Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 33

Chapter 332,963 wordsPublic domain

»Meine Damen, der Streich ist zwar unerhört, nein, so etwas lebt nicht mehr und ist gewiß noch nicht vorgekommen, so lange die Welt steht. (Hier ließ ich ein leises: »Doch, doch,« hören.) Fröhlich ist ein Ausbund von Verrat und Falschheit, aber was wollen wir armen verratenen Geschöpfe machen. Kommt die Geschichte an den Tag, so sind wir alle verloren. Es bleibt nichts anderes übrig, als reinen Mund zu halten oder unserem abscheulichen Wirt die Augen auszukratzen, ihn bis in den Tod zu hassen, oder noch besser, zu erwürgen.« -- Dies war eine schöne Aussicht für mich. Glücklicherweise machte keine der Damen Anstalt, einen so abscheulichen Rat zu befolgen, und ich, mich ermannend, versetzte: »Mein Tod, meine Damen, würde das Übel, wenn es eines ist, in dem Sie sich befinden, nur noch zehnmal ärger machen, denn Sie könnten in den Fall kommen, alle gehängt zu werden. Deswegen ist mein Rat, statt den der Madame G... zu befolgen, sich sofort an die auf Sie schon längst harrenden, gut zubereiteten Speisen zu machen, sich es wohl schmecken zu lassen.« Dabei küßte ich eine nach der anderen, trotz ihrem Sträuben, und nötigte sie zum Essen. Sie fanden sich nach und nach in das Unvermeidliche, wurden gesprächiger, und nachdem erst einige Gläser Champagner geleert waren, fand sich das Übrige. Ich spielte lustige Tänze am Klavier, man wurde zuletzt heiter und fröhlich, und gegen zehn Uhr verließen sie sämtlich meine Wohnung, mir beim Umarmen eine angenehme Nacht wünschend. Der Spaß war nicht mit Gold zu bezahlen, wurde aber doch verraten, denn Pauls Töchter hatten uns belauscht und die Damen fortschleichen gesehen, ohne sie jedoch alle und genau erkannt zu haben, sondern mehr vermutet, wer sie waren. Als sie noch denselben Abend zu mir kamen, den Tisch wieder abzuräumen, lächelten sie malitiös, und die jüngere, Karolinchen, eine frische, kaum sechzehnjährige Blondine, sagte: »Ihre bewirteten Kameraden waren ja alle ohne Bart.« -- Ich küßte sie und erwiderte: »So wie du, mein Kind,« und da ich wohl merkte, daß sie gelauscht haben mußten, nahm ich ihnen das feierliche Versprechen ab, gegen niemand etwas von diesem Souper zu erwähnen, und behielt sie zum Dessert bei mir. Sie hatten noch eine dritte Schwester, eine junge, an einen Salinenbeamten verheiratete Frau, die öfters ihre Eltern besuchte, mit der ich etwas später auch noch ein kleines Abenteuer hatte. Dieser erzählten sie im tiefsten Vertrauen, was bei mir vorgegangen war, und so machte die Historie mit vielen Varianten der Namen der Beteiligten dennoch bald die Runde in der Stadt, wurde aber glücklicherweise von den meisten Personen für ein Märchen oder doch wenigstens als sehr ausgeschmückt und übertrieben gehalten, besonders, da man sich hinsichtlich der Namen der beteiligten Personen durchaus nicht verständigen konnte. Auch wurde diese Geschichte schnell wieder durch eine andere verdrängt.

