Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers

Part 3

Chapter 33,494 wordsPublic domain

Von Rom erhielt ich unterdessen häufig Briefe von Miollis, dessen Geduld zu ermüden begann, da seine Sache nicht vorangehen wollte und ich bis jetzt noch wenig in derselben hatte tun können, indem die Festivitäten und andere wichtige Dinge alle hochgestellten Personen, bei denen ich operieren sollte, zu sehr in Anspruch nahmen. Ich schrieb ihm, daß die Verzögerung nicht meine Schuld sei, ich würde, sobald der rechte Zeitpunkt gekommen, alle Tätigkeit anwenden und keine Bemühungen scheuen. Erst gegen die Mitte des Monats Mai gelang es mir, in dem Hotel der Prinzessin Pauline Borghese Eingang zu erhalten und dieser schönen Schwester Napoleons vorgestellt und empfohlen zu werden. Sie war gerade im Begriff, ihren Aufenthalt zu Paris mit dem im nahen Neuilly zu vertauschen, wohin sie mich beschied und verbindlichst einlud, sie dort zu besuchen. Dies meldete ich Miollis nach Rom, hinzusetzend, daß ich hierauf große Hoffnungen für seine Angelegenheit baue. In Neuilly ließ ich nicht lange auf mich warten, sondern fand mich bald in diesem anmutigen, eine kleine Stunde von Paris entfernten Ort ein. Hier besaß Prinzessin Pauline ein sehr schönes Landhaus mit äußerst geschmackvoll angelegten Gärten. Ich ließ mich gegen Mittag anmelden, wurde sogleich vorgelassen und fand die schöne Frau in einem eleganten Morgenanzug in der reizendsten Attitüde; nur eine einzige ihrer Damen, Madame Farigliano, war in ihrer Gesellschaft. Nachdem sie mich mit großer Naivität über manche Dinge, mich selbst betreffend, befragt hatte, brachte ich ihr Miollis Anliegen etwas verblümt bei, sowie daß er ganz besonders auf ihren mächtigen Schutz zähle und sich demselben gehorsamst empfehle. Die Fürstin platzte jedoch gleich ohne Schminke heraus und sprach: »Aber mein Gott, Miollis muß doch wissen, wie wenig Einfluß ich in diesen Dingen auf meinen eigensinnigen Bruder, den Kaiser, habe.« Dabei fixierte sie mich stark und fuhr nach einer Pause fort: »Doch ich will überlegen, wie sich die Sache etwa machen ließe und durch welchen Kanal wir operieren können.« -- Ich wollte mich nun wieder empfehlen, aber sie geruhte noch verschiedene Fragen an mich zu tun, meistens Rom und Italien betreffend, und endigte mit der, ob ich ihre Gärten schon gesehen hätte; da ich dies mit Nein beantwortete, forderte sie mich dazu auf, und ich machte dankbar von dieser Erlaubnis Gebrauch. Als ich im Begriff war, den Garten zu verlassen, begegnete ich der Prinzessin mit ihrer vorigen Gesellschafterin in einer Allee desselben, wo sie mich nochmals anredete und mir befahl, sie einige Gänge zu begleiten; sie fragte mich nun nach meinem Vaterland, nach meinem Alter und so weiter, und nachdem ich genügende Antwort gegeben, sagte sie: »_Mais vous êtes encore bien jeune._« Hierauf wandte sie sich zu ihrer Begleiterin und flüsterte dieser zu: »_Mais pour un Allemand il a très bonne tournure, qu'en ditez-vous?_« -- »_Altesse c'est ce que je trouve aussi_,« erwiderte diese. Hierauf fuhr sie, sich wieder an mich wendend, fort und sagte: »Wenn Ihnen mein Garten gefällt, so steht es Ihnen frei, denselben so oft zu besuchen, als es ihnen Vergnügen macht. Wie lange werden Sie in Paris bleiben?