Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 34

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In Köslin wohnte ich mit Freund G... bei Homanns auf dem Markt, wo zufällig den anderen Tag die Hochzeit der Tochter aus dem Haus stattfinden und gefeiert werden sollte. Als ich mich den Abend nach meiner Ankunft, nach zehn Uhr, ziemlich ermüdet zu Bette gelegt hatte und eben eingeschlafen war, hörte ich plötzlich unter meinem Fenster einen gewaltigen Lärm, der durch das Zusammenschlagen von Töpfen, Flaschen, Krügen, Gläsern und anderem Geschirr entstand, und kein Ende nehmen wollte. Wohl an zwei Stunden hatte der Skandal gewährt und mich am Einschlafen verhindert. Ich konnte gar nicht begreifen, was dies zu bedeuten habe. Als ich das Fenster öffnete, um zu erforschen, was es sei, sah ich mehrere Mädchen nacheinander ankommen, die einen Topf, eine große Schüssel oder sonst ein leicht zerbrechliches Gefäß mit aller Kraft auf die Steine vor der Haustüre warfen. Nachdem ich ihnen zugerufen, sie sollten mit dem Unfug aufhören, erwiderten sie mir lachend: »Es ist Polterabend!« Als ich mich, nebst anderen Reisenden, am Morgen wegen der unruhigen Nacht beschwerte, wurden wir sämtlich zur Hochzeit geladen, die uns eine Entschädigung gewähren sollte. Die Braut war so übel nicht, unter den Brautjungfern waren einige recht hübsch; man konnte sich schon mit der Entschädigung begnügen und so eine zweite Nacht schlaflos hinbringen. In Köslin traf ich wieder Romberg mit seiner Gesellschaft an, bei der noch Madame Vetterlein war, mit der ich die alte Bekanntschaft wieder erneuerte. Die Gesellschaft hatte gerade ihren ersten Liebhaber durch Durchgehen verloren. Madame Vetterlein meinte, ich könne ihr zu Gefallen wohl ein paar Liebhaberrollen übernehmen, und wenn ich mich nicht bei Romberg engagieren wolle, doch gastieren. Ich lachte über den Einfall der hübschen Aktrice, die sich noch hinter den Direktor steckte, den ich einige Male in meinen Gasthof zum Mittagessen eingeladen hatte, ließ mich der liebenswürdigen Frau zu Gefallen wirklich verleiten, ein paar Rollen, nämlich die des Karl Moor in Schillers Räubern und die des Ferdinand in Kabale und Liebe, zu geben, und fand bei dem Kösliner Publikum so große Gnade, daß alle Welt in Romberg drang, mich doch zu engagieren, was aber nicht in des guten Mannes Willen stand, da ich den Antrag ablehnte. Ich reiste nach vierzehntägigem Aufenthalt zu Köslin, wo man sich mit allen möglichen Märchen über meine werte Person herumtrug, mit einer jungen Französin, welche 1815 zu Paris einen preußischen Armeebeamten geheiratet hatte, und nun _à tout prix_ dieses >_pays du diable_< verlassen wollte, um in ihr geliebtes Frankreich heimzukehren, nach Berlin ab. Sie hoffte, daß ich sie wenigstens bis an den Rhein begleiten würde, obgleich ich ihr gesagt, daß ich vorerst nach Bremen gehen müsse. Sie traute aber ihrer französischen Liebenswürdigkeit zu, mich noch anderen Sinnes zu machen. Daß sie sich zu viel zugetraut, wurde ihr schon den ersten Tag nach unserer Abreise aus Köslin klar, denn eine sehr niedliche Frau, die Gattin eines Regierungsrates zu Köslin, die zu ihren in Magdeburg wohnenden Eltern zum Besuch reiste, nahm meine Aufmerksamkeit weit mehr in Anspruch, als die unglückliche Französin, die, wenn auch nicht häßlich, doch etwas so Verzerrtes und Fratzenartiges an sich hatte, daß sie mir bald zuwider werden mußte. Frau