Mein Freund Willmann, der in der Liebe weit beständiger war als ich, hatte noch immer großes Wohlgefallen an seiner korpulenten Kriegsrätin. Eines Nachmittags wurde im Garten bei Kuhpfahls die _Chronique scandaleuse_ der damaligen Zeit von Kolberg verhandelt, wo denn auch das Verhältnis Willmanns mit der Wißling zur Sprache kam, und ein Kaufmann namens Hackstock, bei dem Willmann wohnte, erzählte ganz ohne Hehl in dem Harmoniegarten, daß die Kriegsrätin gewisse Futterale von den feinsten Blasen für den Offizier per Dutzend nähe. Dies wurde dem Vater der Kriegsrätin, einem Beamten namens Juske, der noch andere hübsche unverheiratete Töchter hatte, hinterbracht, und der Mann war einfältig genug, die Sache anhängig zu machen und den Erzähler als Verleumder zu verklagen, der sich nun zu beweisen erbot, was er gesagt, indem er selbst ein ganzes Paket solcher Dinger, von der Wißling geschickt, einem Mädchen abgenommen hätte, und so weiter. Man kann sich denken, welch ein ungeheures Aufsehen diese Skandalosa in ganz Kolberg machte, so daß die Kriegsrätin für gut fand, die Stadt zu verlassen und sich nach Bromberg zurückzuziehen. Doch auch hierher drang diese Historie, und sie zog nochmals weiter gen Norden, und zwar bis Königsberg. Dies und noch ein anderer Vorfall, durch einen Grafen Schulenburg, einen verabschiedeten Gardeleutnant und Festungarrestanten, bei der Mutter Blaurock veranlaßt, machte mein Souper und alle anderen Dinge auf vierzehn Tage vergessen.

Ich hielt mich nun mehr an meine Hausdamen Pauls und deren verheiratete Schwester, zu denen außerdem noch eine ganze Menge artiger Bürgermädchen kamen, unter denen eine Louise Zielken, ein Louischen Platzer, ein Hannchen Sinel, eine Sophie Reisinger, eine Madame Igel und eine wunderschöne Schornsteinfegersfrau mit einer feinen schneeweißen Haut, ganz allerliebst waren, denen zuliebe ich allerlei Spiele, namentlich auch Versteckens und Waldpartien veranstaltete, und mich bald mit der einen, bald mit der anderen in der Malzdarre des Hauses oder einem undurchdringlichen Gebüsch des Hains verbarg.

Eine recht unterhaltende Partie war eine Hochzeitsfeier, die ein wohlhabender Pächter der Madame Schröder im Bullenwinkel zu Ehren seiner Tochter, die einen Krämer in Kolberg heiratete, veranstaltete, zu der er alle Honoratioren Kolbergs durch reitende, mit Bändern und Blumen geschmückte Boten, wie es dort zu Lande Sitte ist, eingeladen hatte. Diese Feier währte nicht weniger als drei volle Tage und Nächte, während welchen unaufhörlich gegessen, getrunken, getanzt, gespielt und geküßt wurde. Die ersten vierundzwanzig Stunden hatte ich das etwas wilde Hochzeitsfest ununterbrochen mitgemacht, den zweiten und dritten Tag aber fand ich mich immer erst gegen Abend ein, um ein nächtliches Abenteuer zu bestehen. Ein recht hübsches Landmädchen, das ich zu einer kurzen Mondscheinpromenade beredete, sagte mir ganz naiv: »Aber Sie wollen mich doch nicht verführen?« -- »Bewahre, nur liebhaben, mein schönes Kind.« -- Bei diesem Verführen fiel mir ein gar nicht lange vorher vorgefallenes Histörchen ein. Bei einer Paternitätsklage hatte der Richter der Klagenden gesagt: »Mein Kind, was Ihr da vorbringt, ist nicht hinlänglich, Ihr müßt mir gültigere Beweise bringen, daß Euch der Mensch verführt hat.« -- Einige Tage darauf erschien das Mädchen wieder vor dem Richter und sprach: »Jetzt habe ich die besten Beweise, Herr Richter!« -- »So laßt hören.« -- »Ja, er hat mich gestern Abend schon wieder verführt!« -- Am vierten Morgen kehrte ich, sowie alle Gäste, etwas stark ermüdet mit einem kleinen Fieber heim.