« -- »Hoheit, vermutlich so lange, bis ich irgendein Resultat zugunsten des Generals Miollis erlangt habe.« -- »Mein Gott, ich wollte Ihnen sehr gerne behilflich sein, aber seitdem der Kaiser diese Österreicherin geheiratet hat, ist gar nichts mehr mit ihm anzufangen.« Sie setzte sich nun wieder in Bewegung und gebot mir, ihr zu folgen. Durch ihre naive Leutseligkeit ermuntert, ließ ich es sie nun auch merken, daß mein höchster Wunsch wäre, zu der Garde versetzt zu werden. -- »_Ah la Garde_,« sagte sie lachend, »diese eblouiert euch Herren alle. Nun, ich werde sehen, was sich später tun läßt, wenn mein Bruder von der Reise zurück und der Taumel der Honigmonate vorüber sein wird. Haben Sie meinen Bruder schon einmal gesprochen?« -- »Vor ungefähr einem Jahr zu Schönbrunn, als ich ihm die Depeschen von Rom überbrachte.« -- »Nun, und was sagte er zu Ihnen?« -- »Er entließ mich mit einem: >_nous verrons_<.« Die Prinzessin lachte und wiederholte: »_Nous verrons_; doch sagen Sie mir, wie gefällt Ihnen die neue Kaiserin?« -- »Hoheit, ich erlaube mir kein Urteil über eine so erhabene Person.« -- »Oh, bei mir brauchen Sie sich nicht genieren, sagen Sie ohne Fasson, was Sie von ihr halten.« -- »Ich sah Ihre Majestät nur erst einigemal im Vorübergehen am Vermählungstag.« -- »Aber was spricht man von ihr zu Paris, was sagen die Leute von ihr? Nicht wahr, sie hat gar nicht gefallen?« -- Ich brachte nur ein >_mais_<, von einer zweideutigen Bewegung begleitet, hervor. -- »Ja, wen könnte auch dieses frostige, ausdruckslose Marmorgesicht ansprechen? Niemand kann meinen Bruder begreifen; auch nicht ein Mensch, der diese Österreicherin liebenswürdig fände.« -- Pauline sprach wahr, die Persönlichkeit Marie Louisens vermochte das vorgefaßte Vorurteil gegen sie nicht zu verwischen. Weder ihr Äußeres noch ihr Benehmen war im mindesten geeignet, ihr die Herzen zu gewinnen. Sie war damals ungefähr neunzehn Jahre alt, schien aber einige zwanzig zu haben, hatte blondes Haar und mattblaue Augen, die ihr ein fades Aussehen verliehen, ihr Gesicht hatte zwar jugendliche Frische, aber war ohne allen Ausdruck. In ihrem Benehmen bewies sie gegen jedermann eine hochmütige Zurückhaltung, was vielleicht mehr von einer Art Schüchternheit und Furcht als übelangebrachtem Stolz herrühren mochte, vielleicht hielt sie dies auch für ein unentbehrliches Requisit der Majestät; im übrigen hatte sie keinen anderen Willen als den Napoleons. Bei jedem Vergleich mit Josephine mußte sie unendlich verlieren, statt der Anmut, Lieblichkeit und Milde, wodurch jene bezauberte, entzauberte diese durch ihre frostige, zurückstoßende Kälte, war höchst einsilbig, geschmacklos selbst in ihrer Toilette und würde sich ohne den besseren Geschmack ihrer Kammerfrauen oft wunderlich gekleidet haben. Ihre deutschen Umgebungen hatte sie sämtlich, als sie den französischen Boden betrat, entlassen müssen und schien gegen ihre französischen einen unüberwindlichen Widerwillen zu hegen, indem sie nie einen freundlichen Blick, ein ermunterndes Lächeln, ein wohlwollendes Wort an diese richtete. Ebenso war sie gegen die Hof- und Palastdamen, die sie bald unausstehlich fanden, sowie Napoleons Schwestern und Anverwandte, welche glaubten, die junge Kaiserin verachte sie wegen ihrer niederen Herkunft, als Parvenües; sie machten sich deshalb hinter ihrem Rücken über sie lustig, verschrien sie als unbeholfen, ja stupid, und das Benehmen und die nichtssagende Physiognomie Marie Louisens unterstützte diese Aussagen nur zu sehr. So sprach denn auch Pauline ohne allen Rückhalt mit mir von ihrer kaiserlichen Schwägerin und verbarg nicht im mindesten ihre Abneigung gegen dieselbe, obgleich sie mich zum erstenmal sah und sprach. -- »Doch von was anderem,« fiel sie endlich plötzlich ein, »werden Sie heute in Neuilly zubringen?