Regierungsrätin von M..., die sogleich den Künstler in mir wieder erkannte, der als Major Walter ihren vollsten Beifall zu erhalten das Glück gehabt, wunderte sich sehr, im Postwagen mit mir zusammenzutreffen, und war äußerst neugierig, von mir selbst etwas Näheres über meine Verhältnisse zu erfahren, indem man in Köslin die allerextravagantesten Dinge über meine Person ausgesagt habe. Lachend teilte ich ihr davon mit, was ich für gut hielt. -- »Aber wie mochten Sie sich nur unter solches Komödiantenpack mischen?« rief zuletzt die schöne Frau aus. -- »Dies ist nun einmal meine Passion, gnädige Frau, und ich stehe nicht dafür, daß, nachdem sich die Umstände gestalten, ich nicht heute oder morgen noch einmal ein wirklicher Komödiant werde, wenn ich bei einer guten stehenden Bühne eine passende Anstellung finde.« -- Die Dame schüttelte etwas unwillig das Köpfchen. Unterdessen wurde mir die Reise bis nach Berlin sehr kurzweilig, da ich mich mit den beiden Frauen, der Französin und der Magdeburgerin, recht angenehm unterhielt, obgleich erstere, die nur wenig Deutsch verstand und sprach, gar oft böser Laune wurde, wenn ich mit der anderen zu lange und ihr unverständlich sprach. In Berlin begaben sich die beiden Damen auf meinen Rat in den Gasthof >Zum Engel< in der Heiligengeist-Straße, wo sie noch ein paar Tage mit mir zusammen wohnten, hierauf die Frau Regierungsrätin zuerst nach Magdeburg abfuhr, wo ich sie in ein paar Wochen zu besuchen versprach, und ich dann die Französin nach Frankreich abzureisen veranlaßte, indem ich ihr sagte, daß mich meine Geschäfte wohl noch jahrelang in Berlin zurückhalten könnten. Ich machte nun meine Besuche bei Pogwischs, Pfeifers und anderen alten Bekannten, hütete mich aber, der Prinzessin Wilhelm unter den jetzigen Umständen meine Aufwartung zu machen, und ließ mir bei dem Bankier Mendelssohn fünfhundert Taler auf Rechnung meines großmütterlichen Legats geben, von dem ich erst fünfhundert Taler in Kolberg durch Freund G... empfangen hatte. Wen ich aber zuerst in Berlin aufsuchte, das war Frau von Osten in der Hamburger Straße, bei der ich das schöne Fräulein von Campke wußte, mit welcher ich das in Kolberg angeknüpfte Verhältnis fortspann. Ich blieb diesmal in meinem Gasthof wohnen, obgleich mich Pogwischs einluden, wieder bei ihnen zu logieren. Aber ich wollte ganz ungeniert sein, wußte ohnehin nicht, wie lange ich in Berlin bleiben würde, und widmete mich ganz dem Dienst des Fräulein von Campke, mit dem ich recht romantische Partien nach Potsdam, Charlottenburg und so weiter veranstaltete. Daneben lieferte ich dem >Beobachter an der Spree< wieder manche ziemlich pikante Beiträge von Geschichtchen, die mir zu Ohren kamen und von denen ich hier nur >Die Reise nach Paris< erwähne. Sie hatte folgenden Vorfall zum Grund: Ein preußischer Offizier wurde als Kurier in Staatsangelegenheiten nach Paris geschickt. Dieser hatte einen guten Freund, dessen sehnlichster Wunsch schon längst gewesen, einmal Frankreichs Hauptstadt zu sehen, wozu ihm aber die nötigen Geldmittel fehlten. Der Offizier machte ihm nun das Anerbieten, ihn frei mitzunehmen und auch wieder zurückzubringen, da ihm dies selbst keinen Pfennig Kosten verursache. Er brauche nur soviel Geld, als er während eines acht- bis vierzehntägigen Aufenthaltes in Paris zu seinem Vergnügen auszugeben gedenke. -- Wer war froher als unser Freund, auf eine so wohlfeile Art nach Paris