Mein Fieber nahm indessen zu, sowie ein arger Husten, der mir die Brust stark angriff. Das etwas wilde Leben, das ich führte, mochte freilich viel schuld sein, indessen trug das frühe Exerzieren am Strand der Ostsee, wo man sich oft bei kaltem nebligem Wetter bei dem beständigen Kommandieren heiser schrie und sehr erhitzte, wohl auch das Seinige dazu bei, wozu noch kam, daß ich öfters, noch lange nicht abgekühlt genug, durch ein Bad in den Fluten des Baltischen Meeres mich von der Erhitzung und Ermüdung zu befreien suchte. Verdruß und mancher Ärger, die ich mir allerdings meist selbst zuzog, setzten mir auch zu.

Eines Tages war Feuer in der Stadt ausgebrochen. Ich wurde an das Geldertor kommandiert, wo ein Leutnant Göricke die Wache hatte. Die Instruktion lautete, daß bei einem Brand niemand aus der Stadt gelassen werden dürfe, so lange er währte. Nun kam eine Menge Mädchen, welche in der Vorstadt Milch für ihre Herrschaften holen wollten. Es war noch früh am Morgen, und da sie der wachehabende Leutnant nicht hinausließ, so wuchs ihre Zahl bald auf ein halbes Hundert, mit denen sich dann die Soldaten neckten und schäkerten. Das Feuer währte an drei Stunden, bevor es gelöscht war. Die Mädchen, denen wohl auch dies Spiel gefiel, harrten, bis die Passage wieder frei sei, und ihre Damen, vergeblich auf die Milch wartend, mußten diesen Morgen ohne den gewohnten, nicht zu entbehrenden Kaffee bleiben oder ihn ohne Milch genießen, und wurden noch obendrein über das Ausbleiben ihrer dienstbaren Geister, wodurch der ganze Morgen verloren ging und das Mittagessen nicht zur rechten Zeit bestellt werden konnte, erbost. Auch dies kam wieder zu Ohren des Kommandanten, der mich bei der Parade deshalb zur Rede stellte und dabei sagte: »Der Befehl, niemand aus der Stadt zu lassen, erstreckt sich nicht bis auf die Milchmädchen, aber es unterhielt die Herren, diese Possen mit den Soldaten treiben zu sehen.« -- Ich erwiderte dem Kommandanten, daß ich nicht der wachehabende Offizier gewesen, sondern nur das Kommando der auf diesen Alarmplatz beorderten Truppen gehabt, folglich mich diese Konsigne gar nichts angegangen habe. -- Hierauf versetzte er: »Das ist keine Entschuldigung, Sie waren der ältere Offizier im Grad und hätten also auf Ordnung sehen müssen.« -- Dabei hatte es sein Bewenden und er konnte mir wegen dieser Sache nicht wohl etwas anhaben. Dagegen gelang es ihm den Sonntag darauf, wenn auch mit noch weit geringerem Grund, mich so zu reizen, daß ich nach den Kriegsgesetzen allerdings sehr straffällig wurde.