« -- »Nein, Hoheit, ich gehe nach Paris zurück, denn ich wüßte nicht, wie ich meine Zeit herumbringen sollte.« -- »Gut, kommen Sie morgen um diese Stunde wieder, vielleicht kann ich Sie durch Madame Farigliano,« sie warf einen Blick auf diese, »schon etwas Näheres wissen lassen. Finden Sie sich wieder an dieser Stelle ein, hören Sie?« -- Wir standen gerade vor einem ziemlich hohen gewölbten Felsen, ich versprach, dem Befehl genau Folge zu leisten, und empfahl mich mit drei ehrerbietigen Verbeugungen. Ich wußte, in welchem Ruf Pauline stand, und war nicht Neuling genug, um nicht bemerkt zu haben, daß ihre Blicke mehrmals mit Lüsternheit auf mir geruht hatten. >Wohlan,< dachte ich bei mir selbst, >mußt du auf diesem Weg zum Ziel gelangen, so ist es noch nicht der schlimmste.< Ich fuhr nach Paris zurück und dachte über die gehabte Unterredung, und was die Folgen wohl sein könnten, nach, indem ich mir allerlei prächtige Luftschlösser baute und ausmalte. Es ist hier wohl am rechten Ort, mit einigen Worten die damals lebenden Mitglieder der bonapartischen Familie zu schildern, die ich größtenteils persönlich gekannt oder doch öfters gesehen hatte und mit ihren Umgebungen oft verkehrte; manches davon habe ich durch Pauline und einige andere Glieder der Familie erfahren.

Zur Zeit, als die Familie Bonaparte, aus Korsika vertrieben, sich zu Marseille aufhielt, lebte sie in äußerst dürftigen Umständen und fast nur von den Unterstützungen, welche ihr mitleidige oder teilnehmende Menschen, oft auch nicht ohne Interesse zukommen ließen, denn die Mädchen waren sehr hübsch, ja wohl Schönheiten, namentlich Karoline und Pauline. Beide hatten damals viele Anbeter, von denen es jedoch keiner ernstlich meinte, auch waren es meistens arme Offiziere, die selbst nicht viel übrig hatten. Die Mädchen gingen selbst auf den Markt, die nötigen Einkäufe möglichst billig zu machen, und wurden häufig zu den Reunionen des Platzkommandanten Lingard eingeladen, bei denen sie in sehr einfachen weißen Kleidern, ohne allen Schmuck erschienen, aber dennoch von den Tänzern am meisten gesucht und vorgezogen waren. Der Platzkommandant und mehrere Stabsoffiziere und Kapitäne machten zu jener Zeit bisweilen kleine Kollekten unter sich zugunsten der Frau Lätitia und ihrer Kinder, doch nicht ohne alles Interesse, und von Pauline wurde behauptet, daß sie ein Oberst förmlich unterhalte, was sie aber nicht gestand, sondern sagte, daß sie nur eine gewöhnliche Intrige mit ihm gehabt. Nachdem es Joseph Bonaparte gelungen war, die Tochter des reichen Kaufmanns Clary zu heiraten, hatten seine Mutter und Schwestern eine Stütze an ihm, und er unterstützte sogar von Zeit zu Zeit mit kleinen Geldsummen seinen Bruder Napoleon, der sich damals ebenfalls ganz mittellos zu Paris befand, wo ihm gute Freunde und Bekannte, unter denen auch Talma, öfters ein Mittagessen bezahlten, er seine silberne Uhr in der größten Not hatte verkaufen müssen, und ein Paar Handschuhe für einen sehr überflüssigen Luxusartikel erklärte. Als Madame Bonaparte den Wunsch äußerte, noch einen ihrer Söhne an eine Clary zu verheiraten, antwortete deren Vater: »Oh, ich habe genug an einem Bonaparte in meiner Familie.