kommen zu können. Beide Freunde fuhren nun mit Extrapost rastlos Tag und Nacht, ohne sich irgendwo aufzuhalten, bis Paris, wo sie gegen acht Uhr abends ankamen, in einem Hotel abstiegen, worauf sich der Offizier ankleidete, um seine Depeschen in dem preußischen Gesandtschaftshotel abzugeben und seinem Reisegefährten, der außerordentlich ermüdet war, empfahl, einstweilen der Ruhe zu pflegen, um den folgenden Tag die Sehens- und Merkwürdigkeiten von Frankreichs Hauptstadt neugestärkt in Augenschein nehmen zu können. Der Freund befolgte den Rat, begab sich zur Ruhe und schlief auch gleich ein. Es mochte beinahe Mitternacht sein, als der andere zurückkam und den vortrefflich schnarchenden Schläfer nicht ohne große Mühe aus seinem großen Schlafe weckte und mit den Worten anredete: »Du, stehe rasch auf und kleide dich an, wir müssen auf der Stelle wieder fort.« -- Der andere rieb sich die Augen, ließ sich die Worte zwei- und dreimal wiederholen und sagte endlich gähnend: »Bist du toll? Ich glaube, du träumst.« -- »Nichts weniger als dies, ich habe hier schon meine Depeschen,« -- hier zeigte er ihm einen Pack Briefe -- »und in einer Stunde muß ich schon wieder auf dem Weg nach Berlin sein. Dies ist mir von dem Gesandten auf das strengste anempfohlen worden. Also, spute dich, sonst mußt du hierbleiben. Wenn dir dies recht ist, so ist es etwas anderes.« -- »Wie kannst du so einfältig reden. Du weißt doch, daß ich nur fünfundzwanzig Taler mitgebracht, wie kann ich bleiben, und mit was zurückreisen?« -- »Darum rasch, kleide dich an, wir haben keine Minute zu versäumen, die Pferde sind bereits bestellt und werden bald angespannt sein.« -- Fluchend und wetternd erhob sich nun der andere mit noch ganz zerschlagenen Gliedern aus dem Bett und kleidete sich, fortwährend brummend und murrend, an: »Der Teufel soll die Reise nach Paris holen. Ich wollte lieber, ich hätte das Miserere gekriegt, als daß ich mit dir gereist wäre,« und so weiter. Aber das half alles nichts. Schon hörte man das Trappeln der Pferde vor der Haustüre. Man trank noch ein paar Tassen schwarzen Kaffee, den der Offizier in der Eile hatte kommen lassen, mußte sich dann, in die Mäntel gehüllt, in den harrenden Wagen werfen, und bei ebenso finsterer Nacht, als man angekommen, fuhr man wieder aus Paris hinaus, und mit derselben Eile, wie man hergereist, nach Berlin zurück, wo der Freund wahrhaft gerädert ankam und über acht Tage im Bette zubringen mußte, bevor er sich von den ausgestandenen Strapazen wieder ganz erholt hatte. Daß der gute Freund für den Spott wegen dieser unglücklichen Reise nicht zu sorgen hatte, kann man sich denken. Auch konnte man ihn nie daran erinnern, ohne daß ihm der Zorn das Blut ins Gesicht jagte.

Dieses Histörchen machte ziemliches Aufsehen in Berlin, so daß für ein paar tausend Groschen mehr als gewöhnlich vom >Beobachter an der Spree< verkauft wurden und mich die Redaktion um mehr solcher Beiträge ersuchte.

Außer dem Fräulein von Campke hatte ich auch noch einer hübschen Tänzerin, an die mir Graf Schulenburg eine Empfehlung gegeben hatte, den Hof gemacht. Alte Bekannte, wie Minchen Pfeifer, die noch immer eine unglückliche Braut, Demoiselle D..., die seit einigen Jahren an einen der bedeutendsten Künstler des Berliner Theaters verheiratet war, und so weiter, suchte ich auch auf, und so schwanden mir die wenigen Wochen, die ich ziemlich planlos in Berlin verlebte, schnell dahin.

