardanapalisches Leben in Offenbach zu führen. Wie es derselbe verstand, sich bei dummen Frömmlingen einzuführen und als Prophet geltend zu machen, mag folgendes Pröbchen beweisen. Als er der Madame Häuser in deren Wohnung vorgestellt wurde und die Frau zum erstenmal erblickte, kreuzte er die Arme über die Brust, verdrehte die Augen, gen Himmel blickend, und rief aus: »Großer Gott, was sehe ich, dies ist das leibhaftige Gesicht, das du mir so oft als reine Jungfrau, als himmlischen Engel bei meinen mitternächtlichen Gebeten hast erscheinen lassen.« Jetzt warf sich der Mann Gottes vor der Dame auf die Knie und sagte: »Reiner Engel Gottes, ich bete dich an, du bist eine der Gebenedeiten des Herrn, Heil und Segen ist mit dir.« Jede vernünftige Frau würde den Menschen für einen Tollen gehalten und zur Türe haben hinauswerfen lassen. Dies tat aber Madame Häuser nicht, deren schwache Seite Müller längst erforscht hatte, sondern sie hob den Mann liebreich auf, war entzückt von ihm, händigte ihm noch in derselben Stunde mehrere tausend Gulden zu frommen Zwecken ein, und vermochte alle ihre Verwandten und Bekannten, die Pietisten waren, sowie die Familie Zickwolf, dem groben Betrüger ungeheure Summen, immer zu frommen Zwecken, zu geben, die derselbe in Offenbach auf einem prächtigen Landgut, das er daselbst erstanden, in den schamlosesten Orgien verpraßte, bei denen seine eingeweihten Helfershelfer und liederliche Dirnen nackend allerlei Tänze und so weiter aufführten. Aber mit großer Ostentation spendete er viel Almosen an die Offenbacher Armen, um sich bei den Einwohnern beliebt zu machen und von den Behörden geduldet zu werden. Nichts vermochte, den Betrogenen die Augen zu öffnen, nichts half es, ihnen die klarsten Beweise der Betrügereien des Gauners zu liefern, sie waren und blieben so verblendet, daß sie alles nur für Verleumdung gegen den von Gott zur Rettung der Menschheit gesandten Mann hielten, und ihm, nachdem er es zu bunt gemacht und von der Darmstädter Regierung gezwungen wurde, auch Offenbach wieder zu verlassen, mit den Rudera ihres Vermögens nach Amerika folgten, wobei er ihnen verkündigt hatte, daß eines der mitreisenden Mädchen, das bereits in der Hoffnung war, unterwegs einen neuen Sohn Gottes gebären würde! -- Daß alle und er selbst in Amerika ins größte Elend und Unglück kamen und Broli auf dem Mississippi sein Leben endete, ist bekannt.

Noch hielten sich mehrere Polacken in Offenbach auf, die mit dem sogenannten Polackenfürsten gekommen waren und nun ein sehr eingezogenes Leben daselbst führten. Das Mysteriöse dieser Fremdlinge hatte sich jetzt auch so ziemlich aufgeklärt und viel Ähnlichkeit mit Müllers Treiben gehabt. Der sogenannte Polackenfürst, der im Jahre 1788 schon nach Offenbach mit einem großen Gefolge prächtig gekleideter und bewaffneter Leute gekommen, er hatte sogar eine Leibwache von mehr als siebzig Mann, in kostbare Uniformen gekleidet, mitgebracht, von denen immer zwei an seiner Wohnung Schildwache standen, und den zwölf in Rot, Grün und Gold gekleidete Ulanen mit langen Piken begleiteten, wenn er in seiner reichen Karosse, mit vier schönen Schecken bespannt, ausfuhr, war nichts als ein polnischer Jude namens Dobrusky, der sich zuerst hatte taufen lassen, dann eine eigene Sekte stiftete, die da glaubte, daß Gott bald als Mensch verkörpert erscheinen würde, und ihn endlich selbst für den auf Erden verkörperten Gott hielt. Er hatte zuerst mit gleichem Prachtaufwand in Brünn und Wien gelebt, von wo er endlich ausgewiesen worden war, und sich nach Offenbach begab, wohin ihm seine Gläubigen aus Polen, Böhmen, Mähren, der Lausitz und so weiter fortwährend ungeheure Geldsummen übermachten. In schweren Fässern kam das Gold und Silber an. Alle seine Umgebungen verehrten den Betrüger wie einen Gott und hielten ihn für unsterblich. Auch er gab ungeheure Almosen an die Armen. Als er aber endlich doch starb, da war die Betrübnis groß unter seinen Zurückgebliebenen. Dennoch wurde ihm ein fast königliches Leichenbegängnis zuteil, und nahe an tausend Personen, alle prächtig geschmückt, folgten seiner Leiche, heulten und jammerten, daß es hätte Steine erbarmen mögen. Diese Betrübnis mag sehr aufrichtig gewesen sein, denn mit dem Aufhören seiner Unsterblichkeit hörten auch bald die Geldsendungen auf und die Not begann. -- Offenbach war von jeher und bis auf die neueste Zeit ein von Schwärmern, Frömmlingen und ihren dummen Kreaturen gesuchter Aufenthalt. Das Warum ist mir nie recht klar geworden, da im allgemeinen die Einwohner ein ziemlich nüchterner und vernünftiger Menschenschlag sind. Das nahe geldreiche Frankfurt aber mag wohl der Hauptmagnet sein.