« Von Joseph habe ich schon geredet, es war ein Mensch von sehr mittelmäßigen Fähigkeiten, der wenig Verstand und desto mehr Geistes- und andere Schwächen besaß, einen Engel zur Frau hatte, den er nicht verdiente und nicht nach Verdienst zu schätzen wußte; es ist unbegreiflich, wie ihn sein Bruder mit so großen Bürden, wie die Kronen von Neapel und Spanien waren, belasten mochte, und später, als Generalleutnant des Kaiserreichs, das Schicksal von Paris, seiner Gemahlin und seines Sohnes gewissermaßen in dessen Hände legen konnte; auch verdarb sein Kleinmut, seine Unentschlossenheit alles. -- Der zweite Bruder war der Kaiser Napoleon, über diesen hier viel zu sagen, wäre überflüssig. Als Feldherr ausgezeichnet, doch noch lange kein Cäsar oder Friedrich, als Politiker ein erbärmlicher Stümper, als Mensch ein herz- und gemütloser Egoist, hatte auch er seine gewaltigen Schwächen, die zum Teil nichts weniger als einen großen, sondern oft einen sehr kleinlichen Geist bewiesen, der von Leidenschaft und Rachsucht verleitet, besonders wenn sich seine kleine Eitelkeit gekränkt fühlte, in die unsinnigste und abgeschmackteste Tyrannei verfiel; arme aber ihm an Geist überlegene Frauen, wie eine Staël, Chevreuse, Smith-Spencer, Recamier und so weiter auf das empörendste verfolgte, des niederträchtigen Benehmens gegen die treffliche Königin Luise von Preußen gar nicht zu gedenken; einen Enghien, einen Palm, die Offiziere des Schillschen Korps und hundert andere so niederträchtig als feige ermorden, die armen Soldaten und Unteroffiziere dieses Korps, die nur den Befehlen ihrer Vorgesetzten folgten, auf die Galeeren unter Mörder, Räuber und Diebsgesindel schmieden ließ, alle Zungen und Pressen zu fesseln vermeinte, seine Umgebungen oft auf das abscheulichste und gemeinste mißhandelte, wenn ihn ein englischer Zeitungsartikel oder sonst ein Querstrich in üble Laune versetzt oder gar in Konvulsionen gebracht, in Ägypten und Rußland Reißaus nahm und die ihm anvertrauten Heere im Stich ließ, sobald es schief ging, um nur seine werte Person in Sicherheit zu bringen und so weiter. Dies nannte er Staatsklugheit und waren seine Heldentaten! Selbst in der sinnlichen Liebe wußte er nur den Despoten zu spielen, aber nie die Gunst des ersehnten Gegenstandes durch liebenswürdiges oder gefälliges Betragen oder auch nur durch Geschenke zu erringen. Ein Befehl an seinen Kammerdiener oder seine privilegierten Kuppler mußte den gewünschten Gegenstand seiner Sinnenlust herbeischaffen, und zwar mit Gewalt, wo es von nöten und der kaiserliche Name allein nicht ausreichte, die Schöne zu vermögen, sich dem Tagesgötzen preiszugeben; dergleichen Gelüste wandelten Seine Majestät oft an. -- Der dritte Bruder, Lucian, war ohne Widerrede der tüchtigste und fähigste Kopf der ganzen Familie, dabei ein Mann von starkem und festem Charakter, der es vorzog, lieber unabhängig von den Launen seines kaiserlichen Bruders zu leben, als sich, durch ihn gekrönt, von ihm als Schuhputzer behandeln zu lassen. So hatte