Schon längst hatte ich das Projekt im Sinn, Bremen und meine daselbst verheirateten Cousinen zu besuchen, unter denen eine meiner ersten Jugendfreundinnen, die liebe Henriette, war, an die mich von Frankfurt und Homburg so manche angenehme Erinnerung gemahnte und die an einen der angesehensten Kaufleute Bremens verheiratet war. Die vier Töchter meines Oheims Scholze hatten sich in Bremen, nachdem sie daselbst ein paar Jahre gelebt, da es schöne und reiche Mädchen waren, kurz nacheinander an angesehene Kaufleute verheiratet. Die zweite, Sophie, hatte den Senator H..., die dritte, Minna, den für sehr reich geltenden Kaufmann G..., und die vierte, Hannchen, einen in Hamburg etablierten Kaufmann namens P... gefreit. Henriette hatte aber eine sehr zarte Gesundheit und kränkelte fast immer. Sophie kam nach ihrem ersten Wochenbett zehn Jahre lang nicht mehr aus dem Bett und mußte in Betten jedes Jahr in die Bäder gefahren werden; als Mädchen war sie ein wahrer Dragoner gewesen. Minna, die wie die Mama allerlei Liebesabenteuer gehabt, war närrisch geworden und in einem Haus in Berlin zur Genesung, wo sich die Prinzessin Wilhelm ihrer auf das freundlichste annahm, sie in lichten Stunden zu sich auf das Schloß holen ließ, bis sie endlich einmal in ihrer Gegenwart die tollsten Streiche machte, daß das fernere Kommen unterbleiben mußte. Ihr Mann aber fallierte später und wurde ganz arm, so daß die Schwestern die Unglückliche unterhalten mußten. Hannchen war neun Monate nach ihrer Verheiratung im ersten Wochenbett gestorben. Mein Oheim Scholze war noch nicht lange, nachdem er noch die Hälfte seines Vermögens durch unvorsichtige Güterkäufe verloren hatte, ebenfalls gestorben. Dennoch sollten die Töchter noch sehr reich werden, da sie einen alten kinderlosen, noch lebenden Bruder ihres Vaters, den man in Bremen nur den reichen Scholze nannte, zu beerben hatten. Aber auch diese Erbschaft ging später durch allerlei Spekulationen der Männer meist wieder verloren. -- Dies war das Ende der Früchte einer Ehe, die unter den glücklichsten Auspizien in Frankfurt vollzogen worden war, und wegen der man unsere ganze Familie so sehr beneidet hatte.

Von Berlin reiste ich über Potsdam, wo ich noch einmal dessen Herrlichkeiten besuchte und zwei Tage verweilte, und Brandenburg, nach Magdeburg, wo ich wieder in einem >Goldnen Engel< auf dem breiten Weg, dessen Eigentümer, Neuschäfer, früher Kellner in Frankfurt war, abstieg, mir aber, da ich einige Zeit in Magdeburg zu bleiben beabsichtigte, ein paar Tage darauf eine Privatwohnung mietete. Zuerst suchte ich meine liebenswürdige Reisegefährtin von Köslin nach Berlin, die Regierungsrätin von M... auf, bei deren Eltern ich sehr gut aufgenommen wurde, und die mich noch denselben Tag zu einer Promenade auf dem Fürstenwall, vom Fürsten von Anhalt-Dessau angelegt, einlud, was ich mit Vergnügen annahm. Hier zeigte man mir den alten Republikaner Carnot, der einer der Direktoren der französischen Republik gewesen und jetzt von den Bourbons als Königsmörder verbannt war. Er hatte im Konvent für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt. Mit Genehmigung des Königs von Preußen lebte er in Magdeburg. Obgleich ich mir schon längst vorgenommen, keine Zelebritäten mehr aufzusuchen, da meine Besuche bei Goethe und Fiesco so schlimm ausgefallen waren, so glaubte ich hier doch als ehemaliger französischer Offizier eine Ausnahme machen zu müssen, und tat wohl daran, denn ich wurde sehr gut aufgenommen. Der alte Republikaner, ein