Es war große Parade auf dem Markt. Nach gehöriger Inspektion schwenkten die Bataillone rechts ab, um zuerst im Paradeschritt vor dem Kommandanten zu defilieren. Der Offizier, der den dem meinigen folgenden Zug kommandierte, hatte die gehörige Distanz beim Schwenken nicht behalten, sondern war meinem Zug viel zu nahe gerückt. Daß sich dies so verhielt, konnte niemand besser als der außerhalb der Kolonnen stehende Kommandant bemerken. Dennoch wandte er sich laut schreiend mit den Worten: »Herr Leutnant Fröhlich, Sie halten ja gar keine Distanz, Ihr Zug marschiert wie Rekruten!« an mich. Der ganze Markt und die Fenster waren voll Zuschauer, welche alle diese Apostrophe gehört haben mußten. Dies versetzte mich in einen solchen Zorn, daß ich nicht mehr Meister über mich selbst war und dem Kommandanten noch lauter erwiderte: »Herr Oberst, wenn Sie nicht sehen wollen, daß mein Hintermann und nicht ich die Distanz verloren hat, so lassen Sie auf der Stelle einschwenken, und Sie werden sich zur Genüge davon überzeugen.« -- Statt aller Antwort wurde die Kolonne durch ein donnerndes »Halt!« zum Stehen gebracht, mir sogleich der Degen abgenommen, ich vom Platzmajor in Arrest geführt und dann meine abermalige Suspension vom Dienst bis nach abgemachter Untersuchung verordnet. Gleich den andern Tag kam ich bei meinem Kommandeur mit einem Gesuch um meinen Abschied ein, worauf mir aber erwidert wurde, daß erst nach beendigter Untersuchung mein Gesuch berücksichtigt werden könne. -- Ich hatte schon längere Zeit im Sinn, meine Entlassung zu nehmen, da ich einsah, daß unter den bewandten Umständen eben kein großes Glück mehr für mich in preußischen Diensten zu hoffen sei, und ich auf kein baldiges Avancement rechnen könne. Mehrere Gesuche um eine Versetzung zu einem Regiment in den Rheinprovinzen waren mir abgeschlagen worden, und ich hatte durch einen Zufall in Erfahrung gebracht, daß ich in den Konduitenlisten, welche die Chefs alljährlich von den Offizieren einreichen, ziemlich schwarz angeschrieben stand. Wenn ich gerecht sein will, muß ich gestehen, daß ich durch mein oft sehr unpolitisches Benehmen dies mit veranlaßt hatte. Nach vierundzwanzig Stunden wurde ich vom Arrest wieder befreit, blieb jedoch suspendiert, und die Untersuchung begann. Während dieser Zeit, es dauerte über fünf Monate, bevor das bestätigte Urteil von Berlin zurückkam, lebte ich ziemlich eingezogen in meiner Wohnung, wo ich mich mit den liebenswürdigen Töchtern meines Wirtes und deren zahlreichen Freundinnen recht angenehm unterhielt, viel las und studierte und den Nachmittag ein paar Stunden in dem Harmoniegarten mit Lesen der Zeitungen und belletristischen Blätter zubrachte. Eines Tages befanden sich die Töchter meines Obersten, die des pensionierten Generals von Fiebig und noch andere, zum Teil noch ganz junge Mädchen in dem an das Lesezimmer stoßenden Gartensaal und machten nicht nur einen so gewaltigen Lärm, daß es unmöglich war, einen Gedanken zu fassen, sondern sie rannten wohl dreißigmal in einer Viertelstunde, Türen auf- und zuschlagend, durch das Lesezimmer, so daß sich auch einige Bürger in demselben laut beschwerten. Ich schloß endlich die Türe des Gartensalons ab, so daß die Mädchen nicht mehr herauskonnten, da er keinen anderen Ausgang hatte, und ließ sie eine geraume Zeit an der Türe pochen und rufen, bevor ich ihnen aufmachte, was ich endlich lachend tat, worauf mir das jüngste Fräulein von Witke, ein kaum elf Jahre altes, naseweises Ding, sagte: »Ich werde es dem Papa sagen, der soll Sie wieder in Arrest schicken.