er, dessen Ungnade trotzend, die Witwe eines Wechselmaklers geheiratet, nachdem er schon als Minister des Innern dessen Zorn auf sich geladen, es verweigernd, zu unsinnigen Maßregeln seinen Namen herzugeben, und es ist an dem, daß er seinem Bruder, als ihn dieser, um ihn wieder zu gewinnen, fragen ließ, welche Krone er zu besitzen wünsche, geantwortet: nun, so möge er ihn doch zum König von England machen! -- Dieser Hohn war zu beißend, einen Napoleon nicht tief zu verwunden, auch schiffte sich Lucian, um ferner jede Berührung mit seinem Bruder zu vermeiden, noch in diesem Jahr (1810) nach den Vereinigten Staaten ein, wurde aber von den Engländern gefangen und bis 1814 festgehalten. Was wäre den 18. Brümaire ohne Lucian aus Napoleon geworden, der, als er die Dolche im Rat der Fünfhundert blinken sah, bleich, wankend und zitternd, einer Ohnmacht nahe war, als ihn seine Grenadiere aus dem Saal zerrten! Hier hatte, das Leben seines Bruders zu retten, Lucian allerdings schlecht gegen das Vaterland gehandelt. -- Elisa, die älteste der Schwestern Napoleons, war nicht die schönste, doch die geistreichste der Damen Bonaparte, aber unglücklicherweise wollte auch sie die Gelehrte spielen, suchte deshalb besonders die Unterhaltung ausgezeichneter Schriftsteller, gab sich aber, wie dies bei den meisten gelehrten Frauen der Fall ist, manche arge Blöße. Sie hatte den Prinzen Bacciochi geheiratet, den Napoleon zum Fürsten von Piombino und Lucca dekretierte, der aber eigentlich eine Null in seinem Staat war, denn Elise handhabte nicht nur den Pantoffel, sondern auch das Szepter, und war die eigentliche Regentin. 1809 ernannte sie Napoleon zur Großherzogin von Toskana. Auf sie folgte Ludwig, damals noch König von Holland, unstreitig der beste und redlichste dieser Korsen, ein gutmütiger Mensch, der den Willen hatte, das von seinem Bruder ihm zugeteilte Land glücklich zu machen, und da dies nicht die Meinung und der Wille seines Bruders war, dessen Eigensinn und Tyrannei er nur Sanftmut entgegenzusetzen hatte, so legte er nach mehreren sehr heftigen Szenen, die er wegen der Kontinentalsperre, bei deren strengen Beobachtung Holland zugrunde gehen mußte, gehabt, noch im Juli dieses Jahres die Krone nieder. Auch mit seiner ehrgeizigen und herrschsüchtigen Gattin, Napoleons Stieftochter und zeitweiligen Geliebten, die ihm derselbe ganz gegen seinen Willen, und, wie es den Anschein hatte, als sie sich in anderen Umständen befand, aufgehängt hatte, lebte er sehr unglücklich. Ihm folgte die schöne Pauline oder Paulette, wie sie ihr Bruder, der Kaiser, und noch andere nannten. Als fünfzehnjähriges Mädchen und noch später soll sie die vollendetste Schönheit gewesen sein, die man sich denken kann. Aber auch jetzt war sie, wenngleich beinahe dreißig Jahre alt, noch immer eine Schönheit zu nennen. Mit ihren Zügen hatte Canova die Statue der Venus des Praxiteles nachgeahmt. Schon mit dem zwölften Jahre hatte sie Liebhaber gehabt, und die böse Welt behauptete, wie es scheint, nicht ganz mit Unrecht, daß Napoleon selbst einer derselben gewesen sei. Nach dem Tode ihres ersten Mannes, des Generals Leclerc, hatte sie den Fürsten Camillo Borghese geheiratet, eine Art Hampelmann, von dem sie sehr bald getrennt lebte; ihr Bruder hatte ihr das Fürstentum Guastalla gegeben, sie aber wohnte meistens