zweiter Cato, der eigentlich die Pläne zu den glänzenden italienischen Feldzügen Napoleons entworfen hatte, war äußerst angenehm und sehr mitteilend im geselligen Umgang. Ich war öfters bei ihm zu Tisch und machte dann eine mehrstündige Promenade auf dem Fürstenwall mit ihm, wo er sich durch sein einfaches Kostüm, einen grauen Oberrock und einen sehr breitrandigen runden Hut, auszeichnete. Der Umgang und die Unterhaltung mit diesem berühmten Mann war in hohem Grad lehrreich für mich. Er erzählte mir vieles von den Begebenheiten der französischen Revolution, der Republik, des Kaiserreiches, wodurch ich über manche Dinge, die mir bisher dunkel und rätselhaft waren, vollkommenen Aufschluß erhielt. Obgleich strenger Republikaner, gestand er mir doch zu, daß die Welt zu sehr im Argen liege, daß es der Schurken, Betrüger, Selbstsüchtigen, Schwachen und Herrschsüchtigen viel zu viele gebe, als daß man hoffen könne, eine die Völker beglückende Republik dauerhaft zu gründen. Eines Tages kam auch die Rede auf die Werke und Schriften, welche über die französische Revolution schon erschienen seien, und daß er keine einzige Geschichte derselben kenne, welche vom Standpunkte der Unparteilichkeit, mit Wahrheit, vollkommener Sachkenntnis und ohne Leidenschaft geschrieben sei. Ein solches Werk fehle gänzlich, denn alle herausgekommenen atmeten mehr oder weniger gehässigen Parteigeist, seien voller Vorurteile und bewiesen oft die krasseste Ignoranz bei den wichtigsten Begebenheiten. Endlich sagte er mir: »Sie sollten es versuchen, ein solches, wahrhaft verdienstliches Werk zutage zu fördern. Ich halte Sie für fähig dazu und auch unparteiisch und vorurteilsfrei genug, wie ich aus Ihren Reden entnommen habe.« -- »Ja, mein General,« versetzte ich lächelnd, »wo denken Sie hin, hierzu gehören ganz andere Fähigkeiten, Talente und Kenntnisse, als ich besitze.« -- »Das glaube ich nicht. Wenn Ihre Darstellungsgabe in deutscher Sprache, denn in dieser müßten Sie es schreiben, ebenso klar und faßlich ist, wie Sie sich in der französischen ausdrücken, dann haben Sie schon den Vorteil eines sehr anziehenden Vortrags. In der Geschichte sind Sie hinlänglich bewandert, Hilfsquellen will ich Ihnen die zuverlässigsten und besten geben. Ich werde Ihnen einige Notizen aufsetzen, sowie, welche französischen Schriften und Werke Sie hauptsächlich als Hilfsquellen benutzen können.« -- Ich schüttelte sehr unschlüssig und ungläubig den Kopf und lächelte. Carnot, der es bemerkte, versetzte: »Nur Mut und Selbstvertrauen. Die Sache ist nicht so schwer, wie Sie glauben, und man kann leider von vielen Geschichtschreibern das sagen, was Oxenstierna von den Staatsmännern gesagt: >Wenn die Welt wüßte, mit wie wenig Sachkenntnis sie schreiben.<« -- Etwa acht Tage darauf händigte mir der General ein Cahier von zwanzig beschriebenen Blättern ein, welche Daten und Anmerkungen zu den hauptsächlichsten Begebenheiten der französischen Revolution und des Kaiserreiches enthielt. Zugleich übergab er mir auch eine Liste, auf welcher die Titel von einigen hundert historischen Werken und politischen Broschüren, die seit 1789 in Frankreich erschienen, verzeichnet waren, und die ich teilweise und mit Umsicht benützen müsse. Ich nahm alles dankbar an, aber an die Herausgabe eines solchen Riesenwerkes dachte ich im Ernste nicht; doch teilte ich in müßigen Stunden das Ganze oberflächlich in Abteilungen und Kapitel ein und entwarf so nach und nach einen Plan, dessen Ausführung mir sehr problematisch erschien.