« -- Ich erwiderte ihr darauf: »Mein artiges Fräulein, bei mir zu Lande ist es Gebrauch, daß man die Gänschen jeden Abend einsperrt.« -- Aber nun fielen alle auf einmal über mich her und schnatterten so gewaltig, daß ich auch kein Wort verstand, sondern mich lachend entfernte. Durch Frau von Sch...l aber, die ich noch denselben Tag sprach, erfuhr ich, daß sich das ältere Fräulein von Witke gegen die anderen Mädchen geäußert habe: »Laßt es nur gut sein, der kommt schön an, der Vater hat ohnehin schon in die Konduitenliste gesetzt, daß er unanständige Liebesintrigen habe, sich ungebührlich gegen seine Vorgesetzten benehme und Schulden mache.« -- Ich mochte ungefähr ein paar hundert Taler Schulden haben, die jedoch meist auf laufende Rechnung waren, und die ich am Ende wohl noch bezahlen konnte und bezahlte. Dies und die Intrigen hätte man mindestens von einem Dritteil der Offiziere in die Konduitenliste setzen können. Aber die Hauptsache waren die Vorgesetzten. Mein Urteil kam endlich von Berlin und war abermals sechsmonatlicher Festungsarrest, den ich diesmal in Kolberg selbst absitzen sollte. Der Kommandant wies mir eine Stube auf dem Geldertor an, mit dem Verbot, mein Arrestzimmer nicht verlassen und noch weniger in die Stadt gehen zu dürfen. Ja, er trieb es so weit, daß die wachthabenden Offiziere Order erhielten, daß ich ohne seine Erlaubnis keine Besuche annehmen dürfe und alle an mich gerichteten Briefe durch die Hände der Kommandantur gehen sollten. Nur zwei Stunden vor- und zwei nachmittags war mir ein sehr kurzer Spaziergang auf dem Wall unter den Augen der Schildwache erlaubt. Was die Briefe anbelangte, so wußte ich es schon zu machen, daß ich sie auf anderem Wege erhielt. Ich ließ meinen Burschen eine Bürste mit einem verborgenen Schieber machen, in welche er jeden Morgen, wenn er kam, um meine Kleider zu reinigen und das Frühstück zu bringen, die an mich in meiner Wohnung eingegangenen Briefe und Billetts aus der Stadt hineinlegte, und so auch meine Antworten wieder mit fortnahm. Hatten Offiziere, mit denen ich auf einem vertrauteren Fuße stand, wie Willmann, Bocksfeld, Melzer, Sanft und so weiter, die Wache, so empfing ich auch abends Besuche, und sogar weibliche. Indessen wurde die Sache mit der Briefbürste doch verraten. Ein Unteroffizier, der den Burschen fragte und visitierte, ob er keine Papiere für mich bei sich habe, nahm zufällig die Bürste in die Hand, entdeckte den Schieber, schob ihn zurück und fand zwei Zettelchen von Pauls Töchtern und einen Brief von einer gewissen Frau Geib, welche die Unterhändlerin für eine andere Dame machte, die sie glücklicherweise nicht in dem Schreiben genannt hatte. Diese drei Personen ließ der Kommandant nun durch die bürgerlichen Behörden, den Oberbürgermeister und den Polizeidirektor, vernehmen und verwarnen, künftig sich in keine Korrespondenz mehr mit Festungsarrestanten einzulassen. Dies gab abermals einen heillosen Stadtskandal, die Mädchen konnten sich gar nicht mehr sehen lassen, und ich war außer mir. Übrigens wurde mir die Zeit eben nicht lang auf meinem Tor. Ich hatte Kameraden und Unterhaltung genug. Ein alter, sehr lustiger Rittmeister, drei andere Offiziere, ein Bürgermeister, der einen Landrat geprügelt, ein Forstmeister, der aus Versehen einen Wilddieb erschossen hatte, saßen alle auf demselben Tor in verschiedenen Arreststuben. Wir kamen morgens und abends zusammen und jeder wußte eine Schnurre oder unterhaltende