zu Neuilly, wo sie eine Art Hof hielt. Von ihren galanten Abenteuern wußte man sich viel zu erzählen; während der kurzen Zeit, als sie Witwe und in Trauer war, ließ sie Napoleon wohl bewachen, fürchtend, daß sie tolle Streiche machen möchte, aber wieder verheiratet, ließ sie rücksichtslos ihren Leidenschaften die Zügel schießen. Bekannt sind die Abenteuer, die sie unter dem Namen Amélie mit einem jungen Manne hatte, dem sie häufig Rendezvous in dem Hause einer Lingère in der Straße du Bac Nr. 188 gab, wohin sie ihn beschied. Dieser war eines Tages über alle Maßen erstaunt, als er seine Amélie mit Brillanten bedeckt in einer kaiserlichen Hofloge erblickt und erfährt, daß es die Fürstin Borghese, Napoleons Schwester sei. Auch die Prinzessin, die schon einige Zeit die Liaison mit ihm abgebrochen, hatte ihn bemerkt. Am andern Morgen wurde er in das Ministerium des Innern beschieden, wo ihm eine sehr einträgliche Stelle, fünfzig Lieues von Paris entfernt, erteilt wurde, mit dem strengen Befehl, sich in den nächsten achtundvierzig Stunden auf seinen Posten zu begeben. Jedermann kennt ihre Amouretten mit den Schauspielern Lafont, Forbin und dem Obersten Canouville, dessen Pferd samt seinem Reiter Napoleon bei einer Musterung viel zu wild und ungezähmt gefunden und Herr und Roß deshalb hundert Meilen weit von Paris entfernt hatte, damit beide besser dressiert würden. Aber bei weitem blieb eine große Zahl der Abenteuer Paulinens und ihrer Schwestern dem kaiserlichen Bruder unbekannt, da ihm niemand gerne die Augen deshalb öffnen mochte, und selbst der Generalspion und Polizeimeister Fouché wagte es nicht, seinen Herrn, oft sein Instrument, dadurch in üble Laune zu versetzen, und so trieben es die Damen ungestört fort, bis der Sturz des kaiserlichen Thrones auch sie mitriß und das Alter diese Vergnügungen ohnehin verbot. Nur einigemal, wenn es so toll wurde, daß er selbst etwas merkte oder ihm durch eine seiner passageren Mätressen etwas gesteckt wurde, machte er seiner Mutter, der Madame _Mère_, Vorwürfe und meinte, seine Schwestern sollten ehrbar mit den Offizieren seiner Garde tanzen, die, wenn auch nicht gerade schöne, doch sehr brave Männer seien, mit denen ihr Ruf nicht so gefährdet würde, als mit solchen Muscadins. Die jüngste Schwester, die Königin Karoline von Neapel, war nicht weniger schön und hatte weit mehr Verstand als Pauline, die in dieser Hinsicht von der Vorsehung etwas stiefmütterlich behandelt worden war, nur hatte sie einen kurzen Hals, so daß ihr Kopf zu sehr zwischen den Schultern saß. Wir werden bei meinem letzten Aufenthalt in Neapel sie samt ihrem Gatten, dem König Murat noch näher kennen lernen. Der jüngste der Brüder, Jérôme (Hieronymus), war auch der unbedeutendste unter allen, eigentlich eine physische, geistige und moralische Jämmerlichkeit. Seine ganz unansehnliche Gestalt hatte den Kopf noch weit mehr als Karoline zwischen den hohen Schultern stecken, und sein Gesicht hatte sogar etwas widerlich Unangenehmes. Dennoch hatte er als König von Westfalen unzählige Amouretten zu Kassel, wo ihm der Königstitel gefällige Damen in großer Zahl verschaffte; seine Ärzte waren nur damit beschäftigt, die vergeudeten Kräfte, an denen Hieronymus eben keinen Überfluß hatte, möglichst zu ersetzen und ließen ihn täglich unter andern die stärksten