Gleich nach meiner Ankunft zu Magdeburg hatte ich, wie gesagt, die Regierungsrätin von M... bei ihren Eltern aufgesucht und besuchte nun in ihrer Gesellschaft die zum Teil recht angenehmen Umgebungen Magdeburgs, den Vogelgesang, den Herrnkrug, das rote Horn und so weiter. Nirgends sah ich in Deutschland und Frankreich niedlichere Landmädchen als in der Gegend um Magdeburg. Nur die Strohhutflechterinnen im Arnotal übertreffen sie noch. Dabei das kokette Kostüm, die allerliebsten Häubchen, die ihnen so bezaubernd zu Gesichte stehen. Es war kein Wunder, wenn ich einer solchen Vilanella zu Gefallen mehr als einmal meine Frau Regierungsrätin im Stich ließ. Außerdem sind diese Mädchen äußerst graziös und selbst fein in ihrem Benehmen, die meisten sehr wohlhabend, ja mitunter reich. In einem solchen Bauernhaus findet man nicht selten einen großen Luxus, in manchen Stuben sogar ein Klavier. Die Wohnungen dieser Landleute sind durchgehends sehr reinlich, zierlich, mitunter elegant. Kommen sie an Markttagen in die Stadt, so haben sie oft Pferde vorgespannt, die einem Staatswagen keine Unehre machen würden.

Das nicht schlechte Theater stand damals unter der Direktion der Herren Fabricius und Hostovsky. Ich sah hier gerade den Sturm von Magdeburg durch Tilly, ein Schauspiel von F. L. Schmidt, aufführen, dessen _mise en scène_ meisterhaft war und mit einem großen Aufwand von Dekorationen, Komparsen, Kostümen und so weiter gegeben wurde. Obgleich es keinen hohen dichterischen Wert hat, so ist es doch eine getreue historische Darstellung der furchtbaren Zerstörung Magdeburgs und hat ergreifende Szenen, namentlich am Schluß, wo die Stadt im Schutt liegt und nur noch der Dom und die in ihm Geretteten vorhanden sind.

Durch die Familie der Regierungsrätin wurde ich auch noch bald mit anderen Häusern bekannt, in denen ich unter anderen die hübsche und sehr lebenslustige Frau eines Postsekretärs kennen lernte, ein junges schalkhaftes Weibchen, das sich gern allerlei drollige Streiche erlaubte, auch eine ebenso joviale Schwester hatte, die an einen nahen Gutsbesitzer verheiratet war und fast jede Woche ein paarmal selbstkutschierend in die Stadt kam. Beide Schwestern waren besonders gut gewachsen, hatten viel Verstand und waren sehr beliebt in der ganzen Stadt. Die Gutsbesitzerin lud mich ein, sie mit ihrer Schwester zu besuchen, und ich machte mit der Frau Postsekretärin mehr als eine lustige Fahrt nach dem Gut des Schwagers.

Mein Aufenthalt in Magdeburg hatte nun schon über die Gebühr gedauert, aber die Zeit war mir schnell und angenehm verflogen. Die Stunden, die ich nicht bei Carnot zubrachte, vertändelte ich mit Damen und machte Landpartien. Auch lieferte ich dem hier erscheinenden >Beobachter an der Elbe< einige komische Anekdoten. Endlich mußte ich doch an die Abreise, denn mein Leben in Magdeburg hatte keinen Zweck, an ein weiteres Fortkommen und eine mir anständige Zukunft denken. Aber, wie ich beides bewerkstelligen wollte, war mir noch ziemlich dunkel. Ernstlich hatte ich noch nicht darüber nachgedacht; auch zog es mich nach Bremen. Indessen sollte ein sehr unglücklicher Zufall meinen Aufenthalt hier noch verlängern.