Begebenheit aus seinem Leben zu erzählen, besonders der Leutnant von Stolzenbach, der außerdem die niedlichsten Papparbeiten, ganze Burgen, Festungen, Tempel, Kirchen und andere Gegenstände aus Pappe zu seiner und unserer Unterhaltung verfertigte. Die Offiziere saßen meistens wegen gehabter Duelle. Auch ich hatte mein Klavier heraufbringen lassen und vertrieb mir und den anderen manche Stunde mit Musik. -- Was mich aber quälte, waren mein Husten und meine Brustbeschwerden, die immer bedenklicher zu werden begannen, so daß sich schon schleichendes Fieber, starke Nachtschweiße und sogar einiges Blutspeien einstellte. Der Stabsarzt Clebsch ließ mich nun eine Kur von isländischem Moosgelee, Roggensuppen und Honigtee während vier Monate ununterbrochen nehmen, durch welche ich so ziemlich wieder hergestellt wurde. Kurz vor Beendigung meines Festungsarrestes erhielt ich die Anzeige vom Tode meiner Großmutter mütterlicherseits, die mir ein besonderes Vermächtnis von zweitausend Talern zugedacht hatte, und zwar aus dem Grund: >weil ich kein Komödiant geworden sei.< Diese Worte standen im Testament. Dieses Geld kam mir gerade trefflich zustatten, denn ich konnte nun die paar hundert Taler Schulden, die ich hatte, gleich tilgen und behielt ein kleines Kapital in der Hand, wodurch ich vorerst gedeckt war und den kommenden Ereignissen mit Ruhe entgegensehen konnte. Meines Arrestes entlassen, bestand ich um so mehr auf meinem Abschied, der mir dann auch sechs Wochen später ward. Ich hielt mich jetzt nur noch wenige Tage in Kolberg auf, wo sich zufälligerweise ein Frankfurter Weinhändler namens G..., ein guter Bekannter meiner Familie, eingefunden hatte, um Geschäfte zu machen. Während dieser Zeit wohnte ich bei dem Speisewirt Sack, der auch Kastellan der Freimaurerloge, von der der Kommandant ein Mitglied war. Eines Abends schlich ich mich in die sogenannte Probekammer und malte daselbst einen gehörnten und langgeöhrten Kopf mit Kohle an die Wand und schrieb darunter: der Kommandant. -- Als dieser es erfuhr und sich augenscheinlich davon überzeugt hatte, -- ich machte keinen Hehl daraus, daß ich es getan, -- ließ er mich deshalb wieder vernehmen. Ich gab aber auf alle an mich gerichteten Fragen keine andere Antwort, als: »Ich habe damit den Kommandanten von Kalkutta gemeint, findet sich der von Kolberg dadurch getroffen, desto schlimmer für ihn.« -- Dabei blieb es, und nachdem ich gehörig Abschied von allen Bekannten und auch von dem braven Nettelbeck genommen hatte, der bei allen Gelegenheiten immer so sehr bescheiden war, daß man hätte glauben sollen, er schäme sich, so viele Verdienste zu haben, fuhr ich, von Kolberg abreisend, wo ich über vier Jahre zugebracht, dem Freund G... zuliebe über Köslin, wo ich mich noch ein paar Wochen aufhielt, nach Berlin.

XI.

Ein Polterabend. -- Ich gebe ein paar Gastrollen. -- Reise von Köslin nach Berlin. -- Eine Reise nach Paris ohne Paris zu sehen. -- Schicksale meiner Cousinen. -- Abreise nach Magdeburg. -- Carnot. -- Er fordert mich auf, ein Geschichtswerk herauszugeben. -- Aventuren. -- Ich gerate in große Feuersgefahr. -- Abreise nach Bremen. -- Angenehme Reisegesellschaft. -- Braunschweig. -- Vetter K... und Cousine Henriette. -- Ein Hausfreund. -- Gesinchen. -- Die Giftmischerin Gottfried. -- Signora Catalani in Bremen. -- Abreise nach Frankfurt. -- Hannover. -- Hildesheim. -- Goslar. -- Eine Partie auf den Blocksberg. -- Kassel. -- Wilhelmshöhe. -- Zopfwut des Kurfürsten. -- Ankunft zu Frankfurt.