Weinbäder nehmen; der so gebrauchte Wein wurde nachher in Flaschen gefüllt, und das Hofgesinde verkaufte ihn unter der Hand an Wirte und andere Einwohner in Kassel!! Dabei hatte dieser affenartige Sardanapal sehr unnatürliche, oft neronische Gelüste, selbst bei den Frauen, die ihn zum Ekel widerlich machen mußten. Sein ganzes Aussehen hatte so wenig Königliches, daß er eher einem erzliederlichen Schneidergesellen ähnlich sah. Eine Jammergestalt _in optima forma_, die aber dem armen Land, das so glücklich war, sie auf eine kurze Zeit zu besitzen, unzählige Tränen und das Mark seiner ausgesogenen Bürger kostete. Dieser Prinz von der traurigen Gestalt hatte dennoch in Amerika das Glück gehabt, die Tochter eines reichen Bankiers von Baltimore, eine Miß Patterson, ein hübsches Mädchen zur Frau zu bekommen, die, als sie ihm hochschwanger nach Europa gefolgt war, auf dem ganzen festen Land auf Befehl ihres Schwagers Napoleon keinen Hafen fand, in dem man ihr zu landen vergönnte. In Frankreich, Holland, Belgien, Italien, Spanien und Portugal war sie zurückgewiesen worden; die arme, verlassene, treffliche Frau mußte nun allein über England wieder nach Amerika zurückkehren, denn dem früher in seiner hilflosen Lage oft von Schauspielern gefütterten Napoleon war die Familie Patterson jetzt nicht mehr gut genug, um sich verwandt mit ihr zu wissen. Schon hatte er die Marotte, aus allen seinen Brüdern Könige stempeln zu wollen, die er teuer genug büßen mußte, denn als Könige waren sie ihm alle zum größten Verderb. Madame _Mère_, Frau Lätitia, war als kaiserliche Mutter eine sehr fromme Dame geworden und bewährte so das bekannte Sprichwort: Aus jungen ... werden alte Betschwestern. Ich habe Personen gekannt, die sehr vertraut mit ihren früheren Verhältnissen in Korsika gewesen und mich versicherten, daß, etwa Joseph ausgenommen, sie von keinem anderen ihrer Kinder mit Gewißheit den Vater zu nennen wüßte. Übrigens war sie eine sehr mitleidige Seele, die den Armen und anderen viel Gutes erwies, als sie die Mittel dazu erhielt; doch war sie auch sehr kapriziös, und ihr Eigensinn artete bisweilen in Starrsinn aus; sie soll sehr schön gewesen sein. Von den übrigen Mitgliedern der Familie Bonaparte will ich nur Napoleons Stiefsohn, den Prinzen Eugen, Vizekönig von Italien, erwähnen, einen in jeder Hinsicht vortrefflichen und edlen Charakter, dessen größter Fehler der war, seinem Stiefvater zu sehr nachgegeben zu haben und zu gehorsam gewesen zu sein. Er hatte sich 1806 mit der schönsten deutschen Prinzessin, mit der ältesten Tochter des Königs Maximilian von Bayern, Auguste Amalia, vermählt. Seine Schwester Hortensia war so ziemlich das Gegenteil des Bruders und Herrschsucht die Triebfeder fast all ihrer Handlungen, der sie kein Opfer zu bringen scheute. Ich hätte diese Skizzen der napoleonischen Charaktere weit mehr und mit den besten Grundfarben ausmalen, sowie die noch vieler anderer Personen des napoleonischen Hofes und Reiches, wie der listigen Füchse und Ränkeschmiede Talleyrand und Fouché, des Oheims des Kaisers, des geistlichen Komödianten Fesch, vieler Marschälle, Minister und so weiter mitteilen können. Dies gehört aber nicht hierher und würde ein ausgedehntes Buch für sich füllen, auch sind viele derselben längst, wenn auch oft mit falschen Zügen und Farben, geschildert.