Ich hatte auf der breiten Straße ein paar möblierte Zimmer in dem zweiten Stock eines Hinterhauses gemietet. Die Fenster meines Schlafzimmers gingen in den Hof. Zwei Tage früher, als ich meine Abreise festgesetzt hatte, wurde ich gleich nach Mitternacht, ich war noch nicht lange eingeschlafen, durch das Geschrei: »Feuer, Feuer!« geweckt und sah, die Augen öffnend, eine außerordentliche Helle vor meinen Fenstern im Hof. Zugleich hörte ich das ganz nahe Knistern einer großen Flamme. Mit einem Satz war ich aus dem Bett, zog ein Paar Beinkleider an, öffnete meine Stubentüre, durch welche sogleich ein gewaltiger Qualm drang, hinter dem die Flammen auf der Treppe schon hoch emporloderten. Zugleich vernahm ich das Angst- und Hilfegeschrei einer Frau, die mit ein paar kleinen Kindern neben mir auf demselben Gang wohnte. Ich eilte zu ihr hinüber und fand sie in Verzweiflung, ihre Kinder in den Armen. Auch sie hatte schon gesehen, daß es eine Unmöglichkeit war, sich auf den schon in vollem Brand befindenden Treppen zu retten. Das Feuer näherte sich mit jedem Augenblick mehr unseren Zimmern. Ich faßte jetzt schnell einen Entschluß, warf alles, was sich von Betten, Kissen und Strohsäcken in den Zimmern vorfand, durch das Fenster hinab, band schnell sechs Bettücher zusammen und hieß die Frau, sich zuerst hinablassen. Sie ließ aber noch, bevor sie ganz unten war, los, tat sich jedoch, auf die Betten fallend, keinen Schaden. Ich rief ihr nun zu, daß ich die Kinder wolle folgen lassen; sie möge nur unten das Bettzeug so ordnen, daß keines daneben fallen könne, worauf ich die beiden Kleinen, eines nach dem anderen hinabwarf, dann in mein Zimmer lief, das Kistchen mit meinen Tagebüchern und anderen Schriften, meinen Koffer, sowie, was ich von Kleidern, Wäsche und so weiter geschwind zusammenraffen konnte, hinabwarf, und dann selbst, an den Bettüchern hinabgleitend, mich folgen ließ. Schon war ich vor dem Fenster, da fiel mir ein, daß ich meine Brieftasche, in der noch für ungefähr hundertfünfzig Taler Tresorscheine waren, vergessen hatte. Noch einmal schwang ich mich zum Fenster hinein, und es gelang mir, auch diese zu retten. Doch war es die höchste Zeit, denn schon ergriffen die Flammen mein Schlafzimmer und wenig Augenblicke darnach stürzte der Boden desselben brennend und krachend ein. Ich aber kam mit einem Sprung vom ersten Stock wohlbehalten unten an, wo ich auch die Frau mit ihren Kindern unbeschädigt antraf. Das Bettzeug lag vier Schuh hoch aufgetürmt. Der Hof fing an, sich nun allmählich mit Menschen zu füllen; da aber das Vorderhaus keinen Torweg, sondern nur einen schmalen Durchgang hatte, so kostete es große Mühe, bis man die Spritzen in die gehörige Tätigkeit setzen konnte. Doch ward man noch vor Tag Meister des Feuers, aber das Hinterhaus und die Seitengebäude waren gänzlich niedergebrannt. Die arme Frau, die man mehr tot wie lebendig samt ihren Kindern in ein benachbartes Haus gebracht hatte, wurde sehr krank und lag mehrere Tage in einem beständigen Delirium, Feuer und Hilfe schreiend. Auch auf mich hatte diese unglückliche Begebenheit einen so gewaltigen Eindruck gemacht, daß ich mehrere Tage brauchte, bevor ich mich wieder ganz erholen konnte.